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Priele im Mai


 
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MT
Geschlecht:männlichReißwolf

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Beiträge: 1179
Wohnort: Im Süden (Niedersachsens)


BeitragVerfasst am: 27.01.2011 12:32    Titel: Priele im Mai Antworten mit Zitat

Moin zusammen,

ich habe den Text noch einmal umgestrickt. Und vertont.


Priele im Mai

Der Berufsverkehr rauscht durch die Adern der Stadt, rinnt vorbei an Glas und Beton. Menschen hetzen. Die Stadt flirrt.
Leon bleibt an der Haltestelle sitzen, seine Beine baumeln über grauen Gehwegplatten. Das Winken eines Mitschülers erwidert er nicht, er weiß, es ist nicht echt. Er schaut zum Himmel. Erste Sonnenstrahlen fallen auf sein Gesicht, wärmen seine Wangen.
Als er geht, lässt er seinen Ranzen zurück. Nur die Brotdose nimmt er mit, seine Oma hat Leberwurstschnitten geschmiert. Er mag keine Leberwurst, aber er wird Hunger bekommen. Er dreht sich nicht mehr um.

Die Hitze erdrückt sie, Schweiß läuft ihr den Rücken entlang. Aus dem Kinderzimmer brüllt ihr Sechsmonatiger. Diese gottverdammten Koliken oder Zähne oder was immer! Seit drei Nächten hat sie kein Auge zugetan. Sie kann nicht mehr, ihr fehlt die Luft zum Atmen. Sie hat das Gefühl, ihr Kopf zerplatzt, so sehr hämmert es hinter ihren Schläfen.
Dieses Brüllen! Durch Wände und Türen hindurch! Unaufhörlich. Ohrenbetäubend. Egoistisch. Sie spürt, wie es sich um ihren Hals legt und zudrückt, wie eine fette Schlange. Ihr Puls rast, sie hält sich die Fäuste vor die Stirn, sie kreischt: „Auf-hö-ren!“
Dann legt sie sich auf das kalte Ledersofa und deckt ihren Kopf mit einem Kissen zu. Der Fernseher läuft, eine Gameshow, in der die Zuschauer unentwegt applaudieren. Doch gegen das Babygeschrei kommen sie nicht an, das schafft niemand.
Ihr Puls beginnt zu rasen, die Kopfschmerzen stechen wie mit einem Messer in ihre Schädeldecke, der Mund ist trocken und klebt. Das Brüllen von nebenan! Es sägt an ihren Nerven, es brennt in ihren Ohren. Ihr ist, als würde ihr Kopf in heißes Wasser getaucht. Sie verbrennt und ertrinkt zugleich. Für einen Augenblick wird ihr schwarz vor Augen.
Als sie aufsteht, sacken ihr die Knie weg, sie muss sich am Schrank festhalten. Und immer und immer wieder dieses Kreischen, es reißt ihr die Haut vom Leib, es dreht ihr den Magen um. Es macht sie wahnsinnig!
Sie muss raus aus dieser Wohnung, die Wände kommen näher. Die Hitze, das Geschrei, ihr Funktionierenmüssen. Sie ist nur noch Mutter. Fremdbestimmt, ferngesteuert. Allein. Seit Monaten. Gleich nach der Geburt ist ihr Mann abgehauen, zu einer Jüngeren. Sie wollte kein zweites Kind. Jetzt hängt alles an ihr. Und sonst nichts mehr, gar nichts mehr! Ihr Leben versinkt in Bedeutungslosigkeit. Wie ein Nachruf, den niemand liest. Sie schreit aus vollem Hals. Sie rauft sich die Haare. Sie presst die Zähne aufeinander, bis es schmerzt. Ihr ganzer Körper ist wie erfüllt von Stromschlägen. Um sich herum sieht sie nichts mehr, hört nichts mehr. Nur noch das Kreischen. Immer wieder dieses gottverdammte Kreischen! Sie geht ins Kinderzimmer.

Leon steigt ein. Er weiß nicht, wohin der Zug fahren wird. Die Türen sind offen, es ist, als redeten sie ihm gut zu.
Niemand sonst sitzt im Großraumabteil. Es stinkt nach Linoleum und Kleber. Leon isst Leberwurstbrot und denkt an Großmutter. Er weiß, sie meint es nur gut. Die Leberwurst ist dick geschmiert. Großmutter wird sich Sorgen machen.
Leon friert. Er mag nicht wegfahren, er mag aber auch nicht bleiben. Morgen ist Besuchstag.
Draußen ziehen grüne Wiesen vorbei. Leon würde gern den Fahrtwind spüren, doch das Fenster lässt sich nicht öffnen.
Er holt den Stoffhasen aus der Jackentasche und sieht ihn lange an. Leon trägt ihn immer bei sich, Tag und Nacht passt er jetzt auf ihn auf. Er gehörte Finn.

Er beendet die Verhandlung. Zuvor musste er während der Beweisaufnahme die Öffentlichkeit ausschließen. Die Menge war dermaßen aufgebracht, dass Übergriffe auf die Angeklagte zu befürchten waren.
Er ist seit fünfundzwanzig Jahren Richter, aber ein solches Verfahren lässt niemanden kalt, auch ihn nicht. Der Sachverständige schilderte jedes Detail, das ist seine Aufgabe. Heftiges Schütteln habe bei dem Säugling schwerste Hirnblutungen hervorgerufen. Die Ärzte hätten drei Tage lang um das Leben des Kindes gekämpft, dann sei es seinen Verletzungen erlegen.
Die Mutter sagte aus, sie habe ihr Kind nur beruhigen wollen, aber es habe immer weiter geschrieen. Was dann geschehen sei, daran könne sie sich nicht mehr erinnern. Irgendwann jedenfalls habe sie den Notarzt gerufen, weil sich der Kleine nicht mehr bewegt habe.
Während der Verhandlung sagte sie immerzu, sie wolle ihr Baby zurück. Sie weinte, während sie sprach.
Zeugen gab es keine, der zehnjährige Sohn spielte mit einer Freundin im Nachbarhaus. Bei der Festnahme leistete die Mutter keinerlei Widerstand. Sie befindet sich in psychiatrischer Behandlung.

Leons Augenlider werden schwer. Im Halbschlaf sieht er Carolin vor sich. Er sitzt mit ihr auf den Eingangsstufen des Nachbarhauses. Sie haben sich was ausgedacht, ein Geschenk. Caro hat Buntstifte mitgebracht, Leon Papier. Caro malt das Meer, Leon den blauen Himmel mit einer großen, gelben Sonne. Ein Schiff fährt auf dem Wasser, mit einem winkenden Kapitän. Für den Strand nehmen sie braun, es ist ziemlich dunkel, deshalb malen sie die Flächen nicht ganz aus. Ein bisschen wirkt es wie Krikel-Krakel. Sie lachen und sind sicher, es wird Finn gefallen.
Als sie aus dem Fahrstuhl steigen, stehen Polizisten und Sanitäter vor der Wohnungstür. Und als Leon einen Blick in die Wohnung wirft, lässt er das Bild fallen.
Der Zug stoppt, Leon schreckt hoch. Sofort zieht er aus der Hosentasche das gefaltete Blatt Papier. Er öffnet es. Für Finn, hat er in die Sonne geschrieben.
„Schön“, sagt plötzlich eine Männerstimme, Leon zuckt.
„Ist die Nordseeküste, was?“
„Weiß nicht“, sagt Leon.
„Klar, sieht man doch. Hier vorn, das Braun, sieht aus wie das Wattenmeer.“
„Ist doch nur Krikel-Krakel“, sagt Leon.
Der Schaffer schüttelt den Kopf. „Quatsch. Das Weiße dazwischen, sieh’ mal, das sind Priele.“
„Hä?“
„Weißte nicht, was Priele sind?“
„Klar, weiß ich das.“
Der Schaffner schmunzelt.
„Wasserläufe im Wattenmeer“, sagt er. „Siehste, hier.“ Mit dem Zeigefinger zeichnet der Mann die Linien nach.
„Hmhm“, macht Leon. „Dann sind’s Priele im Mai.“
„Schön“, sagt der Schaffner noch einmal.

Wie sehr hat sie den heutigen Tag herbeigesehnt. Seit vier Monaten sitzt sie jetzt ein. Ihre Mitinsassinnen machen einen weiten Bogen um sie. Keiner ist da, der mit ihr spricht.
Ihre Mutter hat sich angemeldet. Bei dem Gedanken, Leon könnte mitkommen, schießen ihr Tränen in die Augen. Sie muss sich zusammenreißen, Leon soll sie nicht weinen sehen.
Es ist elf Uhr, sie sitzt an dem kleinen Holztisch, auf den schummriges Licht fällt. Ein Aschenbecher steht in der Mitte, er hat die Form einer Forelle.
Ihr Herz rast, als sich die Tür öffnet. Ihre Mutter hat einen Strauß roter Tulpen dabei. Die andere Hand ist leer.
„Wo ist er?“, fragt sie.
„Er wollte nicht.“
Sie spürt, wie der Druck hinter ihren Augen zunimmt, wie sich ihre Kehle zuschnürt. Warum nicht, will sie ihre Mutter fragen, aber sie weiß die Antwort.
„Leon hat mir etwas mitgegeben für Dich.“
Sie nimmt das Papier und öffnet es. Danach starrt sie auf die Asche. Zu keinem Wort fähig, zu keiner Bewegung.
‚Für Finn’, hat er in die Sonne geschrieben. ‚Mai 2008’.


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Siegfried Lenz
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BeitragVerfasst am: 28.01.2011 19:23    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Markus,

du bist jetzt hoffentlich nicht böse, aber mir hat die erste Version deutlich besser gefallen.Embarassed
In dieser Version kommt zwar die Verzweiflung der Mutter durchaus besser raus, aber das Milieu ist verwaschen. Eigentlich ist das für mich eine andere Geschichte.

Schön gelesen und eindringlich gesprochen. Das gefällt mir gut.

Liebe Grüße
Monika
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MT
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Alter: 48
Beiträge: 1179
Wohnort: Im Süden (Niedersachsens)


BeitragVerfasst am: 28.01.2011 20:43    Titel: Antworten mit Zitat

Paloma hat Folgendes geschrieben:
Lieber Markus,

du bist jetzt hoffentlich nicht böse, aber mir hat die erste Version deutlich besser gefallen.Embarassed
In dieser Version kommt zwar die Verzweiflung der Mutter durchaus besser raus, aber das Milieu ist verwaschen. Eigentlich ist das für mich eine andere Geschichte.

Schön gelesen und eindringlich gesprochen. Das gefällt mir gut.

Liebe Grüße
Monika
Hi Monika,

ich bin Dir doch nicht böse! Im Gegenteil: Ich finde es klasse, dass Du Dich abermals kritisch mit dem Text auseinandergesetzt hast. Vielen, vielen Dank!

Du hast vollkommen Recht, es ist eine andere Geschichte. Die erste Fassung gefiel mir auch, doch war sie sicher sehr polarisierend. Ich wollte bewusst glätten.

Schön aber, dass Dir der Vortrag gefallen hat.

LGMT


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Siegfried Lenz
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