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Leseprobe Chic-lit


 
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Nette
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 41
Beiträge: 15
Wohnort: Hamburg


BeitragVerfasst am: 06.01.2014 22:41    Titel: Leseprobe Chic-lit eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo, ich habe mich ja heute schon kurz vorgestellt und liefere euch gleich mal mein erstes Kapitel des vor sich hin schmorenden Romans.


Arbeitstitel: Backwahn



Kapitel eins

Cookie geht baden


„Nach der 10. Wohnungsbesichtigung geben ich es aber auf!“ Niedergeschlagen schlurfte ich neben Clara her. Irgendwie hatte ich mir meinen Start in Hamburg einfacher vorgestellt. „Wieso, es läuft doch super! Mittlerweile hab ich den Dreh raus. Du musst nur einmal ins Bad gehen und schon weißt Du, wie die Leute drauf sind. Ich denke nur an  die Trulla mit dem geilen Glitter-Optik-Delfin-WC-Sitz und dem Dekosand. Guck mal, ich habe ihr eine von ihren Muschelseifen geklaut!“ Clara schaute mich stolz mit ihren Strahle-Rehaugen an. Ich nickte nur müde. „Die Welt schafft mich. Noch eine WG. Wenn die auch nichts ist, dann gebe ich es auf und ziehe doch wieder zu Mama und Papa.“
Eigentlich hatte ich Clara mit nach Hamburg genommen, damit sie mich bei meiner WG-Suche bremste. Ich neige nämlich dazu, mir immer alles schön zu reden. Und damit ich in keinem 4 Quadratmeter-Loch mit Blick auf die S-Bahnlinie oder irgendwo im Freihafen landete, oder plötzlich mit psychopatischen Vollidioten zusammenleben würde, verließ ich mich lieber auf das Urteil meiner besten Freundin als auf mein eigenes. Meinem Urteilsvermögen traute ich sowieso nicht mehr über den Weg. Ich hatte mich ja sogar in Ben getäuscht, immerhin dem Menschen, der mir bisher am allerwichtigsten war! Wie sollte ich dann bei Fremden erkennen, ob sie etwas taugen? „Aber der Schnuckel gerade war doch ganz nett und das Zimmer auch. Das hat sogar einen begehbaren Kleiderschrank! Cookie, so was wünscht sich doch jede Frau!“ Entrüstet starrte ich Clara an: „Der Typ heißt BEN! Das sagt doch wohl schon alles! Außerdem ist er viel zu schön. Ich will mich auf keinen Fall in meinen Mitbewohner verknallen, der dann auch noch BEN heißt. Und Kleiderschrank hin oder her. Die Küche war viel zu klein!“
Claras Blick fiel auf unseren Zettel, auf dem sich bereits acht durchgestrichene und noch eine lesbare Adresse befanden. Dröge/Piepgrass/Möller stand auf dem Klingelschild. Das musste es sein.


Wir klingelten. Nach ein paar Sekunden trötete eine etwas schrille Stimme „Dritter Stock links“ durch die Sprechanlage. Dritter Stock, das war wirklich das äußerste der Gefühle. Ich hasse Sport! Da nützten auch keine durchgelaufenen Treppendielen oder schicke Jugendstilfliesen an den Wänden etwas. Als wir oben ankamen, war Clara immer noch bestens gelaunt und voller Energie und ich jappste ein bisschen nach Luft. Wer rauchte eigentlich von uns beiden? Sie oder ich? Das Leben war einfach ungerecht. Der Aufstieg hatte sich allerdings gelohnt. Die Wohnung war der Knaller! Hohe Decken, Stuck und eine riesige Küche, die mich sofort verzauberte. An der einen Küchenfront prunkte ein riesiger Einbauschrank aus der Gründerzeit, sogar mit alten kleinen Zucker- und Salzschütten und ausziehbaren Arbeitsflächen, an der anderen Küchenzeile befanden sich ein großer Gasherd mit Ofen, eine Spülmaschine und einer dieser Retro-Kühlschränke, die zwar alt aussahen, es aber nicht waren.  Und weiter hinten lungerte ein verranztes Ledersofa neben einer Astra-Flaschensammlung.  Ja, das passte schon eher zu mir. Nicht unbedingt die Flaschensammlung, aber der Schrank und vor allem der Ofen! Hier könnte ich mich richtig austoben.
„Na, tretet ruhig ein, Felix kommt auch sofort. Der muss nur noch mal schnell Kaffee nachkaufen. Ich bin Dodo, Dodo Dröge, eigentlich Dorothea, aber wer will schon Dorothea heißen? Ich wäre dann die neue Mitbewohnerin, wenn eine von Euch das Zimmer nimmt. Wer sucht denn eigentlich, wie heißt Ihr eigentlich? Na, kommt, setzt Euch doch. Kaffee ist auch gleich da.“ Clara und ich schauten uns und dann Dodo an und ließen uns, vom Wortschwall erschlagen, auf das Küchensofa fallen. „Ich“, sage ich. Dodo glotzte mich etwas verwirrt an, dann verstand sie. „Ach Du! Du interessierst Dich für das Zimmer? Hast Du schon mal in einer WG gewohnt? Warum willst Du denn umziehen? Und was bist du für ein Sternzeichen?“ Ich guckte sie verwirrt an. War jetzt auch noch das Sternzeichen relevant für die Zimmervergabe? „Zwilling“ sage ich, „Aber wollen wir nicht erst mal auf Deinen Mitbewohner warten, bevor die große Fragerunde beginnt?“ „Ach, wie schön! Zwilling!“, flötete Dodo und war gleich ganz aus dem Häuschen. Das passt ja gut! Ich bin Waage und Felix ist Wassermann! Das wäre ja ein luftiges Gespann!“ Unsere Namen waren für sie offenbar schon gar nicht mehr von Interesse. Sie erzählte uns, das der Mitbwohner Felix ganz anders sei als sie, viel ruhiger, aber sie würden sich auf einer Radix treffen und ich würde mit meiner Sonne im Quadrat zu Felix Aszendenten stehen, irgendwie so was. Na wunderbar.
„Wo ist denn hier das Bad?“ fragte Clara. Die wollte doch sicher wieder Seife mitgehen lassen. Clara sah meinen strafenden Blick, zwinkerte mir nur zu ließ mich mit Laberdodo allein. Eine halbe Sekunde später hörten wir einen Schrei „Ach du Scheiße!“ tönte Clara aus dem Bad.  Laberdodo und ich sausten die lange Diele entlang, rissen die Klotür auf und staunten ob des entzückenden Anblicks:  Clara lag angezogen und mit einer orange-lilafarbenen Blümchenduschhaube auf dem Kopf in einer riesigen alten Badewanne und schrubbte sich mit einer imaginären Bürste den Rücken. „Cookie, hier musst du einziehen“ rief sie mir begeistert zu und zeigte auf beeindruckende antike Waschtische, die ich derart nur im Museum vermutet hätte. Dodo strahlte ebenfalls. „Cookie, nein was süüüß! Du heißt Cookie?! Ja, dann musst Du doch hier einziehen! Cookie! Und auch noch Zwilling! Versuch es doch auch mal,“ schrillte sie und schubste mich sachte Richtung Wanne. Weil mir schon alles egal war, fand ich mich kurz darauf ebenfalls mit hübsch-hässlicher Duschhaube bekleidet in der blauumrandeten Emaille-Wanne wieder. Dodo schmiss sich wild entschlossen zwischen uns ließ ihre Beine rausbaumeln. Und kaum hatten wir es uns in dieser possierlichen Pose bequem gemacht, streckte auch schon Felix seinen Kopf durch die Tür. „Moin, Kaffee ist fertig“, nuschelte er und verschwand wieder aus dem Türrahmen.
Wie Erdmännchen streckten wir drei unsere Köpfe nach ihm aus und sprangen nacheinander aus der Nasszelle. An dem alten Dielentisch wartete er tatsächlich bereits mit duftendem Kaffee und einer Packung billiger Aldi-Kekse auf uns. Ich mochte Felix auf Anhieb. Nicht nur, weil er unseren peinlichen Auftritt im Bad mit keinem Wort kommentierte, sondern auch, weil er mindestens genauso viele Locken hatte wie ich – nur blonder. Aber am meisten mochte ich an ihm, dass er komplett unaufdringlich und nett aussah und es anscheinend auch war.  Nicht so selbstgefällig wie die meisten Typen, allen voran Ben.
Nachdem wir bei Kaffee und übersüßten Plätzchen das wichtigste geklärt hatten, köpfte Dodo eine Flasche Prosecco, dann noch eine und schlussendlich stießen wir alle auf meinen glücklichen Neustart in Hamburg und mein neues Zuhause an.


Ich bin gespannt auf Euer Feedback - und auf alles gefasst. Wink

LG
Nette

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Kristin B. Sword
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 36
Beiträge: 227
Wohnort: Bielefeld


BeitragVerfasst am: 06.01.2014 23:20    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Nette,

mal ein paar Gedanken, ich hoffe, sie sind dir nicht zu harsch.

Im ersten Satz ist das Verb falsch konjugiert, aber das ist vermutlich bloß ein Flüchtigkeitsfehler.

Bei Chick-Lit erwarte ich eine flockigere Absatzgestaltung, deine sind dafür deutlich zu lang.

Deine Prota legt in dieser Szene einen ziemlich faden Ersteindruck hin, die beiden anderen Damen bleiben wesentlich mehr im Gedächtnis haften. Ich weiß nicht, ob das beabsichtigt ist? Dieser Einstieg drängt mich momentan jedenfalls nicht dazu, ihr durch den Roman zu folgen. Weniger Kontur hat in deinem Einstieg nur Felix (der hoffentlich nicht der männliche Prota ist, sonst braucht auch er eine deutlich überzeugendere Einführung).

Und, aber das ist was Persönliches, ich mache inzwischen gleich dicht, wenn ich auf der ersten Seite die Liebesleidensgeschichte der Prota vor den Latz geknallt bekomme. Der Leser muss doch auch bei Chick-Lit nun wirklich nicht schon auf Seite eins wie ein Baby erklärt bekommen, was vorher war. Es zunächst nur über das Problem mit dem Namen Ben anzudeuten, fände ich wesentlich spannender.
Außerdem muss ein Roman für mich mich mit einem Ereignis in der Erzählgegenwart beginnen. Ich will nicht den Eindruck bekommen, gerade die wichtigste Szene verpasst zu haben und in die Werbepause zu stolpern.

Ich würde vielleicht als Einstiegsszene eine Wohnungsbesichtigung wählen, die mehr Konfliktpotential bietet (Konflikt fehlt in deinem Einstieg fast völlig, abgesehen von der Trennung, die dem Leser noch egal ist, solange er die Prota nicht kennengelernt hat, weil er sie nicht unmittelbar erlebt) und in der die Protagonistin sich weniger passiv verhält. Außerdem sollte sie schon zu Anfang zumindest eine positive oder interessante Eigenschaft zeigen oder zumindest etwas, über das sich der Leser mit deiner Prota identifizieren kann.

Was mir noch aufgefallen ist: Bisweilen springst du etwas unmotiviert zwischen Präsens und Präteritum.

Viele Grüße,
Kristin
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Ithanea
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 29
Beiträge: 1271

Ei 3


BeitragVerfasst am: 06.01.2014 23:44    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Nette,

ich habe überhaupt keine Erfahrung in der Chick-Lit, bevor ich in dieses Forum kam, wusste ich nicht mal, dass das ein Genre ist. Von mir gibt's also keine Expertentipps.
Ich finde das hier ganz nett.
Nett, weil es irgendwie Spaß macht und ganz angenehm zu lesen ist. Wer würde sich nicht am liebsten pudelwohl in seiner neuen Altbau-WG (ist das in Hamburg überhaupt bezahlbar?) mit Astra, Gammelsofa, Riesenküche und netten Mitbewohnern, die witzige Eigenheiten haben, fühlen?
Nett, weil ich das übertrieben nett, fröhlich und niedlich finde, mit der Dodo, die wirklich viel redet und will, dass jemand einzieht, weil er Keks heißt, und dem unaufdringlichen (netten!) blondgelockten Engel. Aber vielleicht bin ich da einfach nur im Genre falsch und das passt so?

Ansonsten ist hier
Zitat:
„Nach der 10. Wohnungsbesichtigung geben ich es aber auf!“

ein n zuviel und vor der wörtlichen Rede einer anderen Person wäre ein Absatz nicht schlecht.

Viele Grüße,
Ithanea

Edit: Zwischendrin hat Kristin kommentiert. Ich stimme ihr absolut zu, es war (mir) zuwenig Konflikt in der Einstiegsszene.
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Nette
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 41
Beiträge: 15
Wohnort: Hamburg


BeitragVerfasst am: 07.01.2014 00:02    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Christin,

vielen Dank für Dein ehrliches und hilfreiches Feedback. Es ist nicht zu harsch, dafür bin ich ja hier. Mit der Prota hast du glaub ich recht. Mir ist das bisher nicht aufgefallen, aber die beiden anderen weiblichen Personen bekommen wirklich mehr Kontur. Felix wird im Kapitel zwei ausführlich eingeführt. Bisher hatte ich aber Probleme damit, die Protagonistin sich selbst ausführlich vorzustellen zu lassen. Da muss ich doch noch mal (vielleicht über das WG-Bewerbungsgespräch) ran. Die Ben-Vorgeschichte allerdings ist Ausgangspunkt für die spätere Handlung, in der die Protagonistin mit übertriebenem Ehrgeiz gleichzeitig im null Komma Nix Karriere machen und zur selbstbewussten Superfrau werden will, um ihm zu zeigen, was er da verpasst hat (klappt natürlich nicht, wäre sonst ja auch zu lahm).

Zum Thema Präsens / Präteritum: Ich hatte erst alles im Präsens. Vielleicht hab ich noch ein paar Verben beim Umschreiben übersehen. und die Wörtliche Rede zieht natürlich auch viel in die Gegenwart.

Ich gehe in mich und dann noch mal an die Arbeit. Vielen Dank Dir und gute Nacht.

LG
Anette
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Nette
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 41
Beiträge: 15
Wohnort: Hamburg


BeitragVerfasst am: 07.01.2014 00:09    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Itanea,

habe verstanden. Zu süß. Ich nehme mal etwas Zucker raus und setze vielleicht noch einen vierten unsüßen Mitbewohner dazu, der dann ja auch für Zündstoff sorgen kann.

Die Wohnung gibt es in Hamburg tatsächlich und ist geteilt durch vier und mit sehr altem Mietvertrag und sehr lauter Hauptstraße vor der Tür bezahlbar Surprised))

Danke und Liebe Grüße
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Ithanea
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 29
Beiträge: 1271

Ei 3


BeitragVerfasst am: 07.01.2014 00:23    Titel: Antworten mit Zitat

Alles klar, dann ist die Wohnungsfrage geklärt. Bitte wirf nicht gleich wegen einem/meinem Kommentar alles um, wie gesagt, bin ich kein typischer Leser dieses Bereichs. Hör dir lieber noch ein paar Meinungen an. Auf einen Zusatzkerl mit Aufreger-Potential wär ich aber gespannt.
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Mark_Brandis
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 47
Beiträge: 91
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BeitragVerfasst am: 07.01.2014 00:26    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Nette,

ich bin naturgemäß kein Chic-Lit-Experte, da männlich Wink

Allerdings fällt mir eines auf, was bestimmt immer sinnvoll ist: Der erste Satz!

Der müsste imho stets perfekt sein, damit der Leser nicht gleich rausgeworfen wird. Wenn irgendwo weiter hinten mal ein kleiner Tippfehler drin ist, was solls. Ist ja eh nur ein Entwurf.
Aber wenn schon der erste Satz zwei Schönheitsfehler aufweist ... Zahlen werden meines Wissens bis zur zwölf ausgeschrieben und dann eben das eine "n" zu viel.

Klingt nach Prinzipienreiterei, aber ich finde es trotzdem wichtig.

Mal was anderes: Soweit ich das mitbekommen habe, kann man den ursprünglichen Text nicht mehr ändern, wenn schon einer geantwortet hat. Das ist natürlich schade, denn sonst könnte man solche Kleinigkeiten rucki zucki ändern und alles wäre gut.

Bis bald
M.B.
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Kristin B. Sword
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 36
Beiträge: 227
Wohnort: Bielefeld


BeitragVerfasst am: 07.01.2014 00:53    Titel: Antworten mit Zitat

Die beiden Präsensteile, die mich spontan angesprungen haben, waren "Ich hasse Sport" und "sage ich". Aber wenn du die Zeitform vorher anders hattest, ist es nicht verwunderlich, dass du was übersehen hast. So was passiert eben.

Mmh, Felix ist also tatsächlich der männliche Prota.
Es ist wie im wahren Leben: der erste Eindruck ist entscheidend.
Da muss irgendwas sein, was ihn sympathisch macht (wahlweise auch unsympathisch, Leser ändern auch mal gern ihre Meinung mit der Prota zusammen). Aber er sollte auf keinen Fall langweilig und lasch eingeführt werden.
In die erste Begegnung muss in irgendeiner Form Pfeffer rein, das heißt, Emotion. Egal ob nun Verlegenheit, Schmachten oder Gezanke. Irgendwas muss die Aufmerksamkeit auf Felix lenken. Und wenn es nur ist, dass die WG-Mitbewohnerin unbewusst in ein Fettnäpfchen tritt und er deiner Prota da durch einen guten Kommentar raushilft. Und dann gibt es einen kleinen Moment stummer Verbündetheit. Den du dann aber nicht mit solchen Allgemeinplätzen wie "Felix war mir von Anfang an sympathisch" beschreiben solltest, sondern möglichst konkret. Sonst behauptest du nur, statt dass du die Leser mitfühlen lässt.
Oder du die beiden anderen Mädels verschwören sich quasi über den Kopf der Prota hinweg, dass diese die Wohnung nehmen soll, und Felix bemerkt es und macht irgendeine mitfühlende Bemerkung o. ä.
Dir fällt bestimmt was ein.

Mach doch mal einen Steckbrief mit den Stärken und Schwächen deiner beiden Hauptcharaktere, oft kann man Figuren über besondere Charaktereigenschaften wunderbar einführen.
Wobei du dich davor hüten solltest, diesen Steckbrief dann ausformuliert an den Anfang zu setzen. Kennenlernen sollte man die Eigenschaften und Eigenheiten wie im echten Leben in Häppchen und anhand von echten Szenen mit Dialog, nicht in Form von einer Art innerem Vorstellungsgespräch-Monolog. Das hast du ja bislang auch schon ganz schön gemacht, den Einstieg nicht mit Backstory zu überfrachten.

Viele Grüße,
Kristin
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Nordlicht
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BeitragVerfasst am: 07.01.2014 02:54    Titel: Antworten mit Zitat

Hi,

mir gefallen WG-Geschichten und bei dem Küchenschrank und der Badewanne bin ich ganz nostalgisch geworden smile

Womit ich bei dem Text Probleme hab: deine Prota. Ich werde mit ihr nicht warm, irgendwie ist sie mir etwas unsympathisch, da sie zu allem (bis auf den Küchenschrank, die Zimmerdecke, Badewanne und den eher blassen Felix) negativ eingestellt zu sein scheint. Sie kommt so etwas initiativlos daher, als ob ihre Freundin sie durch die Geend schleift.

Was mit fehlt, ist der Konflikt. Was ist Cookies großes Problem, das sie im Laufe des Buchs lösen wird? Was ist ihr großes Hindernis, das sie überwinden muss? Das sehe ich hier nicht.

Was die Backstory angeht, braucht man dem Leser nicht gleich in den ersten Kapiteln alles davon auftischen. Es ist gut, wenn der Leser nicht schon gleich alles weiß, sondern sich fragt, wieso es so kommt und wie es weitergeht - das erzeugt Spannung, die ein Buch jeden Genres braucht.
Im echten Leben lernt man Leute ja auch peu à peu kennen, das lässt sich daher gut auf Bücher übertragen.


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Nette
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BeitragVerfasst am: 07.01.2014 07:59    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Nordlicht,

vielen Dank für Deine Rückmeldung, die mir ebenfalls sehr hilft.

Die blasse oder und sogar auf dich unsympathische wirkende Hauptperson soll tatsächlich in dem Kapitel negativ der ganzen Welt gegenüber sein. Sie hat zwar noch die Kraft und den Mut, in eine andere Stadt zu ziehen und neu anzufangen. Damit ist es ihrer Meinung nach dann aber auch schon genug des Guten. Schließlich hat sie den Weltschmerz ihres Lebens. Ihre Freundin muss sie daher immer wieder anspornen und schubsen. Dennoch soll der Leser natürlich mit ihr warm werden -  auch wenn sie einen miesen Tag hat. Da muss ich also noch ´nen Dreh finden. Oder auch ein Kapitel vorweg schicken? Ich hatte angenommen, dass sich viele mit der durch Liebeskummer schlecht gelaunten Hauptperson identifizieren können -  dazu fehlt dann offensichtlich noch etwas Wichtiges.

Ihr Problem ist, dass sie noch nicht Fisch und nicht Fleisch ist, aber plötzlich durch ein Ereignis von außen (Trennung) aus ihrer verschlafenen Welt raus muss und ihre innere Stärke erst noch finden bzw. erkennen muss. wie ich diese Backstory am Anfang weglassen soll / kann, ist mir noch nicht ganz klar.
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Nette
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BeitragVerfasst am: 07.01.2014 08:03    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Kristin,

Danke! Felix knöpfe ich mir noch mal vor und mit der ersten Begegnung hast du völlig recht. das muss anders laufen.

Danke und LG
Nette
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Nette
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BeitragVerfasst am: 07.01.2014 08:06    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Mark,

ich bin manchmal etwas zu schlampig. zehn! Klar. Weiß ich eigentlich Wink

LG
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Nordlicht
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Beiträge: 4116



BeitragVerfasst am: 07.01.2014 18:26    Titel: Antworten mit Zitat

Nette hat Folgendes geschrieben:
Ich hatte angenommen, dass sich viele mit der durch Liebeskummer schlecht gelaunten Hauptperson identifizieren können -  dazu fehlt dann offensichtlich noch etwas Wichtiges.


Für mich fehlt ihr etwas Pepp oder irgendeine eine Eigenschaft, aufgrund derer ich sie in mein Leserherz schließen kann und mit ihr durch dick und dünn, durchs ganze Buch gehen will. Um sympathisch zu wirken, muss sie nicht unbedingt die Ultranette sein, es reicht mE, wenn sie interessant ist. Interessant sind hier ihre Freundin und die durchgeknallte Dodo.

Nette hat Folgendes geschrieben:
Ihr Problem ist, dass sie noch nicht Fisch und nicht Fleisch ist, aber plötzlich durch ein Ereignis von außen (Trennung) aus ihrer verschlafenen Welt raus muss und ihre innere Stärke erst noch finden bzw. erkennen muss. wie ich diese Backstory am Anfang weglassen soll / kann, ist mir noch nicht ganz klar.


Ein paar Brocken oder Hinweise auf die Backstory sind schon gut, aber eher so, dass sie Fragen aufwerfen. Das fördert das Mitdenken des Lesers fördert und somit einen gewissen Level von Neugier, wie es wohl weitergeht bzw dazu kam, und schafft Spannung.

Man denkt zu Anfang immer, dass man den Lesern die Charaktere erst mal gründlich vorstellen und erklären muss, weil sie sonst das Buch nicht verstehen.
Das ist aber ein Irrtum - wie gesagt, im normalen Leben bekommt man ja auch nicht zu jedem Menschen, den man trifft, einen Zettel mit dessen Backstory in die Hand gedrückt, sondern man lernt sich über die Zeit besser kennen. Es ist doch gerade dieses spannende Kennenlernen neuer Leute, das sie einem interessant macht, oder? Es wirft Fragen auf, man entdeckt unverhoffte Gemeinsamkeiten und völlig andere Meinungen. Das ist dynamisch, und auch auf Literatur übertragbar.


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Nette
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BeitragVerfasst am: 07.01.2014 22:22    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke Dir, Nordlicht. Gerade bin ich dabei, zu drehen. Ich stelle das zweite Kapitel an den Anfang, in dem die Prota durch ihr Verhalten viel mehr von sich preis gibt - und auch wesentlich dynamischer wirkt.

Da ich noch neu hier bin, weiß ich nicht, ob ich das Kapitel dann auch einfach hierher posten kann. Das wäre wahrscheinlich zu viel des Guten, oder?

LG
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Nordlicht
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BeitragVerfasst am: 07.01.2014 22:32    Titel: Antworten mit Zitat

Du kannst es hier im gleichen Thread posten, indem du das Fortsetzungskästchen mit einem Haken versiehst - dadurch erscheint bei deinem ersten Post ein Hinweis und Link zum neuen Kapitel.

Es wäre auf jeden Fall toll, wenn du auch die Texte von anderen Usern kommentieren würdest smile Die warten ja auch alle sehnlichst auf Echo und revanchieren sich dann evtl mit Feedback bei dir.


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Nette
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BeitragVerfasst am: 07.01.2014 22:46    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das mache ich auf jeden Fall! Hab auch schon fleißig bei anderen mitgelesen, mich aber noch nicht getraut, meine Kritik abzugeben. Very Happy
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Einar Inperson
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BeitragVerfasst am: 07.01.2014 23:01    Titel: Antworten mit Zitat

Nette hat Folgendes geschrieben:
Das mache ich auf jeden Fall! Hab auch schon fleißig bei anderen mitgelesen, mich aber noch nicht getraut, meine Kritik abzugeben. Very Happy


Na dann nur zu. Das macht süchtig. Shocked

Ich habe übrigens Spaß an Deiner Geschichte gehabt. Ab 'Wir klingelten.'

Warum nicht einfach in die Geschichte rein springen? Damit Ben nach Deinen Wünschen auch noch seinen Kurzauftritt hat, kannst Du ihn ja noch zum Appendix machen.

Zitat:
Nachdem wir bei Kaffee und übersüßten Plätzchen das wichtigste geklärt hatten, köpfte Dodo eine Flasche Prosecco, dann noch eine und schlussendlich stießen wir alle auf meinen glücklichen Neustart in Hamburg und mein neues Zuhause an.
Ben konnte mir ab sofort gestohlen bleiben.

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Zitat: "Ich habe nichts zu sagen, deshalb schreibe ich, weil ich nicht malen kann"
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"Ehrfurcht vor dem Leben" Albert Schweitzer
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Nette
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BeitragVerfasst am: 07.01.2014 23:35    Titel: vorangestelltes Kapitel pdf-Datei Antworten mit Zitat

So, wie angekündigt habe ich das zweite Kapitel nach vorn gestellt, wodurch die Prota (Cookie) meiner Meinung nach etwas mehr Farbe und Wärme bekommt.

Es ist lang, ich weiß. Mich würde vor allem eure Meinung zur Prota interessieren.
Arbeitstitel: Backwahn

Kapitel 1

„Wenn es nach Dir geht, habe ich immer alles im Griff, Mama. Hab ich aber nicht. Ich stehe nicht mitten im Leben, ich stehe direkt am Rand. Hinter mir locker flockige Landschaft mit Zuckerwattebüschen und Wurst am Stiel, vor mir ein Meer aus Pustekuchen. Nüschts!“ ich schaute meiner Mutter trotzig ins Gesicht und leckte Teig von den Rührstäben ihres Küchenmixers.

„Mensch, Cookie“ sagte meine Mutter. „Komm mal wieder auf den Boden. Mach mal` nen Punkt. Nach Regen kommt Sonnenschein. Übrigens: Teig hat auch Kalorien, Schätzchen“.
„Stopp, noch ein Wort und ich such mir den nächsten Abgrund freiwillig. Ben ist weg. Kannst Du das mal bitte als die Tragödie hinnehmen, die es für mich ist, statt mich mit Phrasen zu stopfen, wie eine Phrasenmastgans?“ ich wischte mir eine tränennasse Locke aus der Stirn.
„Oh, was für eine Tragödie. Tja, für Dich vielleicht“, stichelte meine Mutter: „Ich habe ja immer schon gewusst, dass Ben nicht der Mann für´s Leben ist. Er ist so selbstgefällig. Ich sag´s Dir, Süße. Einen schönen Mann hat man nie alleine.“
Jetzt ging das schon wieder los.
„Du begreifst es nicht, oder? Er hat mich verlassen, weil er mich nicht mehr liebt. Er hat keine andere. Ich hab ihn doch gefragt. Glaubst Du, ich bin doof?“
„Ja, ehrlich gesagt, ja. Blind und Doof. Und wenn du so weiter machst, blind, dick und doof,“ sagte sie und entriss mir die Teigschüssel.
„Ach Mama,“ jammerte ich und wischte meine Rotznase an ihrer Schulter ab.

Zwei Wochen nach diesem Gespräch, fünfzehn Tage und 7 Stunden nach meinem Leben mit Ben, packte ich das Wichtigste aus unserer gemeinsamen Wohnung zusammen. Ein paar Pflanzen, meine Klamotten, meinen Lieblingsohrensessel, unzählige Bücher und zirka zwanzig Kisten Küchenzubehör, über denen sich so mancher Konditormeister die Finger geleckt hätte. Schon Damals wurde ich von allen Cookie genannt, weil ich einen ausgesprochenen Backtick hatte. Wenn es bei mir nicht rund lief, musste ich backen. Musste ich für Prüfungen lernen, musste ich erst mal meine Küche neu sortieren, aufräumen und dann ausgiebig backen, bevor ich auch nur ein Buch aufschlug. Diverse Bewerbungen nach meinem Studium kamen nie ans Ziel, weil ich vor lauter Backarien die Bewerbungsfristen versäumt hatte und während ich meine Kisten packte, schlummerte im Ofen „Ellys Kummerkuchen“ vor sich hin. Meinte Großtante Elly hatte diesem für mich gebacken, als ich als Fünfjährige bei ihr Ferien machte, aber vor lauter Heimweh fast umkam. Das wahr wahrscheinlich der Auslöser für alles gewesen.

Ben hatte mich in der Wohnung allein gelassen und gesagt, ich könne mitnehmen, was ich wolle, er vertraue mir.
Das meiste aber wollte ich eh nicht mitnehmen. Die Dinge würden mich nur zu sehr an „uns“ erinnern. Ich verließ nicht umsonst Stadt und Bundesland. Ich wollte nicht mehr hier sein, nicht mehr an all den Orten, die wir zusammen entdeckt hatten. Allein die Vorstellung, ihn irgendwann zufällig auf der Straße mit einer neuen Freundin zu sehen, ließ mich in Tränen ausbrechen. Als Ben mir gesagt hatte „Cookie-Schätzchen, Du bist echt eine tolle Frau, aber ich liebe Dich einfach nicht mehr,“ hatte er mich damit mal eben wie einen Butterkeks in tausend Krümel zerbröselt. Und abgesehen davon, dass ich plötzlich nur noch aus Krumen bestand und nicht mehr wusste, wann meine Augen das letzte Mal länger als 24 Stunden trocken gewesen waren, war ich auch granatenwütend auf ihn. Warum musste ich eigentlich mein ganzes Leben umkrempeln, nur weil es ihm gerade so passte? Ich fand es schön so wie es war. Na gut, ich hätte nach dem Studium schon mal etwas mehr aus den Puschen kommen können, statt weiterhin mit Clara in den Tag hinein zu leben, zu backen und zu kellnern. Und ich hätte vielleicht nicht so eifersüchtig seien müssen, wenn er auf Partys mit anderen Mädels flirtete. Was war schon dabei. Appetit holen und dann zuhause essen, oder so ähnlich ging doch der Spruch. Und er hatte mir ja immer wieder erklärt, dass er gar nichts dafür könne, wenn die Frauen auf ihn zukämen. Das läge an seiner betörenden Oberlippe, die es locker mit der Lippe von George Clooney aufnehmen könne. Das klingt jetzt vielleicht wirklich absolut selbstgefällig – wenn man seine Oberlippe nicht kennt. Aber Ben hatte wahrhaftig phantastische Lippen!
 
Jetzt waren die Lippen wieder für alle freigegeben und die Düsseldorfer Frauenwelt stand bestimmt schon Schlange.
Was sollte das überhaupt heißen: ‚Du bist eine tolle Frau, aber ich liebe Dich nicht mehr.’ Ja was denn nun? Bin ich jetzt eine tolle Frau oder nicht? Pah! Von wegen tolle Frau. Tolle Frau, tolle Frau. Ich gebe Dir tolle Frau! Mich wirst Du so schnell nicht als Krümel wieder sehen, mein lieber Ben! Wenn Du mich irgendwann einmal wieder treffen solltest, dann, na dann BIN ich eine TOLLE FRAU! Und Du kannst mir dann mal im Mondschein begegnen, weil, ja weil ich dann nicht mehr auf so aufgeblasene Gockel wie dich reinfalle, die sich permanent um sich kreiseln und der Welt die Gnade der bloßen Gegenwart zuteil werden lassen. So!
Noch eine Kiste, dann bin ich raus hier! Und das Wort Ben und alles, was mit deiner Person zu tun hat, Schätzelein, streiche ich vorerst aus meinem Hirn. Das wäre doch gelacht, wenn ich dich nicht fachmännisch aus meinem Gedächtnis verdrängen könnte. Ich breche meine Zelte ab und bin raus hier. Stunde null. Rein ins Abenteurer – Jawollo!“

Selbstmotivation hieß die Devise. Ich war schon fast fest davon überzeugt, dass mein Umzug mit die beste Idee meines Lebens war, als Ben plötzlich vor mir stand.
 „Hallo,“ sagte er und blickte traurig zu mir runter. In seiner Hand hielt er – warum auch immer - einen mit einer gelben Schleife umwickelten roten Bunsenbrenner. Ich blickte von meiner Kiste auf und schaute ihn mit albern wütender Miene an. Immerhin hatte ich mich gerade noch in Rage gedacht. Meine Augen füllten sich dann aber leider innerhalb der nächsten Millisekunde mit Tränen – ein Reflex, der seit Tagen eintrat, sobald ich ihn sah. „Hallo“, sagte ich matt, „wolltest Du mich nicht allein lassen?“
„Ja schon, aber ich habe noch etwas für Dich,“ er lächelte zaghaft und blickte auf den Handbunsenbrenner. „Und wir müssen reden.“
In meinem Magen bildete sich ein Teerklumpen, der mein Gedärme mit sich nach unten zog. Moment. Dieses Gespräch hatten wir doch schon, oder nicht? Was konnte denn jetzt noch kommen und was sollte dieser alberne Bunsenbrenner bedeuten?
„Für Deine Crème brûlée,“ erriet Ben meine Gedanken. Den hattest Du Dir doch immer schon gewünscht.“ Ich blickte auf das rote Monster, das so gar nichts mit meiner Vorstellung von einem Crème brûlée-Brenner zu tun hatte, bedanke mich dennoch artig. Es war ja süß, dass er mir noch etwas zum Abschied schenkte. „Für Dich habe ich nichts“, sagte ich. „Du kannst aber den Fernseher behalten und den Küchentisch und unser Bett. Eigentlich nehme ich nur das hier mit,“ ich zeigte auf die gepackten Umzugskisten und den Ohrensessel. “Ich brauche nicht mehr, ich suche mir ja erst mal ein WG-Zimmer.“
Ben griff unvermittelt nach meiner Hand und führte mich zum Tisch. Er stellte den Bunsenbrenner zwischen uns und begann, mit seinen blauen Augen die Tischplatte zu hypnotisieren.
„Cookie, da gibt es noch etwas.“
Ich starrte ihn an und begriff: „Also doch eine andere Frau.“ Dabei hatte er mir geschworen, dass es keine andere gäbe. Ich hatte ihn gefragt, ich hatte ihn doch gefragt!

„Hach, was für ein Schätzchen! Bis zur letzten Sekunde liest er Dir Deine Wünsche von den Augen ab! Ich kotz im Dreieck!“ kreischte Clara. „Hast du das Teufelsding wenigstens angeschmissen und ihm seine prachtvolle Mähne abgefackelt? Oder - besser noch - diesem aufgeblasenen Gehirnkastraten einmal ordentlich zwischen die Beine gefeuert??!“
Ich lag auf ihrem Bett und schluchzte. „Nein – ich ich ich hab – ihn – nur angeguckt - und bin gegangen,“  schniefe ich und trötete in mein durchtränktes Taschentuch. Das war mal wieder typisch für mich. Statt ihm mit seinem bescheuerten Bunsenbrenner eins überzubraten oder die Karamellisier-Leistung an seinem polygamen Gemächt auszuprobieren, ließ ich mir die ganze erbarmungslose Wahrheit erzählen und er durfte dabei auch noch meine Hand halten. Dabei hatte der gute Ben schon seit einem halben Jahr „Yogastunden“ genommen. Und jetzt wusste ich auch, dass es sich dabei um Einzelunterricht bei seiner Exfreundin / Yogalehrerin / Frisöse handelte. Jetzt wusste ich, wer ihm seine Surfer-Mähne abgeschnitten hatte, ich wusste auch, warum er seit ein paar Wochen einen „neuen Männer-Duft ausprobierte“, und ich wusste, dass das zweite Handy kein Firmenhandy sondern ein Tête-à-Tête-Handy war. Oh Mann! Wie dämlich kann man eigentlich sein.
„Es ist ja kein Wunder, dass er sich eine andere sucht,“ winselte ich, „er hat mir tausend Zeichen gegeben, aber ich ha-ha-hab sie alle nicht erkannt! Ich war vielleicht zu ignorant! Sonst hä-hä-hätte ich es doch gemerkt. Und dann hä-hä-hätte ich um uns gekämpft und er hä-hä-hätte erkannt, dass so eine Yoga-Dumpfbirne nichts für ihn ist.“
„So ein Quatsch!“ Clara strich mir über die Locken. „Ben hat vielleicht einfach erkannt, dass er viel besser zu einer haarschneidenden Yoga-Dumpfbirne passt, die mit ihrem Kichererbsenhirn zu ihm aufschaut. Stell Dir vor, Cookie, wenn Du jetzt auch noch Karriere machst und plötzlich nicht mehr er der große Macker ist. Er hat einfach noch schnell den Absprung geschafft.“

Nach einigen herzzerreißenden Abschiedszeremonien mit Clara, die nicht mit nach Hamburg kommen konnte, da sie an meinem Umzugstag selbst einen neuen Job antreten würde und nach der Verabschiedung meiner meinen Eltern, die natürlich nicht mitkommen konnten, „Du weißt, doch, Papas Rücken - und ich hab mit der Boutique so viel um die Ohren“, und nach einer nicht enden wollenden Fahrt im gemieteten Sprinter über die A7 überquerte ich nach einer gefühlten Ewigkeit die vernebelten Elbbrücken. Wie wagemutig ich doch war: Cookie ganz allein auf in ein neues Leben.
Na ja, um ehrlich zu sein, hatte ich bis zum Kreuz Hannover so geheult, dass ich kaum die Lastwagen vor mir sehen konnte. Ich hatte mir so unglaublich leid getan, wie man sich nur leidtun kann. 1.: Weil ich mutterseelenallein war und ungeliebt, und hässlich und wahrscheinlich nie wieder einen Mann finden würde, der mich trotz Mobb auf dem Kopf und trotz Sommersprossen und Hammerzehen lieben würde - obwohl ich mir bei Ben auch nicht mehr so sicher war, ob er mich überhaupt jemals geliebt hatte. 2.: weil ich nie wieder einfach so mit Clara die Tage verklüngeln würde und die Nachmittage mit Back-Zeremonien (meinerseits) und wilden Plänen darüber, irgendwann ein Hotel mit Seminarbereich und Selbstfindungskursen zu eröffnen (ihrerseits) und 3.: weil – ja ich wiederhole mich an dieser Stelle gerne - ich der allerallereinsamste Mensch auf der ganzen Welt war, so einsam, dass ich sogar alleine umziehen musste. Doch dann hatte mich Sinnead O Connor geheilt, indem sie meinem Selbstmitleid den allerletzten Kick gegeben hatte. Als „Nothing compares to You“ aus dem Radio tönte, hatte ich aus Leibeskräften mitgesungen und mich damit tatsächlich erst mal kuriert, wechselte auf die A 7 Richtung Hamburg und beschloss, mich ab jetzt zusammen zu reißen.

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Kristin B. Sword
Geschlecht:weiblichSchreiberling

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Beiträge: 227
Wohnort: Bielefeld


BeitragVerfasst am: 08.01.2014 00:11    Titel: Antworten mit Zitat

Also, ich finde es viel besser so.

Wobei ich glaube ich die ersten beiden Sätze streichen würde, um den vierten näher an den Anfang zu rücken. Den finde ich nämlich echt gelungen.

Ansonsten ist es schon etwas spät für eine ausführlichere Antwort, aber ich dachte, das Feedback hilft dir erst mal mehr als nichts.

Viele Grüße,
Kristin
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Nordlicht
Geschlecht:weiblichWaldschrätin


Beiträge: 4116



BeitragVerfasst am: 08.01.2014 00:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hey, da ist mehr Pepp smile extra

Ich würde allerdings knallhart die erste Hälfte streichen und hier einsteigen:

Zitat:
Ich war schon fast fest davon überzeugt, dass mein Umzug mit die beste Idee meines Lebens war, als Ben plötzlich vor mir stand.
 „Hallo,“ sagte er und blickte traurig zu mir runter. In seiner Hand hielt er – warum auch immer - einen mit einer gelben Schleife umwickelten roten Bunsenbrenner.


Das scheint mir a) der Moment zu sein, wo deine Geschichte wirklich beginnt, und b) klingt das ein bisschen verrückt und zieht sofortige Action nach sich. All das, was davor kommt, braucht man an dieser Stelle nicht zu wissen und ist, finde ich, wesentlich uninteressanter als der Teil ab dieser Stelle smile
Es liefert einem so nicht schon die Teig-Mutter-Ben-Backstory auf dem Silbertablett, sondern eröffnet dir die Möglichkeit, das später hie und da an passenden Stellen in der Story einzuflechten.

Ach ja - in der wörtlichen Rede wird "du" nicht großgeschrieben.


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DonKorneo
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BeitragVerfasst am: 08.01.2014 00:47    Titel: Antworten mit Zitat

Hallihallo Nette,

auch, wenn ich wohl weder Zielgruppe bin, noch ein alter Hase in der Welt der Schreiber, lass ich dir ein paar Eindrücke da.

Generell hatte ich (vor allem mit der zweiten Version) wirklich viel Spaß.
Hab deutlich besser Zugang zu deiner Prota bekommen.

Was den Anfang angeht, muss ich mich Kristin UND Nordlicht anschließen.
Mir persönlich würde wohl folgende Variante am meisten zusagen:

Ich stehe nicht mitten im Leben, ich stehe direkt am Rand. Hinter mir locker flockige Landschaft mit Zuckerwattebüschen und Wurst am Stiel, vor mir ein Meer aus Pustekuchen. Nüschts!“ ich schaute meiner Mutter trotzig ins Gesicht und leckte Teig von den Rührstäben ihres Küchenmixers.
Der Teil hat mir sehr gut gefallen!
Nun, zwei Wochen später, hatte sich wenig geändert. Selbstmotivation hieß die Devise. Ich war schon fast fest davon überzeugt,...

Sagt mir, bei der Prota ist alles "am Arsch", aber nicht auf diese nervig heulende Art und Weise, sondern auf eine humoristisch unterhaltsame und weckt zugleich die Neugier genug um weiter zu lesen.

Hoffe meine bescheidene Ansicht hilft dir in irgend einer Weise weiter.

Liebe Grüße
Marcus

Edith sagt: Ich hatte witzigerweise vor ein paar Jahren angefangen einen ähnlichen Roman aus der Sicht eines Kerls zu schreiben. Sehr amüsant, das was ich noch im Kopf habe, geistig neben deine Geschichte zu halten.
Same same but different Wink


_________________
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Nette
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Beiträge: 15
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BeitragVerfasst am: 08.01.2014 09:59    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Ihr Drei,

Danke für´s Lesen und: Sehr gute Idee(n)! Ich werd den ersten bzw. zweiten Satz lassen und dann wirklich mit der Bunsenbrenner-Szene weiter machen. Alles andere kann ich ja später noch einstreuen und die Mutter muss auch nicht gleich am Anfang eingeführt werden....

Das "Du" groß geschrieben ist bei mir noch so drin. Bisher habe ich ja wenig wörtliche Rede geschrieben, sondern nur Mails, Briefe, Pressemeldungen ....


Merci! Und ich werd jetzt erst mal bei euch anderen Lesen und "zurückschlagen" Very Happy Wink

LG
Nette
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