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[Harte Schnitte] Orpheus

 

 
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lhyz
Geschlecht:weiblichAbc-Schütze


Beiträge: 9



BeitragVerfasst am: 08.01.2012 15:12    Titel: [Harte Schnitte] Orpheus eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Als ich diese Übung angefangen hatte, dachte ich, ich schreib jetzt einfach mal ein paar Absätze, dann wird das erledigt sein.
Am Ende war es dann irgendwie 10 Seiten lang Embarassed
Ich poste hier deswegen mal nur einen Teil. Aus dem wird nicht wahrscheinlich nicht wirklich ersichtlich, wie das alles zusammen hängt, und ein Handlungsstrang feht komplett, also nicht wundern.

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Lotta schminkt sich vor ihrem antiken Schminkspiegel. Beigefarbenes Make-Up, roter Lippenstift, Wimperntusche, Lidschatten, alle möglichen bunten Döschen mit Stiften, Pinseln, Wattestäbchen werden geöffnet, das Gesicht wird mit jedem Handgriff ein wenig bunter.
Gleichzeitig hält sie das Telefon in der anderen Hand. Sie sagt wenig. „Mhm“ und „Ja“ und „Ach so“ und „Verstehe“. Die andere Stimme indes quasselt unverständlich drauflos, scheint ihre Antworten gar nicht zu benötigen.
Orpheus betrachtet sie stumm. Nur hin und wieder neigt er seinen Kopf zur einen oder anderen Seite, um besser sehen zu können, wo Lotta welches Döschen hin stellt. Die Positionen der Döschen, und auch, was Lotta sagt, prägt er sich ganz genau ein.
Ihre alltägliche Prozedur schließt Lotta mit einem ganz besonders bunten Döschen ab, dessen Inhalt auf ihrem Gesicht keine Farbe hinterlässt. Es ist Orpheus noch nicht gelungen, herauszufinden, wofür sie es eigentlich benutzt. Vielleicht hat es eine Wirkung, die er nicht sehen kann.
Noch immer presst sie das Telefon an ihr Ohr, gibt desinteressiert Antwort, verlässt den Raum, kommt mit ihrer schwarzen Lederhandtasche zurück und schenkt Orpheus einen flüchtigen Blick und ein teilnahmsloses Lächeln.
Er straft sie mit ausdruckslosem Starren.
Schließlich verabschiedet sie sich vom Telefon, legt es vor den Schminkspiegel und verlässt die Wohnung.
Von Orpheus verabschiedet sie sich nicht.

Ohne eine Miene zu verziehen, steigt Lotta in ihr Auto und fährt los. Sie nimmt einem Motorradfahrer die Vorfahrt, biegt ohne zu blinken links ab, schneidet beim Spurwechsel einen Kleinwagen – immer im schnellen Wechsel zwischen Gas und Bremse, Gas und Bremse, Gas und Bremse, und ruckartig das Lenkrad nach links und rechts.
Es ist der einzige Gefühlsausdruck, den sie sich erlaubt. Ihr Gesicht ist nicht nur starr von Falten, Schminke und Botox, sondern auch von vielen, vielen Jahren der Erstarrung.
Lotta hat früh gelernt, dass Gefühle nicht dazu da sind, um sie zu spüren. Sie erlaubt sich nur Hass und Arroganz, Hass und Arroganz, Gas, Bremse, und das Lenkrad gefühllos rüber ziehen.
Vor einer Ampel, die gerade erst auf Gelb springt, tritt sie heftig auf die Bremse, um den Hintermann auflaufen zu lassen. Vor der gelben Ampel kommt sie zum Stehen, erst dann schaltet sie auf Rot.
Ein prüfender Blick in den Innenspiegel zeigt ihr, dass der Fahrer wie erwartet aufgeregt gestikuliert. Sie klappt ihre Sonnenblende herunter, schiebt den Spiegel auf, schaut sich selbst in die Augen und verzieht den faltigen Mund zu einem verbitterten Lächeln.
An der nächsten Ampel steht sie neben einem Polizeiwagen.
Sie sieht zu den zwei Polizisten herüber. Der Fahrer sieht ihr direkt in die Augen.
Herausfordernd hält sie Augenkontakt.

Heinz starrt zurück. So eine hässliche, abgemagerte Fratze hat er schon lange nicht mehr gesehen. Die arrogante reiche Tussi erinnert ihn direkt an seine Urgroßmutter. Pelzmantel, Dauerwelle, blond gefärbte weiße Haare, die beiden hätten Zwillingsgeschwister sein können, wenn seine Urgroßmutter nicht mindestens vierzig Jahre älter gewesen wäre.
Irgendwas an ihr erinnert ihn aber auch an seine Frau, er weiß nur nicht genau, was, und kann es sich nicht erklären, denn seine Frau ist hübsch, aber dieses arrogante...
„Ja, fahr doch weiter!“ mault Karl mit vollem Mund. „Grüner wird's nicht!“
Heinz wendet sich ab und fährt weiter.
Die olle Schrulle steht noch immer vor der grünen Ampel, als hinter ihr das Hupkonzert los geht. Heinz lacht sich ins Fäustchen.
„Jetzt zum Bahnhof?“ fragt er, wie jeden Tag. „Himmelarsch, merk's dir doch endlich!“ antwortet Karl, wie jeden Tag.
Im Berufsverkehr dauert die Strecke von ein paar hundert Metern fast zehn Minuten. Genug Zeit für Karl, sein belegtes Brötchen, seine zwei Butterbrezeln, seinen Krapfen und seine Schneckennudel zu verschlingen, wie jeden Tag. Seinem Bauch sieht man die zuckerreichen Mahlzeiten direkt an.
„Ich hab so einen mordsmäßigen Brand“, lamentiert er.
Heinz schaut ihn kurz an und sieht deshalb nicht den Fahrradfahrer, der beim Überqueren der Straße wenige Meter vor ihm eine Vollbremsung hin legt und die Windschutzscheibe des Polizeiautos entschlossen fixiert. Erst im allerletzten Moment, als Heinz sich gerade wieder nach vorn dreht, einen riesigen Schrecken bekommt, voll auf die Bremse tritt und genau weiß, dass das nie reichen wird, rettet der Radfahrer sich und sein Fahrrad mit einem ungeschickten Tritt in das rechte Pedal aus der Schussbahn, um auf der Gegenspur zu stürzen.
Noch immer unter Schock stehend kommt Heinz zum Stehen, Karl würgt einen großen Bissen Krapfen seinen Rachen herunter, an dem er sich fast verschluckt hat, und will sich beschweren, aber  Heinz hat schon den Warnblinker angeschaltet, sich abgeschnallt und die Wagentüre geöffnet.
Verärgert beobachtet Karl, wie sein unfähiger Kollege dem gestürzten Radfahrer auf die Beine helfen will, der ein Geschrei anfängt, als wolle Heinz ihn aufspießen.
„Ihr werdet mich nie in die Folterkammer kriegen! Ihr werdet mich nie in die Folterkammer kriegen!“ kreischt der junge Mann, krabbelt unter seinem Fahrrad hervor und stellt sich breitbeinig, mit zu Fäusten geballten Händen, vor Karl, um noch einmal zu brüllen: „Ich lass mich von euch nicht mehr foltern!“
Dann rennt er weg.
Das Fahrrad lässt er einfach liegen.
Kopfschüttelnd schaut Heinz ihm hinterher. Die in Schrittgeschwindigkeit ankommenden Pkw halten ordungsgemäß, ohne zu hupen, vor ihm an.
Was für eine Erniedrigung, denkt Heinz, jetzt muss ich schon Fahrräder von der Straße schieben.
Zur Strafe lässt er den Lenker des Fahrrades, das keinen Seitenständer hat, in einen Hundehaufen auf dem Gehsteig fallen.

Jérémy rennt so schnell er kann nach Hause. Als er ankommt, sticht jeder Atemzug in seiner Lunge. Hektisch schließt er die Haustür auf, rennt die Treppen runter in seine Kellerwohnung, schließt seine Wohnung auf, schaut sich noch einmal um – das Treppenhaus ist leer –, lauscht angestrengt – keine ungewöhnlichen Geräusche zu hören – und drückt sich wie eine Katze in seine Wohnung.
Er schließt die Tür zweimal ab.
Er schiebt den Riegel vor.
Er schiebt den anderen Riegel vor.
Er hängt die Türkette ein.
Er nimmt die Eisenstange, die hinter der Tür an der Wand stand, und klemmt sie schräg unter die Klinke.
Erst jetzt fällt die Anspannung sichtlich von ihm ab.
Ohne das Licht einzuschalten, macht er den routinemäßigen Kontrollgang durch seine Zwei-Zimmer-Wohnung. Dazu zieht er aus seiner Hosentasche eine winzige Taschenlampe.
Das Fenster unter der niedrigen Decke des Wohnzimmers ist mit einem massiven Metallgitter verschlossen. Zwischen Metallgitter und Scheibe klemmt ein Stück Pappe.
Er rüttelt am Metallgitter. Er kontrolliert den Putz um das Metallgitter.
Auf die gleiche Weise überprüft er die Fenster in Küche und Schlafzimmer. Im Badezimmer gibt es kein Fenster.
Er kontrolliert Zimmerdecken, Fußböden – er hat keine Teppiche – sowie Steckdosen, Deckenlampen, Abflüsse und den Lüftungskanal im Badezimmer.
Der Lüftungskanal beunruhigt ihn. Er ist nur mit einem Plastikgitter bedeckt. Hier würde er sich noch etwas überlegen müssen.

In der Zwischenzeit schaut Orpheus trüb aus dem Fenster. Obwohl Lotta ihm alles bereit gestellt hat, will er nichts essen oder trinken.
Düstere, regenschwangere Wolken ziehen an ihm vorüber. Sie hängen tief.
Wenn er aus dem Fenster springen würde – könnte er danach bis zu den Wolken fliegen?
Er denkt an Zoe. Seine wunderschöne Zoe, die irgendwann aus seinem Leben verschwunden war, ohne sich zu verabschieden. Er erinnert sich an die dunkle Zeit.
Jeden Tag hat er ihren Namen gerufen. Stundenlang. Lotta hat ihm gesagt, er solle aufhören, darüber nachzudenken. Aber Lotta denkt ja immer, sie wüsste alles besser.
Er widerspricht ihr nie. Deshalb hat sie ihn behalten. Als ihren persönlichen Diener, der sich von ihr alles sagen lassen muss. Orpheus hat nie gelernt, zu widersprechen. Er lässt sich alles von ihr sagen, nur ganz tief hinten in seinem Kopf weiß er, dass sie Unrecht hat.
Aber weil er sich alles von ihr befehlen lässt, hat er aufgehört, nach Zoe zu rufen. Er ist von Lotta abhängig, sie verpflegt ihn, gibt ihm einen warmen Schlafplatz. Ein goldener Käfig, in dem Orpheus gefangen ist.
Jeden Tag muss er für Lotta da sein, Lotta hier, Lotta da, immer nur Lotta, und er hat überhaupt nichts zu melden, es geht nie um ihn oder um das, was er sich wünscht.
„Sei froh, dass du nicht arbeiten musst“, sagt Lotta immer zu ihm. Sie denkt wirklich, es würde ihm gefallen, jeden Tag in diesem grässlichen Appartement festzusitzen!

Lotta jedoch denkt überhaupt nicht an Orpheus.
In ihrem Büro in der Stadtmitte erledigt sie alles, was eine ehemals erfolgreiche Geschäftsfrau erledigen muss: Sie kümmert sich um ihr Geld.
Sie tätigt Anrufe, schreibt Briefe, E-Mails, überprüft ihre Konten, Depots, Aktien, Kredite; sie macht einen Termin mit dem Frisör, bucht einen Luxusurlaub auf Hawaii und sucht sich im Internet ein neues Auto aus.
Erst, als sie all das erledigt hat, zieht sie aus ihrer schwarzen Handtasche ihren kleinen Notizblock.
Auf der ersten Seite steht: „Martina anrufen“.
Lange schaut sie nur auf den Notizblock, wirkt wie in der Bewegung eingefroren, blinzelt nicht einmal. Ihr Schutzschild aus Hass und Arroganz bleibt für einen Moment zu bröckeln und weicht blinder Erstarrung, doch nach einigen Sekunden hat sie sich wieder gefangen, legt den Notizblock hinter die Tastatur und entscheidet sich dafür, zuerst noch den Kunsthändler anzurufen und ihm zu sagen, was mit seiner Provision passieren würde, wenn er das Gemälde nicht binnen der nächsten sieben Tage zu ihr brächte.
Oder mit seiner finanziellen Existenz.

Jérémie hat über Geld schon lange nicht mehr nachgedacht. Sein Leben dreht sich einzig und allein um seine eigene Sicherheit.
Heute hat es nicht gereicht, die Wohnung einmal zu kontrollieren.
Er hat mehrmals kontrolliert. Genauer.
Die Knie seiner Jeanshose sind zerschlissen, weil er stundenlang auf dem Boden herum gekrabbelt ist.
Auf der kleinen Werkbank in seinem Schlafzimmer hat er aus dem großen Metallgitter ein kleines Stück ausgesägt, das genau auf den Lüftungsschacht an der Badezimmerdecke passt. Er hat einen Metallrahmen dafür gebaut. Er muss jetzt nur noch zu Joël und es zusammen schweißen.
Er weiß, dass er schnell handeln muss. Die Gefahr ist groß.
Die Polizei –

isst beim Burger King zu Mittag.
Karl trieft die Soße seines dritten Burgers das Kinn herunter. Den Literbecher Cola hat er schon zum zweiten Mal wieder nachgefüllt. „Mann, ich hab so 'nen Brand“, hat er dabei gesagt.
Eigentlich will Heinz gar nicht wissen, wo Karl das alles hinein stopft. Zugegeben, sein Bauch ist groß. Aber Karl selbst ist sehr klein.
Seit er ihn kennt, weiß Heinz genau, warum manche Leute über Polizisten lachen. In der Uniform sieht Karl nämlich genau so aus wie ein fetter grüner Zwerg mit einer viel zu großen Mütze.
Da helfen auch Polizeifunkgerät und Pistole überhaupt nicht.
„Wenn du mal weniger Zucker fressen würdest, hättest du auch nicht so 'nen Durst“, erklärt Heinz. „Du wirst bestimmt irgendwann noch zuckerkrank.“
Karl schnaubt abfällig und beginnt mit der ersten großen Packung Pommes Frittes.
Hinter ihnen tuscheln ein paar Jugendliche. Witze werden gemacht, die Heinz zwar hört, aber offiziell überhört. Er will vermeiden, dass Karl ihm noch einmal vorwirft, sich unnötig Stress an die Backe zu holen. Der Vortrag heute Morgen auf dem Weg zum Bahnhof war nervenaufreibend genug gewesen. Am liebsten hätte er Karls verbleibende Schneckennudel, die drei Bäckertüten, die Servietten und den Pappteller zusammen genommen und in sein geiferndes Maul gestopft, nur damit er endlich mal die Schnauze hält.
Es ist ein Wunder, denkt Heinz, dass Karl sich mit der Soße und dem Ketchup nicht vollends eingesaut hat. Aber das hat er scheinbar gelernt in fünfunddreißig Jahren Streifendienst.

Jérémy bereitet sich vor.
Er nimmt das größte Küchenmesser, das er hat – immerhin stolze sieben Zentimeter Klinge – und steckt es in das eigens dafür gedachte Lederholster, und das Ganze dann in die Hosentasche, wo man es nur noch als Abdruck sieht. Als Alibi klemmt er noch zwei Kugelschreiber dazu.
An seinem Rucksack befestigt er das Laserschwert aus Plastik.
Der siebzehner Schraubenschlüssel kommt in die Jackentasche, der Notizblock in die Gesäßtasche.
Zielstrebig eilt er zur Wohnungstür, nimmt die Eisenstange von der Klinke, hängt die Kette aus, schiebt die beiden Riegel zurück, schließt auf, öffnet die Tür und kontrolliert akribisch den Bereich vor dem Ausgang, bevor er die Tür hinter sich schließt.
Nachdem er überprüft hat, ob die Tür unversehrt geblieben ist, klebt er ganz oben einen kurzen Streifen Klebeband neben eine ganz bestimmte Kerbe in der Tür.
Dann schleicht er sich aus dem Haus.

12Wie es weitergeht »



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Hitchhiker
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BeitragVerfasst am: 09.01.2012 00:52    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Ihyz,

ich muss sagen, dass mir die Geschichte wirklich gut gefällt, du schreibst sehr flüssig und anschaulich. Auf Anhieb konnte ich auch keine gravierenden Rechtschreibe,- Grammatik- oder Interpunktionsfehler feststellen und habe auch sonst wenig zu meckern wink
Mir gefällt dein Schreibstil, du beschreibst nicht zu viel, hast aber trotzdem eine ausgeprägte Beobachtungsgabe, sodass die Sätze in meinem Kopf genaue Bilder der Szenen entstehen lassen.

Planst du, daraus ein längeres Projekt zu machen oder ist die Geschichte nur zu reinen Übungszwecken gedacht? Mich interessiert auf jeden Fall, wie es weitergeht, was die Hintergründe der Figuren sind und wie ihre Schicksale zusammenhängen oder verknüpft werden.

Da du schreibst, dass dieser Text nur ein Teil einer zehn Seiten langen Geschichte ist, bin ich auf eine Fortsetzung gespannt!

Liebe Grüße,
Hitchhiker


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lhyz
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BeitragVerfasst am: 10.01.2012 01:07    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Oh, danke für die Antwort Smile
Ein längeres Projekt sollte das nicht werden, nach den 10 Seiten weiß ich auch nicht wirklich, wie ich sie noch ernsthaft weiter führen sollte.
Ich poste dann einfach mal den Rest, also die "restlichen" 60%...

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Zoe krault ihm ganz sanft den Kopf. Die Sonne scheint golden durch das Fenster, draußen singen die wilden Vögel gedämpft ihre ungezähmten Lieder.
Zoe sagt seinen Namen. Orpheus, sagt sie, Orpheus, Orpheus, Orpheus. Dabei krault sie ihm den Kopf. Hingebungsvoll massiert sie seine Kopfhaut, schmatzt dabei leise, als würde sie es genießen, und sagt wieder seinen Namen. Orpheus.
Orpheus versucht, sich nur auf ihre Stimme, nur auf ihre Berührungen zu konzentrieren. Er spürt ihren Körper ganz nah an seinem. Zoe, sagt er, Zoe, Zoe, Zoe. Seine allerliebste Zoe.
Die Sonnenstrahlen lullen seinen Geist mehr ein als seinen Körper. Durch den Traum kann er die Wirklichkeit kaum noch spüren.

„Sag mal, hast du sie eigentlich noch alle?“ brüllt Martina. Ihr zerzaustes Haar wirbelt um ihren schmalen Kopf. „Bist du jetzt ganz bescheuert?“
Lotta bleibt ruhig. Sie lächelt dünn und faltig.
Martina baut sich vor ihr auf, breitbeinig, verstellt ihr den Weg – aber nur den Weg hinein. Sie versperrt selbst die Tür zu der Wohnung, in die sie Lotta hinein locken wollte.
Siegessicher streicht Lotta einen Fussel von ihrem Pelzmantel. Sie sieht Martina nicht einmal mehr an. „Ich glaube, liebes Schwesterherz,“ säuselt sie, „dass du hier diejenige bist, die nicht mehr ganz bei Sinnen ist.“
Martina stehen die Tränen in den Augen. Hinter Lotta fährt ein großer Lkw vorbei. Ein Windstoß peitscht die braunen Blätter über die Straße.
„Wie auch immer, meine Entscheidung steht fest.“
Schon wendet sie sich wieder zum Gehen.
Martina bleibt verloren vor ihrer Haustür stehen und lässt die Tränen ungehemmt laufen.

„Nun lauf ihr doch endlich hinterher!“ dröhnt Karl und gibt Heinz einen kräftigen Stoß ins Gesäß. Heinz rennt los.
Die junge Frau hat einen kräftigen Vorsprung, obwohl sie die Geldscheine noch in ihrer Tasche verstauen musste.
Der Jugendliche steht mit Tränen in den Augen wie eingefroren vor Karl. Seine Lippen beben, er weiß überhaupt nichts zu sagen.
„Ich hoffe, deine Eltern haben einen verdammt guten Anwalt“, brummt Karl.
Das treibt den Jungen endgültig an den Rand des Aushaltbaren, und das liegt nicht nur an Karls Mundgeruch. Er weint wie ein Kleinkind. „Bitte sagen Sie's nicht meinen Eltern,“ jammert er, „die bringen mich um!“
Karl zieht die Augenbrauen hoch und nickt wissend.
Ein paar Meter hinter ihm hätte Heinz die Dealerin fast erwischt, wenn sie nicht bei Rot zwischen zwei Autos über die Ampel gerannt wäre. Mit dem Vierzehntonner wollte Heinz sich dann doch nicht anlegen, deswegen ist er stehen geblieben und steht jetzt im Regen wie ein begossener Pudel. In der nächsten Verkehrslücke kann er die Frau nicht einmal mehr sehen. Sie ist längst über alle Berge.
Niedergeschlagen schlendert er über den Marktplatz zurück zum überdachten Eingangsbereich des Einkaufszentrums und zu Karl, der dem Buben Angst und Schrecken einjagt, ihm von Anzeigen, Verfahren, Jugendknast und Erziehungsheim erzählt, obwohl sie nicht einmal etwas gegen ihn vorzuweisen haben, außer, dass er einer jungen Frau Geld in die Hand gedrückt hat.
Die Drogen haben sie nicht gesehen, geschweigedenn als Beweismittel vorliegen.
„Komm, wir fahren den heim und machen Feierabend“, beschließt er lustlos.
Hinter dem Geldautomaten des Einkaufszentrums versteckt, beobachtet Jérémy die beiden Regierungsknechte. Er fühlt sich haushoch überlegen, weil er sie gesehen hat und sie ihn nicht. Gegen den Tarnmantel, den er sich soeben gekauft hat, können selbst die geheimen Laseraugen, die man ihnen eingebaut hat, nicht ankommen.

Nicht weit von alledem entfernt, blickt ein sehr alter Mann in einem sehr stark nach Urin stinkenden Krankenhausbett sehnsüchtig zu dem alten Fotoalbum auf seinem Beistelltisch.

Jérémys Bruder Joël ist wenig begeistert, als der Jüngere ihm erzählt, warum er das Metallgitter in den Rahmen schweißen möchte. Nur widerwillig schließt er das Schweißgerät an, schiebt die Fahrräder aus der Garage – „Wo ist eigentlich Chrissis Fahrrad?“ fragt er auf Französisch –, setzt Jérémy den Schweißhelm auf und hält sich selbst die Schweißmaske lose vors Gesicht.
Obwohl er weiß, dass Jérémy handwerklich sehr begabt ist, würde er ihn bei so etwas nie allein lassen. Wer kann ihm schon versprechen, dass Jérémy nicht plötzlich der Meinung sein würde, seine Augen seien aus irgendeinem Grund gegen die Strahlung immun?
Dass Jérémy auf seine Frage nicht antwortet, verwundert ihn überhaupt nicht. Wahrscheinlich weiß er es selbst nicht mehr, oder es ist irgendeins der seltsamen Dinge damit passiert, die Jérémy ständig passieren. Vielleicht hat der Geheimdienst es beschlagnahmt, vielleicht haben die amerikanischen Außerirdischen – oder die russischen – es entführt, vielleicht musste er es opfern, um eine alte Jungfrau vor dem Militär zu retten, vielleicht hat eine spontane Entladung der Photonenkanonen, die die Bundeswehr in Trafohäuschen versteckt, und die selbstverständlich von allen Medien vertuscht wurde, es zerstört.
Wahrscheinlich hat er es irgendwo vergessen. Aber was tatsächlich passiert ist, ist nicht das, was in Jérémys Augen passiert ist. Jérémys Welt ist anders.

Lotta sitzt zusammengekauert auf ihrem Bett und weint.
Orpheus hält sich an der Stuhllene fest und schaut ihr einfach nur zu. Sie tut gerade so, als sei er überhaupt nicht da. Das ist nichts Neues für ihn.
Aber es ist neu für ihn, dass sie weint. Lotta hat noch nie geweint. Lotta hat auch noch nie gelacht.
Jetzt sitzt sie auf dem Bett, weint, beachtet ihn nicht, weint und weint und weint. Die ganze bunte Farbe ist von ihrem Gesicht schon herunter gewaschen. Jedes Mal, wenn sie sich mit einem Papiertuch das Gesicht abwischt, zählt Orpheus das Döschen auf, aus dem die Farben kamen, die sie auf diese Weise verliert.
„Du blöder Wichser,“ flucht Lotta, „du blöder, beschissener, arschgefickter Wichser.“
Sogar, wenn sie weint, sieht sie freundlich aus, oder, na ja, nicht unfreundlich jedenfalls. Die Botox-Spritzen haben ihre Stirn, ihre Augen und ihre Lippen unbeweglich und steif gemacht.
Man sieht ihr nicht an, dass sie wütend ist.
Um so mehr hört man es an ihrer Stimme.
„Ich hoffe, du krepierst langsam, schmerzhaft und erbärmlich.“

Die Krankenschwester streicht liebevoll über das frisch gemachte Bett. „Wenn Sie das nächste Mal müssen, Herr Bochmann, dann klingeln sie rechtzeitig, sonst muss ich nämlich der Frau Doktor sagen, dass wir Ihnen einen Katheter legen müssen!“
Professor Doktor Ulrich von Bochmann verzichtet darauf, sie auf die herabwürdigende Benennung seiner selbst hinzuweisen oder ihr zu sagen, dass die Bezeichnung „Frau Doktor“ einem ehemaligen Chefarzt einer Privatklinik die Galle hochtreibt. Statt dessen hustet er und wimmert wie ein richtig alter, richtig kranker Mann, der im Sterben liegt.
Prosessor Doktor Ulrich von Bochmann ist ein richtig alter, richtig kranker Mann, der im Sterben liegt.

Karl muss schon wieder aufs Klo. Er hat schon die zweite Flasche Wasser getrunken, ist immer noch durstig und muss schon wieder aufs Klo. Und er hat Hunger, richtig Hunger.
Soll dieser blöde Heinz ihm doch erzählen, was er will. Keine Ahnung von gar nichts, diese jungen Leute. Und Heinz gehört zu diesen jungen Leuten, obwohl er auch schon bald vierzig ist. Aber trotzdem! Gerademal fünfzehn Jahre dabei, dieser Bursche!
Sogar den Buben hat er einfach so gehen lassen. Karl hätte wenigstens noch geklingelt und den Eltern erzählt, was der Möchtegern-Verbrecher so treibt. Aber nein, Heinz hatte ihn einfach gehen lassen. Als ob der irgendwas gelernt hätte! Wenn die keine richtige Haue von den Eltern bekommen, lernen sie doch überhaupt nix! Das sind die Penner von morgen!
Dieser Heinz, das ist doch eigentlich eine Frau. Er sieht zwar aus wie ein Mann und redet wie ein Mann, aber benehmen tut er sich wie ein kleines Mädchen. Einen richtigen Bart hat der ja auch nicht.

„Willst du dich nicht da unten mal operieren lassen?“
Heinz schaut seine Frau einfach nur stumpf an. „Was?“ fragt er, so sehr aus dem Konzept, dass er sogar die Gabel fallen lässt. „Was?“
Seine Frau errötet und schaut zur Seite weg. Sie hat von ihrem Teller bisher kaum etwas gegessen. Ihr ist anzusehen, dass ihr das Thema peinlich ist.
„Na ja,“ versucht sie, „ich meine, ich würde einfach gerne mal wieder... also, nicht dass es mich stört, dass du... aber du hast ja... und eigentlich willst du doch, ich meine, eigentlich bist du... also könntest du doch auch... ich meine, die vollen Konsequenzen ziehen?“
Heinz traut seinen Ohren nicht. Ungläubig schüttelt er den Kopf. „Wir sind seit drei Jahren verheiratet, und jetzt sagst du mir, dass dein Mann nur ein richtiger Mann ist, wenn er einen Penis hat?“
Entrüstet stößt er sich von Tisch weg, schreitet rasch durch das Wohnzimmer, vorbei am Kamin, vorbei an den teuren Polstersesseln zur Balkontür und lehnt die Stirn an die Scheibe, um seinen Kopf zu kühlen.
Martina rutscht auf ihrem Stuhl hin und her. Nein, so hat sie das nicht gemeint. Oder etwa doch?

Joël liegt schon lange im Bett, als seine Freundin endlich heim kommt. Sie musste wohl mal wieder Überstunden machen, denkt er, und als sie ins Schlafzimmer kommt und er sieht, wie abgespannt sie aussieht, tut sie ihm direkt leid.
Statt sich zuerst umzuziehen, wie das normalerweise der Fall ist, setzt sie sich zu ihm auf die Bettkannte und atmet erst einmal tief durch. Sie zittert.
Ein wohliges Gefühl durchströmt Joël, als er seinen Kopf an ihre Taille schmiegt. „Wie war's auf der Arbeit, Schatz?“
Aber sie muss erst noch ein paarmal schnaufen, bevor sie ihm antworten kann. Sie erzählt: „Stell dir vor, da ist so ein seniler Alter, der dauernd ins Bett pinkelt.“
„Gleich Katheter rein“, murmelt Joël in die Matratze.
„Und er hat mir an die Brust gefasst.“ Sie muss schwer schlucken.
„Zwei Katheter auf einmal rein.“

Das kleine Mädchen presst den Rücken zitternd an die Wand. Noch einmal knallt der Gürtel ihr heftig ins Gesicht, reißt eine zweite Platzwunde in die zarte Haut.
Sie drückt die Hände ganz fest an die Wand. Nicht vors Gesicht halten, sonst schlägt er noch fester. Die Hände vom Kopf weg halten.
Sie hat kalte Füße. Die Fliesen sind so kalt, und sie darf nicht einmal Socken anziehen.
Ganz nackt steht sie an der Wand. Sie schaut ins Leere, sieht nur am Rande, dass er den Gürtel endlich weg legt.
Gleich kommen die Fäuste an die Reihe.

Lotta stöhnt auf und rollt sich zur Seite. Schnell reißt sie die Augen ganz weit auf, damit der Traum nicht gleich wieder kommt. Sie greift sich an die Wange und spürt, dass sie im Schlaf geweint hat.
Das Licht ist noch an.
Orpheus sitzt auf dem Stuhl, hat die Augen geschlossen und döst vor sich hin.
„Weißt du, wo ich meine Schlaftabletten hin gelegt habe?“ fragt sie ihn, obwohl sie genau weiß, dass dieses Spatzenhirn es überhaupt nicht wissen kann.
Vor seinem inneren Auge sieht er ihren Schminkspiegel und die Schublade, in der sie dieses klappernde Döschen mit den lilanen Kugeln aufhebt, die sie manchmal isst. Seine äußeren Augen lässt er geschlossen, denn er hat Lotta nicht richtig verstanden.
Sie ringt sich auf die Beine, ihre Gelenke krachen, sie stöhnt noch einmal, hält sich dann die Hand vor den Mund und gähnt herzhaft.
Zum ersten Mal seit Langem fühlt sie sich lebendig, und das um drei Uhr in der Nacht, als sie aus einem Alptraum aufgeschreckt ist, nach einem Tag, an dem sie ihre Familie endgültig verloren hat.
Aber sie spürt das Leben in ihrem Herzen kitzeln. „Es ist nicht gut“, schilt sie sich selbst, „du weißt doch genau, dass Gefühle zu gar nichts taugen. Du bist zu alt für so was.“
Liebevoll streicht sie über das geblümte Nachthemd aus echter Seide, so eins, wie sie es sich als Kind immer gewünscht hat.
Aber sie hat damals nie eins bekommen, immer nur Schläge und noch mehr Schläge.
„Altes Mädchen“, sagt sie zu sich selbst. „Altes, kleines Mädchen.“
Ganz tief in ihrem Herzen spürt sie, wie das kleine Mädchen sich freut. Es ist nicht die erwachsene Lotta, die dieses Nachthemd gekauft hat. Es ist nicht die verbissene, halsabschneiderische Geschäftsfrau, die Firmen leer saugt, Geschäftsführer durch die Hölle jagt und männliche Begierden für ihre ganz eigenen Zwecke missbraucht, es ist nicht die alte, verbitterte Lotta, die das Nachthemd mit ihren Fingerkuppen ganz sanft streichelt, so sanft, wie kein Mann sie jemals angefasst hätte, sondern die kleine Lotta, die ganz kleine.
„Er ist ja bald tot. Er kann dir ganz bestimmt nichts mehr tun.“
Dann muss sie über sich selbst lachen. Da sitzt sie, redet mit sich selbst, lacht über sich selbst und muss dabei auch noch weinen!

Erschöpft kommt Jérémy wieder zu Hause an. Ohne das Hauslicht anzuschalten, schleicht er auf Zehenspitzen hinunter zu seinem Wohnungseingang und untersucht mit seiner Taschenlampe die Tür.
Der Tesastreifen liegt auf dem Boden.
Mit einem unterdrückten Aufschrei rennt er blindlings aus dem Haus.

Ein belegtes Brötchen, zwei Butterbrezeln, ein Krapfen und eine Schneckennudel. Gierig schlingt Karl alles in sich rein.
Heinz hat noch kein Wort mit ihm geredet. Er fährt mechanisch, auf Autopilot, denn seine Gedanken sind ganz woanders. Einen Penis. Seit zehn Jahren ist er ein Mann, seit fünf Jahren ist er mit Martina zusammen, seit drei Jahren sind sie verheiratet, und jetzt will sie, dass er sich einen Penis operieren lässt.
Er hat das Gefühl, dringend mit jemandem reden zu müssen.
Aber mit Karl?
Karl macht ein lautes Geräusch. „Booah. Ich könnt noch viel mehr davon fressen.“
„Darf ich dir mal was sagen?“
„Junge, du kannst mir alles erzählen, echt, alles!“
„Ich war früher mal 'ne Frau.“
„Ich glaub, ich muss kotzen.“

In seinen Tarnmantel gehüllt, bewaffnet mit einem Laserschwert, von dem nur er selbst weiß, dass er es zu einer tragbaren Photonenkanone umgebaut hat, und die Tarnkappe tief ins Gesicht gezogen, bleibt Jérémy neben der Liftfasssäule wie angenagelt stehen.
Der Beschuss mit hochenergetischen Brechphotonen zeigt Wirkung. Der fette Polizist kotzt in einen Abfallkübel, er kotzt und kotzt und kotzt, bis nur noch Galle kommt, und selbst dann kotzt er weiter.
„Das ist für meine Wohnung“, sagt Jérémy. Dann zielt er auf den anderen Polizisten.

„Arme, arme kleine Lotta. Was macht dich denn so traurig?“ Schon wieder braucht sie ein neues Taschentuch. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal so viele Taschentücher in so kurzer Zeit verbraucht hat.
Immer wieder muss sie lachen, über sich, über ihr Leben, über die ganze Welt, und dann muss sie wieder weinen, weil sie so viel Zeit verloren hat.
Sie denkt an all die Menschen, dir ihr wehgetan haben.
Sie denkt an all die Menschen, denen sie wehgetan hat.
Sie denkt an all die Menschen, die sich jeden Tag immer und immer wieder gegenseitig wehtun, ohne zu verstehen, dass es nur aufhören kann, wenn irgend jemand einsieht, dass das Wehtun wirklich wehtut!
Man muss sich nur vorstellen, wie es dem Anderen wehtut.
Jedes Mal, wenn ihr eine weitere Situation einfällt, in der sie jemanden absichtlich verletzt, vor den Kopf gestoßen, ausgenutzt, erniedrigt oder verraten hat, stellt sie sich vor, wie es demjenigen wehgetan hat. Dann muss sie weinen, bis ihr einfällt, dass sie ab heute alles besser machen kann.
Und sie lacht. Und sie weint wieder.
„Arme, arme kleine Lotta“, tröstet sie sich selbst, während sie sich selbst mit den Armen umschlingt und sich langsam hin und her wiegt. „Warum musstet du nur so werden?“

Martina von Bochmann hält die Hand ihres Vaters.
Sie weiß nicht, warum sie weint. Weint sie, weil Heinz ihr gedroht hat, sie zu verlassen, oder weint sie, weil ihr Vater sie verlassen wird?
Inzwischen hat die Schwester ihm einen Katheter gelegt. Er hat dabei gewimmert, und Martina hat genau gesehen, dass die Schwester es mit Absicht unsanft gemacht hat. Trotzdem hat sie nichts dagegen gesagt, denn der Alte hat es wirklich verdient. Das, und noch viel mehr.
Ulrich von Bochmann hebt die zittrige Hand und zeigt auf das Fotoalbum.
Zum dritten Mal holt Martina es vom Beistelltisch und hält es so, dass sie beide es sehen können.
Da sind zuerst die ganz alten Fotos, von Mutter, die Martinas Geburt nur um ein paar Tage überlebt hatte.
Danach die Kinderfotos. Martina und Lotta. Ob ihm selbst überhaupt bewusst ist, dass die Mädchen auf jedem Foto – und zwar auf jedem einzelnen – blaue Flecken oder andere Verletzungen haben, die er ihnen zugefügt hatte?
Mit jedem Umblättern wird Martina wütender. Lottas Einschulung, blaues Auge. Martinas Einschulung, ein gebrochener Finger. Kindergeburtstag, beide Mädchen mit verheulten, aufgequollenen Augen.
Dann lässt Martina das Fotoalbum einfach los und steht auf.
Ihr Vater schließt die Augen. Endlich hat sie es begriffen, denkt er bei sich.
„Weißt du, was ich dir die ganze Zeit schon sagen wollte?“
Natürlich weiß er es.
„Du bist ein blödes Arschloch.“
Endlich hat sie es begriffen.
„Und mein Mann war früher eine Frau.“ Mit diesen Worten verlässt sie den Raum und knallt die Tür hinter sich zu.
„Was?“ prustet Professor Doktor Ulrich von Bochmann.
Die runzlige Proletarierin auf dem Bett nebenan schmunzelt und dreht sich zu ihm um: „So sind sie, die Kinder, nicht? So sind sie.“

„Zoe“, sagt Orpheus, „Zoe, Zoe.“ Aufgeregt tritt er von einem Bein aufs Andere.
Lotta stellt den kleinen Transportkäfig behutsam auf dem Wohnzimmertisch ab. Das ist für die kleine Lotta, sagt sie sich. Und für den kleinen Orpheus.
„Zoe“, sagt er, als wüsste er, was in dem Käfig ist, und als wüsste er, wer Zoe ist.
Wenn Lotta nicht wüsste, dass Papageien viel zu dumm sind, um so etwas überhaupt zu begreifen, hätte sie gedacht, dass Orpheus Zoe vermisst hat.
Es ist auch nicht leicht gewesen, den Franzosen davon zu überzeugen, dass ihr zwei Papageien jetzt doch nicht mehr zu viel sind, also die Lüge anzufechten, die sie ihm vor zwei Jahren aufgetischt hat. Sie hätte sich damals nie eingestehen können, dass sie es nur nicht aushalten konnte, dass zwei Liebende mit ihr zusammen wohnen, mit ihr, die niemals Liebe empfand.
Sie hat dem Franzosen tausend Euro gegeben als Dank für die gute Pflege, das hat ihn letztendlich umgestimmt, und den zweiten Papagei wieder mitgenommen.
Dass die tausend Euro eigentlich für seine schwangere Frau gedacht sind, hat Lotta ihm nicht sagen können. Sie weiß, dass sie das noch üben muss.
„Na, Orpheus, schau mal, wer hier ist!“
„Lotta!“ krächzt die alte Dame Zoe mit ihrer knarrigen Papageienstimme, als Lotta sie aus dem Käfig holt und hochhält.
Als sie „Orpheus“ sagt, steigen Lotta Tränen in die Augen.
Es ist schwierig, nett zu sein, denkt sie. Aber sie hat noch viel Zeit, zu üben. Wenn sie so alt wird wie ihr Vater, hat sie noch dreißig Jahre dafür Zeit. Vielleicht sogar länger. Aber sie fängt heute damit an, und sie wird es so lange üben, bis sie es kann.
Eine Schachtel Pralinen für Martina steht schon auf dem Tisch. Mit einer kleinen Karte, auf die sie geschrieben hat: „Von deiner dich liebenden Schwester.“

„Der hat gesagt, ich hab Diabetes“, sagt Karl.
Heinz nickt geistesabwesend. Hat Karl überhaupt mitbekommen, was er ihm vorhin gesagt hat? Seit er ihn gehalten hat, als er sich übergeben musste, benimmt er sich, als wären sie die besten Kumpels. „Wundert mich überhaupt nicht“, kommentiert er trocken.
Karl lacht bellend. „Da hast du echt mal recht gehabt, altes Mädchen.“
Ganz offensichtlich hat er es durchaus mitbekommen. Heinz rollt mit den Augen und stellte sich im Geiste schon die nächsten Streifenfahrten vor.

Professor Doktor Ulrich von Bochmann fühlt sich von der Stimme, die ständig mit ihm redet, sanft eingelullt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hat er das Gefühl, dass jemand Anteil an seinem Schicksal nimmt.
Sie entschuldigt sich immer wieder, dass sie nicht zu ihm kommen kann, aber ihr Bein ist doch gebrochen, sie kann einfach nicht aufstehen. „Aber Sie müssen wissen, dass ich Sie jedenfalls nicht alleine lasse!“ Sie lacht trocken. „Ich kann ja nirgends anders hin. Aber kein Mensch sollte allein sterben.“
Er nickt dankbar und weiß nicht, ob sie es sieht.
Dunkel erinnert er sich an seine Frau, die beiden Töchter, an seinen Hass auf Martina, der zuliebe seine Frau ihr Leben aufgegeben hat. Er erinnert sich an Dinge, die er getan hat, und spürt zum ersten Mal, dass es ihm aufrichtig leid tut.
Dann atmet er aus.

„Es wird ein Mädchen.“ Chrissi streichelt liebevoll ihren Bauch.
Joël schließt sie innig in die Arme. „Hoffentlich nicht so eins wie Jérémy.“
Sie lacht. „Nein, gewiss nicht. Außerdem, was ist so schlimm an Jérémy?“
„Du meinst, außer, dass er ständig Angst hat, verfolgt zu werden? Außer, dass er nie ein normales Leben führen wird? Außer, dass er jeden Tag neue irrwitzige Ideen hat, auf die kein anderer Mensch überhaupt kommen würde?“
„Wenigstens wird es ihm nie langweilig.“

Zwischen den Blättern kann man von außen nur manchmal ein verräterisches Blitzen sehen, wenn die Sonne sich auf Jérémys Fernglas spiegelt.
Er beobachtet den Haupteingang des Krankenhauses. Seine Photonenkanone hat ihre Wirkung getan – beide Agenten sind vorläufig ausgeschaltet. Das bedeutet, dass eine sorgfältige Reinigung und Sicherung seiner Wohnung in den nächsten Stunden völlig ungefährlich sein dürfte.
Entschlossen klettert er auf der anderen Seite aus dem Gebüsch, wo eine Mutter ihr Kind entsetzt auf die Seite zieht, als sie ihn entdeckt, und losschreit.
Es ist auch nicht verwunderlich, denkt er, dass man sich erschreckt, wenn das Gebüsch sich bewegt und niemand kommt heraus.
Sein Tarnmantel ist einfach unheimlich gut.

Orpheus krault Zoes Kopf und ihren Nacken.
Zoe schnattert leise.
Vergessen sind die Tage, in denen bunte Döschen, Telefonate und Wolken wichtig waren. Orpheus braucht nicht mehr nachzudenken. Er hat Zoe bei sich, und sein kleines Gehirn kann sich entspannen.
Zoe genießt die vertrauten Berührungen.
Für die beiden Papageien ist die Welt wieder in Ordnung.

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Hitchhiker
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BeitragVerfasst am: 13.01.2012 21:59    Titel: Antworten mit Zitat

Hi lhyz!

Jetzt bin ich endlich dazu gekommen, deine Geschichte zu Ende zu lesen und es hat sich wirklich gelohnt smile Du behältst den guten Erzählstil bei und ich habe weiterhin nichts zu meckern.
Sehr gerne gelesen!

Arbeitest du zurzeit eigentlich an etwas Größerem?

Viele Grüße,
Hitchhiker


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ney
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BeitragVerfasst am: 13.01.2012 22:50    Titel: Antworten mit Zitat

hallo Ihyz,

bin gerade auf deine Geschichte gestoßen und hab sie am Stück durchgelesen. Sie hat mir sehr gut gefallen. wie die einzelnen Sequenzen miteinander verbunden sind und nach und nach ein vollständiges Bild ergeben, fand ich sehr gut. auch die Charakterzeichnungen finde ich sehr lebendig und glaubhaft dargestellt. Lottas Entwicklung konnte ich gut nachvollziehen.
bei Orpheus habe ich eine zeitlang gerätselt, worum es sich handeln mochte. zuerst dachte ich, es sei ein Geist, dann ein Hund - dass es sich dabei um einen Papagei handelt, war eine schöne Überraschung  Laughing

ich bin nun schon gespannt auf weitere Werke von dir! =)

liebe Grüße

ney


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lhyz
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BeitragVerfasst am: 17.01.2012 11:51    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für das Lob Embarassed

@Hitchhiker, ich arbeite gerade an nichts Größerem und werde es wahrscheinlich auch nicht, das ist mir zu müßig. Lieber mit 10-20 Seiten auf den Punkt kommen, als mich monatelang mit irgendwas herumzuschlagen Smile


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Hitchhiker
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BeitragVerfasst am: 17.01.2012 14:49    Titel: Antworten mit Zitat

So kann man das natürlich auch sehen wink Wobei ich es sehr entspannend finde, mich mit einem längeren Text auseinanderzusetzen, dessen Ideen michüber Monate oder sogar Jahre begleiten. Aber vielleicht habe ich auch nur ein Kurzgeschichten-Defizit und den Drang, jeden kleinen Gedanken auszuwälzen  Rolling Eyes

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Carter
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BeitragVerfasst am: 01.09.2012 11:23    Titel: Antworten mit Zitat

@lhyz: Der Name Jérémy...wie wird er ausgesprochen?
Zu der Geschichte: Sehr schön zu lesen. Nur etwas lang.


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