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Wie viel Leidenschaft erträgt ein Gedicht?

 
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Angst
Geschlecht:männlichScheinheiliger

Alter: 29
Beiträge: 1676



BeitragVerfasst am: 10.03.2012 13:23    Titel: Wie viel Leidenschaft erträgt ein Gedicht? eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das ist eine Frage, die ich mir schon lange stelle. Sie ist mit ein Grund dafür, dass ich mich kaum mehr hier melde. Um die Frage verständlich zu machen, muss ich ein bisschen was über meinen lyrischen Werdegang erzählen. Also Augen zu und durch. Ich habe, bevor ich meine ersten Gedichte schrieb, kaum andere Gedichte gelesen. Eines von Rilke vielleicht, wenn's hoch kommt noch zwei von Goethe. Dann ist meine Begeisterung fürs Schreiben von Gedichten rapide gestiegen. Meine Begeisterung fürs Lesen derselben hat sich aber nicht gerührt. Bis zu diesem Tag habe ich kaum mehr als etwa dreissig lyrische Texte gelesen. (Nicht mitgezählt die Gedichte in diesem Forum.) Und in letzter Zeit dämmerte mir, wieso: Ich hasse es, Gedichte von anderen zu lesen. Deshalb vermeide ich es mittlerweile auch, Gedichte im Forum zu lesen. Und aus demselben Grund stelle ich keine eigenen Gedichte mehr online.

Denn ich habe festgestellt, dass mir die Kritik anderer nicht hilft. Kein Stück. Das sollte jetzt nicht mit Arroganz verwechselt werden; es ist das genaue Gegenteil von Arroganz. Ich habe nämlich die Entdeckung machen müssen, dass ich rein gar nichts von Lyrik verstehe. Auf konstruktive Beiträge anderer kann ich nicht adäquat reagieren. Wenn mir jemand sagt: "Diese Metapher würde ich ändern, und zwar aus jenen Gründen", kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Und zwar, weil die Wörter, Silben, Buchstaben genau so da stehen, wie ich sie haben wollte. Ich kann aber überhaupt nicht erklären, wieso. Ich bin nicht dazu in der Lage, meine Entscheidungen zu rechtfertigen. Das macht die Teilname an einem Diskussionsforum sinnlos. Nun befand ich mich damals in einer relativ angenehmen Position; meine Texte haben ziemlich viel Lob erhalten. Das hat mich natürlich gefreut. (Mehr, als ich auszudrücken imstande bin.) Andererseits hat es mir nicht gereicht. Ich habe nie gefunden, dass sich jemand wirklich mit dem von mir Geschrieben identifiziert hat. Meistens hiess es, das Gedicht sei supi. Oft gab's noch einige formale Verbesserungsvorschläge. Was ich mir aber wirklich wünschte, war, dass jemand vor dem Compi zu heulen beginnt, weil sie oder ihn das Gelesene so sehr berührt. Vielleicht ist das ja sogar geschehen, aber der Punkt ist: Ich weiss es nicht, weil man darüber nicht gerne schreibt.

Angefangen mit der Lyrik habe ich, weil es mir dreckig ging. Gedichte-Schreiben war und ist eine Art Therapie für mich, weil ich keine besonders heitere Frau bin. Das schränkt mein Verständnis von Lyrik sehr ein. Zum Beispiel halte ich Spass- und Polit-Gedichte für völlig überflüssig. Ich brauche Gedichte, die mich persönlich und emotional ansprechen, und die gibt es nur selten. Natürlich ist diese Einstellung unfair. Als Kritikerin macht mich das völlig inkompetent. Hinzu kommt, dass mich Gedicht-Theorie und -Interpretation nicht die Bohne interessieren. Am liebsten würde ich gar nichts über Gedichte sagen, ausser vielleicht: "Hat mich zu Tränen gerührt", wenn es denn gut war. Das würde dann aber als unkonstruktiv gelten, nicht wahr?

Meine Frage ist diese: Kann zu viel Leidenschaft, zu viel Emotion es unmöglich machen, gute Gedichte zu schreiben? Weil man taub gegenüber jenen wird, die es anders sehen? Weil man keine anderen Gedichte gut findet, ausser den eigenen? Kennt ihr dieses Gefühl, oder habe ich mich da in etwas hinein gesteigert? Entschuldigt bitte, dass dieser Beitrag so persönlich gefärbt ist. Aber die Frage lag mir auf dem Herzen.


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»Das Paradox ist die Leidenschaft des Gedankens.«
— Søren Kierkegaard, Philosophische Brosamen,
München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 48.
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hobbes
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


Beiträge: 3123

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
Ei 4 Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 10.03.2012 14:22    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe bisher mehr Gedichte gelesen, als selbst geschrieben.
Dabei habe oft ich die Erfahrung gemacht, dass ich keine Worte dafür habe, was sie in mir auslösen. Zumal ein Großteil von Gedichten rein gar nichts bei mir auslöst.
Da geht es mir wie dir:
Zitat:
Ich brauche Gedichte, die mich persönlich und emotional ansprechen, und die gibt es nur selten.

Alle bisherigen Versuche, über Gedichte zu reden, oder sie zu kommentieren, sind gescheitert. Manchmal, weil ich keine Worte dafür finde. Manchmal, weil mir Worte so banal vorkommen würden und das Gedicht doch sowieso schon alles gesagt hat. Manchmal weil ich denke, der andere versteht nicht, was ich sagen will bzw. er versteht etwas völlig anderes und dann geht das ganze Gefühl dahin und zurück bleibt Frustration.
Von daher sind Gedichte etwas, das ich am liebsten ganz für mich allein genieße.

Um mal zu Deiner Frage zu kommen - als Leser glaube ich, dass die Gedichte, die mich berühren, ohne Leidenschaft und Emotion nicht zustande gekommen wären. Oder mich eben nicht so berührt hätten.
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MrPink
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Der Bronzene Wegweiser


BeitragVerfasst am: 10.03.2012 16:32    Titel: Antworten mit Zitat

Tach Scheinheilige,
ich versuchs mal. Zuerst habe ich nur den Titel dieses Thread gelesen und dachte mir: Scheiße, wieder ne Diskussion über Emotionen und Kitsch. Grad hab ich gesehen, das ist ja von dir und somit definitiv interessant für mich.

Ich kenn mich in der Lyrik wahrscheinlich noch viel weniger aus, mit Ausnahme von Bukowski ist mir kaum was unter die Augen gekommen was mich irgendwie groß gepackt hätte, ausserhalb des Forums. Kritik gibt mir schon sehr viel, daran erkenne ich ob ich mich verständlich mitteilen kann, ist mir nicht nur beim Schreiben wichtig und ich bin doch immer wieder einigermaßen überrascht, wie ich bzw. mein Geschreibsel wahrgenommen wird. Spaß- und Politikgedichte sind auch nicht so meins, aber auch hier kann es Ausnahmen geben, wenn eine gewisse Glaubwürdigkeit ersichtlich ist. Die stellt sich für mich dann ein, wenn diese Themen nicht im Mittelpunkt stehen, wenn sie der Rahmen für was persönliches sind. Und mir persönlich geht es ausschließlich ums Gefallen, wie bei Wein; lecker oder nicht lecker, alles andere ist Wurscht.

Deine Gedichte haben mir meistens extrem gut gefallen und wenn mal nicht ganz so gut, hab ich angemerkt, wie sie mir noch besser munden würden. Wenn mir ein Gedicht gar nicht gefällt, versteh ich es wohl nicht und kommentiere auch nix.

In den letzten 10 Jahren kann ich mich an 2 Situationen erinnern die mich zu Tränen gerührt haben, die Geburt meiner Jungs. Wenn ich also unter ein Gedicht schreibe, dass es mir sehr gefällt und ich es gerne gelesen habe muss das reichen, deshalb solltest du aber bitte nicht aufhören, deine Gedichte ins Forum zu bringen. Ich warte immer noch darauf.

schönen Tach noch
andi


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„Das Schreiben wird nicht von Schmerzen besorgt, sondern von einem Autor.“
(Buk)
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Mardii
Stiefmütterle

Alter: 59
Beiträge: 1841



BeitragVerfasst am: 10.03.2012 18:11    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Scheinheilige,

Leidenschaft, huch, ist mir ein viel zu schweres Wort.
Als Kind sollte ich immer evangelische Kirchenlieder auswendig lernen, das mochte ich aber nicht. Ich tat aber so als ob und es hat nie einer gemerkt. Das hat mir aber das Singen ncht verleidet, ich sang eben woanders.
Also, wenn ich mir die L. mal als das Musikalische an Gedichten übersetze, dann schätze ich sie zu Zeiten sehr. Manchmal lese ich auch überhaupt keine, dann, wenn mir Gedichte nur wie eine bloße Ansammlung von Wörtern vorkommen, dann lasse ich es mal eine Zeit lang sein.
Aber ich lese sie oft sehr gerne und beschäftige mich damit. Es ist wie Hirnleistungstraining Surprised  und ich schätze an manchen Gedichten das Mehr, das sie mir bringen, etwas wovon ich nicht genau sagen kann, was.

Scheinheilige, so ich deine Gedichte im Ohr habe, haben sie doch schon Musik, oder Rhythmik besessen. So weit ich gesehen habe, schriebst du mit Zeilenumbrüchen, mit Versen, Strophen und einer gewissen Bildlichkeit. So ahnungslos bist also nicht. Schreib ruhig weiter, dann hast du auch ein paar Schöne zum lesen.

Grüße von Mardii


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`bin ein herzen´s gutes stück blech was halt gerne ein edelmetall wäre´
Ridickully
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firstoffertio
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Beiträge: 5940
Wohnort: Irland
Das bronzene Stundenglas Der goldene Spiegel - Lyrik (1)
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BeitragVerfasst am: 11.03.2012 01:27    Titel: Antworten mit Zitat

"Ich habe nie gefunden, dass sich jemand wirklich mit dem von mir Geschrieben identifiziert hat.
...
Was ich mir aber wirklich wünschte, war, dass jemand vor dem Compi zu heulen beginnt, weil sie oder ihn das Gelesene so sehr berührt. Vielleicht ist das ja sogar geschehen, aber der Punkt ist: Ich weiss es nicht, weil man darüber nicht gerne schreibt.
...
 Ich brauche Gedichte, die mich persönlich und emotional ansprechen, und die gibt es nur selten."

Deine Erwartung (ganz oben) ist sicher zu hoch. Das wirst du nur ganz selten erfahren. Vor allem in einem Forum, wo die Leser auch schreiben, und jeder so seine Vorstellungen und eigene Erwartungen an Gedichte hat.

Ich hab mir kürzlich überlegt: Wenn ich Gedichte lese (und vielleicht wäre es doch eine Erfahrung, das öfters zu tun) in Anthologien oder Ausgaben von einem bestimmten Autor: Selbst wenn ich von dem schon ein gutes Gedicht kannte, das mich total beeindruckte, finde ich ganz wenige, die mich so richtig ansprechen. Das ändert sich aber auch in der Zeit, wie empfänglich man für einen Text ist. Irgendwie muss da immer etwas drin sein, was man von sich selber oder aus Erfahrung kennt, damit man wirklich zu einer bestimmten Zeit etwas anfangen damit  kann, dass er relevant ist für einen. (Dann gibt es natürlich noch den Schreibstil, der einem liegt oder nicht.)

Deshalb wird nur mancher so wie du über deinen Text heulen, aus den gleichen Gründen, mit derselben Intensität, mit der gleichen Leidenschaft. Weil keiner du ist.

Und weil Lyrik, als Text, wenn er nicht nur Tagebuch ist, ja andererseits versucht, etwas Allgemeines einzufangen, also über die individuelle Leidenschaft irgendwie hinausgeht.

Puh, Ich hoffe, was ich meine, wird verständlich.

Lass dich trotzdem nicht abhalten. Du kannst nicht vorher wissen, ob und wen du berührst mit einem Text.
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Nihil
{ }

Moderator
Alter: 29
Beiträge: 7490



BeitragVerfasst am: 12.03.2012 00:44    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Was ich mir aber wirklich wünschte, war, dass jemand vor dem Compi zu heulen beginnt, weil sie oder ihn das Gelesene so sehr berührt. Vielleicht ist das ja sogar geschehen, aber der Punkt ist: Ich weiss es nicht, weil man darüber nicht gerne schreibt.


Ich würde auch sagen, der Anspruch kann nicht erfüllt werden. Romane habe ich noch nie gelesen, die mich zu Tränen gerührt haben, und da begleitet man seine Helden über Stunden. Ein Gedicht ist ein kurzer Ausschnitt, zwar hochkonzentriert, aber dass es überhaupt welche gibt, die Menschen vom Fleck weg zu Tränen rühren können, das glaube ich nicht. Es tut mir auch etwas Leid, das zu schreiben, da das ja deine Motivation zum Schreiben zu sein scheint. Andererseits ist es aber auch dein Problem, wie du hier schilderst. Das sind meiner Meinung nach einfach falsche Vorstellungen.

Ich denke, wenn man überhaupt von irgendeiner Art Kunst zu Tränen gerührt wird, dann, weil man die Anlagen dazu in sich selbst hat, nicht weil das Gedicht aus dem puren Rohstoff Gefühl besteht. Manchmal hat man das Glück, als Künstler und als Rezipient, das einen ein Lied, ein Gedicht, ein Film zur richtigen Zeit am richtigen Ort erwischt. Ich bin ja Metalhead durch und durch und kann mit Mainstream-Mucke nichts anfangen, aber als ich Liebeskummer hatte, war Run von Leona Lewis das Nonplusultra für mich. Heute nicht mehr. Und auch davor nicht.

Mit Gedichten ist das nicht anders. Natürlich ist es ein Qualitätsmerkmal, DASS Emotionen wachgerufen werden. Aber lebensverändernde Gedichte von so tiefem Gefühl, das alle davor niederknien müssen, davon schreiben nur die Allerwenigsten höchstens eines in ihrem Leben, würde ich meinen. Und auch da kommt es immer noch auf den Leser an. Ich will also nur sagen, dass du dich mit solchen Ansprüchen nicht kaputt machen sollst. Das sind Dinge, die – in dieser Intensität – außerhalb der Reichweite JEDES Künstlers sind.
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Angst
Geschlecht:männlichScheinheiliger

Alter: 29
Beiträge: 1676



BeitragVerfasst am: 24.03.2012 18:43    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo, ihr Lieben!

Vielen, vielen Dank für eure interessanten Antworten. Ich hatte bisher leider keine Zeit, angemessen auf sie zu reagieren. Auch jetzt kann ich nicht mehr da lassen, als einige allgemeine Antworten.
 
Ich meine nicht, dass gute Gedichte einen zum Heulen bringen müssen. Es war unbedacht von mir, gerade diese und vor allem eine äussere Reaktion als Beispiel zu wählen. Klingt auch zu pathetisch. Eigentlich sollte das Weinen eher eine Richtung angeben: dass Kunst einen berühren muss. Ja, "Berührung", das Wort gefällt mir. Das kann sich auch körperlich äussern. Man muss ja nicht gleich in Tränen ausbrechen. Wenn mich aber ein Kunstwerk berührt, dann spüre ich das in jedem Knochen, ganz stark. Das hört sich wahrscheinlich nach Hokuspokus an, aber so ist das nicht. Es ist eine unmissverständliche, körperliche Reaktion. Wie gesagt, es muss nicht Weinen sein. Es geht aber in die Richtung, und manchmal ist es wirklich Weinen. Das Gefühl ist schwierig zu beschreiben; und genau das ist der Punkt! Ich befürchte fast, dass ihr es seltsam findet, überhaupt davon zu reden. (Obwohl es in gewisser Weise eine klassische Vorstellung von Kunst ist. Erhebung und so.)

Ihr sagt, dass ich mir von der Lyrik zu viel erhoffe. Das stimmt sicher. Andererseits denke ich mir: Wieso nicht? Wieso sich nicht idealistische Ziele setzen, von denen man glaubt, sie seien unerreichbar? Ich will ganz ehrlich sein: Wenn Kunst nur darauf hinaus läuft, dass sie von irgendwem als ganz nett eingestuft wird, dann kann ich's auch gleich bleiben lassen. Das ist natürlich nur meine Überzeugung. Aber es ist eine Überzeugung, von der ich nicht abweichen mag.

Der Grund, dass ich meine Gedichte niemandem mehr zeigen will, ist nicht nur meine Furcht davor, missverstanden zu werden. Es ist vielleicht noch grundsätzlicher: Denn, will ich überhaupt verstanden werden? Eine Zeit lang war ich fast süchtig nach positiven Bewertungen im Dsfo. Ich wollte unbedingt, dass man meine Gedichte cool findet. Irgendwann sagte ich mir dann: "Scheisse, bist du eitel. Wenn du eine wirkliche Künstlerin wärst, würdest du nicht derart nach der Bestätigung anderer lechzen." (Wieder eine klassische Kunst-Vorstellung.) Und ja, deshalb hab ich irgendwann einfach aufgehört, Gedichte einzustellen. Das hilft mir auch wirklich, nicht mehr mit einem bestimmtem Publikum im Hinterkopf zu schreiben. Wahrscheinlich wirkt dieses Vorgehen sogar noch eitler. Als ob ich sagte: "Ihr Hohlköpfe versteht eh nicht, was ich euch sagen will." Aber das täuscht. Ich fühle mich mittlerweile einfach unwohl dabei, mit so persönlicher Lyrik anzutanzen und – in gewisser Weise – ein Geschäft aus ihnen zu machen. Das grenzt fast an Exhibitionismus. Man sagt ja immer, dass Lyrisches Ich und Autorin getrennt werden sollten. Erst kürzlich habe ich gemerkt, dass diese Trennung für mich nie wirklich existiert hat. "Ich bin dieses Gedicht" – etwas anderes kann ich mir gar nicht vorstellen. Aber wer will solche Gedichte lesen? Es ist unangenehm für mich, und wahrscheinlich auch unangenehm für die Leserschaft. Ausserdem müssen Texte, wie richtig festgestellt wurde, nachvollziehbar sein. Ich bin nicht mehr dazu in der Lage, das zu garantieren.

Tut mir leid, dass ich hier ständig über mich quassle. Es ist nicht unbedingt so, dass ich mich kaputt mache oder in einer Sinnkrise stecke. Es geht mir gut, ich bin kreativ, kann mich also nicht beklagen. Aber die Sache beschäftigt mich schon. Ich lebe eben in meiner eigenen kleinen Welt. Aber macht euch keine Sorgen, so unwirtlich ist diese Welt nicht :)


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Gerhard Falk
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Alter: 72
Beiträge: 10
Wohnort: Dautphetal


BeitragVerfasst am: 07.05.2012 11:59    Titel: Antworten mit Zitat

Es war der erste Faden, den ich in diesem Forum vollständig gelesen habe. In jedem Kommentar konnte ich etwas von meiner eignen Sichtweise entdecken. Gerade der ehrliche erste Beitrag enthält vieles, das ich ebenso sehe oder gesehen habe.

Von allem was ich schreibe, sind mir meine Gedichte die liebsten. Ich schreibe sie für mich. Sie sind ein Spiegel meines Innern aus dem Augenblick, in dem sie entstanden sind. Später lese ich sie dann mit einigem Abstand und dann finde ich mich wieder oder auch nicht. Aber ich finde dann auch Handwerkliches. Besonders, wenn es nicht stimmt. Dann korrigiere ich das. Ganz am Anfang war ich für Kritik kurz nach der Geburt des Gedichtes nicht zugänglich. Ich war still empört über so viel Ignoranz und im besten Falle habe ich nur geschwiegen. Später dann, als ich Dauergast in meinem Kreißsaal war, da schaute ich, ob die Kritik berechtigt war. Gute Kritiker haben ganz konkrete Hinweise gegeben und nicht versucht, daraus ihr eigenes Gedicht zu machen. Dafür war ich dann dankbar, weil es die Zeit verkürzte, bis es wirklich fertig war.

Mein erstes Buch enthielt dann Gedichte und Kurzgeschichten. Später erschien ein reiner Gedichtband mit 100 Gedichten zum Thema Liebe. Es gibt kein wirklich anderes Genre als die Lyrik, um Gefühle in Text zu wandeln und schon gar nicht in einer so dichten Form, wie im Gedicht. Es ist eine Komposition. Und wie in der Musik lebt es vom Rhythmus ebenso wie von der Melodie. Aber auch wie bei der Musik klingt sie nicht in jedem Ohr gleich. Das sollte man wissen! Als Vortragender und als Empfangender!

Abschließend noch ein Wort zum politischen Gedicht: Ich schreibe gerne politische Gedichte. Sie sollen eine Meinung und eine Botschaft enthalten und sie drücken die Emotion aus, die dahinter steckt. Die Klassiker sind voll von politischen Gedichten. Und sie passen auch in unsere Zeit, denn sie treffen schnell oder schießen vorbei. Aber wenn sie treffen, dann wirken sie lange nach.

Ich wollte es kurz machen. Doch es ist mir wieder nicht gelungen.
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Michael E. Vieten
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Alter: 56
Beiträge: 88
Wohnort: Hunsrück mit Blick auf den Hochwald


BeitragVerfasst am: 07.05.2012 13:11    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Scheinheilige,

Scheinheilige hat Folgendes geschrieben:
Wenn Kunst nur darauf hinaus läuft, dass sie von irgendwem als ganz nett eingestuft wird, dann kann ich's auch gleich bleiben lassen. Das ist natürlich nur meine Überzeugung. Aber es ist eine Überzeugung, von der ich nicht abweichen mag.


Ich bin also nicht allein.  Smile

Ein Text, gleich welcher Art, löst meines Erachtens nur dann in jemandem irgendeine emotionale Reaktion aus, wenn derjenige eine entsprechende Erfahrung gemacht hat. Einzige Ausnahme, die ich sehe, wäre Mitgefühl.

Als Autorin kannst Du versuchen, Deine Aussage so hoch wie möglich zu verdichten. Songtexte sind ein gutes Beispiel dafür. Wenige Worte, kurze Sätze, und doch weiß man, was gemeint ist, wenn man eine ähnliche Erfahrung gemacht hat.

Umgekehrt ist es ebenso. Fehlt mir eine Erfahrung, kann ich nur oberflächlich darüber schreiben. Ein Leser, der über eben diese mir fehlende Erfahrung verfügt, merkt das. Mitgefühl ist auch hier wieder die Ausnahme.

Kunst, gleich welcher Art, hängt also immer vom subjektiven Empfinden einer Person ab.

Wenn ein Text wenig 'Anhänger' findet, muss er nicht schlecht sein. Vielleicht beschreibt er eine Grenzerfahrung, die eben nicht jeder nachvollziehen kann.

Ein gutes Beispiel wäre der Roman 'In meinem Himmel' von Alice Sebold.
Sie verarbeitet darin ihre eigene Vergewaltigung und erweitert die Geschichte, im Gegensatz zu ihrem Roman 'Glück gehabt', um ihren Tod.

Ich konnte diesem Text nur mit Mitgefühl begegnen. Denn ich hatte keine der beschriebenen Erfahrungen gemacht.
Aber Alice Sebold ist es in grandioser Weise gelungen, ihre Erfahrungen in genau die Worte zu fassen, es für mich so zu beschreiben, dass ich ihr Schicksal mit meinen eigenen Erfahrungen+Mitgefühl+Ängsten nachvollziehen konnte.
Das klappte bei mir. Bei jemand anderem womöglich nicht. Dafür kann aber Alice Sebold nichts.

Die Tiefe Deines Beitrags hier überrascht mich etwas. Du bist noch so jung.

Gruß
Michael


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pna
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Paterson
BeitragVerfasst am: 07.05.2012 15:13    Titel: Antworten mit Zitat

Gedichte vertragen unendlich viel Leidenschaft, und sie sollten nicht ohne sie verfasst werden, solange Du Leidenschaft als Brennstoff verwendest, das Gedicht aus der Scholle zu harken.

Befriedigend kann das Verfassen von Gedichten nur sein, wenn man in der Lage ist (oder noch besser: daran arbeitet, in die Lage zu kommen), dass, was man verfassen will, was einem zuinnerst klar geworden ist, in passende Worte und Rhythmen zu packen.
Um in die Lage zu kommen, den inneren Hunger nach begrifflicher Klarheit zu stillen, muss man - und daran führt kein Weg vorbei - die Gedichte anderer lesen. Und nicht nur das. Man muss sie essen, aufsaugen, austrinken, sich zueigen machen. Die lyrischen Möglichkeiten wachsen mit den Erkenntnissen, die man aus fremden Gedichten gewinnt.

Wer keine Gedichte liest, wird keine Gedichte schreiben können, und allein das Herz überfließen zu lassen, wird aus dem Blut auf dem Papier keine Poesie machen.

Wenn Du nur für Dich schreibst, für Deine Lade, für den Moment der inneren Klärung, dann sei es Dir unbenommen, keine Gedichte lesen zu wollen oder lesen zu können.
Wenn Du aber anstrebst, Gedichte zu veröffentlichen, musst Du Dich irgendwann fragen, warum irgendjemand ausgerechnet von Dir Gedichte lesen soll, wenn Du doch selbst nicht das geringste Interesse hast, Gedichte zu lesen?

Gedichte sind in Form und Klarheit gebrachte Leidenschaft, wobei Form und Klarheit sich nicht allein auf Formalismus, Versmaß und Reim beschränkt.

Eigentlich ist es wie bei allem im Leben: Wenn man etwas tun will, dann sollte man mal schauen, wie es die anderen machen. Und wenn man gehen gelernt hat, kann man noch immer seinen eigenen Weg suchen.

Herzlichst,
Peter
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Michael E. Vieten
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Beiträge: 88
Wohnort: Hunsrück mit Blick auf den Hochwald


BeitragVerfasst am: 07.05.2012 17:13    Titel: Antworten mit Zitat

Michael E. Vieten hat Folgendes geschrieben:
Ein Text, gleich welcher Art, löst meines Erachtens nur dann in jemandem irgendeine emotionale Reaktion aus, wenn derjenige eine entsprechende Erfahrung gemacht hat.


Da fällt mir ein: Aus dem gleichen Grund funktionieren Vergleiche oft nicht.
Der Leser eines Textes weiß gar nicht, ob Dieses so ist wie Jenes.
Das Problem verschärft sich, wenn ein Text in einem anderen Kulturkreis (Übersetzungen) gelesen wird.
An einer solchen Textstelle reisst der Lesefluss augenblicklich ab. Der Leser ist dann nicht mehr bei mir und meinem Text, sondern grübelt über meinen Vergleich nach.


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Angst
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BeitragVerfasst am: 24.05.2012 13:35    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Leute

Und danke für eure Antworten. Das hier ist ein wunderschöner und interessanter Thread geworden, ich bin ganz glücklich! In letzter Zeit war ich wieder etwas aktiver im Forum unterwegs. Habe versucht, mich einzubringen. Aber das Experiment ist nicht ganz gelungen. Immer greifbarer wird bei mir der Verdacht, dass ich für das Forum-Leben einfach nicht mehr geschaffen bin. Ratlosigkeit stellt sich ein.

An Gerhard

Gerhard Falk hat Folgendes geschrieben:
Später lese ich sie dann mit einigem Abstand und dann finde ich mich wieder oder auch nicht. Aber ich finde dann auch Handwerkliches. Besonders, wenn es nicht stimmt. Dann korrigiere ich das. Ganz am Anfang war ich für Kritik kurz nach der Geburt des Gedichtes nicht zugänglich. Ich war still empört über so viel Ignoranz und im besten Falle habe ich nur geschwiegen. Später dann, als ich Dauergast in meinem Kreißsaal war, da schaute ich, ob die Kritik berechtigt war.

Geht mir mittlerweile ähnlich, wenn auch nicht ganz genau so. Natürlich sehe ich ein, dass meine Gedichte nicht perfekt sind. Besonders an älteren Texten finde ich immer mal wieder was zu Korrigieren. Aber das ist ein Impuls, der (fast) nur von mir selbst ausgeht. Zumindest bilde ich es mir ein. Ich habe echt Mühe damit, auf eine Meinung einzugehen, die nicht von mir stammt.

Gerhard Falk hat Folgendes geschrieben:
Abschließend noch ein Wort zum politischen Gedicht: Ich schreibe gerne politische Gedichte. Sie sollen eine Meinung und eine Botschaft enthalten und sie drücken die Emotion aus, die dahinter steckt. Die Klassiker sind voll von politischen Gedichten. Und sie passen auch in unsere Zeit, denn sie treffen schnell oder schießen vorbei. Aber wenn sie treffen, dann wirken sie lange nach.

Vom politischen Gedicht denke ich mittlerweile auch etwas anders.

An Michael

Hier kann ich leider nicht mehr schreiben, als: Dankeschön für deinen Beitrag. Ich habe ihn gerne gelesen. Es tut immer gut zu wissen, dass jemand ähnlich denkt. Ich glaube aber nicht, dass tiefe Gedanken altersabhängig sind. Manchmal sind es Kinder, die die tiefsten Fragen stellen :)

An Peter

Hier muss ich etwas ausholen. Du hast mich nämlich zur Hälfte überzeugt. Zur anderen Hälfte bin ich skeptisch, aber das hat wahrscheinlich mit meinem persönlichen Literaturbegriff zu tun. Zunächst: Ja, du hast Recht, ich sollte wirklich mehr Gedichte lesen. Allerdings ist es keineswegs so, dass ich meinen Kopf diesbezüglich bisher auf Durchzug gestellt habe. Das habe ich, wie so vieles, etwas überspitzt formuliert. Es gibt einige Dichterinnen und Dichter, die ich gerne lese. Nur nähere ich mich ihren Texten überaus zaghaft. Auf leisen Sohlen. Als würde durch die Lektüre mein eigenes Lyrik-Verständnis "verletzt". Das ist schwierig zu beschreiben. Ich habe gewissermassen Angst davor, beim Lesen von Gedichten meine eigene Stimme zu verlieren. Stumm zu werden. Mich in den Texten anderer zu verlieren. Das ist eine innere Argwohn. Jetzt hat mich dein Beitrag dazu ermutigt, diese Argwohn Stück für Stück abzubauen. Vielleicht habe ich mich zu früh auf meinen eigenen Weg gemacht. Und jetzt muss ich mich zum Zurückblicken überwinden, unter Umständen um zu merken: "Ach Mist, das war die falsche Richtung!"

pna hat Folgendes geschrieben:
Wenn Du nur für Dich schreibst, für Deine Lade, für den Moment der inneren Klärung, dann sei es Dir unbenommen, keine Gedichte lesen zu wollen oder lesen zu können.
Wenn Du aber anstrebst, Gedichte zu veröffentlichen, musst Du Dich irgendwann fragen, warum irgendjemand ausgerechnet von Dir Gedichte lesen soll, wenn Du doch selbst nicht das geringste Interesse hast, Gedichte zu lesen?

Damit deutest du auf eine ganz zentrale Frage hin. Vor einer Weile hab ich sie mir selbst gestellt: "Sag mal, was würdest du davon halten, wenn deine Texte gedruckt und gebunden würden?" Der Gedanke hat mich regelrecht paralysiert, weil ich ihn irgendwie nicht einordnen konnte. Das dsfo gibt ja viele Tips für die Veröffentlichung. Aber ich persönlich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, mit meinen Texten "hausieren" zu gehen. Ich stelle einen sehr hohen Anspruch an mich selbst. Was ich schreibe, soll auch wirklich gut sein. Aber ich weiss ehrlich nicht, ob ich gelesen werden werden will. Das ist eine offene Frage, die mich in Zukunft sicher umtreiben wird.

Liebe Grüsse
Scheinheilige


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KeTam
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Beiträge: 6750

Das goldene Gleis Ei 1
Ei 10 Ei 8


BeitragVerfasst am: 24.05.2012 14:29    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Scheinheilige,

ich lese sehr gerne Gedichte und mich interessiert garnicht, welche Fersform usw. das ist.
Geheult habe ich noch nicht, beim Lesen.
Aber z.B. Gänsehaut bekommen. Nicht bildlich gesprochen, sondern tatsächlich.
Ein gutes Gedicht berührt.
Und das letzte, was mich interessiert ist, warum es das tut.
Das ist wie mit Liebe (schrieb ich Wasserwaage schon):
Man liebt. Man fühlt es einfach.
Man kann es nicht beschreiben.
Es ist Magie.
Ein Link zu einem meiner Lieblingsgedichte:
http://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1896_2hofmannsthal.html

Lg,KeTam.
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Babella
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 56
Beiträge: 611

Das goldene Aufbruchstück Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 20.06.2012 23:26    Titel: Antworten mit Zitat

Schöner Thread. Diese Gedanken treiben mich auch so oft um.

Ich heule vielleicht nicht wie ein Schlosshund, aber doch: Manche Gedichte treiben mir die Tränen in die Augen. Wirklich. Ich habe den "ewigen Brunnen" von Ludwig Reiners und darin blättere ich immer wieder und bin dann oft ganz und gar aufgewühlt.

Es sind nicht viele Gedichte, die mich berühren. Aber einige berühren mich sehr stark. Immer schon habe ich sie gern gelesen.

Leider sagen mir viele moderne Gedichte gar nichts. Sie nerven mich nur. Sie klingen in meinen Ohren, als wollte jemand unbedingt "tief" sein - aber ich kapier einfach nicht, was der "tiefe" Gedanke sein soll.
Diese Gedichte sind wohl nur für eine bestimmte Community.

Und für die will ich nicht schreiben.

Für meine Gedichte gilt dasselbe wie für die anderer Leute. Die, die ich zwischen 17 und 28 (ungefähr) gechrieben habe, gefallen mir fast alle nicht mehr. Sie sind albern und nichtssagend.

Einige, die ich später schrieb und mit viel mehr Mühe, gefallen mir gut. Ich habe sie mir einfach mal drucken lassen, um sie in der Hand zu halten.

Und dann dachte ich: So, das reicht jetzt eigentlich. Will ich das wirklich publizieren? Wozu? Geld kann man damit keines verdienen. Wenn sie den Publikumsgeschmack nicht treffen - na und?

Nun interessiert mich aber schon, woran es liegt, das Gedichte berühren. Dazu las ich neulich den "Lyrikbaukasten" von A. Nitzberg. Das hat mir für manches die Augen geöffnet. Wenn ein Gedicht berührt, dann hat das eben auch technische Gründe. Die Buchstaben, die Worte, die Bilder. Das lässt sich tatsächlich benennen. Das fand ich faszinierend. Und wenn man ernsthaft schreiben will, muss man sich natürlich mit den technischen Dingen beschäftigen.
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tjasager
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Beiträge: 7
Wohnort: im Schilf


BeitragVerfasst am: 05.07.2012 08:34    Titel: Antworten mit Zitat

liebe scheinheilige. ich muss dir eine kleine geschichte erzählen.

heute morgen früh hörte ich in meinem hallenden büro karan casey, ... mir war nach schwirrenden worten und trotzdem fand ich niemanden, mit dem ich sie teilen konnte, ... ich war ja auch alleine. bis ich mich google anvertraute ....

ich entdeckte diese seite hier, wurde neugierig und registrierte mich. der diesige deine war der erste beitrag den ich hier las. mir war, als würde aus meiner niere getippt. wort für wort. mein blick und der bildschirm wurden eins und deine worte hämmerten sich in mich ...

ich wollte die kommentare zu deinem beitrag lesen, aber die interessierten mich nicht mehr. es sind seltene momente, diese momente in denen man sich einfach nichts anderes als verstanden fühlt.

das wollte ich dir sagen ... und. danke für deine ehrlichkeit. versprochen, wenn ich beim lesen deiner oder anderer beiträge tränen, schauern oder gänsehäuten werde, will ich zumindest versuchen, das gefühl in worte zu fassen.

beprickelt.
tjasager

ps: in einem punkt muss ich dir widersprechen. hör nicht auf, deine texte einzustellen. du weisst nie, wo sie in aller stille einschlagen ...


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hol dir diese ekligen sterne vom nachthimmel und häng buchstaben rein.
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Angst
Geschlecht:männlichScheinheiliger

Alter: 29
Beiträge: 1676



BeitragVerfasst am: 10.07.2012 20:20    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke, tjasager, für diese tolle Geschichte! Ich war in letzter Zeit etwas niedergeschlagen, und dein Beitrag hat mich gerade ein bisschen aufgemuntert.

Wo ich schon hier bin, will ich noch einen kleinen Status-Bericht da lassen: Ich habe endlich den Mut aufgebracht, mich fremden Gedichten zu nähern. Mittlerweile lese ich relativ viel Lyrik. Und es hat nicht lange gedauert, bis der Funke über gesprungen ist. Durch die Lektüre anderer bekam ich neue Impulse für mich selbst. Und das alles, ohne meinen eigenen Stil zu verlieren. Im Internet mag ich trotzdem nicht mehr veröffentlichen. Mein nächstes Ziel ist ein echter Gedichtband. Hmm … Dieser Thread ist ja fast zum Schreib-Tagebuch geworden. Sorry, dass ich ihn derart okkupiere.


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»Das Paradox ist die Leidenschaft des Gedankens.«
— Søren Kierkegaard, Philosophische Brosamen,
München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 48.
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Kissa
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 632
Wohnort: Saxonia
Der silberne Spiegel - Lyrik Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 22.04.2013 12:37    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Scheinheilige ... welch ein Name!

ich danke dir für diesen Fred, denn du sprichst mir aus dem Herzen, und ja, auch alle, die antworteten, sprechen mir aus dem Herzen.

Als hoffnungsfrohe Autodidaktin fing ich vor knapp 3 Jahren an zu dichten.
Wenn ich mir diese Gedichte heute ansehe, was ich aus folgendem Grunde weitestgehendst vermeide, dann wird mir Angst und Bange, dass ich so etwas auch noch freudestrahlend in Foren veröffentlicht habe. Dazu hatte ich eine große Scheu davor, fremde Gedichte zu lesen, damit mir ja nicht einfällt, irgendwann einen Satz, eine Zeile davon zu verwenden.
Mit der Zeit aber fing ich an mich zu getrauen. Und bekam, selten zwar, aber ich bekam zum Lohn entweder einen Lachanfall oder eine Gänsehaut vor Rührung bzw. Spannung. Einmal sogar sträubten sich mir die Haare bei einer Horrorgeschichte. In einem Forum. Und das darf man sich nicht entgehen lassen.
Und wenn mich heute Texte oder Gedichte fesseln, dann kann ich nicht anders, dann sage ich auch, dass mir dies und das gefällt. Konstruktive Kritik dagegen fällt mir schwer, alldieweil mir trotz aller Bemühungen die fachlichen Grundlagen fehlen.

Und nun nehme ich mir vor, ein Gedicht von dir zu lesen ... wink

Alles Liebe
Kissa


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Schreibe, wie du redest, so schreibst du schön.
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lilli.vostry
Wortschmiedin


Beiträge: 1173
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BeitragVerfasst am: 22.04.2013 20:17    Titel: aw:leidenschaft Antworten mit Zitat

Hallo Scheinheilige,

ich finde diese Diskussion sehr spannend, vor allem die vielen aufschlussreichen Gedanken und Anregungen dazu.
Diese offene und ehrliche Art der Selbst-Befragung gefälllt mir, nur sich danach in stille Kämmerlein zurückzuziehen mit seinen eigenen hohen Idealen selbstgenügsam und zugleich zu beklagen, dass einen keiner versteht, fände ich schade.

Was ich auch nicht verstehe: Wenn Du gar nicht sicher bist, ob Du willst, dass jemand Deine Texte liest und erst recht nicht damit "hausieren" gehen willst, gerade in einer Findungs-Phase bist, wieso denkst Du dann bereits an einen Gedichtband, der gedruckt allen zugänglich ist?
Auf dem weitaus härterem riesigen Buchmarkt, mit dem Risiko geringer Aufmerksamkeit und Abnahme, und nicht so geschützt mit Pseudonym und in überschaubarer Form mit der Chance auf Feedback?

Wie will man denn erfahren, was die eigenen Ideale und Ansprüche in Gestalt von Texten wert sind, als durch Lesen, Resonanz, Austausch und (selbst)kritische Auseinandersetzung mit anderen Schreibenden wie in diesem Forum? Wie will man sonst seine eigenen Möglichkeiten und Grenzen herausfinden, diese erweitern und immer wieder neu abstecken, als durch intensive Beschäftigung mit dem Ausdrucksmittel, das am selbst so nahe ist, dass es zur Leidenschaft wird?

Meine Erfahrung ist, gerade wennn ich mir selbst unsicher bin, Inspiration, Trost und Ermutigung brauche, hilft mir Lyrik und Poesie anderer Autoren sehr, da sich dann eine Art Verbundenheit, Neugier wie es andere ausdrücken wofür mir gerade die Worte fehlen und auch Erleichterung einstellen. Wenn Geist und Seele wieder neue Nahrung bekommen, wieder angeregt und angestachelt werden...
Die Angst, seine eigene Stimme zu verlieren, kann ich zwar verstehen, ist aber unbegründet. Da doch jeder Autor seine ganz eigene Sprache hat und selbst wenn man es versucht zu kopieren, würde es misslingen.
Weil man sich dann selbst betröge und gerade bei Lyrik, wo es insbesondere um eigene Emotionen und Wahrhaftigkeit geht, spürt man intuitiv ob es für einen stimmig ist, ob es zu einem passt oder nicht.
Das spürt dann auch der Leser, auch wem man es nicht immer gleich begründen kann ob das von innen herauskommt oder nur haarfein zusammengebastelt ist.
Vielleicht fehlt Dir momentan auch nur etwas Abstand zu Deinen Texten, dass sie Dir zu persönlich zum Zeigen erscheinen.
Doch nur im Spiegel der anderen kannst Du es herausfinden, wie es sich wirklich verhält.

In dem Sinne, viel Freude an und mit der Lyrik weiterhin.
Frohe Schreibgrüße,
Lilli


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silesio
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BeitragVerfasst am: 09.02.2015 17:39    Titel: Antworten mit Zitat

Wie viel Mangel an Leidenschaft erträgt ein Gedicht. Es gibt keine Gedichte ohne Leidenschaft. Wahrscheinlich kannst du während eines Orgasmus kein Gedicht zustande bringen. Aber vielleicht in Erwartung dessen oder am nächsten Morgen.
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Nina
Bestseller-Autor


Beiträge: 4164



BeitragVerfasst am: 09.02.2015 21:40    Titel: Antworten mit Zitat

silesio hat Folgendes geschrieben:
Wie viel Mangel an Leidenschaft erträgt ein Gedicht. Es gibt keine Gedichte ohne Leidenschaft. Wahrscheinlich kannst du während eines Orgasmus kein Gedicht zustande bringen. Aber vielleicht in Erwartung dessen oder am nächsten Morgen.


Ich habe laut lachen müssen. Vielen Dank für diesen Beitrag, silesio. Ich mag Deine Fragen / Gedanken.

Es gibt wohl Gedichte ohne Leidenschaft, wie es auch leidenschaftslose Menschen gibt, andererseits schreibt nicht jeder leidenschaftliche Mensch Gedichte und nicht jeder leidenschaftliche Mensch macht die innere Leidenschaft "laut" wenn er (oder sie) schreibt und manch Leidenschaftslosem gelingt es vielleicht, doch etwas Leidenschaft in seinen Gedichten zu erzeugen. a.s.o.

Es gilt zu unterscheiden, - und das erwähnst Du ja mit Deinem obigen Kommentar auch -, dass die erlebende Person möglicherweise eine andere ist als die, die schreibt.
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silesio
Schreiberling

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Wohnort: Dubai


BeitragVerfasst am: 10.02.2015 10:30    Titel: Antworten mit Zitat

Frage: Muss der Dichter leidenschaftlich sein, oder soll der Leser leidenschaftlich werden? Liegt die Wahrheit nicht wie so oft in der Mitte?
Ein langweiliger, trockener Dichter aknn wohl keine Leidenschaft erwecken, und ein leidenschaftlicher Dichter kann auch abstossend wirken.
Zum Schluss noch eine Bemerkung zu diesem Thread: Viele der Beiträge sind derart lang, das sie jegliches Interesse, von Leidneschaft ganz zu schweigen, völlig ersticken.
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Nina
Bestseller-Autor


Beiträge: 4164



BeitragVerfasst am: 10.02.2015 11:20    Titel: Antworten mit Zitat

Ich denke, dass etwas zwischen Leser/in und Autor/in in Resonanz gehen muss. Es gibt Gedichte, da bleibt es Mucksmäuschenstill zwischen allen Beteiligten. Bei anderen wiederum lodern die Flammen. Aber nicht jeder "brennt", nicht jeder trägt Lebens-/Liebeslust/Lebensfreude/Leidenschaft in sich. Manche Texte gähnen auch. Die sind dann zum Angucken, Ausruhen oder Einschlafen. Oder?

 Smile
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