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20141350


 

 
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Filbert
Geschlecht:männlichAbc-Schütze

Alter: 41
Beiträge: 7



BeitragVerfasst am: 03.02.2013 17:20    Titel: 20141350 eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Irgendwo

Leonard wusste gleich, dass irgendetwas anders war als sonst. Die Trägheit, als würde man sich durch einen See aus Öl bewegen, war allgegenwärtig. Ebenso das Gefühl, zentnerschwere Luft zu atmen und nur mit Anstrengung einen Fuß vor den anderen setzen zu können.
 Es war die selbe Stadt, in der er sich Nacht für Nacht herumtrieb, wenn sein Körper endlich eingeschlafen und ruhig gestellt war.
Gebäude, die wie Säulen den Beton zerquetschten, verdunkelten den Himmel, während sich in schwindelnder Höhe Wolkenschwaden zwischen ihnen hindurchschlängelten. Dumpfes Dröhnen verstopfte seine Ohren. Auf allem klebte eine Schicht aus blauem Nebel, als hätte man ihm einen Farbfilter direkt hinter die Augen genäht, um ihn davon abzuhalten, etwas zu sehen, was er nicht sehen sollte.
Leonard war klar, dass er schlief. Er konnte seinen Körper irgendwo in weiter Ferne auf dem Bett liegen sehen. Das alles hier war nicht real - das war es nie.
Während er sich wie in Zeitlupe an den Wolkenkratzern vorbeiquälte, schienen seine Beine bei jedem Schritt, mit dem Asphalt zu verschmelzen. Er war die letzte Ameise, die immer noch nach dem Ausgang suchte, während alle anderen schon längst verschwunden waren und kam sich vor, wie ein vergessener Matrose auf einem sinkenden Schiff.
Lichter flackerten hinter den Fenstern, die sich an Perlenketten aufgereiht übereinander türmten und in den Wolken verschwanden. Jedes Mal hatte er das Gefühl, als würden ihn unzählige Augen anstarren, während er durch die Straßen kroch und nach jemandem rief. Eine Antwort kam nie.
In diesem Traum, der sich seit Jahren wiederholte, war seine Stimme bloß ein niedergestampftes Flüstern.
Aber er merkte sofort, dass er dieses Mal nicht allein war. Irgendjemand war ganz in seiner Nähe und beobachtete jede seiner Bewegungen. Schweißtropfen verfingen sich in seinen Augenbrauen. Er wagte es nicht, sich zu rühren, zu atmen oder einen Ton von sich zu geben. Die Angst, die langsam seine Wirbelsäule empor kroch, fühlte sich realer an, als alles, was er je zur Hölle gewünscht hatte. Ein kaum hörbares Pfeifen breitete sich in den Ohren aus und durchschnitt das Dröhnen wie ein heißer Draht. Panik fraß sich durch Leonards Haut.
Das hier war neu. Warum jetzt? Warum nach so vielen Jahren?
Er versuchte, den Boden unter seinen Füßen zu fixieren, um nicht aufzuwachen. Der Sog, der ihn zurück in die Wirklichkeit reißen wollte, zerrte an seinen Armen und Beinen, aber Leonard blieb. Egal, wer oder was auch hinter ihm stand. Ob ein längst vergessenes Gesicht oder ein unaussprechliches etwas, das ihn jeden Augenblick in Fetzen reißen konnte.
Was mit ihm geschehen würde, interessierte nicht.
Der Gedanke, endlich zu wissen, wer die Einsamkeit dieser Stadt mit ihm teilte, war stärker als jede Todesangst. Ewigkeiten zogen an ihm vorbei, bis endlich eine Stimme durch die Stille brach. Zuerst dachte Leonard, es wäre seine eigene Stimme, die sich inzwischen selbstständig gemacht hatte. Sie schien von überall und nirgends zu kommen, sondern hallte wie ein Echo in seinem Kopf wieder.
"Der Herr steh mir bei! Was ist dies hier?"
Nein - unmöglich, dass es seine eigene Stimme war. Leonard wirbelte herum und die Welt begann zu verschwimmen. Dort hinten stand jemand. Eine Gestalt, die wie eine Schaufensterpuppe mitten auf der Straße aufgestellt und nur schemenhaft vom Licht der umliegenden Gebäude definiert wurde. Leonards Sinne fuhren Achterbahn, während sein Verstand mit aller Kraft das Bremspedal durchtrat.
Das Wesen schien halbblind und mit zuckenden Bewegungen nach Antworten auf das "Wo" und "Warum" zu suchen. Langsam verdunsteten die Schleier, die seine Wahrnehmung verklebten. Schritt für Schritt schälten sich Konturen aus der eben noch diffusen Fläche und gaben ein Gesicht frei.
Leonard kniff die Augen zusammen, um die letzten Flecken aus seinem Blickfeld zu radieren. Keine dreißig Schritte entfernt stand dort eine junge Frau, eingehüllt in eine Kutte, die ihre Schultern kaum stemmen konnten. Die langen Haare funkelten in einem hypnotischen Türkis, als wäre sie gerade auf dem Grund des Ozeans spazieren gegangen und sogen das Blau, das über allem lag, auf.
Schatten tanzten auf ihrem Gesicht und ließen sie in Sekundenbruchteilen um Jahrzehnte altern und sich wieder verjüngen. Die dünnen Finger umschlangen ein Kreuz, das wie ein Pendel an einer Kette um ihren Hals hing und pressten es so stark an ihren Körper, als wollte sie es zwischen den Rippen vergraben. Ihr Atem durchpflügte die Luft und schien so nah, als würde sie direkt neben ihm stehen. Noch hatte sie ihn nicht bemerkt.
Immer wieder drückte sie die Stirn gegen das Kruzifix, murmelte irgendwelche Halbsätze und blickte dann wieder in den brodelnden Himmel.

12Wie es weitergeht »


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Mondlicht
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Beiträge: 71



BeitragVerfasst am: 03.02.2013 18:59    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo und erst mal HERZLICH WILKOMMEN im Forum. Stell dich doch auf dem Roten Teppich vor.
Zum Text: Mir gefällt er sehr gut. Er ließt sich flüssig und nicht gewollt in irgendeinen schaurigen Albtraum gepresst.
Ich habe nur ein Paar winzige Erbsen anzumerken.
Zitat:
wenn sein Körper endlich eingeschlafen und ruhig gestellt war.

Ich weiß nicht wieso aber den Körper ruhig stellen bring ich in Verbindung mit Drogen.  Shocked
Das hört sich für mich etwas seltsam an.

Zitat:
Auf allem klebte eine Schicht aus blauem Nebel,

Hmm kann Nebel auf etwas kleben?


Zitat:
Er konnte seinen Körper irgendwo in weiter Ferne auf dem Bett liegen sehen.

Wie konnte er mitten auf einer Straße seinen Körper im Bett sehen?

Zitat:
Er war die letzte Ameise, die immer noch nach dem Ausgang suchte,

Hier frage ich mich wieso ausgerechnet eine Ameise? Wie kommst du so plötzlich von Ameisen unter der Erde zu Matrosen auf der See?

Zitat:
Lichter flackerten hinter den Fenstern, die sich an Perlenketten aufgereiht übereinander türmten

Wie soll ich mir sowas auf Ketten vorstellen? Sind da nur die Fenster oder auch die Häuser drauf ?

Zitat:
Leonard wirbelte herum und die Welt begann zu verschwimmen.

Wenn alles verschwimmt wie kann er dann noch ein Gesicht erkennen?
Das war schon alles.
Ich finde trotzdem sehr gelungen, macht Lust zu erfahren wie es weiter geht. Auch meine persönlichen kleinen Anmerkungen stören da nicht viel. Eigenblich gar nicht, sie sind mir eben nur so ins Auge gefallen.

PS.Hat die Zahl als Titel eine bestimmte Bedeutung die ich nicht verstehe?
LG Mondlicht
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Filbert
Geschlecht:männlichAbc-Schütze

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Beiträge: 7



BeitragVerfasst am: 03.02.2013 19:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo und vielen Dank für das schnelle feedback.
Dem roten Teppich werde ich so schnell ich kann mal einen intensiven Besuch abstatten...

"Ich weiß nicht wieso aber den Körper ruhig stellen bring ich in Verbindung mit Drogen."
Gut getippt. Mit den noch folgenden Passagen dürfte sich die Formulierung erschließen (Leonard hat in der Tat einige Probleme...).

Danke auf jeden Fall für die detaillierten Zitate. Ich werde den Text dahingehend überprüfen und nach Alternativen suchen. An einigen Stellen bin ich wohl zu stark in die subjektive Bildsprache abgedriftet.

Der Titel bezieht sich auf zwei Jahreszahlen.
Es gibt in der Geschichte zwei Handlungsstränge, die miteinander verknüpft sind (Der eine spielt im Jahr 2014, der andere im Jahr 1350).

MfG
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Mondlicht
Geschlecht:weiblichSchreiberassi


Beiträge: 71



BeitragVerfasst am: 03.02.2013 19:24    Titel: Antworten mit Zitat

He Stimmt bei genauen nochmal lesen ergibt sich das mit der Zeit alles.  
Ah Jahreszahlen! Jetzt ergibt es einen Sinn ich dachte schon etwas wichtiges im Text übersehen zu haben. Danke fürs erklären.
Ich tippe dann gleich nocheinmal: Er ist aus dem Jahr 2014 und die Gestalt der Frau entspringt dem Jahr 1350? (Auf jeden Fall hört sich das mit der Kutte so an)
LG
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Filbert
Geschlecht:männlichAbc-Schütze

Alter: 41
Beiträge: 7



BeitragVerfasst am: 03.02.2013 19:28    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Wieder richtig.

Die Idee ist, dass beide die Gabe haben, über die Grenzen der Zeit hinaus, im Traum miteinander zu kommunizieren.

MfG
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Mondlicht
Geschlecht:weiblichSchreiberassi


Beiträge: 71



BeitragVerfasst am: 03.02.2013 19:30    Titel: Antworten mit Zitat

Die Idee gefällt mir. Auf jeden Fall hab ich so was auch noch nie gelesen.
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Filbert
Geschlecht:männlichAbc-Schütze

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BeitragVerfasst am: 04.02.2013 00:01    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

"Hey!", hörte Leonard sich plötzlich rufen.
Seine Stimme schoss wie ein Pfeil hervor, der die Fensterscheiben kilometerweit vibrieren ließ. Der Schock traf sie wie eine Lokomotive. Ihre Augen, in denen blinde Angst stand, bohrten sich in Leonards Kopf, während ihr Körper zur Salzsäule erstarrte, als stünde ihr ein fleischfressendes Tier gegenüber.
Weder sie noch er waren in der Lage, sich zu rühren oder auch nur ein einziges Wort über die Lippen zu bringen. Leonard konnte nun erkennen, dass sie jünger war, als es zuerst den Anschein hatte. Sechzehn, vielleicht siebzehn. Aber in ihrem Gesicht zeigten sich Spuren von Bildern und Geschichten, die man seinem schlimmsten Feind nicht wünschte.
Die Lumpen, die sie wie einen Kartoffelsack einschnürten, reichten bis zur Erde und ließen ihre nackten Füße auf dem Asphalt nur erahnen. Eine mit Flicken zusammengehaltene Kapuze hing in ihrem Nacken und hätte sie ohne das Gewicht des Kreuzes um ihren Hals, das sie in der Waage hielt, rückwärts zu Boden gezogen.
Ihre Lippen gaben den Blick auf eine Reihe Zähne frei, die verängstigt aufblitzten, sich dann aber wieder schnell in der Dunkelheit verkrochen.
Wie von unsichtbaren Fäden gezogen stemmte sie plötzlich das Kruzifix in die Höhe.
"Im Namen Gottes! Kehre zurück zu den Flammen, aus denen du emporgestiegen bist, Dämon!"
Die Worte schwangen zwar kraftvoll, konnten jedoch die Panik, die in ihrem Gesicht stand, nicht verbergen. Sie bemühte sich nach Leibeskräften, hart und entschlossen zu klingen, als wäre sie der Überzeugung, dass dieses Stück Metall sie vor allen Gefahren dieser Welt beschützen konnte. Kurze Atemstöße zischten durch ihre Zähne. Jeden Moment würde sich der letzte Rest Farbe aus ihrem Gesicht davon stehlen. Dann würden ihre Beine unter ihr wegknicken.
"Augenblick. Jetzt beruhige dich doch. Ich tue dir ja nichts."
Leonard war überrascht, wie tief und monoton seine Stimme klang. Auf einmal fühlte er sich an diesem Ort zuhause. Diese Stadt, mit all ihren kilometerhohen Grabsteinen, die ihn Nacht für Nacht entführte, hatte plötzlich ihren Schrecken verloren.
Jetzt war er ein Teil von ihr. Es brauchte erst jemanden, der sich noch mehr fürchtete, als er selbst.
Leonard trat ein paar Schritte auf sie zu während er langsam die Hände hob. Er wusste nicht, ob sie stehen blieb, weil sie unfähig war, sich zu bewegen, weil sie das Gefühl hatte ihm vertrauen zu können, oder weil sie - wie er selbst - dachte, dass an diesem Ort selbst die Gesellschaft eines Geistes besser war, als allein zu sein.
Alles in ihrem Gesicht schien "Lauf so schnell du kannst!" zu schreien.
Doch sie starrte ihn weiterhin an. Das Kreuz fest umklammert wie einen Schild, hinter dem sie sich verschanzte. Noch zwei, drei Schritte, und Leonard hätte seine Hand nach ihr ausstrecken können, als sich plötzlich etwas in ihrem Blick regte, das wie eine Luftblase auf einer spiegelglatten Wasseroberfläche aufzutauchen schien. Das Zucken ihrer Pupillen ebbte ab. Ihre Schultern sanken Richtung Erde und ließen einen weißen Hals im Neonlicht der Hochhäuser leuchten. Ihre Mundwinkel vibrierten unter einem Atemstoß, der fast wie erleichtertes Gelächter klang, um dann wieder in einen Ausdruck der Fassungslosigkeit zurückzuschnellen. Doch nur Augenblicke später drängte sich der Anflug eines Lächelns zwischen ihre Lippen.
Sie senkte das Kreuz, fixierte einen Punkt ein paar Zentimeter über seinen Augen, als schien sie dort irgendetwas zu suchen und beugte sich leicht nach vorne. Leonard wusste nicht, was er sagen oder tun sollte. Ihr Mund formte Worte, während sie seine Stirn musterte.
"Beim Blute Christi! Ihr... ihr tragt das Mal! Seid ihr etwa...?"
Er hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wovon sie sprach. Leonard war sich sicher, dass er sie noch nie gesehen hatte, und doch war irgendetwas vertrautes an ihr. Etwas, das sich wie ein Geheimnis seinen Weg zurück ans Licht kämpfte und die Mauer des Vergessens Stein für Stein abtrug.
Er hatte wieder das Gefühl, als würde seine Wahrnehmung von einem Kissen erstickt werden.
Ihre Hand schwamm wie ein weißer Hai auf ihn zu, der seine linke Wange ansteuerte. Die Berührung ihrer Finger auf seiner Haut war eiskalt und schnitt sich tief bis auf die Knochen in Leonards Fleisch. Es fühlte sich an, als würden Nadeln sein Gesicht zerstechen, aber er ließ es zu, ohne sich zu rühren oder auch nur einen Schrei von sich zu geben. Nicht einmal als sich seine Haut in Streifen von den Muskeln löste, zuckte er zurück. Während Leonards Körper langsam versteinerte, breitete sich ein warmes Glühen tief in seinem Inneren aus.
Glanz funkelte in ihren Augen, und verdampfte den letzten Rest Angst und Zweifel, der sich noch an ihnen festkrallte.
"Ja, ihr seid es wirklich", hauchte sie.
Leonards Verstand hämmerte gegen seinen Schädel, aber er hatte schon längst die Kontrolle über seinen Körper verloren. Das Gefühl, zwischen ihren Fingern zu Staub zu zerfallen, kam einem Rausch gleich. Es war in Ordnung. Kein Schmerz oder der Drang, sich zu wehren. Nur der Wunsch, sich durch ihre Berührung in Eis zu verwandeln und auf dem Asphalt zu zersplittern.
Ewigkeiten vergingen, bis ein donnerndes Beben die Stille durchbrach, das ihnen die Beine wegriss.
Die Türme um sie herum zerfielen in ihre Einzelteile und wurden in den Himmel gesaugt. Über ihnen tobte ein Ozean aus Wolken, die von Blitzen auseinandergesprengt wurden. Unter ohrenbetäubendem Brüllen öffnete sich die Erde, und spie Gesteinsbrocken in den Himmel.
Leonard kämpfte sich auf die Füße. Irgendetwas rief er in ihre Richtung, aber gegen das Ächzen der berstenden Wolkenkratzer hatte seine Stimme nicht die Spur einer Chance. Durch die Trümmer der sich auflösenden Welt konnte Leonard erkennen, wie sie ihm etwas entgegen schrie.
"Nein, noch nicht! Bitte wacht nicht auf! Ich habe so viele Fragen!"
Ein letztes Mal versuchte er, gegen den Lärm anzubrüllen, um sie nach ihrem Namen zu fragen. Aber es war zu spät.
Jeden Augenblick würden ihn das Keifen des Weckers und ein pelziger Geschmack im Mund wie jeden gottverdammten Morgen aufwecken.
Zu spät.

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Paradigma
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BeitragVerfasst am: 04.02.2013 09:02    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Filbert,

schön, das du jetzt einen lesbaren Abschnitt eingestellt hast. Aber auch den fand ich mühsam genug. Du wirfst mit übertriebenen Metaphern und überzeichneten Bildern nur so um dich, ich finde kaum mehr den SINN hinter den Umschreibungen, die mir doch eigentlich helfen sollten, ein deutlicheres Bild deiner Welt zu bekommen. Bei dir dagegen hat man eher das Gefühl, das du diese Art des Schreibens als Verschleierungstaktik nutzt.

Dein Roman ist ja inhaltlich schon schwierig genug zu erfassen, der Leser muss erst mal Begreifen, das da eine Träumerei / ein Wandern zwischen den Jahrhunderten stattfindet. Wenn die Sprache wirklich exzellent ist, mag man eine Zeitlang dem Strom der Worte folgen, ohne zu Begreifen, wovon gesprochen wird, und wird sich die Mühe machen, die versteckte Bedeutung zu enträtseln und zu interpretieren. In der Lyrik, von mir aus, ist das ein Teil des Vergnügens.  

In einem Roman ist mir persönlich das deutlich zu anstrengend. Der Text wirkt so undurchsichtig, so künstlich auf Literarisch getrimmt. Etwas direkter und schlichter erzählt würde mir das weitaus besser gefallen.

Besonders störend habe ich die folgenden Beschreibungen empfunden.

Zitat:
Gebäude, die wie Säulen den Beton zerquetschten,


Hä? Der Satz vermittelt zwar ein Bild, aber er macht keinen Sinn.

Zitat:
Während er sich wie in Zeitlupe an den Wolkenkratzern vorbeiquälte, schienen seine Beine bei jedem Schritt, mit dem Asphalt zu verschmelzen.

Kein Komma nach Schritt.

Zitat:
Er war die letzte Ameise, die immer noch nach dem Ausgang suchte, während alle anderen schon längst verschwunden waren und kam sich vor, wie ein vergessener Matrose auf einem sinkenden Schiff.


Hat ja Mondlicht schon bemängelt.

Zitat:
Lichter flackerten hinter den Fenstern, die sich an Perlenketten aufgereiht übereinander türmten und in den Wolken verschwanden.


Sollen das Wolkenkratzer sein? Da flackert das Licht aber nicht. Ganz ehrlich: Ich finde das mühsam, wenn ich deine Gedankenbilder entschlüsseln muss, um zu erraten, was überhaupt gemeint ist.

Zitat:
In diesem Traum, der sich seit Jahren wiederholte, war seine Stimme bloß ein niedergestampftes Flüstern.


niedergestampftes Flüstern. Na ja. Wenn es die einzige schräge Formulierung wäre, kein Problem.

Zitat:
Ein kaum hörbares Pfeifen breitete sich in den Ohren aus und durchschnitt das Dröhnen wie ein heißer Draht. Panik fraß sich durch Leonards Haut.


Das ist an sich ein gutes Bild. Aber solche Formulierungen würde ich deutlich sparsamer einsetzen.

Zitat:
Das Wesen schien halbblind und mit zuckenden Bewegungen nach Antworten auf das "Wo" und "Warum" zu suchen.


Genau wie ich ... aber deine Romanfigur hat keine Wahl.
 Ich schon, ich höre auf zu lesen.

Zitat:
Keine dreißig Schritte entfernt stand dort eine junge Frau, eingehüllt in eine Kutte, die ihre Schultern kaum stemmen konnten.


Eine Kutte, die ihre Schultern kaum stemmen konnten?
Ne, nicht wirklich? War die Kutte aus Blei? Oder doch nur simpel zu groß?

Zitat:
Die langen Haare funkelten in einem hypnotischen Türkis, als wäre sie gerade auf dem Grund des Ozeans spazieren gegangen und sogen das Blau, das über allem lag, auf.


funkelten in einem hypnotischen Türkis. Na ja. Haare die funkeln. Hypnotisches Türkis. Vielleicht wärst du bei der Lyrik besser aufgehoben? Oder es liegt einfach an mir: Ich mag es einfach nicht so abgespaced.

Zitat:
Schatten tanzten auf ihrem Gesicht und ließen sie in Sekundenbruchteilen um Jahrzehnte altern und sich wieder verjüngen.


In Sekundenbruchteilen um Jahrzehnte altern und sich wieder verjüngen.
Das muss ein grauenhafter Anblick gewesen sein.

Zitat:
Ihr Atem durchpflügte die Luft


Ich hoffe, sie hat danach keinen Wind gesäht ...
-------------------


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Schreib den ersten Satz so, dass der Leser unbedingt auch den zweiten lesen will.

William Faulkner
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Filbert
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BeitragVerfasst am: 04.02.2013 09:54    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Moin.

Schönen Dank für die ausführliche Kritik. Ich werde mir demnächst mal eine Passage vornehmen und ausprobieren, wie man sie vereinfacht und deutlicher formulieren kann, um einen direkten Vergleich zu haben.

MfG
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Filbert
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BeitragVerfasst am: 04.02.2013 11:43    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Falls es interessiert (auch wenn es vielleicht nicht in dieses Forum gehört):
Die Geschichte hat als Comic-Projekt von mir angefangen. Wer das ganze mal mit Bildern sehen möchte, findet den Comic hier:

http://www.mycomics.de/comics/graphic-novel/kapitel-1-zeichen-und-wunden-farbe.html

MfG
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FrauMö
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Beiträge: 36



BeitragVerfasst am: 04.02.2013 11:58    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde die Texte inhaltlich eigentlich ganz spannend aber es stimmt die Bilder, die Du mit Deinen Worten "malst", sind in sich unlogisch, weswegen man sich als Leser nicht rein denken kann. Einfach beim Schreiben, mal die Augen zu machen und sich das Geschriebene vorstellen.

zB: "Ihre Lippen gaben den Blick auf eine Reihe Zähne frei, die verängstigt aufblitzten, sich dann aber wieder schnell in der Dunkelheit verkrochen. "
Zähne haben keine Angst und verkriechen sich auch nicht. Es sei denn das Gegenüber ist ein Alien.  Shocked

Zudem sind die Sätze zu lang und beinhalten viele Füllwörter. Versuch doch mal während einer Überarbeitung das Geschriebene rigoros zu kürzen. Du wirst erstaunt sein, dass der Text dann immer noch (und wahrscheinlich besser) funktioniert.
 
zB: "Sie senkte das Kreuz, fixierte einen Punkt ein paar Zentimeter über seinen Augen, als schien sie dort irgendetwas zu suchen und beugte sich leicht nach vorne."
"Sie senkte das Kreuz, beugte sich vor und fixierte einen Punkt über seinen Augen, als ob sie etwas suchte.
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wayne
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Beiträge: 47



BeitragVerfasst am: 04.02.2013 20:19    Titel: Antworten mit Zitat

hallo filbert.

ich werde mich jetzt nicht zu deiner geschichte äußern, da das andere ja schon ausführlich getan haben und ich ihnen im großen und ganzen zustimme.
was mir allerdings weit besser gefällt, ist dein comic. ich muss zugeben, mir jetzt nur die bilder angesehen zu haben, ohne den text zu lesen, aber dieser "abgefuckte" stil (und das ist bitte positiv zu verstehen) spricht mich schon an. warum bleibst du deinem handwerk nicht treu? ich finde du kannst besser zeichnen als schreiben...

mfg,
wayne
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BeitragVerfasst am: 04.02.2013 20:41    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe den Comic auch angesehen. Ein sehr eigenständiger Stil, und die Story ist dort gut erzählt.  

Zitat:
warum bleibst du deinem handwerk nicht treu? ich finde du kannst besser zeichnen als schreiben...


Er kann definitiv sehr gut zeichnen.
Das mit dem Schreiben - das sehen wir dann noch.
Da würde ich nicht so schnell den Stab brechen wollen.


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William Faulkner
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Filbert
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BeitragVerfasst am: 23.10.2013 16:26    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Aufgewacht! Zumindest war das die Botschaft, die in neonfarbenen Buchstaben in Leonards Gehirn aufflimmerte. Aber er hatte sich von dieser Reklametafel schon viel zu oft hinters Licht führen lassen. Immer wieder versuchte sie ihn in unregelmäßigen Abständen zu hintergehen und ihm vorzugaukeln, dass er sich wieder in der Wirklichkeit befand, obwohl sein Verstand noch immer in der Traumwelt gefangen war. Das Aufwachen war immer das unangenehmste. Wenn er träumte, wusste er ohne jeden Zweifel, was gerade vor sich ging. Ihm war klar, dass alles um ihn herum - die Gebäude, die ihn zu erdrücken schienen, die gepflasterten Straßen, der bleierne Himmel mit den aufgeschäumten Wolken - bloß eine Bandage aus Illusionen und Trugbildern war. So lange er schlief, war alles in bester Ordnung. Das Phänomen, wenn Menschen in euphorischer Fassungslosigkeit darüber berichteten, dass ihnen ein Traum so real erschien, dass ihr Verstand den Spagat zur Wirklichkeit nicht mehr hin bekam, war Leonard fremd. Seine Träume SCHIENEN nicht real, für ihn WAREN sie auf eine unerklärliche Weise real. Aber trotzdem blieben es Träume. Die Wirklichkeit hingegen bereitete ihm die weitaus größeren Probleme. Es war eine Sache, zu schlafen und zu glauben, man wäre wach. Aber wach zu sein und zu glauben, man würde immer noch schlafen, konnte einen in ernste Schwierigkeiten bringen. Mit dem Anblick der Zimmerdecke hatte sich Leonard schon vor Minuten abgefunden. Die schmutzige Fläche, die sich über ihm ausbreitete, glich einer Kinoleinwand, auf die ein defekter Projektor tanzende lila Flecken warf. Kein anderes Bild hätte ihm vertrauter sein können. Jeden Morgen der gleich Anblick. Aber dieses unbarmherzige Stück Realität wurde immer noch von einer Schicht aus flackernden Traumbildern überdeckt, die er nicht abschütteln konnte. Das Gesicht der Nonne schien aus dem aufgesprungenen Putz herauszuwachsen und ihn anzustarren. Der grob gewebte Kapuzenstoff verschwand in der Zimmerdecke, als hätte man im Stockwerk über ihm eine riesige Skulptur in den Boden gemeißelt. Zwei schattenhafte Formen, die an verzweigte Wurzeln erinnerten, wedelten vor seinem Gesicht hin und her. Es dauerte einige Augenblicke, ehe Leonard begriff, dass es seine eigenen Hände waren, die unkontrolliert in der Luft herum fischten und versuchten, schwebende Gesteinbrocken abzuwehren. Er rang mit der Bettwäsche, die ihn an der Matratze festnagelte. Als würde sie ein bösartiges Eigenleben besitzen, wickelte sie sich immer fester um seine Gliedmaßen und wartete geduldig ab, bis er sich durch sein eigenes Winden und Zappeln schließlich selbst stranguliert hätte. Dass Leonard nicht mehr schlief, stand jetzt außer Frage. Salziger Schweiß brannte in seinen Augen. Er konnte scharfe Zischlaufe hören, die sich zwischen seinen aufeinander gepressten Zähnen hindurchquetschten. Obwohl er im gleichen Bett aufwachte, wie unzählige Male zuvor, zeigte sein Organismus alle Anzeichen eines Tieres, das bis zum Hals in einem Loch voll Treibsand steckte und um sein Überleben kämpfte. Leonards Herz schlug gegen die Rippen, als wäre es über Nacht auf die doppelte Grüße angeschwollen. Um ihn herum kreisten verschwommene Sinneseindrücke. Vertraute Mosaiksteine, die Stühle, Elektrogeräte, Kleidung auf dem Fußboden und andere Einzelteile seiner Wohnung zeigten. Aber nichts war an seinem Platz. Der ganze Raum wirbelte um mehrere Achsen gleichzeitig, blähte sich auf und fiel wieder in sich zusammen, wie eine kollabierende Raucherlunge. Nach endlosem Kampf fand er eine Schwachstelle im Würgegriff seiner Bettwäsche, winkelte die Beine an und katapultierte die Decke mit einem plötzlichen Stoß, der seine Knie knacken ließ, quer durch den Raum. Leonard atmete einen tiefen Zug Wirklichkeit ein. Doch der von Zigarettenqualm zerfressene Dunst, der sich in der Wohnung ausbreitete, ließ seinen Brustkorb schmerzhaft zusammenfahren.
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