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Der junge Herr zu Grauenstein


 

 
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Myrtana222
Geschlecht:männlichSchreiberassi

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Beiträge: 50
Wohnort: Biberach an der Riss, Baden-Württemberg


BeitragVerfasst am: 21.05.2013 20:37    Titel: Der junge Herr zu Grauenstein eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hey, diese Geschichte wird vielleicht einmal Teil meines Projektes für den Literaturkurs meiner Klasse, ich will einfach ein paar kritische Meinungen zu der Geschichte und den verwendeten Stoffen lesen. Die Charaktere orientieren sich leicht an einigen Charakteren aus George R.R. Martins "Das Lied von Eis und Feuer", sind aber nicht als Fan Fiction angesetzt und stellen eine völlig eigene Geschichte ohne Bezug zur Bücherreihe dar.



Die herbstliche Sonne tauchte den Waldweg in strahlendes Rotgold, es war einer der letzten wirklich warmen und langen Tage des Jahres. Die Luft roch bereits erdig und nach dem herben Geruch welker Blätter, Drosseln sammelten sich in Schwärmen, um in ihre Winterquartiere im Süden zu ziehen.
Die abendliche Stille wurde plötzlich von dem Gebell von Hunden gebrochen. Ein Reh brach   panisch durch das spärliche Unterholz, seine Hufe versanken im feuchten Morast des Waldwegs und behinderten es auf seiner wilden Flucht vor der Meute. Meter um Meter kämpfte es sich durch den schweren Schlamm. Gerade, als es seine Hufe auf trockenen Boden gesetzt hatte, zerteilte ein Pfeil die Luft und blieb im Hinterlauf des noch jungen Tieres stecken. Das Reh brach blökend zusammen, richtete sich auf und kroch auf drei Beinen weiter, bis sich ein weiterer Pfeil in seine Seite bohrte und es endgültig zusammenbrach.
Drei Reiter, hinter sich eine Meute bellender Jagdhunde, umstellten das Tier, das stetig Blut aus seinen Wunden verlor. Einer der Reiter hatte noch seinen Bogen in er Hand, er blickte zu seinem Herrn an seiner Seite, einem jungen Mann mit kalten, grauen Augen und braunem Haar, bis dieser ihm wortlos zunickte. Daraufhin stieg der Schütze ab, zog ein scharfes Messer und durchtrennte dem Tier die Kehle. Die Augen des Rehs weiteten sich und zuckten panisch umher, sein Mund war geöffnet wie zu einem stummen Schrei, bis es zuletzt erschlaffte und sein Blick starr wurde.
„Gut gemacht. Bindet es an den Beinen zusammen und danach an ein Pferd:“
Wenn es etwas gab, was an ihm noch kälter war als seine Augen, so war es seine Stimme. Er besaß eine Stimme, die schärfer und kälter Schnitt als jedes Schwert und unweigerlich eine Gänsehaut auf den Armen verursachte. Die Stimme eines Mannes, dessen Worten man gerne Folge leistete und ungern widersprach.
„Ein kräftiges Tier, ich lasse es morgen zum Auftakt für die Hinrichtungen auftragen. Wir kehren zurück, bevor...“
„Herr...“ Für gewöhnlich sprach sein Gefolge wenig, die beiden Männer wussten, dass sie sich den Zorn ihres Herrn zuzogen, wenn sie ihn ungebeten ansprachen oder ihn gar unterbrachen. Doch der Mann zeigte sichtlich beunruhigt mit seinem Arm in die Richtung des Sonnenuntergangs, sodass es seinem Herrn schwerfiel, etwas zu erkennen.
Doch nach und nach schälte sich eine dunkle Gestalt aus dem grellen Licht der Sonne, ein einzelner gebeugter Reiter auf einer dunklen Stute. Er trug einen abgewetzten, ausgefransten Kapuzenmantel, der schwarz war wie die Nacht und sein Gesicht gänzlich in Schatten warf. Seine Stute hatte ebenso rabenschwarzes Fell und war bis auf die Knochen abgemagert, als könne es sich nicht an dem üppigen Gras am Wegesrand satt fressen. Er führte sie mit Zügeln, die er locker in einer Hand hielt.
Der junge Adlige lächelte boshaft. „Guten Tag, Wanderer. Wie nennt Ihr Euch? Es wird spät, wollt ihr uns nicht auf unserem Rückweg begleiten?“
Der Wanderer hielt seine Stute an, und plötzlich schienen augenlose Blicke den jungen Mann aus der Kapuze heraus zu durchbohren.
„Meinen Namen wollt ihr erfahren?“ Seine Stimme hatte trotz seiner unscheinbaren Gestalt eine durchdringende Stärke. Nachdem er keine Antwort erhielt, erhob er seine Stimme und sprach:
„Ich kenne Euren Namen und weiß wer ihr seid. Ihr seid der junge Herr von Grauenstein, der seinen verblichenen Vater so früh abgelöst hat. Hinter vorgehaltener Hand nennt man euch grausam, eure Feinde verfolgt ihr erbarmungslos und foltert und häutet jene, die sich freiwillig ergeben. Was ihr wollt, das nehmt ihr euch, sei es eine Frau oder Besitz. Euer Volk hasst Euch, und Eure größte Freude ist die Jagd, vor allem die auf Menschen.“
„Und was, wenn ich dieser Mann wäre?“ Unterdrückte Wut und Mordlust brannten dem Herrn zu Grauenstein in den Augen, und mit einem fast unsichtbaren Wink bedeutete er seinem Gefolgsmann, einen weiteren Pfeil auf die Sehne zu legen.
Doch da hob der Wanderer seinen Arm und reckte diesen, als deute er direkt auf den Adligen. Ein Knochen schälte sich aus dem Ärmel, ein Knochen, gelblich verblichen und ohne Finger. Die drei Männer erschraken zutiefst, und der Pfeil des Schützen fiel von der ungespannten Sehne.
„Drei Tote. Drei tote Männer verspreche ich euch, hier auf dieser Lichtung. Sie werden büßen für ihre Taten, sie werden ihr Leben lassen für ihre Vergehen. Ihre kalten, verdorbenen Herzen werden keine Ruhe finden, bis sie ihren letzten Schlag getan haben. Sterben werden sie, ermordet durch ihre Untreue, gerichtet durch ihre Verbrechen.“
Und zum ersten Mal in seinem Leben zeigten die Augen des jungen Herrn von Grauenstein Furcht. Sein Gefolgsmann, der das Reh geschossen hatte, griff nach einem neuen Pfeil, doch der Adlige hob seinem Arm und bedeutete ihm einzuhalten.
„Nein“, flüsterte er, denn er glaubte, dem leibhaftigen Tod selbst begegnet zu sein. Daraufhin lenkte der Wanderer ohne ein weiteres Wort seine schwarze Stute an den Jägern vorbei und verschwand im Dickicht und verschmolz dort mit den Schatten.
Erwartungsvoll betrachteten die Gefolgsmänner ihren Herren. Dieser hatte seine Beherrschung wiedergewonnen.
„Wenn auch nur ein Wort über diesen Mann eure Lippen verlässt, findet ihr euch noch am selben Tag am Galgen wieder, ohne eure Lippen und ohne eure Haut. Habt ihr mich verstanden?“

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Altair
Schreiberassi


Beiträge: 48



BeitragVerfasst am: 22.05.2013 06:49    Titel: Antworten mit Zitat

- Sterben werden sie, ermordet durch ihre Untreue, gerichtet durch ihre Verbrechen. -

Für meine Begriffe passt 'ermordet' nicht in diesem Zusammenhang.

Ansonsten liest es sich gut und flüssig - und durchaus spannend


Altair
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Gamone
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BeitragVerfasst am: 22.05.2013 08:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Myrtana,
ich stimme Altair zu. Ermordet passt für mich auch nicht richtig. Gemeuchelt, oder etwas in der Art würde mE besser passen.

Als Text hat es mir aber sonst ganz gut gefallen.

LG
Gamone


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Altair
Schreiberassi


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BeitragVerfasst am: 22.05.2013 11:28    Titel: Antworten mit Zitat

Na Klasse... jetzt schleppe ich das den ganzen Vormittag mit mir herum

- Sterben werden sie, ermordet durch ihre Untreue, gerichtet durch ihre Verbrechen. -

Sterben werden sie - gerichtet durch ihre Verbrechen!

gemeuchelt?

gestraft, bestraft für ihre Untreue...
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Gamone
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

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Beiträge: 1135
Wohnort: NRW


BeitragVerfasst am: 22.05.2013 12:02    Titel: Antworten mit Zitat

Meinetwegen auch gestraft. Ich dachte an etwas Geschwolleneres für ermordet. Da gibt's nicht viel, aber ge/bestraft passt auch gut.
Ändert aber nix daran, dass mir der Text an sich - und ohne, dass ich das angeführte Vorbild kenne - gefällt!


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KateSiaya
Geschlecht:weiblichAbc-Schütze


Beiträge: 4



BeitragVerfasst am: 22.05.2013 12:46    Titel: Antworten mit Zitat

Wow... wie geht es weiter, wie geht es weiter? *ungeduldig auf dem Stuhl hin- und herrutscht*
Jedoch eine Kritik hätte ich auch: Die ersten Sätze lesen sich für mich etwas zäh. Ich finde, es sind ein bisschen zu viele Beschreibungen, bevor irgend etwas interessantes passiert. Vielleicht solltest du die Umgebungsbeschreibung etwas kürzen. Aber sonst finde ich es echt gelungen. Wann gibt es die Fortsetzung?

LG Kate   Smile
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MiaFey
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling

Alter: 43
Beiträge: 119
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BeitragVerfasst am: 22.05.2013 14:43    Titel: Antworten mit Zitat

Mir gefällt der Text auch sehr gut. Aber eine Kleinigkeit ist mir aufgefallen. Ich kann es jetzt nicht wirklich beschwören, aber meines Wissens nach, sind Drosseln keine Zugvögel.

Vielleicht irre ich mich auch, aber es ist mir halt aufgefallen.
Ansonsten bin ich auch neugierig wie es weitergeht.

LG Mia
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Kateli
Geschlecht:weiblichSchreiberling

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Das goldene Gleis


BeitragVerfasst am: 22.05.2013 14:53    Titel: Re: Der junge Herr zu Grauenstein Antworten mit Zitat

Hallo Myrtana!

Man merkt, dass in diesem Text eine Menge Arbeit und Herzblut drinsteckt und dass du dir viele Gedanken gemacht hast. Er steckt voller Details, die sehr geeignet sind, eine Atmosphäre zu schaffen, das gelingt dir sehr gut.
Die Geschichte beginnt vielversprechend, du hast mich neugierig gemacht, wie es weitergeht!
So, und jetzt kommt das Aber Wink
Viele Sätze sind mir zu lang, das beginnt schon im ersten Abschnitt (ich persönlich würde den ersten und den letzten der vier Teilsätze auf sich alleine stellen, und höchstens die beiden mittleren zu einem Satz fassen).
Du benutzt recht viele Adjektive ... vielleicht magst du dahingehend selbst noch mal drüberschauen?
Ich habe im Anschluss mal noch (beispielhaft) ein paar Stellen rausgepickt, die dir zeigen, woran du noch ein wenig feilen könntest. Und: Sei mutig. Versuche ruhig, jede einzelne Info, jeden einzelnen Satz, jedes Wort auf seine Notwendigkeit zu prüfen, und einfach einen Teil davon zu streichen. Du wirst sehen, das verleiht dem Rest wesentlich mehr Gewicht und Tiefe!


"Die abendliche Stille wurde plötzlich von dem Gebell von Hunden gebrochen."  Gebrochene Stille ist noch verbesserungsfähig, finde ich. Vielleicht zerrissen?

" Ein Reh brach panisch durch das spärliche Unterholz, seine Hufe versanken im feuchten Morast ..." Würde hier für "Läufe" statt der Hufe plädieren. Es stimmt, Rehe sind Paarhufer, die Dinger am unteren Ende heißen bei ihnen aber "Klauen", aber das wäre Käse im Text, oder nicht?

"Gerade, als es seine Hufe auf trockenen Boden gesetzt hatte, zerteilte ein Pfeil die Luft und blieb im Hinterlauf des noch jungen Tieres stecken. " Wie gesagt, mir gefällt, wie du aus Details eine Atmosphäre erwachsen lässt, aber hier sind es für mich zu viele davon. Ob das Reh noch jung ist, ist hier nicht von Belang - wenn für dich doch, mach von Anfang an ein Kitz draus. Es reißt mich aus dem Lesefluss, wenn ich in einem spannenden Moment nebensächliche Infos verarbeiten muss.

" umstellten das Tier, das stetig Blut aus seinen Wunden verlor." Auch hier würde ich um des Leseflusses willen kürzen: Das (aus vielen Wunden) blutende Tier oder so reicht vollkommen.

"Die Augen des Rehs weiteten sich und zuckten panisch umher, sein Mund war geöffnet wie zu einem stummen Schrei, bis es zuletzt erschlaffte und sein Blick starr wurde. " Mund geht hier nicht, Schrei irgendwie auch nicht, zu menschlich. Vielleicht irgendwas wie "die Kiefer weit geöffnet, aber stumm" oder so - oder das gesamte Sterben des Rehs ebenfalls auf ein Minimum eindampfen (Nach einem letzten stummen Aufbäumen fiel es mit blicklosen Augen zu Seite, nur so dahingebrabbelt)

"Er trug einen abgewetzten, ausgefransten Kapuzenmantel" Hier zum Beispiel kannst du eins der Adjektive bequem weglassen, das Bild bleibt dasselbe. Oder gleich (mutiger, kürzer): Sein abgewetzter Kapuzenmantel warf sein Gesicht gänzlich in nachtschwarze Schatten. Weißt du, was ich meine?

Dein Text hat Potential, mach was draus!

Viele Grüße
Nina
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Myrtana222
Geschlecht:männlichSchreiberassi

Alter: 25
Beiträge: 50
Wohnort: Biberach an der Riss, Baden-Württemberg


BeitragVerfasst am: 23.05.2013 17:48    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich werde mir eure Ratschläge zu Herzen nehmen, vor allem, was meine Schachtelsätze angeht. Ich höre oft, dass ich zu kompliziert und uneingänglich schreibe und versuche in Zukunft etwas einfacher zu schreiben.
Vorerst gibt es aber eine kleine Fortetzung meiner Kurzgeschichte, die zugegeben nicht sonderlich interessant ist, aber einige wichtige Grundsteine für die Handlung legt:



Wortlos nickten seine treuen Kreaturen, wohl wissend, dass es bei einem falschen Wort nicht nur bei der angedrohten Marter bleiben würde.
Die Sonne war längst untergegangen, der Himmel war wolkenlos und von Sternen bedeckt, und der Mond warf gerade genug Licht für die Jäger, um den Pfad zu ihren Füßen zu erkennen, bis sich das Dickicht des Waldes lichtete. Sie ritten langsam, um nicht zu riskieren, dass sich eines ihrer Pferde ein Bein brach. Der schlaffe Körper des Rehs schaukelte im Rhythmus des sachten Ritts, als stecke noch etwas Leben in ihm.
Sie kamen an den Stoppelfeldern der letzten Getreideernte vorbei. Die Ernte war dieses Jahr ausgesprochen gut, doch die verschärften Abgaben und Frondienste hingen dem niederen Volk am Leib wie eine eiserne Kette. Eben so eine zermürbte Gestalt humpelte vor ihnen über den Weg, seine Wangen waren eingefallen und er schien einen Klumpfuß zu haben. Über seiner Schulter hingen eine simple Armbrust und - drei Schneehühner.
Sofort stiegen die Männer des Adelsmanns ab.
„Weißt du nicht, was dein Herr veranlasst hat? Das sowohl Klein- als auch Rotwild in diesen Wäldern nur ihm und seinen Gästen zusteht? Knie gefälligst nieder, wenn dein Herr vor dir steht, Bauer!“
Mit erschrockenen und weit aufgerissenen Augen warf sich der Bauer nieder und versuchte, auf seinen verkrüppelten Füßen das Gleichgewicht zu halten, während er unbeholfen kniete, sehr zur Belustigung der beiden Männer.
„Du kennst die Strafe für dieses Vergehen?“ Mit diesen Worten schlug der Gefolgsmann den Bauern mit der bloßen Faust und brach ihm einige seiner schlechten Zähne aus.
Früher hätte diese Szene den jungen Herrn zu Grauenstein sehr wohl belustigt, doch dieses eine Mal trieb sie ihm die Blässe ins Gesicht, denn er erinnerte sich an die Worte der grauen Gestalt.
Der Bauer spuckte Blut. „Herr, bitte habt erbarmen. Meine Frau und meine Kinder haben seit Tagen nichts gegessen, und dabei kommt erst noch der Winter...“
Spar dir deine hohlen Worte, morgen steckt dein Kopf an einem Spieß als Mahnmal an deinesgleichen!“, sagte einer der Gefolgsmänner und spuckte dem Krüppel ins Auge.
„Genug! Lasst ihn... lasst ihn liegen. Er wird begnadigt.“
Verdutzt sahen ihn seine Gefolgsleute an, doch sie widersprachen nicht, stiegen auf ihre Pferde und lenkten sie an dem Bauern vorbei. Dieser brach schluchzend zusammen und war vorerst zu schwach, um sich aufzurichten.
Und so zog mehr als ein halbes Jahr ins Land. Der Herr zu Grauenstein lockerte die Frondienste und gab Lebensmittel aus den prall gefüllten Speisekammern der Burg aus, sodass niemand im Winters  den Hungertod sterben musste. Außerdem wurde das Jagdverbot auf Kleinwild für diesen Herbst erlassen. Doch trotz der nach Außen offenbarten Großzügigkeit war das Herz des jungen Adligen noch immer so kalt und dunkel wie die Nacht, seine Taten und sein Hoffen und sein Sehnen hingen nur mit der Gnade zusammen, die er sich vom Volk erhoffte, denn er glaubte, dass sein Mörder aus dem einfachen Volk stammen werde, dass er in seiner kurzen Regentschaft bereits über alle Maßen gemartert hatte und von welchem er sich jetzt die Absolution erhoffte. Doch innerlich fühlte er sich um jedes Weizenkorn betrogen.
Die Angst ihres Herren hatte nun auch die beiden niederen Kreaturen ergriffen, die ihm zu Dienste waren. Sie waren Teil des Fluchs, der über sie gesprochen wurde, und so raubte ihnen die Angst den Schlaf. Der Herr zu Grauenstein traute niemandem mehr, seine Dienerschaft bestand aus ungewöhnlich wenigen Menschen, die ebenso ungewöhnlich hoch bezahlt waren, denn er hatte Angst, eines Tages von eben jenen vergiftet oder verraten zu werden und glaubte, sich ihre Treue durch Gold erkaufen zu können.
Selbst nachts bleib er nicht unbewacht; doch niemandem traute er über sein Leben zu wachen, als den beiden Männern, die ihr Schicksal mit ihm teilten, und so wachte der eine Mann den halben Tag und die halbe Nacht über ihn, der Andere diente ihm die andere Tageshälfte.
Und so wurden sie, wenngleich nur hinter hervor gehaltener Hand, „Die müden drei Herren zu Grauenstein“ genannt, denn ihre Lider waren allzeit geschwollen und mit schwarzen Augenringen versehen.
Und eben zu jener Zeit, als die Apfelblüten das Land in reinstes Weiß tauchten, wurde der Verrat an dem jungen Herrn zu Grauenstein beschlossen.

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Schmerzlos
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber


Beiträge: 15



BeitragVerfasst am: 23.05.2013 18:14    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Myrtana,

ich stehe zwar gar nicht auf "Mittelalter-Schwert-Zaubertrank-Streitkolben-Hexe-verbrennt-auf-Scheiterhaufen-Geschichten", aber deinen Text habe ich dennoch nicht ungern gelesen. Gerade die Szene mit dem sterbenden Reh war wirklich grausam - und damit gut.
Dennoch gibt es ein paar Stellen, wo du meiner Meinung nach das ein oder andere Adjektiv zu oft benutzt. Auch könntest du _einige_ Nebensätze einfach weglassen. Aber gut, das ist vielleicht eine Geschmacksfrage.  

Details:

Zitat:
Die abendliche Stille wurde plötzlich von dem Gebell von Hunden gebrochen.


Diesen Satz finde ich nicht so toll. Wie wärs mit:

Zitat:
Die abendliche Stille wurde plötzlich von Hundegebell gestört.


Zitat:
Wenn es etwas gab, was an ihm noch kälter war als seine Augen, so war es seine Stimme. Er besaß eine Stimme, die schärfer und kälter Schnitt als jedes Schwert und unweigerlich eine Gänsehaut auf den Armen verursachte. Die Stimme eines Mannes, dessen Worten man gerne Folge leistete und ungern widersprach.


Wirklich gut. Eventuell würde ich den letzten Satz leicht umformulieren:


Zitat:
Wenn es etwas gab, was an ihm noch kälter war als seine Augen, so war es seine Stimme. Er besaß eine Stimme, die schärfer und kälter Schnitt als jedes Schwert und unweigerlich eine Gänsehaut auf den Armen verursachte. Eine Stimme, der man nicht widersprach.


Zitat:
Daraufhin lenkte der Wanderer ohne ein weiteres Wort seine schwarze Stute an den Jägern vorbei und verschwand im Dickicht und verschmolz dort mit den Schatten.


Diese Schattenverschmelzelei scheint wirklich in Mode zu sein. Mir persönlich würde der Satz besser gefallen, wenn man ihn nach "Dickicht" beenden würde. Ich meine, der Kerl ist offensichtlich mystisch genug und hat eine ziemlich beängstigende Aura, da brauchen wir keine Schatten mehr.  Wink
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Altair
Schreiberassi


Beiträge: 48



BeitragVerfasst am: 24.05.2013 10:08    Titel: Antworten mit Zitat

- Das sowohl Klein- als auch Rotwild in diesen Wäldern nur ihm und seinen Gästen zusteht? Knie gefälligst nieder, wenn dein Herr vor dir steht, Bauer -

Redet der wirklich so mit einem ungebildetem Bauern?

- und brach ihm einige seiner schlechten Zähne aus. -

schlug?

- und spuckte dem Krüppel ins Auge. -

Das liest sich irgendwie merkwürdig. Vermutlich würde anspucken reichen


Altair
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nebenfluss
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BeitragVerfasst am: 24.05.2013 10:29    Titel: Re: Der junge Herr zu Grauenstein Antworten mit Zitat

Hallo Myrtana222,

was mir sehr positiv auffällt, sind die fühlbare Atmosphäre und deine Art der Kameraführung. Wie du z. B. beim Weiterritt an das schaukelnde Reh heranzoomst, finde ich Klasse.

Die Originalität der Geschichte mag ich nicht beurteilen, da ich "Das Lied von Eis und Feuer" nicht gelesen habe und mich generell in dem Genre nicht so auskenne.

Wie die anderen Leser hier sehe ich aber Bedarf an sprachlichem Feinschliff.
Die unnötig zusammengehängten Hauptsätze am Anfang des 1. Teils wurden bereits angesprochen.
Dann hätten wir vereinzelt Wiederholungen, die du vermeiden könntest, zum Beispiel:

Myrtana222 hat Folgendes geschrieben:
Seine Stimme hatte trotz seiner unscheinbaren Gestalt eine durchdringende Stärke. Nachdem er keine Antwort erhielt, erhob er seine Stimme und sprach:


Zitat:
Das Reh brach blökend zusammen, richtete sich auf und kroch auf drei Beinen weiter, bis sich ein weiterer Pfeil in seine Seite bohrte und es endgültig zusammenbrach.

"Zusammenbrechen" klingt natürlich immer gewaltig, aber vielleicht findest du noch eine andere Formulierung, die nicht so schwach ist wie "zu Boden fiel" (was mir spontan einfiel).

Wiederholungen können auch in Form gleichförmiger Konstruktionen auftreten, wie hier:
Zitat:
Die Sonne war längst untergegangen, der Himmel war wolkenlos und von Sternen bedeckt

Nebenbei bemerkt, ist ein reiner Sternenhimmel immer wolkenlos, da lässt sich also kürzen.

"Gestalt" ist feminin:
Zitat:
Eben so eine zermürbte Gestalt humpelte vor ihnen über den Weg, seine ihre Wangen waren eingefallen und er sie schien einen Klumpfuß zu haben. Über seiner ihrer Schulter hingen eine simple Armbrust und - drei Schneehühner.

Wenn du gleichzeitig ausdrücken möchtest, dass es sich bei der Gestalt um einen Mann handelt, musst du das anders lösen.

Auch mir sind zu viele Adjektive in dem Text. Ich erlaube mir mal einen Vorschlag hierfür:

Zitat:
Mit diesen Worten schlug der Gefolgsmann den Bauern mit der bloßen Faust und brach ihm einige seiner schlechten Zähne aus.
[...]
Der Bauer spuckte Blut.

Solange hier niemand Handschuhe trägt, brauchst du das "bloß" nicht. Trug der Schläger bis eben Handschuhe, lass ihn einen ausziehen.
Dass die Zähne des Bauern schlecht sind, kann man sich denken, du könntest vielleicht stattdessen ein bröckelndes Geräusch oder sowas erklingen zu lassen. Ich persönlich würde dann den anderen Satz so abwandeln:
Der Bauer spuckte Zähne.
Das wäre mehr Show, weniger Tell. Ist aber natürlich Geschmackssache.

Ich finde, deine Schreibe halt viel Potenzial. Bin gespannt, was noch an Überarbeitungen/Fortsetzungen/anderen Geschichten von dir kommt.

LG
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Altair
Schreiberassi


Beiträge: 48



BeitragVerfasst am: 24.05.2013 12:05    Titel: Antworten mit Zitat

Darf ich noch eine Kritik anbringen?

( naja, mach ich ja schon... )

- Über seiner Schulter hingen eine simple Armbrust und - drei Schneehühner.
Sofort stiegen die Männer des Adelsmanns ab.
„Weißt du nicht, was dein Herr veranlasst hat? -

Das liest sich fast so, als ob es bis vor kurzem erlaubt gewesen wäre.
Vermutlich durch -> veranlasst hat
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Kateli
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Das goldene Gleis


BeitragVerfasst am: 26.05.2013 15:25    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Myrtana,

habe eben deine Fortsetzung gelesen.
Inhaltlich sehr ausgefeilt, da ist nichts zu beanstanden, und ich glaube dir auch, wenn du sagst, dass da wichtige Grundsteine für die Entwicklung der Handlung drinstecken.
Du schreibst selbst, es wäre nicht sonderlich interessant - vorweg: Das sehe ich anders. Wenn es aber so wäre, dann müsstest du das definitiv ändern, denn wichtige Infos in langweiligen Passagen sind tödlich. Langweilige Passagen generell sind tödlich, denn sie werden im besten Fall quergelesen (und die wichtigen Infos gehen verloren), oder man legt das Buch aus der Hand - Todesstoß.
Die gute Nachricht: Du machst es eigentlich richtig, indem du anhand kleiner Begebenheiten schilderst, was in dem jg. H.z.Gr. vorgeht, welche Sorgen er sich macht, wie er sich entwickelt. Das ist nicht langweilig!!
Schwierig dranzubleiben macht es mir trotzdem deine Art, sehr lange, extrem vollgestopfte Sätze zu bilden. Noch einmal: Kürze!! Und zwar nicht nur die Sätze, sondern nimm das grobe Sieb und streiche auch einen Teil der Infos heraus. Nicht alles ist von Belang, vieles trägt zur Atmosphäre bei, stimmt, aber wenn's zu viel wird, klinkt sich der Leser aus.

Vorschlag: Mach dir ein Ü(berarbeitungs)-Dokument, in den du deinen Text hineinkopierst, um dran rumzufeilen, ohne, dass dir das Original verlorengeht.
Dann nimm wirklich jedes Wort, jede Aussage (ich wiederhole mich, ich weiß), und prüfe, ob es nicht ohne geht.
Nur mal testweise!
Versteh mich nicht falsch, es ist gut, dass du so viel über dein Setting und deine Figuren weißt, dass es dir so klar in allen Details vor Augen steht. Die Kunst ist nun aber, das Bild mit so wenigen Strichen für den Leser nachzumalen, dass die Handlung vor all der schönen Kulisse und all den vielen Worten nicht hinten vom Karren fällt.

Und noch eine Wiederholung meinerseits: Deine Idee ist gut, und du selbst kannst auch was! Nimm es dir und mach was draus!

"die verschärften Abgaben und Frondienste hingen dem niederen Volk am Leib wie eine eiserne Kette."
Sätze wie dieser sind der Grund, warum ich dir so zusetze - der ist nämlich absolut genial. An anderen Stellen kannst du noch feilen, aber hier beweist du dein Potential.

Ich schreib dir hier bewusst keine Satz-Änderungs-Vorschläge hin, erstens bist du schon von anderen ganz gut versorgt damit, und zweitens fürchte ich, dass dir nicht geholfen ist, wenn ich dir sage, wie ich etwas formulieren würde. Probier es einfach selbst in einem Parallel-Überarbeitungs-Dokument mal aus.
Wenn du Bedarf an weiteren konkreten Beispielen hast, kannst du die natürlich haben, musst es nur sagen.

Viele Grüße
Nina
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Myrtana222
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BeitragVerfasst am: 26.05.2013 19:09    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das ist das Beste Lob, das ich jeh gehört habe. Danke Nina.
Ich versuch beim nächsten Teil nochmal mehr auf genau das einzugehen. Ich hoff dass ich bis morgen damit fertig bin.
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Myrtana222
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BeitragVerfasst am: 28.05.2013 21:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Mit etwas Verspätung habe ich jetzt die Fortsetzung meiner Kurzgechichte. Ich habe mir nochmal eure Ratschläge zuherzen genommen und versucht, den Text etwas leichter lesbar zu schreiben.
Vielen Dank nochmal an alle, die mir mit ihrer konstruktiven Kritik geholfen haben:


Drei Mal klopfte er an die Tür, ohne hereingebeten zu werden oder auch nur ein einziges Wort zu hören. Schließlich, als er schon knapp davor war, sein Vorhaben abzubrechen, fasste er den Mut, die Türe zu öffnen.
Im inneren des Hauses war es dunkel. Seine Augen brauchten einige Zeit, um sich daran zu gewöhnen. An den Wänden waren Regale aufgestellt, die über und über mit Gläsern, Kräutern, Tiegeln und skurrileren Dingen befüllt und behangen waren. Von den Regalen abgesehen war alles mit einer dicken Schicht Staub bedeckt. Sein Blick glitt über Gläser mit eingelegten Echsen und Nabelschnüren, bis der Blick der Hexe ihn fing.
Augenblicklich erschrak er. Ihre Augen waren grau und blind, dennoch schienen sie die seinen zu finden. Ihr Mund war zahnlos und ihre Haut gerunzelt wie die Borke eines alten Baumstamms.Sie verströmte einen widerwärtigen Geruch, sodass ihm übel wurde.
Die alte Kräuterfrau lächelte ihn aus ihrem zahnlosen Mund an.
„Was wollt Ihr hier, zumal zu so später Stunde?“ Ihre Worte waren fast unverständlich, sie sprach undeutlich und zudem sehr leise.
„Es geht um einen Fluch. Und mir wurde gesagt, dass Ihr die richtige Person dafür seid.“
Wieder verzog sich der Mund der Alten zu diesem schauderhaften Grinsen.
„Dann hat man Euch nicht belogen. Kommt zu mir und zeigt mir eure Bezahlung.“
Der Mann trat vor und legte ihr einen schweren Beutel voller Münzen in die geöffneten Hände, die das Gewicht kaum tragen konnten. Kurze Zeit blitzte Überraschung in den Augen des alten Kräuterweibes auf, doch auch Gier mischte sich darunter.
Ungläubig ließ sie ihre Finger durch die Münzen gleiten und wog einige auf ihrem Handteller ab. Ihr grinsen verschwand.
„Entweder Ihr betrügt mich und eure Münzen sind aus Blei, oder auf Euch lastet ein unheimlicher Fluch.“
„Der Wert der Münzen ist egal. Lasst es einfach ein Ende finden. Keine Nacht schlafe ich mehr durch“, sagte der Mann verbittert.
Die Alte überlegte und zog einen Stapel Karten hervor, bestehend aus Pergament, das über dünne Holzplatten gezogen war. Mit Kohle waren einfache Symbole aufgezeichnet.
Die Alte legte die Karten in einem Muster aus, bis sie die letzte Karte an der Spitze des Musters niederlegte.
„Deckt diese letzte Karte auf und sagt mir, was Ihr seht.“
Der Bittsteller beugte sich über den Tisch und drehte die Karte um. Zunächst erkannte er nichts in dem schwarzen Symbol, doch schließlich fanden seine Augen fünf gekrümmte Finger und einen Handteller.
„Eine schwarze Hand mit gekrümmten Fingern, sie schließen sich um etwas. Ich kann es nicht erkennen.
„Es ist der Tod mit seiner kalten, schwarzen Hand, den Ihr dort seht. In seiner Hand hält er Euch, und so leicht wird er euch nicht mehr loslassen.“
Einige Zeit schwieg die Hexe und ließ die Worte wirken.
„Könnt... Könnt Ihr mir helfen?“
„Ja. Aber zuerst erzählt Ihr mir, was Euch zugestoßen ist.“
Der Mann schluckte. Zum ersten Mal widersetzte er sich einem Befehl.
„Ich diene dem Herrn zu Grauenstein als Leibwache und Gesellschaft. Als wir im Herbst auf der Jagd waren, begegnete uns ein Mann in einem dunklen Mantel auf einem dürren Gaul und sprach unverschämt mit meinem Herren. Als ich ihn dafür betrafen sollte, deutete er mit einem knöchernen Arm ohne Hand und Finger auf uns und versprach uns unseren Tod“
„Es war der Tod selbst, dem ihr begegnet seid.“
„Ihr sagt mir nichts neues.“
„Es ist schwer den Tod zu überlisten. Ich sehe da nur einen Weg.“ Sie stand auf und ging an das mit Pergament bespannte Fenster, ihre blinden Augen ins trübe Licht gerichtet.
„Ihr müsst Euren Herrn töten.“
Der Ratsuchende stand so hastig auf, dass er beinahe den Tisch umgestoßen hätte.
„Törichtes Weib! Euer Rat ist nicht eine einzige goldene Münze wert. Wollt Ihr mich gleich ins Grab bringen?“
„Sterben müsst Ihr sowieso. Klammert Euch lieber an diese geringe Hoffnung und bereitet Euer Attentat gut vor.“
„Er will aber den Tod von Dreien. Was nützt mir da der Tod meines Herrn alleine?“
„Nehmt diese hier.“ Sie deutete in eine hintere Ecke des Zimmers, ohne sich dabei umzudrehen. Dort standen kindergroße Holzfiguren, denen Gesichter aufgemalt und Haare angeklebt waren. An den meisten hingen Klumpen trockener Erde. Sie alle machten einen unheimlichen Eindruck.
„Das sind Totenpuppen. Unsere Ahnen begruben sie, wenn der Körper eines Toten nicht gefunden und begraben werden konnte- oder, wenn nichts mehr von ihm übrig geblieben ist, was sich begraben ließe. Gebt ihm zwei dieser Toten wieder, und der Tod wird sich zufrieden geben.“
Der Mann schluckte. „Na gut, wenn ich keine andere Wahl habe, so muss mein Herr sterben. Doch merkt Euch, erfährt nur ein Mensch hiervon, so sind wir beide schneller im Grab als eure Holzpuppen- wenn wir Glück haben.“
„Ich habe Euch noch nie in diesem Haus gesehen, ihr wart praktisch nicht da. Ich gebe Euch noch einen Beutel voll Kräuter mit, nehmt hiervon einen Löffel und kocht ihn mit einer Tasse Wasser auf, und Ihr werdet schlafen wie ein Stein.“
Wortlos nahm der Untreue den Beutel entgegen, suchte sich zwei Puppen aus und verließ die Hütte, hinaus in die finstere Nacht und in den Regen.

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Kateli
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Das goldene Gleis


BeitragVerfasst am: 29.05.2013 18:21    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Myrtana!

Inhaltlich wieder mal nichts auszusetzen von meiner Seite (außer vielleicht, dass die blinde Alte mit den Kräutern in der einsamen Hütte nun wirklich keine neue Erfindung ist - aber sie passt hier, darum ist's schon okay), und ich finde auch, dass du über weite Strecken flüssiger formuliert hast und weniger "Ballast" mitschleppst.
Trotzdem greife ich mir jetzt einfach mal deinen Einstieg heraus.

Zitat:
Drei Mal klopfte er an die Tür, ohne hereingebeten zu werden oder auch nur ein einziges Wort zu hören. Schließlich, als er schon knapp davor war, sein Vorhaben abzubrechen, fasste er den Mut, die Türe zu öffnen.

Er klopft, bekommt keine Antwort, zögert und tritt ein. Das sind die Fakten. Füll sie mit Leben, nicht nur mit Worten!
Vorschlag: Sein Klopfen hallte dumpf durch die Nacht, doch auf der anderen Seite der Tür blieb alles stumm. Sein Mut schwand. Dann nahm er sich ein letztes Mal zusammen, straffte den Rücken und versetzte der Tür einen entschlossenen Stoß. Quietschend schwang sie auf.

Zitat:
Im inneren des Hauses war es dunkel. Seine Augen brauchten einige Zeit, um sich daran zu gewöhnen. An den Wänden waren Regale aufgestellt, die über und über mit Gläsern, Kräutern, Tiegeln und skurrileren Dingen befüllt und behangen waren. Von den Regalen abgesehen war alles mit einer dicken Schicht Staub bedeckt. Sein Blick glitt über Gläser mit eingelegten Echsen und Nabelschnüren, bis der Blick der Hexe ihn fing.


Die ersten beiden Sätze sind prima: Im Inneren (groß) des Hauses war es dunkel. Seine Augen brauchten einige Zeit, um sich daran zu gewöhnen.
Dann lieferst du eine Beschreibung wie aus einem Prospekt, statt durch die Augen deiner Figur zu schauen. Damit verschenkst du eine gute Möglichkeit, Atmosphäre zu schaffen.
Vorschlag: Überall quollen Gläser und Tiegel aus schiefen Regalen. Unter fingerdickem Staub meinte er allerlei unheimliche Dinge (skurril würde ich hier nicht benutzen, wirkt nicht authentisch) zu erkennen - Nabelschnüre, eingelegte Echsen, dazu Kräuter, die er nie zuvor gesehen hatte. Er spürte, wie sich die Härchen in seinem Nacken aufstellten. Sein Blick tastete durch die Hütte - bis ihn die Augen der Hexe fingen. Er erschrak. (hab ich vom nächsten Häppchen vorweggenommen)



Zitat:
Augenblicklich erschrak er. Ihre Augen waren grau und blind, dennoch schienen sie die seinen zu finden. Ihr Mund war zahnlos und ihre Haut gerunzelt wie die Borke eines alten Baumstamms.Sie verströmte einen widerwärtigen Geruch, sodass ihm übel wurde.


Was für Augen sie hatte, grau und blind, und dennoch hielt sie ihn damit fest wie mit eisigen Fingern (oder so). Sie kicherte aus einem zahnlosen Mund (du musst sie damit irgendwas tun lassen, kann auch was anderes sein), schwarz wie ein Astloch in der rissigen Borke eines uralten runzligen Baumstamms. Von ihrem süßlich-fauligen Geruch (widerwärtig ist zu unspezifisch und außerdem logisch, wenn ihm davon schlecht wird) wurde ihm übel.


Zitat:
Die alte Kräuterfrau lächelte ihn aus ihrem zahnlosen Mund an.
„Was wollt Ihr hier, zumal zu so später Stunde?“ Ihre Worte waren fast unverständlich, sie sprach undeutlich und zudem sehr leise.


So, und das könntest du dann kürzen, denn diese Info hattest du ja schon.
Es bleibt:
"Was wollt Ihr hier, zumal zu so später Stunde?", murmelte sie, so leise und undeutlich, dass er nicht sicher war, ob er sie richtig verstanden hatte.


Zitat:
„Es geht um einen Fluch. Und mir wurde gesagt, dass Ihr die richtige Person dafür seid.“
Wieder verzog sich der Mund der Alten zu diesem schauderhaften Grinsen.


Würde ich etwas ändern, finde ich sperrig/missverständlich:
"Ich wurde verflucht und brauche Hilfe. Mir wurde gesagt, Ihr wäret bewandert in diesen Dingen."
Wieder kicherte die Alte, dass es ihm Schauder über den Rücken jagte.

Nur mal so dahingebrabbelt. Was ich ganz deutlich sagen will: Meine Formulierungen sind keinesfalls automatisch besser als deine eigenen! Aber vielleicht helfen sie dir, die Szene aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Es geht ja nicht um einzelne Sätze, sondern generell um die Frage, wie du eine Situation beschreibst. Hier passiert etwas Spannendes, die Szene ist unheimlich, lass das den Leser spüren! Mit allen Sinnen.
Und: Je spannender, umso mehr empfehlen sich kurze, knappe Sätze Wink

Meine eigenen Texte sehen oft vor der Überarbeitung ganz ähnlich aus wie deine. Was ich dir hier hingeschrieben habe, wäre das Ergebnis, wenn ich hier überarbeiten würde. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass du daraus für dich irgendwas ableiten kannst!

Viele Grüße
Nina
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Myrtana222
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BeitragVerfasst am: 01.06.2013 20:47    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier ist der nächste Teil meiner Kurzgeschichte. Ich habe weiter versucht, etwas minimalitscher zu schreiben. Es ist auch etwas mehr wörtiche Rede vorhanden, als man von mir gewohnt ist:


Draußen graute bereits der Morgen, als der Verräter seinen triefend nassen Mantel auszog. Seine verschlammten Stiefel hinterließen Abdrücke auf dem Boden aus Eichenholz, welcher abgewetzt aussah durch die abertausend Paar Schuhe, die hier entlang gegangen waren.
Sein Kamerad stand pflichtbewusst auf seinem Posten vor der Tür ihres Herren. Seine Augen lagen in tiefen Schatten, die Müdigkeit schien ihn fast zu übermannen.
„Du bist spät. Ich habe dich vor zwei Stunden hier erwartet.“
Tatsächlich hatte sein Besuch bei der Alten länger gedauert, als er es erwartet hatte. Trotz der Dunkelheit hatte er nicht sofort den Weg zu seinen Gemächern eingeschlagen, sondern ein Versteck für seine Totenpuppen gesucht. Die Zeit für deren Beerdigung hatte er allerdings noch nicht gehabt.
„Tut mir Leid. Aber bald wirst du keine Stunde Schlaf mehr versäumen.“
Interessiert sah der Freund auf.
„Was hast du getan?“
Der Verräter grinste. „Ich habe mir Rat geholt. Und einen Entschluss gefasst. Morgen um diese Zeit wird unser verdammter Lord durch meine Hand den Tod finden.“
Sein Kamerad lachte. Es war ein leises, bitteres Lachen ohne jegliche Freude, es schnitt durch seine Hoffnungen wie ein scharfes Schwert durch junge Weidensträucher.
„Du nennst unseren Herrn einen Verdammten und schaffst es nicht einmal, einen einzigen Blick auf dich selbst zu richten?“
„Ich verstehe dich nicht! Ich habe...“
„Du hast irgend eine Alte oder einen falschen Priester für seine Ammenmärchen gut bezahlt, mehr hast du nicht! Den Tod wirst du finden, als Erster von uns Dreien, dein Kopf wird auf einem Spieß stecken und deine Augen Futter für die Krähen sein, wenn du von deinem Wahnsinn nicht ablässt.“
„Ob Wahnsinn oder nicht, wir werden so zu Grunde gehen! Hast du etwa vor, dein Leben lang vor dieser Tür zu stehen, mehr schlafend als wach? Wir sterben, mein guter Freund, wir sterben! Wie lange halten wir beide das noch durch?“
Sein Kamerad seufzte. „Und wie stellst du dir das vor? Wir werden die Einzigen sein, die für diesen Mord in Frage kommen, man wird uns sofort verdächtigen.“
„Wir werden reiten. Noch bevor sein Blut kalt ist, sind wir mit Vorräten und Pferden über alle Berge. Mein Bruder besitzt weit im Norden einen Hof, er wird uns vorerst Obdach geben, so hoffe ich.“
„Und wenn ich mich weigere?“, fragte ihn der Freund.
„Ich zwinge dich nicht, selbst Hand an ihn zu legen, aber stellst du dich mir in den Weg, wirst auch du meinen Stahl zu schmecken bekommen. Ich werde morgen zu meiner Wachablösung erscheinen, stehst du dann noch vor der Tür, wirst du deinem Herrn ins Grab folgen, wie ein treuer Hund. Andernfalls sattelst du dein Pferd und fliehst mit mir.“
Sein potenzieller Mitverschwörer schwieg lange, bevor er antwortete.
„Ich werde mich entscheiden. Morgen ziehen wir die Klinge oder verlassen diesen Ort als Mörder.“
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Myrtana222
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Wohnort: Biberach an der Riss, Baden-Württemberg


BeitragVerfasst am: 03.06.2013 15:20    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Schwer hing das Schwert an der Seite des Meuchlers; die Dienerschaft war es gewohnt, den grobschlächtigen Mann mit einer Waffe durch die Flure gehen zu sehen, war er doch eine Leibwache ihres Herren. Trotzdem war er heute darauf bedacht, nicht gesehen zu werden, er hatte sogar seine Klinge geölt, damit das schabende Geräusch ihn nicht verriet, wenn er die Klinge zog.
Der einfachste Teil war es, ungesehen in den Flur zu gelangen, denn die Bediensteten schliefen größtenteils. Nur ein Koch und ein alter, betrunkener Soldat, welcher eine Prostituierte bezirzte, begegneten ihm auf dem Weg. Augenblicklich ergriff ihn der Wunsch, noch einmal in den Armen einer Frau zu liegen, es könnte ja sein letztes Mal sein. Doch schließlich setzte sich seine Vernunft durch und er hielt sich weiter unauffällig im Schatten.
Schließlich stand er vor der letzten Biegung, und insgeheim betete er zu allen Göttern die er kannte, dass der Posten vor der Tür unbesetzt war. Und tatsächlich: nirgends eine Spur seines Kameraden.
Er atmete auf. Ab hier war es ein Kinderspiel, es ist nun mal nicht schwer, einen Unbewaffneten in seinem Bett zu erschlagen. Er zog seine Klinge, und wie geplant glitt die Klinge nur mit einem leisen Schaben über das Leder.
Langsam öffnete er die Tür, verhinderte ein verräterisches Quietschen der Angeln, er trat leise mit einem Fuß zuerst ein, zog seinen Körper nach,
und konnte eben gerade noch so die Klinge parieren und abgleiten lassen, die ansonsten sauber seinen Hals durchtrennt hätte.
Blitzschnell sprang er aus dem stockdunklen Zimmer auf den besser beleuchteten Gang, während ein zweiter Hieb knapp an seinem Ohr vorbei ging.
„Wieso... du hast mich verraten!“
Sein alter Freund lächelte und sah ihn aus seinen müden, traurigen Augen an. „Du liegst falsch, ich halte gerade meine Treue. Und glaub bitte nicht, dass mir das Spaß macht.“
Wild sprang sein Gegner vor und schlug mit einem gewaltigen Hieb nach ihm. Er hatte keine Wahl, als auch diesen Hieb zu parieren, denn ausweichen konnte er nicht mehr. Ein unglaublicher Schmerz durchfuhr sein Handgelenk und seinen Ellenbogen, als er versuchte, die Wucht des Hiebs abzufangen.
„Du hättest im letzten halben Jahr lieber deinen Körper stählen sollen als deine wenigen wachen Stunden mit Wein zu ersaufen,“ verspottete ihn der Mann, den er für seinen letzten Freund gehalten hatte. Wut ergriff ihn, und in dieser Wut fand er Stärke.
Eine Finte ließ den nächsten Hieb seines Kontrahenten ins leere gehen, er nutzte diesen Moment für einen Tritt gegen das Knie des Gegners, verfehlte nun aber selbst. Aus dem Gleichgewicht gebracht, stolperte er, zudem bekam er den Ellbogen seines Gegners mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen. Eine Reihe wilder hiebe retteten sein Leben, sie drängten den falschen Freund auf dem schmalen Gang zurück, bis er selbst wieder eine gute Position einnehmen konnte. Sein Auge schwoll langsam zu und schränkte sein Sichtfeld ein. Für einen Augenblick erinnerte er sich an den Fluch, an das ausgesprochene Versprechen seines Todes, und die Angst schien ihn zu übermannen, bis er seine Fassung wiederfand. Eine Serie leichter Hiebe testete die Deckung seines Gegners, und als er eine Lücke zu finden glaubte, stieß er vor, doch seine Klinge fuhr wirkungslos durch die Luft.
„Ich rieche deinen sauren Atem bis hier her, wenigstens heute Abend hättest du dich nicht betrinken sollen.“
Verächtlich spuckte er aus. „Für dich wird es alle mal reichen, Feigling. Wann hast du beschlossen, dich gegen mich zu wenden? Hast du es überhaupt in Erwägung gezogen, auf mein Angebot einzugehen, oder war dir von Anfang an klar, dass du deinem Herrn die Treue hältst?
„Du hast recht. Ich habe kein einziges Mal auch nur daran gedacht, unseren Herrn zu verraten. Du bist ein Narr, wenn du glaubst, dein einfacher Hokuspokus würde dich von diesem Fluch befreien. Wir alle sind zweifelsohne verdammt, doch ich will leben, und das längste Leben werde ich an der Seite meines Herrn verbringen.“
„Du bist nicht mehr als ein treuer Hund, der immer zu seinem Herrn zurückkehrt, auch wenn ihn dessen Prügel beinahe umbringen. Verdammt sollst du sein und auch das Grab mit ihm teilen.“
Wieder gingen die einstigen Kameraden aufeinander los, blitzschnell, präzise und mit jedem Hieb des Gegners flog der todbringende Stahl näher an ihren Körpern vorbei. Mittlerweile sah der Meuchler auf seinem rechten Auge nichts mehr, und sein Gegner hatte diese Schwäche entdeckt. Immer mehr Schläge fielen auf seine rechte Seite, sein Handgelenk schmerzte nun bei jeder Bewegung. Doch endlich tat sich eine Lücke auf, er sammelte seine ganze Kraft und...
wurde hart an seiner Schulter getroffen, das Schwert viel aus seiner kraftlosen Hand, und er fiel. Über ihm stand sein Gegner, seine Klinge beunruhigend nah an seinem Hals.
„Ich ergebe mich. Du hast gewonnen.“
In eben jenem Moment hörte er ein Schaben hinter sich. Er war genau vor dem Eingang zu den Gemächern seines Herren zu Fall gebracht worden, und dort schienen sich die Wände von selbst zu bewegen. Eine geheime Tür öffnete sich, und sein Herr trat aus dieser hervor. Als er den kalten Blick aus den grauen Augen dieses furchtbaren Mannes sah, wünschte er sich, er hätte sich doch von seinem Gegner erschlagen lassen.
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Myrtana222
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BeitragVerfasst am: 30.08.2013 19:54    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich habe entschieden, mal meine ganzen Geschichten hier im Forum zu aktualisieren, also auch diese alte Kamelle hier.

Schon am zweiten Tag seiner Gefangenschaft holten sie ihn aus seiner Zelle; zwei Tage ohne etwas zu Essen und in völliger Dunkelheit. Dennoch wehrte er sich mit der ganzen ihm verbliebenen Kraft, als sie ihn holten, denn er wusste, was ihn erwartete.
Allein der Anblick der Häutungsmesser hätte genügt, ihn zu jedem Geständnis zu bewegen, doch schließlich wollte sich der Herr zu Grauenstein den Genuss seines Leidens nicht entgehen lassen.
Sie begannen an seinen Oberarmen, dünne Streifen Haut löten sie, im Abstand weniger Zentimeter. Bereits als die Klinge zum zweiten Mal angesetzt wurde, gestand er ihnen seinen Verrat, erzähle ihnen von der Kräuterfrau und den Totenpuppen, versuchte nicht mit dem Reden aufzuhören, als könnten ihn die Worte vor der Folter bewahren. Doch sein Herr hatte kein erbarmen, Genüsslich sogen seine Augen jedes Detail seiner Folter auf, labten sich an seiner Qual und seinen Schreien.
Schließlich viel er in Ohnmacht. Die wenigen wachen Momente, in denen er bei Bewusstsein war, fand er sich in seiner pechschwarzen Zelle wieder. Sein Körper schüttelte sich im Wundfieber, doch dies verschwamm hinter den Schmerzen seines nackten, wegen der Austrocknung spannenden Fleisches.
Plötzlich fühlte er, wie ein Kopf an den Haaren empor gerissen wurde und ein Schwall Wasser in sein Gesicht gegossen wurde, der ihn vollends zu Bewusstsein brachte. Seine Hände waren hinter seinem Rücken zusammengebunden, er kniete auf dem Richtplatz, von seinem Henker an den Haaren aufrecht gehalten. Ein Mann, den er von den vergangenen Hinrichtungen kannte, hielt eine Rede an die Menge der schaulustigen Gaffer, die sich vor dem Podest versammelt hatte.
„Seht! Der Teufelsanbeter und seine Metze!“
Die Menge grölte, ein Regen aus faulem Gemüse und Eiern regnete auf das Podest nieder. Zu seiner Linken kniete die blinde Kräuterfrau, ihre Augen auf die Menge gerichtet.
„Seit Jahren vergiften sie mit ihrer schwarzen Zauberkunst euer Vieh, rufen den Hagel auf eure Felder nieder und bringen Krankheit über eure Kinder! Ihre letzte Schandtat ist der misslungene Mord an unserem Herrn!“
Steine mischten sich nun unter das faulende Gemüse, die alte Kräuterhexe wurde mehrfach getroffen, sie schien davon aber wenig beeindruckt.
„Doch was wird nun mit ihnen geschehen? Wer sagt uns, dass sie ihr schändliches Treiben beenden? Nein, nur ihr Tod kann ihrem Verderben ein Ende setzen!“
Ein zustimmendes Tosen hallte aus der Menge, so unwirklich und intensiv, dass es auch einer seiner Fieberträume hätte sein können.
„Trotzdem hat euer Lord in seiner unfehlhaften Gnade entschieden, euch die Entscheidung zu überlassen! Volk, erhebe deine Stimme und fälle ein Urteil!
Und sie riefen, und das Wort das sie riefen war „Tod“, sie riefen es in einem monotonen Rhythmus wie das stampfen einer tausendköpfigen Kreatur.
Der Henker griff der Alten in den Nacken und drückte sie auf dem Richtblock nieder. Auf einmal wirkte er Lärm der Menge seltsam dumpf und sein Blick fiel auf die Kräuterfrau neben ihm. Sie starrte auf einen Punkt. Er folgte ihrem Blick, und dort unten in der vordersten Reihe stand er, sein Herr. Ihr Blick schien ihn zu durchdringen. Dann sprach sie.
„Euer Fluch ist keiner, der sich aufhalten ließe. Es ist euer ureigenes Selbst, das euch zu Fall bringt, eure verdorbene Grausamkeit. Euer Fluch ist es, vergessen zu werden, und so werdet ihr zu Grunde gehen.“
In jenem Moment durchtrennte das Beil ihr Genick, ihr Körper fiel schlaff zur Seite. Ungläubig starrte er auf ihren kopflosen Körper, wie in Trance ließ er sich zum Richtblock schleifen, sein Hals lag auf dem feuchten Holz auf.
Er kann sie nicht gehört haben, er stand zu weit weg dazu der Lärm der Menge. Doch wie hat sie ihn gesehen?“, dachte er sich, und sein letzter Blick galt seinem Herrn, der diesen starr und kalt erwiderte. Dann spürte er einen Luftzug, und ein Knacken direkt hinter seinen Ohren brachte ihm die ersehnte Erlösung. Es wurde dunkel.
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