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Sonnenuntergang


 

 
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Andrea F.
Schreiberling


Beiträge: 156
Wohnort: München


BeitragVerfasst am: 15.05.2010 17:40    Titel: Sonnenuntergang eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielleicht hat jemand eine Meinung, dazu ob das zu "schwülstig und tränendrüsig" ist. Danke im Voraus.


Sonnenuntergang

Ich liege im Gras, hänge meinen Gedanken nach. Die Luft ist warm, durchtränkt von den Gerüchen des Sommers. Meine Trauer zieht für den Moment mit den Wolken dahin, während der laue Wind meine Tränen trocknet. Es tut immer noch weh, an dich zu denken. Doch wären die Tage endlos länger, würde ich es nicht tun.

Sehr oft habe ich jetzt Bilder in meinem Kopf von der Zeit als du noch klein warst. Du warst das hübscheste Baby weit und breit. Das sagt jede Mutter, ich weiß. In deinem Fall entsprach das aber absolut der Wahrheit. Du warst mein kleiner Sonnenschein, auch wenn du es nicht leiden konntest, wenn ich dich so genannt habe.
An deinem ersten Tag im Kindergarten warst du der einzige, der nicht geweint hat. Deinen ersten Schultag konntest du kaum erwarten. Fast hatte es den Anschein, als könntest du nicht schnell genug aus dem Haus kommen und selbständig werden. Das hat mich mit Stolz erfüllt, aber auch mit einem Anflug von Trauer. Mir wurde bewusst, dass du mich bald nicht mehr in dem Maß brauchen würdest, wie ich gerne gebraucht werden wollte. Diese Erkenntnis hat mir einen Stich versetzt.
Stiche dieser Art werden dir erspart bleiben. Du wirst nie darunter leiden, dass dein Kind sich von dir entfernt, selbständig wird und seinen eigenen Weg geht. Du wirst keine Sorgen und Ängste ausstehen, wenn es die Sperrstunde überschreitet und du vor Panik kein Auge mehr zumachen kannst und dir sämtliche Horrorszenarien ausmalst. Du wirst dir keine Vorwürfe machen, dass du es nicht überzeugen konntest, einen Fehler zu begehen oder einen falschen Weg einzuschlagen.
Diese Feststellungen vermitteln nichts Tröstliches. Im Gegenteil. Sie entzünden in mir flammenden Zorn.
Ich bin so wütend. Wütend auf mich. Darauf, dass meine Überzeugungskraft nicht ausgereicht hat, dich davon abzuhalten, diese Entscheidung zu treffen. Darauf, dass ich mir trotzdem eingeredet habe, es würde schon alles gut gehen. Wütend auf dich. Was zum Teufel hattest du in diesem Land zu suchen? Hast du ernsthaft gedacht, du könntest den Menschen dort helfen? Welch sinnloses Unterfangen. Niemand kann ihnen helfen, solange sie von Fanatismus und Hass regiert werden. Solange Probleme dort mit Terror gelöst werden. Mit Selbstmordkommandos. Feigen Hinterhalten. Heimtückischen Autobomben.

Deine Überreste - ich hasse dieses Wort aus tiefster Seele - wurden überführt, um dich anständig beerdigen zu können. Dein Vater besucht häufig dein Grab. Ich nicht. Deswegen ist er auch böse. Er denkt, es wäre meine Pflicht. Außerdem würden die Leute schon reden. Mir egal. Ich tue es trotzdem nicht. Was sollte ich auch dort? Dein Grab hat nicht das Geringste mit dir zu tun. Es ist nur eine marmorne Hülle. Leblos. Kalt. Sichtbares Zeichen deines Todes für die anderen. Es ist mir unerträglich, dort die Bilder, die ich von dir im Herzen trage, heraufzubeschwören.
Auf dieser Wiese hier fühle ich mich dir nahe. Hier, wo du so gern deinen Drachen hast steigen lassen oder wo du stundenlang deinem roten Ball hinterhergelaufen bist oder auf dem Hügel da drüben im Winter nicht genug vom Schlitten fahren bekommen konntest oder wo du mit Bobo Frisbee gespielt hast.
Bobo ist auch der einzige, mit dem ich über dich sprechen kann. Die meiste Zeit liegt er vor deiner Zimmertür, als warte er darauf, dass du jeden Moment herauskommst. Alt wie er inzwischen ist, bewegt er sich nicht mehr gern. Dafür ist er ein ausgezeichneter Zuhörer, dem es nie zu viel wird, Geschichten über dich anzuhören. Im Gegensatz zu unseren Freunden und Verwandten. Die vermeiden pietätvoll, die Sprache auf dich zu bringen. Deinem Vater tun sie damit einen Gefallen. Mir nicht. Mir hilft es, über dich zu sprechen, Bilder von dir anzusehen. Ihm nicht. Er will damit den Prozess, dich loszulassen, nicht unnötig verlängern, sagt er. Ich schon. So lange wie nur möglich. Der Schmerz, den ich empfinde, wenn ich Fotos von dir ansehe, auf denen mir deine dunklen Augen entgegen leuchten, zerreißt mir fast das Herz. Doch hält er mich am Leben.

Minutenschnell versinkt die Sonne. Zeit, nach Hause zu gehen. Mir graut davor. Dass dein Vater dort auf mich wartet, macht es nicht leichter. Wir vermögen einander nicht zu trösten. Unsere Trauer ist zu verschieden. Und nach Sonnenuntergang, in der Kälte und Einsamkeit der Nacht, ist sie am schwersten zu ertragen.
Ich zwinge mich, nicht daran zu denken, dass die Tage bereits kürzer, die Nächte dafür entsprechend länger werden.



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Lesen ist in einer immer schneller lebenden Welt die einzige Methode der Verlangsamung.
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derSibirier
Dichter und Denker


Beiträge: 1309



BeitragVerfasst am: 15.05.2010 18:01    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Andrea

Zitat:
Vielleicht hat jemand eine Meinung, dazu ob das zu "schwülstig und tränendrüsig" ist.
Ich sag dir etwas anderes:

Schau dir den Text einmal genau an; ich lese von einer Frau, die nicht ihrem Kind nachweint, sondern nur sich selbst bemitleidet. Ich sehe in der Geschichte keine tiefen Gefühle für das Kind. Es ist mir, als hätte sie etwas verloren, was sie gerne mochte aber nicht über alles geliebt hat.

Dieser Eindruck des Egoismus entsteht durch die übertrieben viele, auf die eigene Person bezogenen Gefühle.

derSibirier grüßt
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Ilona
Autor


Beiträge: 593
Wohnort: irgendwo in Hessen


BeitragVerfasst am: 15.05.2010 18:29    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

Mir kommt der Text vor, als wäre er mit angezogener Handbremse geschrieben um nur ja nicht kitschig zu werden.

Zitat:
Mir wurde bewusst, dass du mich bald nicht mehr in dem Maß brauchen würdest, wie ich gerne gebraucht werden wollte.
Das halte ich für einen Schlüsselsatz.


Zitat:
Diese Feststellungen vermitteln nichts Tröstliches. Im Gegenteil. Sie entzünden in mir flammenden Zorn


Ich kann den Zorn des Textes nicht fühlen, ich lese ihn nur als Information

Zitat:
Dein Vater besucht häufig dein Grab. Ich nicht. Deswegen ist er auch böse. Er denkt, es wäre meine Pflicht


Auch das ist ein interessanter Gedanken, Pflichten einer trauernden Mutter.

Ich würde mich auf die unerwünschten Nebengefühle (Wut, egoistisches nicht gebraucht werden, verlassen sein, nicht verstanden werden etc) konzentrieren und nicht auf Trauer, wie sie geminhin verstanden wird.

Auch diese Gefühle haben ihre Berechtigung aber kaum jemand schreibt darüber.

Viel Erfolg

Ilona
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derSibirier
Dichter und Denker


Beiträge: 1309



BeitragVerfasst am: 15.05.2010 18:58    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Ich liege im Gras, hänge meinen Gedanken nach. Die Luft ist warm, durchtränkt von den Gerüchen des Sommers. Meine Trauer zieht für den Moment mit den Wolken dahin, während der laue Wind meine Tränen trocknet. Es tut immer noch weh, an dich zu denken. Doch wären die Tage endlos länger, würde ich es nicht tun.

Sehr oft habe ich jetzt Bilder in meinem Kopf von der Zeit als du noch klein warst. Du warst das hübscheste Baby weit und breit. Das sagt jede Mutter, ich weiß. In deinem Fall entsprach das aber absolut der Wahrheit. Du warst mein kleiner Sonnenschein, auch wenn du es nicht leiden konntest, wenn ich dich so genannt habe.
An deinem ersten Tag im Kindergarten warst du der einzige, der nicht geweint hat. Deinen ersten Schultag konntest du kaum erwarten. Fast hatte es den Anschein, als könntest du nicht schnell genug aus dem Haus kommen und selbständig werden. Das hat mich mit Stolz erfüllt, aber auch mit einem Anflug von Trauer. Mir wurde bewusst, dass du mich bald nicht mehr in dem Maß brauchen würdest, wie ich gerne gebraucht werden wollte. Diese Erkenntnis hat mir einen Stich versetzt.
Stiche dieser Art werden dir erspart bleiben. Du wirst nie darunter leiden, dass dein Kind sich von dir entfernt, selbständig wird und seinen eigenen Weg geht. Du wirst keine Sorgen und Ängste ausstehen, wenn es die Sperrstunde überschreitet und du vor Panik kein Auge mehr zumachen kannst und dir sämtliche Horrorszenarien ausmalst. Du wirst dir keine Vorwürfe machen, dass du es nicht überzeugen konntest, einen Fehler zu begehen oder einen falschen Weg einzuschlagen.
Diese Feststellungen vermitteln nichts Tröstliches. Im Gegenteil. Sie entzünden in mir flammenden Zorn.
Ich bin so wütend. Wütend auf mich. Darauf, dass meine Überzeugungskraft nicht ausgereicht hat, dich davon abzuhalten, diese Entscheidung zu treffen. Darauf, dass ich mir trotzdem eingeredet habe, es würde schon alles gut gehen. Wütend auf dich. Was zum Teufel hattest du in diesem Land zu suchen? Hast du ernsthaft gedacht, du könntest den Menschen dort helfen? Welch sinnloses Unterfangen. Niemand kann ihnen helfen, solange sie von Fanatismus und Hass regiert werden. Solange Probleme dort mit Terror gelöst werden. Mit Selbstmordkommandos. Feigen Hinterhalten. Heimtückischen Autobomben.


Deine Überreste - ich hasse dieses Wort aus tiefster Seele - wurden überführt, um dich anständig beerdigen zu können. Dein Vater besucht häufig dein Grab. Ich nicht. Deswegen ist er auch böse. Er denkt, es wäre meine Pflicht. Außerdem würden die Leute schon reden. Mir egal. Ich tue es trotzdem nicht. Was sollte ich auch dort? Dein Grab hat nicht das Geringste mit dir zu tun. Es ist nur eine marmorne Hülle. Leblos. Kalt. Sichtbares Zeichen deines Todes für die anderen. Es ist mir unerträglich, dort die Bilder, die ich von dir im Herzen trage, heraufzubeschwören.
Auf dieser Wiese hier fühle ich mich dir nahe. Hier, wo du so gern deinen Drachen hast steigen lassen oder wo du stundenlang deinem roten Ball hinterhergelaufen bist oder auf dem Hügel da drüben im Winter nicht genug vom Schlitten fahren bekommen konntest oder wo du mit Bobo Frisbee gespielt hast.
Bobo ist auch der einzige, mit dem ich über dich sprechen kann. Die meiste Zeit liegt er vor deiner Zimmertür, als warte er darauf, dass du jeden Moment herauskommst. Alt wie er inzwischen ist, bewegt er sich nicht mehr gern. Dafür ist er ein ausgezeichneter Zuhörer, dem es nie zu viel wird, Geschichten über dich anzuhören. Im Gegensatz zu unseren Freunden und Verwandten. Die vermeiden pietätvoll die Sprache auf dich zu bringen. Deinem Vater tun sie damit einen Gefallen. Mir nicht. Mir hilft es, über dich zu sprechen, Bilder von dir anzusehen. Ihm nicht. Er will damit den Prozess, dich loszulassen, nicht unnötig verlängern, sagt er. Ich schon. So lange wie nur möglich. Der Schmerz, den ich empfinde, wenn ich Fotos von dir ansehe, auf denen mir deine dunklen Augen entgegen leuchten, zerreißt mir fast das Herz. Doch hält er mich am Leben.

Minutenschnell versinkt die Sonne. Zeit, nach Hause zu gehen. Mir graut davor. Dass dein Vater dort auf mich wartet, macht es nicht leichter. Wir vermögen einander nicht zu trösten. Unsere Trauer ist zu verschieden. Und nach Sonnenuntergang, in der Kälte und Einsamkeit der Nacht, ist sie am schwersten zu ertragen.
Ich zwinge mich, nicht daran zu denken, dass die Tage bereits kürzer, die Nächte dafür entsprechend länger werden.



Tipp: Das Blaue ausschneiden und mit Liebe ersetzen.

derSibirier grüßt
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Pedro
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Beiträge: 243
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BeitragVerfasst am: 16.05.2010 04:56    Titel: Re: Sonnenuntergang Antworten mit Zitat

Morgen Andrea F.,

Zitat:
Vielleicht hat jemand eine Meinung, dazu ob das zu "schwülstig und tränendrüsig" ist.

- Bei mir kommt da nichts Schwülstiges an, konnte mich in die Situation einfühlen und mit der Mutter mitfühlen, kann mir vorstellen, dass eine Mutter so denkt.
Das "Kind" hat sich engagiert, wollte ein bisschen dazu beitragen, die Welt zu verändern und ist dabei umgekommen.(ermordet worden)

Die Mutter lebt in Erinnerungen, hat (berechtigte ?) Zweifel am Nutzen derartiger Hilfe.
(Ich kenne mich auf diesem Gebiet ein wenig aus)

Gerne gelesen.

Pedro

P.S.: Ganz sicher könnte man einige Formulierungen ändern oder streichen, aber bei welchem Text könnte man das nicht?
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anuphti
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BeitragVerfasst am: 16.05.2010 10:11    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Andrea,

ich habe Deinen Text gelesen und finde ihn weder schwülstig noch, dass er auf die Tränendrüse drückt (das hätte ich auch eher gut gefunden).
So wie er das steht, habe ich ein tiefes Unbehagen beim Lesen, und ich habe versucht, heraus zu finden warum.

Es fängt für mich schon im ersten Absatz an.
Ich liege im Gras, und hänge meinen Gedanken nach.

Dieser Satz macht einen extrem entspannten Eindruck, auch der folgende Satz mit der warmen Luft.
Und dann kommt plötzlich die Trauer. Aber die wird nicht sichtbar, Du erzählst nur von ihr.
(you tell, you don´t show)

Trauernde, verzweifelte Menschen liegen nicht entspannt am Rücken irgendwo auf einer Wiese.

Zitat:
Ich liege im Gras, hänge meinen Gedanken nach. Die Luft ist warm, durchtränkt von den Gerüchen des Sommers. Meine Trauer zieht für den Moment mit den Wolken dahin, während der laue Wind meine Tränen trocknet. Es tut immer noch weh, an dich zu denken. Doch wären die Tage endlos länger, würde ich es nicht tun.


Alternativvorschlag:

Die Rinde Deines Lieblingsbaumes bohrt sich zwischen meine Schulterblätter.
Ich sehe Deinen Drachen noch über der Wiese schweben, wenn ich meine Augen schließe. Wenn ich sie öffne, verschwimmt der Himmel vor meinen Augen, und ich beiße auf meine Knöchel, um nicht zu schreien.


Okay, das ist jetzt vielleicht etwas übertrieben, aber vll verstehst Du was ich meine?

Bei dieser Geschichte wünsche ich mir mehr gefühlte Verzweiflung, und keine journalistische Aufzählung der Lebensgeschichte...

Nicht böse sein, okay?

*vorsichtigtrostkeksrüberschieb*

Ganz liebe Grüße
Nuphti


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Isa
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BeitragVerfasst am: 16.05.2010 11:32    Titel: Antworten mit Zitat

Ach, Andrea,

das seh ich ganz anderes als meine Vorgänger. Ich finde, dass es ein phantastischer Text ist und ich hoffe nur, dass du nicht aus eigener Erfahrung sprichst.

Genau das, was du beschreibst, beschäftigt mich auch seit 5 Jahren und macht mir mitunter das Leben zur Hölle. Die Rolle einer Mutter, das Leid, das man dabei empfinden kann, wenn man loslassen muss. De Sorgen, die man sich davor jahrelang macht, wenn die Kids flügge werden, die ersten gravierenden Dummheiten begehen, sich nächtelang "rumtreiben". Die Schwierigkeiten in der Paarbeziehung, da der "Vater" völlig anders empfindet, die Unfähigkeit zusammen zu "trauern", die Kluft, die dabei entsteht und die sich immer mehr ausweitet.

Ich würde vielleicht den Anfang besser ausarbeiten, denn du wirst es nicht vermeiden können, daran zu denken. Das soll man auch gar nicht. Vielleicht hab ich da jetzt auch einiges falsch verstanden.

Mir kommt das ganze wie ein Brief vor, ein Abschiedsbrief an das verlorene Kind, um mit dem Verlust besser fertig zu werden, doch irgendwie muss man es schaffen, es weiterleben zu lassen...  

lG Isa
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Alexander Hill
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Beiträge: 59



BeitragVerfasst am: 16.05.2010 11:34    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Andrea

dein Text basiert auf einer guten Idee. Die Trauer einer Mutter und deren Konflikte mit ihrer Umgebung aus ihrer Sicht schildern.Wie schon oben in anderen Kommentaren angemerkt, kommt das bei mir aber mehr wie eine Aufzählung an. Zu wenig Gefühl. Zu viel Erzählen und nicht zeigen.

Andrea F. hat Folgendes geschrieben:
Doch wären die Tage endlos länger, würde ich es nicht tun.

Der Satz hier hast mich ziemlich verwirrt, weil er erst mal keinen Sinn ergibt. Dass die Nächte das größere Problem sind, stellt man erst viel später fest, wenn überhaupt.

Andrea F. hat Folgendes geschrieben:
Du wirst dir keine Vorwürfe machen, dass du es nicht überzeugen konntest, einen Fehler zu begehen oder einen falschen Weg einzuschlagen.

statt "nicht überzeugen konntest", wäre hier wohl "davon abbringen konntest" passender?

Andrea F. hat Folgendes geschrieben:
Niemand kann ihnen helfen, solange sie von Fanatismus und Hass regiert werden.

Eine allgemeine Aussage, die mir hier nicht besonders zu passen scheint. Etwas mehr Gefühl würde mir hier besser gefallen. Ihr Sohn geht in ein fremdes Land, um dort zu helfen und wird dort umgebracht. Wie steht sie zu diesem Land? Ich würde in dieser Situation den Satz in meinen Gedanken wesentlich schärfer formulieren.


Andrea F. hat Folgendes geschrieben:
Minutenschnell versinkt die Sonne. Zeit, nach Hause zu gehen.

Selten habe ich einen Sonnenuntergang so belanglos beschrieben sehen, noch dazu in einer Szene, bei der der Sonnenuntergang durchaus auch symbolische Bedeutung haben kann.Er könnte sogar den ganzen Text begleiten als Symbol für die Stimmungslage der Prota.


Andrea F. hat Folgendes geschrieben:
Ich zwinge mich, nicht daran zu denken, dass die Tage bereits kürzer, die Nächte dafür entsprechend länger werden.

Der gute Abschluss, den dieser Satz für die Geschichte bilden könnte, wird durch die Verschachtelung verkompliziert. Als Leser musste ich nachdenken, was damit gemeint war. Wenn du den Satz umformulierst und eventuell trennst, würde ich das für ein sehr starkes Ende der Geschichte halten.

Trotz der Kritik ist der Text gut zu lesen, basiert auf einer guten Idee, die du auch konsequent und ansprechend umgesetzt hast. Etwas mehr Gefühl, weniger erzählen und mehr zeigen. Das wäre mein Tip.

Alex
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Andrea F.
Schreiberling


Beiträge: 156
Wohnort: München


BeitragVerfasst am: 16.05.2010 15:02    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke derSibirier, Ilona und Alex,
für die Mühe, die ihr euch gemacht habt. Da habt ihr mir ja einiges zum Überdenken mit auf den Weg gegeben.
Ich hatte anfangs eine detaillierte Beschreibung des Sonnenuntergangs da stehen, dachte aber, das wäre doch zu viel des Guten. So kann man sich täuschen.

Liebe Anuphti,
dir kann man doch gar nicht böse sein, den Trostkeks nehme ich aber sehr gern. Ich sitze schon eine ganze Weile an diesem Text, hab schon x-mal umgeschrieben und dachte eigentlich, dass ich ganz nah dran bin. Auf die Idee, dass jemand beim Lesen tiefes Unbehangen empfinden könnte, wäre ich nie gekommen. Schon wieder getäuscht  Crying or Very sad

Andererseits machen mir Isa und Pedro ein wenig Mut, dass es vielleicht doch nicht sooo schlecht ist. Freilich lassen sich der Anfang und die eine oder andere Formulierung ändern, aber dass es bei euch doch eher so angekommen ist, wie ich es gedacht habe, freut mich. (Und nein Isa, der Text stammt nicht aus persönlicher Erfahrung).

Ich setze mich nochmals dran, aber nicht sofort, ein, zwei Tage Abstand können vielleicht nicht schaden.

Liebe Grüße, herzlichen Dank und noch einen schönen Sonntag
Andrea


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Tamar
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Beiträge: 125



BeitragVerfasst am: 17.05.2010 10:50    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Andrea,
ich habe deinen Text jetzt mindestens fünf Mal gelesen, und ich finde ihn nicht schwülstig oder tränendrüsig. Im Gegenteil- ich finde ihn extrem gelungen in seiner Art. Ich bin mir nur ehrlich gesagt nicht sicher, ob das der Text war, den du schreiben wolltest.
Wenn du einen traurigen, selbstlosen Abschiedsgruß einer Mutter an ihre Tochter schreiben wolltest- völlig daneben!
Dieser Text schreibt von einer Frau in ihrer ganz persönlichen Hölle. Ihr Kind ist gestorben, und sie ist untröstlich. Sie verkriecht sich irgendwo, lebt in der Vergangenheit- und sie ist zornig. Zornig auf sich weil sie ihr Kind gehen gelassen hat. Zornig auf die Tochter, die auf einen Lebensweg bestanden hat, die sie in den Tod geführt hat. Dabei spricht sie, fast nebenbei der Tochter das Recht auf ihr eigenes leben und ihre eigenen Wege ab. Gleichzeitig kapselt sie sich von allen ab, und will ihr Kind nicht loslassen, weil ihr das wie ein Verrat vorkäme. Dieses Thema ist nicht schön, Sibirier schreibt, ihm käme diese Frau zutiefst egoistisch vor. Ja, das ist sie- und genau das finde ich gut an deinem Text. Es ist genau das, was man von Leuten, die trauern, immer wieder zu hören bekommt. Als mein Opa starb, hat meine Oma auch manchmal, richtig wütend gesagt: wieso hat er mich allein gelassen? Wieso hab ich nicht besser aufgepasst? Und logisch hätte man ihr antworten sollen: den Hirnschlag hat er sich wohl nit ausgesucht. Und er war im Krankenhaus, als er starb, besser hättest du auch nicht aufpassen können. Aber- darum geht es gar nicht. Wenn jemand stirbt, empfindet man unter anderen auch- ungerechten- Zorn. Und der muss raus.
Du hast dir da ein Thema ausgesucht, dass mit Tabus behaftet ist. Wie trauert man richtig? Darf man da auch Gefühle haben, die objektiv betrachtet idiotisch oder "falsch" sind? Wie geht man damit um. Wie wird man durch die Trauer isoliert?
Sprachlich sind einige Kanten in dem Text, aber darauf sind meine Vorposter schon eingegangen. Es lohnt auf jeden Fall, den Text zu überarbeiten. Aber ich würde mir im Vorfeld überlegen, was du mit dem Text ausdrücken willst. Und ob deine Proto eher sympatisch oder eher ehrlich dargestellt werden soll.
Viel Erfolg dir
Tamar


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anuphti
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BeitragVerfasst am: 17.05.2010 11:13    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Andrea,

ich komme immer wieder zu Deinem Text zurück und versuche zu ergründen, warum ich Schwierigkeiten mit ihm habe.

Eine Idee, die mir jetzt gekommen ist, ich habe keinen Anhaltspunkt, wie lange der Tod (@ Tamar ich habe übrigens an einen Sohn gedacht?) schon zurück liegt?

Weil für mich Trauer in ganz unterschiedlichen Phasen abläuft, und ich irgendwie den Eindruck habe, dass sich diese Phasen in Deinem Text mischen, bzw. nicht vorhanden sind.

Am Anfang sind diese sehr ruhigen Erinnerungen, dann kommt Enttäuschung, nicht mehr gebraucht zu werden, dann Zorn und Wut (auf ihn und auf sich selbst), und dann Unverständnis für den Ehemann.

Was ich nicht spüre ist die tiefe Verzweiflung, die solche "analytischen" Gedankengänge gar nicht zulassen würde.

Eine verzweifelte Frau denkt nicht darüber nach, ob es ihre Pflicht wäre das Grab zu besuchen.
Neben Verzweiflung hat nichts anderes Platz.
Anders wäre es, wenn der Tod schon einige Zeit (Monate oder Jahre)zurück liegen würde. Aber in dem Fall wäre mir die Wut noch zu stark....

Ach, ich weiß auch nicht, macht das irgendeinen Sinn für Dich, was ich hier schreibe?

Ganz liebe Grüße
Nuphti


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Pedro
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BeitragVerfasst am: 17.05.2010 11:20    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

hier unterhält man sich gerade, ob die Geankengänge der Protagonisten der Realität entsprechen können, ob sie egoistisch ist etc.

Ich habe mit verschiedenen Menschen gesprochen, die ihr Kind auf die gleiche Art verloren haben, kann nur bestätigen, dass ihre Gedankengänge ähnlich waren.

Gruß

Pedro
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dschingis
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Beiträge: 306



BeitragVerfasst am: 17.05.2010 12:57    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo liebe Andrea,

Dein Text ist eine ehrliche Auseinandersetzung mit Gefühlen und kommt authentisch bei mir an.  Von mir aus dürfte es noch etwas "schwülstiger" sein, denn ich finde, jedes Gefühl hat seine Daseinsberechtigung.

Leider folgen Menschen gerade beim Trauern immer wieder den Erwartungen von außen und verhindern sich dadurch selbst. Dieser Text steht für das selbstverständliche Trauern ohne Einschränkungen.

Mir gefällt die Gegenüberstellung der Trauer der Eheleute. Der Mann trauert, wie man es von ihm erwartet (die Leute reden schon, weil es die Frau nicht tut) und die Frau setzt sich gegen diese Verlogenheit innerlich zur Wehr. Sehr gut! Sie steht zu ihren Gefühlen und das ist gut so.

Traurig empfinde ich, dass sie sich nur beim Hund verstanden fühlt. Aber das tröstet mich beim Lesen über das Urteilen des Mannes und der Übrigen hinweg.  

Beim Schlußsatz würde ich auf das Wort "entsprechend" verzichten. Es ergibt sich von selbst, dass nun die nächtliche Verzweiflung über den Verlust länger wird.

Weder über Art, noch über Länge oder Intensität von Trauer darf eine "Norm" entscheiden, weil Trauer individuell ist und jeder ein Recht auf seine Trauer hat.

Diese Aussage Deines Textes gefällt mir gut und sie sollte unbedingt erhalten bleiben.


Weiter so. Wink



Bianka


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Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.
Voltaire


zuletzt appeliert alles Erzählen an ein latentes Vorwissen des Lesers - und bleibt in seinem Gelingen von dessen Fülle abhängig. - Hans Wollschläger
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Andrea F.
Schreiberling


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BeitragVerfasst am: 17.05.2010 17:01    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zuerst nochmals lieben Dank, dass ihr euch solche Mühe mit mir gebt. Ich bin für die Tipps auch wirklich sehr dankbar, und einige lassen sich auch leicht umsetzen. Mein Problem ist eher, dass ich für mich so überzeugt von der Stimmung und der Aussage des Textes bin, dass ich nicht weiß, wie dies jetzt umschreiben soll.

Trauerarbeit leistet jeder Mensch auf seine Weise. Ich versuche mal zu erklären, wie ich es mir in dem Fall gedacht habe – ich weiß, der absolute Super GAU, wenn man seinen eigenen Text erklären muss. Ich tue es trotzdem mal.

Es geht also um eine Mutter, deren Sohn, zugleich ihr einziges Kind, vor ca. 2 Monaten bei einem Bundeswehreinsatz (z. B. Afghanistan) durch eine Autobombe ums Leben gekommen ist. Sie wollte im Vorfeld nicht, dass er eine Soldatenlaufbahn einschlägt, weil sie, wie wohl jede andere Mutter auch, Angst hatte, was passieren könnte. Nach seinem Tod ist sie natürlich traurig, aber auch wütend, weil sie es nicht von diesem Weg abhalten konnte. Dazu auch ungerecht gegenüber den Menschen im Kriegsgebiet, weil ihr Sohn quasi für seine Hilfsbereitschaft sterben musste.
Sie konnte sich zudem nicht von ihm verabschieden. Ihr blieben quasi nur die Überreste (hört sich schrecklich an, ich weiß, sorry). Dadurch hat sie auch keinen Bezug zu seinem Grab. Viele Menschen brauchen ein Grab, um einen Ort zu haben, an dem sie trauern können. Sie eben nicht. Sie trauert auf der Wiese, weil sie sich ihm dort nahe fühlt und weil sie es zu Hause nicht aushalten kann. Ihr Mann trauert anders. Er zentriert seine Trauer sozusagen auf den Friedhof, auch wegen der Leute, weil sich das eben so gehört. Er will aber ansonsten nicht über ihn sprechen, was sie wiederum braucht, obwohl es weh tut. Irgendwie braucht sie aber den Schmerz, um zu spüren, dass sie noch lebt.

Ist es jetzt klarer, worum es mir geht? Oder hab ich mich jetzt um Kopf und Kragen geschrieben?


Liebe Tamar,
Wenn du einen traurigen, selbstlosen Abschiedsgruß einer Mutter an ihre Tochter schreiben wolltest- völlig daneben!
Dann ist es gut, das wollte ich auch nicht. Zudem habe ich mir ehrlich gesagt, dabei auch keine Gedanken darüber gemacht, ob die Prota sympathisch oder unsympathisch erscheinen soll. So ist eben ihre Art zu trauern. Dabei wird es sicher mehr als genug Menschen geben, die meinen, das ist falsch. Aber es gibt nun mal nicht nur einen Weg zu trauern, schon gar nicht einen richtigen.

Liebe Anuphti,
eine Angabe, wie lange der Tod zurückliegt, kann ich sicher einfügen. Ich kann schon verstehen, was du meinst. Du schreibst ja auch, dass Trauer für dich in unterschiedlichen Phasen abläuft. Tut sie bei anderen sicher auch, aber halt nicht in identischen Phasen. Vielleicht kommen wir deshalb nicht so recht zusammen, weil du die Sache analytischer siehst, ich aber mehr nach Gefühl gehe?

Liebe Bianka,
viiiielen Dank für deinen Kommentar und dafür, dass du es so verstanden hast, wie ich es meine. Ein paar Sachen werde ich ändern, vielleicht doch noch mehr Gefühl und die Wut deutlicher zeigen, aber die Aussage an sich würde ich eben nicht ändern wollen.

Danke dir Pedro für die neuerliche Zustimmung!


Liebe Grüße an euch
Andrea


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Alexander Hill
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BeitragVerfasst am: 18.05.2010 07:01    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Andrea

den Hintergrund deiner Geschichte hatte ich genau so verstanden, wie er in deiner Erklärung steht.

An deiner Stelle würde ich versuchen, den Text einfach noch näher am Prota zu schreiben, härter, vielleicht verbitterter. Zusätzlich zu den anderen Vorschlägen, die ich bereits gemacht habe.

Natürlich kann ich das leicht sagen. Ich kann mal ein paar Beispiele bringen, was ich ändern würde:

Andrea F. hat Folgendes geschrieben:
Es tut immer noch weh, an dich zu denken.

"Ich denke an dich. Immer. Es tut weh."

Andrea F. hat Folgendes geschrieben:
Sehr oft habe ich jetzt Bilder in meinem Kopf von der Zeit als du noch klein warst.

"Als du noch klein warst, ..."

Andrea F. hat Folgendes geschrieben:
Ich bin so wütend. Wütend auf mich. Darauf, dass meine Überzeugungskraft nicht ausgereicht hat, dich davon abzuhalten, diese Entscheidung zu treffen.

Warum konnte ich dich nicht aufhalten? Ich bin so wütend. Wütend auf mich.

Andrea F. hat Folgendes geschrieben:
Er denkt, es wäre meine Pflicht. Außerdem würden die Leute schon reden. Mir egal.

"Die Leute reden schon", sagt er. "Du musst da hin gehen." Mir egal.

Andrea F. hat Folgendes geschrieben:
Auf dieser Wiese hier fühle ich mich dir nahe. Hier, wo du so gern deinen Drachen hast steigen lassen oder wo du stundenlang deinem roten Ball hinterhergelaufen bist oder auf dem Hügel da drüben im Winter nicht genug vom Schlitten fahren bekommen konntest oder wo du mit Bobo Frisbee gespielt hast.

Ich sehe dich hier auf der Wiese, wo du so gern den Drachen hast steigen lassen. Wo du stundenlag dem roten Ball hinterhergelaufen bist. Oder drüben, auf dem Hügel, wo du mit dem Schlitten ... usw.



Das sind marginale Änderungen, die mir jetzt in den Sinn kommen würden, die der Geschichte nichts nehmen, aber die langen Sätze ein wenig entzerren. Das muss jetzt natürlich dir oder anderen nicht gefallen, ich würde es so machen.


Alex
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Andrea F.
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BeitragVerfasst am: 20.05.2010 19:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Alex,

vielen Dank, dass du dir nochmals so viel Mühe gemacht hast. Ich habe den Text überarbeitet, vielleicht ist er jetzt ja gefälliger?


Sonnenuntergang

Ich sitze auf unserer Lieblingswiese, im Rücken den Stamm der knorrigen, alten Eiche, die hier auf dem kleinen Hügel thront. Wie jeden Tag in den letzten zwei Monaten denke ich auch heute an dich. Und es tut weh. Immer noch.
Meine Gedanken gehen weit zurück: Wie ich dich als Baby im Arm gehalten habe; dein erster Tag im Kindergarten, wo du der einzige warst, der nicht geweint hat. Ich war so stolz auf dich, mein kleiner Sonnenschein. Ich muss lächeln, wenn ich daran denke, wie du dein Gesicht immer verzogen hast, wenn ich dich so nannte. Du konntest es nicht leiden. Auch dein erster Schultag fällt mir wieder ein. Die Schultüte war fast größer als du selbst. Du konntest deine Einschulung damals kaum erwarten. Fast hatte es den Anschein, als könntest du nicht schnell genug aus dem Haus kommen und selbständig werden. Das hat mich mit Stolz erfüllt, aber auch mit einem Anflug von Trauer. Mir wurde bewusst, dass du mich bald nicht mehr in dem Maß brauchen würdest, wie ich gerne gebraucht werden wollte. Diese Erkenntnis hat mir einen Stich versetzt.
Du wusstest immer schon genau, was du wolltest und was nicht. Dafür habe ich dich bewundert, auch wenn es nicht immer richtig war, was und wie du es durchsetzen wolltest. Ich vermisse es, wie du deinen Augenbrauen immer nach oben gezogen hast, um deinen Standpunkt zu bekräftigen.
Ich vermisse sogar unsere Streitereien. Dein Kommentar „Reg’ dich nicht auf, ich kann schon selber auf mich aufpassen“ hat mich immer so wütend gemacht. Du konntest einfach nicht verstehen, wenn ich die halbe Nacht kein Auge zugetan habe, weil mir alle möglichen Horrorszenarien durch den Kopf gegeistert sind, was alles passiert sein könnte. Über diese flapsigen Erklärungen habe ich mich immer so geärgert und dir einen Sohn an den Hals gewünscht, der später mit deinen Empfindungen ebenso sorglos umgehen sollte. Sofort schießen mir Tränen in die Augen – diesen Sohn wirst du nie haben.
An diesem Punkt merke ich, dass der Zorn immer noch Teil meiner Trauer ist. Du mit deinem Sturkopf - warum hast du dich nicht abhalten lassen, diesen Weg zu einzuschlagen? Ich mache mir Vorwürfe, dass ich nicht hartnäckiger versucht habe, es dir auszureden. Was hattest du in diesem Land zu suchen? Du hast da nicht hingehört. Ich weiß, dass du den Menschen dort helfen wolltest. Aber das ist ein sinnloses Unterfangen. Sie kennen es doch nicht anders. Seit ewiger Zeit werden sie von Fanatismus und Hass regiert. Ich finde es unverantwortlich, junge Männer in einen Krieg zu schicken, der sie nicht das Geringste angeht. In ein Land, wo Probleme mit Terror gelöst werden. Mit Selbstmordkommandos. Feigen Hinterhalten. Heimtückischen Autobomben.

Deine Überreste wurden überführt, um dich anständig beerdigen zu können. Dein Vater besucht häufig dein Grab. Ich nicht. Deswegen ist er böse auf mich. Er denkt, es wäre meine Pflicht. „Du musst dich endlich dort sehen lassen. Die Leute reden schon“, meint er. Als ob es mich interessiert, was die Leute tratschen. Ich tue es trotzdem nicht. Dein Grab hat nicht das Geringste mit dir zu tun. Es ist nur eine marmorne Hülle. Leblos. Kalt. Sichtbares Zeichen deines Todes für die anderen. Es ist mir unerträglich, dort die Bilder, die ich von dir im Herzen trage, heraufzubeschwören.
Hier auf unserer Wiese bist du mir nahe. Ich sehe dich, wie du deinen Drachen hast steigen lassen. Oder stundenlang deinem roten Ball hinterhergelaufen bist. Auf dem Hügel da drüben konntest du im Winter nicht genug davon bekommen, mit deinem Schlitten hinunter zu sausen. Und ich erinnere mich, wie du mit Bobo Frisbee gespielt hast und er vor Freude wild kläffte.
Bobo ist auch der einzige, mit dem ich über dich sprechen kann. Die meiste Zeit liegt er vor deiner Zimmertür, als warte er darauf, dass du jeden Moment herauskommst. Alt wie er inzwischen ist, bewegt er sich nicht mehr gern. Dafür ist er ein ausgezeichneter Zuhörer, dem es nie zu viel wird, Geschichten über dich anzuhören. Im Gegensatz zu unseren Freunden und Verwandten. Die vermeiden pietätvoll, die Sprache auf dich zu bringen. Deinem Vater tun sie damit einen Gefallen. Mir nicht. Mir hilft es, über dich zu sprechen, Bilder von dir anzusehen. Ihm nicht. Er will damit den Prozess, dich loszulassen, nicht unnötig verlängern, sagt er. Ich schon. So lange wie nur möglich. Der Schmerz, den ich empfinde, wenn ich Fotos von dir ansehe, auf denen mir deine dunklen Augen entgegen leuchten, zerreißt mir fast das Herz. Doch hält er mich am Leben.

Minutenschnell versinkt die Sonne. Mit ihr schwindet die Wärme der letzten Sonnenstrahlen. Zeit, nach Hause zu gehen. Dass dein Vater dort auf mich wartet, macht es nicht leichter. Wir vermögen einander nicht zu trösten. Unsere Trauer ist zu verschieden. Und nach Sonnenuntergang, in der Kälte und Einsamkeit der Nacht, ist sie am schwersten zu ertragen. Die Tage werden bereits kürzer, die Nächte länger. Ein unerträglicher Gedanke.


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