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Wasserwaage
Schreiberling

Alter: 101
Beiträge: 224
Wohnort: Terra incognita


BeitragVerfasst am: 17.04.2012 10:15    Titel: vertagt eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Die Stare deiner Kindheitstage nahmen längst Platz
auf einem kleinen Zeitvorsprung und sangen dir
die Blautöne von den wunden Lippen
um die sich so oft
die hungrigen Schnäbel
der Großbuchstabenraben rissen

Von Brachland sprachst du
und davon wie karg
deine Wortfelder sind

Auwälder
lächelte ich dir zu
tränen sich im Überfluß -
nur du begradigst Regenbögen



_________________
ich vergebe der Sprache, den Worten und mir
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dürüm
Wolf im Negligé

Alter: 41
Beiträge: 488
Wohnort: Cape Town
Das Bronzene Pfand Der bronzene Spiegel - Lyrik
Die lange Johanne in Bronze DSFo-Sponsor


BeitragVerfasst am: 18.04.2012 21:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wasserwaage,


"Platz nehmen auf einem Zeitvorsprung ..." verbindet das Konkrete mit dem Abstrakten zu einem deutlichen Bild in meinem Kopf. Zugvögel auf einer Zeitreise ...

Dann die "brachen Wortfelder", ein Bild, das die gleiche Technik (konkret mit abstrakt) verwendet und den gleichen Effekt auf mich hat, Sprachlosigkeit ...

Zuletzt, "tränen sich im Überfluss (nimmst Du mit Absicht das "ß"?)", hier sperrt sich mein Gefühl, weil ich tränen nicht mit "sich" verwenden will, aber das Bild, dass die Auwälder in den Überschwemmungsgebieten ihre Tränen sammeln, und damit sowohl die brachen Felder fluten, fängt mich wieder.

Für Regenbögen braucht es Sonne, gebrochenes Licht, und wenn es begradigt wird, dann wird es wieder zur Sonne.
Die Umkehr von gespiegelter Trauer.

Es tut mir leid, ich bin kein Lyriker!

Gruß
Kerem


_________________
Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen.
(Oscar Wilde)
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Max Sin
Geschlecht:männlichSchreiberling


Beiträge: 177



BeitragVerfasst am: 21.04.2012 10:25    Titel: Die große Offensive II Antworten mit Zitat

Liebe Wasserwaage,
ich muss mich entschuldigen, jetzt habe ich so lange gebraucht um Zeit zu finden dein Gedicht zu kommentieren, dabei bin ich doch dein Fan.
Und auch dieses Gedicht ändert nichts daran, denn auch dieses finde ich wieder wunderschön.
Aber von Anfang.
Zitat:
Die Stare deiner Kindheitstage nahmen längst Platz
auf einem kleinen Zeitvorsprung und sangen dir

Die Stare auf dem Zeitvorsprung finde ich eine unglaublich gelungene Formulierung. Komisch ist nur das die Stare bei mir ein bisschen nach "starren" klingen, wieso weiß ich nicht.
Zitat:
die Blautöne von den wunden Lippen
um die sich so oft
die hungrigen Schnäbel
der Großbuchstabenraben rissen

Die Blautöne von den Lippen finde ich, ist wieder eine deiner Formulierungen die direkt einem Gemälde entsprungen zu sein scheint.
Großbuchstabenraben finde ich übrigens ein fantastisches Wort, vor allem der Klang. Großbuchstabenraben. Ich könnte dieses Wort ganz oft vor mich hindenken ohne das es langweilig wird.
Zitat:
Von Brachland sprachst du
und davon wie karg
deine Wortfelder sind

Diese Stelle klingt für mich nach "keine-Worte-finden".
Die kargen Worfelder finde ich wieder sehr gehaltvoll.
Zitat:
Auwälder
lächelte ich dir zu
tränen sich im Überfluß -
nur du begradigst Regenbögen

Hier bei der letzten Strophe komme ich nicht mehr ganz mit, hier ist wieder, jedenfalls für mich, einer der (Vor-)Sprünge die charakteristisch für deine Gedichte sind. Trotzdem passt sich diese Stelle irgendwie in das Gesamtbild ein.
Zitat:
nur du begradigst Regenbögen

Diese Formulierung zeugt für mich von, ja von was? Ich finde sie auf jeden Fall sehr gefühlvoll, aber auch etwas diffus.
Ich weiß gar nicht ob sie bei mir eher negative oder positive Gefühle suggeriert. Aber sie regt mich zum nachdenken an, zu intensivem nachdenken.

Max


_________________
„Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?“
- Hesse
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Aranka
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


Beiträge: 3371
Wohnort: Umkreis Mönchengladbach
Pokapro und Lezepo 2014



BeitragVerfasst am: 21.04.2012 10:38    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wasserwaage,

ich habe dein Gedicht schon vor zwei Tagen entdeckt und auch schon mehrmals reingelesen. Was mich von Beginn an reizte und anlockte waren die verschlüsselten und sehr poetischen Bilder. Und dies sind dann auch nach mehrmaligem Lesen meine Lieblingszeilen geblieben:

Zitat:
Die Stare deiner Kindheitstage nahmen längst Platz
auf einem kleinen Zeitvorsprung und sangen dir
die Blautöne von den wunden Lippen

und:

Von Brachland sprachst du
und davon wie karg
deine Wortfelder sind


Da sind dem Leser unendliche Weiten zur Füllung geöffnet. Es geht um etwas, was es zu singen gab und gesungen worden ist und auch um das, was es immer noch zu singen gäbe. Gleichzeitig ist da die Erfahrung von Brachland und kargen Wortfeldern, die ich als ein Verstummen oder zumindest ein „Stammeln“ deute.

Soweit im Text, in dem ein LDU angesprochen wird.

Im letzten Textteil zeigt sich das LI. Es ist von Auwäldern die Rede, die dem LDU zugelächelt wurden. Ein Gegensatz zum Brachland.

Inhaltlich leuchten mir immer nur kurze Gedanken wie Lichtpunkte auf, ein wirklich roter Faden erscheint nicht, zumindest reißt er immer wieder einmal ab.

So könnte ich das auch sehr reizvolle Bild des „begradigten Regenbogens“ auf mehrfache Weise lesen:
a) positiv, als Hoffnung die Verbindungen zu verkürzen, das Unmögliche möglich zu machen, die Naturgesetze aus den Angeln zu heben ….
b) negativ, allem die Spannung nehmen, den großartigen Bogen, der Himmel und Erde verbindet, flach zu denken, ins Banale zu schreiben, …

Das Bild ist in seiner Offenheit sicherlich für viele Assoziationen tauglich. Um so mehr benötigte ich eine leise Textführung vorher. Also stürze ich mich auf die Zeileneröffnung: „nur“ du begradigst Regenbögen
lese ich positiv, könnte dieses „nur“ dem LDU eine ganz besondere Rolle zudiktieren, so nach dem Motto: Nur dir kann es gelingen!
Es könnte jedoch auch ein Ton der Enttäuschung gehört werden: Ich lächle dir das Auland zu und du, was machst du? Du begradigst selbst den Regenbogen.

Ich finde im Text nur eine sehr zarte Führung und denke, dass ist von dir so gewollt. Da neige ich dann dazu, von Beginn an einen Ton der leisen Melancholie, ja des zarten Bedauerns herauszuhören. Es hebt mit einem „Längst“ an. Also etwas ist vorbei! Dieser Ton ist fast durchgängig, ganz vorsichtig zwar, aber für mich dennoch hörbar unter die Zeilen gelegt. (in „wunden Lippen“ zum Beispiel)

Ein leichtes Aufschwingen klang in der Zeile: Auwälder lächelte ich dir zu.
Aber auch da folgt das „sich tränen“ und das „nur“.

Das ist nun ein vager Versuch meinerseits, die Bilder, die mich sehr ansprechen, in einen Zusammenhang zu denken.

Was für mich als Wortschöpfung störend herauskippt ist „Großbuchstabenraben“. Es ist ein zungenbrecherisches Konstrukt und eröffnet mir nach „Klang- und Sprechakrobatik“ nicht den entsprechenden Bild- oder Assoziationshintergrund, den ich mir nach meiner Lesemühe erhoffte.

Ich würde im ersten Teil nichts vermissen, wenn er so lautet:

die Blautöne von den wunden Lippen
um die sich so oft
die hungrigen Schnäbel rissen

So würde das „Reißen“ auch als rasche heftige Bewegung im Satzrhythmus abgebildet. Die Groß/buch/staben/raben führen zu einen „zerstückelten, ausgebremsten“ Lesen.

Hinzu kommt auch, dass ich die „Stare“ mit ihrem Wechsel zwischen „Schlichtkleid“ und Prachtkleid“ als eine gute Vogelwahl für deinen Text sehe, die Raben jedoch so plötzlich nicht ganz unterbringen kann.

Zum Schluss frage ich mich nun noch: Was wurde da vertagt? Vielleicht das betreten der Auwälder. Nur vertagt auf ein später, auf eine Zeit weit hinter der Kindheit? Ich lasse das für mich noch einmal offen und auch noch manch andere Frage, die mir dein Text zu spielt. Ich erfreue mich an schönen Bildern und einer angenehmen Textmelodie und vielen offenen Gedankenfäden, die du mir in die Hand gegeben hast.

Gerne gelesen. Ein schönes Wochenende. Aranka


_________________
"Wie dahingelangen, Alltägliches zu schreiben, so unauffällig, dass es gereiht aussieht und doch als Ganzes leuchtet?" (Peter Handke)

„Erst als ihm die Welt geheimnisvoll wurde, öffnete sie sich und konnte zurückerobert werden.“ (Peter Handke)
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Wasserwaage
Schreiberling

Alter: 101
Beiträge: 224
Wohnort: Terra incognita


BeitragVerfasst am: 24.04.2012 18:40    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Erst jetzt komme ich dazu, dürüm, Max, Aranka, zu antworten, dabei wollte ich euch nicht warten lassen, doch das bare Leben hatte sich dazwischen gedrängelt...


dürüm,
deine Art der Betrachtung scheint sich von meiner nicht stark aber wesentlich zu unterscheiden. Ich finde das sehr gut. Damit reichst du mir neue Perspektiven zur Hand.
Du kannst im begradigten Regenbogen "die Umkehr gespiegelter Trauer" erkennen. Darüber habe ich lange sinniert...und noch immer lässt mich diese Vorstellung nicht los.
Sie ist kraftvoll und entspingt einer Lebendigkeit, die mich begeistert.

Zum "Überfluß":
hier sollte "ss" stehen.
Die RS-Reform hat mir einen dicken Strich durch die 'Rechnung' gemacht - seitdem stehe ich mit der "ss/ß-Frage" auf wackelichsten Beinen.
Auf RS-Prüfung mag ich dennoch nicht zurückgreifen - ich erlaube es mir gerne, mal daneben zu liegen; es ist lebendig.

Kerem, ich danke dir für deine Anregungen und das spiegelspielerische Betrachten.

Lieber Max, mein treuer Fan,

deine Kommentare muss ich meisst mehrmals lesen,
um sie zu verstehen, doch ich tue das mit Freude.
Du bist, zu Recht, an meinen Raben hängen geblieben...damit das in Zukunft nicht mehr geschieht, werde ich sie in
"Großbuchstaben-Raben" verwandeln. Was hältst du davon?

LG an dich
von der Hobby-Ornithologin
mit den Scherenhänden

Gute Aranka,

ich danke dir sehr für deinen eingehenden Kommentar. Nimms mir bitte nicht krumm, dass ich mich dem heute nicht widme. Ich will mir gute Zeit dafür nehmen, sobald ich wieder Luft genug dafür habe.

mit bestem Abendgruss
WeWe


_________________
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