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Idylle


 
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adelbo
Geschlecht:weiblichDichter und Denker


Beiträge: 1890
Wohnort: Im heiligen Hafen


BeitragVerfasst am: 27.01.2013 18:01    Titel: Idylle eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das ist ein etwas älterer Text, der mir am Herzen liegt und den ich nun mit zeitlichem Abstand, überarbeitet habe. Die Klassifizierung fällt mir schwer, was ist es?  Eine kleine Geschichte, ein kleines Zwischenspiel, das nachdenklich stimmen könnte.   


Idylle

Achtlos lässt Vanessa ihr Fahrrad auf die Wiese neben der Uferpromenade fallen. Sie kann nicht mehr und Martin wird irgendwann schon merken, dass sie nicht mehr hinter ihm her fährt.
Sie setzt sich erschöpft auf eine Bank, streckt die Beine weit von sich und atmet tief ein und aus.
Ein paar Meter vor ihr, am Ende des leicht abschüssigen Strandes, plätschern die Wellen über feinen Kies. Schäfchenwolken wandern am blauen Himmel. Durch türkisfarbenes Wasser gleiten Segelschiffe mit weißen oder bunten Segeln und nicht weit entfernt, liegen geruhsam vor sich hinschaukelnd Fischerboote und vertäute Kanus. Ein paar Schwäne schwimmen heran, um das klischeehafte Motiv einer Ansichtskarte vom Meer zu vervollständigen. Es riecht nach Fisch und Tang.
Eine nahezu kitschig anmutende Idylle, die durch etwas gestört wird.
Zwischen den Fischerbooten leuchten immer wieder zwei gelbe Punkte auf. Vanessa schaut genauer hin.
Sie sieht ein Kind, mit Schwimmärmchen, das zwischen den Booten im Wasser herumtollt und fröhlich ruft: „Ich komme nicht raus. Jetzt noch nicht.“ Es bewegt sich nahe an einem Seil, das eines der Boote sichert und das sich im Taumel der Wellen mal spannt und entspannt.
Vanessa dreht sich um und sieht hinter einer Bank einen Mann mit einer Sonnenbrille stehen. In der Hand hält er ein graues Handtuch.
Er hat Vanessas Blick bemerkt. „Soll sie eben drin bleiben. Es wird ihr schon kalt werden. Dann kommt sie von alleine raus.“
Vanessa schaut zwischen der Sonnenbrille und den gelben Schwimmärmchen hin und her.
„Sie hört sowieso nicht. Also lasse ich sie.“ Der Mann rollt das Handtuch in den Händen.
„Schwimm von den Seilen weg. Hörst du“, brüllt er. Das Kind sucht die Seile, sieht das eine und tappt mit den gelben Ärmchen über das Wasser von ihm weg.
Vanessa denkt, warum geht er nicht an eine andere Stelle, an einen Strand, wo es keine Seile gibt. Wo das Kind ungehindert schwimmen und toben kann.
„Sie hat keine Ruhe gegeben. Sie wollte ins Wasser. Jetzt lasse ich sie machen.“
„Das kenne ich. Von meiner Nichte“, sagt Vanessa. „ Wenn sie etwas will, setzt sie es durch. Sie ist etwa im gleichen Alter.“
„So sind sie“, sagt der Mann. „Ich bin alleinerziehender Vater. Seit einem Jahr. Davor war sie bei ihrer Mutter. Von ihr wurde sie ständig verprügelt.“
Erschrocken schaut Vanessa auf das Kind.
„Eine Nachbarin rief mich an, als ihr das Geschrei aus der Wohnung zu viel wurde. Ihre Mutter hat natürlich alles abgestritten. Da habe ich das Jugendamt eingeschaltet.“
Die Schwimmärmchen schaukeln über dem Wasser, nahe an den Seilen.
„Geh da weg“, schreit der Mann. Wortlos robbt das Kind in die andere Richtung und lässt sich von den Wellen tragen.
„Die haben die Mutter erwischt, als sie auf das Kind einschlug. Es hat sich gewehrt.“
„Bekommt sie keine blauen Lippen?“ Vanessa versucht abzulenken. „Sie muss doch frieren.“
„Die ist zäh“, sagt der Mann. „Jetzt ist sie bei mir. Meine Freundin ist wegen ihr abgehauen.“ Er zuckt mit den Schultern. „Aber was soll`s. So ist es eben.“
Vanessa überlegt, soll sie aufstehen. Martin müsste doch längst gemerkt haben, dass sie nicht mehr da ist.
Das Kind hat jetzt festen Boden unter den Füßen. Es steht, ein kleines schmales Wesen, mit gelben Schwimmärmchen mitten in der bunten Postkartenidylle.
„Ich war gestern mit meiner Nichte im Erlebnispark“, erzählt Vanessa. Sie hätte nicht sagen können, warum sie es erzählt. „Es war fast unmöglich sie von manchen Fahrgeschäften wegzubekommen. Sie wollte absolut nicht hören. Gott sei Dank hat sie vor Achterbahnen und Ähnlichem noch Angst.“
„Angst kennt die überhaupt nicht.“ Der Mann zeigt auf das herannahende Kind. „Die geht auf jede Bahn. Im Erlebnispark kennt sie jeder. Sie darf überall mitfahren. Wenn ich meine Ruhe haben will, setze ich mich in dem Park auf eine Bank, lese die Zeitung und lasse sie machen. Bis sie es leid ist.“
Das Kind steht nun zitternd vor ihm. Es schaut zu Vanessa hinüber und ein Lächeln huscht über das zarte Gesicht.
Der Mann drückt ihm das Handtuch in die Hand. „Zieh den Badeanzug aus und trockne dich ab. Für diese Woche reicht es, hörst du.“
Vanessa blickt über den Strand aufs Meer, auf die Schiffe, die Schwäne.
„Hallo Liebes“, hört sie hinter sich Martin sagen. „Kein Wunder, dass du hängen geblieben bist. Traumhaft ist es hier.“ Er lässt sich neben ihr auf die Bank fallen. Erleichtert gibt Vanessa ihm einen Kuss.
Sie sieht zur anderen Bank hinüber. Das Kind beeilt sich, den Reißverschluss seiner roten Hose in die Höhe zu ziehen. Dann läuft es, das graue Handtuch über die Erde schleifend, dem Mann hinter her. Er steht neben einem dunklen alten Auto, blickt ihm durch die Sonnenbrille entgegen.
Vanessa gehen seine letzten Worte an die Kleine durch den Sinn. „Für diese Woche reicht es, hörst du.“ Heute ist Dienstag.



_________________
„Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel.“

Bertrand Russell
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Aranka
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BeitragVerfasst am: 28.01.2013 14:57    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Adelbo,

ja diese kleinen feinen Begebenheiten, die einen einfach so erwischen, auf der Straße, beim Einkauf, im Urlaub. Die so eine Nuance anders sind als die Stimmung, die Umgebung, die einen aufhorchen lassen und beschäftigen.  
Ich kenne sie auch und sie sind es wert, eingefangen und festgehalten zu werden. Und dieses Intermezzo in einer Postkartenidylle gehört unbedingt dazu. Du hast es sehr schön erzählt in angemessenem Erzählstil.

Inhaltlich habe ich zwei Anmerkungen und gleichzeitig Fragen:

1. Die Beschreibung der Örtlichkeit. Für mich laufen da zwei Orte ineinander, die ich nicht unbedingt verbinden kann. Ich bin recht häufig am Meer. Kenne die typischen Hafenanlagen mit Segelyachten und Jollenstege, auch die Häfen, wo die Fischereikähne einlaufen, wo es nach Fischfang riecht. Selten sind das die gleichen. Ich gehe mal in den Text um aufzuzeigen, wo ich plötzlich zwei verschiedene Orte spüre.

Zitat:
Ein paar Meter vor ihr, am Ende des leicht abschüssigen Strandes, plätschern die Wellen über feinen Kies.
 (ist es Meer? Ist es ein See? Abschüssiger Strand?Meinst du Dünen? Offenes Meer?)
Schäfchenwolken wandern am blauen Himmel. Durch türkisfarbenes Wasser gleiten Segelschiffe mit weißen oder bunten Segeln und nicht weit entfernt, liegen geruhsam vor sich hinschaukelnd Fischerboote und vertäute Kanus. (Das könnte eher ein See sein, Touristenbetrieb, eine Hafenidylle.)
 Ein paar Schwäne schwimmen heran, um das klischeehafte Motiv einer Ansichtskarte vom Meer zu vervollständigen.
(Auch die Schwäne deuten mehr auf See als Meer.)
Es riecht nach Fisch und Tang.
An einem solchen See riecht es eher nach Sonnenöl, Bootwachs, Teakholzpflegemitteln, vielleicht Benzin von den Außenbordern. Aber Fisch und Tang,das sind für mich andere Häfen, mit Fischereibetrieben. Die gibt es dort auch, aber eher nicht in einem friedlichen Miteinander, sondern örtlich getrennt. Ich würde ich hier auf eine eindeutige idyllische Hafenatmosphäre beziehen an einem See mit Seegelbetrieb.


2. Das Gespräch zwischen dem Vater und Vanessa. Es mag ja durchaus so sein, dass du es mal so erlebt hast, einen redseeligen Vater, der dir gleich die ganze Lebensgeschichte auftischt, dennoch ist es eher unüblich. Auch braucht diese Geschichte mMn nicht die prügelnde Mutter und die Jugendamtstorry.
Alleinerziehend ist okay, auch dass er hilflos dem Kind und seinem eigenen Willen gegenüber steht. Auch wie er damit umgeht. Diese ganze Unterhaltung ist doch ausreichend, um diesen einen Satz: „Für diese Woche reicht das.“ wirkungsvoll in die Idylle zu setzen.
Und solche genervten überforderten Mütter /Väter gibt es zur Genüge. Da braucht es keinen dramatischen Hintergrund. Für mich erhält dadurch diese feine kleine Episode, dieses feine Störgefühl in der Idylle, eine überdimensionales Gewichtung. Dieser Hintergrund bräuchte für mich einen anderen gewichtigeren Rahmen.

Aber das ist nun wirklich ein ganz spezielles Empfinden von mir. Das eingeklammerte ließe ich weg.

Zitat:
„So sind sie“, sagt der Mann. „Ich bin alleinerziehender Vater. Seit einem Jahr. Davor war sie bei ihrer Mutter. (Von ihr wurde sie ständig verprügelt.“
Erschrocken schaut Vanessa auf das Kind.
„Eine Nachbarin rief mich an, als ihr das Geschrei aus der Wohnung zu viel wurde. Ihre Mutter hat natürlich alles abgestritten. Da habe ich das Jugendamt eingeschaltet.“ )

Die Schwimmärmchen schaukeln über dem Wasser, nahe an den Seilen.
„Geh da weg“, schreit der Mann. Wortlos robbt das Kind in die andere Richtung und lässt sich von den Wellen tragen.
(„Die haben die Mutter erwischt, als sie auf das Kind einschlug. Es hat sich gewehrt.“ )
„Bekommt sie keine blauen Lippen?“ Vanessa versucht abzulenken. „Sie muss doch frieren.“


Erzählt finde ich die Geschichte sehr schön. Da sie in Prosa steht und nicht in der Werkstatt, bin ich auch nicht verbessernd in den Text gegangen. Es wären für mich auch nur winzige Dinge, die man vielleicht abfeilen könnte, aber direkt störend ist nichts. Wenn du magst, dass ich die Stellen benenne, kannst du es mich wissen lassen.

Gerne gelesen. Ich sammle selbst auch so winzige Begegnungen im Alltag, die einem nicht aus dem Kopf gehen. Und mir gefällt dein Blick auf diese Situation, den du mir ja durch Vanessa zeigst.

Liebe Grüße Aranka


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"Wie dahingelangen, Alltägliches zu schreiben, so unauffällig, dass es gereiht aussieht und doch als Ganzes leuchtet?" (Peter Handke)

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Aranka
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BeitragVerfasst am: 28.01.2013 16:42    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Adelbo,

ich melde mich noch einmal, denn was ich vergessen habe, da ich mich auf meine zwei Anmerkungen beschränkt habe, ist ein wichtiger Aspekt in deiner Geschichte. ich spüre sehr deutlich die gegensätzliche Stimmung zwischen der Idylle der Umgebung, der Leichtigkeit zwischen Martin und Vanessa und der Angespanntheit zwischen Vater und Tochter. Ohne es zu benennen zeigst du es in so Sätzen wie :"Die geht auf jede Bahn". Nicht meine Tochter, kein Name, einfach "die." Du zeigst einen Umgang zwischen Vater und Tochter wie zwischen Herrchen der seinen Hund Gassi führt. Aber du lässt es mich spüren, ohne dass du es mir sagst und das finde ich gut gemacht.
Auch ist mir bewusst, dass diese Geschichte Vanessa bedrückt, dass sie nicht so einfach wieder in diese Idylle hineinradeln kann.
Du öffnest natürlich eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten beim Leser. Ich denke auch, dass es so gewollt ist.
Gehe dann heute Abend noch stilistisch auf ein paar Kleinigkeiten ein.

Gruß Aranka


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Rainer Zufall
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BeitragVerfasst am: 28.01.2013 20:26    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Adelbo,
ich wollt mich Aranka anschließen.

Zitat:
ich spüre sehr deutlich die gegensätzliche Stimmung zwischen der Idylle der Umgebung, der Leichtigkeit zwischen Martin und Vanessa und der Angespanntheit zwischen Vater und Tochter. Ohne es zu benennen zeigst du es in so Sätzen wie :"Die geht auf jede Bahn". Nicht meine Tochter, kein Name, einfach "die." Du zeigst einen Umgang zwischen Vater und Tochter wie zwischen Herrchen der seinen Hund Gassi führt. Aber du lässt es mich spüren, ohne dass du es mir sagst und das finde ich gut gemacht.

Genau so habe ich es auch empfunden.
Gerade dieses "die", das ja eine sehr abschätzige Konnotation hat, ist mir auch aufgefallen.
Übrigens fand ich gerade die Tatsache, dass es die Prügelmutter gab, für die Geschichte gut. Das machte diesen Mann in Abhebung zu ihr nicht einfach nur gedankenlos, grausam, nachlässig, sondern er ist ja der Gute im Vergleich zur Mutter.
Was ich auch noch gut fand: Das Kind ist super beschrieben mit seinem feinen Gesicht und so. Aber gleichzeitig hatte ich das Gefühl, ich kann gar nicht sagen, ob du das gewollt hast, aber dass das Kind wohl auch echt schwierig ist. Der Mann wirkte auf mich ziemich hilflos, die Freundin ist wegen dem Kind abgehauen. Also nicht nur das feine zarte Kind, sondern vielleicht auch manchmal ein kleiner Drachen? Ich weiß nicht, obs gewollt war. Für mich jedenfalls hast du finde ich in deine Postkartenidylle eine Menge Zündstoff reingebastelt. Das finde ich gut.
Besser, als wenn man nur den bösen nachlässigen Vater und das vernachlässigte Kind gehabt hätte. Macht die Sache mehrdimensional, lässt Überforderung und Kompliziertheit auf beiden Seiten spüren.
Viele Grüße
Rainer
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adelbo
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BeitragVerfasst am: 29.01.2013 10:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Aranka, Smile

Zitat:
ja diese kleinen feinen Begebenheiten, die einen einfach so erwischen, auf der Straße, beim Einkauf, im Urlaub. Die so eine Nuance anders sind als die Stimmung, die Umgebung, die einen aufhorchen lassen und beschäftigen.
Ich kenne sie auch und sie sind es wert, eingefangen und festgehalten zu werden. Und dieses Intermezzo in einer Postkartenidylle gehört unbedingt dazu. Du hast es sehr schön erzählt in angemessenem Erzählstil.


Ich freue mich sehr, dass du diese kleine Begebenheiten auch für wert findest eingefangen zu werden.
Wie oft passiert es mir, dass ich eine Situation im nachhinein Revue passieren lasse und ich mich wundere, was alles zwischen den Zeilen gestanden hat, was ich erst nur oberflächlich oder überhaupt nicht registriert haben. Ich danach ein mulmiges Gefühl im Magen bekomme, wenn ich mir ausmale, was da alles geschieht oder geschehen ist.
Aber eben ausmale, ich weiß es nicht.
Erst mal danke für dein Leseempfinden und ich melde mich noch einmal ausführlich.

LG
adelbo


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Gast







BeitragVerfasst am: 29.01.2013 11:39    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo adelbo, ich mag gut beobachtete Schilderungen von Alltagssituationen. Mir ist zwar nicht so ganz klar, was Dich bewegt: Ist es die Achtlosigkeit, wie der Vater mit seiner Tochter umgeht, ist es sein Mangel an Empathie und Emotion, ist es die Tatsache, daß das Kind nur einmal die Woche rauskommt?
Ich vermisse eine Haltung der teilnehmenden Beobachterin (Gedanken, Gefühle) ausserhalb des small talks, den sie mit dem Vater führt.
Ansonsten: Gerne gelesen!
Lieben Gruß, Inky
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adelbo
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BeitragVerfasst am: 30.01.2013 11:21    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Aranka, weil es einfacher ist schreibe ich in den Text.  Smile

Zitat:
Hallo Adelbo,

ja diese kleinen feinen Begebenheiten, die einen einfach so erwischen, auf der Straße, beim Einkauf, im Urlaub. Die so eine Nuance anders sind als die Stimmung, die Umgebung, die einen aufhorchen lassen und beschäftigen.
Ich kenne sie auch und sie sind es wert, eingefangen und festgehalten zu werden. Und dieses Intermezzo in einer Postkartenidylle gehört unbedingt dazu. Du hast es sehr schön erzählt in angemessenem Erzählstil.
Das freut mich.

Inhaltlich habe ich zwei Anmerkungen und gleichzeitig Fragen:

1. Die Beschreibung der Örtlichkeit. Für mich laufen da zwei Orte ineinander, die ich nicht unbedingt verbinden kann. Ich bin recht häufig am Meer. Kenne die typischen Hafenanlagen mit Segelyachten und Jollenstege, auch die Häfen, wo die Fischereikähne einlaufen, wo es nach Fischfang riecht. Selten sind das die gleichen. Ich gehe mal in den Text um aufzuzeigen, wo ich plötzlich zwei verschiedene Orte spüre.

Zitat:
Ein paar Meter vor ihr, am Ende des leicht abschüssigen Strandes, plätschern die Wellen über feinen Kies.
 (ist es Meer? Ist es ein See? Abschüssiger Strand?Meinst du Dünen? Offenes Meer?)  Etwas erhöht eine Promenade in etwa wie ein kleiner Damm, nach vorne das Stück Strand, der Anlegeplatz für die Boote, dann die Ostsee. Es ist kein Badestrand.  Auf der anderen Seite des kleinen Damm, des Uferweges ein Parkplatz. Schäfchenwolken wandern am blauen Himmel. Durch türkisfarbenes Wasser gleiten Segelschiffe mit weißen oder bunten Segeln und nicht weit entfernt, liegen geruhsam vor sich hinschaukelnd Fischerboote und vertäute Kanus. (Das könnte eher ein See sein, Touristenbetrieb, eine Hafenidylle.) Ein kleiner Hafen für die Boote der Anwohner Ein paar Schwäne schwimmen heran, um das klischeehafte Motiv einer Ansichtskarte vom Meer zu vervollständigen.
(Auch die Schwäne deuten mehr auf See als Meer.) Auf der Ostsee gibt es sie.
Es riecht nach Fisch und Tang.
An einem solchen See riecht es eher nach Sonnenöl, Bootwachs, Teakholzpflegemitteln, vielleicht Benzin von den Außenbordern. Aber Fisch und Tang,das sind für mich andere Häfen, mit Fischereibetrieben. Die gibt es dort auch, aber eher nicht in einem friedlichen Miteinander, sondern örtlich getrennt. Ich würde ich hier auf eine eindeutige idyllische Hafenatmosphäre beziehen an einem See mit Seegelbetrieb.
Wie gesagt, ein Anlegeplatz für Boote, etwas erhöht auf dem Weg, ein Rastplatz mit Bänken. Komm mich besuchen, ich führe dich hin.  Smile  


2. Das Gespräch zwischen dem Vater und Vanessa. Es mag ja durchaus so sein, dass du es mal so erlebt hast, einen redseeligen Vater, der dir gleich die ganze Lebensgeschichte auftischt, dennoch ist es eher unüblich. Auch braucht diese Geschichte mMn nicht die prügelnde Mutter und die Jugendamtstorry.
Alleinerziehend ist okay, auch dass er hilflos dem Kind und seinem eigenen Willen gegenüber steht. Auch wie er damit umgeht. Diese ganze Unterhaltung ist doch ausreichend, um diesen einen Satz: „Für diese Woche reicht das.“ wirkungsvoll in die Idylle zu setzen.
Und solche genervten überforderten Mütter /Väter gibt es zur Genüge. Da braucht es keinen dramatischen Hintergrund. Für mich erhält dadurch diese feine kleine Episode, dieses feine Störgefühl in der Idylle, eine überdimensionales Gewichtung. Dieser Hintergrund bräuchte für mich einen anderen gewichtigeren Rahmen. (Ich verstehe, was du meinst. Das was der Mann erzählt, ist, wenn man länger darüber nachdenkt, starker Tobak, das ist mir bewusst. Aber ich denke da ein wenig quer. Ich möchte eben nicht diese Rahmen. Vielleicht ist das nicht förderlich wenn man Leser an sich ziehen will. Ich weiß es nicht. )
Aber das ist nun wirklich ein ganz spezielles Empfinden von mir. Das eingeklammerte ließe ich weg.


Zitat:
„So sind sie“, sagt der Mann. „Ich bin alleinerziehender Vater. Seit einem Jahr. Davor war sie bei ihrer Mutter. (Von ihr wurde sie ständig verprügelt.“
Erschrocken schaut Vanessa auf das Kind.
„Eine Nachbarin rief mich an, als ihr das Geschrei aus der Wohnung zu viel wurde. Ihre Mutter hat natürlich alles abgestritten. Da habe ich das Jugendamt eingeschaltet.“ )
Die Schwimmärmchen schaukeln über dem Wasser, nahe an den Seilen.
„Geh da weg“, schreit der Mann. Wortlos robbt das Kind in die andere Richtung und lässt sich von den Wellen tragen.
(„Die haben die Mutter erwischt, als sie auf das Kind einschlug. Es hat sich gewehrt.“ )
„Bekommt sie keine blauen Lippen?“ Vanessa versucht abzulenken. „Sie muss doch frieren.“


Erzählt finde ich die Geschichte sehr schön. Da sie in Prosa steht und nicht in der Werkstatt, bin ich auch nicht verbessernd in den Text gegangen. Es wären für mich auch nur winzige Dinge, die man vielleicht abfeilen könnte, aber direkt störend ist nichts. (Du sagst sie mir noch ja bitte. An einigen Stellen habe ich lange überlegt. So zum Beispiel hätte ich die Suche des Kindes nach den Seilen bildhafter bringen können und noch mehr Stellen, es brächte mehr Leben in den Text, las sich auch schön, dann aber hat es mich wieder gestört, weil es zu sehr ablenkte. Auch war ich mir nicht ganz sicher, ob die Unsicherheit, das Unwohlfühlen von Vanessa richtig dosiert rüberkommt. Es ist ja nur im Grunde angedeutet. Du hast ja in deinem zweiten Kommentar geschrieben, dass du es gespürt hast, was mich freut.) Wenn du magst, dass ich die Stellen benenne, kannst du es mich wissen lassen.

Gerne gelesen. Ich sammle selbst auch so winzige Begegnungen im Alltag, die einem nicht aus dem Kopf gehen. (Das freut mich.  Ich würde mich gerne darauf konzentrieren und eine kleine Sammlung solcher Geschichten zusammenstellen. Und mir gefällt dein Blick auf diese Situation, den du mir ja durch Vanessa zeigst.

Liebe Grüße Aranka


Danke dir Aranka, dass du dir Zeit für meinen kleinen Text genommen hast.

Liebe Grüße

adelbo


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adelbo
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BeitragVerfasst am: 30.01.2013 12:22    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Rainer, was du geschrieben hast, habe ich natürlich sehr gerne gelesen. Das war es, was ich erreichen wollte. Denn so ist die kleine Begegnung in meinen Augen, es steckt so vieles drin, aber man weiß nichts Genaues.  


Zitat:
Hallo Adelbo,
ich wollt mich Aranka anschließen.

Zitat:
ich spüre sehr deutlich die gegensätzliche Stimmung zwischen der Idylle der Umgebung, der Leichtigkeit zwischen Martin und Vanessa und der Angespanntheit zwischen Vater und Tochter. Ohne es zu benennen zeigst du es in so Sätzen wie :"Die geht auf jede Bahn". Nicht meine Tochter, kein Name, einfach "die." Du zeigst einen Umgang zwischen Vater und Tochter wie zwischen Herrchen der seinen Hund Gassi führt. Aber du lässt es mich spüren, ohne dass du es mir sagst und das finde ich gut gemacht.  

Genau so habe ich es auch empfunden.
Gerade dieses "die", das ja eine sehr abschätzige Konnotation hat, ist mir auch aufgefallen.
Übrigens fand ich gerade die Tatsache, dass es die Prügelmutter gab, für die Geschichte gut. Das machte diesen Mann in Abhebung zu ihr nicht einfach nur gedankenlos, grausam, nachlässig, sondern er ist ja der Gute im Vergleich zur Mutter.  (Freut mich, dass du auch diese Möglichkeit gelesen hast. Hat er unter Umständen deshalb so viel erzählt, um für sein Verhalten eine Anerkennung zu bekommen? Oder was ja auch nicht auszuschließen ist, ist er es, der schlägt?)Was ich auch noch gut fand: Das Kind ist super beschrieben mit seinem feinen Gesicht und so. Aber gleichzeitig hatte ich das Gefühl, ich kann gar nicht sagen, ob du das gewollt hast, aber dass das Kind wohl auch echt schwierig ist. Der Mann wirkte auf mich ziemich hilflos, die Freundin ist wegen dem Kind abgehauen. Also nicht nur das feine zarte Kind, sondern vielleicht auch manchmal ein kleiner Drachen? Ich weiß nicht, obs gewollt war. (Bleibt unter diesen? Umständen nicht aus. Das Kind rebelliert auf seine Art.) Für mich jedenfalls hast du finde ich in deine Postkartenidylle eine Menge Zündstoff reingebastelt. Das finde ich gut.
Besser, als wenn man nur den bösen nachlässigen Vater und das vernachlässigte Kind gehabt hätte. Macht die Sache mehrdimensional, lässt Überforderung und Kompliziertheit auf beiden Seiten spüren. (Das "spüren" ist mir wichtig. Würde ich Vanessa laut vermuten lassen, ihre Rückschlüsse, die sie ja zu diesem Zeitpunkt vielleicht ja auch nur oberflächlich zieht, eben Gefühle, offen darlegen, wäre das für mich irgendwie gesteuert, zu einfach.) Viele Grüße
Rainer


Danke dir Rainer fürs Reinschauen und den Leseeindruck. Gerne immer wieder.  Smile

LG
adelbo


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Hardy-Kern
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BeitragVerfasst am: 30.01.2013 18:03    Titel: Antworten mit Zitat

adelbo hat Folgendes geschrieben:
Hallo Rainer, was du geschrieben hast, habe ich natürlich sehr gerne gelesen. Das war es, was ich erreichen wollte. Denn so ist die kleine Begegnung in meinen Augen, es steckt so vieles drin, aber man weiß nichts Genaues.

... aber man kann sich einiges reimen.
Typisch für dich, mit Kürze und der Würze dem Leser die Hirnzellen ins Schwitzen kommen zu lassen.

Eigentlich denke ich, dass Vanessa eine Erkenntnis für ihre Zukunft gewonnen hat, was den Umgang mit Kindern betrifft.
Das scheint in der Harmonie mit Martin begründet zu sein und dem Nachdenken, wie sie oder Martin vielleicht in so einer Situation mit ihrem Kind umgehen würden. Darum ist sie auch froh, als ihr Freund auftaucht und ihre Bedenken mit einem Kuss wegwischt. Aber Harmonien können sich schnell ändern.

Stark der Schluss.
Die Kleine marschiert, mit einem grauen Handtuch, hinter dem Vater her, zu einem alten Auto. Das liest sich trüb, hoffnungslos, aber gibt keinen Grund für eine weitere Interpretation des sozialen Status.
Der Vater ist natürlich knurrig, erst die Frau ( Mutter) weg, dann auch noch die Freundin. Das zu verarbeiten ist nicht einfach.
Wenn denn gewollt, müsste das die Schreiberin schon selbst tun.

Gut, dass du nochmal den Standort mit der Promenade näher erklärt hast Daumen hoch

Hardy
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adelbo
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BeitragVerfasst am: 31.01.2013 12:43    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Inky  Smile

Zitat:
Hallo adelbo, ich mag gut beobachtete Schilderungen von Alltagssituationen. Mir ist zwar nicht so ganz klar, was Dich bewegt: Ist es die Achtlosigkeit, wie der Vater mit seiner Tochter umgeht, ist es sein Mangel an Empathie und Emotion, ist es die Tatsache, daß das Kind nur einmal die Woche rauskommt?  Oder dass der Mann ungefragt so viel erzählt und dazu Dinge, die man normalerweise völlig Fremden nicht einfach so anvertraut, oder warum geht der Mann nicht mit dem Kind an einen Strand

Ich vermisse eine Haltung der teilnehmenden Beobachterin (Gedanken, Gefühle) ausserhalb des small talks, den sie mit dem Vater führt. Was erwartest du für Gedanken, Gefühle? Wie würdest du diese in dem Text unterbringen? Das fände ich interessant. Ansonsten: Gerne gelesen!  Das freut mich. Smile
Lieben Gruß, Inky


Dankeschön Inky, dafür dass du dich mit dem Text befasst hast und mir deine Gedanken dagelassen hast.

LG
adelbo


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BeitragVerfasst am: 31.01.2013 17:56    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, adelbo - ich hab`s mal mit den Emotionen im Text versucht, weil es Dich interessiert. Ich hoffe, Du kannst mit dem einen oder anderen Vorschlag etwas anfangen.

Idylle

Achtlos lässt Vanessa ihr Fahrrad auf die Wiese neben der Uferpromenade fallen. Sie kann nicht mehr in diesem Tempo hinter Martin herradeln – irgendwann wird er schon merken, dass sie ihm nicht mehr folgt.
Sie setzt sich erschöpft auf eine Bank, streckt die Beine weit von sich und atmet tief ein und aus.
Ein paar Meter vor ihr, am Ende des leicht abschüssigen Strandes, plätschern die Wellen über feinen Kies. Schäfchenwolken wandern am blauen Himmel. Durch türkisfarbenes Wasser gleiten Segelschiffe mit weißen oder bunten Segeln und nicht weit entfernt, liegen geruhsam vor sich hinschaukelnd Fischerboote und vertäute Kanus. Ein paar Schwäne schwimmen heran, um das klischeehafte Motiv einer Ansichtskarte vom Meer zu vervollständigen. Es riecht nach Fisch und Tang.
Eine nahezu kitschig anmutende Idylle, doch irgendetwas stört.
Zwischen den Fischerbooten leuchten immer wieder zwei gelbe Punkte auf. Vanessa schaut genauer hin.
Sie sieht ein Kind, mit Schwimmärmchen, das zwischen den Booten im Wasser herumtollt und fröhlich ruft: „Ich komme nicht raus. Jetzt noch nicht.“ Es bewegt sich nahe an einem Seil, das eines der Boote sichert und das sich im Taumel der Wellen mal spannt und entspannt.
Vanessa dreht sich suchend um und sieht hinter einer Bank einen Mann stehen, der eine Sonnenbrille trägt. In der Hand hält er ein graues Handtuch.
Als habe er Vanessas Besorgnis erahnt, sagt er: „Soll sie eben drin bleiben. Es wird ihr schon kalt werden. Dann kommt sie von alleine raus.“
Vanessa schaut zwischen der Sonnenbrille und den gelben Schwimmärmchen hin und her.
„Sie hört sowieso nicht. Also lasse ich sie.“ Der Mann rollt das Handtuch in den Händen. „Schwimm von den Seilen weg. Hörst du“, brüllt er.
Das Kind sucht die Seile, sieht das eine und tappt mit den gelben Ärmchen über das Wasser von ihm weg.
Warum geht er nicht an eine ungefährlichere Stelle? An einen flachen Strand, wo das Kind ungehindert schwimmen und toben kann?
„Sie hat keine Ruhe gegeben. Sie wollte ins Wasser. Jetzt lasse ich sie machen.“
„Das kenne ich. Von meiner Nichte“, antwortet Vanessa. „ Wenn sie etwas will, versucht sie auch, es durchzusetzen. Sie ist etwa im gleichen Alter.“
„So sind sie“, sagt der Mann. „Ich bin alleinerziehender Vater. Seit einem Jahr. Davor war sie bei ihrer Mutter. Von ihr wurde sie ständig verprügelt.“
Berührt schaut Vanessa auf das Kind.
„Eine Nachbarin rief mich an, als ihr das Geschrei aus der Wohnung zu viel wurde. Ihre Mutter hat natürlich alles abgestritten. Da habe ich das Jugendamt eingeschaltet.“
Die Schwimmärmchen schaukeln über dem Wasser, nahe an den Seilen.
„Geh da weg“, schreit der Mann. Wortlos robbt das Kind in die andere Richtung und lässt sich von den Wellen tragen.
„Die haben die Mutter erwischt, als sie auf das Kind einschlug. Es hat sich gewehrt.“
„Bekommt sie denn keine blauen Lippen, wenn sie so lange im Wasser ist?“ fragt Vanessa. „Sie muss doch langsam frieren.“
„Die ist zäh“, sagt der Mann. „Jetzt ist sie bei mir. Meine Freundin ist wegen ihr abgehauen.“ Er zuckt mit den Schultern. „Aber was soll`s. So ist es eben.“
Vanessa sieht sich sehnsüchtig nach Martin um. Er müsste doch längst gemerkt haben, dass sie nicht mehr hinter ihm radelt.
Das Kind hat wohl jetzt festen Boden unter den Füßen. Das kleine, schmale Wesen mit seinen gelben Schwimmärmchen steht mitten in der bunten Postkartenidylle und bibbert.
„Ich war gestern mit meiner Nichte im Erlebnispark“, sagt Vanessa. „Es schien fast unmöglich sie von manchen Fahrgeschäften wegzubekommen. Sie wollte absolut nicht hören. Erst, als wir ihr ein wenig Angst gemacht haben, sie würde einen Drehwurm bekommen, ist sie ausgestiegen.
„Angst kennt die überhaupt nicht.“ Der Mann zeigt auf das herannahende Mädchen. „Die geht auf jede Bahn. Im Erlebnispark kennt sie jeder. Sie darf überall mitfahren. Wenn ich meine Ruhe haben will, setze ich mich in dem Park auf eine Bank, lese die Zeitung und lasse sie machen. Bis sie es leid ist.“
Das Kind steht nun zitternd vor ihm. Es schaut zu Vanessa hinüber und ein zaghaftes Lächeln huscht über ihr Gesicht.
„Gut, dass du rausgekommen bist,“ sagt Vanessa freundlich lächelnd, „Ich habe mir schon Sorgen gemacht, dass du blaubeerblaue Lippen bekommst.“
Der Mann drückt der Kleinen ruppig das Handtuch in die Hand. „Zieh den Badeanzug aus und trockne dich ab. Für diese Woche reicht es, hörst du.“
Vanessa blickt nachdenklich über den Strand aufs Meer, auf die Schiffe, die Schwäne.
„Hallo Liebes“, hört sie plötzlich Martin hinter sich. „Kein Wunder, dass du hängen geblieben bist. Traumhaft ist es hier.“ Er lässt sich neben ihr auf die Bank fallen. Erleichtert kuschelt sich Vanessa in seinen Arm.
Sie sieht zur anderen Bank hinüber, wo das Kind sich gerade beeilt, den Reißverschluss seiner roten Hose in die Höhe zu ziehen. Dann läuft es, das graue Handtuch über die Erde schleifend, dem Mann hinter her.
Er steht neben einem dunklen alten Auto, blickt ihm durch die Sonnenbrille entgegen.
Vanessa bereiten seine letzten Worte an die Kleine immer noch Unbehagen: „Für diese Woche reicht es, hörst du.“
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Sun Wukong
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BeitragVerfasst am: 31.01.2013 19:38    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo adelbo,
ich erinnere mich, die frühere Version kommentiert zu haben. Das Präsens und die Änderungen der Beschreibungen zu Beginn verbessern den Text und machen deine Absichten etwas klarer.
Aber ich finde den Dialog teilweise unnatürlich, also nicht vom Inhalt her sondern von der Ausdrucksweise.

Dass der Mann sofort von der schlagenden Exfrau spricht, liesse sich tatsächlich damit erklären, dass er sich dadurch profilieren möchte. Aber die Art, wie er erzählt, hat mich aus dem Textfluss gebracht, „Ich bin alleinerziehender Vater. Seit einem Jahr. Davor war sie bei ihrer Mutter. Von ihr wurde sie ständig verprügelt.“ - das klingt einfach zu sehr nach dem berüchtigten "Infodump". Diese vielleicht alltägliche, aber dennoch drastische - also emotional fordernde - Passage müsste realistischer inszeniert werden. Bei "Nur so" schilderst du die Reaktionen der Menschen natürlicher, wie sie sich eben verhalten, wenn sie plötzlich im Alltag mit unerwarteten Handlungen konfrontiert werden. Versuche vielleicht, dich noch mehr in diesen Typ hinein zu versetzen, um ihn auch durch seine Ausdrucksweise mehr zu charakterisieren und eine bessere Lösung zu finden, wie er über sein Leben spricht.

Grüße!
Christian
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adelbo
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BeitragVerfasst am: 01.02.2013 11:50    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Hardy,

Zitat:
adelbo hat Folgendes geschrieben:
Hallo Rainer, was du geschrieben hast, habe ich natürlich sehr gerne gelesen. Das war es, was ich erreichen wollte. Denn so ist die kleine Begegnung in meinen Augen, es steckt so vieles drin, aber man weiß nichts Genaues.  

... aber man kann sich einiges reimen.
Typisch für dich, mit Kürze und der Würze dem Leser die Hirnzellen ins Schwitzen kommen zu lassen.

Das will ich eigentlich gar nicht.  Sad  Schwitzen soll bei meinen Texten niemand. Ich möchte eben nicht etwas servieren, habe den Holzhammer im hintersten Winkel meiner Wohnung vergraben.  Laughing  Aber die Würze ist gut, das gefällt mir.  
Eigentlich denke ich, dass Vanessa eine Erkenntnis für ihre Zukunft gewonnen hat, was den Umgang mit Kindern betrifft.
Das scheint in der Harmonie mit Martin begründet zu sein und dem Nachdenken, wie sie oder Martin vielleicht in so einer Situation mit ihrem Kind umgehen würden. Darum ist sie auch froh, als ihr Freund auftaucht und ihre Bedenken mit einem Kuss wegwischt. Aber Harmonien können sich schnell ändern.

Stark der Schluss.
Die Kleine marschiert, mit einem grauen Handtuch, hinter dem Vater her, zu einem alten Auto. Das liest sich trüb, hoffnungslos, aber gibt keinen Grund für eine weitere Interpretation des sozialen Status.
Der Vater ist natürlich knurrig, erst die Frau ( Mutter) weg, dann auch noch die Freundin. Das zu verarbeiten ist nicht einfach.
Wenn denn gewollt, müsste das die Schreiberin schon selbst tun.

Gut, dass du nochmal den Standort mit der Promenade näher erklärt hast.  Ja irgendwie scheint das Bild noch nicht richtig zu funktionieren.


Schön Hardy, dass du mir deine Meinung zu meinem kleinen Text geschrieben hat. Gerne immer wieder.

LG
adelbo


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adelbo
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BeitragVerfasst am: 01.02.2013 12:19    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Inky,

das ist sehr lieb von dir, dir soviel Arbeit mit meiner Geschichte zu machen. Ich werden jeden einzelnen deiner Vorschläge durchdenken. Es gibt einige, die ich so nicht übernehmen kann, da es aus meinem Text eine andere Geschichte machen würde. Am besten verdeutliche ich dir das an dem letzten Abschnitt.

Zitat:
Gut, dass du rausgekommen bist,“ sagt Vanessa freundlich lächelnd, „Ich habe mir schon Sorgen gemacht, dass du blaubeerblaue Lippen bekommst.“
Der Mann drückt der Kleinen ruppig das Handtuch in die Hand. „Zieh den Badeanzug aus und trockne dich ab. Für diese Woche reicht es, hörst du.“
Vanessa blickt nachdenklich über den Strand aufs Meer, auf die Schiffe, die Schwäne.
„Hallo Liebes“, hört sie plötzlich Martin hinter sich. „Kein Wunder, dass du hängen geblieben bist. Traumhaft ist es hier.“ Er lässt sich neben ihr auf die Bank fallen. Erleichtert kuschelt sich Vanessa in seinen Arm.
Sie sieht zur anderen Bank hinüber, wo das Kind sich gerade beeilt, den Reißverschluss seiner roten Hose in die Höhe zu ziehen. Dann läuft es, das graue Handtuch über die Erde schleifend, dem Mann hinter her.
Er steht neben einem dunklen alten Auto, blickt ihm durch die Sonnenbrille entgegen.
Vanessa bereiten seine letzten Worte an die Kleine immer noch Unbehagen: „Für diese Woche reicht es, hörst du.“


Du würdest sehr viel mehr Emotionen in den Text reinbringen, was ich nicht möchte. Es gibt sehr oft im Leben Situationen deren möglichen Tragweiten man erst im nachhinein erkennt.

Ich danke dir und werde auf jeden Fall darüber nachdenken.

LG
adelbo


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Hardy-Kern
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BeitragVerfasst am: 01.02.2013 16:42    Titel: Antworten mit Zitat

Sun Wukong hat Folgendes geschrieben:


 Diese vielleicht alltägliche, aber dennoch drastische - also emotional fordernde - Passage müsste realistischer inszeniert werden. Bei "Nur so" schilderst du die Reaktionen der Menschen natürlicher, wie sie sich eben verhalten, wenn sie plötzlich im Alltag mit unerwarteten Handlungen konfrontiert werden. Versuche vielleicht, dich noch mehr in diesen Typ hinein zu versetzen, um ihn auch durch seine Ausdrucksweise mehr zu charakterisieren und eine bessere Lösung zu finden, wie er über sein Leben spricht.

Warum sollte man das tun? Ist doch keine psychoanalytische Geschichte, nur die Betrachtung einer Szene mit kleinen Erkenntnissen.
Warum sollte die Schreiberin uns aufzeigen, was der Vater vielleicht falsch macht und wie er das besser machen könnte? Aus welchem Grund?

Dann muss man die Geschichte ganz anders schreiben. Das scheint aber nicht die Absicht zu sein.
Der Außenstehende kann jede Geschichte anders schreiben, wenn er es kann und will.

Mir, als ausgewachsem Mann, der im täglichen Leben steht, reicht das als nachdenkliche Kurzgeschichte völlig aus.
Viele haben im Alltag Kurzgeschichten erlebt; sie merken es nur nicht, können es nicht zu Papier bringen und wollen es auch nicht.

Es ist doch gut, wenn man heutzutage überhaupt mit jemandem ins Gespräch kommt, ohne gleich als Schwätzer betrachtet zu werden.
Wer das Bedürfnis verspürt über eine Vater-Tochter-Beziehung zu schreiben, wird sicher gern gelesen werden. Smile

Hardy
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BeitragVerfasst am: 01.02.2013 18:17    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo adelbo -
Zit: "...Du würdest sehr viel mehr Emotionen in den Text reinbringen, was ich nicht möchte ..."

Dann verstehe ich nicht, warum Du mich darum gebeten hast:
Zit:"...Was erwartest du für Gedanken, Gefühle? Wie würdest du diese in dem Text unterbringen? Das fände ich interessant..."

 L.G. Inky
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adelbo
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BeitragVerfasst am: 01.02.2013 18:35    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zitat:
Hallo adelbo -
Zit: "...Du würdest sehr viel mehr Emotionen in den Text reinbringen, was ich nicht möchte ..."

Dann verstehe ich nicht, warum Du mich darum gebeten hast:
Zit:"...Was erwartest du für Gedanken, Gefühle? Wie würdest du diese in dem Text unterbringen? Das fände ich interessant..."


Weil es unterschiedliche Vorgehensweisen gibt, Gedanken und Gefühle zu vermitteln. Mich hat einfach interessiert wie du das in diesem Text, der zugegeben etwas anders ist, angehen würdest. Es gäbe doch auch die Möglichkeit statt zu schreiben Vanessa bereiten seine letzten Worte an die Kleine immer noch Unbehagen:, dass Vanessa zu Martin sagt, "mir gehen seine Worte nicht aus dem Kopf... Das arme Kind. Es ist doch heute erst Dienstag."

Ich wollte einfach nur verstehen, was du meinst, wie du die Gedanken und Gefühle vermitteln würdest.

LG
adelbo


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adelbo
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BeitragVerfasst am: 01.02.2013 19:34    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zitat:
Hallo adelbo,
ich erinnere mich, die frühere Version kommentiert zu haben. Das Präsens und die Änderungen der Beschreibungen zu Beginn verbessern den Text und machen deine Absichten etwas klarer.  
Aber ich finde den Dialog teilweise unnatürlich, also nicht vom Inhalt her sondern von der Ausdrucksweise.

Dass der Mann sofort von der schlagenden Exfrau spricht, liesse sich tatsächlich damit erklären, dass er sich dadurch profilieren möchte. Aber die Art, wie er erzählt, hat mich aus dem Textfluss gebracht, „Ich bin alleinerziehender Vater. Seit einem Jahr. Davor war sie bei ihrer Mutter. Von ihr wurde sie ständig verprügelt.“ - das klingt einfach zu sehr nach dem berüchtigten "Infodump". Diese vielleicht alltägliche, aber dennoch drastische - also emotional fordernde - Passage müsste realistischer inszeniert werden. Bei "Nur so" schilderst du die Reaktionen der Menschen natürlicher, wie sie sich eben verhalten, wenn sie plötzlich im Alltag mit unerwarteten Handlungen konfrontiert werden. Versuche vielleicht, dich noch mehr in diesen Typ hinein zu versetzen, um ihn auch durch seine Ausdrucksweise mehr zu charakterisieren und eine bessere Lösung zu finden, wie er über sein Leben spricht.

Grüße!


Hallo Christian,

Zitat:
Das kenne ich. Von meiner Nichte“, sagt Vanessa. „ Wenn sie etwas will, setzt sie es durch. Sie ist etwa im gleichen Alter.“
„So sind sie“, sagt der Mann. „Ich bin alleinerziehender Vater. Seit einem Jahr. Davor war sie bei ihrer Mutter. Von ihr wurde sie ständig verprügelt.“

Alleine für sich, liest sich der von dir angeführte Satz extrem hart und abrupt. Im Kontext mit den anderen Sätzen ist mir das nicht so bewusst geworden. Im ersten Moment, als ich deinen Kommentar gelesen habe, habe ich spontan gedacht, das muss ich ändern, was ich auch tun werde. Aber bin unsicher, ob ich aus dem Fahrwasser raus und mich in den Mann hineinversetzen soll. Ich glaube eher nicht. Weil das ist für mich ein Teil der Geschichte, dass er Vanessa ein Rätsel bleibt. Es gibt ja viele Menschen und dazu zähle ich auch, die in die Menschen, die ihnen gegenüberstehen, etwas hineindenken, versuchen eine Vorstellung von dem Gegenüber zu bekommen. Oft ist das nicht richtig, was man aus einem Gespräch oder auch einer Situation für Schlüsse zieht.
Ich werde auf jeden Fall die Dialoge überdenken, etwas "normaler" und unauffälliger gestalten.
Ich freue mich immer, wenn du zu einem meiner Texte etwas schreibst. Danke dir Christian.

LG
adelbo


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BeitragVerfasst am: 02.02.2013 13:05    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo adelbo und Hardy,
"psychoanalytisch" muss es ja nicht gleich werden, für mich war an der Stelle einfach ein Bruch. Ich habe beim nochmaligen Lesen versucht, mich mehr auf adelbos eigene Erzählweise einzulassen, anstatt geglättete Dialoge zu erwarten. "Unauffälliger" muss das nicht werden denke ich jetzt, vielleicht im Gegenteil kantiger, also dass vielleicht noch mehr deiner eigenen Sprache spürbar ist. Und statt psychologischer Darstellung des Mannes dann eben trotzdem an der benannten Stelle etwas, dass das rätselhafte für Vanessa deutlicher macht, das können einfach nur 1,2 andere Wörter sein - die Reaktion mit dem "erschrocken auf das Kind schauen" finde ich gut.

Grüße
Christian
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BeitragVerfasst am: 03.02.2013 00:44    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Adelbo,

ich lese deine Geschichte nun nicht zum ersten Mal. Ich finde sie gut. Zwei Dinge:

Da du ja eher beobachten als urteilen möchtest, wäre es vielleicht besser, den zweiten Teil hier wegzulassen?


Eine nahezu kitschig anmutende Idylle, die durch etwas gestört wird.

Den letzten Satz verstehe ich nicht ganz. Es klingt für mich, als sollte der Vater öfters mit dem Kind an den Strand zum Baden gehen. Er mag aber ja nicht die Zeit dafür haben? Und komisch kommt es mir vor, dass Vanessa sich gerade darüber Gedanken macht, nach dem Gespräch, das ja zu vielen mehr anregen könnte. Da stehe ich etwas auf dem Schlauch.
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BeitragVerfasst am: 03.02.2013 19:10    Titel: Antworten mit Zitat

-



Hallo adelbo,

gefällt mir smile

eine mal wieder sehr interessante (fast) beispielhafte Alltäglichkeit, wie und worüber (erwachsene) Menschen auf welche Nebenbei-Art ins Gespräch kommen – leer plappernd (und sie meinen es tatsächlich wichtig – ihr wie worüber Sprechen), als ging es um einen Ball, der zufällig ins Wasser gefallen ist. Das Kind wird hier zu einem Neutrum – egal, ob der Mann oder auch diese Vanessa darüber eiffern. Und,

textal so fein selbstspiegelnd dargestellt Smile , wie es diese hier beiden Protagonisten (Mann, Vanessa) unbewusst schaffen, sich selbst, quasi in der hilflosen Opferrolle dem Hauptprota Neutrum Kind gegenüber zu sehen, ohne zu bemerken, dass sie einzig diejenigen sind, die nicht mehr kommunizieren können – umso mehr umso weniger dem Wesen Kind gegenüber. Als läge es, was auch immer an Kontroverse, erstmal am Kind ...

Die, vom Text als klischeehafte Ist-Umgebung benannt und provoziert, spiegelt mMn letztlich sehr ähnlich jene empfundenen Erwachsenenklischees wider – als läge eine Distanz, zum definierten Neutrum gewordenen Ballast Kind fast schon evolutionär am Wesen Kind selbst, als läge die prmäre Fürsorge dem Kind gegenüber vor allem darin, einen formalen Überlebensraum zur Verfügung zu stellen, als wäre es so ...

Mich persönlich hat Dein Text zwischenzeilig und auch in direkter Bildebene (unter meiner Brille) gut berührt – mich wieder mal in die armselige Erwachenenwelt gut reingestoßen ...
Ebenso sprachlich fühle ich mich sehr realistisch von Deinem gesetzten Erzählton durch den Text geführt.


Paar kleine Frank-Krittels mal folgend angefügt ( Du weißt ja, einzig meine Brille Wink )

-------------------------------------------------------------------------------

Idylle

Achtlos lässt Vanessa ihr Fahrrad auf die Wiese neben der Uferpromenade fallen. Sie kann nicht mehr und Martin wird es irgendwann schon bemerken, dass sie nicht mehr hinter ihm her fährt.
Sie setzt sich erschöpft auf eine Bank, streckt die Beine weit von sich und atmet tief ein und aus.
Ein paar Meter vor ihr, am Ende des leicht abschüssigen Geländes Strandes, <-- der Strand verwirrt mich auch (und das Komma brauchts mMn nicht Smile ) plätschern die Wellen über feinen Kies. Schäfchenwolken wandern am blauen Himmel. Durch türkisfarbenes Wasser gleiten Segelschiffe mit weißen oder bunten Segeln und nicht weit entfernt, liegen geruhsam vor sich hinschaukelnd e <-- Fischerboote und vertäute Kanus. Ein paar Schwäne schwimmen heran, um das klischeehafte Motiv einer Ansichtskarte vom Meer zu vervollständigen. Es riecht nach Fisch und Tang.
Eine nahezu kitschig anmutende Idylle, die durch etwas gestört wird.
Zwischen den Fischerbooten leuchten immer wieder zwei gelbe Punkte auf. Vanessa schaut genauer hin.
Sie sieht ein Kind, mit Schwimmärmchen, das zwischen den Booten im Wasser herumtollt und fröhlich ruft: „Ich komme nicht raus. Jetzt noch nicht.“ Es bewegt sich nahe an einem Seil, das eines der Boote sichert und das sich im Taumel der Wellen mal spannt und entspannt.
Vanessa dreht sich um und sieht hinter einer Bank einen Mann mit einer Sonnenbrille stehen. In der Hand hält er ein graues Handtuch.
Er hat Vanessas Blick bemerkt. Als müsse er darauf antworten: „Soll sie eben drin bleiben. Es wird ihr schon kalt werden. Dann kommt sie von alleine raus.“
Vanessa schaut zwischen der Sonnenbrille und den gelben Schwimmärmchen hin und her.
„Sie hört sowieso nicht. Also lasse ich sie.“ Der Mann rollt das Handtuch in den Händen.
„Schwimm von den Seilen weg. Hörst du“, brüllt er nach. Das Kind sucht die Seile, sieht das eine und tappt mit den gelben Ärmchen über das Wasser von ihm weg.
Vanessa denkt, warum geht er nicht an eine andere Stelle, an einen Strand, wo es keine Seile gibt. Dort, wWo das Kind ungehindert schwimmen und toben kann.
Als könne er ihre Gedanken lesen. „Sie hat keine Ruhe gegeben. Sie wollte ins Wasser. Jetzt lasse ich sie machen.“
„Das kenne ich. Von meiner Nichte“, sagt Vanessa. „ Wenn sie etwas will, setzt sie es durch. Sie ist etwa im gleichen Alter.“
„So sind sie“, sagt die Brille der Mann. „Ich bin alleinerziehender Vater. Seit einem Jahr. Davor war sie bei ihrer Mutter. Von ihr wurde sie ständig verprügelt.“
Erschrocken schaut Vanessa auf das Kind.
„Eine Nachbarin rief mich an, als ihr das Geschrei aus der Wohnung zu viel wurde. Ihre Mutter hat natürlich alles abgestritten. Da habe ich das Jugendamt eingeschaltet.“
Die Schwimmärmchen schaukeln über dem Wasser, nahe an den Seilen.
„Geh da weg“, schreit der Mann. Wortlos robbt das Kind in die andere Richtung und lässt sich von den Wellen tragen.
„Die haben die Mutter erwischt, als sie auf das Kind einschlug. Es hat sich gewehrt.“
„Bekommt sie keine blauen Lippen?“ Vanessa versucht abzulenken. „Sie muss doch frieren.“
„Die ist zäh“, sagt der Mann. „Jetzt ist sie bei mir. <-- hierzu fehlt mir eine kleine Zusatzerklärung, warum ist sie bei ihm??? / denn er, dieser Brillenmann ist doch davor zum Kind ein Fremder, oder? Meine Freundin ist wegen ihr abgehauen.“ Er zuckt mit den Schultern. „Aber was soll`s. So ist es eben.“
Vanessa überlegt, soll sie aufstehen. Martin müsste doch längst gemerkt haben, dass sie nicht mehr da ist.
Das Kind hat jetzt festen Boden unter den Füßen. Es steht, ein kleines schmales Wesen, mit gelben Schwimmärmchen mitten in der bunten Postkartenidylle.
„Ich war gestern mit meiner Nichte im Erlebnispark“, erzählt Vanessa. Sie hätte nicht sagen können, warum sie es erzählt. „Es war fast unmöglich sie von manchen Fahrgeschäften wegzubekommen. Sie wollte absolut nicht hören. Gott sei Dank hat sie vor Achterbahnen und Ähnlichem noch Angst.“
„Angst kennt die überhaupt nicht.“ Der Mann zeigt auf das herannahende Kind. „Die geht auf jede Bahn. Im Erlebnispark kennt sie jeder. Sie darf überall mitfahren. Wenn ich meine Ruhe haben will, setze ich mich in dem Park auf eine Bank, lese die Zeitung und lasse sie machen. Bis sie es leid ist.“
Das Kind steht nun zitternd vor ihm. Es schaut zu Vanessa hinüber und ein Lächeln huscht über das zarte Gesicht.
Der Mann drückt ihm das Handtuch in die Hand. „Zieh den Badeanzug aus und trockne dich ab. Für diese Woche reicht es, hörst du.“
Vanessa blickt über den Strand aufs Meer, auf die Schiffe, die Schwäne.
„Hallo Liebes“, hört sie hinter sich Martin sagen. „Kein Wunder, dass du hängen geblieben bist. Traumhaft ist es hier.“ Er lässt sich neben ihr auf die Bank fallen. Erleichtert gibt Vanessa ihm einen Kuss.
Sie sieht zur anderen Bank hinüber. Das Kind beeilt sich, den Reißverschluss seiner roten Hose in die Höhe zu ziehen. Dann läuft es, das graue Handtuch über die Erde schleifend, dem Mann hinterher. <-- zusammen geschrieben Er steht neben einem dunklen alten Auto, blickt ihm durch die Sonnenbrille entgegen.
Vanessa gehen seine letzten Worte an die Kleine durch den Sinn. „Für diese Woche reicht es, hörst du.“ Heute ist Dienstag.


------------------------------------------------------------------------


adelbo,
habe wieder sehr gerne in Deinen zwischenzeilenden beiß-Text reingeschaut Smile , und Dir klaro, heute ein noch weiterhin gutgelingendes Sonntagtschüss, Frank ...


-


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BeitragVerfasst am: 04.02.2013 21:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@ Sun Wukong

Zitat:
psychoanalytisch" muss es ja nicht gleich werden, für mich war an der Stelle einfach ein Bruch. Ich habe beim nochmaligen Lesen versucht, mich mehr auf adelbos eigene Erzählweise einzulassen, anstatt geglättete Dialoge zu erwarten. "Unauffälliger" muss das nicht werden denke ich jetzt, vielleicht im Gegenteil kantiger, also dass vielleicht noch mehr deiner eigenen Sprache spürbar ist. Und statt psychologischer Darstellung des Mannes dann eben trotzdem an der benannten Stelle etwas, dass das rätselhafte für Vanessa deutlicher macht, das können einfach nur 1,2 andere Wörter sein - die Reaktion mit dem "erschrocken auf das Kind schauen" finde ich gut.


Hallo Christian,

ich verstehe was du meinst und werde die Stelle auf jeden Fall überarbeiten.  Ich habe das Problem, dass den Mann nichts anderes charakterisieren kann, als das was er spricht. Und in der Geschichte läuft das schnell in die falsche Richtung. Niemand soll sagen können, ist er gut oder böse , macht er es richtig oder falsch. Eben wie es oft so ist, mein schaut niemanden hinter seine Sonnenbrille. (hinter die Stirn)

Nochmal danke und LG
adelbo


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