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Seki, Sente, Gote


 
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Taugenichts
Geschlecht:männlichReißwolf

Alter: 36
Beiträge: 1278



BeitragVerfasst am: 10.07.2011 00:56    Titel: Seki, Sente, Gote eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Seki, Sente, Gote




Ihre Ohren.
Das Erste was mir auffiel, waren ihre Ohren.
Ich war damals noch jung. Ein verunsicherter Gymnasiast, zwölfte Klasse. Im Rinnstein einer späten Pubertät. Angeschwemmt, ziellos und doch schon an der Grenze zum Mann. Noch gefangen im Zwielicht eines fragilen Selbstbewusstseins, wie frisch gebranntes Glas, am Rand ausgehärtet, aber innen noch zart und formbar.
Alle wollten hingehen. Zumindest die in meiner Klasse, die sich nicht im Abseits sozialer Hackordnungen eingenistet hatten.
Disco. Indie-Rock. Mich hatte die etwas dickliche Jana gefragt, aber das machte mir nichts. Ich mochte sie, auch wenn es nicht die selbe Art von Mögen war, die sie mir zweifelsohne entgegenbrachte.
Draussen eine lange Schlange. Das Gefühl zwischen wunderschönen, unsterblichen Elfen und griechischen Helden zu stehen. Unwichtig, aber immerhin mit dabei.
Alle mussten ihre Ausweise zeigen, nur mir wurde der Ritterschlag des unkontrollierten Einlasses verliehen. Ein paar der Jungs scherzten, versuchten etwas von dem adulten Glanz zu stehlen, der mich vor unseren weiblichen Begleiterinnen nun umflorte.
Drinnen war ich wie erschlagen. Die Lautstärke. Rauch. Damals wurde noch überall geraucht. Stroboskoplichter machten jede Bewegung zu einem Abenteuer.
Ich holte mir ein Bier.
In der Flasche, nicht im Glas. Das mache ich auch heute noch so.
Aber bis zu unserer Begnung sollte es noch ein wenig dauern. Erst musste ich mich noch durch alberne Tanzversuche quälen, den Annäherungsversuch der dicklichen Jana möglichst liebevoll abwehren.
Ich mag dich auch. Aber irgendwie nicht so richtig Liebe. Vielleicht kommt das ja noch. Klar, vielleicht treffen wir uns mal. Ich mag dich ja auch.
Ich umarmte sie sogar. Wurde von einer Träne gebrandmarkt.
Auf meinem weißen Hemd kam sie mir wie ein Mahnmal vor.
Seht her! Ich bin ein Herzensbrecher!
Das gefiel mir nicht. Im Bad machte ich mir noch ein paar Spritzer Wasser wohlverteilt auf das Hemd, damit es nach übergeschäumtem Bier aussah.
Dann stand ich eine ganze Weile nur da und sah den Strobo-Schnappschüssen der peristaltischen Leiber zu.
Ich rauchte eine nach der Anderen, aus meiner eigenen Packung Gauloise. Das musste schon sein. Ich wollte ja keiner von denen sein, die immer nur andere fragten, ob sie etwas zu qualmen dabeihätten.
Und als ich sie dann traf, war nicht ich es, der sie ansprach.
Sie tauchte einfach vor mir auf, griff sich mein ganzes Gesichtsfeld mit ihrem kleinen, blonden Kopf. Kurzhaarschnitt, heute würde ich Pixie dazu sagen.
Eine feingeschnittene Nase, spitz, fröhliche Augen.
Wenn sie lächelte schob sich ihre Oberlippe ein wenig zu weit nach oben, so dass man eine Menge Zahnfleisch sah.
Makel laut Schönheitsideal.
Wahre Schönheit, wenn es nach mir geht.
„Hey!“, schrie sie fröhlich.
Das erste Adjektiv, dass sie in meinem Hirn okkupierte. Fröhlich.
„Hey! Du siehst lustig aus.“
Das verunsicherte mich, wischte mein ganzes Selbstbild beiseite. Lustig? Es sah lustig aus, wie ich verloren und bereits leicht angetrunken dastand, Zigaretten rauchte und krampfhaft versuche erwachsen auszusehen?
„Du siehst auch lustig aus,“ antworte ich hölzern. Sie lachte.
„Magst du mir auch eine Zigarette geben?“
Hat jemals ein Jugendlicher eine solche Frage aus dem Mund eines hübschen Mädchens verneint?
„Klar.“ Ich wollte sie ihr reichen, doch sie wehrte ab.
„Nicht hier! Ich will doch deine Stimme hören, während wir uns unterhalten.“
Ob man mir meine Unsicherheit angesehen hat?
Gefiel ihr gerade das?
Vor dem Club stellten wir uns ein wenig abseits. Andere Lärmflüchtlinge, die unausweichlichen Kotzenden, gestützt von verliebten Mädchen, gutmütigen Jungen.
Die zwei Türsteher.
Nacht. Strassenlaternenlichter. Parkende Autos, kein Verkehr.
„Kann ich jetzt die Zigarette haben?“
Sie lächelte, zeigte Zahnfleisch.
Ob man den Moment, ab dem man tatsächlich verliebt ist erspüren kann? Oder ist es wie mit dem Einschlafen, bei dem man sich als Kind jeden Abend vornimmt: heute Abend achte ich darauf, wann ich einschlafe und- im nächsten Moment aufwacht.
Wach auf. Du bist verliebt.
„Klar doch,“ sagte ich und streckte ihr die Gauloise hin.
Dann sah ich es.
Ihre Ohren.

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Nicki
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Ei 10


BeitragVerfasst am: 10.07.2011 20:28    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Taugenichts
eigentlich schade, dass sich zu deinem Text noch niemand geäußert hat. Nun ja, dann bin ich die Erste.
Ich hab auch nichts zu meckern, es war leicht zu lesen, ich bin fast nirgendwo gestolpert und in meinem Kopf haben sich die passenden Bilder zu deiner Szene aufgebaut. Es sind jedoch so viele "Bilder" dabei, die du mit Worten gemalt hast, dass ich sie jetzt nicht aufzählen mag.
Doch, dieser Satz, wundervoll treffend:
Zitat:
Ob man den Moment, ab dem man tatsächlich verliebt ist erspüren kann? Oder ist es wie mit dem Einschlafen, bei dem man sich als Kind jeden Abend vornimmt: heute Abend achte ich darauf, wann ich einschlafe und- im nächsten Moment aufwacht

Jetzt kommt das fast
Mit dem Titel kann ich absolut nichts anfangen. Bitte um Erklärung.
Das zweite:
Zitat:
wie frisch gebranntes Glas, am Rand ausgehärtet, aber innen noch zart und formbar.

Glas härtet so aus, dass man das Innere nicht nachformen kann.
Gerne gelesen
MfG
Nicki
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Taugenichts
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BeitragVerfasst am: 10.07.2011 21:52    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Freut mich sehr, dass es dir soweit gefällt.

Findest du die Metapher mit dem Glas denn trotzdem stimmig vom Bild her oder findest du ich sollte sie ganz rausnehmen/ersetzen?

Der Titel steht noch zur Debatte... eigentlich soll das Spiele go/weiqi/baduk in der Geschichte eine Rolle spielen, wie groß diese ausfallen wird, kann ich aber noch nicht sagen. Ausserdem wird die Mythologie der Geschichte aus dem japanischen Märchen und Sagenkreis kommen, daher eine weitere Verbindung zu diesen Begriffen im Go.
Sollte ich den Titel verwenden, werde ich an den Anfang eine entsprechende Begriffserläuterung stellen.
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Nicki
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Ei 10


BeitragVerfasst am: 10.07.2011 22:00    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Taugenichts,
wenn ich von Glas keine Ahnung gehabt hätte, ich hätte es nicht bemängelt.
Vielleicht sollte man es nicht zu  eng sehen, wenn Glas sich so verhalten würde, hätte man ein schönes Bild vor Augen.
hätte, hätte, hätte,würde, ich klinge ja scheußlich heute Abend Crying or Very sad
MfG
Nicki
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Valeska
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BeitragVerfasst am: 10.07.2011 22:57    Titel: Re: Seki, Sente, Gote Antworten mit Zitat

Moin!

Der Text zieht mich irgendwie "rein", das ist gut. Ich hab nur ein Problem - die Ohren:

Taugenichts hat Folgendes geschrieben:
Ihre Ohren.
Das Erste was mir auffiel, waren ihre Ohren.
(...)
Sie tauchte einfach vor mir auf, griff sich mein ganzes Gesichtsfeld mit ihrem kleinen, blonden Kopf. Kurzhaarschnitt, heute würde ich Pixie dazu sagen.
Eine feingeschnittene Nase, spitz, fröhliche Augen.


Ganz offensichtlich sind es nicht die Ohren, die ihm als erstes auffallen (sondern, so wie du es hier beschreibst, der Haarschnitt). Da solltest du noch mal drübergehen.

Als Anfangsszene finde ich es gut, jetzt wäre noch interessant zu wissen, worum die Geschichte sich nun drehen soll wink

LG Vale


_________________
so bin ich
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crim
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BeitragVerfasst am: 11.07.2011 10:41    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde es ist frisch und lebensnah erzählt. Kann mich gut mit dem Protagonisten identifizieren. Wird ne Liebesgeschichte für jugendliche Leser, könnte ich mir vorstellen. Läuft dann leider die Gefahr, obwohl es in meiner Lebenswelt spielt, ein wenig belanglos zu werden. Teenie-Kömodie, Jugendromanze, weiß nich, bislang stilistisch einwandfrei eingängig aber ohne etwas, das mich jetzt zwingen würde mehr über die beiden zu erfahren.
Das sind meine Gedanken, die wie immer nicht verschleiern sollen, dass es mir trotzdem gefallen hat.
Grüße Crim
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Taugenichts
Geschlecht:männlichReißwolf

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BeitragVerfasst am: 13.07.2011 01:26    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@Nicki
Die ganzen "hätte's" sind doch egal. Dein Argument war ja richtig, auch wenn ich immernoch nicht sicher bin, ob ich das Glas jetzt behalten oder zerschmettern soll ^^


@Valeska
Oh man! Ich hasse es, wenn ich ZU drin in einem Text bin und die offensichtlichsten Probleme der Logik völlig übersehe. Natürlich fallen ihm nicht zu erst die Augen auf. Ist schon geändert lol2
Worum es geht? Ich lasse mal einen mini Teaser da, wirklich MEHR vom text gibts frühestens morgen. Muss noch drübergehen, sonst schimpft Hitler-Moses-Bob wieder lol2


@Crim
Jugendliche waren leider nie mein Metier, es wird noch ne Menge merkwürdiges, verstörendes, sexuelles geben lol2
Ich hoffe du hast auch Zeit für den folgenden Teaser,

Trommelwirbel:



Tada




Dann sah ich es.
Ihre Ohren.
Man bemerkte es nur, wenn man sich direkt darauf konzentrierte.
Sie waren zu spitz.
Ich schaute noch genauer hin, versuchte dabei unauffällig zu bleiben und sah ein Büschel rötlicher, gerader Haare, die ganz oben auf der Spitze saßen. So geschickt zwischen den kurzen, blonden Kopfhaaren verborgen, dass man sich, sobald man sie sah, schon wieder unsicher wurde, ob es nicht nur ein Lichtreflex gewesen war.

Draussen perlt ein filligraner, warmer Sommerregen vom Himmel. Spielt Xylophon auf den Blättern.
Ich bin jetzt 26. Ein Alter, dass ich mir damals nie hätte vorstellen können.
Aber mit 17 konnte ich mir auch wirklich herzlich wenig vorstellen.
Nach dem Abitur studierte ich erst Philosophie, dann Psychologie, brach aber beides nach wenigen Semestern ab. Ein ruheloser Geist zwischen zielsicheren Intellekten.
Nie konnte ich etwas meine ganze Aufmerksamkeit widmen. Immer entzog sich mir ein Teil meines Bewusstseins, klammerte sich unnachgiebig an eine Erfahrung.
Diese eine Erfahrung.
Dieses Mädchen.
Jetzt studiere ich Medizin. Seit zwei Semestern. Akzeptable Noten.
Mit Kommilitonen will ich nichts zu tun haben, auch wenn sie mich gerade wegen meiner offenen Ablehnung immer wieder ansprechen.
Ein negativer Magnet, in einem Meer positiv geladener Teilchen.
Natürlich habe ich einige, wenige Freunde. Partnerarbeit im Labor, ein gemeinsames Referat. Ich weiss, dass es viele schöne und wertvolle Menschen gibt. Ich kann mich nur einfach nicht auf sie konzentrieren.
Elf Uhr.
Nachher habe ich noch eine Immunologie Vorlesung.
Nachmittag und Abend frei.
Ich studiere nicht nur, weil mich Medizin interessiert, eigentlich interessiert mich alles, was man studieren kann. Es lässt mir auch genug Zeit zum Suchen.
Nach ihr zu suchen. Oder zumindest nach irgendetwas, dass mit ihr zu tun hat.
Vor einem Jahr fand ich ein Mädchen, dass Ohren wie sie hatte. Zwar verbargen lange, blonde Haare die Form ihrer Ohren, aber ein rötlicher Schimmer war unverkennbar, wenn man darauf achtete.
Doch alles was sie mir sagen wollte, war der Name eines Clubs.
Der Name war Ate.
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Papagena
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BeitragVerfasst am: 13.07.2011 08:34    Titel: Antworten mit Zitat

Ich mag den Text irgendwie. Lässt sich gut lesen.
Eine Anmerkung, dann bin ich auch schon wieder weg:
Zitat:
Ein negativer Magnet, in einem Meer positiv geladener Teilchen.
Bitte, bitte änder das. Magnete sind nicht positiv und negativ, da unterscheidet man Nord- und Südpol. Positiv und negativ sind elektrische Ladungen. Ehrlich, so etwas zu Beginn zu lesen wäre ein Grund für mich das Buch sofort zuzuklappen.
"Ein negativer Pol ..." wäre richtig.
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Nicki
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BeitragVerfasst am: 13.07.2011 09:34    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Taugenichts
dieser Satz bringt mich irgendwie aus dem Konzept. Ich sehe hier rötliche Haarbüschel, die auf Ohren wachsen. Stelle ich mir nicht gerade sexy vor.
Zitat:
Ihre Ohren.
Man bemerkte es nur, wenn man sich direkt darauf konzentrierte.
Sie waren zu spitz.
Ich schaute noch genauer hin, versuchte dabei unauffällig zu bleiben und sah ein Büschel rötlicher, gerader Haare, die ganz oben auf der Spitze saßen.

MfG
Nicki
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Probber
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BeitragVerfasst am: 13.07.2011 14:05    Titel: Antworten mit Zitat

Taugenichts hat Folgendes geschrieben:
Muss noch drübergehen, sonst schimpft Hitler-Moses-Bob wieder lol2


Moin Taugenichts,
Hitler-Vergleiche kommen im Forum immer etwas seltsam rüber. Ich würde dich bitten, künftig etwas sensibler mit sowas umzugehen. Versteht nicht jeder, dass das Humor ist und MoBo alles andere als diese komische braune Fraktion vertritt.

Besten Dank! smile
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MosesBob
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BeitragVerfasst am: 13.07.2011 19:16    Titel: Antworten mit Zitat

Taugenichts hat Folgendes geschrieben:
Worum es geht? Ich lasse mal einen mini Teaser da, wirklich MEHR vom text gibts frühestens morgen. Muss noch drübergehen, sonst schimpft Hitler-Moses-Bob wieder lol2

Und da sagt der zu mir, ich hätte mich in der Wortwahl vergriffen, wenn ich so ein putziges Wort wie "kackfrech" verwende und den Verdacht äußere, es ginge ihm idealerweise nur um Beifall. Confused


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Die letzte Stimme, die man hört, bevor die Welt untergeht, wird die eines Experten sein, der versichert, das sei technisch unmöglich.
(Sir Peter Ustinov)

Der Weise lebt still inmitten der Welt, sein Herz ist ein offener Raum.
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Taugenichts
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BeitragVerfasst am: 13.07.2011 19:38    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Nicki hat Folgendes geschrieben:
Hi Taugenichts
dieser Satz bringt mich irgendwie aus dem Konzept. Ich sehe hier rötliche Haarbüschel, die auf Ohren wachsen. Stelle ich mir nicht gerade sexy vor.
Zitat:
Ihre Ohren.
Man bemerkte es nur, wenn man sich direkt darauf konzentrierte.
Sie waren zu spitz.
Ich schaute noch genauer hin, versuchte dabei unauffällig zu bleiben und sah ein Büschel rötlicher, gerader Haare, die ganz oben auf der Spitze saßen.

MfG
Nicki

Hey! Das siehst du schon ganz richtig. Die Dame hat da ein (fast unsichtbares) Büschel roter Haare auf den Ohren stehen.... ^^ Sei gespannt warum, würd mich freuen, wenn du den Rest noch liest smile

@Papagena
Autsch. Das stimmt. Das kam mir schon beim Schreiben so ungelenk vor, aber ich bin nicht drauf gekommen, was mich stört. Schlimmer Fehler, ich schäme mich wirklich und vielen dank fürs Aufzeigen!!



@Probber
Immer diese Hitler Phobie...
"drübergehen, sonst schimpft"... stimmt, das impliziert offensichtlich dass jemand rechtes Gedankengut vertritt.

@Moses
Also nee, jetzt komm. Austeilen wie sau (angeblich noch total nett, im Vergleich dazu, wie du sein kannst) und dann bei der kleinsten Stichelei gleich beleidigt sein? Da hab ich dich aber anders eingeschätzt!
Mensch, da steht doch sogar ein smiley hinter...

Aber ich sehe ein, dass der humorvolle Umgang mit Hitler nicht jedem liegt, entschuldige mich und lösche es sogleich.
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MosesBob
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BeitragVerfasst am: 13.07.2011 19:49    Titel: Antworten mit Zitat

Taugenichts hat Folgendes geschrieben:
@Moses
Also nee, jetzt komm. Austeilen wie sau (angeblich noch total nett, im Vergleich dazu, wie du sein kannst) und dann bei der kleinsten Stichelei gleich beleidigt sein? Da hab ich dich aber anders eingeschätzt!
Mensch, da steht doch sogar ein smiley hinter...

Aber ich sehe ein, dass der humorvolle Umgang mit Hitler nicht jedem liegt, entschuldige mich und lösche es sogleich.

Ich bin doch gar nicht beleidigt. Nur überrascht. Laughing


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Taugenichts
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BeitragVerfasst am: 13.07.2011 19:56    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Überrascht überrascht mich jetzt.
Wovon jetzt genau? ^^
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MosesBob
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BeitragVerfasst am: 13.07.2011 20:08    Titel: Antworten mit Zitat

Überrascht, dass du, der bei "kackfrech" und "Beifall" schmollt, Hitlerwitze macht. Das ist in etwa so, als würde man wütend nach Hause stampfen, nachdem man von einer Wasserbombe getroffen wurde – Wasserbombe, nicht Wasserstoffbombe –, Daheim aber aber mit Mörser und Kalaschnikow auf Feldhasen schießt. lol

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BeitragVerfasst am: 13.07.2011 20:12    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das nennt man dann wohl interkulturelle Unterschiede *lach
ich wäre wesentlich weniger von einem "du alter Hitler, du" beleidigt, als von realistischen Charakterschwäche Unterstellungen wie Beifallshure ^^
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MosesBob
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BeitragVerfasst am: 13.07.2011 20:16    Titel: Antworten mit Zitat

Siehste, und da liegt der Unterschied: Mich beleidigt weder das eine noch das andere. Ich bin da wesentlich härtere Kaliber gewohnt. Eine Freundin hat mich mal in Gegenwart meiner Kumpels "Mäuseschwänzchen" genannt. Nach so einer Nummer bist du gegen alle Hitlers, Stalins und Osamas dieser Welt gewappnet.

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BeitragVerfasst am: 13.07.2011 20:18    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Na da verneig ich mich. Für Humor im Angesicht des eigenen Genitals bin ich noch zu klein und verunsichert lol2
S' Reicht auch hier. Back on Geschichte bitte ^^
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MosesBob
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BeitragVerfasst am: 13.07.2011 20:23    Titel: Antworten mit Zitat

Warte, einen hab ich noch:

Taugenichts hat Folgendes geschrieben:
Für Humor im Angesicht des eigenen Genitals bin ich noch zu klein und verunsichert lol2

Besser du als dein Genital ...

Granatenwitz, unvermeidbar, Königsklasse! lol

So, jetzt halt ich den Schnabel.


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BeitragVerfasst am: 14.07.2011 00:31    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zusammen mit den hier empfohlenen Korrekturen.
Gibt es noch große Unstimmigkeiten, Probleme, Logikfehler, Teile die Mist sind?

Seki, Sente, Gote




1.Seki



Ihre Ohren.
Alles begann mit ihren Ohren.
Ich war damals noch jung. Ein verunsicherter Gymnasiast, zwölfte Klasse. Im Rinnstein einer späten Pubertät. Angeschwemmt, ziellos und doch schon an der Grenze zum Mann. Noch gefangen im Zwielicht eines fragilen Selbstbewusstseins, wie frisch gebranntes Glas, am Rand ausgehärtet, aber innen noch zart und formbar.
Alle wollten hingehen. Zumindest die in meiner Klasse, die sich nicht im Abseits sozialer Hackordnungen eingnistet hatten.
Disco. Indi-Rock. Mich hatte die etwas dickliche Jana gefragt, aber das machte mir nichts. Ich mochte sie, auch wenn es nicht die selbe Art von Mögen war, die sie mir zweifelsohne entgegenbrachte.
Draussen eine lange Schlange. Das Gefühl zwischen wunderschönen, unsterblichen Elfen und griechischen Helden zu stehen. Unwichtig, aber immerhin mit dabei.
Alle mussten ihre Ausweise zeigen, nur mir wurde Ritterschlag des unkontrollierten Einlasses verliehen. Ein paar der Jungs scherzten, versuchten etwas von dem adulten Glanz zu stehlen, der mich vor unseren weiblichen Begleiterinnen nun umflorte.
Drinnen war ich wie erschlagen. Die Lautstärke. Rauch. Damals wurde noch überall geraucht. Stroboskoplichter machten jede Bewegung zu einem Abenteuer.
Ich holte mir ein Bier in der Flasche, nicht im Glas. Das mache ich auch heute noch so.
Aber unsere Begegnung sollte noch ein wenig dauern. Erst musste ich mich noch durch alberne Tanzversuche quälen, den Annäherungsversuch der dicklichen Jana möglichst liebevoll abwehren.
Ich mag dich auch. Aber irgendwie nicht so richtig Liebe. Vielleicht kommt das ja noch. Klar, vielleicht treffen wir uns mal. Ich mag dich ja auch.
Ich umarmte sie sogar. Wurde von einer Träne gebrandmarkt.
Auf meinem weißen Hemd kam sie mir wie ein Mahnmal vor.
Seht her! Ich bin ein Herzensbrecher!
Das gefiel mir nicht. Im Bad machte ich mir noch ein paar Spritzer Wasser wohlverteilt auf das Hemd, damit es nach überschäumendem Bier aussah.
Dann stand ich eine ganze Weile nur da und sah den Strobo-Schnappschüssen der peristaltischen Leiber zu.
Ich rauchte eine nach der Anderen. Meine eigen Packung Gauloise, das musste schon sein. Ich wollte keiner von denen sein, die immer nur andere fragen, ob sie etwas zu qualmen dabeihaben.
Und als ich sie dann traf, war nicht ich es, der sie ansprach.
Sie tauchte einfach vor mir auf, griff sich mein ganzes Gesichtsfeld mit ihrem kleinen, blonden Kopf. Kurzhaarschnitt, heute würde ich Pixie dazu sagen.
Eine feingeschnittene Nase, spitz, fröhliche Augen.
Wenn sie lächelte schob sich ihre Oberlippe ein wenig zu weit nach oben, so dass man eine Menge Zahnfleisch sah.
Makel laut Schönheitsideal.
Wahre Schönheit, wenn es nach mir geht.
„Hey!“, schrie sie fröhlich.
Das erste Adjektiv, dass sie in meinem Hirn okkupierte. Fröhlich. Überbordend.
„Hey! Du siehst lustig aus.“
Das verunsicherte mich, wischte mein ganzes Selbstbild beiseite. Lustig? Es sah lustig aus, wie ich verloren und bereits leicht angetrunken dastand, Zigaretten rauchte und krampfhaft versuche erwachsen auszusehen.
„Du siehst auch lustig aus,“ antworte ich hölzern. Sie lachte.
„Magst du mir auch eine Zigarette geben?“
Hat jemals ein Jugendlicher eine solche Frage aus dem Mund eines hübschen Mädchens abgelehnt?
„Klar.“ Ich wollte sie ihr reichen, aber sie wehrte ab.
„Doch nicht hier! Ich will doch deine Stimme hören, während wir uns unterhalten.“
Ob man mir meine Unsicherheit angesehen hat?
Gefiel ihr gerade das?
Vor dem Club stellten wir uns ein wenig abseits. Andere Lärmflüchtlinge, die unausweichlichen Kotzenden, gestützt von verliebten Mädchen, gutmütigen Jungen.
Die zwei Türsteher.
Nacht. Strassenlaternenlichter. Parkende Autos, kein Verkehr.
„Kann ich jetzt die Zigarette haben?“
Sie lächelte, zeigte Zahnfleisch.
Ob man den Moment, ab dem man tatsächlich verliebt ist erspüren kann? Oder ist es wie mit dem Einschlafen, bei dem man sich als Kind jeden Abend vornimmt: heute Abend achte ich darauf, wann ich einschlafe und- im nächsten Moment aufwacht.
Wach auf. Du bist verliebt.
„Klar doch,“ sagte ich und streckte ihr die Gauloise hin.
Dann sah ich es.
Ihre Ohren.
Man bemerkte es nur, wenn man sich direkt darauf konzentrierte.
Sie waren zu spitz.
Ich schaute noch genauer hin, versuchte dabei unauffällig zu bleiben und sah ein Büschel rötlicher, gerader Haare, die ganz oben auf der Spitze saßen. So geschickt zwischen den kurzen, blonden Kopfhaaren verborgen, dass man sich, sobald man sie sah, schon wieder unsicher wurde, ob es nicht nur ein Lichtreflex gewesen war.

Draussen perlt ein filligraner, warmer Sommerregen vom Himmel. Spielt Xylophon auf den Blättern.
Ich bin jetzt 26. Ein Alter, dass ich mir damals nie hätte vorstellen können.
Aber mit 17 konnte ich mir auch wirklich herzlich wenig vorstellen.
Nach dem Abitur studierte ich erst Philosophie, dann Psychologie, brach aber beides nach wenigen Semestern ab. Ein ruheloser Geist zwischen zielsicheren Intellekten.
Nie konnte ich etwas meine ganze Aufmerksamkeit widmen. Immer entzog sich mir ein Teil meines Bewusstseins, klammerte sich unnachgiebig an eine Erfahrung.
Diese eine Erfahrung.
Dieses Mädchen.
Jetzt studiere ich Medizin. Seit zwei Semestern. Akzeptable Noten.
Mit Kommilitonen will ich nichts zu tun haben, auch wenn sie mich gerade wegen meiner offenen Ablehnung immer wieder ansprechen.
Negative Ladung, in einem Meer positiv geladener Teilchen.
Natürlich habe ich einige, wenige Freunde. Partnerarbeit im Labor, ein gemeinsames Referat. Ich weiss, dass es viele schöne und wertvolle Menschen gibt. Ich kann mich nur einfach nicht auf sie konzentrieren.
Elf Uhr.
Nachher habe ich noch eine Immunologie Vorlesung.
Nachmittag und Abend frei.
Ich studiere nicht nur, weil mich Medizin interessiert, eigentlich interessiert mich alles, was man studieren kann. Es lässt mir auch genug Zeit zum Suchen.
Nach ihr zu suchen. Oder zumindest nach irgendetwas, dass mit ihr zu tun hat.
Vor einem Jahr fand ich ein Mädchen, dass Ohren wie sie hatte. Zwar verbargen lange, blonde Haare die Form ihrer Ohren, aber ein rötlicher Schimmer war unverkennbar, wenn man darauf achtete.
Doch alles was sie mir sagen wollte, war der Name eines Clubs.
Der Name war Ate.
Ich kann die Nächte schon nicht mehr zählen, die ich dort im Abseits wartete. Menschen beobachtete. Ein einsamer Leuchtturm in der fleischlichen Brandung.
Dienstags läuft Indie-Rock.
Heute ist Dienstag.
Langsam schüttele ich die Erinnerungen ab. Wiedergeboren im Alltag. Tragisch.
Ich wärme mir das Mittagessen auf. Immer koche ich zuviel.
Glasnudelsalat. Frischer Koriander, Frühlingszwiebeln.
Danach gehe ich schnell den Stoff der Vorlesung am Computer durch.
Die Skripte stehen eh online. Manchmal glaube ich meine Mitstudenten gehen nur zu den Vorlesungen, weil sie sonst nirgendwohin können. Warscheinlich projeziere ich aber nur mich selbst auf sie.
Die U-Bahn läuft über vor Menschen. Der Hörsaal läuft über vor Studenten.
Der Professor arbeitet seine Powerpoint-Präsentation ab. Wort für Wort.
Ich durchkämme den Saal nach ihren Ohren. Finde nichts.
Draussen fragt mich ein bekanntes Gesicht, ob ich mit in die Mensa kommen will.
Ich habe schon gegessen. Ja, beim nächsten mal.
Wieder zu Hause bügele ich meine Hemden. Ein weißes Hemd für den Club. Eine Packung Gauloise in meiner Jeanstasche, obwohl ich mir meine Zigaretten mittlerweile eigentlich drehe.
Eines der Konzepte, wegen denen ich damals Psychologie studierte war der Fanatismus.
Wie entsteht er? Wie entwickelt er sich?
Aber nichts genügte mir. Überall lauerte Halbwissen, überholte Fachbücher. Ein Wald aus abgestorbenen Worten, vergilbten Büchern und verworfenen Trampelpfaden.
Mir gefiel immer das Konzept von Spiegelneuronen. Ich fühle, was du fühlst.
Dann lernte ich, dass es ein veraltetes, aus marketing Gründen aufgebauschtes Konzept ist, dass nichts von dem beweist, dass manchmal im Fernsehen behauptete wird.
Die entsprechenden Experimente wurden an Affen durchgeführt. Schwerpunkt auf der Motorik. Nach einem Glas greifen, war der Modellversuch. Nichts mit Emotionen.
Ich lerne noch ein wenig, dann ist es fast neun Uhr abends. Ich mache meine täglichen Liegestützen. Drei Mal vierzig. Dusche kurz.
Um zehn sammle ich mein Rüstzeug zusammen. Schlüssel, Portmonee, Handy, Gauloise.
Ich schaue mich im Spiegel an.
Dürr, halblange, braune Haare. Eine lange, gerade Nase und große, grüne Augen.
Das weiße Hemd faltenfrei. Sneaker.
Ich versuche meinen Bartwuchs im Zaum zu halten, aber so glatt wir bei meinem siebzehnjährigen Ich sind meine Wangen dann doch nicht mehr.
Bitte sei da. Bitte.
Ich ziehe die Haustür vorsichtig ins Schloss, stehe ein paar Sekunden im Dunkeln, bevor ich das Flurlicht aufwecke.
Die Katzenfrau im zweiten Stock reisst wie immer die Tür panisch ins Schloß. Wie oft habe ich mich gefragt, wer sie wohl ist.
Nie bekommt man sie zu Gesicht, nur ihre Katzen streunen jede Nacht durchs Treppenhaus, wagen sich in den Innenhof vor, schrecken vor mir zurück, wie nicht domestizierte Wildkatzen.
Draussen ist die Nacht.
Herzklopfen wie ein archaischer Jäger auf Beutezug.
Die Ampeln wie einfallslose Dirigenten.
Ato.
Heute Nacht?

Mitlerweile kennen sie mich im Ato, ich darf vordrängeln, was mir wie immer ungewollte Aufmerksamkeit einbringt.
Drinnen hole ich mir erstmal ein Bier. In der Flasche, nicht im Glas.
Das Durchschnittsalter von 22 stempelt mich bereits als Anachronismus ab, aber ohne Bart sieht man mir mein Alter nicht an.
Soziologische Studien.
Ein etwas dicker Junge, mit einem zu hübschen Mädchen. Ihr sieht man den bedeutungslosen Spass an, ihm das sehnsüchtige Glitzern in den Augen.
Eine Gruppe Mädchen, die Verehrern ausweicht wie ein Fischschwarm. Kurze Dislokation, dann die Rückkehr in die Ausgangsformation. Ein paar sehr großgewachsene Jungen, selbstbewusst. Aber nur zwei sehen gut genug aus, um heute wirklich nicht alleine nach Hause zu gehen.
Ein einsames Mädchen mittendrin, dass meine Aufmerksamkeit gefangen nimmt, doch ihre Ohren sind ganz gewöhnlich.
Ich gehe zu den Toiletten und dann steht die Zeit still.
Alles zieht Schlieren, ihre Bewegungen, meine Gedanken, Schritt-Schritt-Schritt- Gasexplosion in einer Schneekugel, ein kurzer, roter Schimmer.
Sie ist klein, schwarze, wallende Haare.
Ich schwimme durch langsam aushärtende Gallerte, berühre sie gerade noch an der Schulter. Ihr taxierender Blick wie eine Guillotine.
„Lass mal. Bin nicht in der Stimmung für Anmachsprüche.“
Bevor ich begreife tastet sich meine Hand zu ihrem rechten Ohr herauf und schiebt eine Liane schwarzer Seide beiseite. Zu spitz und ein rötliches Flimmern, dass sich mit den anderen Haaren vermischt.
Ihre Pupillen weiten sich, dann hat sie sich bereits in den Irrgarten der Leiber davongestohlen. Ich drücke mich ihr nach. Ein wenig panisch. Euphorisch vielleicht.
Ich sehe ihre Haare zum Ausgang schweben, aufblitzen, zwischen Licht und Körperlichkeit.
Türsteher, Nachtluft, es nieselt.
Ihre Schultern wippen monoton die Strasse hinab. Ich renne ihr nach. Die aufgestaute Sehnsucht von Jahren ist schwer abzuschütteln.
Sie rennt links, rechts, geradeaus, links. Der Abstand zwischen uns schmilzt, wird vom Regen fortgetragen.
Sie fühlt es.
Sie hört mich.
Bricht nach links aus, durch eine Wand? Nein! Ein Zaun aus regenfeucht glänzenden Brettern, Graffities, eine Lücke.
Ich zwänge mich hindurch, zolle einen halben Ärmel weissen Stoff als Tribut.
Sie ist nur ein paar Meter weit weg, dann stürze ich.
Überall Matsch, Erde, Schatten, die Wolke eines monströsen Kalmars.
Ich wische mir das irdene Gekröse aus den Augen. Mein linkes Knie aufgerissen, rote Blumen auf weissem Porzellan.
In Filmen sind Verfolgungsjagden immer eine so wahnsinnig heroische Angelegenheit. Von wegen. Ich sprinte wieder vorwärts. Gleich.
Sie versucht vergebens die hölzerne Kasbah auf der anderen Seite zu erklimmen.
Ich kriege ihren Rock in die Finger, reisse daran.
Dann klatscht auch sie in den Schlamm.
Ihre Augen starren mich bedrohlich zwischen den schwarzen Blitzen ihrer Haare an.
„Was zur Hölle willst du?“ kreischt sie.
Ich bin völlig ausser Atem. Kann vor lauter Gasaustausch nicht mehr sprechen. Ein paar Sekunden. Dann versuche ich pfeifend meine Stimme zu erheben.
„Ruhig, bitte. Ich bin nicht böse.“
Sie bertrachtet mich finster, ihre Augen huschen über die Umgebung wie flinke, kleine Tiere, auf der Suche nach einem Schlupfloch.
„Versuch nicht wegzulaufen. Ich habe nur eine Frage.“
„Warum sollte ich dir antworten! Mein Kleid ist völlig hinüber!“
Dann verliere auch ich vor Erschöpfung meine Fassung und brülle sie an:
„Du bist doch weggelaufen!“
„Ein Typ tatscht mich an, natürlich mach ich mich da aus dem Staub!“
„Verkauf mich nicht für dumm,“ keuche ich, „Hättest du bloß vor einem Perversen beschützt werden wollen, hättest du auch die Türsteher anquatschen können. Dich hat gestört, dass ich deine Ohren sehen wollte!“
Dann wird sie bleich. Flimmert?
„Was willst du?“
Mir ist schwindelig, aber ich stemme mich mit aller Macht gegen diese Achterbahn.
„Vor ein paar Jahren war da dieses Mädchen. Ohren wie du. Und. Ich muss sie unbedingt finden.“
Sie schaut mich unschlüssig an. Langsam verliert sich das Warnsignal der Furcht in ihren Augen, macht Platz für eine gewisse Strenge. Ich konzentriere mich auf die Forderung in meinen Augen, gebe keinen emotionalen Meter nach.
Ihre Augen flackern.
„Vergiss sie.“
Spüre ich da Mitleid in ihrer Stimme?
Ich bleibe hart, versuche so bedrohlich wie möglich auzusehen bei meinem nächsten verbalen Schlag. Wie oft habe ich ein solches Gespräch geübt?
„Verarsch micht nicht. Ich lass dich hier nicht weg, bevor du mir nicht gesagt hast, was ich wissen will.“ Ein Schritt vorwärts, näher zu diesem befleckten Engel.
Dann passiert etwas unerwartetes, ein roter Blitz, sie scheint zu schrumpfen, entgleitet mir. Wellen. Wieder reagiere ich, bevor ich nachdenken kann, trete in das Zentrum des spiralisierenden Mahlstroms. Die Hände in den Bauch gepresst liegt dieses verletzliche Bündel Weiblichkeit vor mir im Dreck.
Plötzlich kann ich Angst und Zweifel nicht mehr einsperren.
Was ist aus mir geworden? Ein kleines Mädchen in den Bauch treten? Ich?
Da treffen ihre gehetzten Augen meine, schmilzen, verschieben sich.
Ein Strich, plötzlich mitten durch die Luft gezogen. Rötlich.
Ich spüre nichts, ausser einer plötzlichen Feuchte, bevor ich neue, rote Blüten auf meinem Hemd aufgehen sehe. Meine linke Brustwarze sieht sich plötzlich mit der kalten Nachtluft konfrontiert, spannt sich an, eruptiert dabei neuerliches Blut. Meine Brust weint.
Die Beute, plötzlich in Form des Jägers, hat sich in eine Ecke der Baustelle verkrochen. Zwei Scheinwerfer in der Dunkelheit. Ein Lächeln darunter?
„Ich kann dir nicht helfen, Ich darf nicht. Aber du könntest nach Volksfesten Ausschauh halten. Schöneweide vielleicht?“
Und mit ihrem letzten Wort verschwimmt sie zu rotem Nebel. Zieht einen kleinen, rötlichen, schwindenden Kometenscheif hinter sich her, bis sie gänzlich mit der schwarzen Nacht verschmilzt. Fort.
Geschlagen schleppe ich mich den Weg zurück, durch den Zaun.
Im Ubahnhof ernte ich schockierte Blicke. Das Hemd nur noch ein blutiger Fetzen, zerzauste Haare. Warscheinlich ein gehetzter, unsteter Blick, noch die Trommeln der Jagd in den Augen. Ein Tier.
Im Wagon setzt sich niemand zu mir.
Meine Hände zittern. Sind das meine Hände? Diese in Erde, Dreck und Blut gehüllten Krallen? Archaische Werkzeuge.
Ich muss mich beruhigen, kaufe im Spätkauf noch zwei Bier.
„Ich hoffe du hast ihm auch ein paar verpasst,“ sagt der Verkäufer jovial.
„Klar. Ich habe gewonnen. Fast.“
Er lacht.
Die Luft draussen ist geklärt vom Regen.
Mein Herz hört nicht auf seinem eigenen diastolen Schatten nachzurennen.
Zu Hause dusche ich. Trinke Bier unter dem Unwetter aus der Wasserleitung.
Schöneweide, hat sie gesagt.
Eine Spur. Immerhin eine Spur.

Mittwoch. Ich wache um acht Uhr morgens auf. Liegestützen, drei Mal vierzig.
Ich frühstücke eine kleine Portion Müsli, eine Apfel.
Heute steht nur eine Neurologie Vorlesung auf dem Plan.
Ich gehe den letzten Abend durch, immer und immer wieder. Das Gespräch, ab welchem Punkt habe ich die Kontrolle verloren?
Hätte ich brutaler sein müssen? War ich zu brutal? Ich analysiere jede Empfindung von mir, versuche mir die Empfindungen des Mädchen vorzustellen.
Ich kenne nicht einmal ihren Namen.
Draussen brennt jetzt die Sonne, doch in der Wohung ist es angenehm kühl.
Zwei Zimmer, viel zu viel Platz.
Aber mein Vater bezahlt dafür, wollte nicht, dass ich mir eine ein Zimmer Wohnung nehme. Falls mal ein Mädchen mitkommt. Oder bleibt und bei diesem Zusatz zwinkerte er anzüglich.
Ich kann meinen Vater nicht leiden, auch wenn er mich nie schlecht behandelt hat. Das nicht, aber ernstgenommen hat er mich auch nie.
Die Sonne draussen wird absorbiert, gibt Wärme ab, produziert Farben.
Leben entsteht, Zelle für Zelle.
Früher war ich von all diesen Dingen begeistert.
Fanatismus. Man sollte nie unterschätzen, welche Kraft ein Verstand entwickeln kann, der sich nur auf eine einzige Sache konzentriert.
Und ich sollte nicht unterschätzen, wie gehemmt ein Verstand durch eben dieses Phänomen sein kann.
Um 14 Uhr ist die Vorlesung. Ich gehe das Skript durch. Mittagessen verschiebe ich auf den Abend.
Im Internet schaue ich mir das Volksfest Schöneweide an.
Gewöhnlich. Achterbahnen, Riesenrad, Jahrmarkts Kulinarik. Besonders wird mit einer Geisterbahn geworben: „Die Hölle, wie man sie auf der Erde nirgendwo realistischer erleben kann.“
Dann ist es ein Uhr.
Die Haustür schnappt hinter mir zu.
Ich lese, irgendein Buch, von dem irgendein Kommilitone meinte, ich müsses es gelesen haben. Joseph Conrad. Gefällt mir nicht.
Dann sitze ich wieder in einem überfüllten Saal. Ameisenkolonie.
Wie immer. Drei Wörter: Wort für Wort.
Dann gibt es mal etwas Neues:
„So, wir haben ja schon Juni, die Klausuren sind nicht mehr allzuweit entfernt. Fragerunde. Wenn sie die Antwort wissen, dann rufen sie sie einfach rein.“
Die ersten Fragen sind albern. Stoff, den wir gerade heute durchgenommen haben.
Dann kommt endlich etwas interessantes.
„Welcher Mechanismus wird aktuell am wenigsten mit der Pathophysiologie des
Morbus Alzheimer assoziiert?“
Niemand meldet sich.
Ich warte noch ein paar Sekunden, dann rufe ich-
und gleichzeitig ruft noch jemand anderes. Unsere Antworten überlagern sich, changieren, auf die Nanosekunde genau. Ein perfektes Duett:
„Alpha-Synuklein Mutationen.“
Ich schaue in Richtung der anderen Stimme.
Ein großer, gutaussehender Blondschopf. Muskulös, modische kurzhaar Frisur. Perfekte Kleidung. Ein Unterwäschemodel, etwa in meinem Alter.
Dann sieht auch er in meine Richtung.
Rotes Flimmern, kurz über den Ohren.
Mit den übrigen Haaren zu einem gordischen Knoten verwoben.
Ein Mann? Ein Mann mit diesen Ohren?
Ich fange an zu schwitzen, schaue weg.
Starre so konzentriert auf die Tafel, als wollte ich sie mit meinen Gedanken in die Luft sprengen. Noch lange fühle ich seinen forschenden Blick auf mir.
Ich starre, wie ein in Stein gemeißelter Scheinwerfer. Beinahe beginnt die Tafel am Punkt meiner Fokussierung zu schmilzen.
Dann sieht er endlich weg.
Wer bist du?
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crim
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Die lange Johanne in Gold Lezepo 2015
Pokapro und Lezepo 2014 Pokapro VII & Lezepo V



BeitragVerfasst am: 14.07.2011 08:50    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Taugenichts,
ich hab natürlich weitergelesen und habe es nicht bereut. Deine Sprache treibt schnell voran und die Gefahr, die ich im ersten Abschnitt sah, war doch eher haltlos. Morgens macht mein Kopf gerne mal Schubladen auf, das ist heute nicht anders. Jetzt macht sich in mir das Gefühl breit, dass es sich um Urban-Fantasy oder so handelt. Korrigier mich, wenn ich mich irre.
Ich gehe nicht direkt in den Text hinein, dafür bin ich noch zu koffeinbefreit, aber einen Gedanken zur Geschichte möchte ich doch noch äußern:
Sie ist fast zu schnell. Die Geschwindigkeit erscheint mir gleichbleibend hoch, egal, ob sich dein Protagonist nun auf der Verfolgungsjagd befindet oder an der Universität, im Club, zerstört in der Bahn, egal. Ich rausche so durch, ohne Verschnaufpause, verstehst du, was ich meine? Nicht nur die Aktionen der Figuren sind schnell, auch die Gedanken des Protagonisten feuerst du oft, wie aus einem Kanonenrohr. Kann an meinem morgendlich langsamen Geist liegen, kann am ungebrochen hohen Erzähltempo liegen.
Was ich mir jedenfalls als Verbesserung vorstelle: Geschwindigkeit mal variieren.

Liebe Grüße
Crim
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Taugenichts
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Alter: 36
Beiträge: 1278



BeitragVerfasst am: 14.07.2011 11:05    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Wichtiger Hinweis!
Es ist ein allgemeines Problem bei meinen Werken, dass ich schlecht ein Mittelmaß finde. In meinem ersten vollendeten Roman, den ich in einem ähnlichen Stil geschrieben habe, plätschert alles, stellenweise lähmend langsam, wie ich zugeben muss. Diesmal wollte ich langeweile vermeiden, zumindest auf Länge eines möglichen, an Verlage verschickbaren Ausschnitts. Aber Leser durch ein zu hohes Tempo ermüden ist natürlich genauso schlimm.
Fühlst du dich hier als Leser schon ermüdet? Denn jetzt wird erstmal eine etwas ruhigere Phase eingeläutet, durch das kennenlernen dieses jungen Mannes, zu dem er die erste  echte Freundschaft seines Lebens aufbaut.

Achja. Urban Fantasy, interessant. Gibt es das als festen Begriff?
Ich nenne das Genre das mich interessiert immer realistische Fantasy. Also alltägliche Welten und Leben, in die das unglaubliche Einzug hält. Aber Urban Fantasy klingt noch cooler lol2
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