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[Die Einen] - Ein sehr langweiliger Mensch

 

 
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LeoModest
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BeitragVerfasst am: 08.03.2014 21:24    Titel: [Die Einen] - Ein sehr langweiliger Mensch eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich hoffe, dass ich hier die Übung richtig verstanden habe. Dies ist die versuchte Charakterisierung einer Figur, die die Basis für eine kurze Erzählung sein soll. Es ist eindeutig humoristisch intendiert - was stets der Peinlichkeit alle Türen öffnet, weil das, was ich lustig empfinden mag, andere vielleicht abgrundtief albern und lächerlich finden. Aber ich bin doch gespannt, ob irgendwer einen Humor darin erkennt, ob Interesse an einer Geschichte geweckt wird und ob ein gewisses Bild von diesem Herrn Ferdinand Bahner entsteht:



Ferdinand Bahner war ein alter Junggeselle jener Sorte, wie man sie heutzutage nur noch selten trifft. Er war ein pensionierter Gymnasiallehrer, der völlig zurückgezogen in einer kleinen Wohnung in der Altstadt wohnte. Er führte zu keiner Person auf dieser Welt eine nennenswerte Beziehung, was wir auf die Tatsache zurückführen wollen, dass er sehr langweilig war. Ja, er war so langweilig, dass niemand auf die Idee käme, sich mit ihm auszutauschen – und der Grund hierfür war leicht zu bestimmen: er hatte zu nichts eine Meinung, hatte keine Interessen, keine Hobbys und keine Vorlieben. Er entbehrte alles, was man an Menschen interessant finden kann. Er brillierte in nichts und war von einer vollkommenen Gleichgültigkeit gegenüber allem und jedem. Er hatte keine Präferenz für nichts: nicht beim Wetter, nicht beim Essen, nicht bei Musik und nicht beim Sport. In einem Worte, er war ein Mann, über den Robert Musil sein Buch sehr trefflich hätte schreiben können.
Da es nichts gab, was er gerne – oder ungerne – tat, kannte er weder Freude noch Leid, aber aus unerfindlichen Gründen tat er niemals nichts. Da er aber eben nicht las und keine Musik hörte, nicht bastelte oder spazieren ging, war es eigentlich nicht leicht, das Nichtstun zu vermeiden, aber Ferdinand Bahner hatte im Laufe der Jahre gewisse Beschäftigungen ersonnen, wo er die feine Balance zwischen Tun und Nichtstun sicher traf. So zerriss er beispielsweise die ungelesenen, aber sonderbarerweise stets vorhandenen Zeitungen in kleinste Schnipsel, die er dann in eine Papiertüte steckte. Oder er nahm einen Füller und füllte ein ganzes Blatt mit blauer Tinte; wenn kein Weiß mehr zu sehen war, zerriss er auch dieses in kleinste Teile und steckte es in die Papiertüte. Beizeiten nahm er auch ein ungelesenes Buch aus dem Regal und zählte die enthaltenen ’y’s und hatte somit über die Jahre einen guten Überblick über die Verteilung dieses raren Buchstabens in seinen Büchern. Andere Tage verbrachte er damit, das Telefonbuch neu zu ordnen: nicht alphabetisch, sondern der Nummer nach: bei 1000 (der Stadtbücherei) beginnend war er bei 1327 (eine Frau Karin Stöhr) angekommen. Dem Leser wird sich der Zweck dieser Beschäftigungen nicht erschließen – und auch der Erzähler bleibt ratlos – aber wir können doch mit einiger Sicherheit festhalten, dass Ferdinand Bahner tatsächlich ein sehr langweiliger Mensch war.
Dieser Umstand alleine rechtfertigt jedoch nicht, dass wir von ihm berichten, aber an einem Silvesterabend vor nicht allzu langer Zeit geschah etwas, was nun durchaus unsere erzählerische Beachtung verdient.

...

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Ithanea
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BeitragVerfasst am: 13.03.2014 10:32    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo LeoModest,

ich habe eine ganz ähnliche Charakterübung gemacht, sie hieß "der Langweiler". Hier ist sie allerdings gerade nicht mehr sichtbar.
Seltsam, dass wir Lehrer für die langweiligsten halten (da bekomme ich fast den Drang, mich bei meinen zu entschuldigen, die gar nicht so langweilig waren!), meiner war auch einer, bzw. Professor, und ein Jungeselle in einer kleinen Altstadtwohnung ebenfalls.

Deine Übung erfüllt die Vorgabe einerseits und andererseits irgendwie nicht. Dieser Typ ist überhaupt nicht so interessant, dass ich seitenlang von ihm lesen möchte (wobei - ein, zwei Hobbies würde ich mir noch anhören), aber gerade deshalb, und wegen deines Schlusssatzes hättest du mich trotzdem am Haken. Was passiert diesem langweiligen Menschen und ist er überhaupt in der Lage, damit umzugehen? Bisher trau ich ihm das ja nicht zu.
(Insgeheim vermute ich, dass Ferdinand "in Wahrheit" gar nicht so langweilig ist, sondern durchaus etwas besonderes, wenn das Ereignis erst passiert. Warum hatte der Autor sonst Lust, über diesen ermüdenden Kerl zu schreiben? Achso, wegen der komischen Hobbies Wink)

Ich hätte gerne gewusst, wie es eigentlich Ferdinand in all seiner Langweiligkeit geht, wahrscheinlich fällt es ihm ja nicht auf und er freut sich, endlich Zeit für die Telefonbuchsortiererei zu haben. Allerdings spricht hier ein auktorialer Erzähler, der ist da ja nicht so "drin". Ist die zugehörige Geschichte auch in dieser Perspektive geschrieben?
Und - vielleicht das wichtigste zur eigenen Bewertung der Übung - hast du Ferdinand besser kennen gelernt?

Achja, um konkret auf deine Fragen einzugehen:
Wie schon gesagt, die Freizeitbeschäftigungen finde ich ganz lustig. Ansonsten ist das ganze hier nicht sehr übertrieben oder albern. Unglaubwürdig stellenweise schon, selbst der größte Langweiler hat irgendwelche Dinge, die er gern hat, das kann auch Zeitung lesen oder zerschneiden sein. Aber du wolltest uns nunmal unmissverständlich klar machen, dass es langweiliger kaum geht.
Das Interesse an der Geschichte ist bei mir geweckt, vor allem, weil ich dir nicht glaube. Irgendwas muss doch dran sein, an diesem Typ.
Ein genaues, umfassenderes Bild über den Mann habe ich leider nicht. Lediglich eine Stellungnahme des Erzählers, die zwei, drei Beispiele aus Ferdinands Leben zur Veranschaulichung heranzieht. Genau das war übrigens auch meine Schwierigkeit bei der Charakterübung. Ich habe fast nur behauptet.

Liebe Grüße
Ithanea


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LeoModest
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BeitragVerfasst am: 13.03.2014 12:37    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Herzlichen Dank, Ithanea!

Das sind ganz tolle Hinweise und Kommentare. Ich stimme dir auch in allem zu - aber freue mich, dass du seine Beschäftigungen auch amüsant findest. Das war mir recht wichtig.

Wie die Geschichte weiter geht? Tja. Ich habe sie noch nicht geschrieben - und wäre sehr offen für Anregungen und Ideen. Wenn du dir die Hintergründe kurz durchlesen möchtest: eigentlich war die Idee folgende: ein Mann ist einsam und traurig zu Hause - ein deprimierender, langweiliger Abend. Und er stößt auf irgendetwas, was er lange vernachlässigt hatte: beispielsweise eine Wagner-Oper, die er ewig nicht gehört hat (oder die er immer hasste, aber wegen seiner verstorbenen Frau gut kennt). Er legt sie ein ohne zu wissen, was passiert und plötzlich verbringt er einen tollen Abend, Erinnerungen werden geweckt, er verspürt Freude und Dankbarkeit - gewinnt wieder Lust am Leben. Das war so die Idee.
Als ich dann anfing zu schreiben, kam dieser langweilige Mensch heraus, weil ich diese Gedanken irgendwie amüsant fand. Und natürlich: jetzt muss etwas passieren. Verzeihe, wenn dies alles sehr unausgegoren und konzeptlos ist - ich schreibe es nur, weil du so freundlich kommentiert hast und ich neugierig auf deine Reaktion bin. Also, eine Idee wäre etwas skurril: er geht aus dem Haus, trifft jemanden - und dann geht die Geschichte auf diese Person über. Ferdinand Bahner hat ausgedient, es wird eine neue Geschichte erzählt, der Anfang war nur ein Scherz am Rande. Oder: er wird überfahren (dumme Idee!). Oder aber es geschieht wirklich etwas. Und da habe ich auch schon eine Seite darüber geschrieben: hier wird er weiter als grenzenlos langweilig charakterisiert, wobei mir ein, zwei Formulierungen gut gefallen. Damit ist der erste Schritt gegeben - aber es ist immer noch keine Geschichte. Aber ich kopiere erst mal das rein, was ich geschrieben habe:

...

Ferdinand Bahner saß um 21 Uhr auf einem Sessel und zerriss mit gleichgültiger Miene den Wirtschaftsteil der Zeitung. In diesem Moment klingelte es an der Tür. Der Leser mag sich ob des unangekündigten Besuches wundern, aber Ferdinand Bahner war es selbstverständlich egal. Als er die Tür geöffnet hatte, sah er eine junge Frau mit einem überraschten Gesichtsausdruck: „Entschuldigen Sie, wohnt hier nicht Tobias Mindernickel?“ – „Nein, der wohnt eine Etage weiter oben.“ – „Ach so, verzeihen Sie bitte...“
Darauf setzte sich Ferdinand Bahner wieder an seine nTisch und fuhr mit einem Ausdruck unaussprechlicher Indifferenz mit dem Zerreißen des Wirtschaftsteil fort. Nach wenigen Seiten hielt er jedoch inne: ihm fiel auf, dass Tobias Mindernickel vor einer Woche verstorben war. Er erinnerte sich, wie er die Träger der Leiche im Treppenhaus gesehen hatte: jawohl, Tobias Mindernickel war tot.
Mit einem kaum bemerkbaren Nicken stand er auf und ging zur Tür um die umsonst Klingelnde über den Tod des Nachbarn zu informieren: „Herr Mindernickel ist letzte Woche verstorben“, sagte er, als die Frau die Stufen herab kam. „Tatsächlich?“, erwiderte diese bestürzt. „Warum sagen Sie das denn nicht gleich?“ – „Ich vergaß“, sagte er mit seiner ausdruckslosen Stimme. „Aber, aber...“, stammelte die Dame, fasste sich jedoch sogleich. „Ich verstehe schon...“ – „Gut“, so Ferdinand Bahner und er wollte sich bereits wieder zurückziehen, als die Dame nachsetzte: „Könnte ich bei Ihnen vielleciht ein Glas Wasser trinken, weil, nun, mir ist ein wenig unwohl.“ – „Ja“, erwiderte Ferdinand Bahner und führte die Dame in seine Küche, reichte ihr ein Glas Wasser und wartete.
„Standen Sie Herrn Mindernickel nahe?“, begann sie. Als Ferdinand Bahner dies verneinte, begann die Dame zu reden: „Ach, wissen Sie, ich stehe ihm ja auch nicht nahe. Was heißt stehe?, stand wäre richtig. Schließlich lebt er ja nicht mehr. Also stand. Ist es aber nicht sonderbar, wissen Sie, wie schnell es gehen kann? So was! Ich habe ihn ja jahrelang nicht gesehen, aber zufällig sah ich  seinen Namen auf der Haustür. Er war mein Lehrer, wissen Sie, mein Geschichtslehrer. Und ich kam sehr gut mit ihm aus.“
Ferdinand Bahner verfolgte diese Bemerkungen mit einer Miene vollkommenen Desinteresses, was der Dame nicht entging. Sie fuhr jedoch unvermindert fort: „Es war nicht so, dass er so einen prägenden Einfluss auf mein Leben gehabt hätte, wissen Sie, aber wir kamen doch gut klar und ich hatte ihn gern. Also dachte ich mir, ich schaue kurz bei ihm vorbei und frage ihn, wie es ihm so geht...“ So plauderte die Dame ohjne sich vorgestellt oder hingesetzt zu haben. „Ich denke mir nämlich immer, dass sich ein ehemaliger Lehrer bestimmt freut, eine alte Schülerin wiederzusehen und zu erfahren, dass er nicht vergessen wurde. Glauben Sie nicht, Herr...?“ – „Bahner“, so Ferdinand Bahner. Und er setzte ein „Das weiß ich nicht“ hinzu. „Nun, mein Name ist Karin Stöhr, sehr angenehm. Und ich glaube doch, dass es schön für einen alten Lehrer ist.“

...

So, nach wie vor keine Geschichte. Hast du eine Idee? Ein Gedanke ist: die Frau erzählt und redet ewig lang und verabschiedet sich dann unumwunden, woraufhin Ferdinand ein für ihn unbekanntes (vergessenes) Gefühl der Enttäuschung hat. Er versteht es nicht gleich, kann es nicht beim Namen nennen: stellt aber fest, dass er neugierig ist, wie's weiter geht, da die Dame vielleicht eine hörenswerte Anekdote erzählt hat. Irgendwas in die Richtung schwebt mir also vor. Allerdings bin ich mit dem Abschnitt auch nicht wirklich zufrieden - aber wäre sehr neugierig, was du dir denkst.

Beste Grüße und herzlichen Dank

Leo

PS: Und deine Version ist überhaupt nicht mehr auffindbar, nein?

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Ithanea
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BeitragVerfasst am: 13.03.2014 13:14    Titel: Antworten mit Zitat

lol2
Eigentlich wollte ich mir ein bisschen Zeit nehmen für eine Antwort, weil ich noch genauer drüber nachdenken möchte, aber Karin Stöhr hat mich zum Lachen gebracht. Wetten, dass Ferdinand in dem Moment "1327!" gedacht hat und nicht drauf kommt, warum?

Das etwas "passieren" muss, heißt für mich nicht, dass eine actiongeladene Handlung in Gang gebracht werden muss und sich die Ereignisse geradezu überschlagen. Deine beiden "ruhigeren" Ideen, also die angedachte mit dem Musikstück, das etwas in ihm bewegt oder die seltsame Begegnung mit der Frau, die ihn unvermittelt neugierig macht, was er so ja noch gar nicht kannte, finde ich sehr passend und denke, das könnte schön werden.
Schwierig wird bestimmt, mit welcher Formulierung Frau Stöhr ihn stehen lässt, die den Stein ins Rollen bringt. Vielleicht wird sie sauer, weil Ferdinand so emotionslos bleibt. Oder sie ist selbst ein bisschen eigenartig, plaudert einfach weiter, bis es zu einer Unterbrechung kommt, und bringt Ferdinand dadurch ins Nachdenken. (So hast du es ja schon angedeutet)
Bemerkenswert an beiden ist ja, dass sie so passiv sind. Vielleicht kann das auch ein Thema sein (frag mich jedoch bitte nicht, wie ^^).
So, einfach mal spontane Gedanken dazu, eine neue Idee habe ich auch nicht, wie gesagt, ich wollte eigentlich noch ein bisschen überlegen, aber dann musste das mit Karin raus.

LG Itha

PS: Doch, meine Übung ist schon auffindbar, ich hatte sie unsichtbar gemacht, weil ich sie so nicht mehr schreiben würde, aber auch nicht überarbeiten werde, da es mehr eine Vorzeichnung des Typen und der Umgebung war, also vor allem zur Visualisierung für mich, insofern idiotisch, in die Werkstatt einzustellen. Allerdings wäre ich sonst auch nicht auf den Hinweis gekommen, dass ich es mir durch das Behaupten ein bisschen zu einfach gemacht habe. Es ist also mehr eine "Beschreibungsübung", nicht so eine Charakterzeichnung, wie deine. Ich mach' sie mal sichtbar.


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timcbaoth
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BeitragVerfasst am: 14.03.2014 14:30    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo LeoModest

Die Charakterisierung gefällt mir schon gut. Eine Stelle erscheint mir aber unlogisch:

Zitat:
Da er aber eben nicht las und keine Musik hörte, nicht bastelte oder spazieren ging, war es eigentlich nicht leicht, das Nichtstun zu vermeiden, aber Ferdinand Bahner hatte im Laufe der Jahre gewisse Beschäftigungen ersonnen, wo er die feine Balance zwischen Tun und Nichtstun sicher traf.


Zitat:
Beizeiten nahm er auch ein ungelesenes Buch aus dem Regal und zählte die enthaltenen ’y’s und hatte somit über die Jahre einen guten Überblick über die Verteilung dieses raren Buchstabens in seinen Büchern.


Wenn er nicht liest, wieso hat er dann überhaupt Bücher? Sogar wenn er, aus welchen Gründen auch immer, Bücher besitzt, müssten doch somit alle ungelesen sein und das Adjektiv wäre hinfällig.

Deine Charakterisierung finde ich spannend und schön zu lesen (dein Stil gefällt mir überhaupt ausnehmend gut). In Wirklichkeit, denke ich aber, zeichnet sich ein Langweiler nicht dadurch aus, keine Meinungen oder Interessen zu haben. Solche Leute sind meistens recht beliebt. Smile  Ich habe das Gefühl, dass Langweiler einfach in sozialer Hinsicht unterentwickelt sind - unabhängig von ihren Interessen.


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Liebe Grüsse
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LeoModest
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BeitragVerfasst am: 17.03.2014 23:33    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke, Tim, für deinen Kommentar:

Das 'ungelesen' könnte man in der Tat streichen; dass Leute irgendwelche Bücher haben, selbst wenn sie nicht lesen, finde ich aber schon nachvollziehbar. Irgendwas fliegt da doch immer rum, selbst ich habe aus unerfindlichen Gründen eine Techno-CD: dann kann also auch Ferdinand Bahner Bücher haben... Wink

Fernerhin: ja, soziale Unfähigkeit macht Langweiler wohl auch aus, da hast du Recht. Die langweilen aber dann vielleicht eher, weil sie nur reden und reden und reden und nie zuhören; wer aber überhaupt nichts sagen kann, weil er nichts gerne macht, der ist wohl auch grässlich langweilig. (Übrigens: dieser Gedanke kam mir, als ich vor Jahren mal einen Kerl kannte. Ich: "Was machst du am liebsten?" - "Spiele mit meinem iPhone?" - "Und wenn du nicht mit deinem iPhone spielst?" - "Dann träume ich von meinem iPhone" - blimey, das war vielleicht ein Langweiler... Wink )

Ithanea, auch dir lieben Dank für deinen erneut guten Beitrag!

Deine Übung habe ich bisher irgendwie noch nicht auffinden können - irgendwie stelle ich mich da sehr dumm an, aber würde sie doch gerne lesen.

Schließlich - wenn ich noch eure Aufmerksamkeit und euer Interesse habe - eine Fortsetzung dieser sonderbaren Geschichte. Der Austausch mit dir, Ithanea, ist sehr hilfreich und motiviert mich irgendwie, weiter an dieser Charakterstudie zu feilen. Nach wie vor bin ich neugierig, ob das lesbar ist und einen gewissen humoristischen Ton trifft. Ich schreibe gerne Dialoge, sodass ich nicht verwundert wäre, wenn dieser hier nicht gelungen wäre. Also nicht mit Kritik zögern.

Nun:

So plauderte die Dame ohne sich vorgestellt oder hingesetzt zu haben. „Ich denke mir nämlich immer, dass sich ein ehemaliger Lehrer bestimmt freut, eine alte Schülerin wiederzusehen und zu erfahren, dass er nicht vergessen wurde. Glauben Sie nicht, Herr...?“ – „Bahner“, so Ferdinand Bahner. Und er setzte ein „Das weiß ich nicht“ hinzu. „Nun, mein Name ist Karin Stöhr, sehr angenehm. Und ich glaube doch, dass es schön für einen alten Lehrer ist. Schließlich weiß man so, dass man wertgeschätzt wurde, meinen Sie nicht auch? Aber gut, dafür ist es nun leider zu spät. Er hatte gewiss ein sehr erfülltes Leben.“, sagte Frau Stöhr, trank aus und füllte mit einem entschuldigenden Lächeln ein weiteres Glas.
„Was machen Sie denn beruflich, Herr Bahner? Oder sind sie bereits in Rente?“ – „Ich bin pensionierter Lehrer“, so Ferdinand Bahner. – „Ach, tatsächlich? Das ist ja famos! Ich glaube, ich wäre eine gute Lehrerin gewesen, denn ich liebe Kinder und das ist ja auch die Hauptsache, nicht wahr?“ – „Das mag sein“, so Ferdinand Bahner ein wenig verwirrt. – „Aber nun können Sie Ihren wohlverdienten Ruhestand genießen. Das ist ein schönes Wort, finden Sie nicht? Ruhestand. Man steht in Ruhe – die Ruhe steht, die Aufgaben ruhen, man kann sein Leben genießen. Ich freue mich bereits auf meinen Ruhestand“, sagte sie lebhaft, während sie das Wort Ruhestand gedehnt und betont aussprach. „Dann hat man endlich Ruhe von all den Kunden und kann das machen, wofür man sonst nie Zeit hat. Womit verbringen Sie denn Ihre Zeit, Herr Bahner? Ich würde nämlich reisen, sehr viel reisen. Ich möchte nämlich einmal nach Italien. Das wäre famos! Waren Sie bereits in Italien? Es muss ein schönes Land sein, mit Pasta und netten Menschen, ganz anders als hier, da bin ich mir sicher.“ Sie blickte Ferdinand Bahner mit einem leicht dummen Lächeln an, aber der erwiderte nur kurz, „Ich war nie in Italien.“ – „Aber das ist ja auch ganz einerlei, es gibt viele schöne Länder. Und viele schöne Dinge, die man tun kann. Ich würde zum Beispiel auch unheimlich gerne musizieren, da Musik das Schönste auf der Welt ist, meinen Sie nicht auch? Also ich schon! Ich würde gerne Gitarre spielen, die ist nämlich sehr vielseitig und gar nicht so schwer zu erlernen, anders als das Klavier. Ich habe gelesen, dass berühmte Pianisten auch im hohen Alter stundenlang üben müssen, das würde ich nicht wollen, dafür habe ich keine Zeit. Überhaupt kommt man ja zu nichts, weil ständig irgendetwas los ist. Die Kinder wollen etwas und wenn die nichts wollen, so stört der Mann. Und gibt der Ruhe, dann nervt die Arbeit, ich glaube, das wird sich nie ändern. Auch im Ruhestand nicht, denn irgendetwas ist ja immer.“, sagte Frau Stöhr, woraufhin Ferdinand Bahner ein schlichtes „Ja“ einwarf. Daraufhin regte sich jedoch ein sonderbares Verlangen von ihm, weiter zu reden. Er empfand es als unpassend, hier in seiner Küche solche Vorträge gehalten zu bekommen, die auch noch inhaltlich sehr widerspruchsvoll waren. Da wolle sie Ruhe, freue sich auf den Ruhestand, aber glaube nicht daran, dass es je Ruhe gäbe; da möchte sie ein Instrument im Ruhestand erlernen, weil sie dann Zeit hätte, aber sie hätte niemals die Zeit, das Spielen zu üben. Er empfand diese Widersprüche als belästigend und so setzte er an. – „Ich arbeite ja selber in einer kleinen Lotterie“, fuhr Frau Stöhr jedoch ohne auf seinen Redeversuch achtzugeben fort. „Da ist immer so viel los, das ist sehr anstrengend. Dabei verkaufe ich nicht nur Lose. Heute gibt’s in einer Lotterie ja alles, Zigaretten und Zeitungen, Getränke und Süßigkeiten. Irgendwann, sage ich immer, verkaufen wir bestimmt auch Wurst und Käse“, sagte Frau Stöhr und prustete lachend los, was Ferdinand Bahner nochmals verstörte. Er selbst – gewiss kein Fachmann in humoristischen Angelegenheiten – fand diesen Scherz selbstredend kein bisschen lustig und wollte nun wirklich auf die Ungereimtheiten zuvor eingehen: als Frau Stöhr erneut plaudernd fortfuhr: „Wissen Sie, es gibt drei Sorten von Kunden in Lotterien: die einen sind meine Stammkunden, übrigens auch ein schönes Wort, finden Sie nicht auch? Stammkunden. Ohne den Stamm gibt’s keine Krone auf dem Baum und der Kunde ist ja König, nicht wahr? Hihihi“, verfiel Frau Stöhr noch einmal in heiteres Lachen, welches Ferdinand Bahner nun mit einem düsteren Blick quittierte. Frau Stöhr – unbeeindruckt – setzte die Kundencharakterisierung fort: „Hihi, ja. Aber zweitens sind da die Hin-und-wieder-Kunden, die mal wegen Zigaretten oder Kaugummis reinschauen. Da gibt es auch viele! Und dann die, die ich nur einmal sehe, wahrscheinlich Touristen oder Ausländer. Ja, so ist das.“. Ferdinand Bahner, verwirrt und überfordert, da er nicht wusste, ob er nun wirklich darauf hinweisen solle, dass sie doch gesagt habe, sie hätte im Ruhestand Zeit, um kurz darauf zu sagen, sie hätte für das Klavierüben gewiss keine Zeit. Das sei ein Widerspruch, dachte Ferdinand Bahner, aber eben da fiel ihm auch auf, welch wertlose Charakterisierung ihrer Kundschaft sie ihm geboten hatte: und das auch noch in seiner Küche! Ferdinand Bahner war überfordert. Er zögerte, dachte nach und vernahm urplötzlich folgende Worte aus Frau Stöhrs Mund: „Aber nun muss ich wirklich nach Hause, sonst kommt man hier ja zu gar nichts. Ach, wenn ich nur in Rente wäre, dann hätte ich endlich Zeit...“ Und mit diesen Worten verabschiedete sich Frau Stöhr, wünschte Ferdinand Bahner noch einen schönen Abend und schloss die Türe laut knallend hinter sich.

In diesem Moment machte Ferdinand Bahner etwas sehr Untypisches für ihn: er wurde leicht rot, er ballte seine an den Hüften liegenden Hände zu Fäusten, er atmete tief ein um dann mit geschlossenen Augen genervt hervorzustoßen – „So eine dumme Nuss!“
Entgeistert blickte er auf die Wohnungstüre und dachte über den sinnfreien Redeschwall dieser Lotterieverkäuferin nach. Auch dies – möchte der Erzähler bemerken – war untypisch, da er für gewöhnlich wenige Interaktionen hatte und ihm demnach selten solch ein Ereignis zustieß. In diesem Zustand innerer Wallung weiter verharrend, setzte Ferdinand Bahner seine selbstgesprächigen Bemerkungen fort: „Die Kundeneinteilung! Der Wurst-und-Käse-Witz! Ihre Zeit! Nein, also so eine dumme Nuss“, sagte Ferdinand Bahner und schüttelte sehr bemerkbar, fast lebhaft den Kopf. Er war unfähig, diesen Besuch sogleich zu verarbeiten – oder besser: abzuhaken, wie er es eben gewohnt war, Dinge im Leben zu nehmen: abhaken und vergessen. Etwas schwirrte in seinem Kopf herum. Gewiss, wären andere Personen zugegen gewesen, sie hätten keinen verzweifelt schimpfenden, gar einen laut wütenden Mann gesehen. Äußerlich machte Ferdinand Bahner keinen besonderen Eindruck und auch innerlich offenbarte er für den normalen Menschen nichts Ungewöhnliches: aber da seine grenzenlosen Teilnahmslosigkeit eben in sich selber ungewöhnlich ist, so empfand er diese Regung des Genervtseins nun seineseits als ungewöhnlich, ja empörend!
So wandte er sich nach links, so wandte er sich nach rechts – und als er feststellte, dass das fortgesetzte Verharren vor der Wohnungstüre das Geschehene nicht ungeschehen machen könnte, begab sich ins Wohnzimmer und setzte sich an seinen Schreibtisch.

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BeitragVerfasst am: 19.03.2014 21:35    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Leo,

nur mal als Lesezeichen für mich und Anmerkung für dich: Ich komm auf jedenfall nochmal hier her, sobald die dämliche Abschlussarbeit abgegeben und die Erkältung verschwunden ist! Im Moment habe ich leider nicht den Kopf dazu.
Soviel kann ich ja schonmal sagen: Mir gefallen deine Geschichte und deine Wortwahl immernoch sehr gut. Und das Ende lässt mich ja weiterhin dabei bleiben.
 
LG Lara


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Ithanea
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Ei 3


BeitragVerfasst am: 24.03.2014 12:33    Titel: Antworten mit Zitat

So, da bin ich wieder.

Nach dem dritten Durchlesen gefällt mir das immernoch. Du fragst, ob die Dialoge gelungen sind und ob man schmunzeln kann, wenn ich das richtig verstehe und ich sag zu beidem: Ja.
Ich habe das Gefühl, Dialoge zu schreiben liegt dir einfach, bei dir muss man auch nicht mit "normalerweise macht man beim Sprecherwechsel einen Absatz" kommen, denn das passt viel besser wie du es machst. Schlag auf Schlag mit Gedankenstrichen getrennt, sodass Ferdinand kaum weiß, wann er auch mal zu Wort kommt.

Karins "famos" und das übertriebene Lachen auf den Wurst-Witz haben mir gut gefallen (ich nehme mir feierlich vor, einfach öfter famos zu sagen, wäre ja einfach schlimm, wenn dieses Wort stirbt Laughing )
Dass es die Tatsache der Widersprüchlichkeit ist, die Ferdinand letztendlich so aufregt, ist passend.

Zitat:
aber eben da fiel ihm auch auf, welch wertlose Charakterisierung ihrer Kundschaft sie ihm geboten hatte

Hier weiß ich nicht, was ihn stört. Dass sie die Typen zwar aufzählt, aber darauf nichts folgt? Kam bei mir nicht an, was ihn aufregt.

Wie schon gesagt, das Ende lässt auf mehr wartend zurück.
Aus einer Übung heraus entstanden, ist daraus schon viel geworden. Jetzt muss aber tatsächlich nochwas kommen, damit die Geschichte mir etwas sagen kann. Ich hoffe, Ferdinand verhält sich demnächst empörend untypisch.

Gruß
Lara

PS: Achja, falls du meinen Langweiler noch nicht gefunden hattest, hier: http://www.dsfo.de/fo/viewtopic.php?t=45308
Wie gesagt, es beschreibt eigentlich viel mehr seine Umgebung, als ihn selbst. Was es noch langweiliger macht, wie mir gerade auffällt. Rückwirkend, ein Geniestreich Laughing


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LeoModest
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BeitragVerfasst am: 25.03.2014 15:41    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Herzlichen Dank, liebe Ithanea! Du bringst mich wirklich weiter und ohne dich hätte ich diese Geschichte wohl nicht so weit gebracht wie bisher.

Ich freue mich sehr, dass du den Wurst-und-Käse-Witz auch lustig fandest. Seine Empörung ob der Kundencharakterisierung liegt übrigens hierin: sie sagt, es gäbe die regelmäßigen, die seltenen und die einmaligen Kunden. Das ist so offensichtlich wie: "Wenn es weiterhin so viel regnet, werden die Straßen sehr nass sein." Jedes Geschäft dieser Welt unterliegt dieser Charakterisierung: oft, manchmal, einmal. Jeder Kunde der Welt fällt in diese oberflächliche Auflistung - daher ist er genervt.

Nun, es gibt wieder eine Fortsetzung, wobei ich diese nun auch - der vielseitigeren Kritik wegen - in der Werkstatt veröffentlichen will. Leider - leider, leider - ist immer noch nichts passiert. Ich hoffe, der nächste Teil bringt wirklich ein Ereignis, aber ich weiß noch immer nicht, was denn passieren könnte. Also geht's einfach erst mal so weiter - was ich mit Unsicherheit zugebe, während ich jedoch auch hoffe, dass es weiterhin amüsant ist:

Nun denn:

So wandte er sich nach links, so wandte er sich nach rechts – und als er feststellte, dass das fortgesetzte Verharren vor der Wohnungstüre das Geschehene nicht ungeschehen machen würde, begab er sich ins Wohnzimmer, setzte sich an seinen Schreibtisch und nahm seinen Kugelschreiber zur Hand und ließ ihn seiner Gewohnheit nach hüpfen: das verschließende Klicken aktiviert nämlich beim senkrechten Aufsetzen einen Sprungmechanismus, den Ferdinand Bahner nutzte um den Kugelschreiber am höchsten Punkt mit dem Zeigefinger und dem Daumen zu fassen. Dies tat er etwa fünfzehn Minuten lang, was ihn augenscheinlich beruhigte. Die angespannten Gesichtszüge waren einem Ausdruck ruhiger Gleichgültigkeit gewichen.
Nach einer Weile blickte er auf die Wanduhr und stellte fest, dass noch eine Stunde bis zur Schlafenszeit war, was ihn dazu veranlasste, mechanisch die Schublade zu öffnen und das Telefonbuch herauszuholen. Ferdinand Bahner tat dies ohne Anzeichen einer Regung, in etwa so, wie man Papier zerreißt und nichts deutete darauf hin, dass etwas Neues in Angriff genommen wurde. Dennoch nahm er also das Telefonbuch zur Hand, lag es auf die rechte Seite des Schreibtisches, lag sein Telefonbuch zur Linken und schaute nach, wo er stehen geblieben war: 1327 stand da direkt unter 1326: Karin Stöhr.
Ferdinand Bahner hielt inne. 1327, Karin Stöhr. „So eine dumme Nuss“, murmelte er. „Irgendwann verkaufen wir auch Wurst und Käse, hihi“, äffte er sie in einer hohen Stimme nach, was dem Ganzen wahrlich einen skurillen Klang gab. Hierbei will der Erzähler einschalten, dass Ferdinand Bahner eine sehr tonlose Stimme hatte. Beim Sprechen entbehrte sie jeglicher Hebungen und Senkungen, das Betonen einzelner Silben – oder gar Wörter – war ihr unnatürlich und überhaupt sprach er wie der Vorleser eines Wörterbuchs. Grammatikalisch korrekt ließ er ein Wort auf das andere folgen, was stets den Eindruck etwas Unvollständigen hinterließ. Demnach hatte sein Nachäffen auch kaum eine Ähnlichkeit mit Karin Stöhr, es entbehrte vollkommen der blubbernden Einfältigkeit, aber das fiel ihm gar nicht auf. „Karin Stöhr“, sagte er sich also noch einmal – diesmal so, wie wenn man aus einem Telefonbuch vorliest. Leichte Verärgerung stieg in ihm auf: die Störung unterbrach nun auch seine abendliche Telefonbuchneuordnung, was ihn dazu veranlasste mit gerunzelten Augenbrauen seinen Mund ein wenig zu spitzen. Nicht wie beim Kusse – Gott bewahre! – aber als Ausdruck einer gewissen nachdenklichen Unzufriedenheit.
So verharrte Ferdinand Bahner für mehrere Augenblicke. Wiederholt schüttelte er dabei den Kopf, er schien noch immer überfordert zu sein, sich voll und ganz seinen Beschäftigungen zu widmen. So blickte er zur Linken, so blickte er zur Rechten und musste erneut feststellen, dass dies nichts brachte. Schließlich fiel ihm nichts anderes ein, als zu Bett zu gehen und so dem für ihn stürmischen Tag zu fliehen.
Am nächsten Morgen erwachte Ferdinand Bahner indes vollends erholt und wie gewohnt ohne jeglichen Tatendrang. Er setzte sich an den Küchentisch und aß wie immer sein Muesli, das heißt er begann mit dem Verzehr der getrockneten Bananen, machte sich dann an die Haferflocken, ging dann gewissenhaft zu den Mandelstücken über und aß (Synonym?) schließlich die Rosinen. Es war weniger eine Ordnung nach Geschmacksvorlieben, als eine bewusst gewählte alphabetische Reihenfolge.
Der Erzähler sorgt sich an dieser Stelle, den Leser mit den Alltagsbeschreibungen Ferdinand Bahners zu ermüden, sodass er nur noch bemerkt, dass Ferdinand Bahner seinen Tag geruhsamst gleichgültig verbrachte – bis 16 Uhr, als es wider Erwarten an der Tür schellte. Ferdinand Bahner schloss für einen Augenblick entnervt die Augen und legte den Füller beiseite.
Sodenn öffnete er die Türe und erblickte: mit strahlendem Lächeln Karin Stöhr. „Hallo Herr Bahner“, begann sie aufgeregt, „ich hoffe, ich störe nicht! Aber nach unserer netten Unterhaltung gestern wollte ich sie noch mal besuchen. Ich habe Ihnen auch einen Kuchen gebacken. Ich dachte, Sie als Junggeselle, ja, wahrer Hagestolz, backen bestimmt nicht. Hagestolz, hihi, sind Sie stolz, hager zu sein? Hihi, ein lustiges Wort.“
Und so trat sie ein: unangemeldet, unwillkommen, störend. „Darf ich?“, fragte sie mit entschuldigendem Lächeln, während sie in der Küche schon Teller und Gabeln suchte. Ferdinand Bahner blickte sie indessen finster an, was ihr jedoch entging, denn sie deckte bereits mit einer erstaunlichen Flinkheit den Tisch.
Er ergab sich also mit langsamer, hilfloser Gebärde seinem Schicksal. Er würde also mit Karin Stöhr ein Stück Kuchen essen, ein Kuchen, den – wie sie heiter plaudernd erläuterte – ihre Großmutter immer gebacken hatte. „Ganz wie in Omas Küche, hihi, so heißt es doch immer in der Werbung! Und deshalb...“ – „Frau Stöhr!“, unterbrach er sie auf seine Weise fast forsch, woraufhin Frau Stöhr lächelnd erwiderte: „Ja, so heiße ich, seit ich meinen Mann geheiratet habe...“, denn sie missverstand seine ungeübte Emphase ohne mimische Veränderung als Frage und fuhr dann belustigt fort: „Und früher hieß ich Fischer. Also habe ich mir einen Stö(h)r geangelt. Das war ganz famos, huhu!“ – „Frau Stöhr!“, so Ferdinand Bahner nach einem Bissen Marmorkuchen noch einmal, diesmal mit einer ungelenken Betonung des ersten Wortes. – „Ja“, sagte sie mit nahezu schmachtender Stimme: „Schmeckt er Ihnen? Das freut mich, meine Kinder essen den auch so gerne, vor allem der Kleine, das heißt, er ist gar nicht mehr der Kleine, er ist ja viel größer als die Große, hihi...“
Ferdinand Bahner blickte sie entgeistert an. Unvermindert plauderte sie in einem fort und mit seinem wie auch immer betonten „Frau Stöhr!“ kam er ihr nicht bei. Gleichgültig seinen Marmorkuchen verzehrend – erst die dunklen, dann die hellen Teile: auch in Stresssituationen will die korrekte Reihenfolge befolgt sein! – ließ er Frau Stöhrs Gebelfer/Schwadronieren/leeres Geschwätz über sich ergehen.
Allmählich hörte er auf, zuzuhören. Das Geschwätz wurde ein blubberndes Hintergrundgeräusch, einzig unterbrochen von oft eingestreutem, albernem Kichern. Eine gewisse Zeit verging, Ferdinand Bahner hatte sein Stück gegessen und als er wieder ihren Worten folgte, hörte er, wie sie stolz verkündete: „...und deshalb nannten mich meine Eltern Karin!“ und schaute ihn fast herausfordernd an. „Meine Mutter hieß auch Karin“, entgegnete Ferdinand Bahner sehr beiläufig. „Wirklich, das ist ja ganz famos!“ – und ein weiterer Redeschwall begann, was Ferdinand Bahner zur Erkenntnis brachte, dass jegliche Kommentare das Ende nur hinaus verzögerten. So beschloss er, resigniert zu schweigen.
Als er aus einem weiteren Aufmerksamkeitsschlummer erwachte, zählte Karin Stöhr die Zigarettenmarken auf, die sie in ihrer Lotterie verkaufte: „L&M, HB, Marlboro, Camel...“

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Tinlizzy
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Alter: 52
Beiträge: 147
Wohnort: irgendwo im nirgendwo


BeitragVerfasst am: 25.03.2014 16:53    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo LeoModest,

es fällt mir schwer, dich zu kritisieren. Für Kritik müsste ich meinen Lesefluss unterbrechen, dabei ist mir Lesefluss viel wichtiger als ein bisschen Mäkelei.

Du beschreibst Frau Stöhr ( Stöhr mit h, nicht zu verwechseln mit Störung) sehr treffend, fast zu treffend, weil ich das Gefühl nicht loswerde die Frau aus der Lotterie hätte mir auch schon mal ein Los verkauft.

Auch Herr Bahner ist dir sehr gut gelungen, vor allem dieses Ausblenden unerwünschter Informationen .... Ja, alle Geräusche verdichteten sich zu einem leisen Meeresrauschen im Hintergrund...

Da ich deine Beiträge immer besonders schätze, du schreibst mit den leisen Tönen und erreichst damit so viel mehr als andere mit einem Knall-Wumm-Effekt, hoffe ich sehr, dass du uns noch die eine oder andere weitere Geschichte zukommen lässt.

ich danke dir auf jeden Fall für diese!!! Für Kritik habe ich keine Zeit, ich muss noch über Herrn Bahner schmunzeln und aufpassen, dass ich nicht Frau Stöhr begegne.

lg
Tinlizzy
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Kanezzo
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 27
Beiträge: 84
Wohnort: Gießen


BeitragVerfasst am: 27.11.2014 15:18    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber LeoModest,

deine Geschichte hat mich sehr amüsiert und ich schätze Deine treffende Wortwahl und Deine Fähigkeit, Dialoge so wunderbar lebhaft zu gestalten.

Ich weiß, dass dieser Beitrag schon etwas veraltet ist, dennoch wollte ich Dich wissen lassen, dass mir Deine Geschichte bis hier hin sehr gut gefallen hat. Gibt es bereits eine Fortsetzung, oder müssen wir uns von Herrn Ferdinand Bahner und Frau Karin Stöhr schon verabschieden?

Als ich die einzelnen Teile Deiner Geschichte so las, kam mir übrigens der Gedanke, dass Frau Stöhr sicher Tag für Tag zu ihm kommen werde und er sie - sollte sie vielleicht aus unerfindlichen Gründen mal nicht erscheinen - sicherlich, wenn auch auf eine seltsam undefinierbare Art, vermissen werde. Nicht, wie man einen guten Freund vermisst, eher wie einen Gegenstand, der nach einem Umzug nicht mehr an der gleichen Stelle steht oder eine Armbanduhr am Handgelenk, die man versehentlich vergessen hat anzulegen. Eine Art Vermissen eines gewohnten Dinges oder Zustandes.
Ich habe meine Gedanken weiterspinnen lassen und dachte mir - für den Fall, dass Frau Stöhr plötzlich wirklich nicht mehr wie sonst Tag für Tag vor seiner Tür steht, ihr vielleicht etwas zugestoßen sei, und er, Ferdinand Bahner, der sonst niemals auf eine solche Idee gekommen wäre, fänge plötzlich an, nach ihr zu suchen. (Womöglich wiederfahren ihm bei dieser Suche einige merkwürdige Dinge, oder er erfährt, dass Frau Stöhr gar nicht wirklich Frau Stöhr war, sondern sich deren Identität nur "geliehen" hat)

Ein anderer Gedanke war der, dass er, dank Frau Stöhr, wieder in das soziale Leben hineinfinden könnte. Vielleicht bringt sie nach und nach einige Freunde mit, und er entdeckt, dass er immer mehr Gefallen an diesem sozialen Miteinander hat. Vielleicht beginnt sie aber auch gemeinsam mit ihm Gitarre zu lernen und schafft so ein wichtiges Hobby in seinem sonst so langweiligem Leben.
Gut möglich, dass er vielleicht irgendwann einmal Gefühle für sie entwickeln könnte. Vielleicht aber auch nicht.

Ich habe schon seit Ewigkeiten nichts mehr zustande gebracht und stolperte nun, auf der Suche nach neuer Inspiration, über Deine Geschichte. Du merkst vielleicht, dass Deine Geschichte meine Kreativität - zumindest in kleinen Teilen - wieder zum Leben erweckt hat und dafür möchte ich Dir ein "Dankeschön" dalassen. Es würde mich freuen, noch mehr von Herrn Bahner und Frau Stöhr lesen zu dürfen.

Mit besten Grüßen

Kanezzo


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~Wer A sagt muss nicht auch B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.~ B. Brecht
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