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[außer Konkurrenz] Eyes of Mermaid

 

 
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Eredor
Geschlecht:männlichDichter und dichter

Moderator
Alter: 29
Beiträge: 4709
Wohnort: Heidelberg
Das silberne Stundenglas DSFx
Goldene Harfe Pokapro III & Lezepo I


Traumtagebuch
BeitragVerfasst am: 03.12.2012 00:04    Titel: [außer Konkurrenz] Eyes of Mermaid eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Eyes of Mermaid

Als ich die mit Stickern und Graffiti verdeckte Ladentür öffnete, hatte ich viel erwartet, aber nicht das: auf dem massiven, mit goldenen orientalischen Mustern bemalten Holztisch thronte eine Popcornmaschine. Das aus dem Hintergrund dröhnende „Don’t stop believing“ von Journey wurde auf seltsame Art und Weise durch das arrhythmische Knallen der Maiskörner ergänzt; es duftete nach Butter und karamellisiertem Zucker.
Ich wusste nicht wie ich hier gelandet war. Amsterdam war immerhin etwa sechs Stunden von meiner Heimatstadt entfernt und ich hatte den ganzen Tag damit zugebracht, auf verschiedenen Autobahntankstellen, Auffahrten, Kreuzungen und Bahnhofparkplätzen meinen Daumen herauszuhalten, bis sich endlich jemand erbarmte und mich mitnahm – zu meiner Überraschung waren das zwei junge Frauen meines Alters gewesen. Keine von beiden zeichnete sich durch ein besonders gutes Aussehen aus, und dennoch würde ich von mir behaupten, dass ich nicht in ihrer Liga spielte. Nicht ich. Aber an sich war mir das gleichgültig, ich war durchgefroren und müde, hatte keine Zigaretten mehr und keine Hoffnung, dass noch irgendjemand anhalten würde.
Sie hatten einen wunderbaren Musikgeschmack und ich unterhielt mich die ganze Fahrt mit ihnen über Konzerte, Lieblingsbands und Erfahrungen auf Festivals.
Vor wenigen Minuten hatten Annika und Ramona mich abgesetzt, irgendwo zwischen zwei Kanalbrücken in der Innenstadt wo die Sonne schon längst hinter den hohen, krummen und zugleich wunderschönen Gebäuden untergegangen war. Ich bin gelaufen, gelaufen. Einen Zwischenstopp in einem Coffee-Shop gemacht, drei Gramm White Widow in der Jackentasche und einen Space-Brownie in der Hand, die andere in der Hosentasche vergraben, passierte ich die semipermeable Membran dieser inspirierenden Stadt innerhalb von kurzen Momenten.
Es war das schwach leuchtende Schild gewesen, das mich auf den Laden aufmerksam gemacht hatte.
„We rent dreams“, war in verschlungener Schrift geschrieben, in sich verschlungen wie ein frisch verliebtes Paar, in sich verschlungen wie zwei Ringkämpfer, verschlungen wie mein Brownie.
Jetzt stand ich hier (die Klangstäbchen über der Tür hallten noch durch den Raum), und starrte verwirrt auf die durch und durch seltsame Einrichtung.
„Ik kom“, säuselte eine Frauenstimme aus dem Hinterraum – ich ließ mich auf eine schwarze, durchgesessene Ledercouch fallen und versank augenblicklich zwischen nach Orange duftenden, weichen Kissen. Gerade, als ich in meiner Jacke nach dem Tütchen nestelte, um mir einen Joint zu drehen, stand sie im Türrahmen – geschätzte achtundzwanzig, mitreißendes Lächeln, hellgraue Augen hinter dem dunkelblonden Pony. Sie war mindestens fünf Jahre älter als ich, aber ich fand sie durchaus attraktiv. Sie hatte sich gut gehalten.
„Hi!“, grinste sie und begann sofort mit einem Schwall Holländisch, von dem ich kein Wort verstehen konnte.
„Ich… bin aus Deutschland“, unterbrach ich sie, als mir klar wurde, dass sie noch ewig weiterreden würde.
„Oh! Ja, das ist kein Problem“, antwortete sie mit einem seltsamen Akzent und wiederholte ihre Predigt: „Hallo! Ich bin Leonora. Du musst ziemlich verzweifelt sein, um diese Uhrzeit noch hier herzukommen. Du musst generell verzweifelt sein, wenn du hier herkommst. Wie du gelesen hast, vermiete ich Träume. Ich kann dir entweder einen Katalog geben, in dem du dir einen aussuchst, oder ich rede etwas mit dir und empfehle dir dann einen“, sie machte eine kurze Pause, „willst du Popcorn? Jeder mag Popcorn. Das Geräusch, der Geruch, der Geschmack. Popcorn ist perfekt für gute Laune.“ Ohne auf meine Antwort zu warten, nahm sie den Schopflöffel vom Tisch und füllte in eine rote Plastikschüssel. Dann setzte sie sich mit einer überraschenden Selbstverständlichkeit neben mich und legte mir die Schüssel in den Schoß. „Hier, iss. Ich glaube, du willst eher reden als lesen, nicht wahr?“
Sie hatte sich sehr nah neben mich gesetzt und ich spürte die Wärme ihrer Hüfte an meinem Oberschenkel. Überrumpelt nickte ich und griff, um wenigstens irgendetwas zu tun, nach dem Popcorn.
„Also. Wie heißt du? Dominik, Jan, Frank? Du bist ein Dominik. Deine breite Nase und deine hellen Augenbrauen machen dich zu einem Dominik. Darf ich dich Dominik nennen? Erzähl mir, warum du in Amsterdam bist.“
Ich überlegte, ob ich ihr sagen sollte, dass ich in Wirklichkeit Andrzej hieß und erst seit dem zehnten Lebensjahr in Deutschland wohnte, aber dann fügte ich mich einfach den Umständen und ihrer starken Realität und sprach zögerlich: „Keine Ahnung. Ich schätze, ich wollte einfach Weg von daheim. Mir ist da alles zu Kopf gestiegen. Die Uni war zu schwer, meine Freunde zerstreiten sich und meine Flamme entfernt sich immer weiter von mir. Ja. Ich wollte weg.“
Leonora nickte verständnisvoll, stand auf und lief zu einem kleinen Holzschränkchen, öffnete eine Schublade und kramte darin, bis sie eine Tüte mit blauem Glitzer fand, setzte sich wieder zu mir.
Misstrauisch beäugte ich die Frau wie sie betont langsam die Tüte öffnete, ein, zwei, drei Popcorn aß und dann den kompletten schillernden Inhalt über meinem Kopf ausleerte.
„Hey! Was…“
Leonora lachte. „Das hast du jetzt davon.“ Das Licht wurde dunkler, ganz schwach, bis ich kaum noch etwas erkennen konnte. Ich musste grinsen, irgendwie, und „Eyes of Mermaid“ von The Black Hollies drang in meine Ohren. Ich spürte Finger an meinem Schritt, Atem an meinem Nacken, roch ein nach Hibiskusblüten duftendes Parfum, Lippen. Lippen an meinem Nacken, wandernd, sich bewegend, wabernd. Wie von selbst öffnete sich der Reißverschluss meiner Hose, Finger, Popcorn auf dem Boden, überall blauer Glitzer, schwebend, Schneeflocken ähnlich schmelzend. Plötzlich auf einer Wiese. Hohes Gras, ein Löwenjunges auf meinem Schoß. Ich streichelte mein Leben in sein Fell hinein, Bäume in der Ferne knallten arrhythmisch und verwandelten sich in Schneemänner, alle grinsend mit hellgrauen Augen und als ich blinzelte, saß Leonora auf mir, ihr Gesäß auf meinem Oberschenkel, ihre Haare waren aus bunten Fäden, ihr Gesicht so nah, so nah…
Ich stöhnte gebrochen.
Beruhigendes Rauschen. Ich blickte auf eine schrullige alte Dame, sie saß mir gegenüber auf dem ungemütlichen Sitz im Zug. „Wohin fahren wir?“, fragte ich sie.
„Nach Hause“, flüsterte sie. Ich schloss die Augen.

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Dienstwerk
Geschlecht:weiblichReißwolf

Alter: 52
Beiträge: 1313
Wohnort: Gera/Markkleeberg
DSFo-Sponsor Goldene Harfe


BeitragVerfasst am: 17.12.2012 00:39    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
semipermeable Membran


Mir ist wurscht, was das heißt - es klingt gut!!!

Und ansonsten? Also, wenn sich da nichts bewegt ... ich weiß ja nicht! Das Popcorn geht auf jeden Fall als was zu Essen durch und die Pfandleihe? Naja, mit etwas Phantasie auch. Ich finde die Geschichte göttlich. Hast Du Brownies dabei geraucht? Ich dachte bisher, die Dinger steckt man sich in den Mund und schluckt sie runter oder so. lol

LG, Ana
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The Brain
Geschlecht:weiblichExposéadler

Alter: 62
Beiträge: 2363
Wohnort: Over the rainbow


BeitragVerfasst am: 17.12.2012 16:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hi,

das ist ja mal eine bunte Journey ...

Ich find das Klasse!



Zitat:
Ich streichelte mein Leben in sein Fell hinein, ...



das mag ich besonders ...



Liebe Grüße Brain


_________________
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(Laotse)

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(Hermann Hesse)
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OrangeHair
Geschlecht:weiblichLeseratte

Alter: 50
Beiträge: 109
Wohnort: Wien


BeitragVerfasst am: 18.12.2012 11:20    Titel: Antworten mit Zitat

Herrlich absurd - ich habe mich köstlich amüsiert.
Eine sehr gelungene Geschichte!

LG Orange
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Piratin
Geschlecht:weiblichExposéadler

Alter: 55
Beiträge: 2494
Wohnort: Mallorca
Ei 2


BeitragVerfasst am: 18.12.2012 14:48    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Eredor,

was für ein Trip. Wirklich schade, dass die Vorgaben nicht erfüllt waren.
Zitat:
passierte ich die semipermeable Membran dieser inspirierenden Stadt innerhalb von kurzen Momenten
genial!
Liebe Grüße
Piratin


_________________
Das größte Hobby des Autors ist, neben dem Schreiben, das Lesen.
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RUMO
Geschlecht:männlichSchneckenpost

Alter: 59
Beiträge: 14
Wohnort: Nähe Frankfurt


BeitragVerfasst am: 18.12.2012 21:40    Titel: Antworten mit Zitat

Hey Eredor,

uff...für manchen deiner Sätze würden Deutsch Rapper Geld bezahlen!

In nur zwei Stunden... Hut ab!

LG

RUMO


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Eredor
Geschlecht:männlichDichter und dichter

Moderator
Alter: 29
Beiträge: 4709
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Traumtagebuch
BeitragVerfasst am: 18.12.2012 22:41    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

oh, vielen dank!  smile extra
ich hatte eher mit verständnislosen blicken gerechnet, als mit lob. toll! freut mich. danke nochmal für die lieben worte.

@RUMO: aber warum gerade deutschrapper?

@Dienstwerk: semipermeabel heißt halbdurchlässig. auch wenn es dir wurscht ist  Wink und ich habe weder brownies geraucht, noch gras gegessen. aber viel tee geraucht und ein,zwei,drei zigaretten getrunken.  Razz

mannomann, ihr habt mich total überrumpelt. vielen dank nochmal!

lg dennis


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"vielleicht ist der mensch das was man in den/ ersten sekunden in ihm sieht/ die umwege könnte man sich sparen/ auch bei sich selbst"
- Lütfiye Güzel
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RUMO
Geschlecht:männlichSchneckenpost

Alter: 59
Beiträge: 14
Wohnort: Nähe Frankfurt


BeitragVerfasst am: 19.12.2012 03:22    Titel: Antworten mit Zitat

Hi dennis,

ok...in jedem Song Text macht sich das Gut.

Besonders die Wildecker Herzbuben: "Herzilein ich streichel mein Leben in dein Fell hinein".  Laughing

By

RUMO


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