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Dieses Werk wurde für den kleinen Literaten nominiert ich trag ein bisschen liebe in mir


 

 
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jim-knopf
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BeitragVerfasst am: 18.06.2012 18:44    Titel: ich trag ein bisschen liebe in mir eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

ich trag ein bisschen liebe in mir


I

in dezemberstraßen nachts vor heilig
abend tritts du mir entgegen ich
brauch dich nicht und kenn dich nicht
du liebst mich nur und flüsterst mir das eilig

dann wendest du dich ab und ich verspreche
bei allem was an dir das schöne ist
und edel still ich weiß nicht wer du bist
weswegen ich dir nach ins blaue hechte

und nun was soll ich sagen wir zusammen
in dieser kleinen abgefuckten bar
mit wein und schnaps und anderm mobiliar
beginnen ineinander zu verslumen

solange bis wir nackt sind und aus dreck
aus spucke und am morgen bist du weg


II heimat

die straßen meiner heimat sind aus wald
gemacht aus schwarzem in der christnacht
bald wenn der ungezähmte gott lacht
ersteigt die raunacht aus dem hinterhalt

dann türmen sich die übelsten gestalten
mit hörnen ellenlangen zungen mündern
die saugen an den mündern deiner kinder
an deinem mund dem abgewetzten alten

und darum schließ ich mich mit vater mutter
und allen vielen in der stube ein
es geht kein horn kein dunkler mund hinein
nur mutters mund war lange vaters futter

sie waren lange nackt und schwarz vor dreck
und spucke und am morgen bin ich weg


III fremde

und weihnacht ist vorbei ich trinke straßen
und u-bahnlicht und abgehaune glieder
und aus den stolzen tunneln quellen wieder
und wieder schaum geschlagen großstadtblasen

die herzen sind eingehend betrachtet
und pillen pilze manche davon stumm
ein zug ein schluck ein löffel morphium
vom steppenwind blind hierher verfrachtet

ich hab drei bier gekauft um das hier rund
zu schreiben während noch erbrochenes
ins universum fließt wer nicht gebrochen ist
der schreibt und trinkt sich die gedanken wund

und alles brennt mit ratten und mit dreck
ich brenn mir selbst die feinstaubtage weg


IV

doch unter diesem angebrannten himmel
am goetheplatz wo sich die dichter suhlen
im humanismus und den andern stummen schulen
die dumm und geisterhaft mit viel gebimmel

sich ihren weg durch das gewimmel bahnen
da trittst du wieder auf mich zu
und liebst mich und du liebst mich nicht genug
wir taumeln wieder in den bilderrahmen

FICKEN UND
FICKEN UND
FICKEN UND
FICKEN

und alles brennt dir untenrum und dreck
brennt und ich und morgen sind wir beide weg


V afrika

zur selben zeit im welken afrika
ich bin und doch ich war noch niemals da
hat hitler sich ein wellbelchhaus gebaut
mit massenmord im blick hat er hinaus geschaut

und doch das schwarze land ist abgedunkelt
weil flächen zwischen monden nicht wie sterne funkeln
so sieht man schwarze nicht in heißer nacht
und das hat afrika um holocaust gebracht

und schlimmer noch als holocaust sind deine
großstadttränen dann wenn alles fällt
nur tief  in dem zerwülten trümmerfeld
noch briefe eva brauns oder die meinen

(alles ist holocaust
wenn wind durch die straßen braust)


VI ich trag ein bisschen liebe in mir

liebe
liebe
liebe
liebe

liebe
liebe
liebe
liebe

liebe
liebe
liebe
liebe

liebe
lieb


VII heimat 2

wir fahren dann in waldzerschlagnes land
wir beide du mit wolkenkratzerblicken
erkühlst und meinst an waldluft zu ersticken
ich geb dir meine aufgeblühte hand

doch später triffst du mutter vater viele
mit messern in der gegend um den hals
ihr blut versickert und es düngt den wald
bevor du merkst hier scheitern großstadtspiele

wir schlafen bald doch heut nicht miteinander
nur ineinander arme kreuz und quer
verstöpselt beine finger andres mehr
mikadospiel mäandrisch durcheinander

dann ziehst du deine arme plötzlich weg
der wald zerfällt zu spucke und zu dreck


IIX fremde 2

wir fahren in betongeschlagnes land
wir beide ich mit berg und nebelblicken
ich weiß den trick an stein nicht zu ersticken
du gibst mir deine aufgewühlte hand   

wir fressen uns dann satt an unsren körpern
mein himmel steigt in deinen himmel auf
wir schmelzen teilen uns den blutkreislauf
und mischen unsre stimmen stumm zu wörtern

zu dummen wörtern zwar wie ficken oder
liebe oder lippen oder scham
lippen oder liebe oder wahn
wir ficken noch bis alle wörter lodern
 
dann zieh ich meine arme plötzlich weg
die stadt zerfällt zu spucke und zu dreck


IX afrika 2

zur selben zeit im welken afrika
ich bin und doch ich war noch niemals da
ergeht ein harter hagel nieder über
accra und sturm fegt afrika nach norden rüber

und da wo hitler noch gescheitert ist
wo holocaust die schwarzen hälse nicht
zerbricht und wo ich wirklich niemals war
und immer bin im norden stirbt das afrika

an grünen wiesen über heidelberg
an johann wolfgangs stummen lebenswerk
an münchens durchgespülter innenstadt
an jedem rundgeschliffnen buchenblatt

wo vorher noch ein blatt voll hoffnung war
bist du jetz ich und totes afrika


X tot

du bist im wald gestorben ich am goethe
platz bei stillgelegten trambahngleisen
sollst nicht zwischen dummen welten kreisen
und sollst nicht deine dumme heimat töten

am blassen rücken trägst du blattwerk ich
trag wörter rote lieblos hingemalt
mit edding oder liebenstiften prahlt
ein penner dort von bleichem großstadtlicht

und doch der wald um dich prallt ebenso
von sonne zwischen dunklem blattgerinnsel
von deinem tod dem todeskampfgewinsel
und wolken steigen fallen schadenfroh   

und alle welt und du und ich sind dreck
schon bald und alles taumelt stolpert weg



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Perry
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BeitragVerfasst am: 21.06.2012 16:18    Titel: Hallo Jim, Antworten mit Zitat

spontan fällt mir "Echt - Du trägst keine Liebe in dir" dazu ein, aber ich denke, das hat selbst in der Umkehrung nichts mit deinen Bildern zu tun, auch wenn ich sie mir gesungen vorgetragen gut vorstellen könnte, dann würden auch einige sprachlichen Unreinheiten nicht so auffallen.  Wink  

Der Bogen ist (mir zu?) weit gespannt von Weihnachten über Großstadttristess zu Bukowskibildern (Ficken etc.) nach Afrika zu Hitlers Zeiten hin und zurück, um schließlich mit Goethe im Blick wieder im Großstadtdreck zu landen.

Konstruktiv sind mir folgende Unreineiten aufgefallen:

"mit wein und schnaps und anderm mobiliar" -> Wein und Schnaps zähle ich nicht zu Mobiliar

"die straßen meiner heimat sind aus wald
gemacht" -> wie soll man sich das vorstellen, eine Straße mit Brettern belegt, auch im übertragen Sinn fällt mir dazu nichts ein.

"dann türmen sich die übelsten gestalten" -> das diese auch Körperpyramiden etc. bauen ist mir neu.  

"und allen vielen in der stube ein" -> und vielen anderen?

"ich trinke straßen
und u-bahnlicht und abgehaune glieder" ->Na Prost und Mahlzeit.

"zerwühlten"

"liebenstiften"-> liebesstiften?

Ich hoffe, Du empfindest meine Anmerkungen nicht als kleinlich, aber zu einem so ausufernden und schlenckerndem Text gehört auch eine gewisse Textsicherheit, damit man als Leser nicht ins Zufällige oder Belanglose abrutscht.

Wenn ich für mich ein Fazit ziehen müsste dann, wäre für mich am ehesten noch die Beschreibung eines intellektuellen Gossendaseins bzw. -Endes naheliegend. Wie bereits angedeutet Bukowski goes to Munich and Afrika.  Mr. Green

LG
Perry
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Aranka
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BeitragVerfasst am: 24.06.2012 12:52    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Roman,
ich habe nun schon mehrere Tage in deinen Strophen gelesen und versucht ein Gefühl für den Klang, die Worte, den Ton und die Stimmung zu finden. Es war der Titel, der mich angelockt hatte: „ich trag ein bisschen liebe in mir“. Welch ein mutiges Bekenntnis dieses LI. Dies ach so heikle Wort „Liebe“ ohne Versteckspiel, ohne Umschreibung gleich in den Titel zu setzen. Und dennoch hatte dieser Titel für mich von Beginn an etwas Zerbrechliches, Scheues im Ton. Ob es nun an der Formulierung „ein bisschen liebe“ liegt, sie hat etwas kindlich Ehrliches und gleichzeitig Unbeholfenes. Der Autor möge mir verzeihen. Und darum gleich vorab, bevor ich weiterschreibe: alles was ich jetzt schreibe, sind meine ungeordneten Wahrnehmungen und Gedanken zu diesem Gedicht. Sie müssen nirgendwo mit den Intentionen des Textes übereinstimmen. Nur damit ich mir den ständigen Einschub „aus meiner Sicht“ sparen kann.

Nach diesem Titel nun, wollte ich mich auf die Suche nach diesem „bisschen Liebe“ des LI machen. Ich wurde dann vom Text mitgenommen auf eine Reise durch eine Art  „Gedächtnis-Archiv“. Aus diesem Archiv schöpft das LI seine Bilder, holt durch Erinnern „körperliche und geistige Eindrücke“ wieder ins Leben zurück. Allein das Ordnungssystem dieses Prozesses ist ein eigenes, selbstbestimmtes. Hier in diesem „Archiv“ wird die Wahrnehmung bestimmt, erhält sie ihre Impulse, drängt sie sich ins Bewusstsein. Es sind Bilder und Spuren, die dort lagern, die für eine bestimmte Zeit, ein bestimmtes Erlebnis stehen, oft nur abgespeichert, irgendwann, unreflektiert, wie ein Reflex. Jetzt spülen sie an die Oberfläche und sie lassen sich nur sichtbar machen, indem man ihnen neue Zusammenhänge gibt, Bruchstücke findet und hebt,  Lücken schließt, indem man ihnen etwas erfindet. Erinnern ist immer Finden und Erfinden. Ich als Leser fühle mich hineingezogen in einen intensiven Prozess der Suche nach dem „bisschen Liebe“. Das LI „wühlt“ in seinem Gedächtnisarchiv und wird auf vielfältige Weise fündig. Es gräbt „zeitlose Augenblicke aus“, „vibrierende Wahrnehmungen“. Und da stellt sich nun die Frage, kann man das eigentlich in ein zeitliches Hintereinander bringen, in einem Medium Sprache ordnen, ohne dass es an Schwingung verliert. Kann ich ein Gedicht (als einen geordneten Textkörper) schreiben, der die Linearität aufheben und die intensiven Momente aufblitzen lassen will, die sich als die Haltepunkte der Erinnerung herausschälen. Dieser Versuc hat etwas paradoxes, denke ich. Und diese Paradoxie muss sich auch im Text und seiner Machart widerspiegeln. Aus diesem Grund allein schon finde ich das Gedicht unendlich interessant. Ob es gelungen ist (von seiner Machart) kann ich nicht beurteilen, aber ich weigere mich im Augenblick, da mit den üblichen Kriterien einer Textlogik heranzugehen. Ich denke, ich würde mir dann Vieles selbst zusperren, was dieses Gedicht bereithält. Also versuche ich einmal mich allein auf das einzulassen, was mir der Text entgegenbringt.  

Es ist die  „verwirrende Vielfalt“ von „hoher Intensität“, die mich hier von Beginn an mitgenommen und beschäftigt hat. Diese Intensität empfinde ich auch in einem Rhythmus, der eine Sogwirkung hat. Der Text konfrontiert mich mit: weihnacht/großstadt/pillen,pilze,morphium/ratten,dreck/erbrochenes/afrika/hiter/ holocaust/lieben/ficken) ich könnte endlos weiter reihen, aber hier ist nicht wahllos gereiht, hier wird der Versuch einer Ordnung erkennbar: zwar einer vagen, vielleicht nur vorübergehenden Ordnung. Und nun will ich meine ersten inhaltlichen Gedanken einmal an diese vom Autor vorgegebene Ordnung anlehnen. Ich sage gleich, das ich jede Strophe unendlich viel mehr in mir ausgelöst hat, als ich hier benennen werde, ich beschränke mich auf die Hauptgedanken.

I )

Die Nacht vor heilig Abend, eine „eilige Liebe“, eine, die Bilder hinterlassen hat, eine Szene, in er sich das LI wahrnimmt, sein Handeln und auch seine Gedanken:

brauch dich nicht und kenn dich nicht
du liebst mich nur und flüsterst mir das eilig

solange bis wir nackt sind und aus dreck
aus spucke und am morgen bist du weg

II) Heimat

Auch hier das Fest der Liebe, Weihnachten, als Folie. Aber ein ungezähmter Gott, der lacht. Es ist von einem Hinterhalt die Rede, von übelsten Gestalten. Doch es gibt ein „DARUM“. Das LI sucht Schutz. Da sind Vater und Mutter, die Stube und noch andere. Ich bin hier in Kindheitsbildern. Auch dieser Teil endet ähnlich wie der erste:

sie waren lange nackt und schwarz vor dreck
und spucke und am morgen bin ich weg

Am Ende steht das Weggehen. Diesmal ist es das LI, das geht und etwas zurücklässt.
Dennoch hielten beide Teile eine Art Balance, zwischen dem „Wegkippen in den Dreck“ und dem „Gehaltensein von Wünschenswerten oder Vertrautem“.

III) Fremde

Hier wird der Inhalt dicht und auch beängstigend. (abgehaune glieder/ schaumgeschlagene großstadtblasen/ pillen,pilze, morphium/ erbrochenes) Das Weihnachtsfest ist vorbei. Und dann diese Zeile, die mir inhaltlich und auch rhythmisch als sperrig entgegentrat:

die herzen (sind) eingehend betrachtet

Hier nun wird der Prozess des „Erinnerns im Gedicht“ thematisiert. Hier wird das Weihnachtsfest, alles, was dazu angetan ist, die Worte/Tage weich zu spülen, endgültig verlassen. Hier werden Grenzen sichtbar, an die das LI herantritt. Es sucht mit aller Gewalt diese Grenze, an der die Gedanken wund und blutig werden, die Tage ihre „verschleiernden“ Staubschichten verlieren.

wer nicht gebrochen ist
der schreibt und trinkt sich die gedanken wund

und alles brennt mit ratten und mit dreck
ich brenn mir selbst die feinstaubtage weg

Dies ist ein Teil des Gedichtes, den ich schwerer aushalte und ich empfinde dieses „DOCH“ mit dem der Teil IV) beginnt erst einmal wie ein Aufatmen.

IV)

anknüpfend an I) ohne Titel.  Ich habe es für mich einmal mit Fragezeichen überschrieben: „die Suche nach dem bisschen Liebe in der Liebe“. Die Wiederbegegnung erst einmal, wenn auch unter angebranntem Himmel, ein Lichtblick??? Liebe??
 
und liebst mich und du liebst mich nicht genug
wir taumeln wieder in den bilderrahmen

FICKEN UND
FICKEN UND
FICKEN UND
FICKEN

und alles brennt dir untenrum und dreck
brennt und ich und morgen sind wir beide weg

Dieses bisschen Liebe? Wird es überleben? Wird es im Dreck verkommen, oder davonkommen?

V) afrika

zur selben zeit im welken afrika
ich bin und doch ich war noch niemals da

Diese Zeilen gefallen mir sehr. Ich kann dieses Afrikabild nicht deuten, nicht im Sinne des Autors, nicht im Sinne des LI, nur in meinen ganz eigenen Sinne. Lege diese Deutung hier nicht offen. Ich spüre jedoch, dass dieser Kontinent große intensive Bedeutung hat. Das es eine Verbundenheit gibt, die aus einer zwar räumlichen Ferne, aber vielleicht geistigen Nähe erwachsen ist.
Nicht Heimat und auch nicht Fremde. Diesem Kontinent gehört mit Sicherheit die Liebe des LI.

VI) ich trag ein bisschen liebe in mir

Drei Strophen a vier Zeilen. Das Wort „Liebe“ wird hier geradezu beschworen. Aber es bleibt ein Wort. Ist es die Suche des LI? Steht die eine Strophe für die Suche in der Heimat, der Kindheit, dem Vertrauten, dem Überlieferten? Eine andere für die Suche in der Fremde, dem Erwachsen-werden, dem „Dreck der Welt“? Eine für die Suche in Afrika, in allem Fernen, in dem, dem man die Geheimnisse nicht abringen kann, auch gar nicht will? Irgendwo auch die Liebe zu einer Frau?

Zum Schluss zwei Zeilen: liebe / lieb

Hier lese ich dieses Wort „lieb“ wieder sehr nahe am Titel. Dieses Wort hat sich wieder ein Stück „kindliche Unbedarftheit“ bewahrt. „Ich hab dich lieb.“

Ich möchte an der Stelle aufhören, meine Gedanken strophenweise offen zu legen. Ich möchte einfach diese Strophe als eine meiner liebsten Zeilen anführen:

VII heimat 2

wir fahren dann in waldzerschlagnes land
wir beide du mit wolkenkratzerblicken
erkühlst und meinst an waldluft zu ersticken   
ich geb dir meine aufgeblühte hand

Hier finde ich ein „WIR“. Das LI reist mit dem WIR in die Heimat 2 und in die Fremde 2, in Afrika ist es wieder ein ICH.

Die WIR-Strophen bedienen sich zwar der Bilder einer Liebe zwischen Mann und Frau, ich lese sie jedoch auch, als ein unterwegs sein mit dem „bisschen Liebe“ aus dem Titel.

Die letzte Strophe ist mit „tot“ überschrieben.
Hier habe ich noch viel Lese- und Gedankenarbeit vor mir. Wer oder was stirbt hier wirklich? Das bisschen Liebe? Oder muss die Frage lauten, was musste erst einmal alles sterben, damit wenigsten dieses bisschen Liebe überleben konnte, das vielleicht tragfähig ist, sogar tragfähig für die „dumme heimat“ und vieles mehr.

du bist im wald gestorben ich am goethe
platz

Es folgt ein fragiles Zeilenwerk:

am blassen rücken trägst du blattwerk ich
trag wörter rote lieblos hingemalt

und doch der wald um dich prallt ebenso
von sonne zwischen dunklem blattgerinnsel

Es mag sein, dass in diesem Gedicht mit der einen oder andern Zeile  ein bisschen zu viel versucht wurde, aber auch da bin ich nicht einmal sicher. Es ist der Versuch an Grenzen zu gehen und diese auch zu überschreiten. Das ist manchmal nicht so leicht auszuhalten. Das kann man auch nicht in geordneten Formen tun.
Dieses Gedicht birgt für mich jedenfalls eine Menge an Leben, Gedanken und Gefühlen, in einer großen Ehrlichkeit und Intensität. Ich werde es mit Sicherheit noch viele Male lesen und ich kann dies immer nur auf meine Weise tun.

Sicherlich gäbe es da ein paar Worte oder Formulierungen, über die man nachdenken könnte. Aber ich werde sie nicht einmal benennen, weil sie mir in der Gesamtheit so nebensächlich erscheinen.
Dieser Text bietet mir unendlich viele Bilder, die greifen und mich so sehr beschäftigen, dass ich weit davon entfernt bin, Details auf „Machart“ zu hinterfragen. Dieser Text überzeugt durch eine andere Qualität: Kraft, Intensität, Aussagedichte, Direktheit.

Roman, ich bin mit meinem Lyrik- und Weltverständnis deinem Gedicht gegenüber getreten und denke, dass du mich da (in beidem) auch an Grenzen geführt hast. Das finde ich jedoch als unendlich notwendig und positiv. Eigentlich erwarte ich es auch von jungen Autoren. Wäre fatal, wenn sie sich nicht neuer Formen und anderer Wege bedienen würden. Wäre fatal, wenn ich in ihrer Welt (der von Morgen) zu Hause sein könnte. Ich kann sie nur ahnen. Und Gedichte, wie dieses versuchen sie zu öffnen. Ich habe mich beim Lesen also meinem hoffentlich funktionierendem Gespür überlassen.

Freue mich, über jeden jungen Autor, der mit solcher Kraft und Ernsthaftigkeit schreibt. Das ist hoffnungsvoll.
Gruß Aranka


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"Wie dahingelangen, Alltägliches zu schreiben, so unauffällig, dass es gereiht aussieht und doch als Ganzes leuchtet?" (Peter Handke)

„Erst als ihm die Welt geheimnisvoll wurde, öffnete sie sich und konnte zurückerobert werden.“ (Peter Handke)
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jim-knopf
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BeitragVerfasst am: 28.06.2012 10:05    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

hallo ihr beiden

vielen dank für die kommentare.
besonders dein kommentar, aranka, hat mich sehr gefreut.
habe hier selten erlebt, dass sich jemand so intensiv mit einem meiner texte beschäftigt hat.

Zitat:
"mit wein und schnaps und anderm mobiliar" -> Wein und Schnaps zähle ich nicht zu Mobiliar

"die straßen meiner heimat sind aus wald
gemacht" -> wie soll man sich das vorstellen, eine Straße mit Brettern belegt, auch im übertragen Sinn fällt mir dazu nichts ein.

"dann türmen sich die übelsten gestalten" -> das diese auch Körperpyramiden etc. bauen ist mir neu.

"und allen vielen in der stube ein" -> und vielen anderen?

"ich trinke straßen
und u-bahnlicht und abgehaune glieder" ->Na Prost und Mahlzeit.

"zerwühlten"

"liebenstiften"-> liebesstiften?


hallo perry

was du hier kritisierst - abgesehen von den rechtschreibfehlern, die ich natürlich verbessern werde wink - sind vor allem sehr abstrakte formulierungen und bilder. natürlich sind wein und schnaps kein mobiliar. beispielsweise. warum, meinst du, funktionieren diese abstrakten bilder hier nicht? du bist ja selber jemand, der sowas hin und wieder verwendet. an abstrakten bildern im allgemeinen kanns ja nicht liegen.

Zitat:
Ich wurde dann vom Text mitgenommen auf eine Reise durch eine Art „Gedächtnis-Archiv“. Aus diesem Archiv schöpft das LI seine Bilder, holt durch Erinnern „körperliche und geistige Eindrücke“ wieder ins Leben zurück. Allein das Ordnungssystem dieses Prozesses ist ein eigenes, selbstbestimmtes. Hier in diesem „Archiv“ wird die Wahrnehmung bestimmt, erhält sie ihre Impulse, drängt sie sich ins Bewusstsein. Es sind Bilder und Spuren, die dort lagern, die für eine bestimmte Zeit, ein bestimmtes Erlebnis stehen, oft nur abgespeichert, irgendwann, unreflektiert, wie ein Reflex. Jetzt spülen sie an die Oberfläche und sie lassen sich nur sichtbar machen, indem man ihnen neue Zusammenhänge gibt, Bruchstücke findet und hebt, Lücken schließt, indem man ihnen etwas erfindet. Erinnern ist immer Finden und Erfinden.


das hier finde ich sehr schön. vor allem das wort gedächtnis-archiv passt wömöglich sehr gut, denke ich. ich hätte das wohl nicht besser ausdrücken können.

Zitat:
Auch hier das Fest der Liebe, Weihnachten, als Folie. Aber ein ungezähmter Gott, der lacht. Es ist von einem Hinterhalt die Rede, von übelsten Gestalten.


hierzu und zum zweiten sonett an sich vielleicht ein paar erklärungen: es geht hier um die wilde jagd, also heidnisch/germanische mythologie. bräuche um die raunächte gibts auch heute noch in deutschland genug. wer mag, kann ja mal googeln.

Zitat:
Und dann diese Zeile, die mir inhaltlich und auch rhythmisch als sperrig entgegentrat:

die herzen (sind) eingehend betrachtet


ich habe nicht alle verse rythmisch gleich aufgebaut, weil das natürlich schnell sehr leierend werden kann. ich habe aber versucht, die sich jeweils reimenden verse metrisch gleich aufzubauen. wobei das wort "eingehend" metrisch gar nicht so leicht einzuordnen ist. und ob das dann ein kluger schachzug war, ist dann natürlich eine andere frage:

die herzen sind eingehend betrachtet
und pillen pilze manche davon stumm
ein zug ein schluck ein löffel morphium
vom steppenwind blind hierher verfrachtet

Zitat:
Roman, ich bin mit meinem Lyrik- und Weltverständnis deinem Gedicht gegenüber getreten und denke, dass du mich da (in beidem) auch an Grenzen geführt hast.


das freut mich sehr smile

vielen dank und viele grüße
roman


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Gast







BeitragVerfasst am: 28.06.2012 13:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Roman,

das ist vermutlich eine sehr gelungene Sonetten-Folge. "Vermutlich" schreibe ich, weil ich das am Bildschirm einfach nicht beurteilen kann. Da bräuchte es entschieden die Möglichkeit des vergleichenden, ganz schnellen Hin- und Herblätterns, die so aber fehlt.

Also schreibe ich einfach nur, dass dir das ohne Schwierigkeiten zu überschauende "I" sehr gelungen ist: Ich wusste schon nach ein, zwei Versen, dass das Lesen Spaß machen, eine Freude sein würde; und das bekommen eigentlich nur wenige Gedichte hin, auch von den guten.

(Deine Rhythmisierung von "die herzen sind eingehend betrachtet" halte ich für nicht auffindbar vom Leser, aber was solls.)

Gruß,

Soleatus
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Perry
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BeitragVerfasst am: 28.06.2012 14:01    Titel: Hallo Roman, Antworten mit Zitat

Du fragst

"warum, meinst du, funktionieren diese abstrakten bilder hier nicht? du bist ja selber jemand, der sowas hin und wieder verwendet. an abstrakten bildern im allgemeinen kanns ja nicht liegen."

Nun vielleicht liegt es daran, dass der Text überwiegend eine sehr bewegte Lebens-/Liebesgeschichte erzählt und deshalb eingestreute Abstraktas wie Fremdkörper wirken. Das kann natürlich stilistische Absicht sein, mir ist es persönlich einfach zu sprunghaft.

Wichtiger ist, dass der Text anderen gefällt, ich bin da vermutlich zu konservativ eingestellt.  Wink

LG
Perry
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jim-knopf
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BeitragVerfasst am: 29.06.2012 08:05    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

hallo perry
vielen dank für die rückmeldung, sehe jetzt klarer

hallte soleatus
vielen dank für den kommentar

Zitat:
Also schreibe ich einfach nur, dass dir das ohne Schwierigkeiten zu überschauende "I" sehr gelungen ist: Ich wusste schon nach ein, zwei Versen, dass das Lesen Spaß machen, eine Freude sein würde; und das bekommen eigentlich nur wenige Gedichte hin, auch von den guten.


das hat mich sehr gefreut. dass ich einen der sonett-experten hier überzeugen konnte.

viele grüße
roman


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bloody_mary
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BeitragVerfasst am: 01.07.2012 21:31    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Roman,

das hier muss ich auf jeden Fall länger auf mich wirken lassen, öfter lesen, genauer lesen - und selbst dann bin ich sicher nicht qualifiziert, wirklich einen Kommentar dazu abzugeben... Möchte ich aber doch gern. Ein längerer Kommentar kommt also, hoffentlich, noch nach.

Jetzt möchte ich nur kurz zustimmen, dass ich über die Stelle mit "eingehend betrachtet" auch gestolpert bin. Das ist die einzige Stelle, die mich wirklich stört und bei der ich finde, dass sich ein Umschreiben vielleicht lohnen könnte? (Auch wenn mir klar ist, dass wir hier nicht in der Werkstatt sind.)

Viele Grüße von der Nordsee,
Bloody Mary


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jim-knopf
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BeitragVerfasst am: 04.07.2012 09:22    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

hallo liebe blutige marie

verspätet bedanke ich bei mir. zu deinem kommentar musst du dich natürlich nicht zwingen, freuen würde ich mich selbstverständlich drüber. was das "eingehend betrachtet" betrifft, haben das hier schon eine menge leute angesprochen, sodass ich das wohl nochmal versuchen werde, umzustellen.

einen schönen tag wünsche ich
gruß
roman


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Osiana
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BeitragVerfasst am: 04.07.2012 21:24    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo jim-knopf,
bin beeindruckt von diesem Werk, daß ich als Gesamtkunstwerk
bezeichne.

Was mir besonders ins Auge fällt, ist die Gegenüberstellung -
inmitten der Sonette - der Einzelbegriffe - dadurch ergibt sich
auch eine inhaltliche Gegenüberstellung für mich, und zwar
die uralte von bloßer Körperlichkeit auf der einen Seite und
größtmöglicher Emotion andererseits - interessant herausgearbeitet ...

Das Nicht-Zueinanderfinden können/wollen zeigt aber dann ziemlich
deutlich, warum der Titel gewählt wurde - es fehlt dem LI die Ur-Emotionalität. Sehr berührend, diese Offenlegung.

LG
Osiana
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jim-knopf
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BeitragVerfasst am: 07.07.2012 09:56    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

liebe osiana

an dieser stelle hier auch die noch vielen dank für den kommentar
hab mich sehr gefreut

smile

gruß
roman


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