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Mitleid [Hor]

 

 
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Plague Rat
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Alter: 29
Beiträge: 541
Wohnort: Im Asylum


BeitragVerfasst am: 13.08.2007 20:34    Titel: Mitleid [Hor] eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lars Altmann hasste es bei Nacht in schweren Gewittern noch mit dem Auto unterwegs zu sein. Die schweren Regentropfen prasselten gegen die Frontscheibe und nahmen nahezu völlig die Sicht, was gerade auf der kroatischen Küstenstrasse äußerst gefährlich war. Aber er musste heute noch Split erreichen, denn es gab noch Wichtiges zu erledigen.
Nikola Milovic, ein langjähriger Geschäftspartner wollte tatsächlich eines seines Hotels auf Krk verkaufen frei und bot es ihm gleich zu einem Freundschaftspreis an. Angeblich lief das Hotel nicht allzu gut aber Lars kannte das Hotel und die Umgebung schon und wusste, dass es noch mehr herauszuholen gab. Nur hatte Nikola nie genug Kapital gehabt, um das Potential der Anlage voll auszuschöpfen. Er dagegen hatte stets genug Geld und konnte das Hotelimperium, dass ihm sein Vater Richard hinterließ weiter ausbauen und er verdiente daran noch mehr. Dennoch war es Lars Priorität sich nicht auf das Geschäftlich zu konzentrieren. Er hatte sich ständig Zeit für seine Familie, seine Frau Elisabeth und seine zwei Kinder Sarah und Vinzent zu nehmen.
Diese Reise sollte auch vorerst die letzte sein. Man hatte ihm ein Angebot für ein Grundstück in Graz gemacht und er wollte persönlich vorbeifahren und dieses begutachten- nur um enttäuscht zu werden, denn das  „ grünflächige und idyllische Grundstück“, wie man ihm versprochen hatte stellte sich als eine ziemliche Schutthalde heraus, deren Rasen vielleicht die Größe eines Gartenpools hatte- wenn überhaupt.
Dennoch hatte die Fahrt etwas Gutes. Lars konnte immerhin noch ein paar Tage am Meer verbringen und er hatte Nikola getroffen, der ebenfalls geschäftlich unterwegs war. In Graz hatte er ihm auch das besagte Hotel angeboten und Lars zögerte nicht, vor allem weil der Preis sehr günstig war. Allerdings gab es auch noch einen zweiten Interessenten, doch an dessen Namen konnte er sich nicht mehr erinnern.
 Die Uhr zeigte elf. Um 5 Uhr sollte Lars in Split antreffen, ansonsten würde Nikola, so hatte er es ihm ausdrücklich gesagt weiterreisen und das Geschäft mit dem anderen Kerl abschließen. Normaler weise könnte  dieses Ultimatum mit Leichtigkeit eingehalten werden, doch das Unwetter, das äußerst überraschend aufzog, zwang dazu das Fahrttempo drastisch zu drosseln und so machte sich der Geschäftsmann doch langsam sorgen, denn es war noch eine langer Weg nach Split. „Scheiß Sauwetter“. Solche Regenfälle nervten ihn immer wieder. Der Regen ließ leicht nach war aber immer noch recht heftig. Lars verspürte nun auch die ersten Anzeichen von Müdigkeit, die sich in ihm ausbreitete, doch er wollte die Strecke noch zu Ende fahren.
 Wer war das dort vorne? Jemand stand bei diesem Wetter an den Felsen am Straßenrand, doch der Regend verhinderte, dass man Genaueres erkennen konnte. Lars bremste langsam und jetzt erkannte er auch, dass dort eine Frau stand.
Er kurbelte das Fenster runter und rief ihr zu: „Was machen sie dort draußen bei dem Wetter. Kann ich sie mitnehmen?“
Die Frau kam langsam auf den Porsche zu und er konnte im schein der Lichter ihre Gestalt wahrnehmen. Es war keine Frau sondern ein junges Mädchen, 15 hochgeschätzt.
Sie stand nun direkt am Auto in kurzem Rock und T-Shirt. Aufgrund dieser Kleidung war zu schließen, dass auch sie vom Unwetter überrascht wurde.
Sie stand hier nun zitternd ihn ihrer gebrechlichen Gestalt. So ließ es sich sagen, waren ihre Arme und Beine doch ziemlich dünn und Lars vermutete die Magersucht an ihr. Er hatte bereits eine Reportage darüber gesehen und die gezeigten Mädchen waren kaum dürrer als dieses, das nun da stand, ihre braunen Haare ihr in das Gesicht hängend mit einem Blick der um Hilfe bettelte doch keine Bitte kam dazu.
 Das Mädchen stand nur dort vor dem Scheinwerfer, stumm und frierend. „ Was machst du hier draußen auf der Küstenstraße?“ Sie antwortete auch darauf nicht. „ Wie heißt du?“ Wieder keine Antwort. Verstand sie ihn überhaupt? Er gab ihr ein Zeichen einzusteigen und sprach ihr abermals zu: „Komm steig ein, dann bring ich dich ins nächste Dorf“. Die Unbekannte schien zumindest das Zeichen zu verstehen und stieg nun langsam in den Wagen und setzte sich auf den Beifahrersitz, sprach dabei auch weiterhin kein Wort.
Die weiterer Fahrt  verlief kommunikationslos und allmählich kam in dem Deutschen eine gewisse Unsicherheit auf. Dabei konnte er  nicht davon ablassen weiterhin über die fremde, traurige Gestalt, die hier so stumm und abgemagert  neben ihn sitze nachzudenken: „ Wo kommt dieses Mädchen her und wie gelangt sie so einsam hier mitten auf die Küstenstraße. Wer ist sie überhaupt“.
Diese Fragen und mehr verschwanden allerdings aus seinen Gedanken als er vor sich die Lichter des nächsten Dorfes erblickte. Dort konnte er diese seltsame Gestalt neben ihm absetzen und darüber war er froh, denn seine Unsicherheit, die seine Beifahrerin in ihm hervorrief ging bereits langsam darauf zu in ein Angstgefühl umzuschlagen.
Doch nun fühlte er sich erleichtert, dass er seine Fahrt  bald wieder alleine fortsetzen konnte. „ OK. Da vorne ist ein Dorf. Dort setze ich dich aus und fahr alleine weiter.“ Der Porsche passierte das Ortsschild und hielt an einem beleuchteten Gehweg.
„ Ich denke hier wird man dir helfen. Du kannst aussteigen.“
Das Mädchen machte keinerlei Anstalten den Wagen zu verlassen. „ Du kannst nun aussteigen. Ich kann dir auch nicht weiter helfen.“ Sie rührte sich weiterhin nicht und reagiere auch nicht auf ein Handzeichen.
Dabei wirkte ihre Gestalt im Schein der Straßenlaterne nun noch trauriger und in Altmann kam bereits Mitleid mit dieser gebrochen, jungem Ding als ein bärtiger, dickerer Mann an das Auto trat und auf deutsch fragte: „ Haben sie heute noch vor die Straße hier weiter zu fahren?“ „ Da wollte ich schon noch. Ich muss bis um 5 Uhr in Split sein.“ „ Tja, das wird wohl nichts die Straße ist blockiert. Sind paar Felsen abgebrochen. Ist kein Durchkommen mehr“.
Auf diese Aussage entfielen Altmann zunächst die Worte, folgte jedoch kurz darauf ein Schwall wüster Flüche. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte richtete er sich wieder an den Mann: „ Was soll ich jetzt machen ich hab bis zum Morgengrauen etwas Wichtiges zu erledigen.“ „ Da haben sie wohl Pech gehabt. Bis 5 Uhr würden sie es eh nicht mehr nach Split schaffen. Sie sollten lieber hier im Dorf pausieren.“ Kaum hatte der Mann zu Ende gesprochen fielen nochmals einige derbe Kraftausdrücke.
Schließlich erlange der Hotelier seine Fassung wieder. „ Wo können wir schlafen?“, frage er. „ Ich führe sie in eine nette Herberge“. Nachdem der Wagen geparkt war führte der Mann, der sich als Lupo vorgestellt hatte die beiden Ankömmlinge zu einer kleinen Herberge.
Lars hatte inzwischen so viel Mitleid mit dem rätselhaften Mädchen, dass er beschloss sie doch noch eine Zeit lang an seiner Seite mitzuführen und so mietete er ein Doppelzimmer. Jedem in der Herberge war anzusehen wie sie seine seltsame Begleiterin nachstarrten und es schien als würde sie die ehemals gemütliche Atmosphäre der Kneipe mit einer Eiseskälte durchziehen, so dass einige Menschen den Raum sofort verließen. Den deutschen Mann indessen beachtete man nicht.
Dieser fluchte später am Abend immer noch innerlich, da er nun ein gutes Geschäft verpassen würde.
 Seine Anhalterin saß weiterhin nur da, stumm und mit ihrem stet traurigen Blick, der nun allerdings nicht mehr so erweichend wirkte. Nun wirkte ehr eher eisig und der selbe Schauer, der sich schon in er Schankstube bereitgemacht hatte durchzog nun das Zimmer und erfasste auch den Mann, der daraufhin seinen Zorn über das verpatzte Geschäft vergas. Er wollte die Nach nun nicht mehr mit dem Mädchen in einem Zimmer verbringen. Sämtliches Mitleid war nun verschwunden. Er fühlte nur noch Angst, die ihm während der Fahr schon fast ergriffen hätte, die sich nun in Panik zu steigern drohte, so dass er das Zimmer verließ. Die magere Gestalt bleib alleine zurück, ohne sich zu bewegen oder ein Laut von sich zu geben.
Altmann wollte nicht mehr in das Zimmer zurück. Er hätte gern die ganze Nacht hier unten in der Kneipe verbracht, doch Menschen zum unterhalten waren keine da, ja nicht mahl der Wirt war mehr anwesend. Das ganze Haus war Menschenleer- oder waren alle schon schlafen gegangen? Das war es wohl.
Er rief einmal laut in den Raum: „ Hallo, noch jemand da?“ Niemand antwortete. Auch als er auf den Hof ging und dort nochmals rief, gab niemand eine Antwort. Auf der Straße war niemand und in keinem Haus brannte mehr Licht als wenn die die Stadtbevölkerung in einem Moment ausgelöscht worden wäre. Völlige Dunkelheit? Nicht ganz. Aus einem verschlossenen Fenster blitzte ein kleiner Lichtschein hervor. Lars ging darauf zu und klopfte an der Tür.
Einmal. Ein zweites Mal. Doch niemand öffnete. Noch ein drittes Mal. Dann dauerte es noch einen kurzen Moment bis die Tür einen spalt aufging. Eine abweisend garstige Stimme sprach sofort heraus: „ Verschwinde, du schleppst den Dämon mit dir herum.“ Lars war auf diesen Empfang nicht gefasst und brachte nur eine kurze Frage heraus: „ Der Dämon?“ „
Das Mädchen, es ist diejenige die seit Zeiten auf diesen Straßen lauert, die einst starb weil sie Mitleid hatte. Sie hatte Erbarmen mit einem Mann auf der Straße der im sterben lag. Sie rettete ihn das Leben und zum Dank wurde sie geschändet, geschändet und dann dem Hungertode überlassen. Sie lauert nun auf den Straßen. Jene sind des Todes, die Mitleid mit ihr zeigen, die Vertrauen zu ihr knüpfen. Das waren diese Nacht du und dieser Lupo. Ihr seid Tod“.
Altmann begriff diese Worte nicht, sie verstörten ihn so wie sie in überraschten. War diese Frau verrückt? Dann hörte er den Schrei, der so voller Schmerz war. Es war eindeutig Lupos Stimme. Er eilte zurück zur Herberge die Treppe hinauf. Die Zimmertür war offen. Und das Mädchen ? Es war nicht mehr da.
Am Ende des Ganges erklang noch mal der Schrei eines Mannes, der von Qualen geplagt schien. Er rannte den gang entlang der Quelle der Schreie entgegen. Nun stand er vor einer offenen Zimmertür. Ein knurren war aus dem Zimmer zuhören gemischt mit schmatzenden und kauenden Lauten.
Das Grauen, das Altmann durchfuhr befand sich nun auf seinem Zenit. Er wusste er sollte weglaufen, dennoch zog es ihn in das Zimmer hinein. Und er trat ein. Was er dort sah, weckte ihn ihm sämtliches Entsetzen und gleichzeitig war er auch ungläubig dem Grauen gegenüber, das sich vor seinen Augen abspielte. Lupos Körper lag dort, völlig zerfetzt  in seinen Einzelteilen, am Boden. Darüber beugte sich das Mädchen, sofern es noch so bezeichnet werden konnte.
Das Gesicht völlig von Narben entstellt, durchzogen von dutzenden Messerschnitten, zusätzlich noch von Blutergüssen um das Auge missgestaltet. Zähne in ihrer Form wie Messer gruben sich in Lupus Fleisch und einen Knochen, der mit einen lauten knacken zerbrach. Lars konnte nun seinen Brechreiz nicht mehr unterdrücken, übergab sich und ließ sich zu Boden.
Fliehen konnte er nicht, wollte er nicht. Das Entsetzen das ihn packte lähmte seine Gelenke und seine Sinne. Er konzentrierte sich nur noch auf diesen grausigen Blutakt, der sich hier vor ihm abspielt. Nur erhob sich die Kreatur, sah ihn an, ging langsam auf ihn zu und sprach: „ Bin so hungrig. Hab Mitleid und Stille meinen Hunger.“ Das war das letzte was er hörte. Die letzten Worte des Grauens.

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Brynhilda
Felix Aestheticus

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Edgar Allan Poe (1809 bis 1849) - Zum 200. Geburtstag
BeitragVerfasst am: 14.08.2007 11:19    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Christian!

Ehe ich beginne, möchte ich erwähnen, daß ich in der Regel recht unkritisch bin gegenüber Prosa. Ich werde deine Geschichte also nicht Satz für Satz zerlegen, sondern sie als ganzes betrachten.

Allgemein betrachtet gefällt mir die Geschichte gut. Die Einführung ist gut gemacht und interessant erzählt. Sie verrät nicht zu viel, und langsam entwickelt sie sich in eine andere Richtung, als das Mädchen auftaucht.
Diese hast du gut beschrieben. (Ich mußte beim Lesen an Samara aus den amrikanischen Ring-Filmen denken.)
Ich finde auch das Ende gut. Im Märchen werden ja gute Handlungen immer belohnt, aber hier erfolgt eine Strafe. Fast wie im richtigen Leben.
Du hast die Geschichte mit der Geisteranhalterin verwendet, aber das ist in Ordnung. Du hast sie neu und originell umgesetzt, und darauf kommt es an.

Jetzt kommt das, was mir nicht so gefallen hat. Die Geschichte, wie das Mädchen zum Dämon wurde, wirkt aufgesetzt und unauthentisch. Da solltest du noch mal drübergehen. Auch die Art, wie sie erzählt wird. Eine Methode wäre eine Vision des Lars Altmann vor seinem Tod. Das Monster tötet ihn und offenbart ihm im Augenblick des Sterbens sein Geheimnis.
Auch finde ich, daß das Ende ein wenig zu schnell kommt. Du nimmst dir hier die Möglichkeit, eine wundervolle, düstere Atmosphäre zu erschaffen. Stell dir das doch vor: Es regnet in Strömen. Das kleine, kroatische Küstendorf, nur ein paar verlassene Häuser. Das zarte, geisterhafte Mädchen im Auto. Herumirren im Dorf. Suche nach Hilfe, vergeblich. Eine alte Frau öffnet, erblickt das Kind, bekreuzigt sich oder macht irgend ein anderes Zeichen der Fluchabwehr und schlägt die Tür zu.
Die beiden Männer, die verzweifeln, weil sie keine Hilfe finden, und dann - die Katastrophe.
Du kannst auch mit der Geisterhaftigkeit des Mädchens spielen. An Anfang wirkt sie wie ein Kind, doch dann gehen seltsame Veränedrungen mit ihr vor....

Wenn man Weird Fiction schreibt, kommt es mitunter mehr auf die Atmospäre an, als auf die eigentliche Handlung.
Aber wie gesagt, deinen Ansatz finde ich gut. Du schreibst sehr schön, lebhaft und plastisch. Man fühlt sich sogleich in die Situation hineingezogen. Und du verstehst es, deinen Figuren Leben einzuhauchen.

Nunja, die Rechtschreibung solltest du dennoch an einigen Stellen noch mal überarbeiten. Solche Flüchtigkeitsfehler, die das Rechtschreibprogramm nicht sieht.... Wie ich sie hasse. Meine TExte sind auch voll davon, und ich bemerke sie immer erst dann, wenn mich jemand darauf aufmerksam macht.

Also, ich freue mich auf weitere Texte und Rezensionen von dir.

Liebe Grüße,
Ilka/Brynhilda
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Plague Rat
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Beiträge: 541
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BeitragVerfasst am: 15.08.2007 07:47    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Da bedanke ich mal herzlich für die Kritk. Ich bin immer offen dafür.
Ich bin auch gerade dabei die Geschichte zu überarbeiten.
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Plague Rat
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Beiträge: 541
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BeitragVerfasst am: 15.08.2007 14:56    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo, miteinander
Hierbei handelt es sich um die überarbeitete Version, die in eine andere Richtung geht und auch ein Stück länger ist. Es wäre nett, wenn sich mal jemand Zeit nimmt die Geschichte ehrlich zu bewerten.

Danke im Vorraus


Lars Altmann hasste es bei Nacht in schweren Gewittern noch mit dem Auto unterwegs zu sein. Die schweren Regentropfen prasselten gegen die Frontscheibe und nahmen nahezu völlig die Sicht, was gerade auf der kroatischen Küstenstrasse äußerst gefährlich war.

 Aber er musste heute noch Split erreichen, denn es gab noch Wichtiges zu erledigen.

Nikola Milovic, ein langjähriger Geschäftspartner wollte tatsächlich eines seines Hotels auf Krk verkaufen frei und bot es ihm gleich zu einem Freundschaftspreis an. Angeblich lief das Hotel nicht allzu gut aber Lars kannte das Hotel und die Umgebung schon und wusste, dass es noch mehr herauszuholen gab.

Nur hatte Nikola nie genug Kapital gehabt, um das Potential der Anlage voll auszuschöpfen. Er dagegen hatte stets genug Geld und konnte das Hotelimperium, dass ihm sein Vater Richard hinterließ weiter ausbauen und er verdiente daran noch mehr. Dennoch war es Lars Priorität sich nicht auf das Geschäftlich zu konzentrieren. Er hatte sich ständig Zeit für seine Familie, seine Frau Elisabeth und seine zwei Kinder Sarah und Vinzent zu nehmen.

Diese Reise sollte auch vorerst die letzte sein. Man hatte ihm ein Angebot für ein Grundstück in Graz gemacht und er wollte persönlich vorbeifahren und dieses begutachten- nur um enttäuscht zu werden, denn das  „ grünflächige und idyllische Grundstück“, wie man ihm versprochen hatte stellte sich als eine ziemliche Schutthalde heraus, deren Rasen vielleicht die Größe eines Gartenpools hatte- wenn überhaupt.

Dennoch hatte die Fahrt etwas Gutes. Lars konnte immerhin noch ein paar Tage am Meer verbringen und er hatte Nikola getroffen, der ebenfalls geschäftlich unterwegs war. In Graz hatte er ihm auch das besagte Hotel angeboten und Lars zögerte nicht, vor allem weil der Preis sehr günstig war.

 Allerdings gab es auch noch einen zweiten Interessenten, doch an dessen Namen konnte er sich nicht mehr erinnern.
 
Die Uhr zeigte elf. Um 5 Uhr sollte Lars in Split antreffen, ansonsten würde Nikola, so hatte er es ihm ausdrücklich gesagt weiterreisen und das Geschäft mit dem anderen Kerl abschließen.

Normaler weise könnte  dieses Ultimatum mit Leichtigkeit eingehalten werden, doch das Unwetter, das äußerst überraschend aufzog, zwang dazu das Fahrttempo drastisch zu drosseln und so machte sich der Geschäftsmann doch langsam sorgen, denn es war noch eine langer Weg nach Split. „Scheiß Sauwetter“. Solche Regenfälle nervten ihn immer wieder.

Der Regen ließ leicht nach war aber immer noch recht heftig. Lars verspürte nun auch die ersten Anzeichen von Müdigkeit, die sich in ihm ausbreitete, doch er wollte die Strecke noch zu Ende fahren.
 Wer war das dort vorne? Jemand stand bei diesem Wetter an den Felsen am Straßenrand, doch der Regend verhinderte, dass man Genaueres erkennen konnte. Lars bremste langsam und jetzt erkannte er auch, dass dort eine Frau stand.

Er kurbelte das Fenster runter und rief ihr zu: „Was machen sie dort draußen bei dem Wetter. Kann ich sie mitnehmen?“
Die Frau kam langsam auf den Porsche zu und er konnte im schein der Lichter ihre Gestalt wahrnehmen. Es war keine Frau sondern ein junges Mädchen, 15 hochgeschätzt.

Sie stand nun direkt am Auto in kurzem Rock und T-Shirt. Aufgrund dieser Kleidung war zu schließen, dass auch sie vom Unwetter überrascht wurde.

Sie stand hier nun zitternd ihn ihrer gebrechlichen Gestalt. So ließ es sich sagen, waren ihre Arme und Beine doch ziemlich dünn und Lars vermutete die Magersucht an ihr. Er hatte bereits eine Reportage darüber gesehen und die gezeigten Mädchen waren kaum dürrer als dieses, das nun da stand, ihre braunen Haare ihr in das Gesicht hängend mit einem Blick der um Hilfe bettelte doch keine Bitte kam dazu.
 
Das Mädchen stand nur dort vor dem Scheinwerfer, stumm und frierend. „ Was machst du hier draußen auf der Küstenstraße?“ Sie antwortete auch darauf nicht. „ Wie heißt du?“ Wieder keine Antwort. Verstand sie ihn überhaupt? Er gab ihr ein Zeichen einzusteigen und sprach ihr abermals zu: „Komm steig ein, dann bring ich dich ins nächste Dorf“. Die Unbekannte schien zumindest das Zeichen zu verstehen und stieg nun langsam in den Wagen und setzte sich auf den Beifahrersitz, sprach dabei auch weiterhin kein Wort.

Die weiterer Fahrt  verlief kommunikationslos und allmählich kam in dem Deutschen eine gewisse Unsicherheit auf. Dabei konnte er  nicht davon ablassen weiterhin über die fremde, traurige Gestalt, die hier so stumm und abgemagert  neben ihn sitze nachzudenken: „ Wo kommt dieses Mädchen her und wie gelangt sie so einsam hier mitten auf die Küstenstraße. Wer ist sie überhaupt“.

Diese Fragen und mehr verschwanden allerdings aus seinen Gedanken als er vor sich die Lichter des nächsten Dorfes erblickte. Dort konnte er diese seltsame Gestalt neben ihm absetzen und darüber war er froh, denn seine Unsicherheit, die seine Beifahrerin in ihm hervorrief ging bereits langsam darauf zu in ein Angstgefühl umzuschlagen.

Doch nun fühlte er sich erleichtert, dass er seine Fahrt  bald wieder alleine fortsetzen konnte. „ OK. Da vorne ist ein Dorf. Dort setze ich dich aus und fahr alleine weiter.“ Der Porsche passierte das Ortsschild und hielt an einem beleuchteten Gehweg.

„ Ich denke hier wird man dir helfen. Du kannst aussteigen.“
Das Mädchen machte keinerlei Anstalten den Wagen zu verlassen. „ Du kannst nun aussteigen. Ich kann dir auch nicht weiter helfen.“ Sie rührte sich weiterhin nicht und reagiere auch nicht auf ein Handzeichen.

Dabei wirkte ihre Gestalt im Schein der Straßenlaterne nun noch trauriger und in Altmann kam bereits Mitleid mit dieser gebrochen, jungem Ding als ein bärtiger, dickerer Mann an das Auto trat und auf deutsch fragte: „ Haben sie heute noch vor die Straße hier weiter zu fahren?“ „ Da wollte ich schon noch. Ich muss bis um 5 Uhr in Split sein.“ „ Tja, das wird wohl nichts die Straße ist blockiert. Sind paar Felsen abgebrochen. Ist kein Durchkommen mehr“.

Auf diese Aussage entfielen Altmann zunächst die Worte, folgte jedoch kurz darauf ein Schwall wüster Flüche. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte richtete er sich wieder an den Mann: „ Was soll ich jetzt machen ich hab bis zum Morgengrauen etwas Wichtiges zu erledigen.“

„ Da haben sie wohl Pech gehabt. Bis 5 Uhr würden sie es eh nicht mehr nach Split schaffen. Sie sollten lieber hier im Dorf pausieren.“ Kaum hatte der Mann zu Ende gesprochen fielen nochmals einige derbe Kraftausdrücke.

Schließlich erlange der Hotelier seine Fassung wieder. „ Wo können wir schlafen?“, frage er. „ Ich führe sie in eine nette Herberge“. Nachdem der Wagen geparkt war führte der Mann, der sich als Lupo vorgestellt hatte die beiden Ankömmlinge zu einer kleinen Herberge.

Lars hatte inzwischen so viel Mitleid mit dem rätselhaften Mädchen, dass er beschloss sie doch noch eine Zeit lang an seiner Seite mitzuführen und so mietete er ein Doppelzimmer. Jedem in der Herberge war anzusehen wie sie seine seltsame Begleiterin nachstarrten und es schien als würde sie die ehemals gemütliche Atmosphäre der Kneipe mit einer Eiseskälte durchziehen, so dass einige Menschen den Raum sofort verließen. Den deutschen Mann indessen beachtete man nicht.

Dieser fluchte später am Abend immer noch innerlich, da er nun ein gutes Geschäft verpassen würde.
 
Seine Anhalterin saß weiterhin nur da, stumm und mit ihrem stet traurigen Blick, der nun allerdings nicht mehr so erweichend wirkte. Nun wirkte ehr eher eisig und der selbe Schauer, der sich schon in er Schankstube bereitgemacht hatte durchzog nun das Zimmer und erfasste auch den Mann, der daraufhin seinen Zorn über das verpatzte Geschäft vergas.

Er wollte die Nach nun nicht mehr mit dem Mädchen in einem Zimmer verbringen. Sämtliches Mitleid war nun verschwunden. Er fühlte nur noch Angst, die ihm während der Fahr schon fast ergriffen hätte, die sich nun in Panik zu steigern drohte, so dass er das Zimmer verließ. Die magere Gestalt bleib alleine zurück, ohne sich zu bewegen oder ein Laut von sich zu geben.

Altmann wollte nicht mehr in das Zimmer zurück. Er hätte gern die ganze Nacht hier unten in der Kneipe verbracht, doch Menschen zum unterhalten waren keine da, ja nicht mahl der Wirt war mehr anwesend. Das ganze Haus war Menschenleer- oder waren alle schon schlafen gegangen? Das war es wohl.
 
In dem Moment hörte er Schritte. Langsam kamen sie die Treppe herab. Es war das Mädchen. Doch nicht das, welches Lars am Straßenrand aufgefunden hatte. Es war nicht die traurige Gestalt mit dem bemitleidenswerten Blick, denn dieser strahlte nun etwas völlig Anderes aus.

Es war das Böse, das in diesen Augen lag, ein Grauen, das ihn nun fest fixierte, während sie sich ihm weiter näherte, Schritt um Schritt. Die Panik, die sich schon auf dem Zimmer in ihm breitmachen wollte ergriff kam nun direkt über ihn. Er wollte weglaufen, doch das Folgende hinderte ihn daran. Das Mädchen sprach:

„Hab Mitleid mit mir. Stille meinen Hunger.“ Diese Worte faszinierten ihn, weniger des Inhalts, den der machte für ihn keinen Sinn. Was sollte dies bedeuten? Doch diese wenigen Worte aus dem Mund dieser jämmerlichen Gestalt vor ihm, die nun direkt bei ihm stand wurden von einer Aura der Trauer begleitet, ausgelöst von einer Stimme, in der unendliches Leid steckte. Altmann spürte, wie seine Panik verschwand.
 
Jetzt war es nicht mal mehr Angst, sondern nur noch Verunsicherung, welche ebenfalls bald verflog. Nun blieb wieder nur noch Mitleid für dieses Mädchen, obwohl die Augen ihn immer noch mit einer einzigartigen Bösartigkeit anstarrten, doch er konnte sich der Wirkung dieser geplagten Stimme nicht entziehen.

 Altmann saß nun da, unfähig ein Wort zu sprechen, den Blick nur an das Mädchen geheftet, welches sich nun langsam über ihn beugte. Es flüsterte ihm nochmals zu: „Stille meinen Hunger“.  Sie beugte ihr zerschnittenes Gesicht über ihn.

Dann  verspürte er wie sich ihr Mund an seinen Hals setzte, zunächst noch zärtlich, dann übergehend in einen heftigen Schmerz, als sich ihre Zähne hinein gruben, tiefer und tiefer, bis sie mit einem Ruck zurück zog und den Kopf wieder erhob, der Mund gefüllt mit seinem Fleisch aus seinem Hals, an dem nun die große Bisswunde aufklaffte, aus der Blut in Mengen strömte.

Der Gebissene hielt seine Hand, welche sich daraufhin ebenfalls rot färbte an die Bissstellen und war nun nur noch dazu fähig seine Hand anzustarren.

 Das Blut, der Schmerz, das Mädchen das dort stand, welches nur noch wenig eines Menschen an sich hatte mit ihren Augen, in denen das Böse funkelte, den nun verzerrten Mund, gespickt mit den spitzen Zähnen eines Raubtiers, immer noch kauend auf seinem Fleisch. Er  kam sich vor wie in einem Albtraum.

Und genau das war es, was der Geschäftsmann feststellen musste als er aufwachte. „O Gott, was für ein grauenhafter Traum“. Mehr Worte brachte er momentan auch nicht zustande. Der Traum wirkte so real, es kam ihn vor, als wäre er wirklich mitten im Geschehen eingeschlossen gewesen.

Er musste vorhin wohl eingeschlafen sein. Wie viel Uhr es jetzt wohl sein könnte? Diese frage konnte er sich nicht beantworten, da er seine Uhr im Wagen vergessen hatte, wie er nun feststellen musste und ihn dieser Kneipe hing auch keine Uhr.

Der Traum, so schien es, wirkte auf Lars derart verstörend, so dass er kaum die Kraft aufbrachte aufzustehen. Er saß nur da, sah in den menschenleeren Raum während einzig der schreckliche Traum, den er gerade erlitt, der so erschreckend real wirkte, seine Gedankengänge durchlief.

Wie lange mochte er schon dort sitzen? Er schien jegliches Zeitgefühl verloren zu haben. Schließlich schaffte er es, nach wie vielen Minuten oder Stunden auch immer, er konnte es nicht sagen, sich zu erheben und verließ die Herberge.

Jetzt wollte er erst recht nicht mit dem Mädchen, das noch oben im Zimmer verweilte, wahrscheinlich immer noch stumm sitzend auf ihrem Bett, alleine an einem Ort sein und so beschloss er die Straßen abzusuchen in der Hoffnung, doch noch einen Menschen vorzufinden und auch wenn er ihn nicht verstehen konnte, er wäre nun über jede Gesellschaft glücklich, solange er nicht mit dieser Person, die dort oben im Zimmer wartete alleine sein musste.

Wirkliche Hoffnungen, irgendein Anzeichen von Leben auf den Straßen vorzufinden machte er sich keine und seine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Die Stadt wirkte wie leergefegt, was eigentlich bei dem strömenden Regen kein Wunder war, das es ja dazu auch noch sehr spät sein musste, doch auch die Häuser wirkten leer.

Nirgendwo drang Licht auf die Straße, als ob die Stadtbevölkerung in einen einzigen Moment ausgelöscht worden ist. Selbst die anderen Gasthäuser waren ohne jegliches Leben, wie er feststellen musste als er die Straßen entlangging um sich in diesem Dorf umzusehen.

Doch was war das? Ein kleiner Lichtschein blitzte durch ein Fenster hervor, das, aus welchem Grund auch immer mit Holzlatten verbarrikadiert war. Dort schien noch jemand wach zu sein. Der Mann der hier so einsam durch die Straßen schritt auf der Suche nach menschlicher Gesellschaft schöpfte neue Hoffnung, dass man ihn vielleicht dort bis zum Morgengrauen aufnehmen würde.

Doch keinesfalls wollte er ihn die Herberge zurück. Er ging über die verregnete, mittlerweile bereits halb gefluteten Straße auf das Haus zu bis er vor der Tür stand. Der begann in den Moment nochmals stärker zu werden.

Wahrscheinlich wäre die Straße bis morgen kaum mehr passierbar, ohne in irgendeiner Weise nass zu werden. Er klopfte. Nichts rührte sich in dem Haus. Zumindest hörte er nichts. Er klopfte abermals. Wieder nichts.

Dann versuchte er es noch ein drittes Mal, ein letztes Mal. Nun hörte er doch von Innen Schritte, die sich langsam der Tür näherten. Kurz darauf öffnete sie sich ein Spalt und eine Stimme, alt und verbittert sprach heraus:

 „Verschwinde von hier. Verschwinde, bevor die Geschändete ihr Gesicht zeigt. Damit verdammst du uns.“ Lars wusste nicht was oder ob er überhaupt auf diese Worte antworteten sollte, die so überraschend kamen und keinen Sinn zu machen schienen.

Doch die alte Frau, nun erkannte er ihr Gesicht sprach weiter: „Sie wurde geschändet und starb weil sie Mitleid zeigte, weil sie einen Mann vor dem Hungertod bewahrte und ihr darauf das selbige widerfuhr. Verschwinde, verdammt bist du schon. Nun bringe nicht noch die Dorfbewohner in Gefahr.“

Das wurde dem Geschäftsreisenden nun dann doch zu viel. Diese Frau war irre. Solch einen Irrsinn hatte er seiner Lebtage noch nicht anhören müssen, sofern sich darin überhaupt ein Sinn verbarg. Er rannte nun von diesem Haus weg, hörte die Frau hinter ihm noch etwas rufen, doch er vernahm es schon nicht mehr.

Er rannte durch den strömenden Regen, durch die verdunkelten Straßen zur Herberge zurück. Er verfluchte in diesem Moment seine eigene Logik, zu dem Ort zurückzukehren, den er die restliche Nacht meiden wollte. Doch nun brauchte er einen Platz an dem es Licht gab. Er sah die Herberge schon und befürchtete, er würde wieder von dem eiskalten Grauen empfangen werden, welches diesen Ort den Abend durchzog, doch er war überrascht, als er eintrat.

Er spürte keinerlei Angst, ja nicht einmal Besorgnis. Im Gegenteil. Die Atmosphäre schien sich nun komplett gewandelt zu haben und er spürte sogar eine innerliche Wärme. Er ging nun auch ohne zu zögern die Treppe hinauf zu seinem Zimmer, zu dem geheimnisvollen Mädchen, wo er Schritte hörte und wie ein Lied gepfiffen wurde.

 Kann das sein? Sollte sie sich von ihrem Platz erhoben und zu einem fröhlichen Lied angestimmt haben? Als er allerdings im Zimmer ankam, erkannte er, wer der Verursacher der Geräusche war.

Dort im Zimmer stand Lupo und schien etwas zuzubereiten. Das Mädchen indessen saß weiterhin auf ihrem Platz, doch etwas hat sich in ihrem Blick verändert. Die Trauer schien ein wenig zurückgegangen zu sein, ja er nahm fast so was wie Fröhlichkeit war.

Dann wendete er sich an Lupo: „Hallo Lupo. Was machst du denn hier.“ Er antwortete: „Ich wollte mal nach den Neuankömmlingen sehen, aber das Mädchen war alleine hier. Sah ziemlich traurig aus.“ „Das macht sie schon die ganze Nacht. Ich hab sie alleine auf der Küstenstraße gefunden und dann mitgenommen. Weiß auch nicht wo sie herkommt. Sie spricht ja auch nichts und wenn würde ich es wahrscheinlich nicht verstehen. Was machst du eigentlich hier mit dem Wasserkocher?“ „

Ich hab ihr ein bisschen heiße Schokolade zubereitet. Hat schon drei Tassen getrunken. Kein Wunder, wenn sie bei dem Wetter draußen herumstand. Sie sieht auch nicht gut aus, ziemlich dürr ist sie.“ Die nächste Stunde, vielleicht war es eine Stunde denn Lupo hatte ebenfalls kein Uhr bei sich verlief recht gemütlich.

Lars und der deutsch sprechende Kroate saßen beisammen unterhielten sich über die verschiedensten Themen. Das Mädchen sprach zwar weiterhin kein Wort doch sie blickte immerhin zu den beiden Männern auf und einmal schien sie fast daran zu sein ein kurzes Lächeln von sich zu geben. „Da, wie sich freut. Aber so eine heiße Schokolade hilft ja oft.
Gott, dass Mädel wirkte so bemitleidenswert, da musste ich mich einfach um sie kümmern. Und je mehr sie sie dann auch gelächelt hatte, desto motivierter war ich dann natürlich auch. Es gibt nichts Besseres, als ein kleines Mädchen glücklich zu machen.“

Solche Sätze gab der Kroate während ihrer Unterhaltung des Öfteren von sich und schwärmte ebenfalls immer wieder von der Wirkung guter, heißer Schokolade. Dabei hob sich die Stimmung des deutschen Mannes mit jeder Minute mehr.

 Von der Angst, die das unbekannte Mädchen, das neben ihnen saß in ihm weckte war kaum mehr was übrig. Er wollt Lupo eigentlich noch von der Frau und ihren wirren Worten erzählen, doch seine Stimmung schien für heute Nacht ihren Höhepunkt erreicht zu haben, weshalb er dieses seltsame Erlebnis doch nicht ansprach. „Entschuldigt mich mal kurz. Ich muss mal auf die Toilette.“ Mit diesen Worten verließ der Einheimische das Zimmer und der Deutsche war mir dem Mädchen wieder alleine im Zimmer.

Zu einem früheren Zeitpunkt hätte ihn wieder die Angst ergriffen, doch nun war er noch nicht mal beunruhigt, lächelte sie an und sie lächelte zurück. Doch es war kein Lächeln wie eines, mit der man Freude oder Zufriedenheit ausdrückt. Es war ein Lächeln, das seine Stimmung mit einem Ruck wieder herunterriss, was noch untertrieben war, denn langsam packte ihn wieder ein Schauer, der früher am Abend bereits die Räume durchzog.

Das Mädchen, das vor ihm saß, das während Lupos Anwesenheit so freundlich lächelte kaum mehr an die traurige Gestalt am Straßenrand erinnerte, währe sie nicht so abgemagert, dieses Mädchen verzog ihr Gesicht nun zu einem hämischen Grinsen und offenbarte ihre Zähne, ihre spitz zulaufende Zähne. Ihre Augen hatten sich ebenfalls verändert.

Es war nicht der Blick wie der während ihrer Unterhaltung, der schon fast Freude ausstrahlte. Es war aber auch nicht der traurige, kummervolle Blick, den sie anfangs von sich gab. Es war ein bösartiger Blick, der diabolische Absichten zu verraten schien. Das alles war der totale Gegenkontrast zu dem Mädchen, was die letzte Stunde stumm ihre Unterhaltung lauschte. Es war fast wie (…) – nein es war die grauenhafte Gestalt aus seinem Traum. Zumindest glaubte er dass.

Dieses verzogene Gesicht, die komplette Umwandlung von einer Gestalt in die andere, das Alles passierte in einem kurzen Moment, einer Sekunde, wenn überhaupt. Hatte er sich das vielleicht doch nur eingebildet? Vielleicht, aber die Angst, das Grauen, das ihn heute schon einmal um ihn griff, kam erneut auf.

Die gemütliche Atmosphäre, die sich in der Gesellschaft Lupos gebildet hat, die innerliche Wärme, das alles verflog nach diesem kurzen Moment. Er wollte schon dazu ansetzen aufzuspringen und schnellstmöglich die Herberge wieder zu verlassen, da kam in dem Moment der Kroate wieder herein.

 „So, da bin ich wieder. Hoffe ihr habt euch gut unterhalten. Sorry, kleiner Scherz.“ Diesen Spruch fand Lars alles andere als lustig. „Lars, ich bin jetzt müde. Ich gehe ins Bett. Hab das Zimmer nebenan gemietet, bis ich eine geeignete Hütte finde. Bin nämlich auch erst seit drei Tage hier und schau mich ein wenig in der Umgebung um, wo es sich am besten leben lässt. Also, gute Nacht.“ „ Lupo, kann ich heute bei dir im Zimmer schlafen. Von mir aus auch auf dem Boden?“

„Warum den das?“ „Na ja, das Mädchen braucht doch ein bisschen Ruhe und ich schnarch doch so laut also…ähh...sie braucht halt  Ruhe“. Für diese Begründung musste sich Lars selbst innerlich rügen: „Gott, Lars du dämlicher Vollidiot“. Doch er wollte um nichts in der Welt das Zimmer mit diesem Mädchen teilen. Schließlich gelang es ihm doch Lupo davon zu überzeugen und er erlaubte ihm, die Nacht in seinem Zimmer zu verbringen, jedoch blieb ihm zum Hinlegen nur eine Decke, aber das war ihm egal. Schlafen wollte er nicht. Die Angst vor dem, das ein Zimmer neben ihm lag war zu groß.

Vielleicht bildete er sich doch nur etwas ein, doch er spürte deutlich, das von dem Mädchen etwas böses ausging. Hat es, was immer es war Lupo etwas vorgespielt? Nun kamen ihm wieder die Worte der alten Frau in den Sinn. Das Mädchen wäre die Geschändete. Was bedeutete dies? Er spürte, wie die Müdigkeit über ihn kam, doch das war nur eine Frage der Zeit, hatte er immerhin seit wie vielen Stunden nicht mehr geschlafen? Auch das wusste er nicht mehr. Der Kampf gegen die Müdigkeit ging weiter, doch schließlich war es vergeblich und er schlief schlussendlich doch ein. Altmann tauchte ein in eine Traumwelt.

 Vor im verschwammen die Bilder. Noch war alles unklar, doch langsam mit jeder Sekunde wurden die Bilder deutlich. Er sah Lupo und das Mädchen, doch völlig anders als er beide kannte. Sie war nicht die abgemagerte, traurige Gestalt, wie er sie vorgefunden hatte. Dafür glich er diesem Erscheinungsbild umso mehr. Lupo saß da ohne Hemd, sodass man erkennen konnte, wie deutlich die Rippen zu sehen war. Eigentlich glich dieser Mann mehr einem Skelett.

 Das Mädchen schüttete heißes Wasser in eine Tasse, schien heiße Schokolade zuzubereiten. Es war die selbe Szene, die sich vor Kurzen im Nebenzimmer zugetragen hatte, nur waren die Positionen verdreht und er selber war nicht anwesend. „ Ich mach ihnen was zum Essen“, sagte das junge Mädchen. Dann verschwamm das Traumbild nochmals.

Schreie waren nun zu hören, Schreie eines jungen Mädchens, das unter Schmerzen leiden musste, doch waren noch keine Bilder erkennbar. Doch es musste etwas Schreckliches vor sich gehen, denn nun kamen auch wüste, obszöne Beschimpfungen hinzu, von einer Stimme die ihm zu gut bekannt war.

Es war die Lupos. Nun wurde auch dieses Bild deutlich und offenbarte die Untat, die vor sich ging. Es geschah wohl in einer Grotte oder Ähnlichem. Am Boden kauerte ein Mädchen. Lupo beugte sich darüber mit einer blutbefleckten Klinge in der Hand und sprach:

„Es war so ein hübsches Gesicht. Schade darum. Aber warum musstest du dich wehren?“ Der wimmernde Körper drehte sich um und offenbarte das entstellte Gesicht, das von Messerschnitten verunziert war. Dennoch war es noch als das des Mädchens vom Straßenrand erkennbar.

In diesem Moment verschwammen die Bilder abermals. Nun lief alles wie in einer Trailershow ab. Ein Bild folgte dem anderen. Das schreiende Mädchen, Lupo der Schänder, das Messer, die zarte Hand des Mädchens, die danach griff, es in den Leip ihres Peinigers stieß. Der Kroate fiel zu Boden und etwas aus seiner Tasche. Ein Schlüssel, der in einen kleinen Spalt rutschte. Ein weiteres Bild folgte sofort. Es fokussierte eine Tür in der Grotte an. Dann wieder ein Bild des Mädchens wie es an der Tür rüttelte und schrie. Zunächst noch laut, doch dann wurden die Schreie schwächer und schwächer. Schließlich verstummten sie.

Dann erschien ein letztes Bild, das das leblose Mädchen zeigte, bis die Traumbilder endgültig verschwanden. Just in diesen Moment wachte Altmann wieder auf und ihn überkam sofort ein Brechreiz. Er machte sich nicht die Mühe es zu unterdrücken. Er hatte schon einiges gesehen und konnte viel verkraften, doch die Bilder, die gerade vor ihm abliefen überschritten sein Maß des Ertragbaren.

Doch die Bilder machten ihm einiges klar und im Inneren wusste er, dass die alte Frau keinesfalls verrückt war, doch wollte er nicht daran glauben. Aber er musste sie noch mal aufsuchen. Nun bemerkte er erst, dass Lupo nicht mehr in seinem Bett lag. Das Grauen kam wieder ihn ihm auf, stärker als jemals zuvor. Er wusste nun allerdings auch, dass er allen Grund dazu hatte.

Dennoch fasste der deutsche Geschäftsmann die letzten kümmerlichen Reste seines Mutes und verließ das Zimmer, ging den Gang entlang, stoppte an seinem Zimmer. Das Mädchen war ebenfalls verschwunden.

Wenn das Grauen, das ihn ergriffen hatte, nicht schon längst seinen Zenit erreicht hätte, dann wäre dies nun Grund genug, es nochmals zu steigern. Er ging die Treppe hinab, durch die Kneipe und der Eingangshalle hinaus in die verregnete Nacht. Das Unwetter hatte jetzt noch mal ein gutes Stück zugenommen. Er gerade über die Türschwelle gekommen als er hinter sich die Stimme Lupos vernahm:

 „Lars bleib stehen. Du musst einem kleinen Mädchen noch helfen. Es hat Hunger.“ Er drehte sich um und was er dort sah jagte ihm fast den nächsten Brechreiz hoch, wobei er es dieses Mal unterdrücken konnte. Lupo stand dort, der Kopf aufgeschlagen, wahrscheinlich geschehen bei dem Sturz, den die Traumbilder zeigten. Der Bauch offenbarte ebenfalls eine offene Wunde.

Neben dem Mann stand das Mädchen, nun nicht mehr verdeckt in ihrer traurigen Gestalt wie er sie auffand. Sie war jetzt genau das, was sein erster Traum ihm offenbarte. Eine entstellte Kreatur, deren Augen nur Hass und Boshaftigkeit ausstrahlten. Lars wusste, dass er laufen sollte, doch welchen Zweck hatte dies? Sie hatten es auf ihn abgesehen und sie würden ihn kriegen.

Er konnte nur noch dastehen und Lupos weiteren Worten lauschen: „Weißt du, irgendwie hat mich doch das Gewissen geplagt, nachdem ich so unglücklich gefallen bin. Es war doch nur ein kleines Mädchen. Nun bin ich verdammt für sie zu sorgen. Alles tu ich für sie. Ich füttere sie, auf dass sie wieder ein wenig zunimmt. Aber das Fleisch eines Schänders muss wohl alles andere als wohlschmeckend sein.

Besser schmeckt da schon das Gefühl von Mitleid. Es verleiht ein einzigartiges Aroma. Du warst so gut zu ihr. Hast sie an deiner Seite geführt. Nun wirst du ihr noch einen letzten Gefallen tun. Sie hat Hunger. Hat lange niemanden gefunden, der Mitleid mit ihr zeigte. Wie egoistisch die Leute sind. Lassen ein hilfloses Mädchen am Straßenrand stehen, nur weil ihr Erscheinungsbild nicht das Beste ist. Also wirst du ihr jetzt helfen.“

Kaum hatte der tote Mann zu ende gesprochen, begann das Mädchen, sofern es noch als solches benennbar war auf Altmann zuzugehen, den Mund offen, die grässlichen Zähne zeigend. Altmann hatte keine Kraft mehr zu laufen. Das war sein tot. Doch etwas hatte er gelernt. Er erinnerte sich an Worte, die ihn sein Vater einmal gesagt hatte.

 „Eine gute Tat hat noch nie etwas gebracht. Wer Mitleid zeigt, ist meist der Bestrafte und der den man geholfen hat, der lacht natürlich, weil er einen Dummen gefunden hat.“ Damals fand er diese Worte äußerst zynisch, doch nun wusste er: Sie sind war.
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Plague Rat
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BeitragVerfasst am: 15.08.2007 15:41    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

OK, dies ist nun die entgültige Fassung, es wäre nach wie vor schön, wenn sich jemand die Zeit nimmt sie zu rezessieren.


Lars Altmann hasste es bei Nacht in schweren Gewittern noch mit dem Auto unterwegs zu sein. Die schweren Regentropfen prasselten gegen die Frontscheibe und nahmen nahezu völlig die Sicht, was gerade auf der kroatischen Küstenstrasse äußerst gefährlich war. Aber er musste heute noch Split erreichen, denn es gab noch Wichtiges zu erledigen.

Nikola Milovic, ein langjähriger Geschäftspartner wollte tatsächlich eines seines Hotels auf Krk verkaufen frei und bot es ihm gleich zu einem Freundschaftspreis an. Angeblich lief das Hotel nicht allzu gut aber Lars kannte das Hotel und die Umgebung schon und wusste, dass es noch mehr herauszuholen gab.

Nur hatte Nikola nie genug Kapital gehabt, um das Potential der Anlage voll auszuschöpfen. Er dagegen hatte stets genug Geld und konnte das Hotelimperium, dass ihm sein Vater Richard hinterließ weiter ausbauen und er verdiente daran noch mehr. Dennoch war es Lars Priorität sich nicht auf das Geschäftlich zu konzentrieren. Er hatte sich ständig Zeit für seine Familie, seine Frau Elisabeth und seine zwei Kinder Sarah und Vinzent zu nehmen.

Diese Reise sollte auch vorerst die letzte sein. Man hatte ihm ein Angebot für ein Grundstück in Graz gemacht und er wollte persönlich vorbeifahren und dieses begutachten- nur um enttäuscht zu werden, denn das  „ grünflächige und idyllische Grundstück“, wie man ihm versprochen hatte stellte sich als eine ziemliche Schutthalde heraus, deren Rasen vielleicht die Größe eines Gartenpools hatte- wenn überhaupt.

Dennoch hatte die Fahrt etwas Gutes. Lars konnte immerhin noch ein paar Tage am Meer verbringen und er hatte Nikola getroffen, der ebenfalls geschäftlich unterwegs war. In Graz hatte er ihm auch das besagte Hotel angeboten und Lars zögerte nicht, vor allem weil der Preis sehr günstig war. Allerdings gab es auch noch einen zweiten Interessenten, doch an dessen Namen konnte er sich nicht mehr erinnern.

 Die Uhr zeigte elf. Um 5 Uhr sollte Lars in Split antreffen, ansonsten würde Nikola, so hatte er es ihm ausdrücklich gesagt weiterreisen und das Geschäft mit dem anderen Kerl abschließen. Normaler weise könnte  dieses Ultimatum mit Leichtigkeit eingehalten werden, doch das Unwetter, das äußerst überraschend aufzog, zwang dazu das Fahrttempo drastisch zu drosseln und so machte sich der Geschäftsmann doch langsam sorgen, denn es war noch eine langer Weg nach Split. „Scheiß Sauwetter“. Solche Regenfälle nervten ihn immer wieder. Der Regen ließ leicht nach war aber immer noch recht heftig. Lars verspürte nun auch die ersten Anzeichen von Müdigkeit, die sich in ihm ausbreitete, doch er wollte die Strecke noch zu Ende fahren.

 Wer war das dort vorne? Jemand stand bei diesem Wetter an den Felsen am Straßenrand, doch der Regend verhinderte, dass man Genaueres erkennen konnte. Lars bremste langsam und jetzt erkannte er auch, dass dort eine Frau stand.
Er kurbelte das Fenster runter und rief ihr zu: „Was machen sie dort draußen bei dem Wetter. Kann ich sie mitnehmen?“
Die Frau kam langsam auf den Porsche zu und er konnte im schein der Lichter ihre Gestalt wahrnehmen. Es war keine Frau sondern ein junges Mädchen, 15 hochgeschätzt.
Sie stand nun direkt am Auto in kurzem Rock und T-Shirt. Aufgrund dieser Kleidung war zu schließen, dass auch sie vom Unwetter überrascht wurde.

Sie stand hier nun zitternd ihn ihrer gebrechlichen Gestalt. So ließ es sich sagen, waren ihre Arme und Beine doch ziemlich dünn und Lars vermutete die Magersucht an ihr. Er hatte bereits eine Reportage darüber gesehen und die gezeigten Mädchen waren kaum dürrer als dieses, das nun da stand, ihre braunen Haare ihr in das Gesicht hängend mit einem Blick der um Hilfe bettelte doch keine Bitte kam dazu.

 Das Mädchen stand nur dort vor dem Scheinwerfer, stumm und frierend. „ Was machst du hier draußen auf der Küstenstraße?“ Sie antwortete auch darauf nicht. „ Wie heißt du?“ Wieder keine Antwort. Verstand sie ihn überhaupt? Er gab ihr ein Zeichen einzusteigen und sprach ihr abermals zu: „Komm steig ein, dann bring ich dich ins nächste Dorf“. Die Unbekannte schien zumindest das Zeichen zu verstehen und stieg nun langsam in den Wagen und setzte sich auf den Beifahrersitz, sprach dabei auch weiterhin kein Wort.

Die weiterer Fahrt  verlief kommunikationslos und allmählich kam in dem Deutschen eine gewisse Unsicherheit auf. Dabei konnte er  nicht davon ablassen weiterhin über die fremde, traurige Gestalt, die hier so stumm und abgemagert  neben ihn sitze nachzudenken: „ Wo kommt dieses Mädchen her und wie gelangt sie so einsam hier mitten auf die Küstenstraße. Wer ist sie überhaupt“.
Diese Fragen und mehr verschwanden allerdings aus seinen Gedanken als er vor sich die Lichter des nächsten Dorfes erblickte. Dort konnte er diese seltsame Gestalt neben ihm absetzen und darüber war er froh, denn seine Unsicherheit, die seine Beifahrerin in ihm hervorrief ging bereits langsam darauf zu in ein Angstgefühl
umzuschlagen.

Doch nun fühlte er sich erleichtert, dass er seine Fahrt  bald wieder alleine fortsetzen konnte. „ OK. Da vorne ist ein Dorf. Dort setze ich dich aus und fahr alleine weiter.“ Der Porsche passierte das Ortsschild und hielt an einem beleuchteten Gehweg.
„ Ich denke hier wird man dir helfen. Du kannst aussteigen.“
Das Mädchen machte keinerlei Anstalten den Wagen zu verlassen. „ Du kannst nun aussteigen. Ich kann dir auch nicht weiter helfen.“ Sie rührte sich weiterhin nicht und
reagiere auch nicht auf ein Handzeichen.

Dabei wirkte ihre Gestalt im Schein der Straßenlaterne nun noch trauriger und in Altmann kam bereits Mitleid mit dieser gebrochen, jungem Ding als ein bärtiger, dickerer Mann an das Auto trat und auf deutsch fragte: „ Haben sie heute noch vor die Straße hier weiter zu fahren?“ „ Da wollte ich schon noch. Ich muss bis um 5 Uhr in Split sein.“ „ Tja, das wird wohl nichts die Straße ist blockiert. Sind paar Felsen abgebrochen. Ist kein Durchkommen mehr“.

Auf diese Aussage entfielen Altmann zunächst die Worte, folgte jedoch kurz darauf ein Schwall wüster Flüche. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte richtete er sich wieder an den Mann: „ Was soll ich jetzt machen ich hab bis zum Morgengrauen etwas Wichtiges zu erledigen.“ „ Da haben sie wohl Pech gehabt. Bis 5 Uhr würden sie es eh nicht mehr nach Split schaffen. Sie sollten lieber hier im Dorf pausieren.“ Kaum hatte der Mann zu Ende gesprochen fielen nochmals einige derbe Kraftausdrücke.
Schließlich erlange der Hotelier seine Fassung wieder. „ Wo können wir schlafen?“, frage er. „ Ich führe sie in eine nette Herberge“. Nachdem der Wagen geparkt war führte der Mann, der sich als Lupo vorgestellt hatte die beiden Ankömmlinge zu einer kleinen Herberge.

Lars hatte inzwischen so viel Mitleid mit dem rätselhaften Mädchen, dass er beschloss sie doch noch eine Zeit lang an seiner Seite mitzuführen und so mietete er ein Doppelzimmer. Jedem in der Herberge war anzusehen wie sie seine seltsame Begleiterin nachstarrten und es schien als würde sie die ehemals gemütliche Atmosphäre der Kneipe mit einer Eiseskälte durchziehen, so dass einige Menschen den Raum sofort verließen. Den deutschen Mann indessen beachtete man nicht.
Dieser fluchte später am Abend immer noch innerlich, da er nun ein gutes Geschäft
verpassen würde.

 Seine Anhalterin saß weiterhin nur da, stumm und mit ihrem stet traurigen Blick, der nun allerdings nicht mehr so erweichend wirkte. Nun wirkte ehr eher eisig und der selbe Schauer, der sich schon in er Schankstube bereitgemacht hatte durchzog nun das Zimmer und erfasste auch den Mann, der daraufhin seinen Zorn über das verpatzte Geschäft vergas.

Er wollte die Nach nun nicht mehr mit dem Mädchen in einem Zimmer verbringen. Sämtliches Mitleid war nun verschwunden. Er fühlte nur noch Angst, die ihm während der Fahr schon fast ergriffen hätte, die sich nun in Panik zu steigern drohte, so dass er das Zimmer verließ. Die magere Gestalt bleib alleine zurück, ohne sich zu bewegen oder ein Laut von sich zu geben.

Altmann wollte nicht mehr in das Zimmer zurück. Er hätte gern die ganze Nacht hier unten in der Kneipe verbracht, doch Menschen zum unterhalten waren keine da, ja nicht mahl der Wirt war mehr anwesend. Das ganze Haus war Menschenleer- oder waren alle schon schlafen gegangen? Das war es wohl.

 In dem Moment hörte er Schritte. Langsam kamen sie die Treppe herab. Es war das Mädchen. Doch nicht das, welches Lars am Straßenrand aufgefunden hatte. Es war nicht die traurige Gestalt mit dem bemitleidenswerten Blick, denn dieser strahlte nun
etwas völlig Anderes aus.

Es war das Böse, das in diesen Augen lag, ein Grauen, das ihn nun fest fixierte, während sie sich ihm weiter näherte, Schritt um Schritt. Die Panik, die sich schon auf dem Zimmer in ihm breitmachen wollte ergriff kam nun direkt über ihn. Er wollte weglaufen, doch das Folgende hinderte ihn daran.

Das Mädchen sprach:
„Hab Mitleid mit mir. Stille meinen Hunger.“ Diese Worte faszinierten ihn, weniger des Inhalts, den der machte für ihn keinen Sinn. Was sollte dies bedeuten? Doch diese wenigen Worte aus dem Mund dieser jämmerlichen Gestalt vor ihm, die nun direkt bei ihm stand wurden von einer Aura der Trauer begleitet, ausgelöst von einer Stimme, in der unendliches Leid steckte. Altmann spürte, wie seine Panik verschwand.
 
Jetzt war es nicht mal mehr Angst, sondern nur noch Verunsicherung, welche ebenfalls bald verflog. Nun blieb wieder nur noch Mitleid für dieses Mädchen, obwohl die Augen ihn immer noch mit einer einzigartigen Bösartigkeit anstarrten, doch er konnte sich der Wirkung dieser geplagten Stimme nicht entziehen.

 Altmann saß nun da, unfähig ein Wort zu sprechen, den Blick nur an das Mädchen geheftet, welches sich nun langsam über ihn beugte. Es flüsterte ihm nochmals zu: „Stille meinen Hunger“.  Sie beugte ihr zerschnittenes Gesicht über ihn.
Dann  verspürte er wie sich ihr Mund an seinen Hals setzte, zunächst noch zärtlich, dann übergehend in einen heftigen Schmerz, als sich ihre Zähne hinein gruben, tiefer und tiefer, bis sie mit einem Ruck zurück zog und den Kopf wieder erhob, der Mund gefüllt mit seinem Fleisch aus seinem Hals, an dem nun die große Bisswunde aufklaffte, aus der Blut in Mengen strömte.

Der Gebissene hielt seine Hand, welche sich daraufhin ebenfalls rot färbte an die Bissstellen und war nun nur noch dazu fähig seine Hand anzustarren.
 Das Blut, der Schmerz, das Mädchen das dort stand, welches nur noch wenig eines Menschen an sich hatte mit ihren Augen, in denen das Böse funkelte, den nun verzerrten Mund, gespickt mit den spitzen Zähnen eines Raubtiers, immer noch kauend auf seinem Fleisch. Er  kam sich vor wie in einem Albtraum.

Und genau das war es, was der Geschäftsmann feststellen musste als er aufwachte. „O Gott, was für ein grauenhafter Traum“. Mehr Worte brachte er momentan auch nicht zustande. Der Traum wirkte so real, es kam ihn vor, als wäre er wirklich mitten im Geschehen eingeschlossen gewesen. Er musste vorhin wohl eingeschlafen sein.

 Wie viel Uhr es jetzt wohl sein könnte? Diese frage konnte er sich nicht beantworten, da er seine Uhr im Wagen vergessen hatte, wie er nun feststellen musste und ihn dieser Kneipe hing auch keine Uhr. Der Traum, so schien es, wirkte auf Lars derart verstörend, so dass er kaum die Kraft aufbrachte aufzustehen. Er saß nur da, sah in den menschenleeren Raum während einzig der schreckliche Traum, den er gerade erlitt, der so erschreckend real wirkte, seine Gedankengänge durchlief.

Wie lange mochte er schon dort sitzen? Er schien jegliches Zeitgefühl verloren zu haben. Schließlich schaffte er es, nach wie vielen Minuten oder Stunden auch immer, er konnte es nicht sagen, sich zu erheben und verließ die Herberge.

 Jetzt wollte er erst recht nicht mit dem Mädchen, das noch oben im Zimmer verweilte, wahrscheinlich immer noch stumm sitzend auf ihrem Bett, alleine an einem Ort sein und so beschloss er die Straßen abzusuchen in der Hoffnung, doch noch einen Menschen vorzufinden und auch wenn er ihn nicht verstehen konnte, er wäre nun über jede Gesellschaft glücklich, solange er nicht mit dieser Person, die dort oben im Zimmer wartete alleine sein musste. Wirkliche Hoffnungen, irgendein Anzeichen von Leben auf den Straßen vorzufinden machte er sich keine und seine Erwartungen wurden nicht enttäuscht.

 Die Stadt wirkte wie leergefegt, was eigentlich bei dem strömenden Regen kein Wunder war, das es ja dazu auch noch sehr spät sein musste, doch auch die Häuser wirkten leer. Nirgendwo drang Licht auf die Straße, als ob die Stadtbevölkerung in einen einzigen Moment ausgelöscht worden ist. Selbst die anderen Gasthäuser waren ohne jegliches Leben, wie er feststellen musste als er die Straßen entlangging um sich in diesem Dorf umzusehen.

 Doch was war das? Ein kleiner Lichtschein blitzte durch ein Fenster hervor, das, aus welchem Grund auch immer mit Holzlatten verbarrikadiert war. Dort schien noch jemand wach zu sein.

 Der Mann der hier so einsam durch die Straßen schritt auf der Suche nach menschlicher Gesellschaft schöpfte neue Hoffnung, dass man ihn vielleicht dort bis zum Morgengrauen aufnehmen würde. Doch keinesfalls wollte er ihn die Herberge zurück. Er ging über die verregnete, mittlerweile bereits halb gefluteten Straße auf das Haus zu bis er vor der Tür stand. Der begann in den Moment nochmals stärker zu werden. Wahrscheinlich wäre die Straße bis morgen kaum mehr passierbar, ohne in irgendeiner Weise nass zu werden.

 Er klopfte. Nichts rührte sich in dem Haus. Zumindest hörte er nichts. Er klopfte abermals. Wieder nichts. Dann versuchte er es noch ein drittes Mal, ein letztes Mal. Nun hörte er doch von Innen Schritte, die sich langsam der Tür näherten. Kurz darauf öffnete sie sich ein Spalt und eine Stimme, alt und verbittert sprach heraus:

„Verschwinde von hier. Verschwinde, bevor die Geschändete ihr Gesicht zeigt. Damit verdammst du uns.“ Lars wusste nicht was oder ob er überhaupt auf diese Worte antworteten sollte, die so überraschend kamen und keinen Sinn zu machen schienen. Doch die alte Frau, nun erkannte er ihr Gesicht sprach weiter: „Sie wurde geschändet und starb weil sie Mitleid zeigte, weil sie einen Mann vor dem Hungertod bewahrte und ihr darauf das selbige widerfuhr. Verschwinde, verdammt bist du schon. Nun bringe nicht noch die Dorfbewohner in Gefahr.“

Das wurde dem Geschäftsreisenden nun dann doch zu viel. Diese Frau war irre. Solch einen Irrsinn hatte er seiner Lebtage noch nicht anhören müssen, sofern sich darin überhaupt ein Sinn verbarg. Er rannte nun von diesem Haus weg, hörte die Frau hinter ihm noch etwas rufen, doch er vernahm es schon nicht mehr. Er rannte durch den strömenden Regen, durch die verdunkelten Straßen zur Herberge zurück. Er verfluchte in diesem Moment seine eigene Logik, zu dem Ort zurückzukehren, den er die restliche Nacht meiden wollte.

Doch nun brauchte er einen Platz an dem es Licht gab. Er sah die Herberge schon und befürchtete, er würde wieder von dem eiskalten Grauen empfangen werden, welches diesen Ort den Abend durchzog, doch er war überrascht, als er eintrat.

 Er spürte keinerlei Angst, ja nicht einmal Besorgnis. Im Gegenteil. Die Atmosphäre schien sich nun komplett gewandelt zu haben und er spürte sogar eine innerliche Wärme. Er ging nun auch ohne zu zögern die Treppe hinauf zu seinem Zimmer, zu dem geheimnisvollen Mädchen, wo er Schritte hörte und wie ein Lied gepfiffen wurde. Kann das sein? Sollte sie sich von ihrem Platz erhoben und zu einem fröhlichen Lied angestimmt haben? Als er allerdings im Zimmer ankam, erkannte er, wer der Verursacher der Geräusche war.

 Dort im Zimmer stand Lupo und schien etwas zuzubereiten. Das Mädchen indessen saß weiterhin auf ihrem Platz, doch etwas hat sich in ihrem Blick verändert. Die Trauer schien ein wenig zurückgegangen zu sein, ja er nahm fast so was wie Fröhlichkeit war. Dann wendete er sich an Lupo: „Hallo Lupo. Was machst du denn hier.“

Er antwortete: „Ich wollte mal nach den Neuankömmlingen sehen, aber das Mädchen war alleine hier. Sah ziemlich traurig aus.“ „Das macht sie schon die ganze Nacht. Ich hab sie alleine auf der Küstenstraße gefunden und dann mitgenommen. Weiß auch nicht wo sie herkommt. Sie spricht ja auch nichts und wenn würde ich es wahrscheinlich nicht verstehen. Was machst du eigentlich hier mit dem Wasserkocher?“ „Ich hab ihr ein bisschen heiße Schokolade zubereitet. Hat schon drei Tassen getrunken. Kein Wunder, wenn sie bei dem Wetter draußen herumstand. Sie sieht auch nicht gut aus, ziemlich dürr ist sie.“

Die nächste Stunde, vielleicht war es eine Stunde denn Lupo hatte ebenfalls kein Uhr bei sich verlief recht gemütlich. Lars und der deutsch sprechende Kroate saßen beisammen unterhielten sich über die verschiedensten Themen. Das Mädchen sprach zwar weiterhin kein Wort doch sie blickte immerhin zu den beiden Männern auf und einmal schien sie fast daran zu sein ein kurzes Lächeln von sich zu geben.

 „Da, wie sich freut. Aber so eine heiße Schokolade hilft ja oft. Gott, dass Mädel wirkte so bemitleidenswert, da musste ich mich einfach um sie kümmern. Und je mehr sie sie dann auch gelächelt hatte, desto motivierter war ich dann natürlich auch. Es gibt nichts Besseres, als ein kleines Mädchen glücklich zu machen.“

Solche Sätze gab der Kroate während ihrer Unterhaltung des Öfteren von sich und schwärmte ebenfalls immer wieder von der Wirkung guter, heißer Schokolade. Dabei hob sich die Stimmung des deutschen Mannes mit jeder Minute mehr. Von der Angst, die das unbekannte Mädchen, das neben ihnen saß in ihm weckte war kaum mehr was übrig. Er wollt Lupo eigentlich noch von der Frau und ihren wirren Worten erzählen, doch seine Stimmung schien für heute Nacht ihren Höhepunkt erreicht zu haben, weshalb er dieses seltsame Erlebnis doch nicht ansprach.
 „Entschuldigt mich mal kurz. Ich muss mal auf die Toilette.“ Mit diesen Worten verließ der Einheimische das Zimmer und der Deutsche war mir dem Mädchen wieder alleine im Zimmer. Zu einem früheren Zeitpunkt hätte ihn wieder die Angst ergriffen, doch nun war er noch nicht mal beunruhigt, lächelte sie an und sie lächelte zurück.

 Doch es war kein Lächeln wie eines, mit der man Freude oder Zufriedenheit ausdrückt. Es war ein Lächeln, das seine Stimmung mit einem Ruck wieder herunterriss, was noch untertrieben war, denn langsam packte ihn wieder ein Schauer, der früher am Abend bereits die Räume durchzog. Das Mädchen, das vor ihm saß, das während Lupos Anwesenheit so freundlich lächelte kaum mehr an die traurige Gestalt am Straßenrand erinnerte, währe sie nicht so abgemagert, dieses Mädchen verzog ihr Gesicht nun zu einem hämischen Grinsen und offenbarte ihre Zähne, ihre spitz zulaufende Zähne.

Ihre Augen hatten sich ebenfalls verändert. Es war nicht der Blick wie der während ihrer Unterhaltung, der schon fast Freude ausstrahlte. Es war aber auch nicht der traurige, kummervolle Blick, den sie anfangs von sich gab. Es war ein bösartiger Blick, der diabolische Absichten zu verraten schien. Das alles war der totale Gegenkontrast zu dem Mädchen, was die letzte Stunde stumm ihre Unterhaltung lauschte.

Es war fast wie (…) – nein es war die grauenhafte Gestalt aus seinem Traum. Zumindest glaubte er dass. Dieses verzogene Gesicht, die komplette Umwandlung von einer Gestalt in die andere, das Alles passierte in einem kurzen Moment, einer Sekunde, wenn überhaupt. Hatte er sich das vielleicht doch nur eingebildet? Vielleicht, aber die Angst, das Grauen, das ihn heute schon einmal um ihn griff, kam erneut auf. Die gemütliche Atmosphäre, die sich in der Gesellschaft Lupos gebildet hat, die innerliche Wärme, das alles verflog nach diesem kurzen Moment. Er wollte schon dazu ansetzen aufzuspringen und schnellstmöglich die Herberge wieder zu verlassen, da kam in dem Moment der Kroate wieder herein.

„So, da bin ich wieder. Hoffe ihr habt euch gut unterhalten. Sorry, kleiner Scherz.“ Diesen Spruch fand Lars alles andere als lustig. „Lars, ich bin jetzt müde. Ich gehe ins Bett. Hab das Zimmer nebenan gemietet, bis ich eine geeignete Hütte finde. Bin nämlich auch erst seit drei Tage hier und schau mich ein wenig in der Umgebung um, wo es sich am besten leben lässt. Also, gute Nacht.“

„ Lupo, kann ich heute bei dir im Zimmer schlafen. Von mir aus auch auf dem Boden?“ „Warum den das?“ „Na ja, das Mädchen braucht doch ein bisschen Ruhe und ich schnarch doch so laut also…ähh...sie braucht halt  Ruhe“. Für diese Begründung musste sich Lars selbst innerlich rügen: „Gott, Lars du dämlicher Vollidiot“.

 Doch er wollte um nichts in der Welt das Zimmer mit diesem Mädchen teilen. Schließlich gelang es ihm doch Lupo davon zu überzeugen und er erlaubte ihm, die Nacht in seinem Zimmer zu verbringen, jedoch blieb ihm zum Hinlegen nur eine Decke, aber das war ihm egal. Schlafen wollte er nicht. Die Angst vor dem, das ein Zimmer neben ihm lag war zu groß.

Vielleicht bildete er sich doch nur etwas ein, doch er spürte deutlich, das von dem Mädchen etwas böses ausging. Hat es, was immer es war Lupo etwas vorgespielt? Nun kamen ihm wieder die Worte der alten Frau in den Sinn. Das Mädchen wäre die Geschändete. Was bedeutete dies? Er spürte, wie die Müdigkeit über ihn kam, doch das war nur eine Frage der Zeit, hatte er immerhin seit wie vielen Stunden nicht mehr geschlafen? Auch das wusste er nicht mehr. Der Kampf gegen die Müdigkeit ging weiter, doch schließlich war es vergeblich und er schlief schlussendlich doch ein.

Altmann tauchte ein in eine Traumwelt. Vor im verschwammen die Bilder. Noch war alles unklar, doch langsam mit jeder Sekunde wurden die Bilder deutlich. Er sah Lupo und das Mädchen, doch völlig anders als er beide kannte. Sie war nicht die abgemagerte, traurige Gestalt, wie er sie vorgefunden hatte. Dafür glich er diesem Erscheinungsbild umso mehr. Lupo saß da ohne Hemd, sodass man erkennen konnte, wie deutlich die Rippen zu sehen war. Eigentlich glich dieser Mann mehr einem Skelett.

Das Mädchen schüttete heißes Wasser in eine Tasse, schien heiße Schokolade zuzubereiten. Es war die selbe Szene, die sich vor Kurzen im Nebenzimmer zugetragen hatte, nur waren die Positionen verdreht und er selber war nicht anwesend. „ Ich mach ihnen was zum Essen“, sagte das junge Mädchen. Dann verschwamm das Traumbild nochmals. Schreie waren nun zu hören, Schreie eines jungen Mädchens, das unter Schmerzen leiden musste, doch waren noch keine Bilder erkennbar.

Doch es musste etwas Schreckliches vor sich gehen, denn nun kamen auch wüste, obszöne Beschimpfungen hinzu, von einer Stimme die ihm zu gut bekannt war. Es war die Lupos. Nun wurde auch dieses Bild deutlich und offenbarte die Untat, die vor sich ging. Es geschah wohl in einer Grotte oder Ähnlichem. Am Boden kauerte ein Mädchen. Lupo beugte sich darüber mit einer blutbefleckten Klinge in der Hand und sprach: „Es war so ein hübsches Gesicht. Schade darum. Aber warum musstest du dich wehren?“ Der wimmernde Körper drehte sich um und offenbarte das entstellte Gesicht, das von Messerschnitten verunziert war. Dennoch war es noch als das des Mädchens vom Straßenrand erkennbar.

In diesem Moment verschwammen die Bilder abermals. Nun lief alles wie in einer Trailershow ab. Ein Bild folgte dem anderen. Das schreiende Mädchen, Lupo der Schänder, das Messer, die zarte Hand des Mädchens, die danach griff, es in den Leib ihres Peinigers stieß. Der Kroate fiel zu Boden und etwas aus seiner Tasche. Ein Schlüssel, der in einen kleinen Spalt rutschte. Ein weiteres Bild folgte sofort. Es fokussierte eine Tür in der Grotte an. Dann wieder ein Bild des Mädchens wie es an der Tür rüttelte und schrie. Zunächst noch laut, doch dann wurden die Schreie schwächer und schwächer. Schließlich verstummten sie.

Dann erschien ein letztes Bild, das das leblose Mädchen zeigte, bis die Traumbilder endgültig verschwanden. Just in diesen Moment wachte Altmann wieder auf und ihn überkam sofort ein Brechreiz. Er machte sich nicht die Mühe es zu unterdrücken. Er hatte schon einiges gesehen und konnte viel verkraften, doch die Bilder, die gerade vor ihm abliefen überschritten sein Maß des Ertragbaren.

Doch die Bilder machten ihm einiges klar und im Inneren wusste er, dass die alte Frau keinesfalls verrückt war, doch wollte er nicht daran glauben. Aber er musste sie noch mal aufsuchen. Nun bemerkte er erst, dass Lupo nicht mehr in seinem Bett lag. Das Grauen kam wieder ihn ihm auf, stärker als jemals zuvor. Er wusste nun allerdings auch, dass er allen Grund dazu hatte. Dennoch fasste der deutsche Geschäftsmann die letzten kümmerlichen Reste seines Mutes und verließ das Zimmer, ging den Gang entlang, stoppte an seinem Zimmer.

Das Mädchen war ebenfalls verschwunden. Wenn das Grauen, das ihn ergriffen hatte, nicht schon längst seinen Zenit erreicht hätte, dann wäre dies nun Grund genug, es nochmals zu steigern. Er ging die Treppe hinab, durch die Kneipe und der Eingangshalle hinaus in die verregnete Nacht. Das Unwetter hatte jetzt noch mal ein gutes Stück zugenommen. Er gerade über die Türschwelle gekommen als er hinter sich die Stimme Lupos vernahm:

„Lars bleib stehen. Du musst einem kleinen Mädchen noch helfen. Es hat Hunger.“ Er drehte sich um und was er dort sah jagte ihm fast den nächsten Brechreiz hoch, wobei er es dieses Mal unterdrücken konnte. Lupo stand dort, der Kopf aufgeschlagen, wahrscheinlich geschehen bei dem Sturz, den die Traumbilder zeigten. Der Bauch offenbarte ebenfalls eine offene Wunde die vom Messerstich stammen musste. Auf seinem Hals klaffte ebenfalls eine Wunde. Es schien als hätte er sich (…) – nein das sah nach einer Bisswunde aus.
 
Neben dem Mann stand das Mädchen, nun nicht mehr verdeckt in ihrer traurigen Gestalt wie er sie auffand. Sie war jetzt genau das, was sein erster Traum ihm offenbarte. Eine entstellte Kreatur, deren Augen nur Hass und Boshaftigkeit ausstrahlten. Lars wusste, dass er laufen sollte, doch welchen Zweck hatte dies? Sie hatten es auf ihn abgesehen und sie würden ihn kriegen. Er konnte nur noch dastehen und Lupos weiteren Worten lauschen:

„Weißt du, irgendwie hat mich doch das Gewissen geplagt, nachdem ich so unglücklich gefallen bin. Es war doch nur ein kleines Mädchen. Nun bin ich verdammt für sie zu sorgen. Alles tu ich für sie. Ich füttere sie, auf dass sie wieder ein wenig zunimmt. Aber das Fleisch eines Schänders muss wohl alles andere als wohlschmeckend sein.

Besser schmeckt da schon das Gefühl von Mitleid. Es verleiht ein einzigartiges Aroma. Du warst so gut zu ihr. Hast sie an deiner Seite geführt. Nun wirst du ihr noch einen letzten Gefallen tun. Sie hat Hunger. Hat lange niemanden gefunden, der Mitleid mit ihr zeigte. Wie egoistisch die Leute sind. Lassen ein hilfloses Mädchen am Straßenrand stehen, nur weil ihr Erscheinungsbild nicht das Beste ist. Also wirst du ihr jetzt helfen.“

Kaum hatte der tote Mann zu ende gesprochen, begann das Mädchen, sofern es noch als solches benennbar war auf Altmann zuzugehen, den Mund offen, die grässlichen Zähne zeigend. Altmann hatte keine Kraft mehr zu laufen. Das war sein tot. Doch etwas hatte er gelernt. Er erinnerte sich an Worte, die ihn sein Vater einmal gesagt hatte.

„Eine gute Tat hat noch nie etwas gebracht. Wer Mitleid zeigt, ist meist der Bestrafte und der den man geholfen hat, der lacht natürlich, weil er einen Dummen gefunden hat.“ Damals fand er diese Worte äußerst zynisch, doch nun wusste er: Sie sind war.
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Brynhilda
Felix Aestheticus

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Edgar Allan Poe (1809 bis 1849) - Zum 200. Geburtstag
BeitragVerfasst am: 15.08.2007 17:16    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Christian!

Deine Überarbeitung ist ja ganz schön umfangreich geworden. Eigentlich ein wenig zu viel für einmal. (Ich erinnere gern an dieser Stelle noch mal an die 500-Wörter-Regel!)

Ich will deine Geschichte trotzdem lesen, weil sie mich interessiert. Nur habe ich auch noch andere Dinge zu erledigen, deshalb wird das eine Weile dauern. (9 Seiten wollten schließlich auch in Ruhe gelesen werden.)
Also, wer lange Texte schreibt, braucht auch Geduld.

Bis dahin viele Grüße,
Ilka
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Plague Rat
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BeitragVerfasst am: 15.08.2007 19:27    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ja, das wurde doch noch ne ganze Menge, deshalb werde ich meine nächste Geschichte auch besser in mehreren Teilen veröffentlichen. Den ersten hab ich scho reingesetzt.
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Plague Rat
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Wohnort: Im Asylum


BeitragVerfasst am: 16.08.2007 09:29    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Es war fast wie (…) – nein es war die grauenhafte Gestalt aus seinem Traum.

Ich hätte mal ne frage. Wenn ich wie hier einen Satz anfangen will, und dann mittendrin abbreche, um eine andere Aussage einzuschieben, wie muss das formell genau aussehen.
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Brynhilda
Felix Aestheticus

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Edgar Allan Poe (1809 bis 1849) - Zum 200. Geburtstag
BeitragVerfasst am: 16.08.2007 11:03    Titel: Antworten mit Zitat

Also, lieber Christian, du kannst das mit Klammern machen, oder mit Bindestrichen. Bindestriche sind die elegantere Lösung. Wie genau soll denn der Satz lauten, den du im Kopf hast?
Vielleicht schreibst du ihn mal auf in der Form, die du dir vorstellst, und dann schaun wir mal.
 Wink

Ilka
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