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Der Marodeur


 

 
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mysterion
Geschlecht:männlichSchreiberassi


Beiträge: 42



BeitragVerfasst am: 20.11.2010 23:25    Titel: Der Marodeur eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Aloha he!

Diese Geschichte soll quasi als Prolog zu einer Folge von weiteren kurzen Geschichten dienen und den Leser in die "richtige Stimmung" versetzen. Ich freue mich über jedes Feedback, den von einer endgültigen Version bin ich noch weit entfernt.

Gruß,
M

---

Teil 1: Erntezeit

Er blickte von oben auf die Adern der Stadt, durch die zu nächtlicher Zeit wenige Menschen wie klumpiges Blut pulsierten. Wie ein Farmer, der im Schein der Morgensonne erkennt, dass es bald an der Zeit war, zu ernten, was er gesäht hatte. Der Mann kniete halb auf dem Dach des alten Hotels und sein Umhang fiel, durchnässt vom steten Nieselregen, der vor Stunden eingesetzt hatte, an ihm herab. Aber er harrte aus. Sein Gesicht war ein Schatten, seine Augen schwarze Löcher, welche alles Licht unwiederbringlich absorbierten. Den Körper des Mannes hüllte eine Art schwarze Kutte ein, aber ein Gelübde hatte dieser Mönch sicher nie abgelegt.
Auf einmal das Schrille Hupen eines Taxis. Es übertönte kurz den lebhaften Streit des jungen Paares auf den Treppen des Apartmenthauses gegenüber. Der Blick des dunklen Mönches schweifte zu ihnen hinunter. Die beiden schienen zuvor schick ausgegangen zu sein. Ein Smoking. Ein rotes Abendkleid. Ohrringe glänzten aus dem seidenen Dickicht schulterlanger, schwarzer Haare. Die Frau schien wütend, und dicke, unförmige Schatten unter ihren Augen verrieten selbst über die Breite der Straße hinweg, dass ihr Mascara verschmiert war.
Die Schönheit der Nacht, dachte der falsche Mönch, und so etwas wie ein Lächeln umspielte seine verhüllten Züge. Es schien, als hätte er sein Opfer für dieses Jahr gefunden.
Er langte mit der Rechten nach seiner Sense, die neben ihm in einer Pfütze eiskalten Wassers wartete. Durch seine ledernen Handschuhe konnte er die Mordlust des Zedernholzes, aus welchem der Schaft geschaffen war, spüren. Er erhob sich. Die Maske. Die Kaputze. Ein kurzes Lächeln. Wie immer. Erntezeit.

Sein Umhang wogte schwerfällig hinter ihm her, als der Mönch über eine kleine Seitengasse auf das nächste Dach sprang, um sich gleich danach an zwei parallel laufenden Regenrohren hinab zu hangeln. Mit der Sense auf dem Rücken kam er auf dem Bürgersteig an und sah sich um.
Das New York der Vierzigerjahre hatte aus einer schmucklosen Arbeiterstadt das Paradies der Verdammten geschmiedet. Das Zusammentreffen von Kultur und uferloser Wollust war vielleicht bloß eine blumige Umschreibung der Gazetten, doch wenn es danach ging, dann war diese Straße New York. Bordelle reihten sich an Ateliers mittelloser Künstler, und manchmal verschwammen die Grenzen, denn mit irgendetwas mussten die gescheiterten Maler und Schauspieler ihr Geld verdienen. Zwischen den Mülltonnen spielten streunende Katzen, während unter den flackernden Lichtern der wenigen Straßenlaternen keine Menschenseele das Straßenbild belebte. Es roch nach Katzenpisse und zerstörten Träumen.

Ein kurzer Blick genügte dem Schwarzgewandteten, um die gesamte Lage zu erfassen. Dann wandte er sich wieder seinem Opfer zu.
Scheiße, ging es ihm durch den Kopf, als er den verlassenen Treppenaufgang auf der anderen Straßenseite erblickte. Das junge Paar war verschwunden. Ein paar Schritte weiter die Straße hinunter flackerte ein rosafarbenes Neonschild auf und erlosch. Der Mönch betrachtete die Fenster des Apartmenthauses, aber hinter den schweren Vorhängen der einzelnen Wohnungen konnte er nichts erkennen. Doch plötzlich: Stimmen. Mit einer instinktiven Bewegung drehte er sich blitzschnell in die Schatten eines Treppenaufgangs und die schwarze Mönchskutte verschmolz mit dem Dunkel der Nacht. Die Tür des Apartmenthauses wurde aufgestoßen und die nachtschöne Frau mit dem wütenden Funkeln in ihren Augen, welches der falsche Ordensbruder mit jeder Faser seines Seins spürte, stolperte hinaus auf die Straße. Hinter ihr erschien der Oberkörper des Mannes in der Tür.
Keiner von ihnen sah, wie nur für den Bruchteil einer Sekunde das Licht aus dem Hausflur in einer rasiermesserscharfen Sensenschneide auf der anderen Seite der Straße reflektierte. Dann zog der Mönch sein Arbeitsgerät weiter zu sich in den Schatten.

---

Ich habe den Schnitt nun (schweren Herzens wink) gemacht, um nicht zu viel auf einmal aufzutischen. Der Rest folgt in ein paar Tagen.

12Wie es weitergeht »


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dschingis
Hobbyautor

Alter: 47
Beiträge: 306



BeitragVerfasst am: 21.11.2010 11:43    Titel: Re: Der Marodeur Antworten mit Zitat

Hey mysterion,

gerne gelesen, eine schön beschriebene Szene. Gute Sätze.

mysterion hat Folgendes geschrieben:
Es roch nach Katzenpisse und zerstörten Träumen.

Ausdrucksstark!


Gruß,
Bianka


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Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.
Voltaire


zuletzt appeliert alles Erzählen an ein latentes Vorwissen des Lesers - und bleibt in seinem Gelingen von dessen Fülle abhängig. - Hans Wollschläger
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prophet
Autor


Beiträge: 528
Wohnort: überall


BeitragVerfasst am: 21.11.2010 11:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hi mysterion,

sehr schön, deine Wahnsinnsgeschichte. Ein Wahnsinniger, der als Sensenmann seiner Verpflichtung nachgeht, gruselig, surrealistisch anmutend, bildreiche Sprache, atmosphärische Dichte, macht Spaß zu lesen und Freude auf die nächste Folge.

LG p.


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Ich habe es stets abgelehnt, verstanden zu werden. Verstanden werden heißt sich prostituieren. Fernando Pessoa

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Bananenfischin
Geschlecht:weiblichBestseller-Autor

Moderatorin

Beiträge: 4520
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Goldene Feder Prosa Pokapro IV & Lezepo II
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BeitragVerfasst am: 21.11.2010 12:32    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo mysterion!

Ja, da sind ein paar schöne Sätze drin, einen hat dschingis schon zitiert.

Besonders der Anfang holpert aber, ich zähle mal ein paar Sachen auf:

Zitat:
Der Mann kniete halb auf dem Dach des alten Hotels und sein Umhang fiel, durchnässt vom steten Nieselregen, der vor Stunden eingesetzt hatte, an ihm herab.


Sein Umhang fiel an ihm herab. Ja, was soll er auch sonst tun? Es fehlt die Motivation, das auf diese Weise zu erwähnen. Wenn es darum geht, einfach zu erwähnen, dass er einen Umhang trägt, dann kannst du das auch so sagen. Oder aber ein Adjektiv muss klarstellen, auf welch besondere Weise der Umhang an ihm herabfällt.
So holpert es beim Lesen.

Zitat:
Den Körper des Mannes hüllte eine Art schwarze Kutte ein, aber ein Gelübde hatte dieser Mönch sicher nie abgelegt.


Dieser Satz ist gut, da er mit der Charakterisierung dient. "eine Art" kann allerdings weg. Und im Grunde macht dieser Satz die erste Erwähnung des Umhangs sowieso überflüssig. Den Regen kannst du auch anders einbauen.

Zitat:
Auf einmal das Schrille Hupen eines Taxis. Es übertönte kurz den lebhaften Streit des jungen Paares auf den Treppen des Apartmenthauses gegenüber. Der Blick des dunklen Mönches schweifte zu ihnen hinunter.

Falsche Reihenfolge. Der Streit des junge Paares wird erst dadurch wahrgenommen, dass das Hupen des Taxis ihn übertönt. Das geht so nicht.
Das Hupen ist irrelvant, lass ihn einfach durch den Streit auf das Paar aufmerksam werden.

Zitat:
Die beiden schienen zuvor schick ausgegangen zu sein.

Zitat:
Die Frau schien wütend

Zitat:
Es schien, als hätte er sein Opfer für dieses Jahr gefunden.

3x "schien" kurz hintereinander. Im dritten Satz passt es gut, in den anderen kann man es umgehen.

Zitat:
Das New York der Vierzigerjahre hatte aus einer schmucklosen Arbeiterstadt das Paradies der Verdammten geschmiedet. Das Zusammentreffen von Kultur und uferloser Wollust war vielleicht bloß eine blumige Umschreibung der Gazetten, doch wenn es danach ging, dann war diese Straße New York. Bordelle reihten sich an Ateliers mittelloser Künstler, und manchmal verschwammen die Grenzen, denn mit irgendetwas mussten die gescheiterten Maler und Schauspieler ihr Geld verdienen. Zwischen den Mülltonnen spielten streunende Katzen, während unter den flackernden Lichtern der wenigen Straßenlaternen keine Menschenseele das Straßenbild belebte. Es roch nach Katzenpisse und zerstörten Träumen.


Dieses Stück unterbricht die Geschichte an dieser Stelle ungüstig. Es wirkt wie hineingeklebt, auch durch den letzten und ersten Satz davor:
Zitat:
Mit der Sense auf dem Rücken kam er auf dem Bürgersteig an und sah sich um.

Zitat:
Ein kurzer Blick genügte dem Schwarzgewandteten, um die gesamte Lage zu erfassen.

Es ist gut und wichtig, dass der Leser etwas über den Ort, die Gegebenheiten usw. erfährt, aber es ist besser, das schon früher zu bringen. An dieser Stelle passt es, zumindest in dieser Ausführlichkeit, nicht. Die Beschreibung an sich ist dir aber gut gelungen.

Zitat:
Mit einer instinktiven Bewegung drehte er sich blitzschnell in die Schatten eines Treppenaufgangs und die schwarze Mönchskutte verschmolz mit dem Dunkel der Nacht.


"instinktiv" und "blitzschnell", das macht es überladen. "Blitzschnell/Instinktiv drehte er sich..." reicht schon.
Dass die Kutte schwarz ist, weiß der Leser nun auch schon. Überhaupt wird die Kutte insgesamt zu häufig erwähnt, finde ich.

Einige Rechtschreibfehlerchen sind auch noch drin.

Fazit: Einige sehr schöne Passagen, einiges sehr überarbeitungsnötig, aber eben auch -würdig.

Liebe Grüße
Bananenfischin


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»Ob ich mir eine Dramatisierung meiner Bücher vorstellen kann? Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, in meinen letzten vier Büchern gibt es keine Handlung.« (Andreas Maier im Gespräch mit Raimund Fellinger, 2015)
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mysterion
Geschlecht:männlichSchreiberassi


Beiträge: 42



BeitragVerfasst am: 21.11.2010 14:13    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Aloha he, Matrosen!

Danke für Lob und Kritik, freut mich sehr, dass es auch Positives zu vermerken gibt smile

Vor allem Dank an Bananenfischin für die wertvollen Verbesserungsvorschläge. Der Absatz über die Stadt ist tatsächlich erst später von mir hineingeschrieben worden, weil der Ort der Handlung nach dem ersten Lesen einfach zu kurz kam. Mangels einer besseren Position würde ich den Absatz aber ersteinmal an dieser Stelle lassen.

Ansonsten habe ich mir Mühe gegeben, alle Vorschläge so gut es geht umzusetzen. Darf man eigentlich jetzt noch den Beitrag editieren, oder sollte ich die neue Version später posten?

Gruß,
M
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Bananenfischin
Geschlecht:weiblichBestseller-Autor

Moderatorin

Beiträge: 4520
Wohnort: NRW
Goldene Feder Prosa Pokapro IV & Lezepo II
Silberne Harfe



BeitragVerfasst am: 21.11.2010 18:28    Titel: Antworten mit Zitat

Hey M,

gern geschehen! smile

Editieren des Beitrags geht nicht, aber du kannst die neue Version - wie auch die Fortsetzungen - unten anhängen. Wenn du auf "antworten" gehst, erscheinen unter dem Eingabefeld die Optionen "Fortsetzung" und "neue Version", da klickst du dann das Entsprechende an und es erscheint automatisch eine Verlinkung zum Ursprungsbeitrag.

Was den Absatz über die Stadt angeht: Optimal wäre doch der Anfang dafür, als der Leser praktisch hinter dem Protagonisten auf dem Dach steht und mit ihm alles anschaut. Zumindest einen Teil der Info könnte man da schon einfließen lassen, der komplette Absatz wäre wohl zuviel.

Liebe Grüße
Bananenfischin


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Ilona
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Beiträge: 593
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BeitragVerfasst am: 21.11.2010 20:51    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo M

der text liest sich angenehm und flüssig allerdings habe ich eine Frage: Weshalb hat der Mann keinen Namen? Hat das stilistische Gründe?

Grüße von

Ilona
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mysterion
Geschlecht:männlichSchreiberassi


Beiträge: 42



BeitragVerfasst am: 21.11.2010 22:09    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Aloha he!

@Bananenfischin: Auch eine Idee, den Absatz aufzuteilen und in kleinen Häppchen zu servieren. Werde mich damit mal auseinandersetzen.

@Ilona: Freut mich, dass es dir gefällt. Dem Mönchen habe ich keinen Namen gegeben, weil er gewissermaßen das namenlose, allumfassende Böse dieser Stadt repräsentiert und auch im Verlauf der gesamten Story keine große Rolle spielen wird. Wie ich angemerkt hatte, ist die Geschichte ja quasi der Auftakt zu einer größeren Story.
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mysterion
Geschlecht:männlichSchreiberassi


Beiträge: 42



BeitragVerfasst am: 22.11.2010 10:27    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Mann im Smoking schlug die Tür zu. Am Fuße der Treppenstufen stand seine Begleiterin nun alleine und blickte sich um. Der falsche Mönch lächelte. Er wusste, jetzt fühlte sie ein ganz kleines Stück weit wie er damals. Die Stille der Nacht, die einem erst bewusst wird, wenn man auf sich gestellt ist. Näher kommst du mir nicht. Genieße es.
Sie war schön, doch die Ernte musste beginnen. Er folgte der immer noch vor sich hinschluchzenden Frau durch ein Gewirr von dunklen Gassen, immer auf den richtigen Augenblick wartend. Mit jeder Wegbiegung wurde sein Grinsen hinter der zerschlissenen Maske breiter.
Sie hat sich nicht einmal umgeblickt. Eine teuflische Freude erwachte in ihm. Stolz. Er war eins mit der Dunkelheit. Als die Frau ein weiteres Mal um eine Ecke bog, sah er seine Zeit gekommen. Ein schmaler Weg, ein Hinterhof. Mülltonnen, Feuerleitern. Mauern. Zugenagelte Fenster. Es war ein Rattenloch, in dem er sein Thanksgiving halten würde, aber das kümmerte den Mann unter der Kaputze nicht. Die Schritte der Frau wurden schneller, als er aus seiner Deckung kam. Sie spürt mich jetzt. Die Frau blickte sich um, aber sie sah bloß einen irren Schatten, der mit schnellen Sprüngen auf sie zuflog.
Er konnte hören, wie sie scharf die Luft einsog, und gleich darauf ihre Schritte weiter beschleunigte. Sicher verfluchte sie schon die hohen Absätze. Ein rotes Abendkleid. Ein Streich mit der Sense. Ein Schnitt. Daneben. Der Mönch grinste. Die Frau schrie auf, als ihr Kleid auf dem Rücken aufgerissen wurde, aber sie rannte weiter. Kluges Mädchen. Der Schnitt klaffte breit und man konnte ihren makellosen weißen Körper im schummrigen Licht der Straße sehen. Mit einem Mal stand er vor ihr, den Kopf der Sense auf ihre Brust gerichtet. Sie erstarrte. Es war vorbei. Sein Blick wanderte für einen kurzen Moment von ihrem Gesicht hinauf in den wolkenverhangenen Himmel. Als würde er beten. Als würde ich beten.
Ein Knall. Schmerz. Was zum Teufel? Die schwarzen Augen glotzten entsetzt die Frau an. Sie hatte einen  Revolver gezogen, aus dessen kurzem Lauf ein dünner Rauchfaden aufstieg. Aber ehe sie noch einmal abdrücken konnte, verschwamm der schwarze Angreifer in den Schatten mehrerer Mülltonnen.
Ein Schrei. Sie machte kehrt und rannte. Das Unwetter wurde stärker. Auf ein lautes Donnern folgte unmittelbar ein gleißender Blitz und die regennassen Konturen der Gasse hoben sich glitzernd hervor. Vor ihr reflektierte etwas metallisches das Licht. Ein Schlag vor den Kopf, und das letzte, was sie schmeckte, war New Yorker Asphalt.

Der Mönch, der keiner war, lachte höhnisch. Das Projektil in seiner Schulter kratzte am Knochen, aber das gefiel ihm. Die Schmerzen waren ein fairer Preis. Sag einem Farmer, die Ernte sei ein Kinderspiel, und er wird dich eines Besseren belehren. Das Mädchen lag vor ihm auf dem Asphalt. Ausgestreckt, das Kleid hing in Fetzen an ihr herunter. Das Mascara war fast gänzlich aus ihrem Gesicht gewaschen. Sie braucht sich nicht zu schminken, sie ist so schön.
Er hob seine Sense, um zu ernten. Er dankte seinem Herren für den fruchtbaren Boden und den Regen. Auf einmal erbebte sein Körper erneut. Diesmal ist es anders. Wie ein eisiger Dorn durchbohrte es ihn. Kälte machte sich in ihm breit. Und Erstaunen.
Aus seinem Brustkorb ragte die Spitze eines breiten Federspeeres. Blut drang aus den vielen Rissen der schwarzen Maske und tropfte zu Boden, sammelte sich in kleinen Lachen und sickerte in den Straßendreck. Der falsche Mönch sank auf die Knie. Die Sense fiel zu Boden. In der Schneide spiegelte sich sein Mörder. Er lächelte nicht. Warum nicht? Unverständliche Miene. Warum so ernst? Der Tod holte den Mönch innerhalb weniger Sekunden.

Die junge Frau in seinen Armen war noch immer weggetreten. Tanner lief, so schnell er konnte. Ersteinmal ins Trockene. Zurück ins Apartment. Sein dunkelbrauner Trenchcoat, den er hastig über den Smoking geworfen hatte, wehte im kühlen Wind. Er hätte sich nicht mit ihr streiten dürfen. Was für ein Schlamassel. Aber da hatte sich der Kaputzenmann das falsche Opfer erwählt. Tanner biss die Zähne zusammen. Er rannte.

Durch die Straßen dieser Stadt spazierte der Tod. Er trat gegen Mülltonnen und weckte durch den Lärm ein ganzes Viertel auf. Er spuckte auf den Gehweg und gab einem Obdachlosen von seinem Kleingeld. Der Tod brauchte keine Sense, aber er gab sie seinen Verbündeten. Eine Maske hier, eine Klinge da.
New York lag zu seinen Füßen wie eine verfilzte alte Katze, die um einen Tropfen Milch bettelt. Das wusste jeder. Der Tod liebte diese Stadt.
Es war noch längst nicht Morgen, aber die finsteren Kreaturen konnten das ätzende Licht der Sonne schon schmecken. Der Hass des Todes war groß, aber seine Knochen schwach. New York hatte den Tod sein Alter spüren lassen. Er war alt.

Tanner aber war jung. Er legte seine Freundin auf das Bett in seinem Apartment und sah aus dem Fenster. Es war Null Uhr und die Nacht legte sich wie eine schwarze Kutte über die Stadt.

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