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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig K139-5


 
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Marcellino
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber

Alter: 64
Beiträge: 18



BeitragVerfasst am: 02.03.2014 23:19    Titel: K139-5 eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

K139-5

„Entschuldigen Sie bitte, darf ich Ihren Namen erfahren?“
„Natürlich, ich heiße … äh, Jaqueline. Und Sie?“
„Elsa. Ich hätte eine Bitte an Sie, Jaqueline.“
„Ja, was kann ich für Sie tun?“
„Könnten Sie ein bisschen zur Seite rücken, ich fühle mich so beengt.“
„Ach kommen Sie, hier ist es doch nicht eng. Sie sollten mal sehen, wie es bei uns zu Hause zugeht. Da ist der Platz hier drinnen fast ein Luxus.“
„Noch enger als hier? Da bekäme ich ja überhaupt keine Luft mehr. Und dieses entsetzliche Ruckeln macht mich noch wahnsinnig.“
„Ja, das stört mich auch, Elsa. Das wäre ein Grund, sich zu beschweren.“

„Sagen Sie mal, wissen Sie, wohin wir fahren, Jaqueline?“
„Nein, ich habe keine Ahnung. Ich kenne mich in der Welt nicht aus, bin selten von zu Hause weggekommen.“
„Mir ist überhaupt nicht wohl. Jetzt sind wir schon so lange unterwegs, es ist heiß hier drinnen und ich habe Durst.“
„Mir scheint, Sie sind ganz schön verwöhnt, meine Beste. Immerhin haben wir ein Fenster, durch das ein wenig Luft hereinkommt, und wir können hinausschauen. Etwas Interessanteres kann ich mir nicht vorstellen. Schauen Sie doch nur, diese Farben! Eine ist dabei, die habe ich noch nie gesehen.“
„Wie kann man eine Farbe noch nie gesehen haben? Ich glaube, Sie wollen mich verarsch... Oh, entschuldigen Sie bitte.“
 „Nur nicht so zimperlich, Elsa. Aber ich sage die reine Wahrheit, wie heißt denn die Farbe, in der diese große Fläche da draußen gestrichen ist?“
„Meinen Sie mit Fläche etwa diese Wiese da?“
„Wiese heißt sie also!?“
„Aber Jaqueline, Sie werden mir doch nicht einreden wollen, dass Sie noch nie eine Wiese gesehen haben?“
„Hab ich wirklich noch nie, aber ... sie gefällt mir, diese Wiese. Irgendwie bin ich ganz verliebt in sie.“
„Sie ist grün.“
„Grün? Ich dachte Wiese.“
„Die Farbe. Sie heißt Grün.“
„Oh, hört sich toll an, dieses Wort. Grüüüün, das kann man sich auf der Zunge zergehen lassen. Grüüüün. Es klingt irgendwie … saftig“

„Jaqueline, darf ich Sie etwas fragen?“
„Aber natürlich, Elsa. Ich unterhalte mich gerne mit Ihnen. Sie sind nett und wissen so viel.“
„Ach, machen Sie mich bitte nicht verlegen! Aber was ich fragen wollte: Haben Sie Kinder?“
„Oh ja, viele.“
„Und das Jüngste, ist es noch bei Ihnen?“
„Nein, natürlich nicht. Warum fragen Sie?“
„Weil meines verschwunden ist. Vor drei Tagen. Wie all die anderen zuvor.“
„Aber das ist doch ganz normal. Wenn sie geboren sind, verschwinden sie wieder.“
„Und trotzdem fällt es mir so schwer. Ein halbes Jahr ist so kurz!“
 „Ich weiß, wie lange ein halbes Jahr ist, aber was hat das mit den Kindern zu tun?“
„Na, so lange bleiben sie doch bei einem.“
„Aber Elsa, jetzt wollen Sie mich veräppeln! Wer hat so was schon mal gehört?“
„Wieso machen Sie sich über meine Trauer lustig, Jaqueline? Habe ich Ihnen was getan?“
„Aber Elsa, die Kinder kommen doch sofort nach der Geburt weg. Das war noch nie anders. Sie wollen doch nicht wirklich behaupten, dass ...“

„Eben waren Sie noch so traurig, liebe Elsa, und nun lächeln Sie zufrieden. Woran denken Sie?“
„Erinnerungen, Jaqueline, das sind Erinnerungen.“
„Sie Glückliche. Woran haben Sie gerade gedacht, ich möchte mich mit Ihnen freuen.“
„An den Vater meiner Kinderchen.“
„Was ist das, Vater meiner Kinderchen?“
„Aber Jaqueline?! Haben Sie nicht eben noch gesagt, Sie hätten auch Kinder gehabt? Viele sogar?“
„Schon, aber ich verstehe Ihre Ausdrucksweise nicht.“
„Hannibal heißt er, der Wilde, wie ich ihn immer bei mir nenne. Es war himmlisch mit ihm. Wer hat Ihnen denn die Kinder gemacht, Jaqueline, wie hieß er und wie sah er aus? War er groß und kräftig?“
„Darüber möchte ich nicht reden!“

„Jaqueline, darf ich fragen, wie alt Sie sind? Mir scheint, Sie sind viel jünger als ich. Obwohl ich ja gar nicht gut im Schätzen bin.“
„Ich bin ziemlich genau fünf Jahre alt, und Sie?“
„Elf. Aber ich muss mich wundern, mit fünf schon auf Reisen. Bei uns zu Hause geht niemand vor seinem zehnten Lebensjahr auf Reisen.“
„Was?! Elf?! Es ist an mir, mich zu wundern, denn ich habe noch niemals jemanden in Ihrem Alter getroffen. Und Sie sehen noch so blendend aus, Elsa, mein Kompliment.“
„Sie schmeicheln mir, Jaqueline!“
„Nein, im Gegenteil. Ihr Haar glänzt wunderbar, und meines … ist stumpf. Wie haben Sie das nur geschafft?“
„Ich glaube, das liegt am Essen. Denn im Winter werden meine Haare auch etwas stumpf. Da gibt es ja auch kaum frische Sachen.“
„Ich weiß zwar nicht genau, was Sie mit frischen Sachen meinen, Elsa, doch daran wird es liegen. Wenn ich zurück bin, werde ich danach fragen. Nach frischen Sachen.“

„Ach Elsa, ich muss Ihnen etwas gestehen, es liegt mir auf der Seele, seit wir uns kennen gelernt haben.“
„Nur heraus damit! Drüber reden ist allemal besser, als es in sich zu vergraben.“
„Es ist mir peinlich, aber eigentlich … heiße ich gar nicht Jaqueline, sondern K139-5. Doch ich finde, das klingt nicht halb so gut wie Jaqueline ... oder Elsa.“
„Aber wie sind Sie ausgerechnet auf Jaqueline gekommen?“
„Nun, ich habe eine schreckliche Vorliebe für schöne Klänge. Und auf dem Weg zum Bahnhof habe ich von draußen eine Stimme gehört, die rief: ‚Jaqueline, du bist eine blöde Kuh!’. Ich weiß nicht, was blöd bedeutet, doch es klingt genau so schön wie ‚grüüün“. Und Jaqueline erst ... der Name ist ein Juwel. So hab ich mich, als Sie so unvermittelt nach meinem Namen fragten ...“
„Mir gefällt Jaqueline auch sehr gut, und ich werde mir den anderen Namen gar nicht merken. Für mich werden Sie immer Jaqueline sein.“
„Oh danke, meine Liebe. Sie sind nicht nur klug, sondern haben auch ein gutes Herz.“

An dieser Stelle fand die Unterhaltung zwischen Elsa und K139-5 ein abruptes Ende, denn der Schlachthof  war erreicht, und es blieb nicht einmal Zeit, sich vernünftig zu verabschieden.

***

So könnte diese Geschichte enden, doch die Alternative gefällt mir besser. Deshalb vergessen wir den letzten Abschnitt und machen an der Stelle mit dem guten Herzen weiter.

Ohrenbetäubender Lärm ... quietschende Bremsen ... ein Wagen springt aus dem Gleis, fällt um ... Holzwände splittern, dass die Fetzen fliegen.
“Sind Sie verletzt, Jaqueline?“
„Ich denke nicht. Was ist passiert?“
„Ich glaube, das war ein Gewitter. Da knallt es auch immer so laut.“
„Es ist gar nicht mehr eng hier, Elsa. Und da, schau mal, eine komische blaue Decke über uns.“
„Ach Jaqueline, das ist der Himmel. Wir sind im Freien. Da kenne ich mich aus. Komm, lass uns von hier verschwinden. Diese Enge will ich nicht wieder ertragen, und Durst hab ich auch.“
„Aber wo ist denn hier die Tränke? Es gibt doch gar keine Wände, an denen sie festgemacht sein könnte. Ich habe Angst, Elsa.“
„Hier gibt es bestimmt Bäche und Seen. Nur nicht bange sein, wir werden nicht verdursten. Und Hunger brauchen wir auch nicht zu leiden, da drüben gibt es saftiges Gras.“
„Gras? ... Oh, das ist ja ... grüüüün! Wie ich diese Farbe liebe! Und das kann man essen? Schmeckt das gut?“
„Und wie! Komm, bleib nur dicht bei mir, wir galoppieren erst mal ein Stückchen, damit wir von diesem blöden Waggon wegkommen.“
„Au ja, galoppieren! ... Was ist das?“

Drei Monate später wurden Jaqueline und Elsa aufgegriffen, doch da die Medien sie zum Star mit allem dazugehörigen Rummel machten, wurden sie nicht ihrer vorgesehenen Bestimmung zugeführt, sondern erhielten Gnadenbrot in einem Aiderbichl Hof.
Wenn sie nicht inzwischen gestorben sind, könnt ihr sie dort besuchen. Grüßt sie recht nett von mir, denn sie liegen mir am Herzen.

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Ithanea
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 29
Beiträge: 1271

Ei 3


BeitragVerfasst am: 02.03.2014 23:41    Titel: Antworten mit Zitat

Sehr schön.
Finde klasse, wie du mit den Dialogen die Fahrt ablaufen, die Zeit verstreichen lässt.
Habe leider gerade nur einen kurzen Kommentar für dich, da ich im Moment keinen richtigen PC habe, komme aber gern zurück, wenn du noch genaueres Feedback möchtest.


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Mogmeier
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Moderator
Alter: 45
Beiträge: 1976
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BeitragVerfasst am: 03.03.2014 00:20    Titel: Antworten mit Zitat

Die Idee ist spitzenmäßig, darauf gibt es von mir die volle Punktzahl!
Das Ganze hat ein bisschen was von dem ›Project Pitchfork‹-Song ›Box Of Steel‹, obwohl dieser Song noch ein wenig mehr am Gewissen nagt.

Zum Vergleich einmal hier eine etwaige Übersetzung vom Text des eben erwähnten Songs. http://www.golyr.de/project-pitchfork/songtext-box-of-steel-474843.html
Und nun zu den "negativen" Sachen, die mir in deinem Werk so aufgefallen sind:
Der Text ist eindeutig viel zu lang. So lang und ermüdend muss er gar nicht sein, um auf die Pointe hinzuarbeiten.
Als Parabel und/oder Fabel würde ich deine Kurzgeschichte jetzt nicht unbedingt klassifizieren. Ein bloßer Vergleich ist nicht gleich mit einem Gleichnis zu vergleichen, und Tiere in einer Fabel verkörpern in erster Linie die Eigenschaften des Menschen und sind nicht "die Menschen selbst".



Sehr gerne gelesen!

Gruß,
Mog



Nachtrag:
Hoppla, ich muss mich berichtigen: Als Klassifizierung steht ja ›Tiergeschichte/Fabel‹ und nicht ›Fabel‹ allein. (... mein Fehler)
Aber die Parabel kreide ich trotzdem an.


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firstoffertio
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BeitragVerfasst am: 03.03.2014 01:25    Titel: Antworten mit Zitat

Ich hatte die tags oben nicht gelesen, und dachte sehr lange, es ginge hier um Menschen. Erst als es ums Alter ging, wurde ich stutzig. Gute Idee, aber vielleicht muss sie, wenn von vorne herein als Tiergeschichte offenbart, doch noch etwas subtiler werden?
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Constantine
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2682

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 03.03.2014 01:32    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Marcellino,

deine Idee gefällt mir sehr gut und mit deinen feinen Dialogen beschreibst du deine beiden sympathischen Protagonistinnen Elsa und Jaqueline prima.

Was du mMn auf alle Fälle überdenken solltest ist der plötzliche Perspektivwechsel, mit denen du deine beiden Versionen beendest:
Zitat:
An dieser Stelle fand die Unterhaltung zwischen Elsa und K139-5 ein abruptes Ende, denn der Schlachthof war erreicht, und es blieb nicht einmal Zeit, sich vernünftig zu verabschieden.

Zitat:
Ohrenbetäubender Lärm ... quietschende Bremsen ... ein Wagen springt aus dem Gleis, fällt um ... Holzwände splittern, dass die Fetzen fliegen.

Zitat:
Drei Monate später wurden Jaqueline und Elsa aufgegriffen, doch da die Medien sie zum Star mit allem dazugehörigen Rummel machten, wurden sie nicht ihrer vorgesehenen Bestimmung zugeführt, sondern erhielten Gnadenbrot in einem Aiderbichl Hof.
Wenn sie nicht inzwischen gestorben sind, könnt ihr sie dort besuchen. Grüßt sie recht nett von mir, denn sie liegen mir am Herzen.


Ich würde definitiv bei den beiden und der Dialogstruktur bleiben und keinen erklärenden "Erzähler" einbauen, um die Pointe deines Textes zu transportieren. Das schaffst du auch in der reinen Dialogform, egal für welches Ende du dich entscheiden magst.

LG,
Constantine
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Equik Bouard
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber

Alter: 54
Beiträge: 18
Wohnort: Österreich


BeitragVerfasst am: 03.03.2014 12:34    Titel: Antworten mit Zitat

Gefällt mir richtig gut, die Geschichte. Vor allem, dass nicht groß herum moralisiert wird.
Man kann es auch direkt und drastisch machen, wie im zitierten Box Of Steel-Text, hat durchaus Sinn und Zweck, das war aber, denke ich, wohl eher nicht dein Anliegen.

Wenn man die Schlagworte nicht lesen oder in einer Zeitschrift zufällig auf diese Story stoßen würde, käme man nicht sehr schnell auf die Idee, dass es sich um Tiere handelt. Beim Lesen würde man aber immer mehr verunsichert, bis man es ahnen könnte.

Und dann die schnalzende Ohrfeige am Schluss, der Punch mit dem einen Satz der ersten Variante. Spitze! Was bitte schadet der Perspektivenwechsel? Muss ja nicht alles glatt und schmierig runtergehen wie ein Mac-Burger. Unbedingt die Unhappy-End-Version beibehalten, nicht aus moralischen Gründen, sondern um der Geschichte willen!


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lilaluna
Schreiberassi


Beiträge: 35



BeitragVerfasst am: 03.03.2014 13:25    Titel: Antworten mit Zitat

Mich bedrückt die Geschichte, weil ich sofort an die Schwarzweißbilder denken muss, auf denen Viehwaggons zu erkennen sind und eine verschreckte, aus den Fugen geratene Masse Mensch, die darauf wartet, in die Gaskammern getrieben zu werden.

Ich finde den Dialog, der hier den Tieren in den Mund gelegt wird, überhaupt nicht lustig. Er ist so weit von dem Grauen entfernt, den auch ein Tier in sich spürt, wenn es ganz kurz angebunden und panisch vor Angst, halb verhungert und verdurstet, vom „Produktionsort“ in die weit entfernte Großschlächterei spediert wird. Der einzige Trost, der dem Tier und seinem Betrachter bleibt, ist der, dass es hoffentlich bald ausgelitten haben wird.

Wahrscheinlich muss man das alles selber schon mal gesehen, gehört, gespürt und vor allem gerochen haben, um zu erkennen, dass dieser Versuch, eine „Fabel“ zu schreiben, missglückt ist. Sie wird keinem gerecht – den Tieren nicht, und den Menschen auch nicht. Im einschlägigen „Transportwesen“ gibt’s nun mal nichts wirklich Lustiges, und auch nichts, was man nonchalant zur Satire verrühren könnte.

Sorry, @Marcellino, wenn ich Dir das so sagen muss.

Liebe Grüße

lilaluna
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Jack Burns
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 49
Beiträge: 1555



BeitragVerfasst am: 03.03.2014 14:59    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Marcellino

Einerseits gefällt mir Deine Herangehensweise, die Perspektive der missbrauchten Geschöpfe darzustellen. Technisch ist das ordentlich ausgeführt.

Leider passt der locker, lustige Ton überhaupt nicht zum Thema.
Wenn Du die Situation durch menschliche Gedanken und  Dialoge übermittelst, sollte die Härte auch menschlich zu spüren sein.
Wie würden Menschen sich unterhalten, wenn sie halb verdurstet, eingesperrt, inmitten von Scheiße und Toten, in ein ungewisses Schicksal führen?

Das müsste bitterböse gestaltet werden.
Der ethisch kritische Ansatz ist lobenswert. Leider halbherzig ausgeführt.

Grüße
Martin


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Zauberstift
Geschlecht:weiblichHonigkuchenpferd

Alter: 39
Beiträge: 471



BeitragVerfasst am: 03.03.2014 15:24    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde die Fabel gar nicht schlecht. Kurzweilig und unterhaltsam geschrieben. Schlachthof hin oder her,warum nicht mal ein bisschen Abstand von der Realität. Ich weiß nicht, ob der Schreiber das wusste, aber....das ist tatsächlich mal in echt passiert. Mit einer Kuh.
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lilaluna
Schreiberassi


Beiträge: 35



BeitragVerfasst am: 03.03.2014 16:02    Titel: Antworten mit Zitat

„Tatsächlich und in echt“, liebes Honigkuchenpferdchen, passiert Folgendes: In der Bundesrepublik werden jährlich etwas über 3,5 Millionen Rinder (Bullen, Ochsen, Kühe, Färsen, Kälber) geschlachtet. Fast alle müssen vorher in den Transport. Jedes Jahr entkommen ein paar Tiere, die meisten dort, wo sie in die Waggons hinein- oder am Schlachtort wieder herausgegeprügelt werden. Die entkommenen Tiere lassen sich nur sehr schwer wieder einfangen (warum wohl?) und werden deshalb in aller Regel auf der Flucht erschossen – in der Schweiz mit dem Stgw 90 eines Reservisten, by üs mit dem HK PSG1 eines Polizei-Einatzkommandos.

Ich erhebe keinen moralischen Zeigefinger, sondern finde, dass das Genre keinen heiteren Text der vorstehenden Art zulässt. Er ist alles Mögliche, nur keine Parabel.

Liebe Grüße

lilaluna
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Constantine
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2682

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 03.03.2014 16:15    Titel: Antworten mit Zitat

Die Frage nehme ich gerne an, da sie an mich gerichtet scheint:

Equik Bouard meinte:
Zitat:
Was bitte schadet der Perspektivenwechsel? Muss ja nicht alles glatt und schmierig runtergehen wie ein Mac-Burger.

Gerade dieser Perspektivwechsel macht die Geschichte (egal welches der gewählten Enden) für mich in dem Sinne glatt, als dass  es sich der Autor damit sehr leicht macht, seine Message zu transportieren. Interessanter, literarisch spannender und reizvoller, als auch stilistisch konsequenter, wäre ein Beibehalten der reinen Dialogstruktur. Ein Text, der nur aus Dialog besteht und es schafft Bilder zu entwickeln/eine Geschichte zu erzählen, davon gab es in der Vergangenheit einige sehr gelungen Beispiele im Forum und sind mMn wahrlich eine Leistung.



nur mein Kommentar hierzu:

Jack Burns meinte:
Zitat:
Leider passt der locker, lustige Ton überhaupt nicht zum Thema.
Wenn Du die Situation durch menschliche Gedanken und Dialoge übermittelst, sollte die Härte auch menschlich zu spüren sein.
Wie würden Menschen sich unterhalten, wenn sie halb verdurstet, eingesperrt, inmitten von Scheiße und Toten, in ein ungewisses Schicksal führen?

Gerade das Lockere und Naive macht den Text für mich hart. Die Hintergründe von Elisa und Jaqueline sind andere und beide wissen nicht, wohin es geht. woher auch. Alle, die auf "Reisen" gegangen sind, konnten nicht berichten, was die zukünftig Reisenden erwartet. Wie die beiden über ihre "verschwundenen" Kinder reden oder darüber, dass Jaqueline den Begriff "grün" nicht kennt, ist prima.
Interessant, welche Assoziationen dieser Text weckt. Von Scheiße und Toten lese ich nichts in den Dialogen. Hier assoziiert jeder Leser seine eigenen Bilder. Aber wie gesagt, gerade das Lockere macht die Sache aus, dass ich mich immer unwohler fühle, weil ich merke, da stimmt was nicht.

LG,
Constantine
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Ithanea
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Beiträge: 1271

Ei 3


BeitragVerfasst am: 03.03.2014 16:44    Titel: Antworten mit Zitat

Ich stimme Constantine zu, was die Leichtigkeit der Dialoge betrifft:
Das hat es erst schlimm gemacht.
Dass sie über den Platz diskutieren, weil sie gar nicht wissen, wohin es geht, dass sie traurig sind über die verschwundenen Kinder, aber es irgendwie einfach akzeptieren müssen, weil es "so ist", dass Jaqueline sich schämt, keinen Namen zu haben.
Darum hab ich auch lieber an das zweite Ende geglaubt (Trotzdem war mein "schön" natürlich auf deine Art zu schreiben bezogen und nicht auf die Fahrt).

Die beiden sind für mich nicht wie Menschen, die Dialoge finde ich auch nicht menschlich, sie benutzen vielleicht menschliche Worte, aber sie denken und nehmen ganz anders wahr. Das mag ich an diesem Text und finde nicht, sie sollten menschlicher werden.  Es geht doch um Tiere.


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Zauberstift
Geschlecht:weiblichHonigkuchenpferd

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Beiträge: 471



BeitragVerfasst am: 03.03.2014 18:22    Titel: Antworten mit Zitat

laut Wikipedia sprechen und denken Tiere wie Menschen> Definition Fabel.
Ich ordne die Geschichte also am ehesten der Fabel zu. Der letzte Absatz ist für mich das belehrende Ende. Geschmackssache. Für mich passt es.

ot. lilaluna: immer locker bleiben wink
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lilaluna
Schreiberassi


Beiträge: 35



BeitragVerfasst am: 03.03.2014 19:13    Titel: Antworten mit Zitat

Aber gewiss doch, Honigkuchenpferdchen.

Manche hören im Brüllen des Schlachtviehs auf seinem letzten, qualvollen Weg halt Lustiges. Warum nicht?

Ich hör immer "il canto sospeso" und kann nicht anders. Wahrscheinlich bin ich ein Weichling.

Liebe Grüße

lilaluna
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Jack Burns
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 49
Beiträge: 1555



BeitragVerfasst am: 03.03.2014 20:38    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo

Um die Wirkung des Textes für sich persönlich zu bewerten, kommt man nicht um eine ethisch philosophische Bewertung der Empfindungsfähigkeit des Tieres herum. Ich bleibe dabei, dass auch aus der tierischen Perspektive, die Gestaltung des Dialoges in dieser Situation für mich unpassend erscheint.
Ich hadere im Grunde nur mit dem Ort des Dialogs. Fände er auf einer Alm zwischen zwei Kühen statt, würde ich das so akzeptieren; Sie wissen nicht, wie sie enden werden, und genießen das Gras.
Die Handlung spielt aber bei einem Tiertransport. Die Umstände sind mittlerweile allgemein bekannt. Und wenn man Tieren abspricht, dass sie das Elend und die Qual in diesem Moment fühlen (unabhängig vom Ziel der Fahrt), dann wäre das ein logisches Argument für die Grausamkeit des Umgangs mit ihnen.
Da ich sicher bin, dass der Text eher ein Plädoyer gegen diese Zustände ist, widerspricht diese amüsant, lockere Gestaltung der Aussage.


Ich hoffe, ich entferne mich mit meinen Gedanken nicht zu sehr von der Textarbeit.

Grüße
Martin


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Marcellino
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber

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BeitragVerfasst am: 03.03.2014 23:12    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo zusammen,
ich werde mich nach und nach zu jedem Kommentar äußern, doch die von lilaluna will ich vorziehen.

Hi lilaluna,
Eine Fabel hätte ich mir als Genre nicht ausgesucht, aber es gibt eben nur Tiergeschichte/Fabel. Doch das ist ja nur eine Bagatelle.
Glaubst du denn, das ich allen Ernstes etwas Lustiges schreiben wollte, als ich die Story verfasst habe? Es gibt eine Million Themen, die sich dazu besser eigenen und mir wäre bestimmt etwas eingefallen.
Und Satire ist das auch nicht, hab ich bewusst nicht als Genre ausgesucht.
Das Lachen bleibt einem im Hals stecken, das Grauen kommt auf leisen Sohlen daher. Ich muss nicht mit dem Holzhammer zuschlagen, wenn ich die Menschen nachdenklich machen will. Ich bin kein Peta-Typ, aber mein Anliegen ist dem ihren sehr verwandt.

Ich weiß nicht, was DU tust, um solchem Gräuel entgegenzuwirken. ICH bin seit 35 Jahren Vegetarier, weil ich nicht will, dass irgendein Tier meinetwegen leiden oder sterben muss. Und meine Familie ebenfalls.

Wie du meinen Text als „heiter“ bezeichnen kannst, werde ich in 100 kalten Wintern nicht begreifen. Aber so ist es nun mal, der Autor veröffentlicht seinen Text und jeder kann seinen Senf dazu geben.

Liebe Grüße
Marcellino


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Einar Inperson
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BeitragVerfasst am: 03.03.2014 23:48    Titel: Re: K139-5 Antworten mit Zitat

Marcellino hat Folgendes geschrieben:

„Oh, hört sich toll an, dieses Wort. Grüüüün, das kann man sich auf der Zunge zergehen lassen. Grüüüün. Es klingt irgendwie … saftig“


Darf man aus einem solchen Text einen Lieblingssatz herausstellen? ich mache es einfach.

Mir gefällt der Schluss des Films. Der Schlachthof ist erreicht.

Mir gefällt das auf die Bremse treten und zurückspulen. Stop, es kann auch anders ausgehen.

Eine Erbse habe ich aber doch. Der Text will als literarische Form wahrgenommen werden. Das unterstelle ich einmal.Die Erwähnung von Gut Aiderbichl lässt mich an dieser Stelle an einen Werbefilm denken.

Schadet es dem Text, wenn offen bleibt, wo sie ihr Gras fressen dürfen? Ich denke nicht. Der Gedanke an Aiderbichl käme vielen wohl ohnehin zwangsläufig. Aber der Auffangstationen für die unterschiedlichsten Tiere gibt es viele. Aiderbichl ist doch sowieso schon medial omnipräsent. Es tut ihnen nicht weh, hier keine Erwähnung zu finden.

Und ganz pragmatisch gesehen, mussten wir in letzter Zeit auch von vielen gefallenen Engeln erfahren.


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Marcellino
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BeitragVerfasst am: 04.03.2014 23:16    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Ithanea,
freut mich, dass es dir gefallen hat. Gerne nehme ich einen ausführlicheren Kommentar entgegen. Zu Lernen gibt es immer noch was. Smile


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Marcellino
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BeitragVerfasst am: 04.03.2014 23:21    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Mog,
ich bin immer noch Anfänger und mit den Klassifizierungen hier bei DSFO nicht so vertraut. Ich werde beim nächsten Mal größere Sorgfalt walten lassen.

Dass der Text zu lang ist, kann dich nicht nachempfinden. Es sei, denn. Ich ende mit der Schlachthausankunft, so war der Text auch zuerst konzipiert. Erst Freunde, die den Schluss so trostlos fanden, haben mich inspiriert, ein alternatives Ende zu schreiben. Und heute … bin ich froh, es getan zu haben.
Ich freue mich, dass dir der Text etwas gesagt hat.
Liebe Grüße
Marcellino


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Marcellino
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BeitragVerfasst am: 04.03.2014 23:25    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Firstoffertio
Es ist durchaus gewollt, dass man nicht gleich weiß, dass es um Kühe geht. Wenn dann der Aha-Effekt eintritt, ist man bereits an der Stelle, wo einem das Lachen vergeht und ins Grauen umschlägt. Man kann die Geschichte dann nochmal von vorne lesen, damit man auch alle Anspielungen, die vorher unverständlich waren, mitbekommt. So lang ist die Geschichte ja nicht, dass man viel Zeit dafür aufwenden müsste.
Liebe Grüße
Marcellino


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Marcellino
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BeitragVerfasst am: 04.03.2014 23:31    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Jack Burns,
ich teile deine Meinung keineswegs. Der lockere, lustige Ton kann das Grauen am Ende doch nicht überdecken. Eine Kuh, die die Farbe Grün nicht kennt, niemals eine Wiese gesehen hat, nichts von der Existenz eines Stiers weiß … wenn das nicht die Krankheit unserer Zivilisation in manchen Belangen aufzeigt, weiß ich nicht, wie die Menschheit noch zu retten sein will. Es muss NICHT bitterböse sein, um zu wirken. Ich bin im Gegenteil überzeugt, dass diese Geschichte mehr bewirken kann als die schärfste Anklage … weil die Leute sie nach den ersten Sätzen aus der Hand legen.
Wer am Ende dieser Story noch lachen kann, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen.
Liebe Grüße
Marcellino


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Mogmeier
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BeitragVerfasst am: 09.03.2014 10:10    Titel: Antworten mit Zitat

Marcellino hat Folgendes geschrieben:
Ich werde beim nächsten Mal größere Sorgfalt walten lassen.
Das sage ich mir auch immer Smile , muss mich dann aber immer eines Besseren belehren lassen. Meine jüngst hier eingestellte Geschichte – die mit dem Dreieck und dem Viereck („Die kleine Geometrie“) – hätte ich z.B. als Parabel kennzeichnen können. Hab's dann aber doch nicht gemacht, weil ich mir nicht sicher war, ob man das Ganze nicht doch eher einer Allegorie zuordnen müsste.

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