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MT
Geschlecht:männlichDichter und Denker

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BeitragVerfasst am: 25.02.2012 13:23    Titel: Der eingebildete Tote eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der eingebildete Tote

(Eine bedauerlicherweise wahre Geschichte)

Nun gut, Opa war alt genug, mit knapp neunzig durfte er das Zeitliche segnen. Natürlich brach es meiner Mutter das Herz, sie weinte um ihren Vater einen Tag und eine Nacht, und schluchzte bis in den Freitagvormittag hinein, als sie jäh vom Telefonbimmeln unterbrochen wurde. Damals stand ich neben ihr, ich hörte ihre Fragen, und noch heute sehe ich ihr Gesicht, während eine Männerstimme auf der anderen Seite aus der Ohrmuschel quakt. Ungläubig war kein Ausdruck mehr: meine Mutter war entsetzt! Ich hielt es für eine Frage von Sekunden, wann sie die Augen verdrehen und wie ein Tropfen Sirup an der Wand zu Boden gleiten würde. Doch sie war tapferer als ich dachte und hielt stand, sie ließ den Amtmann berichten und seine Forderungen stellen, ohne dass sie mit der Wimper zuckte. Als sie auflegte, fragte ich, was passiert sei und sie sagte:
„Auf Opas Platz liegt schon einer.“
Anschließend ging sie ins Wohnzimmer, goss sich einen Schnaps von Opas Selbstgebranntem ein und trank in einem Zug.

Das Tolle an Trauerfällen ist, dass man als Kind nicht zur Schule muss. Sicher, die Erwachsenen sind schlecht drauf, sie müssen viel weinen und sagen, wie sehr sie den Verstorbenen vermissen und so weiter. Und ich kann mich erinnern, dass auch ich einigermaßen unter dem Tod meines Großvaters litt; sein Fortgehen war wie eine Ohrfeige für etwas, das man nicht getan hat. Aber dennoch schien ich in jenen Tagen der einzige zu sein, der halbwegs bei Verstand blieb. Von meinen Eltern konnte man das nicht behaupten. Doch bei dem, was nach dem Telefonat an jenem denkwürdigen Freitagvormittag geschah, kann man ihnen das auch nicht verübeln. Doch der Reihe nach.

„Wie, auf Opas Platz liegt schon einer?“, fragte ich. Meine Mutter verschloss die Schnapsflasche im Wohnzimmerschrank, nahm mich bei der Schulter und schob mich in den Flur.
„Geh in Dein Zimmer.“
Als sie zum Telefonhörer griff und eine Nummer wählte, ging ich natürlich nicht in mein Zimmer. Ich verkroch mich neben dem Schuhschrank und verharrte wie eine kleine Maus, die ein Stück Käse in Aussicht hat oder – um im Bild zu bleiben – ein Stück Zuckerkuchen.
„Du musst kommen. Es ist was passiert. […] Nee, nicht am Telefon […] Trauerfeier morgen müssen wir jedenfalls absagen, können alle wegbleiben. […] Mensch, nicht am Telefon! Was soll ich denn sagen? Neben Inge liegt schon einer! Jetzt komm nach Hause!“
Ich weiß nicht, ob mein Vater das Gespräch beendete, meine Mutter zumindest knallte den Hörer auf die Gabel, ging in die Küche und gab unserem Wellensittich frisches Wasser.

(wird fortgesetzt)

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hexsaa
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Ei 6 Extrem Süßes!


BeitragVerfasst am: 25.02.2012 18:01    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Ikognito,

geschmunzelt habe ich, als ich Deinen Text gelesen habe. Schon den Untertitel: eine bedauerlicherweise wahre Geschichte , fand ich gelungen. Das erinnert mich irgendwie an Lemony Snicket, den ich sehr mag.

Zitat:
Damals stand ich neben ihr, ich hörte ihre Fragen, und noch heute sehe ich ihr Gesicht, während eine Männerstimme auf der anderen Seite aus der Ohrmuschel quakt.


Während der ganzen Geschichte ist mir nicht klar, wer da neben der Mutter steht. Ein Mädchen? Ein Junge? Wie alt ist er/sie? Das könntest Du an dieser Stelle vielleicht kurz erwähnen.
Zitat:
„Wie, auf Opas Platz liegt schon einer?“, fragte ich.

Daraus schließe ich, dass er/sie schon älter sein muss, also mindestens zehn oder elf. Aus irgendeinem Grund sehe ich einen Jungen vor mir.


Zitat:
Ich hielt es für eine Frage von Sekunden, wann sie die Augen verdrehen und wie ein Tropfen Sirup an der Wand zu Boden gleiten würde.


Das gefällt mir, nur wie ein Tropfen Sirup stört mich. Das könntest Du auch streichen.

Zitat:
Ich verkroch mich neben dem Schuhschrank und verharrte wie eine kleine Maus, die ein Stück Käse in Aussicht hat oder – um im Bild zu bleiben – ein Stück Zuckerkuchen.


Um im Bild zu bleiben? Welches Bild? Hat das etwas mit dem Sirup zu tun?

Auf jedem Fall finde ich Deinen Text witzig und habe ihn gerne gelesen.

Lg
hexsaa
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Gast







BeitragVerfasst am: 25.02.2012 19:16    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inkognito,

Eigentlich gefällt mir dieser Anfang richtig gut. Das eigentlich ergibt sich daraus, dass die Sprache deines Erzählers eine recht kindliche ist, obwohl er ja inzwischen aus der Perspektive des Erwachsenen spricht. ("Damals ...")
Beispiel:
Zitat:
Sicher, die Erwachsenen sind schlecht drauf, sie müssen viel weinen und sagen, wie sehr sie den Verstorbenen vermissen und so weiter.

Dieser Stil ist passend - für ein Kind, oder einen Heranwachsenden.
Ich denke, dass sich daraus ein Perspektivproblem ergibt.
Übrigens ist der Grossvater recht alt, das Kind sehe ich als Zehn- bis Zwölfjährige(n) ... da scheint mir auch etwas nicht ganz zu passen?

Dass sich Mutter einen Schnaps vom Schnaps eingiesst, geht eher weniger, mein Vorschlag: Sie könnte sich ein Gläschen vom Selbstgebrannten eingiessen.
Ich verstehe (noch) nicht, warum Mutter nicht am Telefon darüber reden kann, aber das kommt vielleicht noch, insgesamt finde ich deinen Text gut und kurzweilig geschrieben, bitte weiter erzählen smile.
Lorraine
edit: der Titel ist gut!
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MT
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Alter: 47
Beiträge: 1172
Wohnort: Im Süden (Niedersachsens)


BeitragVerfasst am: 25.02.2012 21:36    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

hexsaa hat Folgendes geschrieben:
Hallo Ikognito,

geschmunzelt habe ich, als ich Deinen Text gelesen habe. Schon den Untertitel: eine bedauerlicherweise wahre Geschichte , fand ich gelungen. Das erinnert mich irgendwie an Lemony Snicket, den ich sehr mag.

Zitat:
Damals stand ich neben ihr, ich hörte ihre Fragen, und noch heute sehe ich ihr Gesicht, während eine Männerstimme auf der anderen Seite aus der Ohrmuschel quakt.


Während der ganzen Geschichte ist mir nicht klar, wer da neben der Mutter steht. Ein Mädchen? Ein Junge? Wie alt ist er/sie? Das könntest Du an dieser Stelle vielleicht kurz erwähnen.
Zitat:
„Wie, auf Opas Platz liegt schon einer?“, fragte ich.

Daraus schließe ich, dass er/sie schon älter sein muss, also mindestens zehn oder elf. Aus irgendeinem Grund sehe ich einen Jungen vor mir.


Zitat:
Ich hielt es für eine Frage von Sekunden, wann sie die Augen verdrehen und wie ein Tropfen Sirup an der Wand zu Boden gleiten würde.


Das gefällt mir, nur wie ein Tropfen Sirup stört mich. Das könntest Du auch streichen.

Zitat:
Ich verkroch mich neben dem Schuhschrank und verharrte wie eine kleine Maus, die ein Stück Käse in Aussicht hat oder – um im Bild zu bleiben – ein Stück Zuckerkuchen.


Um im Bild zu bleiben? Welches Bild? Hat das etwas mit dem Sirup zu tun?

Auf jedem Fall finde ich Deinen Text witzig und habe ihn gerne gelesen.

Lg
hexsaa

Hi hexsaa,

vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren. Ich meine, dass es für den Text nicht entscheidend darauf ankommt, ob der Erzähler ein Junge oder ein Mädchen ist. Auch ich sehe allerdings einen Jungen, und er ist so etwa 10 bis 12 Jahre alt.

Den Tropfen Sirup fand ich - gerade wegen der Kindheitserinnerungen - recht gelungen... Mal sehen.

Das Bild bezieht sich auf die Trauer, auf eine Trauerfeier. da isst man Zuckerkuchen, das fand ich ganz witzig.

Schön, wenn Du ein wenig schmunzeln konntest; geht ja noch weiter (und das Beste kommt erst noch). wink

I.


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Das Schicksal verzichtet oft auf Kommentare, es begnügt sich damit, zuzuschlagen.

Siegfried Lenz
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MT
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BeitragVerfasst am: 25.02.2012 21:44    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lorraine hat Folgendes geschrieben:
Hallo Inkognito,

Eigentlich gefällt mir dieser Anfang richtig gut. Das eigentlich ergibt sich daraus, dass die Sprache deines Erzählers eine recht kindliche ist, obwohl er ja inzwischen aus der Perspektive des Erwachsenen spricht. ("Damals ...")
Beispiel:
Zitat:
Sicher, die Erwachsenen sind schlecht drauf, sie müssen viel weinen und sagen, wie sehr sie den Verstorbenen vermissen und so weiter.

Dieser Stil ist passend - für ein Kind, oder einen Heranwachsenden.
Ich denke, dass sich daraus ein Perspektivproblem ergibt.
Übrigens ist der Grossvater recht alt, das Kind sehe ich als Zehn- bis Zwölfjährige(n) ... da scheint mir auch etwas nicht ganz zu passen?

Dass sich Mutter einen Schnaps vom Schnaps eingiesst, geht eher weniger, mein Vorschlag: Sie könnte sich ein Gläschen vom Selbstgebrannten eingiessen.
Ich verstehe (noch) nicht, warum Mutter nicht am Telefon darüber reden kann, aber das kommt vielleicht noch, insgesamt finde ich deinen Text gut und kurzweilig geschrieben, bitte weiter erzählen smile.
Lorraine
edit: der Titel ist gut!

N'abend Lorraine,

auch Dir ein herzliches Dankeschön für Deine Arbeit.

Ja, es stimmt, heute ist der Erzähler erwachsen. Aber ich denke, wenn wir uns zurückerinnern an unsere Kindheit, dann verfallen wir ihr auch wieder ein stückweit. Ein ernstes Perspektivproblem sehe ich darin eigentlich nicht.

Opa ist 90, der Enkel (ich sehe auch einen Jungen) in der Tat wohl nicht älter als 10-12. Wo ist das Problem? Opa war Anfang 40, als er seine Tochter bekam, die hat ebenfalls Anfang vierzig ihr Kind bekommen. Ich meine, das passt.

Bei dem Schnaps vom Schnaps hast Du natürlich vollkommen Recht. Ich nehme Deinen Vorschlag gern an!

Und das mit dem Telefonat kommt m. E. noch...

Schön, wenn ich Dich "anfüttern" konnte. Fortsetzung kommt alsbald.

I.


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Siegfried Lenz
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MT
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BeitragVerfasst am: 25.02.2012 22:12    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Es verging eine knappe Stunde, dann stand mein Vater in der Haustür. Er war kaum im Flur, da versorgte ihn meine Mutter auch schon mit allen aus ihrer Sicht notwendigen Informationen. Da glaube man nun, Oma liege seit achtzehn Jahren allein im ewigen Frieden und warte auf ihren Heinz, stattdessen sei das Doppelgrab voll und Heinz müsse zusehen, wo er bleibe. Das könne doch alles nicht sein und so weiter.
„Beruhige Dich erst mal“, sagte mein Vater nicht ohne Grund.
„Ich bin ruhig“, brüllte meine Mutter zurück. Dann sahen sie sich beide an, als hätten sie einander Fragen. Mein Vater zog seine Jacke aus und hängte sie an die Garderobe. Nach einer Pause sagte er:
„Ist doch ganz einfach. Der Fremde muss da raus. Keine Ahnung wohin, aber das ist ja wohl nicht unser Problem.“
„Nee“, machte meine Mutter.
„Was, nee?“
„Ja, nee. Machen die nicht. Hab ich schon gefragt. Die holen den da nicht raus. Wegen der Totenruhe.“
„Wegen der Totenruhe?“, fragte mein Vater, und bei dieser Frage schien sein gesamter Körper die Form eines Fragezeichens anzunehmen. „Und was ist mit der Ruhe für den Verstorbenen? Dein Vater hat ein Recht auf den Platz. Das ist doch quasi wie’n Mietvertrag.“
Meine Mutter zog die Stirn in Falten. Dann klingelte erneut das Telefon, meine Eltern zuckten zusammen.
„Geh Du“, sagte mein Vater.
Meine Mutter stellte den Lautsprecher an.
„… steht so im Bestattungsgesetz. Er muss also spätestens morgen beigesetzt werden“, hörte ich die Männerstimme sagen.
„Ja, aber wo? Können wir denn nicht meine Mutter umbetten? In ein neues Doppelgrab. Dann kann mein Vater daneben.“
Der Mann auf der anderen Seite hustete. Er sagte:
„Tut mir leid, aber das geht nicht.“
„Warum nicht.“
„Nee, geht wirklich nicht. Da kann ich nichts machen. Ich habe meine Vorschriften.“
Meine Eltern sahen sich an, in der Leitung knackte es. Mein Vater zuckte dermaßen ausladend mit den Achseln, dass er mit dem Ellenbogen die Vase mit den Trockenblumen umstieß. Sie fiel zu Boden und zersprang in alle Himmelsrichtungen.
„Warten Sie“, sagte der Mann am Telefon. „Ich könnte da vielleicht was machen. Wäre etwas ungewöhnlich, aber in der Situation…“
„Was meinen Sie“, fragte meine Mutter und der andere sogleich darauf:
„Wir legen Ihren Vater quer. Quer ans Fußende. Dann passt er noch mit rein.“
Immer, wenn Erwachsene nicht weiter wissen, wenn sie mit allem gerechten haben, nur nicht damit, dann legen sie einen Gesichtsausdruck wie drei Tage Regenwetter auf: Der Mund ist offen, das Kinn hängt herab, und auf einer Seite der Nasenflügel stellt sich ein nervöses Zucken ein. Genau so starrten sich meine Eltern jetzt an.
„Sind sie noch da?“, fragte der Amtmann.
Meine Mutter nickte.
„Hallo?“
„Ja“, machte meine Mutter. „Aber…“
„Ja?“
„Aber da ist doch der Weg. Am Fußende kommt doch gleich der Gehweg.“ Meine Mutter starrte noch immer meinen Vater an. Der nickte zustimmend und schob nebenbei mit dem Fuß die Scherben der Vase beiseite.
„Ach, Frau Hansen. Das ist kein Problem. Die Platten sind schnell hochgenommen. Wir heben einfach ein bisschen darunter aus. Das fällt gar nicht auf.“
Allmählich schien meine Mutter von einer ernsthaften Übelkeit übermannt zu werden. Ihr Oberkörper krümmte sich, und jetzt zuckte nicht nur ihr rechter Nasenflügel, auch die Unterlippe vibrierte. Mein Vater riss ihr den Telefonhörer aus der Hand.
„Hören Sie mal zu! Wie stellen sie sich das vor. Sollen alle auf meinem Schwiegervater rumtrampeln oder was? Der liegt doch dann halb unterm Weg.“
Ich war froh, dass in diesem Augenblick zwischen meinem Vater und dem Amtmann eine Telefonleitung von etlichen Kilometern lag. Nicht auszumalen, zu welchen Spontanhandlungen sich mein Vater hätte hinreißen lassen, wenn er den Kerl vor sich gehabt hätte. So was kann übel enden.
„Gut, wenn sie nicht wollen. War ja nur ein Vorschlag. Dann bleibt eben keine andere Möglichkeit. Wenn der Verstorbene mit in der Grabstätte beigesetzt werden soll, muss er eingeäschert werden. Die Urne kriegen wir unter. In zwei Stunden erwarte ich Ihren Rückruf. Sonst entscheide ich.“
In der Leitung tutete es, mein Vater legte auf. Mutter ging in die Küche und setzte sich an den Tisch. Unser Wellensittich war ungewöhnlich aufgebracht, er trällerte in einem fort. Bis meine Mutter mit der flachen Hand auf den Käfig klatschte. Der kleine, blaue Kerl schlug wild mit den Flügeln. Dann plusterte er sich auf und zog den Kopf ein.
Mein Vater ließ sich auf die Eckbank fallen, er rieb sich mit den Händen durchs Gesicht und sagte:
„Dann müssen sie ihn eben verbrennen. Geht nicht anders.“ Wie zur Entschuldigung zuckte er mit den Schultern. Ich war im Flur stehen geblieben und verfolgte das Gespräch aus sicherer Entfernung durch die halboffene Tür. Meine Mutter starrte in den Raum, ohne mit ihrem Blick an irgendetwas festzumachen. Ganz sacht schüttelte sie den Kopf.
„Nur nicht verbrennen, hat er immer gesagt. Auf keinen Fall verbrennen.“ Meine Mutter holte tief Luft.
Und mein Vater nickte.

Die nächsten Tage zogen sich hin wie zäher Kaugummi. Telefonate mit Verwandten wurden geführt, Kaffee und Kuchen für die Trauerfeier wurde bestellt, eine Annonce in der Tageszeitung geschaltet. Als der Pastor zu Besuch kam, gab er auch mir die Hand und sagte so was Ähnliches wie „Gott ist gnädig zu Jedermann.“ Ich verstand das nicht und verzog mich in mein Zimmer.
In diesen Tagen ging mein Vater wie gewohnt zur Arbeit und Mutter schien sich allmählich zu beruhigen.
Bis der Tag der Beisetzung kam.

(wird fortgesetzt)

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lupus
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BeitragVerfasst am: 25.02.2012 23:27    Titel: Antworten mit Zitat

Das is richtig nett, wunderbare Unterhaltung, kein Anspruch auf 'Literatur' nehm ich an, sprachlich eher leichte Kost, aber nicht unbedingt einfach gestrickt, die Sätze sind schon ziemlich gut variiert und die Satzmelodien stimmen - auf die Pointen, auch wenn diese sehr dezent daher kommen, aber das macht den Text erst amüsant. Kein Klamauk, einfach gute Unterhaltung .. äh .. wiederhol ich mich?

ein paar 'seltsame Stellen' sind drin, aber ich gestehe, nicht genau festmachen zu können, ob das nicht gewollt sein könnte. Eine dialektale Annäherung vielleicht?


Inkognito hat Folgendes geschrieben:
Es verging eine knappe Stunde, dann stand mein Vater in der Haustür. Er war kaum im Flur, da versorgte ihn meine Mutter auch schon mit allen aus ihrer Sicht notwendigen Informationen. Da glaube man nun, Oma liege seit achtzehn Jahren allein im ewigen Frieden und warte auf ihren Heinz, stattdessen sei das Doppelgrab voll und Heinz müsse zusehen, wo er bleibe. Das könne doch alles nicht sein und so weiter.
„Beruhige Dich erst mal“, sagte mein Vater nicht ohne Grund. ?? wenn der Grund ist, dass sie sich einfach beruhigen soll, um klar denken zu können oder damit er was versteht, dann brauchst du das nicht schreiben, wenn es sich um einen anderen Grund handelt würd ich ihn gerne erfahren als Leser Wink
„Ich bin ruhig“, brüllte meine Mutter zurück ???. Dann sahen sie sich beide an, als hätten sie einander Fragen. hm, Dialekt?? ik heb dir ne Fraache? oder häsch mir ei Froog? Mein Vater zog seine Jacke aus und hängte sie an die Garderobe. Nach einer Pause sagte er:
„Ist doch ganz einfach. Der Fremde muss da raus. Keine Ahnung wohin, aber das ist ja wohl nicht unser Problem.“
„Nee“, machte wenn sie es 'machte', also gestisch, dann weiß ich nicht ob die Anführungszeichen stimmen meine Mutter.
„Was, nee?“
„Ja, nee. Machen die nicht. Hab ich schon gefragt. Die holen den da nicht raus. Wegen der Totenruhe.“
„Wegen der Totenruhe?“, fragte mein Vater, und bei dieser Frage schien sein gesamter Körper die Form eines Fragezeichens anzunehmen. „Und was ist mit der Ruhe für den Verstorbenen? Dein Vater hat ein Recht auf den Platz. Das ist doch quasi wie’n Mietvertrag.“
Meine Mutter zog die Stirn in Falten. Dann klingelte erneut das Telefon, meine Eltern zuckten zusammen.
„Geh Du“, sagte mein Vater.
Meine Mutter stellte den Lautsprecher an.
„… steht so im Bestattungsgesetz. Er muss also spätestens morgen beigesetzt werden“, hörte ich die Männerstimme sagen.
„Ja, aber wo? Können wir denn nicht meine Mutter umbetten? In ein neues Doppelgrab. Dann kann mein Vater daneben.“
Der Mann auf der anderen Seite hustete. Er sagte:
„Tut mir leid, aber das geht nicht.“
„Warum nicht.“
„Nee, geht wirklich nicht. Da kann ich nichts machen. Ich habe meine Vorschriften.“
Meine Eltern sahen sich an, in der Leitung knackte es. Mein Vater zuckte dermaßen ausladend mit den Achseln, dass er mit dem Ellenbogen die Vase mit den Trockenblumen umstieß. so ausladend kann man gar nicht mit den Achseln zucken Wink da müssen schon die Arme irgendwie mitspielen, 'Achsel' is hier Ersatz für 'Schulter' und das ... najaSie fiel zu Boden und zersprang in alle Himmelsrichtungen.
„Warten Sie“, sagte der Mann am Telefon. „Ich könnte da vielleicht was machen. Wäre etwas ungewöhnlich, aber in der Situation…“
„Was meinen Sie“, fragte meine Mutter und der andere sogleich darauf:
„Wir legen Ihren Vater quer. Quer ans Fußende. Dann passt er noch mit rein.“
Immer, wenn Erwachsene nicht weiter wissen, wenn sie mit allem gerechten haben, nur nicht damit, dann legen sie einen Gesichtsausdruck wie drei Tage Regenwetter das is natürlich nicht falsch, aber ein etwas kreativerer Ausdruck, ein ganz neuer vlt, ein Bild(?) würd mir einfach besser gefallen auf: Der Mund ist offen, das Kinn hängt herab, und auf einer Seite der Nasenflügel stellt sich ein nervöses Zucken ein. Genau so starrten sich meine Eltern jetzt an.
„Sind sie noch da?“, fragte der Amtmann.
Meine Mutter nickte.
„Hallo?“
„Ja“, machte meine Mutter. „Aber…“
„Ja?“
„Aber da ist doch der Weg. Am Fußende kommt doch gleich der Gehweg.“ Meine Mutter starrte noch immer meinen Vater an. Der nickte zustimmend und schob nebenbei mit dem Fuß die Scherben der Vase beiseite.
„Ach, Frau Hansen. Das ist kein Problem. Die Platten sind schnell hochgenommen. Wir heben einfach ein bisschen darunter aus. Das fällt gar nicht auf.“
Allmählich schien meine Mutter von einer ernsthaften Übelkeit übermannt zu werden. Ihr Oberkörper krümmte sich, und jetzt zuckte nicht nur ihr rechter Nasenflügel, auch die Unterlippe vibrierte. Mein Vater riss ihr den Telefonhörer aus der Hand.
„Hören Sie mal zu! Wie stellen sie sich das vor. Sollen alle auf meinem Schwiegervater rumtrampeln oder was? Der liegt doch dann halb unterm Weg.“
Ich war froh, dass in diesem Augenblick zwischen meinem Vater und dem Amtmann eine Telefonleitung von etlichen Kilometern lag. Nicht auszumalen, zu welchen Spontanhandlungen sich mein Vater hätte hinreißen lassen, wenn er den Kerl vor sich gehabt hätte. So was kann übel enden.
„Gut, wenn sie nicht wollen. War ja nur ein Vorschlag. Dann bleibt eben keine andere Möglichkeit. Wenn der Verstorbene mit in der Grabstätte beigesetzt werden soll, muss er eingeäschert werden. Die Urne kriegen wir unter. In zwei Stunden erwarte ich Ihren Rückruf. Sonst entscheide ich.“
In der Leitung tutete es, mein Vater legte auf. Mutter ging in die Küche und setzte sich an den Tisch. Unser Wellensittich war ungewöhnlich aufgebracht, er trällerte in einem fort. Bis meine Mutter mit der flachen Hand auf den Käfig klatschte. Der kleine, blaue Kerl schlug wild mit den Flügeln. Dann plusterte er sich auf und zog den Kopf ein.
Mein Vater ließ sich auf die Eckbank fallen, er rieb sich mit den Händen [color=red]durchs [/color] blutige Angelegenheit das smile extra Gesicht und sagte:
„Dann müssen sie ihn eben verbrennen. Geht nicht anders.“ Wie zur Entschuldigung zuckte er mit den Schultern. Ich war im Flur stehen geblieben sonst vermittelst du den Eindruck, dass das PI bis dahin immer herumgegangen ist oder du setzt auch das 'verfolgte' ins PQP und verfolgte das Gespräch aus sicherer Entfernung durch die halboffene Tür. Meine Mutter starrte in den Raum, ohne mit ihrem Blick an irgendetwas festzumachen. umgangssprachlich?? ich jedenfalls kenn das nicht .. sagt aber nix Ganz sacht schüttelte sie den Kopf.
„Nur nicht verbrennen, hat er immer gesagt. Auf keinen Fall verbrennen.“ Meine Mutter holte tief Luft.
Und mein Vater nickte.

Die nächsten Tage zogen sich hin wie zäher Kaugummi. Telefonate mit Verwandten wurden geführt, Kaffee und Kuchen für die Trauerfeier wurde bestellt, eine Annonce in der Tageszeitung geschaltet. Als der Pastor zu Besuch kam, gab er auch mir die Hand und sagte so was Ähnliches wie „Gott ist gnädig zu Jedermann.“ Ich verstand das nicht und verzog mich in mein Zimmer.
In diesen Tagen ging mein Vater wie gewohnt zur Arbeit und Mutter schien sich allmählich zu beruhigen.
Bis der Tag der Beisetzung kam.

(wird fortgesetzt)


Zitat:
Er muss also spätestens morgen beigesetzt werden“,

Zitat:
Die nächsten Tage zogen sich hin wie zäher Kaugummi.

Zitat:
Bis der Tag der Beisetzung kam.


das geht zeitlich nicht

ich weiß nicht wie du das machst, aber ich komm aus dem Grinsen nicht raus. Deine Vogel-Einschübe schienen auf den ersten Blick klassisch redundant zu sein, sind sie nicht. Sie sind einfach gekonnt.

sehr gerne gelesen

lgl


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lg Wolfgang

gott ist nicht tot noch nicht aber auf seinem rückzug vom schlachtfeld des krieges den er begonnen hat spielt er verbrannte erde mit meinem leben

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BeitragVerfasst am: 25.02.2012 23:47    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zitat:
Das is richtig nett, wunderbare Unterhaltung, kein Anspruch auf 'Literatur' nehm ich an, sprachlich eher leichte Kost, aber nicht unbedingt einfach gestrickt, die Sätze sind schon ziemlich gut variiert und die Satzmelodien stimmen - auf die Pointen, auch wenn diese sehr dezent daher kommen, aber das macht den Text erst amüsant. Kein Klamauk, einfach gute Unterhaltung

N'abend, lupus,

schön, wenn´s Dir gefällt. Ja, das ist reine Unterhaltung, ohne Anspruch auf tiefere Literatur. Muss auch mal sein (und ist ein Versuch meinerseits auf der humoristischen Schiene).

Auf die von Dir ausgemachen "Stellen" werde ich noch mal in Ruhe eingehen, da sind in der Tat "Regionalbezüge" drin, die im Allgemeinen nicht verständlich sind.

Und Deine Anmerkung zur Zeitenfolge stimmt! Das Ding ist: Die Sache ist tatsächlich so passiert; ich stecke da irgendwie mitten drin. Da gehen einem solche Sachen durch. Embarassed Wird korrigiert!! Merci.

Zitat:
Ich weiß nicht wie du das machst, aber ich komm aus dem Grinsen nicht raus. Deine Vogel-Einschübe schienen auf den ersten Blick klassisch redundant zu sein, sind sie nicht. Sie sind einfach gekonnt.

sehr gerne gelesen

 Laughing  Laughing Das freut mich ungemein. Dann scheint mein kleiner Ausflug in den Humor zu funktionieren.
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BeitragVerfasst am: 26.02.2012 00:19    Titel: Antworten mit Zitat

inkognito hat Folgendes geschrieben:
„Ach, Frau Hansen. Das ist kein Problem. Die Platten sind schnell hochgenommen. Wir heben einfach ein bisschen darunter aus. Das fällt gar nicht auf.“


lol

Ich finds wunderbar, auch ich grinse, und ich grinse gern!

Lustig, den Ausdruck "machen" für "sagen" gibt es hier auch, in der gesprochenen Sprache, beim lebendig Erzählten, es bleibt da allerdings im Präsens.

So langsam dämmert mir, wer hier dahinter steckt  Exclamation

Weiter, bitte smile

Lorraine
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BeitragVerfasst am: 26.02.2012 00:28    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lorraine hat Folgendes geschrieben:
inkognito hat Folgendes geschrieben:
„Ach, Frau Hansen. Das ist kein Problem. Die Platten sind schnell hochgenommen. Wir heben einfach ein bisschen darunter aus. Das fällt gar nicht auf.“


lol

Ich finds wunderbar, auch ich grinse, und ich grinse gern!

Lustig, den Ausdruck "machen" für "sagen" gibt es hier auch, in der gesprochenen Sprache, beim lebendig Erzählten, es bleibt da allerdings im Präsens.

So langsam dämmert mir, wer hier dahinter steckt  Exclamation

Weiter, bitte smile

Lorraine


Hach, Lorraine, ich bringe Dich zum Lachen. Das freut mich doch!!

Du kannst gar nicht wissen, wer dahinter steckt Exclamation So schreibe ich nie.

"Machen" habe ich mir abgeguckt bei einem "Großen". Übrigens auch im Präteritum.

Herzlichst,
das
I.


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Siegfried Lenz
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BeitragVerfasst am: 26.02.2012 01:17    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Es war ein Samstag, und der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet. Aus dicken, grauen Wolken fiel unablässig Regen.
Die Trauergäste trugen schwarze Sachen und verkrochen sich unter ihren Schirmen. Man konnte meinen, die meisten waren froh, dass sie ihren Schirm hatten, um sich an irgendwas festzuhalten. Hier ein paar Tränen, da ein Seufzer und allenthalben betretene Gesichter.
In der Kapelle saß ich mit meinen Eltern in der ersten Reihe und hatte freien Blick auf Opa, der nun offenbar in eine Metalldose passte. Als Kind hat man da eigenartige Vorstellungen; ich konnte nicht glauben, dass es nur Asche sein sollte, die von dem Menschen übrig geblieben war, mit dem ich eben noch Eisenbahn gespielt hatte. Zu gern hätte ich den kleinen, runden Deckel geöffnet und nachgesehen. Aber das gehörte sich natürlich nicht.
Nach einigen Liedern, die mehr genuschelt als gesungen worden waren und einer Predigt, in der der Pastor abermals komische Dinge wie „ewiger Friede“ und „Wege des Herrn“ gesagt hatte, erhoben sich alle und schritten wie die Enten an der Stange zur Grabstätte. Ich weiß auch nicht, aber schon auf dem Weg dorthin, beschlich mich eine eigentümliche Anspannung, gerade so, als würden wir alle von der Vorsehung am Kragen gepackt und Schritt für Schritt weitergezogen.
Mein Vater erkannte es als erster, noch einige Meter vom Grab entfernt, und ich wiederum erkannte in seinem Blick, dass das Schicksal es wahrlich nicht gut mit uns meinen konnte.
„Scheiße“, entfuhr es ihm, so dass sich der Pastor, der an der Spitze unseres kleinen Zuges ging, umdrehte und meinen Vater wortlos, aber mit nicht weniger ausdrucksstarken Kneifaugen maßregelte.
Dann folgte Mutter, ihren Blick auf die Grabstätte gerichtet, vor der wir jetzt standen:
„Das glaub’ ich nicht!“
„Verzeihung?“, machte der Pastor, zur Frage erhoben.
„Es ist die falsche Seite“, sagte mein Vater und in diesem Moment hielt sich meine Mutter die Hand vor den Mund und schluchzte, was sich allerdings mehr nach einem Quieken anhörte.
„Was sagen Sie da?“, fragte der Pastor.
„Die falsche Seite. Die Schwachköpfe haben die falsche Seite ausgehoben. Meine Schwiegermutter liegt rechts. Und die Urne sollte auf ihren Sarg. Warum ist das Loch dann links?“
„Ähm“, machte der Pastor, sichtlich bemüht, der Situation nicht auch noch den letzten Rest Würde zu nehmen. Doch das war schwierig.
Meine Eltern sahen die anderen Trauergäste an, die fragend unter ihren Schirmen vorlugten. Keiner sagte ein Wort, man hörte nur den Regen, wie er auf die Schirme pladderte.
„Dann ist die Seite ja doch frei“, sagte ich und war überzeugt, einen wertvollen Beitrag von mir gegeben zu haben.
„Sei still“, fuhr mich mein Vater an und drehte sich zu meiner Mutter.
„Wir sagen das jetzt nicht noch mal ab!“
Meine Mutter schüttelte zustimmend den Kopf. Der Pastor begann:
„Wir haben uns heute hier versammelt…“

Wenig später, im Dorfkrug, reichte der Zuckerkuchen nicht. Kaffee war ausreichend vorhanden, die Leute waren durchgefroren, was man ihnen auch wegen des Wetters nicht verübeln konnte. Die leisen Stimmen wurden lauter, als die ersten Kurzen auf den Tisch kamen und man sich versicherte, dass Heinz – Gott hab ihn selig – gern einen mitgetrunken hätte.
Der Nachmittag verging, und sogar meine Mutter lachte irgendwann ein wenig. Wahrscheinlich reichte es nicht zum Weinen.

Am darauf folgenden Montag, ich durfte noch immer zu Hause bleiben, rief mein Vater gegen neun Uhr früh im Amt an. Der Mann vom vergangenen Freitag war offenbar gleich am Apparat, denn Vater kam ohne Umschweife zur Sache.
„Wenn ich´s Ihnen doch sage. Die falsche Seite! Mein Schwiegervater muss umgebettet werden! Und zwar schnell!“
Ich nehme an, dass der Mann am anderen Ende der Leitung irgendetwas sagte, das meinen Vater beruhigen sollte. Denn nur so konnte ich mir erklären, dass er die nächsten Sätze schrie:
„Dann sind Ihre scheiß Unterlagen eben falsch! Meine Schwiegermutter liegt rechts und nicht links, verdammt noch mal. Wir werden doch wohl noch wissen, wo wir sie vierundneunzig beigebuddelt haben! Es gibt keinen fremden Sarg. Ihre Leute haben den Sarg meiner Schwiegermutter freigeschaufelt! Gott, wie blöd muss man sein!“
Das war deutlich, und der andere schien nichts zu erwidern.
„Also, ich will, dass mein Schwiegervater umgebettet wird. Die Urne muss nach rechts. Auf den Sarg seiner Frau!“
Mein Vater legte auf und marschierte in die Küche; er setzte sich an den Tisch. Mutter rührte im Suppentopf.
„Bin mal gespannt“, sagte er. Mutter rührte weiter.

Am späten Nachmittag ging ein Fax in Vaters Arbeitszimmer ein. Es kam von der Gemeinde, ich erkannte es am Bürgerwappen. Mein Vater nahm das Papier an sich, las und sah anschließend lange aus dem Fenster. Ich fragte:
„Was ist denn?“.
Doch er schwieg nur.
Nach einer Weile ging er ins Wohnzimmer. Meine Mutter saß vor dem Fernseher und strickte. Er gab ihr das Schreiben. Nachdem sie es gelesen hatte, schaltete sie den Fernseher aus und begann zu weinen.
„Alles umsonst“, sagte sie leise.
Mein Vater nickte und hielt ihre Hand.
„Die werden dafür bezahlen müssen“, sagte er. „Morgen nehmen wir uns einen Anwalt.“
„Einen Anwalt…“, sagte meine Mutter. „Der kann die Einäscherung auch nicht mehr rückgängig machen.“ Sie schüttelte den Kopf und fuhr fort: „Die hätten uns einfach nur mal fragen müssen. Stattdessen gehen sie von ihren blöden Akten aus, in denen alles falsch ist.“
Zugegeben verstand ich nun gar nichts mehr. Und weil ich schließlich auch ein Angehöriger war, den die Sache etwas anging, fragte ich:
„Also gab es gar keinen fremden Sarg neben Oma?“
Meine Mutter stand auf und verließ den Raum.
„Nee“, sagte mein Vater. „War alles nur Einbildung.“
Irgendwie schade, dachte ich. Ein fremder Toter im Grab meiner Familie, das wäre schon sensationell gewesen. Aber ohne hatte die Sache auch ein Gutes: Meine Großeltern waren vereint und in ihrem Doppelgrab ungestört, wie sie es sich immer gewünscht hatten. Nur das mit Opas letztem Willen, auf gar keinen Fall verbrannt zu werden, das hatte dummerweise nicht geklappt. Er war viele Jahre Ortsbrandmeister gewesen bei uns im Dorf, und man konnte wohl sagen, dass er von daher wusste, wovon er sprach. Aber was soll’s, für ihn hatten schließlich alle das Beste getan.
In der Situation jedenfalls.

« Was vorher geschah123

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lupus
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BeitragVerfasst am: 26.02.2012 02:01    Titel: Antworten mit Zitat

Grüß' Sie!

ein wunderbares Stückerl zu später Stund'
bei 'Scheiße' hab ich herzlich gelacht.

der Schluss fällt ein bisserl(!!) ab, aber er is dennoch sehr gut

hat mir wirklich gefallen, so für zwischendurch

lgl

auf etwaige Ungereimtheiten geh ich jetz nicht ein, weil ich ja gar nicht weiß, ob es solche sind Smile das mit dem norddeutsch is jo ned so mein's, gö. Ahoi.
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Gast







BeitragVerfasst am: 26.02.2012 02:27    Titel: Antworten mit Zitat

Inkognito hat Folgendes geschrieben:
Meine Schwiegermutter liegt rechts und nicht links, verdammt noch mal. Wir werden doch wohl noch wissen, wo wir sie vierundneunzig beigebuddelt haben! Es gibt keinen fremden Sarg. Ihre Leute haben den Sarg meiner Schwiegermutter freigeschaufelt! Gott, wie blöd muss man sein!“
Das war deutlich, und der andere schien nichts zu erwidern.


Super! Auch der dritte Teil ... für mich hält er, was die beiden ersten versprachen, als Vater inbrünstig "Scheisse" sagt, hab ich laut gelacht lol

Gar nicht so einfach, das alles unterzubringen, ich zieh meinen Forenhut  Cool

Ich winke nach Norddeutschland wink

und sage: Gute Nacht
Lorraine
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kskreativ
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Beiträge: 3421
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BeitragVerfasst am: 26.02.2012 06:23    Titel: Antworten mit Zitat

Geilomat! Ich grinse immer noch, echt klasse die Story. Die besten Geschichten schreibt eben immer noch das Leben.
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BeitragVerfasst am: 26.02.2012 09:48    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

kskreativ hat Folgendes geschrieben:
Geilomat! Ich grinse immer noch, echt klasse die Story. Die besten Geschichten schreibt eben immer noch das Leben.

So etwas kann man sich nicht ausdenken, finde ich auch. Ich habe selber ein paar Mal herzhaft lachen müssen beim Schreiben.


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Siegfried Lenz
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BeitragVerfasst am: 26.02.2012 09:51    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

lupus hat Folgendes geschrieben:
Grüß' Sie!

ein wunderbares Stückerl zu später Stund'
bei 'Scheiße' hab ich herzlich gelacht.

der Schluss fällt ein bisserl(!!) ab, aber er is dennoch sehr gut

hat mir wirklich gefallen, so für zwischendurch

lgl

auf etwaige Ungereimtheiten geh ich jetz nicht ein, weil ich ja gar nicht weiß, ob es solche sind Smile das mit dem norddeutsch is jo ned so mein's, gö. Ahoi.

Danke Dir, lupus. Schön, wenn ich Dich auch mit leichter Kost erreichen konnte.

Das mit dem Nordeutsch? Verstehe ich jetzt überhaupt nicht?!

 angel


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Siegfried Lenz
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BeitragVerfasst am: 26.02.2012 09:58    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lorraine hat Folgendes geschrieben:
Super! Auch der dritte Teil ... für mich hält er, was die beiden ersten versprachen, als Vater inbrünstig "Scheisse" sagt, hab ich laut gelacht lol

Gar nicht so einfach, das alles unterzubringen, ich zieh meinen Forenhut  Cool

Ich winke nach Norddeutschland wink

und sage: Gute Nacht
Lorraine

Liebe Lorraine,

ein herzliches Dankeschön auch an Dich! Die "Scheiße-Stelle" ist auch eine meiner liebsten.  Laughing

Dein "Wink" nach Norddeutschland ist angekommen. Dass Du und lupus mich enttarnt bei/mit diesem Text... Nicht zu fassen. DAVOR ziehe ich meinen Forenhut.

... und lüfte mal, ist ja wohl kein allzu großes Geheimnis mehr. Rolling Eyes

LGMT


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BeitragVerfasst am: 26.02.2012 10:11    Titel: Antworten mit Zitat

Liebes Inkognito,

ich schließe mich der allgemeinen Grinserei sehr gern an.
Nicht nur, dass die Geschichte an sich schon der Hammer ist, du hast sie auch noch wunderbar umgesetzt, was ja bei selbst Erlebten nicht immer so einfach ist.

Erbsen zählen spare ich mir.
Ich wollte jetzt noch ein paar "Lieblingsstellen" zitieren, aber das wären dann zu viele.

Ausgesprochen gern gelesen!

Lieben Gruß
schneestern


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BeitragVerfasst am: 26.02.2012 10:19    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

schneestern hat Folgendes geschrieben:
Liebes Inkognito,

ich schließe mich der allgemeinen Grinserei sehr gern an.
Nicht nur, dass die Geschichte an sich schon der Hammer ist, du hast sie auch noch wunderbar umgesetzt, was ja bei selbst Erlebten nicht immer so einfach ist.

Erbsen zählen spare ich mir.
Ich wollte jetzt noch ein paar "Lieblingsstellen" zitieren, aber das wären dann zu viele.

Ausgesprochen gern gelesen!

Lieben Gruß
schneestern

Guten Morgen, Schneestern,

danke Dir! Da haben sich Dein Posting und mein comming out überschnitten...

Schön, wenn´s Dir gefallen hat!

LGMT


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Siegfried Lenz
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BeitragVerfasst am: 26.02.2012 10:21    Titel: Antworten mit Zitat

Mist!  Mad Jetzt wäre mir diese wunderbare Geschichte doch beinahe durch die Lappen gegangen, nur weil ich jedes Mal, wenn ich biografisch lese, aus Angst vor lebenslangen Leidensgeschichten, die Beine in die Hand nehme. Ich denke ich muss meine Verhaltensweise doch ändern. Rolling Eyes

Lieber Markus, ich habe mich köstlich amüsiert. Eine völlig neue Facette deines Schreibens hast du uns da präsentiert. Hab vielen Dank.

Liebe Grüße
Monika
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BeitragVerfasst am: 26.02.2012 10:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier noch die Echtheitsbeweise:

http://www.goettinger-tageblatt.de/Nachrichten/Goettingen/Uebersicht/Skurrile-Sarg-Verwechslung-loest-Rechtsstreit-aus

http://www.goettinger-tageblatt.de/Nachrichten/Goettingen/Uebersicht/Falscher-Sarg-freigelegt

http://www.goettinger-tageblatt.de/Nachrichten/Goettingen/Uebersicht/Falscher-Sarg-ist-doch-der-richtige

LGMT


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BeitragVerfasst am: 26.02.2012 23:41    Titel: Antworten mit Zitat

Ich hatte mir schon überlegt, wer nun der eingebildete Tote in der Geschichte sein wird!

Meine Mutter hatte vor einem Jahr einen Brief von der Friedhofsverwaltung, wo mein Opa ursprünglich bestattet war, bekommen, mit der Aufforderung das Grab räumen zu lassen, oder wieder zu bezahlen.
Mein Opa war aber vor 18 Jahren schon umgebettet worden zu seiner später verstorbenen Frau, die dann bei meiner Mutter gelebt hatte.
In dem Grab lag schon längst jemand anderer. Meine Mutter hatte auch einige Probleme, das zu klären.

Solche Sachen passieren.

Schoen geschrieben!
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