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Die Republik befreit sich von Ihrem Chefchemiker


 

 
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Aristide
Sonntagsschreiber


Beiträge: 12
Wohnort: frankfurt am main


BeitragVerfasst am: 31.05.2012 21:37    Titel: Die Republik befreit sich von Ihrem Chefchemiker eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Dramophile,

hier ist die 1. Szene meines Stücks in 6 Szenen "Die kopflose Republik". Keine Angst, es ist kein historisches Drama, das mit Bildung hausieren geht. Jedenfalls hoffe ich, dass alles, was darin nach Bildung aussieht, nicht Selbstzweck ist und nicht wirkt, als wolle der Autor beim Zuschauer abladen, was er alles so weiß.

Sondern, mich interessierten beim Schreiben Aspekte der Gegenwart. Der historische Stoff ist nur die Folie für Fragen wie: Weshalb halten es Diktaturen nicht aus, wenn einzelne Abweichler ihre Stimme erheben und nicht-konforme Ansichten äußern? Weshalb verfolgen sie Abweichler und Selbstdenker mit fanatischem Hass? Und ist Reichtum eine Schande oder ein Ärgernis, das nicht sein darf, in einer Gesellschaft, die sich die Gleichheit auf die Fahne geschrieben hat? Und ist es besser und klüger (oder nur feige?), sich in Diktaturen wie in der Französichen Ersten Republik anzupassen und still zu sein, anstatt die Freiheit des Individuums laut zu propagieren?

Genug der Vorrede. Vorhang auf zur 1. Szene:

1. Szene
Ein Raum mit chemischen Apparaturen des späten 18. Jahrhunderts. Zwei Männer bereiten einen Versuchsaufbau vor. Sie bringen Glaskolben und anderes Gerät in Position, assistieren sich gegenseitig. Erster  tritt an ein Rednerpult in der Mitte des Raums, seitlich zum Publikum. Zweiter hantiert zunächst weiter mit den Apparaturen. An der Wand hinter dem Rednerpult hängt eine Tafel mit den Menschenrechten von 1789.

Erster: Wissen
Zweiter: Wissen - schafft
Erster: Wissenschaftler
Zweiter: Wissenschaftler schaffen Wissen.
Erster: Sie schaffen es an den Tag, indem sie ein Feuer anzünden.
Zweiter: Ein Feuer des Wissens zur Erleuchtung der Finsternis der Unwissenheit.
Erster: Ja, wenn man Glück hat. Wenn man Pech hat, stolpert man durch das unbekannte Land Natur, fragt als Fremder nach dem Weg und erhält keine Antwort.
Zweiter: Aber manchmal spricht die Natur auch Klartext …
Erster: Fragt sich nur, zu wem.
Zweiter: Nun, zu wem?
Erster: Dem, der ihre Sprache versteht. Der mit Experimenten  Grammatik und Satzbau durchleuchtet.
Zweiter (eifrig dozierend): Das Experiment steht überhaupt im Zentrum der Wissenschaft. Es ist die Maschine, die unentwegt Wissen ausstößt – so wie französische Manufakturen Gobelins und Lyoner Seide produzieren. Und wir Wissenschaftler sind die Maschinisten. Mit unseren Ideen halten wir die Experimentalmaschine fortwährend am Laufen.
Erster: Wissenschaftler sind zuallererst einmal Menschen.
Der Zweite beendet den Versuchsaufbau und tritt dem Redner am Pult gegenüber.
Zweiter: Aber doch ganz besondere Menschen, nicht wahr, Herr Kollege? Die Speerspitze des wissenschaftlichen Fortschritts ist eine Elite, seelisch, geistig und auch charakterlich exzeptionell …
Erster: Nein, nein, ganz normaler Durchschnitt. Ehrgeizig, applaus-süchtig, verschlagen, neugierig, freigiebig, geizig, selbstsüchtig, hochfahrend, demütig, gemäßigt, radikal …
Zweiter: Sie wollen sagen, Wissenschaftler sind nicht besser als die Krakeeler, Schreihälse und Visionäre unserer Zeit?
Erster: Wieso denn nicht? Sie gehören wie alle, die ihren Kopf noch eine Weile auf dem Rumpf tragen wollen, irgendeinem radikalen Club an. Damit versichern sie dem Wohlfahrtsausschuss jeden Tag aufs Neue ihre Ergebenheit. Da kann es leicht passieren, dass  Wissenschaftler vor lauter Rücksichtnahme und Revolutionseifer ihr Fachgebiet vergessen und aufhören zu forschen. Wenn sie nicht aufpassen, vernebelt ihnen die visionäre Hitze den analytischen Verstand. Ich sage nur: Marat …
Zweiter: Hm … Und Lavoisier?
Erster: Der stellt seinen Reichtum zur Schau, will aber ein Freund des Volkes sein. Das gefällt den Radikalen nicht; sie wollen ihn nicht mehr und haben ihn schon so gut wie aufs Schafott gebracht. Diese dummen Kerle ... Lavoisier hinrichten, die Nummer eins unter den Wissenschaftlern Frankreichs! Das ist keiner von denen, die ihr Laboratorium mit dem Freiluft-Laboratorium Revolution verwechseln, von wo sie Ideen ausbrüten, um unsere Atemwege zu verstopfen. Sie merken doch auch, Herr Kollege, wie unsere Atemluft Tag für Tag sauerstoffärmer und stickstoffhaltiger wird. Aber war es nicht Lavoisier, der uns aufgeklärt hat über die Zusammensetzung dieser Luft, ohne die kein Lebewesen existieren kann? Er analysiert die Grundlagen unseres Lebens, er experimentiert mit Salzen, Metallen und Gasen – und nicht mit der Gesellschaft.
Zweiter: Das soll man also nicht – Ihrer Meinung nach? Mit der Gesellschaft experimentieren? Die Verbesserung der Gesellschaft durch Ausmerzung ihrer abgefaulten Teile ist doch ein spannender Versuchsaufbau …
Erster:  (macht einen Schritt auf den Zweiten zu) … Spannend, mh? Ist es spannend, die Menschheit verbessern zu wollen, indem man die Hälfte von ihr ausrottet?
Zweiter: Herr Kollege, Sie scheinen nicht gerade ein Freund der Revolution zu sein. Doch ich warne Euch, es ist  äußerst unvorsichtig in diesen Tagen, mit der offiziellen Meinung nicht konform zu gehen.
Erster (lächelnd): Mmm ja, eigentlich sollte ich wissen, wo das enden wird: im Kerker und unter der Guillotine. So wie demnächst auch Antoine Laurent Lavoisier.
Zweiter: Und was macht Sie da so sicher, werter Herr Kollege?
Erster: Ach, seine ganze Art. Wie dieser Herr auftritt. Als wäre offen gezeigter Reichtum im Zeitalter der Gleichheit etwas Selbstverständliches. Als könnte er jetzt noch so weitermachen wie vor der Revolution, als er Akademiepräsident und hoch angesehen war. Als gäbe es die Neider nicht, die jetzt die Zeit gekommen sehen, offene Rechnungen zu begleichen. Bei Bürger Lavoisier häufen sich die blauäugigen Unbekümmertheiten in einer Weise, dass man sich schon Sorgen um ihn machen muss.
Zweiter: Darum bin ich auch fest davon überzeugt, dass der Wohlfahrtsausschuss den Mann schon bald erledigt haben wird.
Erster: Das wäre schrecklich. Und ein herber Verlust für die gesamte wissenschaftliche Welt.
Zweiter: Es wäre aber doch nur folgerichtig und läge ganz in der Logik des: Entweder-Für-Oder-Gegen-Robespierre dieser Tage.
Erster: Da gebe ich Ihnen Recht, aber es gefällt mir überhaupt nicht, wie leicht sie den Verlust des großen Mannes bereit sind hinzunehmen.
Zweiter: Was meint Ihr: Wird den Mann sein Nimbus schützen?
Erster: Unsinn, nicht einmal Danton konnte dem Henker entkommen, und Danton war viel gewiefter, wortgewandter, außerdem welterfahrener und viel populärer als Lavoisier.
Zweiter: Und wenn Ihr euch zu seinem Anwalt und Sprecher machen würdet, Herr Kollege? Ihr werdet sehen: Angesichts  Eurer Rhetorik gerät noch der ganze Wohlfahrtsausschuss in stammelnde Verlegenheit …
Erster: Vielen Dank, Herr Kollege, ich wünschte, Ihr wüsstet meine wissenschaftlichen Fähigkeiten ebenso zu würdigen wie meine rhetorischen – aber was heckt Ihr da gerade eben aus? Ein Spiel?
Zweiter: Jawohl, ein Spiel, ein Tribunal, ein Prozess. Wir spielen Lavoisiers Weg zur Hinrichtung durch.
Erster: Wozu das? Um uns wie kleine Kinder darüber zu freuen, wenn erst die Wirklichkeit unser Spiel eingeholt haben wird?
Zweiter: Nein, nicht der Spaß am Jux, den sich kleine Gören machen, wenn sie Köpfe unter Spielzeug-Guillotinen rollen lassen. Eher die angenehme oder weniger angenehme Erkenntnis, dass unsere Vorstellungen und Visionen der Wirklichkeit einigermaßen gewachsen sind – oder eben auch nicht. – Spielen wir also, warten ab und vergleichen dann: Hat die objektive Größe gesiegt? Oder konnte die herrschende Durchschnittlichkeit ihre machtgestützten Ansprüche durchsetzen?
Erster: Die Idee fängt an mir zu gefallen. Wir sollten uns an die Rollenverteilung machen. Ich denke, jeder von uns kennt jemanden in seinem Bekanntenkreis, den er für die eine oder andere Rolle in unserem Stück rekrutieren könnte – da wäre schon mal Madame Bienvenue, die Vorsteherin des philantrophischen Clubs in der Rue de Valmy. Die wäre aus dem Stand heraus für die Rolle der Madame Lavoisier, der guten Seele, zu begeistern!
Zweiter: Ich selbst könnte mich gut in meinen Freund und Kollegen Antoine Fourcroy hineinversetzen.
Erster:  Wozu der Umweg? Dann spielt Euch doch gleich selbst …
Zweiter: Das ginge mir dann doch zu nah … wenn es Lavoisier wirklich an den Kragen gehen sollte, werde ich weit fort sein …
Erster: So? Ah ha. Dann also Antoine Fourcroy. Ich selbst werde die Hauptrolle besetzten …
Zweiter: Perfekt! (zum Publikum) Mesdames et Messieurs: Werden Sie Zeuge einer Verschwörung gegen den größten Chemiker Frankreichs: Antoine Laurent de Lavoisiers, angezettelt von Mitgliedern des Wohlfahrtsausschusses und solchen, die es sich besser nicht mit dem Wohlfahrtsausschuss verscherzen wollen. Erleben Sie Antoine Francois de Fourcroy, ein Chemiker und bis auf Weiteres ein Freund von Lavoisier; dann hätten wir noch Antoine Quentin Fouquier-Tinville, den Mann der Anklage im Justizpalast. Und bilden Sie sich gleich noch eine Meinung zu Jean-Pierre Crudeli, Freund eines hochgeschätzten Radikalen, selbst auch schwer radikal und fürwahr kein Freund des bedauerlichen Angeklagten.
Erster: Die Bühne frei für Sie und mich – ganz sicher bin ich mir, dass keine Rolle unbesetzt bleiben wird!

(Ende der 1. Szene)

12Wie es weitergeht »




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KayKariel
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BeitragVerfasst am: 31.05.2012 22:30    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Matthias,

also mein erster Eindruck ist ganz positiv, auch wenn ich nicht viel Ahnung von Dramatik und Theater habe.

Was mich nur ein wenig gestört hat sind die Namen der Personen..Erster und Zweiter hmmm...

naja mal sehen wie die Geschichte weitergeht.


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Aristide
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BeitragVerfasst am: 31.05.2012 22:54    Titel: Erster und Zweiter pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Kay,

die beiden sind wie Hülsen. Schablonen, in die bald der eine, bald der andere Charakter schlüpfen kann. Und im weiteren Verlauf wird man sehen, dass Erster und Zweiter in verschiedenen Rollen auftreten werden. Sie verkörpern bald die eine, bald die andere Persönlichkeit, mit der sie sich identifizieren können. Weshalb sie das tun? Sie inszenieren das Stück von der Hinrichtung Lavoisiers. Sie inszenieren sozusagen die schlechte Prognose dieses Mannes. Und führen ein Stück im Stück auf. Weil sie so vielseitig sind und ihre Hüllen sich mit den vielerlei Inhalten füllen lassen, haben sie so neutrale, nichtssagende Namen.

Grüße,

MZ


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Aristide
Sonntagsschreiber


Beiträge: 12
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BeitragVerfasst am: 03.06.2012 11:01    Titel: Drama über Intellektuellenhass: 2. Szene pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier ist die 2. Szene meines Dramas. Die Feinde des Intellektuellen, Steuereintreinbers und Chemikers Lavoisier schmieden einen Plan, wie sie über einen öffentlichen Schauprozess den Mann beseitigen können.

2.Szene:
Der Erste tritt wieder auf – verkleidet als Antoine Fourcroy (kurz: AF) zusammen mit Darstellern von Fouquier-Tinville (kurz: F-T) und von  Jean-Pierre Crudeli (kurz: C).
F-T: Mein lieber Crudeli, du bist bestimmt nicht gekommen, um mir unseren verurteilten Chefchemiker mal eben unter der Guillotine wegzuziehen …
C: Wie scharfsinnig von dir, Bürger Fouquier-Tinville, das möchte ich wirklich nicht. Vielmehr würde ich den Chefchemiker, wie du ihn nennst, lieber heute als morgen einen Kopf kürzer sehen.
F-T: Dann sind wir uns doch einig: Ihr Jakobiner wolltet ihm gestern den Prozess machen, aber einigen empfindlichen Herren der Wissenschaften im Wohlfahrtsausschuss hat es missfallen, dass der Mann sterben muss. Sie zeterten herum und forderten schließlich einen öffentlichen Schauprozess …
AF: Nun nun, ich bitte um etwas Nachsicht, Bürger Fouquier-Tinville. Wir Wissenschaftler sind nicht empfindlich wie die dekadenten Aristokraten. Wir wünschen uns nur – wie soll ich es sagen – Gerechtigkeit für einen unserer besten Kollegen. Und deshalb haben wir den Konvent …
F-T: … solange weich geklopft, bis sogar eure Bergpartei ein christliches Erbarmen mit dem Angeklagten hatte, ich weiß. Und ich weiß auch, dass du, Bürger Fourcroy, als Präsident des Wohlfahrtsausschusses einen Deut zu laut nach Gerechtigkeit für den Chefchemiker gerufen hast! Statt  eines kurzen Prozesses fordertest du einen langen. Dabei wissen wir seit der Sache mit Danton, wie bedenklich die Masse ins Grübeln kommt, wenn wir die Feinde der Republik an der langen Leine lassen und ihnen Raum zur Verteidigung lassen.
C: Gib´s ruhig zu, Bürger Fourcroy, dein Auftritt heut Morgen im Konvent war in der Tat empörend! Hast du nicht gesehen, wie der unbestechliche Bürger Robespierre die Stirn in Falten gezogen hat, als du den Satz losließest: 'Einen Titanen wie Bürger Lavoisier richtet man nicht nach irdischen Gesetzen'. Mein lieber Antoine Fourcroy, ich brauche dir nicht zu erklären, was passieren wird, wenn der Unbestechliche noch ein weiteres Mal die Stirn furcht bei solch hochverräterischen Aussagen …
Ich bitte um Vergebung, Bürger Crudeli, es kam über mich … ich verstieg mich … ich sprach als Kollege, als Chemiker über einen Kollegen, über einen abtrünnigen Chemiker-Kollegen - einen Moment lang war ich parteiisch …
F-T: … einen schwachen Moment lang, ja ja; wie allzu viele in diesen bewegten Zeiten. Ich gebe dir aber einen guten Rat, Bürger Fourcroy: In Zukunft reißt du dich zusammen und gibst der Republik in deiner Eigenschaft als Präsident des Wohlfahrtsausschusses ein würdigeres Beispiel als das von heute Morgen.
AF: (hastig) Du hast mein Wort, Bürger Fouquier-Tinville, das werde ich.
C: Und nun sollten wir uns an die Planung machen, meine Herren und uns darauf besinnen, wie wir dem selbst ernannten Chefchemiker Lavoisier einen Prozess machen, bei dem wir die Hand an der Guillotine behalten werden. Ein Prozess, der uns auszeichnen wird.
F-T: Ich verstehe. Es soll ein Exempel statuiert werden.
C: Éxactement. Eine Feier des republikanischen Furors zu Ehren meines hingemordeten Freundes, unseres Blutzeugen und Märtyrers Jean Paul Marat, eine Weihestunde zur Ehre des größten Republikaners gleich nach dem unbestechlichen Robespierre. Wir liefern eine Demonstration der Entschlossenheit, über unsere Gegner Gericht zu halten und keinen Millimeter vor dem Fäulnisgeruch der Aristokratie zurückzuweichen. Wer es dann noch wagen wird zu behaupten, wir Jakobiner seien grausame Bestien, soll wissen, dass wir nicht grausamer sind als die unerbittliche Natur und der nicht weniger unerbittliche Lauf der Gerechtigkeit. Wir schenken Lavoisier einen neuen Prozess, doch in Wahrheit rechnen wir ab – mit ihm und seinesgleichen.
F-T: Exemplarisch. Definitiv. Ohne Nachsicht mit dem Angeklagten, und den Republikfeinden zur Warnung.
C: Du hast mich verstanden.
F-T: Und weißt du dich auch eines Sinnes mit dem Unbestechlichen?
C: Absolut. Hier hast du es schriftlich, Bürger Fouquier-Tinviller, dieses Schreiben Robespierres soll ich dir übergeben.
F-T (nachdem er gelesen hat): Wir haben also freie Hand, Bürger Crudeli, doch sage mir, wie wir unsere Anklage anlegen sollen? Viel mehr als den läppischen Vorwurf , unser Chefchemiker habe sich bei der  Eintreibung der Steuerpacht bereichert, haben wir ja nicht in der Hand ...
AF: Auf ein Wort, Bürger Crudeli und Bürger Fouquier-Tinville. Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf – wir sollten nach Zeugnissen von Lavoisiers mangelnder Tugendhaftigkeit suchen und die Zeugnisse vor Gericht präsentieren. Es gibt Briefe an Freunde im Ausland …
F-T: Briefe ans Ausland, bist du sicher, Bürger Fourcroy? Hat Lavoisier mit den Republikfeinden konspiriert?
AF: Ich kenne die beschlagnahmten Briefe nur flüchtig. Soviel ist aber sicher, dass unser Mann Möglichkeiten sondierte, um ins Ausland zu emigrieren. (selbstsicherer) Es gibt aber Mittel und Wege, auch konspirative Hinweise in seinen Briefen sichtbar zu machen …
F-T: (winkt ab) Nein nein, gefälschte Briefe waren schon im Prozess gegen Bürger Danton keine gute Idee; kein Mensch hat uns das abgenommen … Dieses Mal sollten wir glaubhaft und integer auftreten, um das Ansehen der Justiz nicht zu beschädigen …
C: Und darum halten wir uns besser ganz an die Fakten. Wie jedermann weiß, war Lavoisier nicht nur als Steuerpächter umtriebig. Als Präsident der Akademie der Wissenschaften forcierte er in seiner grenzenlosen Eitelkeit den Ausschluss sämtlicher Theorien, die nicht seine eigenen waren. Er schreckte nicht mal davor zurück, der Wahrheit selbst Einhalt zu gebieten vor den Schranken der Akademie. Frechheit und Beschränktheit – das waren seine Triebfedern. Er verspottete Marats Theorie von der Entstehung des Feuers und verwehrte ihm den Einlass in die Wissenschaft von der Chemie. Stattdessen erhob er die eigenen Lügen zur Wahrheit. Du kennst es, Bürger Fouquier-Tinville, das Schicksal, das unseren Blutzeugen der Wissenschaft und der Revolution, Jean Paul Marat, ereilte: Dreizehn Jahre ist es her, dass mein teurer Freund mit seiner revolutionären Schrift über das Feuer um Aufnahme in die Akademie bat. Damit hätte er die dunklen Hallen der Wissenschaft erleuchten können, wäre da nicht dieser selbst ernannte Chefchemiker auf den Plan getreten. Der schüttete, anstatt Marats großen Wurf anzuerkennen, nichts als Hohn und Spott darüber aus. Was glaubst du -, nahm er meinen Freund Marat wenigstens in die Akademie auf und erkannte in ihm einen Kollegen? Nichts da, er warf ihn hinaus.
F-T: Ein schweres Vergehen an einem der besten Köpfe der Revolution. Ob es ein ebenso schweres Vergehen gegenüber einem Chemiker von Rang gewesen war -, das kann nicht ich – das sollen die Naturwissenschaftler klären ...
C: Wir republikanischen Wissenschaftler wissen sehr genau, wem wir zuletzt verpflichtet sind – nicht wahr, Bürger Fourcroy? - doch ganz sicher der Wahrheit, und nichts und niemandem als der Wahrheit?
AF: (hastig) Der Wahrheit, Bürger Crudeli, nur allein der Wahrheit. Und ich wäre der Letzte, der bezweifeln würde, dass alle beide, unser hochgeschätzte Märtyrer Marat wie auch der zwielichtige Lavoisier, nach der Wahrheit strebten …
C: Fourcroy, du relativierst. Und du stellst den erpresserischen Blutegel Lavoisier gleichrangig neben das Genie Marat, t – t - t ... (Fourcroy will protestieren) Nein, nein, die Revolution ist der Fortschritt, und der Fortschritt ist die Revolution. Sie ist die Wahrheit, und sie lässt jeden an ihr teilhaben, der die Revolution vorantreibt – wie sie auch alle jene zurückstößt, die sich ihr entgegenstellen. Und wer sich der Revolution entgegenstellt …
AF.: … (unterwürfig), der stellt sich auch gegen die Wahrheit und hat sein Leben verwirkt. (zögernd) Es ist nur -, meine Herren, der Chemiker, der brillante Wissenschaftler Lavoisier, dessen Forschungen und Experimente unsere Wissenschaft von der Chemie auf ein nie zuvor erreichtes Niveau gebracht hat, ja, der so weit ging, dass er sogar die Lehre des Aristoteles von den vier Elementen aus den Angeln gehoben hat -, dieser Mann mag als Bürger und Republikaner kläglich versagt haben …
C: … und das ist genau der Punkt, weshalb er ebenso kläglich und endgültig als Chemiker versagt hat, mein lieber Bürger Fourcroy! Denn was nutzen uns Wissenschaftler, die sich uns entgegenstellen, die den besten wissenschaftlichen Kopf unserer Zeit den Eintritt in das Pantheon der Genies verwehren, und die mit ihren Irrlehren die Köpfe unserer Gelehrten verwirren?
F-T: Irrlehren, die nichts wollen als die Zerstörung alter tragender Positionen. Aristoteles erkannte vier Elemente in der Natur. Lavoisier streitet das frech als Aberglaube ab.
C.: Noch dazu hat er vorlaut und unbelehrbar nicht anerkennen wollen, dass das kleinste Unteilbare nicht noch weiter geteilt werden kann. Er gaukelt uns vor, zeigen zu können, dass die Luft bei Verbrennung noch weiter teilbar sein. Dann dachte er  sich neue Worte aus, um dem hohlen Verwirrspiel einen Anstrich von Wissenschaftlichkeit zu geben, verpasste der Atemluft den Namen Oxygène und stellte ihr einen giftigen Teil an die Seite, den er Stickstoff nannte (steigert sich in seinem Zorn), ja, dieser Scharlatan wollte uns weismachen, dass die gewichtslose Luft die Körper bei Verbrennung schwerer macht. Dabei weiß jedes Kind bei klarem Verstand, dass dies Unsinn ist und dass damit alle Evidenz auf den Kopf gestellt, dass gesichertes Wissen von den Elementen offensichtlich ignoriert wird: Dass nämlich verbrennende Körper ihre materielle Substanz an die Luft abgeben – (schreit) das ist die Wahrheit, wie sie mein scharfsinniger Freund Marat in seiner Abhandlung über das Feuer für alle Zeiten bekundet und bewiesen hat!
(Schweigen)
F-T: Hierzu ist wohl alles gesagt. Und nun, Freund des Volkes Jean-Pierre Crudeli, wollen wir gemeinsam die Anklageschrift gegen Bürger Antoine Laurent Lavoisier aufsetzen.
AF: Aber vorher sollten wir dinieren. Mein Koch hat drei delikate Filets boeuf rouge im Topf schmoren …
C: Für mich bitte blutig rot gegrillt!
AF: Mindestens so rot wie die Schneide der Gouillotine, mein lieber Crudeli.

(Ende der zweiten Szene)

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