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Das Grauen


 

 
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Seraph
Geschlecht:männlichMelancholiker

Alter: 30
Beiträge: 1728
Wohnort: Dülmen


Die Legenden von Himmel und Hölle
BeitragVerfasst am: 25.06.2011 17:14    Titel: Das Grauen eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hm...kennt ihr den Film "Shutter Island", ja?
Und kennt ihr die Anfangsszene, wo Di Caprio und Ruffalo von dem Schiff steigen, sich auf den LKW setzen und mit den Polizisten langsam zu der Einrichtung fahren?
Horror pur, Unbehagen, Grusel. Warum? Es passiert ja nichts. In dieser Szene steht und fällt alles mit der genialen Musik (http://www.youtube.com/watch?v=ebeiX7HIsw8). Ich habe mich gefragt, ob man sowas auch nur per Text bringen könnte - auch wenn man kein Barker, King oder Lovecraft ist...

Hier mal ein Versuch.
Letzte Anmerkung: Die Klammern in diesem Text sind bewusst zu "fehl am Platze" gesetzt worden. Das habe ich von einem Vorbild abgeschaut und wollte es einfach mal ausprobieren...  Rolling Eyes

------------------------------------------------------------------------------

Kapitel 1 – Das Grauen

An dem Tag, an dem der Mann vor ihrer Tür stand, war Sibylls Leben zu Ende.
Sie wusste es noch nicht morgens nach dem Aufstehen oder nach dem Frühstück, auch nicht als sie sich anzog und kurz davor war, zur Arbeit zu gehen (Sibyll war die Sekretärin einer kleinen Anwaltskanzlei in der kleinen Stadt, in der sie wohnte).
Sibyll wusste, dass ihr Leben zu Ende war, als sie die Tür öffnete. Normalerweise erblickte sie den grünen Rasen ihres Vorgartens, den klischeehaft weißen Gartenzaun und den geflies-ten Zugang zum Treppenabsatz. Doch heute erblickte sie nur den Mann in seinem dunklen Mantel. Sie erschrak augenblicklich und hätte beinahe ihre Handtasche fallen lassen, doch sie fing sich wieder und lachte nervös.
„Haben Sie mich erschreckt!“, sagte sie.
Offensichtlich hielt sie den Mann für einen Versicherungs- oder Staubsaugervertreter oder so etwas in der Art. Der Mann hatte ein schmales, fein gezeichnetes Gesicht mit markanten Wangenknochen und einer geraden Nase. Seine Augen blickten freundlich drein (noch!) und seine schmalen Lippen umspielte ebenfalls der Ansatz eines Lachens. Er zog mit der linken Hand seinen Hut zum höflichen Gruß in die Stirn, dann stellte er mit der anderen Hand sei-nen silbernen Koffer ab und reichte Sibyll die Hand.
„Verzeihen Sie, Miss, das war nicht meine Absicht.“
„Keine Ursache“, antwortete Sibyll und atmete noch einmal tief durch, um den kurzen Schreckmoment zu vertreiben. Dann schüttelte sie die Hand. Sie war in Eile und hätte sie den Mann genauer gemustert, so hätte sie vielleicht jetzt schon gewusst, dass an diesem gewöhnlichen Dienstagmorgen etwas ganz und gar schief lief. „Verzeihen Sie, was auch immer Sie mir anbieten möchten – ich habe dafür wirklich keine Zeit. Ich muss zur Arbeit.“
Der Mann schmunzelte.
„Das kann ich mir vorstellen. Doch glauben Sie mir – das, was ich Ihnen anbiete, sowas hat Ihnen noch niemals jemand angeboten.“
Immer dieselben Sprüche! Sibyll strich sich durch ihre blonden Locken, in die sich im Laufe der Jahre allmählich die ein oder andere graue Strähne eingeschlichen hatte und lächelte höflich.
„Hören Sie, es tut mir leid, aber ich muss wirklich – “
„Geben Sie mir 5 Minuten und ihr Leben wird vom heutigen Tage an ein völlig anderes sein.“
Schweigen.
Was sollte man auf diese 08/15-Vertretersprüche auch Vernünftiges antworten?
Sie seufzte.
„Nun gut, kommen Sie rein. Aber wirklich nur 5 Minuten. Ich muss bald los!“
Sie trat zur Seite und hielt dem Mann die Tür auf. Als seine schwarzen Schuhe langsam kla-ckend über ihre Schwelle schritten, fiel ihr auf, dass er weder seinen Namen, noch die Firma, die er vertrat, genannt hatte. Sie runzelte die Stirn.
Der Mann betrat den mit Teppich ausgelegten Flur und blickte zur Garderobe hinauf.
„Ich darf doch, oder?“
„Sicherlich“, sagte Sibyll und ging an ihm vorbei, in ihre Küche. Dort blieb sie neben dem Tisch stehen, blickte zurück und versuchte, ein wenig Druck auf den Vertreter auszuüben, damit er sich wirklich beeilte. „Aber machen Sie es kurz.“
„Natürlich, Miss“, tönte es aus dem Flur.
Sibyll legte ihre Handtasche auf den Küchenstuhl, die Jacke behielt sie an. Sie hatte wirklich keine Zeit.
Schritte. Dumpfe, langsame, gewöhnliche Schritte auf dem Teppich ihres Flures.
Dann stand der Mann in ihrer Küche. Er trug einen schlichten dunkelgrünen Pullover über einem weißen Hemd. Der Kragen stand ordentlich hervor. Nun, da er seinen Hut abgelegt hatte, erkannte Sibyll kurzes schwarzes Haar, das ebenfalls vom Lauf der Zeit grau gezeichnet war.
„Bitte, setzen Sie sich.“
„Danke, Miss.“
Der Mann setzte sich langsam, stellte den Koffer dabei neben dem Tisch ab und faltete die Hände ordentlich auf dem Tisch.
„Sie haben sich noch nicht vorgestellt.“
„Ich bin untröstlich, Miss“, sagte der Mann. „Jedoch ist es keine Firma im eigentlichen Sin-ne, für die ich arbeite. Und was mich anbelangt – interessieren Sie sich für den Vertreter oder für das Produkt?“
„Ich würde ihn trotzdem gerne erfahren.“
Der Mann lächelte. Er öffnete den Mund, so als wollte er etwas sagen, dann schloss er ihn jedoch wieder. Er sah langsam auf seine Uhr.
„Was ist für Sie das Wichtigste in ihrem Leben?“
Sibyll zog die Augenbrauen hoch und verschränkte die Arme vor ihrem Körper.
„Ich bin nicht sicher, worauf sie hinauswollen?“ antwortete sie skeptisch.
Noch ein Lächeln. „Sehen Sie, ich will Ihnen hier keine Zahnpasta oder ein Reinigungsmittel zeigen. Was ich in diesem Koffer habe, ist für Sie nur interessant, wenn Sie mir verraten, was es ist.“
Sibyll grinste in sich hinein. Jetzt war es ihr klar! Der Mann war überhaupt kein Vertreter. Er kam mit großer Wahrscheinlichkeit von irgendeiner Sekte oder einer Glaubensgemeinschaft und versuchte, sie zu bekehren. Sie schmunzelte und blickte zu Boden.
„Wenn es um Spirituelles geht, nun…ich denke, dann ist es besser, wenn Sie wieder gehen, mein Herr.“
Für einen Moment hob der Mann zu einer Erwiderung an, dann lächelte er kurz und sagte:
„Natürlich, Miss. Wie Sie wünschen.“
Er stand auf und schob den Stuhl zurück. Erst jetzt bemerkte Sibyll, wie sehr ihre Küchen-stühle doch immer geknarzt hatten.
Sie stand ebenfalls auf und ging den Flur entlang zur Haustür zurück. Bei der Haustür blieb sie stehen und verschränkte die Arme. Wieder der Versuch des psychischen Drucks.
Was für ein komischer Vogel! Es schien quälend lange zu dauern, bis der Mann bereit war zu gehen. Was machte er überhaupt so lange in der Küche?
Sie atmete genervt aus und blickte über ihre kleine Pinnwand, die neben der Haustür an der Wand hing. Ein kleiner gelber Zettel verriet ihr, was sie heute noch alles zu tun hatte.
Einkaufen (wie so ziemlich jede Woche).
Carrie anrufen (die Arme hatte sich gerade von ihrem Freund getrennt und in so einer Situation bedarf es unbedingt Bester-Freundinnen-Hilfe).
Film zurück an Mike.
Richtig, Mike hatte ihr am Wochenende einen seiner Filme ausgeliehen. Sie hatten zwar noch nie denselben Geschmack gehabt, aber der Film hatte Sibyll schlichtweg umgehauen. Es war ein Thriller, bei dem man nie wusste, wer der Killer war – bis zu seinem alles übertreffenden Ende. Ihr spukte mit einem Mal ein Reim aus dem Film im Kopf herum, während sie hörte, wie die Schuhe des Mannes wieder den Flur entlangschritten.
Ich ging die Treppe rauf und sah
Tap
einen Mann, der war nicht da.
Tap Tap
Er ist auch heute nicht mehr dort,
Tap Tap Tap
ich wollt, ich wollt, er ginge fort.
Dann stand der Mann vor ihr.
Ihre Pupillen weiteten sich. Sie spürte, wie ihre Atmung schneller und flacher wurde. Ihr Nebennierenmark schüttete Adrenalin aus, während sich ein kleines Tröpfchen kalten Schweißes unter ihrem Haaransatz bildete.
Sibyll schluckte schwer, als der Mann in seine Jackentasche griff. Das Gefühl zu fallen.
Woher kam diese Angst? Was sollte das? Es gab nichts, wovor sie sich fürchten musste. Der Mann war ein Guru und gerade imstande zu gehen!
Dann zog der Mann ein Taschentuch hervor, tupfte sich den Mundwinkel ab, steckte es wie-der weg und gab Sibyll dann die Hand.
„Schade, dass ich Sie nicht überzeugen konnte, Miss.“
„Ja, in der Tat. Vielleicht ein andermal“, sie sprach und schluckte gleichzeitig. Fast hätte sie husten müssen.
Während der Mann seinen Mantel anzog, öffnete sie ihre Wohnungstür. Milchige Flecken auf dem rautenförmigen Fenster in Kopfhöhe. Ein verzerrter Blick auf die Welt da draußen.
Ein letztes Mal drehte sich der Mann um.
„Ich wünschen Ihnen trotzdem einen schönen Tag“, sagte er lächelnd.
Sibylls Herz schlug bis zum Anschlag. Gleich war er weg!
„Ihnen auch, danke“, brachte sie nur hervor.
Der Mann wandte ihr den Rücken zu, räusperte sich leise und setzte den Hut wieder auf.
Jetzt würde er gehen! Jetzt würde diese seltsame Angst vorbei gehen, jetzt würde sie wieder frei atmen können. Das Gefühl, dass einem eine Last von den Schultern fällt.
Dann knickte der Mann vom Treppenabsatz, als er sich noch ein letztes Mal über die Schulter zu ihr umdrehte.
Es knackte hörbar und der Mann stürzte auf den gefliesten Weg. Ein Schmerzensschrei.
Fluchen.
Alle Furcht war wie weggeblasen. „Mein Gott, geht es Ihnen gut?“
„Mein Knöchel! Verdammt!“, rief der Mann, der mit einem Mal  seinen ganzen irrationalen Schrecken verloren hatte. Sibyll eilte zu ihm und versuchte, ihm aufzuhelfen.
„Können Sie auftreten?“
Der Mann warf den Kopf in den Nacken und biss die Zähne zusammen. Seine Augen hatte er zugepresst. Nach einer Weile atmete er lange aus, dann öffnete er seine Augen wieder. Seine tiefen, braunen Augen.
„Ich versuche es.“
Wieder ein Schmerzensschrei. „Nein, keine Chance…“ presste er hervor und Sibyll spürte sein Gewicht, als er seinen Arm um ihre Schultern legte.
„Warten Sie, ich helfe Ihnen. Wir bringen Sie erstmal in die Küche, da können Sie sich hin-setzen.“
„Zu freundlich, Miss“, sagte der Mann und rang sich ein Lächeln ab.
Sibyll half ihm vorsichtig in den Flur zurück und langsam, ganz langsam humpelte der Mann auf den erlösenden Küchenstuhl zu.
Dann schloss Sibyll ihre Tür.



_________________
(ehemals KREVIN)
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Schundliterat
Schreiberassi


Beiträge: 70



BeitragVerfasst am: 25.06.2011 18:44    Titel: Re: Das Grauen Antworten mit Zitat

Krevin hat Folgendes geschrieben:
Hm...kennt ihr den Film "Shutter Island", ja?
Und kennt ihr die Anfangsszene, wo Di Caprio und Ruffalo von dem Schiff steigen, sich auf den LKW setzen und mit den Polizisten langsam zu der Einrichtung fahren?
 


Ja, kenn ich.

Zitat:

Ich habe mich gefragt, ob man sowas auch nur per Text bringen könnte - auch wenn man kein Barker, King oder Lovecraft ist...


Interessante und anspruchsvolle Idee. Dein Konzept hat aber einen Fehler: In der besagten Szene ergibt sich die Spannung aus der bedrohlichen Szenerie - die unwirtliche Insel, die düstere Irrenanstalt, die unheilschwangere Musik, die Mimik von DiCaprio, die mir sagt, "hier stimmt was nicht".

Diese bedrohliche Szenerie fehlt in deinem Text. Du verwechselst "nichts passiert" mit "stinkelangweilig" Wink

Zitat:
Woher kam diese Angst?


Das fragte ich mich als Leser auch. Die Angst ist für mich nicht nachvollziehbar. Du behauptest diese lediglich.
"XY sah einen Mann und bekam Angst" ist eine Aussage, die bei mir keine Reaktion bewirkt.
Du beschreibst, wie die Protagonistin Schweißausbrüche bekommt, aber verschweigst warum.
 
Was geht im Kopf der Protagonistin vor? Was ist an diesem Mann unheimlich? Was befürchtet sie? Das müsstest Du beschreiben, ich kann darüber nur rätseln. Oder Du müsstest, wie bei Shutter Island, das Szenario viel bedrohlicher malen. Das musst du mit Worten und Beschreibungen machen.

Da sehe ich den Konzeptfehler. Ich hoffe, ich habe das verständlich ausgedrückt.

Lovecraft ist ein gutes Beispiel. Leider hat der Mann ein Genie, dass keiner von uns erreichen wird.   Crying or Very sad
Er beschreibt unheimliche Szenarien, in denen nichts passiert, das pure Grauen jedoch stets auf der Lauer zu liegen scheint.

Schlussendlich noch eine Empfehlung von mir: Guck mal den Film "The Box", von Richard Kelly (Donnie Darko). Da geht es auch um einen ominösen Vertreter und der Film hat genau die Art von Spannung, die Du erzeugen willst. Natürlich lässt sich Film nicht 1:1 auf ein Buch übertragen, dass sollte klar sein. Die Stilmittel eines Films stehen dir schlicht nicht zur Verfügung
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JGuy
Geschlecht:männlichMann spricht deutsch


Beiträge: 343
Wohnort: Saarpfalz
Ei 8


BeitragVerfasst am: 26.06.2011 12:09    Titel: Antworten mit Zitat

Leider ist auch bei mir das Kopfkino nicht angesprungen.
Ein wenig Spannung konnte bei mir zwar schon aufkommen. Dies geschah aber nur, weil du in der Einleitung darauf hingewiesen hast und ich daher die ganze Zeit erwartete, dass irgendetwas passiert. Hätte ich den Text ohne Vorrede unvoreingenommen gelesen, wäre es ein größtenteils langwierig und zäh verlaufendes, wenn auch etwas seltsames Vertretergespräch gewesen.
Der kurze Angstanfall der Protagonistin konnte mich auch nicht wirklich packen, weil du ihn eher technisch schilderst. Es liest sich wie eine medizinisch-psychologische Abhandlung über die Angstreaktion.
Alles was es in mir bewirkt hat war, dass ich mich fragte: Hat die Gute sie nicht mehr alle?
Ich denke was fehlt sind geschickte Anspielungen, die das Unheil zwar nicht plump und direkt ankündigen, aber im Leser unbewusst Vorahnungen und Ängste auslösen.
Eine schwere Aufgabe an die du dich da gewagt hast, aber gib  nicht auf.


_________________
... on the other hand, a little knowledge and a vivid imagination can really make a person cuckoo.
-Wilson Wilson jr.-

Writer's block is a fancy term made up by whiners so they can have an excuse to drink alcohol.
-Steve Martin-
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Bananenfischin
Geschlecht:weiblichFlachmann-Preisträger

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Goldene Feder Prosa Pokapro IV & Lezepo II
Silberne Harfe



BeitragVerfasst am: 26.06.2011 13:14    Titel: Re: Das Grauen Antworten mit Zitat

Hallo Krevin,

schön, dass du wieder da bist! Als ich damals in diesem Forum aufschlug, um zu bleiben, sind wir uns einmal ganz kurz über den Weg gelaufen. smile

Krevin hat Folgendes geschrieben:
Horror pur, Unbehagen, Grusel. Warum? Es passiert ja nichts. In dieser Szene steht und fällt alles mit der genialen Musik


Ja, es passiert nichts, aber die Atmosphäre ist "unheilschwanger", wie schon Schundliterat so schön sagte. Die Musik trägt dazu bei, diese Stimmung aufzubauen, ebenso wie bestimmte filmische Mittel.
Eine bedrohliche Stimmung kann man mit Worten und durch den Einsatz bestimmter Stilmittel natürlich auch aufbauen.

Du hast dazu die auktoriale Erzählweise und somit auch den Holzhammer direkt zu Beginn gewählt. Anstatt Spannung subtil aufzubauen, nimmst du sie vorweg:
Zitat:
An dem Tag, an dem der Mann vor ihrer Tür stand, war Sibylls Leben zu Ende.

Zumal du ein Versprechen gibst, dass letztlich nicht wirklich eingehalten wird. Zumindest erhält der Leser gegen Ende keinerlei Hinweis, dass es mit dem Mann tatsächlich Ungutes auf sich hat.

Auch gibt es Widersprüche:
Erst dies:
Zitat:
Sibyll wusste, dass ihr Leben zu Ende war, als sie die Tür öffnete.
Dann das:
Zitat:
hätte sie den Mann genauer gemustert, so hätte sie vielleicht jetzt schon gewusst, dass an diesem gewöhnlichen Dienstagmorgen etwas ganz und gar schief lief.


Auf weitere handwerkliche Unsicherheiten gehe ich jetzt nicht ein, aber was deine Fragestellung angeht, so ist dir die Umsetzung dessen, was du vorhattest, meiner Meinung nach nicht gelungen.
Der letzte Satz aber, der hat als letzter Satz echt Potential, meine ich, und erkläre das zusammen mit einem Vorschlag:

Ich hätte es so besser gefunden: Sibyll öffnet dem Mann, und irgendetwas an ihm kommt ihr gleich seltsam vor (um eine unheimliche Stimmung dabei aufzubauen, gibt es natürlich eine Vielzahl von Möglichkeiten). Sie fühlt unerklärliches Unbehagen, noch keine Angst. Er hat aber etwas Hypnotisches, so dass sie ihn einlässt. Drinnen häufen sich die Anzeichen von Seltsamem, jetzt bekommt sie richtig Angst, immer noch, ohne dass es einen wirklich triftigen Grund dafür zu geben scheint. Schließlich wirft sie ihn unwirsch heraus, er bleibt freundlich und geht. Sie verurteilt sich schon für ihre Dummheit und Unfreundlichkeit, dann kommt es zu seinem Straucheln. Schuldbewusst bittet sie ihn wieder hinein. Das Ende könnte dann so aussehen:
Zitat:
Sibyll wartete, bis der Mann auf dem Stuhl saß, dann wandte sie sich um und warf einen Blick nach draußen. Der Regen heute morgen schien sämtliche Farbe aus der Welt gewaschen zu haben. Gegenüber am Zaun stand die Nachbarin und winkte. Ihr Mund formte unablässig Worte, doch kein Ton wehte zu Sibyll herüber. Und während sie noch vergeblich versuchte, Bedeutung von den Lippen abzulesen, griff der Fremde hinter ihr erneut in die Tasche. Sein schmerzverzerrter Mund entspannte sich zu einem Lächeln. Dann schloss Sibyll ihre Tür.


Liebe Grüße
Bananenfischin


_________________
»Ob ich mir eine Dramatisierung meiner Bücher vorstellen kann? Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, in meinen letzten vier Büchern gibt es keine Handlung.« (Andreas Maier im Gespräch mit Raimund Fellinger, 2015)
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Seraph
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Wohnort: Dülmen


Die Legenden von Himmel und Hölle
BeitragVerfasst am: 26.06.2011 15:33    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hey Leute, erstmal danke für eure Antworten!  Smile

@Schundliterat:
Ok, ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Das Problem liegt bei diesem "Behaupten". Nun, natürlich hätte ich ihm eine lustige Narbe über dem Kehlkopf geben könne. Oder schlanke, zarte Finger mit merkwürdig spitzen Fingernägeln. Einen merkwürdigen Sprachfehler, Manierismen oder zwei verschiedenfarbige Augen? Aber wäre das nicht auch der Holzhammer gewesen?
Ich meine - es soll ja gerade so sein, dass der Mann völlig harmlos wirkt. Aber irgendetwas an ihm stimmt nicht. Das Bild des typischen Pädophilen(?), der beispielsweise freundlich, höflich-zurückhaltend wirkt, aber in dessen Innern eine Bestie schlummert?
Oder anders gefragt: wie schaffe ich es, so jemanden darzustellen, der wirklich Horror ausstrahlt, dabei aber völlig harmlos wirkt?

@JGuy und Bananenfischin:
Also ich glaube, dass es ja generell 2 Möglichkeiten gibt, Spannung zu erzeugen.

1. Ich fange völlig neutral an und lasse den Leser am Ende mit seinen eigenen Spekulationen über eine schlimmes Ende alleine.
2. Ich nehme das Ende vorweg (=ihr Leben ist zu Ende) und der Leser muss sozusagen den Weg dahin nachvollziehen. Da gibt es doch sogar so einen lustigen Fachbegriff für diese Technik, habe ich letztens auf Wikipedia gelesen...

Also ich habe mich an Nr. 2 versucht. Ok, in dem Fall ist es mir wohl misslungen. Aber nicht schlimm, ich bin ja noch jung und kann an mir arbeiten. wink
Danke für eure Anmerkungen!
Ach und Bananenfischin - danke, dass du mal so eben mit ein paar Sätzen ein viel besseres Ende hinhaust, als ich. Razz

Liebe Grüße,
Krevin


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(ehemals KREVIN)
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Miss Havisham
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 103



BeitragVerfasst am: 26.06.2011 15:42    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Oder anders gefragt: wie schaffe ich es, so jemanden darzustellen, der wirklich Horror ausstrahlt, dabei aber völlig harmlos wirkt?


Du meinst, objektiv harmlos? Subjektiv harmlos kann jemand der Horror ausstrahlt ja nicht wirken.

Dass sie sich nicht erklären kann, warum sie ihn reingelassen hat, obwohl sie sowas sonst nie tut, wäre ein guter Anfang.
Bei körperlichen Merkmalen würde ich die Augen bevorzugen. Als "Fenster zur Seele" sind ungewöhnliche Augen viel unheimlicher als ungewöhnliche Fingernägel.
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