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The Brain
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger

Alter: 61
Beiträge: 2363
Wohnort: Over the rainbow


BeitragVerfasst am: 16.09.2010 10:51    Titel: Luftikus von derSibirier feat. The Brain eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Die Vertonung einer wunderschönen Geschichte. Leider habe ich keine Erfahrungen mit Lesungen, oder Vertonungen, auch eine technische Überarbeitung muss ich schuldig bleiben.
Ich hoffe dennoch, dass es euch gefällt.

Liebe Grüße

The Brain



Unter der Zirkuskuppel, in einer unverschämten Höhe und winzig klein, sitzt der Trapezkünstler auf der Schaukel und holt mit spitz nach vorn gestreckten Beinen zu wuchtigen Schwüngen aus. Mit weiß bemaltem Gesicht, als wär er ein Harlekin, taucht der Akrobat seinen Körper mit wilder Entschlossenheit gegen die Schwerkraft an. Famos, wie sein Haar so weht in windiger Höh'. Zigarrenqualm nobler Herren vergeht in der Luft, verwandelt das Spektakel bald gar in eine Geister- und Dämonenshau.
Auf den Plätzen und Schößen der Tribüne mit offenem Munde ein jedes Kind seinen Kopf im Takte der Schaukel wiegt, bewundernde Blicke junger Frauen, steif im Rücken und gerade sitzend, manche gar heimlich in den Künstler verliebt.
Ein Mann mit krummen Beinen und Zylinderhut in die Manege stürmt, um seine schwarzen Stiefel ein kleines Hündchen springt. Es muss wohl der Zirkusdirektor sein. Mit fuchtelnden Händen er das Trommelspiel verstummen lässt. Elektrisches Knacken, grelles Licht, ein blitzender Scheinwerfer den zweiten Akrobaten an der Decke erwischt.
Gleich einem andalusischen Senor trägt er eine Rose im Mund und verbeugt sich mit ausgestrecktem Arm im Kegel des Lichts.
Graziös lässt er sich auf seine Schaukel fallen. Ein dünner Strick zerreißt und der Spanier eilt mit schnell zunehmender Fahrt seinem Compadre entgegen.
Auf halbem Wege, die Menge ist entzückt, hängt er auf einmal kopfüber im Raum und streckt dem Harlekin die Hände zu.
Wie ein Falke im Flug, aber doch flehenden Blickes, schießt dieser an ihm vorbei und schlägt einen Atemzug später im Sande der Manege auf.
Stille, die Menschen werden blass. Nur das Geräusch der Schaukeln, ein zartes Ächzen und Singen, als wehe Wind, lässt an das Leben erinnern. Der Spanier hoch oben im schaukelnden Hin und Her, seine Arme hängen wie leblos herab und die Rose aus seinem Munde zu Boden fällt.



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(Laotse)

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Die Kindheit endet nicht mit dem Erwachsenwerden.
Sie begleitet dich durch all deine Lebenstage.

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(Hermann Hesse)
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derSibirier
Dichter und Denker


Beiträge: 1309



BeitragVerfasst am: 16.09.2010 17:38    Titel: Antworten mit Zitat

Weißt du eigentlich, liebe Brain, dass ich oft daran zweifle, einmal richtig gut schreiben zu können, es lernen zu können. Dass ich mehr an meinen Texten zweifle, als alle Menschen zusammen, die meine Geschichten lesen?

Und nun habe ich einen Text gehört, von dem ich immer noch nicht glauben kann, dass ich ihn geschrieben habe. Eine wunderschöne Stimme erzählt von einer großen Traurigkeit, lässt mich mit ihren zärtlichen Höhen und Tiefen in Schwermut verfallen. Es ist ein Lied über die Traurigkeit und du bist der Musikant, der sein Gesicht zum Himmel hebt.
Du hast mir etwas sehr wertvolles geschenkt und es macht mir Mut für die Zukunft.

Ich danke dir von ganzem Herzen.

Gernot
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Gast3
Autor


Beiträge: 890
Wohnort: BY


BeitragVerfasst am: 16.09.2010 17:57    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Brainie,

ich konnte mich beim Lesen des Textes schon sehr von der Stimmung und Atmosphäre, die er ausstrahlt, gefangen nehmen lassen. Jetzt beim Zuhören gelingt das noch besser. Du hast die Geschichte wunderbar gelesen, zum Ende hin hast du mir sogar eine Gänsehaut beschert.


Lieber Gernot,

warum du so arg daran zweifelst, gut schreiben (lernen) zu können, kann ich nun überhaupt nicht nachvollziehen!


Euch ist da ein wunderschönes „Gemeinschaftsprojekt“ gelungen.

Begeisterte Grüße
schneestern


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Sich vergleichen, ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.
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The Brain
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger

Alter: 61
Beiträge: 2363
Wohnort: Over the rainbow


BeitragVerfasst am: 16.09.2010 18:19    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lieber Sibi,

jetzt habe ich erst einmal einen Moment gebraucht ... du hast mir den Atem geraubt ...

Das ist der schönste und ergreifendste Kommentar, den ich jemals gelesen habe!

Ich sage schlicht - Danke!


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Gast2
Autor


Beiträge: 508



BeitragVerfasst am: 16.09.2010 18:20    Titel: .. Antworten mit Zitat

Liebe Brain, lieber Gernot,

die gesprochenen Worte zaubern jedes einzelne Bild des Zirkus`vor Augen. Man steht mitten in der Manege! Sieht das bunte Treiben, das Schaukeln, die gespannten Gesichter.

Ein Meisterwerk und grandios gesprochen! Dankeschön!

Brain, dich würde ich für jede Lesung engagieren.

Liebe Grüße

Heidi
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BlueNote
Geschlecht:männlichStimme der Vernunft


Beiträge: 6890
Wohnort: NBY
Ei 4



BeitragVerfasst am: 17.09.2010 06:16    Titel: Antworten mit Zitat

Hi ihr,

hab mir die Vertonung gerade beim Frühstück angehört. Ich hatte ja früher schon mal die Inversionenen angesprochen ... Vielleicht wurden sie ja auch bewusst so gewählt, um der Sprache den Klang einer gewissen Zeit zu geben. Beim Hören klangen die Inversionen für mich jedenfalls wie eine Geschichte aus der Zeit (oder in der Art) von Struwwelpeter. Auch dort werden ja recht erschreckende Dinge erzählt in einer speziell konstruierten "Dichtersprache".

So viel zu meinem momentanen Eindruck.

BN
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The Brain
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger

Alter: 61
Beiträge: 2363
Wohnort: Over the rainbow


BeitragVerfasst am: 17.09.2010 07:12    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

.... ich erlaube mir mal etwas zu den Inversionen zu sagen ...


Inversion = Umstellung der üblichen Satzanordnung

Zitat:
Die Inversion ist ein mächtiges Stilmittel, ein einfaches Verfahren, pathische Spitzen zu erzeugen.


mehr dazu : http://phainomena.de/2010/03/05/die-inversion


Für mich sind sie hier ein Stilmittel, um eine antiquierte Sprache zu erzeugen, den Leser in eine vergangene Zeit zu entführen.

Liebe Grüße

The Brain


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Bananenfischin
Geschlecht:weiblichBestseller-Autor

Moderatorin

Beiträge: 4883
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Silberne Harfe



BeitragVerfasst am: 17.09.2010 09:30    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo The Brain und DerSibirier,

ich weiß jetzt gar nicht, ob das, was ich hauptsächlich sagen will, hier hineingehört oder in den ursprünglichen Thread.

Aber da hier nun auch die Inversionen angesprochen wurden:
Der Text an sich gefällt mir als Beschreibung eines Moments, in dem die Realität die Traumwelt zerreißt, gut. Die Inversionen kommen mir deutlich zu häufig, in Ordnung wären sie für mich einzig an dieser Stelle
Zitat:
um seine schwarzen Stiefel ein kleines Hündchen springt.

 , da es sich dort noch einigermaßen natürlich anhört und eventuell am Schluss.

Der Grund: Die Verbletztstellung als Experiment ist interessant, und ich finde es gut, so etwas mal zu probieren.
Doch das Entführen in eine frühere Zeit gelingt für mich damit nicht, im Gegenteil: Sie wirkt zum Geschilderten geradezu anachronistisch. Denn wo findet man das? In der Chatsprache, die für ganz kurze Zeit auch mal Einzug am Brunnen gehalten hat.
Ein paar Beispiele zur Verdeutlichung: *an den tisch geh und marmelade draufstell* *xy ins haus kommt und sich in den sessel setzt*

Daran erinnerte mich das vom ersten Lesen an. Als Stilmittel wirkt die Verbletztstellung, die hervorragend dazu geeignet sein könnte, das soeben geschilderte Phänomen kritisch zu beleuchten, in speziell diesem Text auf mich in der Häufigkeit der Nutzung eher kontraproduktiv.

Hinzu kommt: Die Szenerie sowie die sonstige Sprache des Textes reichen völlig, um den Leser in vergangene Zeiten zu versetzen.

Zum Schluss: Liebe Brain, du hast den Text wirklich sehr schön und einfühlsam interpretiert, habe gern gelauscht.  smile

Liebe Grüße
Bananenfischin


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»Ob ich mir eine Dramatisierung meiner Bücher vorstellen kann? Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, in meinen letzten vier Büchern gibt es keine Handlung.« (Andreas Maier im Gespräch mit Raimund Fellinger, 2015)
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derSibirier
Dichter und Denker


Beiträge: 1309



BeitragVerfasst am: 17.09.2010 12:21    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Bananenfischin und BlueNote

Es wäre eigentlich sehr interessant, wenn ich die Geschichte umschreiben würde. Also mit den gleichen Worten, aber geläufigeren Satzstellungen. Nur bin ich der Ansicht, dass der Text dann durch seine "Kürze", denn die Geschichte liest sich folglich einfacher und schneller, an Stimmung verlieren wird.
Man müsste es ausprobieren. Schwierig, schwierig, was wem besser gefällt. Mir persönlich gefällt es so wunderbar. Vor allem wenn es so gesprochen ist, wie es die liebe Brain zustande gebracht hat.

derSibirier grüßt
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The Brain
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger

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Beiträge: 2363
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BeitragVerfasst am: 17.09.2010 13:05    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe Schneestern, liebe Dela, liebe Bananenfishin,

ich danke euch recht herzlich für eure aufmunternden Worte. Dies war mein esrter Versuch einer "öffentlichen" Lesung und ich war mehr wie nervös ...

Ihr macht mir Mut, es öfter zu probieren!


Vielen Dank!

The Brain


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The Brain
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger

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Beiträge: 2363
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BeitragVerfasst am: 17.09.2010 13:13    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lieber Blue Note, liebe Bananfishin,


glaubt mir, ich habe die Inversionen verflucht! Das war schon recht schwer beim Lesen. Nichts desto trotz möchte ich sie nicht missen, weil sie für mich ein wesentlicher Teil dieses Stimmungbildes sind. In einer klaren Sprache, würde aus meiner Sicht, und Sibirier hat es bereits ebenfalls angedeutet, die tiefgründige Wirkung der Geschichte leiden, wenn nicht gar verloren gehen ...
Letzendlich nur eine Vermutung ....


Liebe Grüße


The Brain


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ichundso
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BeitragVerfasst am: 17.09.2010 13:33    Titel: Antworten mit Zitat

Über die Inversionen kann man sich streiten, durch das gewöhnen an sie in der Textmitte wirkt der letzte Satz allerdings umso stärker. Ich denke, dass derSibirier insbesondere bei "Ein Mann stürmt mit krummen Beinen und Zylinderhut in die Menge" recht hat, denn die Geschichte wirkt vor allem durch ihr gedrosseltes Tempo. Bei dem Trommelspiel wäre das weglassen der Inversion vielleicht nicht so gewichtig, beim darauffolgenden Satz ist es Geschmackssache, ich finde, dass man sie hier auch weglassen kann.

Wie auch immer, ich wollte eigentlich gar nichts stilistisches anmerken, sondern bloß, dass diese Geschichte auf mich unglaublich gut gewirkt hat, obwohl ich mich thematisch nicht besonders angesprochen fühle, und dass ich mich sämtlichem Lob ("Ein Meisterwerk und grandios gesprochen") anschließen kann, wobei ich kein Fan von Vertonungen bin und das gesprochen auf den Autoren beziehen würde.


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MosesBob
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BeitragVerfasst am: 17.09.2010 13:54    Titel: Re: Luftikus von derSibirier feat. The Brain Antworten mit Zitat

Hallo ihr beiden!

Ich habe Kritikpunkte, die für sich allein genommen wahrscheinlich unsinnig wären, zumindest größtenteils. Wenn ich den Text aber als Ganzes betrachte - und das sollte man immer tun -, dann stören sie mich, weil sie wiederholend auf mich wirken, jedoch nicht bloß der Wiederholung wegen, sondern weil ich den Eindruck habe, dass sie die Dynamik des Textes hemmen.

The Brain, also eigentlich derSibirier hat Folgendes geschrieben:
Unter der Zirkuskuppel, in einer unverschämten Höhe und winzig klein, sitzt der Trapezkünstler auf der Schaukel und holt mit spitz nach vorn gestreckten Beinen zu wuchtigen Schwüngen aus. Mit weiß bemaltem Gesicht, als wär er ein Harlekin, taucht der Akrobat seinen Körper mit wilder Entschlossenheit gegen die Schwerkraft an.

Mit, mit, mit. Das muss nicht sein. So könnte man zum Beispiel (!) gleich den ersten Satz dergestalt ummodeln: "Unter der Zirkuskuppel, in einer unverschämten Höhe und winzig klein, sitzt der Trapezkünstler auf der Schaukel und holt, die Beine spitz nach vorn gestreckt, zu wuchtigen Schwüngen aus." Ähnliches ist auch mit den anderen Passagen möglich.

The Brain, also eigentlich derSibirier hat Folgendes geschrieben:
Auf den Plätzen und Schößen der Tribüne mit offenem Munde ein jedes Kind seinen Kopf im Takte der Schaukel wiegt, bewundernde Blicke junger Frauen, steif im Rücken und gerade sitzend, manche gar heimlich in den Künstler verliebt.
Ein Mann mit krummen Beinen und Zylinderhut in die Manege stürmt, um seine schwarzen Stiefel ein kleines Hündchen springt. Es muss wohl der Zirkusdirektor sein. Mit fuchtelnden Händen er das Trommelspiel verstummen lässt. Es muss wohl der Zirkusdirektor sein. Mit fuchtelnden Händen er das Trommelspiel verstummen lässt. Elektrisches Knacken, grelles Licht, ein blitzender Scheinwerfer den zweiten Akrobaten an der Decke erwischt.

Hier sind es die Satzarrangements, die mich aufhorchen lassen. Beim ersten Mal habe ich schon gestutzt. Ich persönlich stehe nicht drauf. Beim zweiten Mal habe ich überlegt, den Punkt anzusprechen. Beim dritten Mal habe ich mich dazu entschlossen (den vierten würde ich nicht unbedingt dazu zählen, weil die Syntax am Ende des Satzes anders wirkt als am Anfang; der letzte Satz der Geschichte ist ja vergleichbar aufgebaut). Sicherlich mag es eine stilistische Absicht gewesen sein - die vielleicht überzeugender und offensichtlicher gewesen wäre, wenn die Sätze nicht von anderen unterbrochen worden wären, denn dann hätten sie einander im Stile einer Aufzählung die Klinke in die Hand gegeben -, aber in meiner Lesart wirken die Sätze dadurch künstlich eloquent. Zweifellos eine Frage des Geschmacks. Ich erwähne es nur, um zu zeigen, dass die Konstruktionen nicht jedermanns Sache sind, erst recht nicht in dieser kurz aufeinanderfolgenden Häufigkeit.

The Brain, also eigentlich derSibirier hat Folgendes geschrieben:
Stille, die Menschen werden blass. Nur das Geräusch der Schaukeln, ein zartes Ächzen und Singen, als wehe Wind, lässt an das Leben erinnern. Der Spanier hoch oben im schaukelnden Hin und Her, seine Arme hängen wie leblos herab und die Rose aus seinem Munde zu Boden fällt.

Ein guter Schluss, bei dem mir aber das greifbare Entsetzen fehlt. Die Stille und die erblassenden Gesichter sind mir nicht genug, um diesen Schockzustand darzustellen, wie ich ihn mir vorstelle. Schön finde ich, wie du die Szenerie infolgedessen beschreibst. Das zarte Ächzen und Singen der Schaukel, ja, das schafft Atmosphäre und untermalt die bedrückende Stille mehr als die namentliche Nennung der Stille. Was fehlt mir also? Herzen, die einen Schlag aussetzen, stockender Atem, vielleicht ein erschrockenes Zusammenfahren, das durch die vielgesichtigen Zuschauer zuckt, irgend eine körperliche Reaktion, ein Erstarren oder Vereisen der zuvor vorherrschenden, amüsiert-erwartungsvollen Gespanntheit. Etwas in der Richtung. Ein zusätzliches Beispiel reicht dicke - es muss nur reinhauen, darf seine Wirkung nicht verfehlen.

Als Gesamteindruck bleibt noch zurück, dass die Anzahl der Metaphern und beschreibenden Adjektive hart an der Grenze ist. Mehr wäre zu viel. Weniger könnte mehr sein, muss aber nicht. Da bin ich selber unschlüssig. Im Zweifelsfall würde ich es aber so abnicken.

Leider habe ich hier keine Möglichkeit, mir die Audioversion anzuhören. Das hole ich am Wochenende nach. Dann werde ich auch die beiden Threads zusammenführen, damit der Text und die Audioversion unter einem Dach hausen.

Beste Grüße,

Martin


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Gast







BeitragVerfasst am: 17.09.2010 15:50    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Ihr zwei,

ich muss gestehen, die Sprache gefällt mir gelesen überhaupt nicht. Es ist mir zu altmodisch - zu gestelzt - zu wirklichkeitsfremd. Mit anderen Worten: So spricht heute kein Mensch.

Aber.... so, wie du liebe Brain es gelesen hast, gewinnt es enorm. Ich bin wirklich ein Stück weit, in die "alte" Welt eingetaucht. Wunderschön.

Liebe Grüße
Monika
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derSibirier
Dichter und Denker


Beiträge: 1309



BeitragVerfasst am: 17.09.2010 17:49    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo ichundso

Die Stimmen, die sich an den häufigen Satzverdrehungen stören, werden mehr. Ich find das cool, wenn hier so offen gesagt wird, was man vom Text hält. Auch du bist also der Meinung, man könnte ein wenig kürzer treten. Und je häufiger ich das lese, um so mehr überzeugt es mich. Für dein Lob bedanke ich mich.

Hallo Martin Moses-Kumpel-Bob

Du wagst es, an meinem Text zu zweifeln, jetzt ist aber fertig mit der Freundschaft.
*smile*

Zitat:
Ich habe Kritikpunkte, die für sich allein genommen wahrscheinlich unsinnig wären, zumindest größtenteils.
Wenn es um Kritikpunkte geht, lieber Martin, dann gibt es für mich kein unsinnig mehr. Jede Abneigung, und wenn sie noch so klein sein mag, eines Lesers sollte auch bei einem Autoren für größtmöglichstes Interesse sorgen. Wo kann man mehr lernen, als genau aus diesen Feinheiten. Du schreibst: " dann stören sie mich, weil sie wiederholend auf mich wirken". Das ist es, was ich meine, da stört jemanden etwas. Schreibe Geschichten, die keine Störpunkte beinhalten lieber Herr Sibirier, sage ich zu mir selbst, deswegen bist du doch hier, also lerne es und nimm dir eine jede Kritik zu Herzen.

Gleich zu deinem ersten Kritikpunkt: Natürlich hast du recht, 3x "mit", ist mindestens einmal zuviel.
Zitat:
"Unter der Zirkuskuppel, in einer unverschämten Höhe und winzig klein, sitzt der Trapezkünstler auf der Schaukel und holt, die Beine spitz nach vorn gestreckt, zu wuchtigen Schwüngen aus."  
Dein Vorschlag, also der unterstrichene Teil, hm, ich denke, dass würde den Lesefluss, obwohl schon durch die angewandte Technik reduziert, zu deutlich unterbrechen. Aber du hast mich auf die Idee gebracht, zwei Sätze daraus zu machen. Das wäre besser, ja.

Zitat:
Ein guter Schluss, bei dem mir aber das greifbare Entsetzen fehlt.

Das ist eigentlich genau das, was ich nicht wollte - ein greifbares Entsetzen. Es ging mir um die Szene, um das Leben, und wie schnell es vorbei sein kann. Ich schreibe oft in meinen Texten ein Ende, das reinhaut, aber hier wollte ich es nicht. Es war mir wichtig, wie soll ich das jetzt ausdrücken - das Teilnahmslose darzustellen, das Hinnehmen, wie es ist, ohne zu erschrecken. Und einzig die Rose fällt zu Boden, teilnahmslos. Aber deine Überlegung bringt mich auf Gedanken, vielleicht sollte ich da doch noch etwas einfügen, mal sehen.

Zitat:
Als Gesamteindruck bleibt noch zurück, dass die Anzahl der Metaphern und beschreibenden Adjektive hart an der Grenze ist. Mehr wäre zu viel. Weniger könnte mehr sein, muss aber nicht. Da bin ich selber unschlüssig. Im Zweifelsfall würde ich es aber so abnicken.
Es war nicht leicht für mich, bei diesem Text abzuwägen, was ist für den Leser noch zumutbar, also bin ich nach meinem eigenem Geschmack gegangen und hab ein wenig reduziert. Fazit: Ich schleiche den Weg entlang und du hast es bemerkt, Martin, fein. Beim nächsten Mal wird der Sibirier mehr darauf achten und gerade gehen.

Danke für deine Gedanken zum Text und das Darlegen der Schwachpunkte.

Hallo Paloma

Ja, die Sprache ist sicherlich Geschmackssache, so spricht niemand mehr, aber ich mach so Sachen gerne, und wenn es dann noch so wunderschön vertont wird, wie das die liebe Brain machte, hey, dann wird man belohnt.

liebe Delia

Ich hab dich oben ganz übersehen, vielen Dank für deine lieben Worte, aber es ist noch kein Meister mit seinem Werk auf einer Eisscholle an Land gespült worden.

Vielen Dank euch allen

derSibirier grüßt
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The Brain
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BeitragVerfasst am: 18.09.2010 07:15    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe Paloma,

... ich habe nur gelesen, was dort steht, was Sibi geschrieben hat. Die Wirkung ist den Worten zuzuschreiben. Ohne sie ....

Schön, dass du einen positiven Eindruck mitnehmen konntes!

... und vielen Dank für dein Lob ....
Dankeschön!!!


Liebe Grüße

Brain


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BeitragVerfasst am: 18.09.2010 07:18    Titel: Antworten mit Zitat

Guten Morgen liebe Brain,

nicht, dass mich wer falsch versteht. Die Geschichte ist sehr schön und auch wunderbar geschrieben. Mich stört ja nur die Sprache, wenn ich sie lese.

Liebe Grüße
Monika
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The Brain
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BeitragVerfasst am: 18.09.2010 07:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe Monika,

das freut mich! Aber die Wirkung der Vertonung beruht für mich eben auch, auf dieser antquierten Sprache ... Ich vermag es nicht einzuschätzen, ob sie in einer "verkürzten" Sprache diesen Hauch von Mystik, den sie für mich beinhaltet, beibehalten würde.

Liebe Grüße

Brain


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BeitragVerfasst am: 18.09.2010 09:47    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lieber ichund so,


 
Zitat:
wobei ich kein Fan von Vertonungen bin und das gesprochen auf den Autoren beziehen würde.


aha, eine Gegenstimme ... Dir hat´s nicht gefallen? Dafür aber der Text von Sibi - und das ist es, worauf es ankommt!

Lieber Sibi, die Rosen galten dir ... ich glaube da hast du etwas missverstanden. Oder ?


Lieber moses,

da du ja stets zur schonungslosen Offenheit neigst, freue ich mich sehr auf deinen Kommentar über die Vertonung! Bin gespannt!


Liebe Grüße

The Brain


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Micki
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Beiträge: 3942
Wohnort: mit dem Kopf in den Wolken


BeitragVerfasst am: 18.09.2010 10:06    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Brain, Lieber Sibierer!

Mir fehlen ein bischen die Worte darüber, was ich gerade gehört habe, denn ich bin noch immer gefangen. Gefangen in deiner wundervollen Stimme, liebe Brain. Gefangen in den tiefen Gefühlen, die der Text in mir ausgelöst hat, Sibierer. Ich glaube das dies einer der Gründe ist, warum Menschen wie ich in diese Forum kommen. Um zu träumen, um Träume zu leben und zu erleben. Um sie selbst zu formen und das, ihr beiden, ist euch in meinen Augen wirklich sehr gut gelungen!
Ihr habt mich zum träumen gebracht, mich einige Minuten aus dem Altag gerissen und in diese Manege entführt.
Ich danke euch dafür!
Das war wirklich wunderbar!

Bitte mehr davon


Eure Micki


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ichundso
Geschlecht:männlichSchreiberling

Alter: 30
Beiträge: 190



BeitragVerfasst am: 18.09.2010 11:28    Titel: Antworten mit Zitat

the brain:
ich kann ganz einfach nichts mit vertonungen anfangen, das lässt keine rückschlüsse auf die qualität deines vortrags zu. ich hasse auch hörbücher. ich mag es einfach nicht, wenn man mir die art diktiert (wörtlich und metaphorisch  Rolling Eyes ) auf die ich einen text zu lesen habe


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The Brain
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger

Alter: 61
Beiträge: 2363
Wohnort: Over the rainbow


BeitragVerfasst am: 18.09.2010 14:56    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ach, lieber ichundso,

brauchst dich doch nicht entschuldigen! Ist doch legitim, wenn´s dir nicht gefällt!


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