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Aus dem Leben


 
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MT
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 47
Beiträge: 1172
Wohnort: Im Süden (Niedersachsens)


BeitragVerfasst am: 14.06.2012 11:47    Titel: Aus dem Leben eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Aus dem Leben


„Geh jetzt, mein Junge. Geh.“ Mutter gibt mir ihr Mutmacherlächeln.
Das Zimmer, eingerichtet nur mit einem Strauß Trockenblumen auf einem Holztisch und einem Kruzifix an der Wand, wirkt wie eine Lagerhalle mit längst vergessener Ware.
Mutter liegt in weißer Bettwäsche, die Wangen eingefallen, die Augen leer. Ich beuge mich zu ihr hinab, küsse die faltige Haut ihre Stirn. Meine Tränen fallen auf ihr Gesicht. Sie streichelt mein Haar.
„Heute Abend. Denkst du auch daran, Junge?“
Ich nicke. Bringe kein Wort heraus. Will fortrennen. Und doch für immer bleiben.
Vor dem Krankenhaus empfängt mich Dezemberregen. Bäume wiegen sich im Wind. Ich steige in den Wagen und starte den Motor. Sitze da und verfolge das Winken der Scheibenwischer, sitze da wie ein kleiner Bengel, der etwas ausgefressen hat und voller Angst auf Strafe wartet. Irgendwann fahre ich ab.
Als ich die Wohnungstür geöffnet habe, schlägt mir der Geruch meiner Kindheit entgegen. Die Mischung aus Lavendel und Zigaretten. Mit der Zeit habe ich verlernt, diesen Geruch zu mögen. Jetzt aber kann ich nicht genug davon bekommen.
Im Wohnzimmer mit der Schrankwand und dem braunen Sofa, mit den Weingläsern im Regal, die nie benutzt werden und den unzähligen Fotos von mir als Kind, als Jugendlicher, als Soldat, als Student, als Ehemann und als Vater, schlage ich Mutters Wolldecke auf und lege sie offen über den Hocker vorm Sessel. Aus dem Schlafzimmer hole ich Mutters Kopfkissen. Bevor ich das Schlafzimmer verlasse, sehe ich noch einmal zum Bett. Vaters Seite ist lange kalt, Mutters zerknautscht vom vielen Liegen.  
Zurück in der Stube, lege ich das Kopfkissen in den Sessel. Auf dem Tisch daneben die ganze Bilder. Mein Vater beim Angeln am Kiesteich, ich daneben, acht oder neun Jahre alt. Oder mein Vater an seinem Räucherofen, die Tür geöffnet, im Rauch baumeln goldbraune Forellen. Und mein Vater im Urlaub an der Mecklenburgischen Seenplatte. Er und ich sitzen im Tretboot, Mutter hinter uns. Die Sonne sinkt ins Wasser. Wir lachen, auch Mutter; ich hatte Semesterferien. Das letzte Foto von ihm.
In der Küche hole ich ein Glas aus dem Schrank und füllte es mit Orangensaft. An der Wand tickte unsere Uhr. Noch sechs Stunden.
In den Orangensaft rührte ich einen großen Löffel Honig.
„Achte darauf, dass es besonders süß ist“, hat Franz gesagt.
Bei all meinen Bewegungen glaube ich, Zügel hielten mich zurück, so, als spielten meine Muskeln ein Konzert, das ich nicht dirigiere. Mein Mund ist trocken, Schlucken fällt mir schwer. Meine Finger zittern und meine Gedanken wirbeln mir wie Staub durch den Kopf.
Mit dem vollen Glas in der Hand gehe ich zurück zu Mutters Platz im Wohnzimmer. Ich stelle es auf den Tisch, neben Vaters Räucherglück. Dann drehe ich die Heizung auf höchste Stufe. Meine Hände sind eiskalt.
„Pass auf unsere Mutter auf“, hat Vater damals gesagt. Ich musste es ihm versprechen, und ich gab ihm mein Wort. Nach seinem Tod wurde sie ein anderer Mensch. Ihr Lachen ist mit ihm gegangen.
Ich nehme eines der Bilder und setze mich auf den Boden. Lehne mich an die Schrankwand, wie ich es als Kind oft getan habe, und starre die Aufnahme an. Eine zierliche Frau mit hochtoupierten Haaren und dicker Brille. Sie trug ihr Hochzeitskleid, 1966 war das. Die Männer mit dünnem Schlips. Eine Frau aus einfachen Verhältnissen, ein Mädchen, das Schneiderin lehnte und später in der Fabrik für Funktechnik am Band stand. Wenn mein Vater von der Schicht kam, ging er an der Fabrik vorbei. Sie winkten sich zu.
Später, Mitte der Siebziger, zogen sie in die Wohnung, in der ich jetzt sitze; sie brauchten ein Kinderzimmer. Ich erinnere mich an die unzähligen Abende, an denen wir hier in der Stube saßen und Radio hörten. Mein Vater nahm meiner Mutter manchmal die Brille ab und sagte: „Schau, wie wunderschön das Gesicht deiner Mutter ist.“ Sie grinste dann und machte eine wegwerfende Handbewegung, setzte ihre Brille wieder auf und gab ihrem Mann einen Kuss.
Jahre danach, wenn ich mit ihr allein auf dem Sofa saß, wünschte ich mir nichts sehnlicher zurück, als diese Abende bei Radio und warmem Kakao.

Kurz vor sechs. Draußen herrscht bereits finstere Nacht. Noch immer regnet es. Ich fahre durch die Straßen der Stadt und suche Umwege. Hinter mir wird gehupt, Autos überholen mich, ich sehe keine Fahrer, sehe nur den Schein der Lichter am Straßenrand; wie Gespenster huschen sie durch meinen Wagen.

Der Klinikparkplatz ist leer. Ich lasse ihn links liegen und fahre um das Gebäude herum. Franz hat Nachtdienst, er wird die Schwestern zur Besprechung rufen. Vor dem Notausgang parke ich.
Auf dem Flur keine Menschenseele. Leise drücke ich die Klinke der Zimmertür herunter. Mutter ist wach, sie atmet in flachen, schnellen Stößen. Franz hat heute Mittag das Morphin weggelassen.
Ich greife ihre Hand.
„Mutter, erkennst du mich?“
Sie braucht einen Moment, dann nickt sie.
Wir halten uns bei den Händen, sehen uns an, streichele ihr Gesicht.
„Ich kann das nicht“, sage ich.
Sie versucht ein Lächeln. Ich lege ihr meinen Arm um den Nacken und drücke ihren Kopf an meinen. Sie riecht nach altem Schweiß, seit gestern Morgen waschen sie sie nicht mehr.
„Doch“, flüstert sie. „Du kannst.“
Ich richte mich auf, wische mir mit dem Handrücken durchs Gesicht.
„Ich habe Durst“, sagt sie kaum hörbar.
Ich reiche ihr ein Glas Wasser. Sie kann es allein nicht halten, ich helfe ihr, umfasse ihre blauen Hände. Sie trinkt wie ein Vogel. Ich stelle das Glas zurück und tupfe mit einem Papier ihren Mund und den Hals trocken. Dann ziehe ich den Schlauch aus der Braunüle und löse die Bremse der Bettrollen. Alles geht mechanisch. Ich denke nicht nach. Ich führe aus, was auszuführen ist. Ich bin eine Maschine.
Noch immer ist der Flur verlassen. Die Gummiräder quietschen auf dem Linoleumboden. Weißes Licht sticht von der Decke, es schmerzt in den Augen. Mutters Atmung ist stabiler geworden. Etwas.
Ich schiebe das Bett neben meinen Wagen und öffne die Beifahrertür.
„Ein neues Auto?“, fragt sie leise.
„Nein“, sage ich und hebe sie an. Sie ist leicht wie ein Kind. Ich setze sie auf den Sitz und lege das Deckbett über ihre Beine. Schließe die Tür.
Wir fahren durch die Nacht. Mutter hat die Augen geschlossen. Sie atmet mit offenem Mund.
Ich kenne den Weg, kenne jede Kreuzung und jedes Haus, und doch ist es so, als führe ich durch fremdes Land. Meine Gedanken schweben. Ich fliege durch Zeit und Raum. Was wird morgen sein?
Im Wohnzimmer setze ich meine Mutter in ihren Sessel. Ihre Augen weinen Angst. Und doch lächelt sie mir zu, bestätigt, was ich nicht bestätigt haben will. Sie sieht zu dem Glas mit dem Orangensaft neben sich, dann zu mir. Ich nicke.
Und als ich die Kapseln öffne, werden meine Hände ruhig.



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Das Schicksal verzichtet oft auf Kommentare, es begnügt sich damit, zuzuschlagen.

Siegfried Lenz
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Grendel
Schreiberling


Beiträge: 239

Extrem Süßes!


BeitragVerfasst am: 14.06.2012 11:57    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo MT,

sehr bewegend und dabei unsentimental geschrieben. Das Thema ist schwierig und erfordert viel Fingerspitzengefühl. Es sagt sich leicht hin, dass man unter bestimmten Umständen lieber nicht weiterleben würde. Was ist noch menschenwürdig, was will man ertragen, und was ist der Unterschied, wenn jemand anderer als Helfer benötigt wird? In Würde sterben. Ich habe oft gehört, dass Menschen sich vorstellen einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen, oder bei einem Unfall schnell weg sein wollen. Auch die Aussage, wenn ich mal nicht mehr kann, hoffe ich, dass mir jemand hilft, ist mir nicht fremd. Und doch, auch das Sterben selbst ist ein Prozess wie das Leben. Ein Sich-Ablösen Schritt für Schritt.

Deine Geschichte regt auf jeden Fall zum Nachdenken an.

Gruß
Grendel
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kskreativ
Geschlecht:weiblichMärchenerzähler

Alter: 54
Beiträge: 3421
Wohnort: Ezy sur Eure, France


BeitragVerfasst am: 14.06.2012 12:01    Titel: Antworten mit Zitat

Schwieriges Thema, berührend geschrieben. Mich macht aber stutzig, dass er so einfach die Mutter aus der Intensivstation klauen kann, mal salopp ausgedrückt. Keine Nachtwache? Als ich bin ja schon einige Male auf Intensiv gelegen, da kommst du nicht mal alleine aufs Klo, ohne dass einem eine Schwester über den Weg läuft
Das Thema Sterbehilfe möchte ich an dieser Stelle nicht diskutieren, obwohl das bestimmt noch einige machen werden.

LG, Karin


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C'est la vie. oder: Du würdest dich wundern, was man so alles überleben kann.
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Grendel
Schreiberling


Beiträge: 239

Extrem Süßes!


BeitragVerfasst am: 14.06.2012 12:11    Titel: Antworten mit Zitat

Von Intensivstation habe ich nichts gelesen. Mein Eindruck war eher der einer normalen Station.
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KeTam
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Das goldene Gleis Ei 1
Ei 10 Ei 8


BeitragVerfasst am: 14.06.2012 12:34    Titel: Antworten mit Zitat

ich glaube eher eines dieser Sterbezimmer.

Hallo MT,

deine Geschichte hat mich sehr berührt. Vor allem die Szene in der dein Prota in der verwaisten Wohnung seiner Eltern ist. Sehr traurig.
Wieder schaffst du es, dass ich alles vor mir sehe, mittendrin bin.

@kskreative: ich denke nicht, dass hier jemand eine solche Diskussion beginnt...


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FUCK NAZIS!

... ansich ist die Nudel ja auch eine Art Waffe.*

*Anne Mehlhorn
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hobbes
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


Beiträge: 3106

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
Ei 4 Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 14.06.2012 13:40    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo MT,
gern gelesen, aber nicht 100%ig gelungen, finde ich (tja, Du hast Deine Latte selbst ziemlich hochgelegt, durch das, was ich bisher schon von Dir gelesen habe smile )

Zitat:
Vor dem Krankenhaus empfängt mich Dezemberregen. Bäume wiegen sich im Wind. Ich steige in den Wagen und starte den Motor. Sitze da und verfolge das Winken der Scheibenwischer, sitze da wie ein kleiner Bengel, der etwas ausgefressen hat und voller Angst auf Strafe wartet. Irgendwann fahre ich ab.

Das hier ist MT vom Feinsten, da bin ich ganz nah dran am Sohn. In der Wohnung der Mutter verliert sich dieses Gefühl leider wieder, verblasst hinter all den Erinnerungen. Erinnerungen, die mir irgendwie so gar nicht nahegehen, ich weiß nicht so recht, warum. Vielleicht, weil der Vater relativ viel Raum einnimmt, obwohl es doch eigentlich um die Mutter geht. Na ja, ohne ihn ist die Mutter auch nicht mehr richtig da, von daher muss er schon seinen Platz haben. Aber irgendwie fühlt es sich für mich so an, als hätte sich der Sohn sowieso schon längst verabschiedet. Als würden diese Wohnung, diese Bilder, diese Erinnerungen ihn gar nicht so richtig erreichen. Aber so richtig fassbar ist er da für mich nicht.

Der Schluss ist auch nicht so meins. Mir hätte es, glaube ich, besser gefallen, die Geschichte hätte im Auto aufgehört, mit den Gedanken des Sohnes an das, was ihn später in der Wohnung erwarten wird. Wenn ein paar Fragen offen geblieben wären.

Was den "Klau" von der Station angeht - habe ich ganz anders gelesen. Die Stationsleute waren ja schon irgendwie miteinbezogen, zumindest Franz, und weil sie auch nicht mehr gewaschen wird, habe ich eher den Eindruck, dass das eine "genehmigte" Aktion ist. Nachhauseholen - das darf er doch, oder? Aber warum dann diese Nacht und Nebel Aktion? Ist es doch nicht erlaubt und nur Franz ist eingeweiht?
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MT
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BeitragVerfasst am: 14.06.2012 14:52    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Grendel hat Folgendes geschrieben:
Hallo MT,

sehr bewegend und dabei unsentimental geschrieben. Das Thema ist schwierig und erfordert viel Fingerspitzengefühl. Es sagt sich leicht hin, dass man unter bestimmten Umständen lieber nicht weiterleben würde. Was ist noch menschenwürdig, was will man ertragen, und was ist der Unterschied, wenn jemand anderer als Helfer benötigt wird? In Würde sterben. Ich habe oft gehört, dass Menschen sich vorstellen einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen, oder bei einem Unfall schnell weg sein wollen. Auch die Aussage, wenn ich mal nicht mehr kann, hoffe ich, dass mir jemand hilft, ist mir nicht fremd. Und doch, auch das Sterben selbst ist ein Prozess wie das Leben. Ein Sich-Ablösen Schritt für Schritt.

Deine Geschichte regt auf jeden Fall zum Nachdenken an.

Gruß
Grendel

Danke, Grendel!

Texte dieser Art sind für Autor und Leser immer eine Gratwanderung. Ich glaube, hier gibt es kein "Ja, gefällt mir ganz gut soweit...". Hier gibt es nur: Nimmt mich mit oder nimmt mich nicht mit. Bei Dir ist der Text angekommen, das freut mich sehr!

LGMT


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BeitragVerfasst am: 14.06.2012 14:54    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

kskreativ hat Folgendes geschrieben:
Schwieriges Thema, berührend geschrieben. Mich macht aber stutzig, dass er so einfach die Mutter aus der Intensivstation klauen kann, mal salopp ausgedrückt. Keine Nachtwache? Als ich bin ja schon einige Male auf Intensiv gelegen, da kommst du nicht mal alleine aufs Klo, ohne dass einem eine Schwester über den Weg läuft
Das Thema Sterbehilfe möchte ich an dieser Stelle nicht diskutieren, obwohl das bestimmt noch einige machen werden.

LG, Karin

Hi Karin,

danke auch an Dich!

Es ist keine Intensivstation. Es ist ein Palliativzimmer.

Eine Diskussion über das Thema Sterbehilfe wäre mir sehr recht.

LGMT


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BeitragVerfasst am: 14.06.2012 14:58    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

KeTam hat Folgendes geschrieben:
ich glaube eher eines dieser Sterbezimmer.

Hallo MT,

deine Geschichte hat mich sehr berührt. Vor allem die Szene in der dein Prota in der verwaisten Wohnung seiner Eltern ist. Sehr traurig.
Wieder schaffst du es, dass ich alles vor mir sehe, mittendrin bin.

@kskreative: ich denke nicht, dass hier jemand eine solche Diskussion beginnt...


Dankeschön, liebe KeTam. Die Wohnzimmerszene finde ich selbst recht gelungen. Embarassed

Und ja: Ein Sterbezimmer.

LGMT


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BeitragVerfasst am: 14.06.2012 15:05    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

hobbes hat Folgendes geschrieben:
Hallo MT,
gern gelesen, aber nicht 100%ig gelungen, finde ich (tja, Du hast Deine Latte selbst ziemlich hochgelegt, durch das, was ich bisher schon von Dir gelesen habe smile )

Zitat:
Vor dem Krankenhaus empfängt mich Dezemberregen. Bäume wiegen sich im Wind. Ich steige in den Wagen und starte den Motor. Sitze da und verfolge das Winken der Scheibenwischer, sitze da wie ein kleiner Bengel, der etwas ausgefressen hat und voller Angst auf Strafe wartet. Irgendwann fahre ich ab.

Das hier ist MT vom Feinsten, da bin ich ganz nah dran am Sohn. In der Wohnung der Mutter verliert sich dieses Gefühl leider wieder, verblasst hinter all den Erinnerungen. Erinnerungen, die mir irgendwie so gar nicht nahegehen, ich weiß nicht so recht, warum. Vielleicht, weil der Vater relativ viel Raum einnimmt, obwohl es doch eigentlich um die Mutter geht. Na ja, ohne ihn ist die Mutter auch nicht mehr richtig da, von daher muss er schon seinen Platz haben. Aber irgendwie fühlt es sich für mich so an, als hätte sich der Sohn sowieso schon längst verabschiedet. Als würden diese Wohnung, diese Bilder, diese Erinnerungen ihn gar nicht so richtig erreichen. Aber so richtig fassbar ist er da für mich nicht.

Der Schluss ist auch nicht so meins. Mir hätte es, glaube ich, besser gefallen, die Geschichte hätte im Auto aufgehört, mit den Gedanken des Sohnes an das, was ihn später in der Wohnung erwarten wird. Wenn ein paar Fragen offen geblieben wären.

Was den "Klau" von der Station angeht - habe ich ganz anders gelesen. Die Stationsleute waren ja schon irgendwie miteinbezogen, zumindest Franz, und weil sie auch nicht mehr gewaschen wird, habe ich eher den Eindruck, dass das eine "genehmigte" Aktion ist. Nachhauseholen - das darf er doch, oder? Aber warum dann diese Nacht und Nebel Aktion? Ist es doch nicht erlaubt und nur Franz ist eingeweiht?

Moin hobbes,

schade, aber ich kann ja nicht immer (bei Dir) ins Schwarze treffen. Laughing

Wie schon gesagt, die Wohnzimmerszene fand ich persönlich eingänglich. Der Vater nimmt viel Raum ein, ja. Aber als Spiegel zur Mutter. Und dass der Sohn sich bereits verabschiedet hat... Hm, ich weiß nicht recht...

Über den Schluss denke ich noch einmal nach. Deine Idee, den Text mit der Autofahrt enden zu lassen, finde ich gut.

Zum "Klau":
Sicher kann jeder freiwillig ein Krankenhaus verlassen. Bei Palliativpatienten bestehen aber deutlich höhere Sorgfaltspflichten der Ärzte. Hier können Opa und Oma keineswegs so einfach von Angehörigen mit nach Hause genommen werden.
Franz (als Arzt und Freund des Ich-Erzählers) ist eingeweiht, sonst niemand. Franz hat auch die Kapseln beschafft...

LGMT


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Siegfried Lenz
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Gast







BeitragVerfasst am: 14.06.2012 15:30    Titel: Antworten mit Zitat

Wenn du es mit der Autofahrt enden lässt, versteht die Hälfte der Leser den Text nicht --> also nicht in der Konsequenz, denn dann kann es gut sein, er holt sie halt zum Sterben heim, etc.

Hmhmhmhm.
Seit wann schreibst du denn diese kurzatmigen Sätze ... mir fehlt der MT-Sog. Ein wenig. Das hat etwas atemloses, was nicht ganz passt. Und eigentlich ist mir der Text auch nicht ... wie sage ich das?

Also wenn schon so nen Klopper heben, dann aber auch. Dann tiefer als in Kindheitserinnerungen daddeln und Mutti zweimal japsen lassen. Ich will hier  tiefer in die Figur - so eine Entscheidung, so ein Abschied, das geht weit mehr über das übliche Loslassen hinaus - da fehlt mir etwas.
Ich will nicht sagen Erklärung, sonst meint man, ich wolle Gründe hören - das ist es nicht. Ich will in der Figur spüren, dass der das tut, tun würde, tun kann.
Bisher ist das ein Jedermann bei Jedermannabschied und der Schluss ist so: BUH.

Vielleicht lese ich auch zu viel Herrndorf mom, kann sein ... aber schau mal auf den Link. Der Tom Liehr hat (wenn er das Thema auch völlig anders angeht und es brav gut ausgehen lässt, sonst hätte er bei der Caritas auch schlechte Karten gehabt) das Thema angewagt, und seine Figur hat eben dieses Stück mehr Vielschichtigkeit, was ich hier vermisse.

http://www.cbp.caritas.de/82782.asp --> dann auf den roten Text klicken, dann kommt das pdf.

Naja, der Komm ist wirr, aber ich schicke ihn jetzt trotzdem ab.
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Rheinsberg
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BeitragVerfasst am: 14.06.2012 15:31    Titel: Antworten mit Zitat

Vom Thema mal abgesehen - der Stil gefaellt mir sehr.

Ein Fehlerchen entdeckte ich: die Mutter "lernte" Schneiderin.

Ich merke, dass Mutter und Sohn die Situation ausgiebig diskutiert haben muessen, der Text beginnt da, wo der Entschluss eigentlich schon fest gefasst ist. Das fuehrt dazu, dass es mehr um die Erinnerungen geht als um Sterbehilfe oder nicht. Ist das so gewollt, gut, gelungen - andernfalls muesste man doch mehr erfahren ueber das, was zwischen Mutter und Sohn besprochen wurde und wie er mit ihrer Bitte zurechtkommt.


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BeitragVerfasst am: 14.06.2012 15:57    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Markus,

ein feiner Text, der mich teilhaben lässt an den Nöten des Sohnes. Wie er mit sich kämpft und schließlich doch das tut, was er meint, tun zu müssen.
Mir gefallen die Erinnerungen, sie zeigen mir ein Stück weit das Leben der Protagonisten und machen den endgültigen Entschluss nachvollziehbarer.
Mich hat diese Geschichte sehr berührt - vielen Dank.

Liebe Grüße
Monika
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BeitragVerfasst am: 14.06.2012 16:26    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

debruma hat Folgendes geschrieben:
Wenn du es mit der Autofahrt enden lässt, versteht die Hälfte der Leser den Text nicht --> also nicht in der Konsequenz, denn dann kann es gut sein, er holt sie halt zum Sterben heim, etc.

Hmhmhmhm.
Seit wann schreibst du denn diese kurzatmigen Sätze ... mir fehlt der MT-Sog. Ein wenig. Das hat etwas atemloses, was nicht ganz passt. Und eigentlich ist mir der Text auch nicht ... wie sage ich das?

Also wenn schon so nen Klopper heben, dann aber auch. Dann tiefer als in Kindheitserinnerungen daddeln und Mutti zweimal japsen lassen. Ich will hier  tiefer in die Figur - so eine Entscheidung, so ein Abschied, das geht weit mehr über das übliche Loslassen hinaus - da fehlt mir etwas.
Ich will nicht sagen Erklärung, sonst meint man, ich wolle Gründe hören - das ist es nicht. Ich will in der Figur spüren, dass der das tut, tun würde, tun kann.
Bisher ist das ein Jedermann bei Jedermannabschied und der Schluss ist so: BUH.

Vielleicht lese ich auch zu viel Herrndorf mom, kann sein ... aber schau mal auf den Link. Der Tom Liehr hat (wenn er das Thema auch völlig anders angeht und es brav gut ausgehen lässt, sonst hätte er bei der Caritas auch schlechte Karten gehabt) das Thema angewagt, und seine Figur hat eben dieses Stück mehr Vielschichtigkeit, was ich hier vermisse.

http://www.cbp.caritas.de/82782.asp --> dann auf den roten Text klicken, dann kommt das pdf.

Naja, der Komm ist wirr, aber ich schicke ihn jetzt trotzdem ab.

Liebe debruma,

das war mein Gedanke: Ein Ende bei der Autofahrt lässt (zu) viel offen. Andererseits: Wenn es mehr entsprechende Hinweise zuvor gäbe, könnt´s wiederum schlüssig werden. Ich will mal schauen.

Der MT-Sog... Danke dafür. Den hatte ich mir hier allerdings auch erhofft. Die Kurzatmigkeit der Zeilen ist der Kurzatmigkeit von Mutter und Sohn geschuldet. Lange, ausschweifende Sätze passen nicht zur inneren Verfassung der Personen, allenfalls zum Vater, aber der spielt nur eine Tertiärrolle.

Ein Jedermann, sagts Du. Hm?! Ich weiß nicht recht, was Du damit meinst. Noch mehr Tiefe, ok. Aber jedermann? Im Grunde soll es ein jedermann sein, im Sinne von: einer von uns, jeder kann es sein.

Ich kenne Liehrs Text. Ganz ehrlich: Ich fand ihn schon immer... naja, so lala halt. Überzeugt hat er mich nie, und ehrlich gesagt, gerade weil die Charaktere und ihr Verhalten nicht überzeugen. Allein die Mutter: Haut ab, schreibt einen Brief (Habe nur ein Leben, müsst ihr verstehen blabla...) und kommt nicht wieder. Och, nö, debruma?! Das kann nicht Dein Ernst sein.

Hab Dich diesmal offenbar nicht gekriegt.  Confused Naja, vielleicht nächstes Mal wieder! wink

Danke Dir vielmals für Deine Textarbeit! Immer wieder gern!

LGMT


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Siegfried Lenz
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BeitragVerfasst am: 14.06.2012 16:31    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Rheinsberg hat Folgendes geschrieben:
Vom Thema mal abgesehen - der Stil gefaellt mir sehr.

Ein Fehlerchen entdeckte ich: die Mutter "lernte" Schneiderin.

Ich merke, dass Mutter und Sohn die Situation ausgiebig diskutiert haben muessen, der Text beginnt da, wo der Entschluss eigentlich schon fest gefasst ist. Das fuehrt dazu, dass es mehr um die Erinnerungen geht als um Sterbehilfe oder nicht. Ist das so gewollt, gut, gelungen - andernfalls muesste man doch mehr erfahren ueber das, was zwischen Mutter und Sohn besprochen wurde und wie er mit ihrer Bitte zurechtkommt.

Hi Rheinsberg,

bei Dir ist meine "Rechnung" offenbar aufgegangen. Die Erzählung setzt gewissermaßen an den letzten Stunden an. Es ist bereits alles geklärt. Jetzt muss es "nur" noch in die Tat umgesetzt werden. Dabei will ich den Sohn erleben. So mein Ziel.

Das Fehlerchen prüfe ich gleich.

Besten Dank an Dich!

LGMT


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BeitragVerfasst am: 14.06.2012 16:36    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Paloma hat Folgendes geschrieben:
Lieber Markus,

ein feiner Text, der mich teilhaben lässt an den Nöten des Sohnes. Wie er mit sich kämpft und schließlich doch das tut, was er meint, tun zu müssen.
Mir gefallen die Erinnerungen, sie zeigen mir ein Stück weit das Leben der Protagonisten und machen den endgültigen Entschluss nachvollziehbarer.
Mich hat diese Geschichte sehr berührt - vielen Dank.

Liebe Grüße
Monika

Monika, auch ein dickes Dankeschön an Dich. Schön, wenn Du in den Text eintauchen konntest.

LGMT


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BeitragVerfasst am: 15.06.2012 08:36    Titel: Antworten mit Zitat

OT: Du kennst den Liehr-Text? Hats'e etwa mitgemacht? Bist du in der Antho?

*
Zitat:

Ich kenne Liehrs Text. Ganz ehrlich: Ich fand ihn schon immer... naja, so lala halt. Überzeugt hat er mich nie, und ehrlich gesagt, gerade weil die Charaktere und ihr Verhalten nicht überzeugen. Allein die Mutter: Haut ab, schreibt einen Brief (Habe nur ein Leben, müsst ihr verstehen blabla...) und kommt nicht wieder. Och, nö, debruma?! Das kann nicht Dein Ernst sein.


Kann gut sein, ich habe momentan den Lesebug und liege falsch (solche Texte sind immer auch von der eigenen Grundstimmung abhängig, ich gebe zu) - und ja, Liehr ist halt Liehr usw.

Was er aber macht (hyperprofessionell zwar, aber dennoch), ist, dass er die erwartbaren Zeichen durchbricht. Und darin liegt etwas, dass Texte individuell macht und auch wenn ich einiges zu Liehrs Text im detail zu sagen hätte - ich habe ihn nicht vergessen, er hat sich verhakt. Ich glaube, ich müsste hier jetzt wirklich ausholen und ganz grundlegen darüber rumsinnen, wohin ich da will - egal, wenn es wichtig ist, kommt es wieder.

Es ist kein schlechter Text (also deiner lol2), den kann man so wie er ist einreichen und er wird seine Leser finden - aber ihm fehlt etwas, was ihn aus heraushebt. Was ihn mich durch den Tag schleppen lässt.

 Shocked

Ist die Frage, was du willst, wohin du willst, worauf dein Fokus liegt - ich werf nur meinen Kram rein.

und wech

d.
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BeitragVerfasst am: 15.06.2012 11:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

debruma hat Folgendes geschrieben:
OT: Du kennst den Liehr-Text? Hats'e etwa mitgemacht? Bist du in der Antho?

*
Zitat:

Ich kenne Liehrs Text. Ganz ehrlich: Ich fand ihn schon immer... naja, so lala halt. Überzeugt hat er mich nie, und ehrlich gesagt, gerade weil die Charaktere und ihr Verhalten nicht überzeugen. Allein die Mutter: Haut ab, schreibt einen Brief (Habe nur ein Leben, müsst ihr verstehen blabla...) und kommt nicht wieder. Och, nö, debruma?! Das kann nicht Dein Ernst sein.


Kann gut sein, ich habe momentan den Lesebug und liege falsch (solche Texte sind immer auch von der eigenen Grundstimmung abhängig, ich gebe zu) - und ja, Liehr ist halt Liehr usw.

Was er aber macht (hyperprofessionell zwar, aber dennoch), ist, dass er die erwartbaren Zeichen durchbricht. Und darin liegt etwas, dass Texte individuell macht und auch wenn ich einiges zu Liehrs Text im detail zu sagen hätte - ich habe ihn nicht vergessen, er hat sich verhakt. Ich glaube, ich müsste hier jetzt wirklich ausholen und ganz grundlegen darüber rumsinnen, wohin ich da will - egal, wenn es wichtig ist, kommt es wieder.

Es ist kein schlechter Text (also deiner lol2), den kann man so wie er ist einreichen und er wird seine Leser finden - aber ihm fehlt etwas, was ihn aus heraushebt. Was ihn mich durch den Tag schleppen lässt.

 Shocked

Ist die Frage, was du willst, wohin du willst, worauf dein Fokus liegt - ich werf nur meinen Kram rein.

und wech

d.

Nö, hab nicht mitgemacht. Bin irgendwann beim Stöbern drauf zu gekommen. Hab gelesen und dachte: Naja, geht so...

Geht mir mit vielen anderen Texten, die den ersten Platz bei Wettbewerben machen, übrigens öfter so. Zuletzt beim 2011er MDR-Wettbewerb. Selten eine schlechtere Kurzgeschichte gelesen als den dortigen Siegertext von Nawrot. Sei´s drum.

Und was ich will? Wenn ich das man so genau wüsste. lol Unterhalten möchte ich. Auf eine Art, die hin und wieder beim Leser bewirkt, dass er den Text beiseite legt und ins Reflektieren kommt. Nicht "E", aber eben auch nicht nur "U". Eine EU halt, weißte? Embarassed

Schön, dass Du Deinen Kram reingeworfen hast! Freue mich immer drüber.

M.


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Siegfried Lenz
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Aranka
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BeitragVerfasst am: 16.06.2012 19:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo MT,

ich habe ein paar Tage gebraucht, um mich zu der Geschichte äußern zu können.
 „Aus dem Leben“. Dieser Titel ist so vielsagend. Ich kann hier das „aus dem Leben gehen“ finden, aber auch: ein ganz besonders intensiver und schwieriger Moment aus dem Leben.
Die Frage, die deine Geschichte anschneidet, ist eine, die sich jeder schon einmal gestellt hat, der einem lieben Menschen hat zusehen müssen bei langem Leiden und begleiten dürfen beim Sterben über Monate hinweg.
Und dennoch ist es eine Frage, die unendlich belastet ist.
Du greifst sie mutig auf und schaffst für mich eine gute Balance. Du zeigst die Nähe zwischen Mutter und Sohn, zeigst die inneren Hindernisse, zeigst Trauen und Schmerz, ohne das die Geschichte emotional wegkippt.
Das gelingt dir unter anderem auch durch deinen Schreibstil. Die kurzen Sätze geben keinen Raum für Ausholen und Ausufern in überzogenen Gefühle.
In diesen Situationen nimmt der Sohn die Dinge wahr, sachlich, gereiht. Es ist das, woran man sich halten kann. Ob es auf der Fahrt zur Klinik ist oder in der Wohnung. Das ist gut beobachtet. In emotional komplizierten und komplexen Situationen sind die Dinge beruhigend.
Ich finde das sehr passend.
Auch die Dinge, an die sich der Sohn erinnert, sind die einfachen Dinge des Alltags. Es sind keine Reisen, keine großartigen Ereignisse. Auch das finde ich sehr realistisch. Wer sich hat von seinen Eltern verabschieden können und ein wenig Zeit dafür erhalten hat, der wird erstaunt sein, was ihm da plötzlich wichtig und bedeutsam wird. Ich finde das alles sehr sensibel empfunden.

Eine wichtige und sehr sensibel gearbeitete Geschichte.
Vielleicht hätte ich die Geschichte etwas früher beendet. Und zwar hier:

Ich kenne den Weg, kenne jede Kreuzung und jedes Haus, und doch ist es so, als führe ich durch fremdes Land. Meine Gedanken schweben. Ich fliege durch Zeit und Raum. Was wird morgen sein?

Ich finde diese Frage ist ein guter Schluss. Der Leser kann sich nun denken was immer er will. Eigentlich ist es klar. Es wurde vorher beschrieben, dass der Sohn alles zurecht stellt. Den Orangensaft, die Fotos. Wer nun das Medikament besorgt, wen interessiert das. Man könnte denken, er holt sie nach Hause, damit sie in ihrem vertrauten Umfeld sterben kann. Und das ist auch ein wichtiger Gedanke. Alle Sätze, die nach dieser Frage kommen, ich brauche sie nicht.

Dein Text steht zwar nicht in der Werkstatt, aber vielleicht ist es in Ordnung, wenn ich zu ein paar Stellen etwas sage. Es ist eigentlich immer das Gleiche. Ich denke an den Stellen könnte man etwas weglassen, weil es schon gesagt wurde und die Intensität der Stelle schwächt. Ich zitiere sie einfach und klammere mal ein, was aus meiner Sicht weg könnte.



Zitat:
Ich nicke. (Bringe kein Wort heraus.) Will fortrennen. Und doch für immer bleiben. [Nicken zeigt mir, dass nicht gesprochen wird. Die beiden nächsten Sätze: fortrennen und dennoch bleiben/ eine tolle Idee, die haben viel mehr Gewicht, wenn nur ein Satz davor steht. 3 ist bei Reihungen die magische Zahl. Vier ist meist einer zu viel!]

sitze da wie ein kleiner Bengel, der etwas ausgefressen hat (und voller Angst auf Strafe wartet)


den (unzähligen) Fotos von mir als Kind, als Jugendlicher, als Soldat, als Student, als Ehemann und als Vater, [die folgende Aufzählung sagt mehr aus als unzählig]

Ich musste es ihm versprechen, und ich gab ihm mein Wort [Da schwächt der eine Satz den anderen, als würdest du einem alleine nicht trauen. Entweder: ich gab ihm mein Wort. Oder: Ich musste es ihm versprechen.


Ich denke nicht nach. Ich führe aus, was auszuführen ist. (Ich bin eine Maschine.) [Die beiden ersten Sätze sind stark und klasse. Der letzte ist eine viel schwächere Erklärung, die ich nicht brauche.


Ich hoffe, meine letzten Bemerkungen sind für dich in Ordnung.

Es ist eine für mich sehr bedeutende Geschichte, auch aus ganz persönlichen Gründen.  

Liebe Grüße Aranka


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MT
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BeitragVerfasst am: 18.06.2012 07:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Guten Morgen, Aranka,

vielen Dank für Deine sehr ausführliche Auseinandersetzung mit meinem Text! Auch für mich ist er sehr wichtig. Schön, wenn Du Dich in ihn einfühlen konntest/kannst.

Zitat:
„Aus dem Leben“. Dieser Titel ist so vielsagend. Ich kann hier das „aus dem Leben gehen“ finden, aber auch: ein ganz besonders intensiver und schwieriger Moment aus dem Leben.

Richtig. So war die Intention. Eine Situation "aus dem Leben gegriffen" und ein Moment des "aus dem Lebens Gehens".

Zitat:
Du greifst sie mutig auf und schaffst für mich eine gute Balance. Du zeigst die Nähe zwischen Mutter und Sohn, zeigst die inneren Hindernisse, zeigst Trauen und Schmerz, ohne das die Geschichte emotional wegkippt.
Das gelingt dir unter anderem auch durch deinen Schreibstil. Die kurzen Sätze geben keinen Raum für Ausholen und Ausufern in überzogenen Gefühle.

Ich meine auch, dass hier kurze Sätze, die wenig Raum lassen, richtig sind. Eben wegen der Emotionalität und der gleichzeitigen Leere.

Zitat:
In diesen Situationen nimmt der Sohn die Dinge wahr, sachlich, gereiht. Es ist das, woran man sich halten kann. Ob es auf der Fahrt zur Klinik ist oder in der Wohnung. Das ist gut beobachtet. In emotional komplizierten und komplexen Situationen sind die Dinge beruhigend.
Ich finde das sehr passend.

Er denkt nicht viel nach, er macht einfach. Statisch, sachlich. Voller Trauer und nahezu Ohnmacht. So sehe ich das auch.

Zitat:
Auch die Dinge, an die sich der Sohn erinnert, sind die einfachen Dinge des Alltags. Es sind keine Reisen, keine großartigen Ereignisse. Auch das finde ich sehr realistisch. Wer sich hat von seinen Eltern verabschieden können und ein wenig Zeit dafür erhalten hat, der wird erstaunt sein, was ihm da plötzlich wichtig und bedeutsam wird. Ich finde das alles sehr sensibel empfunden.

Darauf wollte ich hinaus. Es sind nicht die großen Dinge, die erlebt wurden. Es sind die kleinen, alltäglichen, von denen man oft nicht einmal sagen kann, warum ausgerechnet sie hängen geblieben sind. Hier auch noch einmal der Titel: "Aus dem Leben" - eine Alltagsszenerie, die kleinen Dinge...

Zitat:
Vielleicht hätte ich die Geschichte etwas früher beendet. Und zwar hier:

Ich kenne den Weg, kenne jede Kreuzung und jedes Haus, und doch ist es so, als führe ich durch fremdes Land. Meine Gedanken schweben. Ich fliege durch Zeit und Raum. Was wird morgen sein?

Ich finde diese Frage ist ein guter Schluss. Der Leser kann sich nun denken was immer er will. Eigentlich ist es klar. Es wurde vorher beschrieben, dass der Sohn alles zurecht stellt. Den Orangensaft, die Fotos. Wer nun das Medikament besorgt, wen interessiert das. Man könnte denken, er holt sie nach Hause, damit sie in ihrem vertrauten Umfeld sterben kann. Und das ist auch ein wichtiger Gedanke. Alle Sätze, die nach dieser Frage kommen, ich brauche sie nicht.

Ja und nein, aus meiner Sicht. Ein stückweit wollte ich auf das Thema der aktiven Sterbehilfe hinaus. Wenn ich die Geschichte mit der Fahrt enden lasse, komme ich nicht wirklich dorthin. Allenfalls durch letzte Hinweise. Ich werde das einmal ausprobieren und mich dazu noch einmal melden.

Und Deine Detailanmerkungen werde ich im Einzelnen durchgehen.

Danke, dass Du Dich so emotional hier geäußert hast.

Markus


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Siegfried Lenz
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MT
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BeitragVerfasst am: 18.06.2012 08:26    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Eine Überarbeitung. Für die, die mögen...


Aus dem Leben


„Geh jetzt, mein Junge. Geh.“ Meine Mutter gibt mir ihr Mutmacherlächeln.
Das Zimmer, eingerichtet nur mit einem Strauß Trockenblumen auf einem Holztisch und einem Kruzifix an der Wand, wirkt wie eine Lagerhalle mit längst vergessener Ware.
Die weiße Bettwäsche lässt Mutters Wangen noch eingefallener, die Augen noch leerer erscheinen. Ich beuge mich zu ihr hinab, küsse die faltige Stirn. Meine Tränen fallen auf ihr Gesicht. Mit zitternder Hand streichelt sie mein Haar.
„Heute Abend. Denkst du auch daran, Junge?“
Ich nicke. Will fortrennen. Und doch für immer bleiben.
Vor dem Krankenhaus empfängt mich Novemberregen. Bäume wiegen sich im Wind. Ich steige in den Wagen und starte den Motor. Sitze da und verfolge das Winken der Scheibenwischer, sitze da wie ein kleiner Bengel, der etwas ausgefressen hat. Irgendwann fahre ich los.
Als ich die Wohnungstür öffne, schlägt mir der Geruch meiner Kindheit entgegen. Die Mischung aus Lavendel und Zigaretten. Mit der Zeit habe ich verlernt, diesen Geruch zu mögen. Jetzt kann ich nicht genug davon bekommen.
Im Wohnzimmer mit der Schrankwand und dem braunen Sofa, mit den Weingläsern im Regal, die nie benutzt werden und den Fotos von mir als Kind, als Jugendlicher, als Soldat, als Student, als Ehemann und als Vater, schlage ich die Wolldecke auf und lege sie offen über den Hocker vorm Sessel. Aus dem Schlafzimmer hole ich Mutters Kopfkissen. Bevor ich das Schlafzimmer verlasse, sehe ich noch einmal zum Bett. Vaters Seite ist lange kalt, Mutters zerknautscht vom vielen Liegen. Sie hat ihm sein Kissen hingelegt und das Deckbett für ihn aufgeschlagen. Seit zwölf Jahren.
Zurück in der Stube, lege ich ihr Kopfkissen in den Sessel. Auf dem Tisch daneben die ganze Bilder. Mein Vater beim Angeln am Kiesteich, ich daneben, acht oder neun Jahre alt. Oder mein Vater an seinem Räucherofen, die Tür geöffnet, im Rauch baumeln goldbraune Forellen. Und wir drei im Urlaub an der Mecklenburgischen Seenplatte. Er und ich sitzen im Tretboot, Mutter hinter uns. Die Sonne sinkt ins Wasser. Wir lachen, auch Mutter; ich hatte Semesterferien. Es ist das letzte Foto von ihm.
In der Küche hole ich ein Glas aus dem Schrank und fülle es mit Orangensaft. An der Wand tickt unsere Uhr. Noch sechs Stunden.
In den Orangensaft rühre ich einen großen Löffel Honig.
„Achte darauf, dass es süß ist“, hat Franz gesagt.
Bei all meinen Bewegungen glaube ich, Zügel hielten mich zurück, so, als spielten meine Muskeln ein Konzert, das ich nicht dirigiere. Mein Mund ist trocken, Schlucken fällt mir schwer. Meine Finger zittern und meine Gedanken wirbeln mir wie Staub durch den Kopf.
Mit dem vollen Glas in der Hand gehe ich zurück zu Mutters Platz im Wohnzimmer. Ich stelle es auf den Tisch, neben Vaters Räucherglück. Dann drehe ich die Heizung auf höchste Stufe. Meine Hände sind eiskalt.
„Pass auf Mama auf“, hat Vater damals gesagt. Ich habe es ihm versprochen, ohne zu wissen, was ein solches Versprechen bedeuten kann. Nach seiner Beisetzung ging meine Mutter durch die Wohnung und räumte seine Medikamente, seine Kleidungsstücke, Bilder, Kreuzworträtselhefte, einfach alles, was an ihn erinnerte, in große Plastiksäcke und schleppte sie in den Keller. Dann schloss sie sich zwei Tage und Nächte im Schlafzimmer ein. Manchmal hörte ich sie wimmern. Mit seinem Tod ging ihr Lachen. Erst Jahre später holte sie die Fotografien wieder rauf.
Ich nehme eines der Bilder und setze mich auf den Boden. Lehne mich an die Schrankwand, wie ich es als Kind oft getan habe, und starre die Aufnahme an. Eine zierliche Frau mit hochtoupierten Haaren und dicker Brille. Sie trug ihr Hochzeitskleid, 1966 war das. Die Männer mit dünnem Schlips. Eine Frau aus einfachen Verhältnissen, ein Mädchen, das Schneiderin lernte und später in der Fabrik für Funktechnik am Band stand. Wenn mein Vater von der Schicht kam, ging er an der Fabrik vorbei. Sie winkten sich zu.
Später, Mitte der Siebziger, zogen sie in die Wohnung, in der ich jetzt sitze; sie brauchten ein Kinderzimmer. Ich erinnere mich an die unzähligen Abende, an denen wir hier in der Stube saßen und Radio hörten. Mein Vater nahm meiner Mutter manchmal die Brille ab und sagte: „Schau, wie wunderschön das Gesicht deiner Mutter ist.“ Sie grinste dann und machte eine wegwerfende Handbewegung, setzte ihre Brille wieder auf und gab Vater einen Kuss.
Jahre danach, wenn ich mit ihr allein auf dem Sofa saß, wünschte ich mir Abende bei Radio und warmem Kakao zurück.

Kurz vor sechs. Draußen herrscht finstere Nacht. Noch immer regnet es. Ich fahre durch die Straßen der Stadt und suche Umwege. Hinter mir wird gehupt, Autos überholen mich, ich sehe keine Fahrer, sehe nur den Schein der Lichter am Straßenrand; wie Gespenster huschen sie durch meinen Wagen.

Der Klinikparkplatz ist leer. Ich lasse ihn links liegen und fahre um das Gebäude herum. Franz hat Nachtdienst, er wird die Schwestern zur Besprechung rufen. Vor dem Notausgang parke ich.
Auf dem Flur keine Menschenseele. Leise drücke ich die Klinke der Zimmertür herunter. Mutter ist wach, sie atmet in flachen, schnellen Stößen. Franz hat heute Mittag das Morphin weggelassen.
Ich greife ihre Hand.
„Mutter, erkennst du mich?“
Sie braucht einen Moment, dann nickt sie.
Wir halten uns bei den Händen, sehen uns an, ich streichele ihr Gesicht.
„Ich kann das nicht“, sage ich.
Sie versucht ein Lächeln. Ich lege ihr meinen Arm um den Nacken und drücke ihren Kopf an meinen. Sie riecht nach altem Schweiß, seit gestern Morgen waschen sie sie nicht mehr.
„Doch“, flüstert sie. „Du kannst.“
Ich richte mich auf, wische mir mit dem Handrücken übers nasse Gesicht.
„Ich habe Durst“, sagt sie kaum hörbar.
Ich reiche ihr ein Glas Wasser. Sie kann es allein nicht halten, ich helfe ihr, umfasse ihre blauen Hände. Sie trinkt wie ein Vogel. Ich stelle das Glas zurück und tupfe mit einem Papier ihren Mund und den Hals trocken. Dann ziehe ich den Schlauch aus der Braunüle und löse die Bremse der Bettrollen. Alles geht mechanisch. Ich denke nicht nach. Ich führe aus, was auszuführen ist.
Noch immer ist der Flur verlassen. Die Gummiräder quietschen auf dem Linoleumboden. Weißes Licht sticht von der Decke, es schmerzt in den Augen. Mutters Atmung ist stabiler geworden. Etwas.
Ich schiebe das Bett neben meinen Wagen und öffne die Beifahrertür.
„Ein neues Auto?“, fragt sie leise.
„Nein“, sage ich und hebe sie an. Sie ist leicht wie ein Kind. Ich setze sie auf den Sitz und lege das Deckbett über ihre Beine. Schließe die Tür.
Wir fahren durch die Nacht. Mutter hat die Augen geschlossen. Sie atmet stoßweise.
Ich kenne den Weg, kenne jede Kreuzung und jedes Haus, und doch ist es so, als führe ich zum ersten Mal durch meine Stadt. Die Gedanken ziehen wie Wolken übers Land. Ein Tau ist um meinen Hals gebunden, ich will davon laufen und kann es nicht. Wo ist das Ziel? Ich will kein Ziel. Ich will, dass es vorbei ist. Ich will schreien.
Die Kapseln habe ich vorhin neben den Orangensaft gelegt.
„Lange rühren, bis alles aufgelöst ist“, hat Franz gesagt.
Ich halte an einer Kreuzung, die Ampel ist rot. Die Straßen sind wie leer geweht vom herbstlichen Wind. Nur ein paar welke Blätter taumeln, welke Blätter im Licht der Nacht.
Als ich mich zur Seite drehe, hat sich ein Lächeln auf Mutters Lippen gelegt.
Ich fahre an.


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Siegfried Lenz
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BeitragVerfasst am: 18.06.2012 17:06    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Markus,

der neue Schluss – er will mir nicht so recht gefallen. Confused

MT hat Folgendes geschrieben:
Die Gedanken ziehen wie Wolken übers Land. Ein Tau ist um meinen Hals gebunden, ich will davon laufen und kann es nicht. Wo ist das Ziel? Ich will kein Ziel. Ich will, dass es vorbei ist. Ich will schreien.


Das ist mir zu viel. Bis auf den ersten Satz würde ich alles streichen.

Ich fand den Schluss der ersten Version recht gut, würde aber, wenn schon kürzer und knapper, dann an der von Aranka vorgeschlagenen Stelle

MT hat Folgendes geschrieben:
... Was wird morgen sein?


die Geschichte beenden. Ich meine diese Frage lässt genug Spielraum für eigenen Gedanken. Das neue Ende lenkt mich von der eigentlichen Problematik ab. Die leergewehten Straßen – Blätter im Wind, alles schön bildlich, dennoch möchte ich lieber mit meinen Gedanken bei der Sache bleiben.  

Ist sicher auch Geschmacksache.

Liebe Grüße
Monika
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