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Merlin*
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 64
Beiträge: 168
Wohnort: Gera / Thüringen


BeitragVerfasst am: 16.02.2011 01:11    Titel: Du bist da eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Neue Version »

Ein zartes Lächeln erhellt Dein Gesicht, als ich mich mit dem Eis neben Dich setze.
Doch Dein Blick verliert sich im Nirgendwo, er verrät nichts.

„Bin hier“ sage ich, mich zwischen das Nirgendwo und Deine Augen drängend, um Dich zurück zu holen.
Ich warte nicht auf eine Antwort, lehne mich zurück und schiebe den Eisbecher aus dem toten Winkel Deines Gesichtsfeldes direkt vor Dich hin.
Automatisch beginnst Du zu löffeln. Meine Gedanken driften ab.

Mir kommt ein gemeinsames Eisessen in Versailles in den Sinn. Damals hörtest Du schon schwer.
Aber Dein Geist war noch fit!
Für Dich ein Höhepunkt in deinem Leben, unser gemeinsamer Urlaub in Paris. Die Stadtrundfahrt, die werde ich wohl nie vergessen.


„ Wo hast du Pit gelassen!“ Du schaust mich fragend an. Der Eislöffel mit einem Riesenberg Eis darauf verharrt direkt vor Deinem Mund. Schnell schiebe ich Deine Hand weiter.
Du hast schon Kaffeeflecken auf dem Pullover....
Ich kenne keinen Pit. Aber Du fragst mich das öfters. Und wie immer lege ich meine Hand an die Wange, halte den Kopf schief und schließe die Augen. Der schläft, denke ich und muss ein Gähnen unterdrücken.
„Der schläft?“ fragst Du, „der schläft jetzt oft!“ Zustimmend nicke ich. Du bist wieder mit Deinem Eis beschäftigt.

Zu deinem 80.Geburtstag schenkten wir Dir damals die Reise nach Paris, mit mir, Deiner Tochter, als Begleiter. Soweit ich denken konnte, sprachst Du oft mit leuchtenden Augen von der Stadt Deiner Liebe. Da könnten wir doch ..., dachten wir damals alle und legten zusammen. Es sollte ein Volltreffer werden!

Eines Tages lag dann auch ein alter, abgegriffener Vorkriegsstadtplan von Paris immer auf Deinem Tisch. Wie oft musst Du ihn nicht nur in dieser Zeit in Deinen Händen gehalten haben ...
Bei jeder Gelegenheit erklärtest Du mir, wie man von da nach dort käme und was wir uns unbedingt anschauen müssten. Cafe de la Paix, die Madelaine und...und...und, manchmal war es mir zu viel. Aber ich freute mich ja für Dich.


„Hast du deine Hunde noch?“ Der Eisbecher ist leer. Ich hatte nie Hunde, aber 2 Katzen, seit Jahren schon, Du hast es längst vergessen.
Wieder nicke ich Zustimmung und denke „ ja.“
Ich habe mir Deine linke Hand von Deinem Schoss geangelt. Sie, die wie immer kühl ist, halte ich zwischen meinen warmen Händen und streichle langsam Deinen gestreckten Zeigefinger auf und ab. Dein Zittern wird weniger.
Du schaust aus dem großen Fenster und ich frage mich, was Dir Dein sich langsam verlierender Geist wohl heute vorgaukeln mag. Gestern war es ein Bäckerladen mitten im Garten, der schon wieder geschlossen hatte, davor ein rosa Sexhaus ....

Bei einem meiner Besuche, zogst Du unter der Tischdecke einen alten vergilbten Brief hervor. Ich sollte ihn lesen. Es war ein Liebesbrief von einem Jean aus Frankreich,
1944 geschrieben. Du sprachst zum ersten Mal von ihm. Er war damals Kriegsgefangener in Teplitz Schönau, deiner Geburtsstadt - und Deine große Liebe.
Der Krieg trennte Euch ..., für immer!
Doch die Erinnerung blieb -und setzte sich in mir fort, denn 10 Jahre später gabst Du mir seinen Namen – Jeanette.

„Was machen die Hunde jetzt?“ Wieder halte ich den Kopf schief, lege die hohle Hand an die Wange, schließe die Augen und denke, die schlafen.
Nicht gähnen, mogel ich noch schnell dazu.

Auf die Stadtrundfahrt mit Führung, 11 Jahre ist das jetzt her, waren wir schon sehr gespannt.
Leider konntest Du die Stimme des Stadtführers im vorderen Teil von unserem Reisebus nicht verstehen.
Doch das vorausahnend, hatte ich mich vorsorglich mit Schreibblock und Stift bewaffnet.
Die Fahrt ging los. „Meine Damen und Herren, wir kommen in wenigen Augenblicken zum Eiffelturm.“
Noch ehe ich den Stift aufs Papier setzen konnte, zogst Du mich ganz aufgeregt am Arm:
„Schau mal nach rechts, da kommt gleich der Eiffelturm...“ Du warst Spitze!
Und so sollte das weitergehen. Du wusstest genau die Lage jeder Sehenswürdigkeit. Immer kamst Du unserem Stadtführer zuvor. Wir waren damals die "Attraktion" im Bus,
denn wie alle schwer Hörenden, sprachst Du ziemlich laut.
Obwohl Du noch nie hier warst, kanntest Du Paris wie Deine Westentasche. Meine Begeisterung für Dich war grenzenlos.

Ich halte Deine Hand noch immer fest. Das Zittern hat jetzt nachgelassen. Mich erfüllt ein Gefühl der Wärme zu Dir. Auch wenn sich die Erinnerung an Paris bei Dir längst im Nebel des Vergessens aufgelöst hat, wir haben es erlebt, gemeinsam - und das gibt mir Kraft.

Der Speisesaal leert sich langsam von den Gästen mit ihren Angehörigen und auch ich schiebe Deinen Rollstuhl zurück zum Aufzug.
Auf Deiner Ebene angekommen, verabschiede ich mich von Dir.
„Bis Morgen,“ denke ich mit den Lippen. Du schaust mich an „Bis morgen,“ sagst Du nach einer Weile.
Vor der Tür winke ich Dir noch einmal zu und auch Du winkst - lächelnd.

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Mardii
Stiefmütterle

Alter: 59
Beiträge: 1841



BeitragVerfasst am: 16.02.2011 04:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Merlin*,

die Intention deines Textes gefällt mir sehr gut. Der Stil, die Du-Ansprache der Protagonistin, soll wohl die mentale Ebene des Gedankenübertragens zwischen Erzähler und Prota transportieren, die an zwei Stellen zum Ausdruck kommt. Ich tue mich etwas schwer mit dieser Umsetzung, es bereitet mir Unbehagen. Die Zeilen transportieren mir zu viel von diesem Verständnissinnigen, dem Gutes-tun-wollen. Das Ganze hat mir eine zu starke Rosafärbung, einen Hang zu idealisieren, der zu wenig von der alltäglichen Problematik des Lebens mit Demenzkranken durchblicken lässt. Aber das ist halt meine Ansicht. Zum Text noch ein wenig:

Zitat:
Ein zartes Lächeln erhellt Dein Gesicht, als ich mich mit dem Eis in der Hand neben Dich setze.


Die Handlung macht viele Sprünge zwischen verschiedenen Erinnerungsebenen der Erzählerin und der Protagonistin. Das Wiederholen von Motiven, wie das Eis essen und die geschenkte Paris-Reise, die verschiedenen Zeitebenen, zersplittern den Text und machen die logische Abfolge des Erzählens undurchsichtig. Es erschwert auseinander zu halten, was Phantasie der Prota, was angedeutete Nachdenklichkeit der Erzählerin, was Gedankenübertragung zwischen den beiden und was letztendlich reales Erleben ist. Hier könntest du versuchen mehr zu bündeln und zu komprimieren, wegzulassen.

Wie gesagt, mag ich diese dem Text zugrunde liegende Absicht sehr und denke, dass du da noch mehr herausholen kannst.

Gruß von Mardii


_________________
`bin ein herzen´s gutes stück blech was halt gerne ein edelmetall wäre´
Ridickully
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Friedbert
Geschlecht:männlichSchreiberassi

Alter: 41
Beiträge: 52
Wohnort: Zürich


BeitragVerfasst am: 16.02.2011 07:02    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Merlin

Hat mir gut gefallen, und auf die Schnelle fand ich auch nichts zu bemängeln.

Das Hin- und Hergehüpfe ist mir während des Lesens nicht aufgestossen.

Ob der Text zu rosa ist, kann ich nicht beurteilen. Allerdings finde ich, muss man sich ja nicht immer an der Realität orientieren.

Richtet sich nicht gegen Mardiis Kritik. Die Punkte sind sicher überdenkenswert. Liegt bei dir.

Greets Friedbert
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klausge
Geschlecht:männlichSchreiberassi


Beiträge: 40



BeitragVerfasst am: 17.02.2011 16:44    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Merlin,

Dein Text hat mir sehr gut gefallen. Ein Abschiednehmen, ohne einen Abschied ist schwierig. Anfangs habe ich nicht gleich herausgefunden, daß deine Person weiblich ist, das war eigentlich das einzige. Die Gedankensprünge stören mich weniger, wohl weil ich auch immer in viele Richtungen denke. Aber sehr schön um sich Gedanken über das Sein zu machen.
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Merlin*
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 64
Beiträge: 168
Wohnort: Gera / Thüringen


BeitragVerfasst am: 17.02.2011 19:05    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Ihr lieben Schreiberlinge,

ich danke Euch sehr, dass Ihr Euch die Zeit genommen habt, mein Werklein zu lesen und mir Eure Meinung mitzuteilen,

Mardii, ich respektiere Deine Meinung,
schließlich habe ich ja meine Geschichte hier eingestellt, um ein Feedback zu bekommen und solche fundierte Kritik, wie hier üblich, bin ich nicht gewöhnt,
ich empfinde die Kritiken als bereichernd und liebe die kreative Luft ...

meine Geschichte ist sehr real, da ist nichts rosa eingefärbt, meine Mam ist an Demenz erkrankt, wie du richtig festgestellt hast, hört nichts und kann auch nichts mehr lesen, also mussten wir unsere eigene Zeichensprache entwickeln, hat nichts mit Gedankenübertragung zu tun, sie liest von meinen Gesten ab, was ich ihr sagen will, das sind wenige, immer wiederkehrende "Sätze", mehr geht nicht,

das Eis habe ich bewusst wiederholt in die Handlung eingebaut, weil es dann wirklich NUR das Eis ist, mit dem sie sich beschäftigt, wenn ich da bin, Monotonie des Seins -

die wechselnden  Zeitabläufe versuchte ich, durch die unterschiedlichen Zeitformen zu unterscheiden

ich werde aber den Text nochmal überarbeiten in ein paar Tagen und versuchen, unwichtiges noch herauszufiltern und zu streichen

danke Dir nochmals für Dein Lesen,


Lieber Friedrich,

ich habe mich gefreut über Dein positives Lesen, denn ich war mir nicht sicher, wie der Text auf andere Leser wirken wird, ich leide immer etwas an Minderwertigkeitskomplexen bei meinen Werken, bin bis zum Schluss nie 100%ig davon überzeugt, da war dann doch ein Aufatmen da, als ich Deinen Standpunkt las,
auch Dir nochmals ein herzliches Danke,

Hallo lieber Klausge,

Deine Kritik ist das Sahnehäubchen für mich, klar, kommt doch durch Deine Gedanken bei mir das Gefühl an, dass Du Dich sehr gut in die Stimmung, die ich vermitteln wollte, hineinversetzen kannst,
ich bin sehr froh, dass ich auch diese Zeit gemeinsam mit meiner Mam gehen kann und ich bin weder bestürzt noch traurig über diese Situation, im Gegenteil, der Humor über ihre verworrenen Gedankengänge kommt nicht zu kurz,

allen liebe Grüße
Merlin
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Merlin*
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 64
Beiträge: 168
Wohnort: Gera / Thüringen


BeitragVerfasst am: 21.02.2011 23:15    Titel: Du bist da pdf-Datei Antworten mit Zitat

hie noch einmal die überarbeitete Version meines Textes


Du bist da

Ein zartes Lächeln erhellt Dein Gesicht, als ich mich mit dem Eis neben Dich setze. 
Doch Dein Blick verliert sich im Nirgendwo, er verrät nichts. 

„Bin hier“ sage ich, mich zwischen das Nirgendwo und Deine Augen drängend, um Dich zurück zu holen. 
Ich warte nicht auf eine Antwort, lehne mich zurück und schiebe den Eisbecher aus dem toten Winkel Deines Gesichtsfeldes direkt vor Dich hin. 
Automatisch beginnst Du zu löffeln. Meine Gedanken driften ab. 

Mir kommt ein gemeinsames Eisessen in Versailles in den Sinn. Damals hörtest Du schon schwer. 
Aber Dein Geist war noch fit! 
Für Dich ein Höhepunkt in deinem Leben, unser gemeinsamer Urlaub in Paris. Die Stadtrundfahrt, die werde ich wohl nie vergessen. 


„ Wo hast du Pit gelassen!“ Du schaust mich fragend an. Der Eislöffel mit einem Riesenberg Eis darauf verharrt direkt vor Deinem Mund. Schnell schiebe ich Deine Hand weiter. 
Du hast schon Kaffeeflecken auf dem Pullover.... 
Ich kenne keinen Pit. Aber Du fragst mich das öfters. Und wie immer lege ich meine Hand an die Wange, halte den Kopf schief und schließe die Augen. Der schläft, denke ich und muss ein Gähnen unterdrücken. 
„Der schläft?“ fragst Du, „der schläft jetzt oft!“ Zustimmend nicke ich. Du bist wieder mit Deinem Eis beschäftigt. 

Zu deinem 80.Geburtstag schenkten wir Dir damals die Reise nach Paris, mit mir, Deiner Tochter, als Begleiter. Soweit ich denken konnte, sprachst Du oft mit leuchtenden Augen von der Stadt Deiner Liebe. Da könnten wir doch ..., dachten wir damals alle und legten zusammen. Es sollte ein Volltreffer werden! 

Eines Tages lag dann auch ein alter, abgegriffener Vorkriegsstadtplan von Paris immer auf Deinem Tisch. Wie oft musst Du ihn nicht nur in dieser Zeit in Deinen Händen gehalten haben ... 
Bei jeder Gelegenheit erklärtest Du mir, wie man von da nach dort käme und was wir uns unbedingt anschauen müssten. Cafe de la Paix, die Madelaine und...und...und, manchmal war es mir zu viel. Aber ich freute mich ja für Dich. 


„Hast du deine Hunde noch?“ Der Löffel kratzt im leeren Eisbecher. Ich hatte nie Hunde, aber 2 Katzen, seit Jahren schon, Du hast es längst vergessen. 
Wieder nicke ich Zustimmung und denke „ ja.“ 
Ich habe mir Deine linke Hand von Deinem Schoss geangelt. Sie, die wie immer kühl ist, halte ich zwischen meinen warmen Händen und streichle langsam Deinen gestreckten Zeigefinger auf und ab. Dein Zittern wird weniger. 
Du schaust aus dem großen Fenster -

Bei einem meiner Besuche in Deiner Wohnung, zogst Du unter der Tischdecke einen alten vergilbten Brief hervor. Ich sollte ihn lesen. Es war ein Liebesbrief von einem Jean aus Frankreich, 
1944 geschrieben. Du sprachst zum ersten Mal von ihm. Er war damals Kriegsgefangener in Teplitz Schönau, deiner Geburtsstadt - und Deine große Liebe. 
Der Krieg trennte Euch ..., für immer! 
Doch die Erinnerung blieb -und setzte sich in mir fort, denn 10 Jahre später gabst Du mir seinen Namen – Jeanette. 

„Was machen die Hunde jetzt?“ Wieder halte ich den Kopf schief, lege die hohle Hand an die Wange, schließe die Augen und denke, die schlafen. 
Nicht gähnen, mogel ich noch schnell dazu. 

Auf die Stadtrundfahrt mit Führung, 11 Jahre ist das jetzt her, waren wir schon sehr gespannt. 
Leider konntest Du die Stimme des Stadtführers im vorderen Teil von unserem Reisebus nicht verstehen. 
Doch das vorausahnend, hatte ich mich vorsorglich mit Schreibblock und Stift bewaffnet. 
Die Fahrt ging los. „Meine Damen und Herren, wir kommen in wenigen Augenblicken zum Eiffelturm.“ 
Noch ehe ich den Stift aufs Papier setzen konnte, zogst Du mich ganz aufgeregt am Arm: 
„Schau mal nach rechts, da kommt gleich der Eiffelturm...“ Du warst Spitze! 
Und so sollte das weitergehen. Du wusstest genau die Lage jeder Sehenswürdigkeit. Immer kamst Du unserem Stadtführer zuvor. Wir waren damals die "Attraktion" im Bus, 
denn wie alle schwer Hörenden, sprachst Du ziemlich laut. 
Obwohl Du noch nie hier warst, kanntest Du Paris wie Deine Westentasche. Meine Begeisterung für Dich war grenzenlos. 

Ich halte Deine Hand noch immer fest. Das Zittern hat jetzt nachgelassen. Mich erfüllt ein Gefühl der Wärme zu Dir. Auch wenn sich die Erinnerung an Paris bei Dir längst im Nebel des Vergessens aufgelöst hat, wir haben es erlebt, gemeinsam - und das gibt mir Kraft. 

Der Speisesaal leert sich langsam von den Gästen mit ihren Angehörigen und auch ich schiebe Deinen Rollstuhl zurück zum Aufzug. 
Auf Deiner Ebene angekommen, verabschiede ich mich von Dir. 
„Bis Morgen,“ denke ich mit den Lippen. Du schaust mich an „Bis morgen,“ sagst Du nach einer Weile. 
Vor der Tür winke ich Dir noch einmal zu und auch Du winkst - lächelnd.
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Aranka
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


Beiträge: 3371
Wohnort: Umkreis Mönchengladbach
Pokapro und Lezepo 2014



BeitragVerfasst am: 03.06.2011 17:21    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Merlin,

habe deine Geschichte „Du bist da“ gelesen. Du nimmst dich in dieser Geschichte der Thematik Mutter-Tochter-Beziehung in der besonderen Situation einer Demenzerkrankung mit viel Feingefühl an. Aus den Zeilen und Beobachtungen erzählen die tiefen eigenen Erfahrungen und all die vielen Gedanken, die diese Zeiten begleiten, sind immer wieder zwischen den Zeilen präsent.

Bei einer solchen Thematik fällt es mir immer schwer, an den Text als Text heran zu gehen. Aber wenn du es nicht nur als private Tagebuchaufzeichnung betrachten willst, in der du einfach für dich alles bewahren willst, all die kleinen Dinge zwischen Mutter und Tochter und all die schweren und auch schönen Gedanken, sondern die Geschichte für andere erfahrbar machen möchtest, dann sollte man den Text auch als Text betrachten.

Da du ihn ins Forum gestellt hast, gehe ich davon aus, dass du auch daran arbeiten willst. Und so versuche ich einmal, meine Gedanken zum Text offen zu legen.

Gut gelungen finde ich alle Stellen, in denen du die Mutter-Tochter-Szenen direkt einfängst, ohne jeden Kommentar oder Gedankeneinschub. Da bin ich als Leser mit in der Szene, sitze daneben und vollziehe jede Bewegung und Regung mit. Hier ein paar Beispiele aus deinem Text:
Merlin hat Folgendes geschrieben:
„ Wo hast du Pit gelassen!“ Du schaust mich fragend an. Der Eislöffel mit einem Riesenberg Eis darauf verharrt direkt vor Deinem Mund. Schnell schiebe ich Deine Hand weiter, Vorschlag: mein Blick streift verstohlen die Kaffeeflecken auf deinem Pullover
 Du hast schon Kaffeeflecken auf dem Pullover....  
Ich kenne keinen Pit. Aber Du fragst mich das öfters. (Und )
 Wie immer lege ich meine Hand an die Wange, halte den Kopf schief und schließe die Augen. Der schläft, denke ich und muss ein Gähnen unterdrücken.  
„Der schläft?“ fragst Du, „der schläft jetzt oft!“ (Zustimmend nicke ich.)    Vorschlag: Ich nicke und schon bist du wieder mit Deinem Eis beschäftigt.    
(nicken ist meist zustimmend)

Merlin hat Folgendes geschrieben:
„Hast du deine Hunde noch?“ Der Löffel kratzt im leeren Eisbecher. Ich hatte nie Hunde, aber 2 Katzen, seit Jahren schon. (Du hast es längst vergessen. Das ließ ich weg. Das ist doch nach der Frage nach den Hunden jedem klar und stort hier nur die Szene.)  
Wieder nicke ich Zustimmung und denke „ ja.“  
Ich habe mir Deine linke Hand von Deinem Schoss geangelt. Sie, die wie immer kühl ist, halte ich zwischen meinen warmen Händen und streichle langsam Deinen gestreckten Zeigefinger auf und ab. Dein Zittern wird weniger.  
Du schaust aus dem großen Fenster -   


Dies sind so Textpassagen, die mich als Leser einfach mitnehmen und mir Zeit lassen, mir all die Gedanken und Gefühle, die da zwischen den beiden hin und her wandern, selbst zu erdenken und aus den Worten zu erspüren.

Schwer tue ich mich da, wo du mir deine Gedanken dazwischen schiebst. Manchmal sind sie nicht nötig, längst im Text enthalten. Es sind meist nur Kleinigkeiten, winzige Einschube. Nenne einfach ein paar Stellen, schreibe die Veränderungen rot, erläutere dann in Klammern, warum ich verändert habe.

Ein kurzes Lächeln erhellt Dein Gesicht, als ich mich mit dem Eis neben Dich setze   und schon verliert sich
 Dein Blick wieder im Nirgendwo. (er verrät nichts.)(Das kann sich der Leser gut vorstellen. Nirgendwo ist sehr aussagekräftig.)  

„Bin hier“ sage ich, dränge   mich zwischen das Nirgendwo und Deine Augen. ( um Dich zurück zu holen. ) (Auch diesen Nachsatz finde ich nicht nötig. Das steht schon im Vorsatz.)

Dein Besuch in der Wohnung, auch eine sehr schön geschrieben e Stelle. Eine Verdichtung ließe aus meiner Sicht dem Text mehr Spannung:

Er war (damals) Kriegsgefangener in Teplitz Schönau, deiner Geburtsstadt - und Deine große Liebe.  10 Jahre später gabst Du mir seinen Namen – Jeanette.  
 

Der Krieg trennte Euch ..., für immer!  
Doch die Erinnerung blieb -und setzte sich in mir fort, denn 10 Jahre später gabst Du mir seinen Namen – Jeanette.
(weglassen! Die Sätze vorher sagen alles. Dass der Krieg sie trennte ist klar, dass es die große Liebe war und ihr Geheimnis, auch, denn nach 10 Jahren noch ist der Name wichtig. Du nimmst mit deinen Genauigkeiten manchmal dem Text das leise Geheimnis zwischen den Zeilen. Das ist meine Sicht. Du siehst das vielleicht anders.
 

Die Szene mit der Stadtrundfahrt würde ich kürzen. Wichtig ist, dass die Mutter die Tochter überrascht, dass sie stolz ist und sie mit ihrem „Können“ im Mittelpunkt steht. Das ist eine wunderbare Szene der Lebendigkeit. Dass die Tochter es aufschreiben wollte, finde ich weniger wichtig und verkompliziert das Ganze und lenkt vom Kern weg. Ich würde direkter einsteigen:

„Bei der Stadtrundfahrt hast du mich und alle Mitreisenden überrascht. (so oder ähnlich)
„Schau mal nach rechts, da kommt gleich der Eiffelturm...“   sagtest du, bevor der Reiseführer darauf hinweisen konnte.
 Du warst Spitze!  
Und so sollte das weitergehen. Du wusstest genau die Lage jeder Sehenswürdigkeit. Immer kamst Du unserem Stadtführer zuvor. Wir waren damals die "Attraktion" im Bus,  
(denn wie alle schwer Hörenden, sprachst Du ziemlich laut. )(könnte ich auch drauf verzichten)
Obwohl Du noch nie hier warst, kanntest Du Paris wie Deine Westentasche. Meine Begeisterung für Dich war grenzenlos.  

Ich würde hier ein wenig umbauen, damit ein etwas interessanterer Schlussgedanke stehen bleibt.  

Der Speisesaal leert sich langsam von den Gästen mit ihren Angehörigen und auch ich schiebe Deinen Rollstuhl zurück zum Aufzug.  

Ich halte Deine Hand noch immer fest. Das Zittern hat jetzt nachgelassen. Mich erfüllt ein Gefühl der Wärme zu Dir. Auch wenn sich die Erinnerung an Paris bei Dir längst im Nebel des Vergessens aufgelöst hat, wir haben
  diese Stadt gemeinsam bereist, sie gehörte in dein Leben und jetzt gehört sie auch in meins.
 (es erlebt, gemeinsam - und das gibt mir Kraft. )

Das die Tochter aus diesem Erlebnis Kraft schöpft, erzählt die Geschichte über deutlich und braucht nicht gesagt werden. Sie erzählt dem Leser noch viel mehr. Diese Reise bedeutet auch Nähe, teilen von Geheimnissen, Verstehen. Das alles schränkst du mit dem Satz „das gibt mir Kraft“ ein.

Ich hoffe, ich habe nicht zu viel an deiner wunderbaren Geschichte herumgeschnitten. Es sind nur kleine Sätze, jedoch mit großer Wirkung, ob sie da stehen oder nicht. Vielleicht ist es mir gelungen, meine Bemerkungen zu erläutern und ich konnte dir ein wenig hilfreich sein.

Ich finde den Text wichtig und kann mir vorstellen, dass er viele Leser finden wird. Denn du teilst sicher mit vielen gleiche und ähnliche Erfahrungen und nicht jeder kann sie so ins Wort setzen.

Viele Grüße Aranka
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Merlin*
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BeitragVerfasst am: 03.06.2011 18:34    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe Aranka,

Du hast mir einen riesen Gefallen getan mit Deinem kritischen Reingehen in meinen Text, man sieht deutlich, dass Du schon einiges an Erfahrung hast,
es ist zwar ein sehr persönlicher Text, aber wenn ich Angst vor Veränderungen hätte, dann dürfte ich ihn nicht hier einstellen, also mach Dir mal keine Sorgen ... das ist schon so in Ordnung ... und schließlich bin ich ja hier ins Forum gekommen, um Schreiben zu lernen oder sicherer zu werden,

also erst mal Danke dafür, dass Du Deine Zeit geopfert hast

lieben Gruß
Merlin


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Merlin*
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BeitragVerfasst am: 03.06.2011 23:13    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Aranka,

ich habe, Deine Gedanken im Kopf,  mein Geschichte nochmals überarbeitet und viel gekürzt, Deine Vorschläge sind größtenteils übernommen,  Smile

für mein Gefühl hat die Geschichte durch die Überarbeitung nur gewonnen,
Deine Gedanken waren sehr hilfreich für mich, denn jetzt ist der Blick frei auf die Dinge, die den Wert meiner Geschichte aus machen, Momentaufnahmen einer Mutter Tochter Beziehung und der würdevolle Umgang mit der Krankheit als ein Stück Normalität -

ich danke Dir nochmals sehr, bin auch weiterhin jeder Zeit offen für weitere Vorschläge, auch von jedem Anderen

lieben Gruß
Merlin


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Merlin*
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BeitragVerfasst am: 03.06.2011 23:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Du bist da
                               


Ein zartes Lächeln erhellt Dein Gesicht, als ich mich mit dem Eis neben Dich setze.
Doch schon verliert sich Dein Blick wieder im Nirgendwo.
„Bin hier“ sage ich und dränge mich zwischen das Nirgendwo und Deine Augen.
Ich warte nicht auf eine Antwort, lehne mich zurück und schiebe den Eisbecher direkt vor Dich hin.
Automatisch beginnst Du zu löffeln. Meine Gedanken driften ab ...

Mir kommt ein gemeinsames Eisessen in Versailles in den Sinn. Damals hörtest Du schon schwer.
Aber Dein Geist war noch fit!
Für Dich ein Höhepunkt in deinem Leben, unser Urlaub in Paris. Die Stadtrundfahrt, die werde ich wohl nie vergessen.


„ Wo hast du Pit gelassen!“ Du schaust mich fragend an. Der Eislöffel mit einem Riesenberg Eis darauf verharrt direkt vor Deinem Mund. Schnell schiebe ich Deine Hand weiter.
Mein Blick streift besorgt die Kaffeeflecken auf Deinem Pullover.
Ich kenne keinen Pit. Aber Du fragst mich öfters nach ihm. Wie immer lege ich meine Hand an die Wange, halte den Kopf schief und schließe die Augen. Der schläft, denke ich und muss ein Gähnen unterdrücken.
„Der schläft?“ fragst Du, „der schläft jetzt oft!“ Zustimmend nicke ich lächelnd. Du bist wieder mit Deinem Eis beschäftigt.

Zu deinem 80.Geburtstag, 10 Jahre ist das jetzt her, schenkten wir Dir eine Reise nach Paris, mit mir, Deiner Tochter, als Begleiterin. Soweit ich denken kann, sprachst Du oft mit leuchtenden Augen von der Stadt Deiner Liebe. Unser Geburtstagsgeschenk wurde also ein Volltreffer und rührte Dich zu Tränen.
Etwas später lag dann auch ein alter, abgegriffener Vorkriegsstadtplan von Paris immer griffbereit auf Deinem Tisch. Wie oft musst Du ihn in Deinen Händen gehalten haben … nicht nur in dieser Zeit.


„Hast du deine Hunde noch?“ Der Löffel kratzt im leeren Eisbecher. Ich hatte nie Hunde, aber 2 Katzen, seit Jahren schon.
Wieder nicke ich lächelnd Zustimmung und denke „ ja.“
Ich habe mir Deine linke Hand von Deinem Schoss geangelt. Sie, die wie immer kühl ist, halte ich zwischen meinen warmen Händen und streiche langsam Deinen gestreckten Zeigefinger auf und ab. Dein Zittern wird weniger.
Du schaust aus dem großen Fenster -

Bei einem meiner nächsten Besuche in Deiner Wohnung, zogst Du unter der Tischdecke einen alten vergilbten Brief hervor. Ich sollte ihn lesen. Es war ein Liebesbrief von einem Jean aus Frankreich,1944 geschrieben. Du sprachst zum ersten Mal von ihm. Er war (damals) Kriegsgefangener in Teplitz Schönau, deiner Geburtsstadt - und Deine große Liebe. 11 Jahre später gabst Du mir seinen Namen – Jeanette. 

„Was machen die Hunde jetzt?“ Wieder halte ich den Kopf schief, lege die hohle Hand an die Wange, schließe die Augen und denke, die schlafen.
Nicht gähnen, mogle ich noch schnell dazu.

Und schließlich in Paris, zur Stadtrundfahrt, da hattest Du uns alle im Bus überrascht.
„Schau mal nach rechts, da kommt gleich der Eiffelturm ...“ sagtest du, bevor der Reiseführer darauf hinweisen konnte. Du warst Spitze … und ich sprachlos.
Obwohl Du noch nie hier warst, kanntest Du die Stadt  wie Deine Westentasche, denn Du wusstest natürlich auch die Lage der anderen Sehenswürdigkeiten. Meine Begeisterung für Dich war grenzenlos.
Wir wurden damals zur Attraktion der Paris Reise.

Ich halte Deine Hand noch immer fest. Das Zittern hat jetzt nachgelassen. Mich erfüllt ein Gefühl der Wärme zu Dir. Auch wenn sich die Erinnerung an Paris bei Dir längst im Nebel des Vergessens aufgelöst hat, wir haben diese Stadt gemeinsam bereist, sie gehörte in dein Leben und auch in meines.

Der Speisesaal leert sich langsam von den Gästen mit ihren Angehörigen und auch ich schiebe Deinen Rollstuhl zurück zum Aufzug.
Auf Deiner Ebene angekommen, verabschiede ich mich von Dir.
„Bis Morgen,“ denke ich mit den Lippen. Du schaust mich an „Bis morgen,“ sagst Du nach einer ganzen Weile.
Von der Tür winke ich Dir noch einmal zu und auch Du winkst - lächelnd.


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