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Shall
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 18
Beiträge: 13



BeitragVerfasst am: 29.06.2013 09:47    Titel: Der Spieler /1.1, 1.2 und 1.3 eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Erste Spielrunde:
Verzweifelte Suche


1

Akin Turay, Casino-Spieler

Wenn Gott so barmherzig ist, wie Er beschrieben wird, warum lässt Er sie dann so leiden?
Ärzte, Krankenschwestern und zwei Zivilpolizisten marschierten an dem apathischen, riesigen Mann vorbei, der nicht auf seine Umgebung achtete oder sich überhaupt einmal von der Glasscheibe abwand, die er schon die ganze Zeit berührte. Niemand wusste, wie es ihm ging oder was mit ihm los war, wie lange er schon vor dem Zimmer 211 stand, ohne ihn zu betreten, was er dachte oder wieso er das sterbenskranke Mädchen am Bett nur anstarrte. Ihr Körper war von Kanülen und Schläuchen überzogen, ihr Gesicht fahl und die blasse Haut wirkte so fragil wie Pergament.
Das einzige, was Außenstehenden auffiel und unbekümmert ignorierten, war, dass die Szenerie mit dem großen, traurigen Afrikaner bloß eine von vielen weiteren Dramen war, die sich in dem Kramer-Krankenhaus täglich abspielten. Für die Angestellten und das Personal war es mittlerweile üblich geworden, dass es hier so einige gab, deren Nahestehenden gestorben waren und keinen Trost von Fremden erhalten wollten – erst recht keine Kondolenz, die sowieso in erster Linie als Beruhigung des Angehörigen diente. So waren sie zu dem Entschluss gekommen, Freunde, Kollegen und Verwandte des Patienten in Ruhe zu lassen.
Wie auch Akin Turay.
Der zugestellte Arzt, ein gewisser Dr. Gupta, hatte jenes kleine Mädchen liebevoll ins Herz geschlossen und war bereit, alles nötige dafür zu tun, damit Halima Turay am Leben blieb. Doch der einzige lebende Verwandte der Familie der zwölfjährigen betete insgeheim das Gegenteil.
Du sollst keine Qualen mehr leiden, Hamila. Nach dem Tod kannst du zu Gott, in den Himmel gleiten, dachte Akin.
Er zuckte plötzlich zusammen, als ihn jemand am Arm streifte, und erwachte somit aus seinem tranceähnlichen, nachdenklichen Zustand, der ihn noch vor wenigen Sekunden vor seiner größten Entscheidung bewahrt hatte.
Er schaute seinem Gegenüber ins Gesicht. Der Postbote, der ihn berührt hatte, war mindestens zwei Köpfe kleiner und besaß eine Lockenkopffrisur, die eine provokante Aura zu verströmen schien, sobald man ihn auch nur flüchtig ansah.
Der Typ hatte seine Kopfhörer ausgezogen und starrte Akin nun ängstlich, mit einer erhobenen Hand, als würde er sich vor grellem Licht schützen wollen, in die dunklen Knopfaugen.
„Oh, Mann. D-das tut mir leid. Bitte verprügele mich nicht!“
Akin war zwar von kräftiger Statur und von wolkenkratzerartiger Größe, doch einem Menschen etwas anzutun – dazu war und würde er nie fähig sein. Er bevorzugte es lieber, Probleme und Missverständnisse mit Worten zu regeln, anstatt mit Gewalt. Selbst diese ruhige, gefasste Ausstrahlung, mit der er seine Muskeln versuchte, im Schatten stehen zu lassen, änderte letztlich nichts an der Tatsache, dass sein Aussehen dennoch einem furchteinflößenden, bedrohlichen Ringer, der, laut den bekannten Klischees, Stahl und Beton mit bloßen Händen zerreißen konnte, entsprach.
„Ist okay“, meinte er nur und warf wieder einen gedankenversunkenen Blick auf Hamila, die friedlich schlief, wie ein Engel.
Der Postbote folgte dessen Kopfrichtung. „Darf ich fragen, was die Kleine hat?“
Akin zögerte, schwankte über den Gedanken, etwas Persönliches preiszugeben oder es doch seinzulassen. Schließlich sagte er es: „Leukämie.“
„Oh, scheiße. Das tut mir leid.“
„Muss es ni -“
„... Meine Oma ist daran auch gestorben. Sie hat mir immer erzählt, wie es dich nach und nach zerstört. Unerträglich. Hat immer gejammert und wollte sterben. Lebte aber zu ihrem Leid noch deprimierende sechs Jahre.“
Der Postbote blies eine blaue Kaugummiblase, etwa vier Zentimeter groß, bis sie platzte. Akin hatte nicht gemerkt, wie sein Gegenüber sich während ihres Gesprächs die Kaumasse in den Mund gesteckt hatte, weswegen er jetzt erschrocken zusammenfuhr.
Der Postbote ließ seinen Blick über die Krankenschwestern schweifen.
„Meine Schwester ist nicht tot.“
„Äh, was, wer?“ Blinzelnd räusperte er sich und zwinkerte dann den Krankenschwestern zu.
Der Afrikaner mochte es nie, sich wiederholen zu müssen. „Das Mädchen auf dem Bett. Sie schläft. Nur selten ist sie wach, wenn ich bei ihr bin.“
Zuerst schien es so, als wäre dem Postboten die Situation unangenehm und er wüsste nicht, was er erwidern sollte. Dann erkannte Akin, dass der Typ dieses Gespräch einfach nur noch beenden wollte, um sich dem zu widmen, weswegen der Kerl hier war: die Post ausliefern – oder in seinem Sinne: mit Frauen flirten.
„Ich … ich geh jetzt rein“, unterbrach Akin endlich das Schweigen und öffnete ohne Umschweife die Tür von Zimmer 211.
Immerhin galt eine Entscheidung zu treffen.
Und als er neben seiner kleinen Schwester saß, ihrem Atem lauschte und beobachtete, wie sich ihr Brustkorb dabei hob und senkte, stand der Entschluss fest. Schon lange bevor er ihr tränennasses Gesicht angeschaut hatte und aus ihrem Mund die schrecklichsten und zugleich schönsten Wörter entströmt waren: „Ich will zu Gott.“
Er hatte lange darüber nachgedacht. Sowohl über die bösen, egoistischen Gedanken als auch über Hamilas Wohl. Starb sie, käme sie in den Himmel – aber sie würde auf der Erde den Menschen leiden lassen, der sie über alles liebte. Lebte sie weiter, würde die Krankheit sie schmerzen, bis ihre Seele langsam qualvoll aus dem Körper wichen würde.
Nächtelang hatte Akin kaum geschlafen, nur Tränen vergossen, war allein … und einsam. Es existierte eine Bestie in seiner Seele, die in Augenblicken, in denen förmlich sein Herz zerriss, aus ihrem Versteck kroch und an seinem Inneren nagte. Stück für Stück biss sie mit ihren Zähnen zu und krallte ihre Nägel in seine Seele wie ein Tier seine Beute, als wäre das, was seinem Körper Leben einhauchte, bloß ein Batzen Fleisch.
Hamila hatte sich entschieden, als er sie gefragt hatte, doch er konnte es nicht übers Herz bringen, ihren Tod zuzulassen.
Als Dr. Gupta zu ihnen kam, mochten Akins Worte egoistisch klingen, seine Gedanken aber galten nur seiner Schwester - die einzig Überlebende seiner Familie nach einem Bürgerkrieg. Und er durfte sie nicht verlieren.

2

Aurelia Leopold, Krankenschwester

„Sind Sie sich sicher?“
Der Polizist kam auf einmal ganz nah an die junge Frau, so als wolle er sie im nächsten Augenblick küssen. Seine Augen waren braun – ausdrucksvoll, aber freundlich und sanft, sodass die Masche, die er und dieser Psychologische Berater in der Kantine abzogen, als Böser Cop bei der Krankenschwester nicht funktionierte. Sie hatte die beiden Männer schon längst durchschaut, obwohl der ruhige Berater (Namen konnte Aurelia sich noch nie gut merken) während der Fragen nur geschwiegen und ihr ab und an ein schwaches Lächeln geschickt hatte. Ihr war aufgefallen, dass das Lächeln aus irgendeinem Grund scheinheilig wirkte, als würde sich dahinter etwas verbergen, und dass er sie unentwegt beobachtete.
Aurelia brachte ein knappes „Ja“ hervor, ehe sie genervt die Augen rollte. Zufälligerweise kam der Klinikleiter Joseph Kramer gerade, als der Böse Cop die ganze Wahrheit der jungen Frau enthüllte, die nur außerhalb ihres Jobs stattfand. Irgendwo in verdunkelten Hotelzimmern, in der sie ihre Nebentätigkeit erledigte.
„Weiß denn der Chef, dass Sie neben dem Waschen, Salben und Kümmern Ihrer Patienten auch noch die Prostitution betreiben? Loreen Schwalbe war genau gestern um halb sieben in diesem Bordell mit Ihnen zusammen gewesen, bevor ihr Hals umgedreht wurde. Und da wollen Sie mir sagen, dass Sie nichts mit der Frau zu tun hatten?“
Kramer war neben den Guten Cop getreten und hielt sich nun die Hand vor dem Mund. „Ist das wahr, Aurelia?“
„Oh, guten Morgen, Herr Kramer“, begrüßte der Böse Cop den Klinikleiter, sichtlich amüsiert über das Eintreffen von ihm.
Kramers Augen waren geweitet, als hätte er so eben einen Schock erlitten, der ihn Nerven kostete, um auch nur einen Satz hervorzubringen. „Morgen, Herr Kommissar Lilton.“
Die Krankenschwester war drauf und dran, ihren Job zu verlieren, wenn sie das Missverständnis jetzt nicht aufklärte. „Hören Sie, das, was ich tue, sehen die Beamten als Hurerei. Aber das verstehen die Männer total falsch.“
Lilton kicherte grunzend, als wären all ihre Erklärungen bloß ein schlechter Witz, den man korrigieren musste. „Was ist daran bitteschön falsch zu verstehen?“
Den wahren Grund ihrer Nebentätigkeit würden die Polizisten und der Klinikleiter wirklich nicht verstehen, weshalb Aurelia eine gute Ausrede einfallen musste. Und die gängigste überhaupt bezüglich „Verkauf seines eigenen Körpers“ musste sie nicht erfinden. Manchmal kam es ihr vor, als gäbe es einen Teleprompter vor ihrem geistigen Auge, von dem sie all ihre Ausreden mühelos ablesen konnte.
Sie legte die Hände in den Schoß und neigte den Kopf etwas zur Seite. Die Stimme verstellte sie um einen Ton höher und ihre Mimik und Gestik ein Stück verzweifelter als zuvor. Es kam ihr leicht über die Lippen – wie all ihre Lügen. „Es ist mir unangenehm … Wissen Sie, ich habe nicht viel Geld und ...“
Diesmal meldete sich der ruhige Psychologische Berater zu Wort und ließ sie gar nicht erst ausreden. „Ich bitte Sie. Wir haben keine Zeit für die Theatralik unserer polizeilichen Ermittlung“, unterbrach er sie bestimmt, aber höflich. Er warf dem Kommissar einen diskreten Blick zu.
„In Ordnung, Frau Leopold“, stöhnte Lilton, als er sich vom Stuhl erhob und auf den Beinen leicht schwankte. „Eine wichtige Besprechung wartet auf uns. Wir werden das erst mal so zu Protokoll nehmen. Aber damit hat es sich noch nicht.“
Der drohende Unterton bewirkte bei Aurelia nichts, das ihr hätte Angst bereiten sollen. Ohnehin waren die Rollen der Masche „Guter Cop – Böser Cop“ vertauscht worden. Denn allein schon die zwei Sätze des Beraters hatten in ihr ein mulmiges Gefühl erzeugt, das sie immer noch spürte und nicht abschütteln konnte – auch nicht, als die Polizisten die Kantine verlassen hatten und der Klinikleiter mit den Fingern schnipste und ihren Namen rief.
„Aurelia?“
Erst nach dem vierten Mal reagierte sie und sah Kramer an. „Tut mir leid.“
„Entschuldigen Sie sich nicht.“
Er zog eine gelbe Mappe aus seiner Innenjackentasche hervor und legte ihn auf den Kantinentisch.
„Das ist meine Bewerbungsmappe gewesen, als ich mich hier beworben ha -“ Noch mitten im Satz stockte sie, hielt den Atem an und starrte eine Weile den Ordner und dann den Klinikleiter an. Nein, das kann nicht wahr sein.
Als hätte er ihren unausgesprochenen Gedanken gehört und wollte widersprechen, sagte er: „Ja. Hiermit sind Sie offiziell nicht mehr Krankenschwester in diesem Krankenhaus.“
Sie merkte ihm an, wie schwer es ihm gefallen war, ihr den Job zu kündigen. Kramer war ein viel zu intelligenter Mensch, um sich von privaten Nebensächlichkeiten irritieren zu lassen, weswegen er sicher einen anderen Grund für die Entlassung seiner besten Krankenschwester parat hatte. Er wusste Bescheid. Davon, dass ich eine abgebrochene Ausbildung habe.
„Es tut mir wirklich leid, Aurelia. Sie waren eine ausgezeichnete Krankenschwester. Jeder Patient war zufrieden mit Ihnen und hat über Sie geschwärmt, doch … dann muss ich herausfinden, dass die Lieblingskrankenschwester aller mir etwas vorgegaukelt … mich, mich belogen hat!“
Es erschien ihr eine Ironie, dass das Schlimmste – anscheinend der Umstand, dass sie gelogen hatte – für sie das Normalste auf der Welt war. So sah sie ihren Fehler nicht ein, als Kramer sie schweren Herzens bat, ihre Sachen aus dem Schrank zu holen.
Natürlich hatte es Aurelia getroffen, und ihr war klar, dass es nicht richtig gewesen war trotz der Tatsache, die der Klinikleiter sogar hervorgehoben hatte, dass sie ihren Job meisterhaft konnte. Sie hatte ihm nicht widersprochen, war still geblieben und dann aus der Kantine getreten, obwohl ihr Kramers Entscheidung in gewisser Weise irrational und unverständlich erschien – und das trotz seines enormen Intellekts, das sie an ihm schätzte. Sie hatte sich sein Verhalten eben auch nicht erklären können. Die Widersprüchlichkeit, die seine Ausrede (und es war definitiv eine) enthielt, ergab keinen Sinn. Vielleicht aber war er lediglich sehr aufgeregt und nervös gewesen.
Auf dem Weg zum Aufzug, um in den Privatraum in Etage 5 zu gelangen, begegnete ihr eine fröhliche blonde Krankenschwester, deren Name ihr nicht bewusst war. Ihr war es auch gleichgültig. Sie hörte dem Wirbel, der ununterbrochen redete, kaum zu. Hätte sie ihrer Niedergeschlagenheit freien Lauf gelassen, würde sie wahrscheinlich so apathisch aussehen wie der Afrikaner vor Zimmer 211, der sich mit trübem Gesichtsausdruck mit einem Postboten unterhielt, der aber definitiv mit anderen Dingen beschäftigt war. Aber da sie ein Profi in Sachen „Lüge und Schein“ war, konnte sie ihre emotionale Achterbahn – in diesem Falle – gut mit einem Nicken und Lächeln überspielen, ohne dass ein Außenstehender hätte Verdacht auf ihren inneren Zustand schöpfen können.
Und wie sie so nickte und lächelte, wurde ihr schmerzlich bewusst, dass der Druck in der Brust stetig wuchs. Je mehr sie vorspielte, mit ihr sei alles in Ordnung, desto größer wurde diese … Leere in ihr, als wäre sie innerlich tot, als würde sie nicht existieren. Es schnürte ihr förmlich die Kehle zu, ließ sie nur schwer atmen. Doch sie unterdrückte den Impuls, auf der Stelle in Tränen auszubrechen und sich zitternd auf den kalten Boden zu legen.
Im Augenwinkel konnte sie erkennen, wie der Postbote mit der Blondine flirtete und die sich darauf albern lachend wieder zu ihrer ehemaligen Kollegin umdrehte.
Aurelia betätigte den blinkenden Knopf des Aufzugs, weiter mit einem Ohr zuhörend, um auf eine eventuelle Frage zu antworten. Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der sie glaubte, die Krankenschwester hatte beim Plappern bestimmt bloß zwei, drei Atemzüge geholt, glitt die Fahrstuhltür endlich auf. Seufzend stieg sie ein, begleitet von der Blondine.
Als sich die beiden vor dem Privatraum der Etage 5 befanden, hörte sie der Krankenschwester, die nun auf Aurelia einging, für einen Moment zu.
„Na ja, genug über mich. Wie geht es dir denn, Aurnia? Hab dich in der Kantine mit dem Chef gesehen.“
Aurelia kratzte sich am Hinterkopf. „Ich heiße Aurelia“, korrigierte sie, obwohl ihr selbst ironischerweise noch nicht einmal der Name der Krankenschwester bekannt war.
„Sorry. Was war denn nun vorhin?“
Sie überlegte, ob sie einer dritten Person etwas anvertrauen sollte. Ihr wurde dann aber bewusst, dass die Kündigung des Chefs keine persönliche Angelegenheit war und nach spätestens zwei Tagen sowieso ans Licht der Öffentlichkeit geraten würde.
„Ich wurde entlassen.“
Die Blondine folgte ihr in den Privatraum für das Personal. Sie wirkte entsetzt. „Warum denn das?“
„Unwichtig.“ Das Wort verließ schnell Aurelias Mund. Zu schnell, um einer guten Lüge zu entsprechen. Eilig fügte sie mit einem unmissverständlichen Wink hinzu: „Ich habe einen Fehler gemacht. Und jetzt muss ich die Konsequenzen tragen.“
„Verstehe.“ Die Krankenschwester schien es tatsächlich zu verstehen. „Ich wünsche dir alles Gute.“
Beide nickten sich noch gegenseitig zu, ehe die Blondine verschwand.
Bevor der schrille Alarm läutete, schossen Aurelia ihre letzten Worte durch den Kopf: Ich habe einen Fehler gemacht. Und jetzt muss ich die Konsequenzen tragen.
Wie schon so oft hatte sie Fehler begangen – das tat jeder. Doch in ihrem Leben galt deswegen, diese zu vermeiden. Und der Fehler vor fünf Jahren, als sie die Unterlagen für die Bewerbung gefälscht hatte, war im Vergleich zu denen, die sie noch in den nächsten Tagen verüben würde, harmlos.

3

Der Sicherheitsmann zuckt immer noch am Boden.
Obwohl ich den Elektroschocker bereits vor einer Minute an den Kerl angewendet habe, besteht die Wirkung des Gefühls, als würde ein Strom alle paar Sekunden durch die Glieder fahren, immer noch.
Ich lächle hämisch. Gibt es in dieser Klinik doch tatsächlich nur einen Sicherheitsmann im Videoüberwachungsraum, der dazu noch – sollte jemals ein unerwünschter Gast dort aufkreuzen, wie etwa ich - von einem übergewichtigen, nach Schweiß riechenden Polizist verteidigt wird, der sich bestimmt noch nicht einmal selber retten kann. Allein schon, als ich den Raum betrat, hat er sich mehr mit seinem China-Essen beschäftigt als mit den Monitoren, auf denen zu sehen war, wie ich mit übergestülpter Kapuze durch den Gang auf den Videoüberwachungsraum zu gehe, bedacht darauf, das Gesicht durch den Stoff möglichst gut zu verdecken. Und während der Fette in schnellen Zügen die Nudeln verschlang, hat er gar nicht gemerkt, wie ein Kollege der Polizei den Elektroschocker hob und den auf seinen nackten, speckigen Hals herabfahren ließ. Nach der leichten Überwältigung habe ich den roten Knopf betätigt, der einen Alarm auslöste.
Ich lehne mich auf dem Stuhl zurück, ignoriere auf dem weichen Sitz die widerwärtige Wärme, die der Polizist nach sieben Stunden auf dem Polster hinterlassen hat, und beobachte auf den Bildschirmen die Panik in Menschenform höchstpersönlich. Ihre Gesichtsausdrücke verraten auf jedem Monitor etwas anderes: Angst, es könne ein Feuer ausgebrochen sein. Gleichgültigkeit – das ganze könne sich auch nur um einen öden Scherz handeln, dem ein kleiner Schmarotzer der Intensivstation eingefallen sein muss. Wut – das ganze könne doch kein Scheißscherz sein und wäre bitterer Ernst und, laut den strengen Gläubigen, die Strafe eines qualvollen Todes für jeden Sünder, der jetzt nicht sofort ein Gebet murmelt und beichtet. Doch eines haben sie alle gemeinsam - es schweißt sie zusammen. Die Ängstlichen, Gleichgültigen, Wütenden und Gläubigen wollen in diesem Moment alle nur noch raus aus der Klinik und müssen somit zusammenarbeiten, egal, was ihr Ziel dabei wirklich ist. Teamarbeit ist nämlich die primäre Basis, auf der Zusammenhalt und Vertrauten bauen kann – und Verrat.
Nacheinander fassen vier von fünf Kameras die Aufnahme derjenigen Menschen, denen das ganze Chaos gewidmet ist. Ich friere die Bildschirme ein und studiere dann ihre Gesichter genau, präge mir jede Einzelheit ein, um mir ein Bild ihrer psychischen Verfassung zu machen. Denn auf dem Gebiet der Analyse von Personen bin ich unschlagbar. Schon anhand des Verhaltens kann ich einschätzen, was für ein Mensch die Person ist, ob sie lügt oder die Wahrheit sagt … oder ob sie die Nerven zum Mitspielen meines Spiels hat.
Und nach gründlicher Betrachtung steht auf jeden Fall fest; die vier Personen auf den Monitoren haben die Nerven dazu.
Anfangs allerdings wird es schwierig werden, sie mit den Spielregeln vertraut zu machen, weil sie – selbstverständlich, wohl gemerkt - nicht fakultativ mitspielen. Und ihren Widerstand muss ich natürlich brechen, indem ich ihnen das Wichtigste wegnehme, was ihnen das gegeben hat, das sie brauchen: Liebe.
Ich schaue noch einmal zum störrischen Polizisten, der vorhin unentwegt einen zitternden Tanz nach dem anderen fabriziert hat, und muss lachen.
Er hat aufgehört, zu zucken.

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KeTam
Geschlecht:weiblichUngeduld

Alter: 43
Beiträge: 6750

Das goldene Gleis Ei 1
Ei 10 Ei 8


BeitragVerfasst am: 29.06.2013 10:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Shall,

ich finde es schade, dass du, anstatt auf Feedback zu reagieren, oder auch mal an einem Text zu arbeiten, immer nur einen weiteren Text einstellst.

Und es wäre auch schön, wenn du dich selbst etwas mit Textarbeit/Feedback bei anderen Usern einbringen würdest.
Denn ich denke, so wirst du mit der Zeit kein Feedback mehr bekommen.

Lg, KeTam.
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Shall
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 18
Beiträge: 13



BeitragVerfasst am: 29.06.2013 12:57    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

KeTam hat Folgendes geschrieben:
Hallo Shall,

ich finde es schade, dass du, anstatt auf Feedback zu reagieren, oder auch mal an einem Text zu arbeiten, immer nur einen weiteren Text einstellst.

Und es wäre auch schön, wenn du dich selbst etwas mit Textarbeit/Feedback bei anderen Usern einbringen würdest.
Denn ich denke, so wirst du mit der Zeit kein Feedback mehr bekommen.

Lg, KeTam.


Hi.
Okay, werde ich machen.
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