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Die Spinne


 

 
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alltagsentwöhnt
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen

Alter: 32
Beiträge: 21
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BeitragVerfasst am: 07.05.2010 23:49    Titel: Die Spinne eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ein weißer langer Flur, grauer Boden, grelles Licht.
Sie starrte an die Wand gegenüber. Eine Spinne, die ihr Netz spann.
Diese Tiere konnte man nur bewundern. Wie können so kleine Tiere soviel tragen. Dieser riesige Körper auf so kleinen dünnen Beinen.
Sie wünschte sich mehr so zu sein wie diese Spinne.
Das Päckchen tragen, ohne an das Gewicht zu denken. Nie sich gegenüber irgendjemandem rechtfertigen, wie viel man mit sich rumschleppte. Man war ja eine Spinne. Sich einbauen im eigenen Netz, allein sein, wenn man es möchte.
Der erste Anruf traf sie wie einen Schlag.
Sie hatte lange nicht an ihn gedacht. Halt, das war nicht richtig, eigentlich dachte sie immer an ihn. In jedem Moment ihres Lebens.
Warum war er weggegangen? Warum mochte er sie nicht? Warum meldete er sich nicht? Warum suchte er sie nicht? War sie ihm egal? Warum war sie ihm egal? Warum gab es keinen Vater für sie, der sich um sie kümmerte? Der auch mal sagte: Das was du da machst, ist nicht in Ordnung. Dieser Mann, diese Freunde, dieses irgendwas ist nicht gut für dich. Ein Vater der eifersüchtig war auf ihre Freunde, der sich sorgte um sein kleines Mädchen, der sie in die Arme nahm und in ihr immer das kleine Mädchen sehen würde, das sie war als sie ihren ersten Schritt machte oder als er das erste Mal mit ihr Drachen steigen war oder als er ihr schwimmen beibrachte.
Ein Vater, der, dann als sie allein schwimmen konnte, immer in der Nähe war und sagte: du bist toll so wie du bist, du machst das gut, ich halte dich, wenn du nicht mehr kannst.
Im Wasser, wie im Leben.
Jemand, der weinte, wenn sie ihren Schulabschluss bekam. Einer, der den ersten Jungen, den sie nach hause brachte fragte: Und was willst du später machen? Und ihn trotz allem nicht mochte. Der sie in die Arme nahm, wenn der erste Junge, den sie mit nach hause gebracht hatte, weg war.
Einer, der sagte: du bist das Beste in meinem Leben, ich bin stolz auf dich. Jemand der das nicht sagte, um etwas von ihr zu bekommen.
Einfach einen Vater.
Hatte sie das nicht verdient? Warum war er weggegangen? Warum musste er so sein? Warum hatte er ihre Mutter so behandelt? Warum hatte er sie so behandelt? Medikamente, Drogen, Alkohol. Und Schläge, Tritte, Geschrei.
Warum war er kein Vater gewesen? Und wieder fangen die Fragen von vorne an.
Ihr Herz zog sich leicht zusammen, als sie an den ersten Anruf dachte. Das war jetzt ein halbes Jahr her.
„Es geht ihm nicht gut. Komm.“
War das ein Befehl? Wie sollte sie ihm nach all den Jahren unter die Augen treten. Brachte das überhaupt etwas, änderte das etwas? Änderte es sie?
Ihre Paranoia wäre krank. Ihr ständiges Gefühlschaos langweile ihn. Eiskalt und glühend heiß, wäre sie. Es gäbe nichts dazwischen. Sie vertraue ihm nicht. Ungerechtfertigt. Verrückt. Das wäre sie. Sie erzähle ihm nichts. Er verstehe sie nicht. Es gehe so nicht. Und dann war er, ihr Freund, ihr Mann fürs Leben, ihr Rettungsboot, nach dem Schiffsuntergang, gegangen.  
Und er war weg. Wieder einer.
War das nicht seine Schuld?
Jetzt lag er da, ihr Vater, ihr Erzeuger, und brauchte sie.
Oder vielleicht war es auch anders rum.
Sie waren doch für ihn da. Seine Frau und seine Kinder. Er war nicht allein. Er brauchte sie also nicht. Vielleicht wollte er auch nur seinen Seelenfrieden finden.
Also, er brauchte sie nicht. Wofür brauchte sie ihn? Musste sie ihn ein letztes Mal sehen?
Die Spinne bewegte sich aus der Sonne heraus in den Schatten.
Einfach so verschwinden. Das wollte sie auch, sich in ihrem eigenen Schatten, ihrer Höhle, ihrer dunklen sicheren Welt einmummeln.
Der zweite Anruf war schon dringender gewesen.
„Er möchte dich ein letztes Mal sehen. Ich weiß nicht was ich ihm sagen soll. Komm. Es dauert nicht mehr lange.“
Was dachte sie wie es ihr ging? Als ob sie über die Schläge, die Tritte, über das Geschrei hinwegsehen konnte. Ihre Mutter konnte es nicht. Sie war der Meinung sie könnte es auch nicht.
Soll er doch verschwinden. Soll er raus aus ihrem Leben und ihren Gedanken. Ihr Kopf wollte so gern leer sein.
Was hatte die kurze Zeit ihrer Bekanntschaft ihr gebracht? Sie hatte gemerkt, das ihre eigene Dunkelheit einen Ursprung hatte. Das Erlebnisse ihrer Kindheit eine Erklärung hatten. Das alles seine Schuld war.
Sie hatte Probleme zu Vertrauen.
Sie sah nicht ein, warum sie einem anderen Menschen vertrauen sollte. Wenn sie nicht einmal ihrem Fleisch und Blut vertrauen konnte. Er hatte nicht angerufen. Sie nicht gesucht. Sich nicht gekümmert sie zu sehen. Sie war ihm egal gewesen. Sie war eine Last für ihn.
Sie hatte Angst irgendwann einmal gefangen zu sein.
Gefangen in einem Leben, wie ihre Mutter es bei ihm führen musste. Erpresst, um eigene Entscheidungen gebracht, geschlagen und getreten. Es war ihm egal gewesen, dass sie schwanger war. Es war ihm egal gewesen, dass das Baby schrie und weinte. Es war ihm egal gewesen, dass es ihre Spielsachen waren, die er aus dem Fenster warf, als sie drei war. Sie erklärte im Kindergarten ihr Papa hätte ihre Puppe im Suff aus dem Fenster geworfen. Sie wusste nicht was Suff war. Ihre Mutter hatte es so genannt.
Sie hatte Angst so zu enden wie er.
Medikamente.
Drogen.
Alkohol.
Sie hatte Angst das es vererbt werden würde.
Hatte Angst ihren Kindern das gleiche anzutun.
Schläge.
Tritte.
Geschrei.
Der Anruf letzte Woche war kein Bitten gewesen. Er war ein Befehl.
„Mach es dir nicht zu einfach. Er stirbt und du lässt ihn im Stich.“
Krebs ist gemein. Und manchmal gerecht. Dachte sie damals.
Und sie ging hin. Sie besuchte ihn im Krankenhaus. Sie konnte ihrer Mutter nicht davon erzählen. Konnte ihr nicht sagen, was sie tat. Sie kam sich schuldig vor. Als würde sie ihre Mutter verraten. Was ist eine Tochter die zu dem Mann zurückkehrt, der ihrer Mutter alles genommen hatte? Den Stolz, das Geld, die Chance auf Liebe?
Jetzt war sie hier. In diesem Flur. Rutschte nervös auf dem harten Suhl hin und her. Beobachtete die kranken Menschen und wieder die Spinne. Sie saß still da, als würde sie die Szene beobachten. Ihr inneres Toben.
Wie er wohl aussah? Was würde er sagen? Was würde sie sagen? Was sagte man in einer solchen Situation? Was konnte es ändern?
„Sie können jetzt kommen.“
Sie hörte die Stimme aus weiter Ferne. Was? Nein, sie war noch nicht bereit. Sie konnte jetzt nicht aufstehen und da rein gehen. Sie krallte sich am Stuhl fest. Starrte die Wand an.
„Ähm. Sie...“
„Die Spinne...“
„Oh das tut mir leid. Im Sommer verirren sich diese Biester manchmal sogar ins Krankenhaus. Haben sie Angst?“
Ja. Dachte Sie.
Die Schwester stöberte in ihrem Kittel. Ein Taschentuch kam zum Vorschein.
„Das haben wir gleich...“ Sie näherte sich der Spinne. Was wollte sie tun? Sie umbringen. Sie wollte sie mit dem weißen Tuch zerquetschen.  
Nein. Dachte sie.
„Nein! Nicht lassen sie das. Ich bringe sie raus.“
„Aber ihr Vater...“
Sie nahm ihr das Tuch aus der Hand, hielt es locker unter das Tier und ließ sie drauf krabbeln. Langsam und vorsichtig wickelte sie die Spinne ein. Sie drehte sich um in die Richtung aus der sie gekommen war und marschierte schnellen Schrittes den Gang entlang zum Fahrstuhl. Die Spinne rebellierte in ihrem Papiergefängnis.
„Schon gut. Gleich bist du draußen.“ Murmelte sie. Grauer Linoleumboden unter ihren Füßen.
Sie lief.
Sie rannte.
Sie floh.
Der Fahrstuhl. Sie hasste Fahrstühle. Aber das ging am schnellsten und darauf kam es jetzt an.
Er stand schon offen da, als ob er sie empfangen würde. Als ob er gewusst hatte, dass sie keine Kraft hatte für eine letzte Begegnung.
Der Fahrstuhl hielt mit einem Ruck. Sie hetze hinaus. Durch den Empfang, der Pförtner sah kurz auf und murmelte ein kurzes "Auf wiedersehen.".
Nein, nie wiedersehen.
Und sie war draußen.
Sie atmete durch, sie hatte die ganze Zeit die Luft angehalten. Es drehte sich alles, doch sie ging weiter durch den Park.
Erst an der Straße machte sie halt. Sie öffnete das Tuch und befreite die Spinne, es sah aus als würde sie zittern. Doch es war sie selbst. Sie setzte die Spinne in einen Busch am Straßenrand.
„Jetzt bist du in Sicherheit.“
Und sie war es auch.
Sie brauchte keinen Abschied.
Sie wollte ihm nicht noch mal unter die Augen treten und seine reuevollen Augen auf ihr ruhen haben. Sie wollte seine Stimme nicht noch mal hören. Auch nicht leise. Auch nicht schwach, so wie sie es selbst damals war.
Sie brauchte auch keine Genugtuung.
Sie wollte ihn nicht so sehen und verzweifeln darüber, dass sie den armen Mann verflucht hatte.
Sie wollte ihn nicht vergessen und alles was er in ihrem Leben falsch gemacht hatte so im Gedächtnis behalten, wie es war.
Sie wollte nicht so sein wie er. Er sollte abtreten und sie in Ruhe lassen.
Und sie wollte das einzige machen, was möglich war: Daraus lernen.
Wenigstens etwas Gutes hatte er für sie, seine Tochter, erreicht: Sie würde sich bemühen, nicht über dieselben Steine zu stolpern wie er.
Für ihn, für sich. So das seine Existenz wenigstens eine einzige gute Spur in ihrem Leben hinterlassen hatte.
Sie nahm die Straßenbahn und fuhr zu ihm. Zu dem Menschen, der ihr die Angst genommen hatte, der ihr auch die Kraft geben würde vertrauen zu lernen, wenigstens ihm. Sie müsste sich nur die Mühe machen zu erzählen: Alles zu erzählen.  
Und die Spinne baute sich ein neues Netz in der Sonne.

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Rosanna
Richter und Henker

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Pokapro V & Lezepo III Silberne Harfe


BeitragVerfasst am: 08.05.2010 13:31    Titel: Antworten mit Zitat

Hi,
für mich ein richtig starker Text.
Vor allem dieser Bezug zur Spinne ist gelungen. Ich selbst mag diese Viecher zwar so gar nicht... Laughing ...aber durch deinen Text wurde mir das kleine Biest auf dem Fußboden fast schon sympathisch.
Tja, so hat jeder sein Päckchen zu tragen- was mich allerdings interessieren würde, ist, ob die Ich- Erzählerin nicht doch irgendwann Gewissensbisse bekommt.
Meine Mutter war mal in einer ähnlichen Situation, damals lag ihr Stiefvater im Sterben. Die beiden hatten über zehn Jahre keinen Kontakt und deswegen hat sie ihn auch am Schluss nicht besucht, obwohl er sich das gewünscht hat. Jetzt bereut sie es...

Zu guter Letzt noch ein paar sprachliche Kleinigkeiten:

Zitat:
Man war ja eine Spinne. Sich einbauen im eigenen Netz, allein sein, wenn man es möchte.

 Die beiden Sätze würde ich von der Reihenfolge her vertauschen. Danach würde ich einen größeren Absatz lassen.

Zitat:
Das, was du da machst, ist nicht in Ordnung. Dieser Mann, diese Freunde, dieses irgendetwas ist nicht gut für dich.


Zitat:
Ein Vater, der eifersüchtig war auf ihre Freunde,


Zitat:
der sich sorgte um sein kleines Mädchen, der sie in die Arme nahm und in ihr immer das kleine Mädchen sehen würde,

Hier würde ich das erste "sein kleines Mädchen" durch "sie" ersetzen, um die Wiederholung zu vermeiden. Ich nehme mal an, sie war gewollt, wirkt aber hier plump.

Zitat:
das sie war ,als sie ihren ersten Schritt machte, als er das erste Mal mit ihr Drachen steigen war oder als er ihr das Schwimmen beibrachte.



Zitat:
Ein Vater, der, als sie dann allein schwimmen konnte, immer in der Nähe war und sagte: Du bist toll so, wie du bist, du machst das gut, ich halte dich, wenn du nicht mehr kannst.
Im Wasser, wie im Leben.


Kursiv: ganz starke Stelle

Zitat:
Einer, der sagte:
Zitat:
D
u bist das Beste in meinem Leben, ich bin stolz auf dich. Jemand, der das nicht sagte, um etwas von ihr zu bekommen.


Zitat:
Wie sollte sie ihm nach all den Jahren unter die Augen treten?


Zitat:
Was dachte sie, wie es ihr ging?


Aprpo, wer ist eigentlich die Anruferin, die sie so vertraut anredet und dennoch nicht ihre Mutter sein kann? Die neue Frau ihres Vaters? Aber sie hatten doch über Jahre keinen Kontakt?

Zitat:
Sie war der Meinung, sie könnte es auch nicht.
Sollte er doch verschwinden. Sollte er raus aus ihrem Leben und ihren Gedanken. Ihr Kopf wollte so gern leer sein
.

Zitat:

Sie hatte Probleme zu vertrauen.


Zitat:
Sich nicht gekümmert, sie zu sehen. Sie war ihm egal gewesen. Sie war eine Last für ihn.
Sie hatte Angst, irgendwann einmal gefangen zu sein.


Zitat:
Sie erklärte im Kindergarten, ihr Papa hätte ihre Puppe im Suff aus dem Fenster geworfen. Sie wusste nicht, was Suff war. Ihre Mutter hatte es so genannt.
Sie hatte Angst, so zu enden wie er.


Zitat:
Sie hatte Angst, dass es vererbt werden würde.
Hatte Angst, ihren Kindern das gleiche anzutun.


Zitat:
Was ist eine Tochter, die zu dem Mann zurückkehrt, der ihrer Mutter alles genommen hatte?


LG,
Rose


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alltagsentwöhnt
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BeitragVerfasst am: 08.05.2010 14:12    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

danke für die tipps!!!
ich hab den text so häufig überarbeitet, dass ich am ende diese fehler gar nicht mehr gesehen habe...also danke für deine kommentare und verbesserungsvorschläge!

zur anruferin: ich hatte mir das so vorgestellt, dass sie die neue frau des vaters ist. diese frau kennt die vorgeschichte zwar, aber sie bewertet die misshandlungen anders, da es sich ja um ihren mann handelt. Meinst du ich sollte das noch mit einbauen? sind informationen über die neue frau des vaters wichtig für die geschichte?

zum ende: ich habe auch ewig überlegt, wie ich es enden lassen könnte. mir kam der schluss auch erst zu hart vor.
ich habe auch solche erfahrungen gemacht und war deshalb auch gefühlsmäßig sehr involviert. ich empfand die lösung für mich und für die geschichte als richtig, da wir beide ziemlich viel schlechtes im zusammenhang mit unseren vätern gesehen und erlebt hatten.
ich glaube nach solchen erfahrungen schafft sie es einfach nicht ihm zu vergeben. die lösung ist für beide, den vater und die tochter gut: Beide müssen sich nicht rechtfertigen, er muss nichts bereuen und sie muss sich nicht schuldig fühlen, dass sie ihn hasst.

ich weiß nicht, ob ich meine meinung meinen vater nicht wiedersehen zu wollen, für immer beibehalten werde, aber im moment lebe ich ganz gut damit und habe dadurch gelernt mit dem was damals passierte abzuschließen.

nochmal vielen dank für die hinweise!!!

achja: kann ich die schreibfehler im nachhinein korrigieren oder muss ich den text dann neu hochladen???
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Rosanna
Richter und Henker

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Pokapro V & Lezepo III Silberne Harfe


BeitragVerfasst am: 08.05.2010 14:41    Titel: Antworten mit Zitat

Puh, na du fragst was...

Hab das mal spaßeshalber bei einem meiner Werke ausprobiert und da steht dann:

Zitat:
Falls Du eine überarbeitete Fassung Deines Werks veröffentlichen möchtest,
wäre es besser wenn Du einfach auf den letzten Post antworten würdest.

Falls Du Deinen Beitrag dennoch unbedingt geändert oder
entfernt haben möchtest, wende Dich bitte per PN an einen Moderator.



Zu der Frau des Vaters: gewundert hat mich nur, dass sie eine offensichtlich erwachsene Frau duzt, obwohl sie ja scheinbar bisher keinen Kontakt zu ihr hatte.

LG
Rose


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ono
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BeitragVerfasst am: 08.05.2010 15:23    Titel: Antworten mit Zitat

wenn ich mit einem kleinen hinweis aus dem tierreich aufwarten darf:
Zitat:
Dieser riesige Körper auf so kleinen dünnen Beinen
gehört vielleicht zu einer laus oder zu einer wanze - kennzeichen der spinnen sind aber die im verhältnis zum körper sehr großen beine, jedenfalls der spinnen, die netzte weben.

du solltest diesen irrtum korrigieren, weil ein kritischer leser spätestens da aufhört, die familiengeschichte weiter zu verfolgen.

liebe grüße aus dem off

ono
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Rosanna
Richter und Henker

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Pokapro V & Lezepo III Silberne Harfe


BeitragVerfasst am: 08.05.2010 15:55    Titel: Antworten mit Zitat

hmm...da hat er allerdings recht- so riesig ist der Lapsus nun aber auch nicht, dass man deshalb den Rest der Geschichte verschmähen würde. Vielleicht könntest du die Metapher auf die Spinnenfäden ausweiten, die eine unglaubliche Last aushalten.

LG
Rose


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alltagsentwöhnt
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BeitragVerfasst am: 08.05.2010 22:00    Titel: Überarbeitet: Die Spinne pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für den hinweis...ich hatte dabei wahrscheinlich ein zu festes bild im kopf: diese dicken schwarzen spinnen mit dieser riesigen kugel auf dem rücken. aber du hast natürlich recht, dieses bild ist nicht auf alle übertragbar und da hinkt dann der vergleich.
und danke rosanna, ich wäre fast verzweifelt, aber dein hinweis war echt gold wert.


Die Spinne

Ein weißer langer Flur, grauer Boden, grelles Licht.
Sie starrte an die Wand gegenüber. Eine Spinne, die ihr Netz spann.
Ein starkes Netz. Ein dichtes Netz. Ein Netz, das sie hielt. Ein Netz, das in der Lage war ihre ganze Last zu halten.
Ein Netz, das Stürmen standhielt. Das nur schwer riss und wenn, dann hielt die Spinne sich mit einem Sicherheitsfaden selbst vom Abgrund fern und rettete sich. Und dann baute sie sich ein Neues. Fing von vorne an, ohne an das vergangene Netz zu denken.
Diese Tiere konnte man nur bewundern. Sie wünschte sich mehr so zu sein wie diese Spinne.
Stark. In all ihren Handlungen. Gehalten von ihrem eigenen Netz der Sicherheit. Einem Netz des Selbstbewusstseins.
Der erste Anruf traf sie wie einen Schlag.
Sie hatte lange nicht an ihn gedacht. Halt, das war nicht richtig, eigentlich dachte sie immer an ihn. In jedem Moment ihres Lebens. Versuchte nur es zu verdrängen. Vergebens.
Warum war er weggegangen? Warum mochte er sie nicht? Warum meldete er sich nicht? Warum suchte er sie nicht? War sie ihm egal? Warum war sie ihm egal? Warum gab es keinen Vater für sie, der sich um sie kümmerte? Der auch mal sagte: Das, was du da machst, ist nicht in Ordnung. Dieser Mann, diese Freunde, dieses irgendetwas ist nicht gut für dich. Ein Vater, der eifersüchtig war auf ihre Freunde, der sich um sie sorgte, der sie in die Arme nahm und in ihr immer das kleine Mädchen sehen würde, das sie war als sie ihren ersten Schritt machte oder als er das erste Mal mit ihr Drachen steigen war oder als er ihr das Schwimmen beibrachte.
Ein Vater, der, als sie dann allein schwimmen konnte, immer in der Nähe war und sagte: Du bist toll so, wie du bist, du machst das gut, ich halte dich, wenn du nicht mehr kannst.
Im Wasser, wie im Leben.
Jemand, der weinte, wenn sie ihren Schulabschluss bekam. Einer, der den ersten Jungen, den sie nach hause brachte fragte: Und was willst du später machen? Und ihn trotz allem nicht mochte. Der sie in die Arme nahm, wenn der erste Junge, den sie mit nach hause gebracht hatte, weg war.
Einer, der sagte: Du bist das Beste in meinem Leben, ich bin stolz auf dich. Jemand der das nicht sagte, um etwas von ihr zu bekommen.
Einfach einen Vater.
Hatte sie das nicht verdient? Warum war er weggegangen? Warum musste er so sein? Warum hatte er ihre Mutter so behandelt? Warum hatte er sie so behandelt? Medikamente, Drogen, Alkohol. Und Schläge, Tritte, Geschrei.
Warum war er kein Vater gewesen? Und wieder fangen die Fragen von vorne an.
Ihr Herz zog sich leicht zusammen, als sie an den ersten Anruf dachte. Das war jetzt ein halbes Jahr her.
„Es geht ihm nicht gut. Komm.“ Seine Frau. Seine neue Frau. Und seine neue Familie, seine zwei Töchter, sie riefen nach ihr. Seiner anderen Tochter.
War das ein Befehl? Wie sollte sie ihm nach all den Jahren unter die Augen treten? Brachte das überhaupt etwas, änderte das etwas? Änderte es sie?
Ihre Paranoia wäre krank. Ihr ständiges Gefühlschaos langweile ihn. Eiskalt und glühend heiß, wäre sie. Es gäbe nichts dazwischen. Sie vertraue ihm nicht. Ungerechtfertigt. Verrückt. Das wäre sie. Sie erzähle ihm nichts. Er verstehe sie nicht. Es gehe so nicht. Und dann war er, ihr Freund, ihr Mann fürs Leben, ihr Rettungsboot, nach dem Schiffsuntergang, gegangen.  
Und er war weg. Wieder einer.
War das nicht seine Schuld?
Jetzt lag er da, ihr Vater, ihr Erzeuger, und brauchte sie.
Oder vielleicht war es auch anders rum.
Sie waren doch für ihn da. Seine Frau und seine Kinder. Er war nicht allein. Er brauchte sie also nicht. Vielleicht wollte er auch nur seinen Seelenfrieden finden.
Also, er brauchte sie nicht. Wofür brauchte sie ihn? Musste sie ihn ein letztes Mal sehen?
Die Spinne bewegte sich aus der Sonne heraus in den Schatten.
Einfach so verschwinden. Das wollte sie auch, sich in ihrem eigenen Schatten, ihrer Höhle, ihrer dunklen sicheren Welt einmummeln.
Der zweite Anruf war schon dringender gewesen.
„Er möchte dich ein letztes Mal sehen. Ich weiß nicht was ich ihm sagen soll. Komm. Es dauert nicht mehr lange.“
Was dachte sie, wie es ihr ging? Als ob sie über die Schläge, die Tritte, über das Geschrei hinwegsehen konnte. Ihre Mutter konnte es nicht. Sie war der Meinung, sie könnte es auch nicht.
Sollte er doch verschwinden. Sollte er raus aus ihrem Leben und ihren Gedanken.
Ihr Kopf wollte so gern leer sein.
Was hatte die kurze Zeit ihrer Bekanntschaft ihr gebracht? Sie hatte gemerkt, das ihre eigene Dunkelheit einen Ursprung hatte. Das Erlebnisse ihrer Kindheit eine Erklärung hatten. Das alles seine Schuld war.
Sie hatte Probleme zu vertrauen.
Sie sah nicht ein, warum sie einem anderen Menschen vertrauen sollte. Wenn sie nicht einmal ihrem Fleisch und Blut vertrauen konnte.
Er hatte nicht angerufen. Sie nicht gesucht. Sich nicht gekümmert, sie zu sehen. Sie war ihm egal gewesen. Sie war eine Last für ihn.
Sie hatte Angst, irgendwann einmal gefangen zu sein.
Gefangen in einem Leben, wie ihre Mutter es bei ihm führen musste. Erpresst, um eigene Entscheidungen gebracht, geschlagen und getreten. Es war ihm egal gewesen, dass sie schwanger war. Es war ihm egal gewesen, dass das Baby schrie und weinte. Es war ihm egal gewesen, dass es ihre Spielsachen waren, die er aus dem Fenster warf, als sie drei war. Sie erklärte im Kindergarten, ihr Papa hätte ihre Puppe im Suff aus dem Fenster geworfen. Sie wusste nicht, was Suff war. Ihre Mutter hatte es so genannt.
Sie hatte Angst, so zu enden wie er.
Medikamente.
Drogen.
Alkohol.
Sie hatte Angst, das es vererbt werden würde.
Hatte Angst, ihren Kindern das gleiche anzutun.
Schläge.
Tritte.
Geschrei.
Der Anruf letzte Woche war kein Bitten gewesen. Er war ein Befehl.
„Mach es dir nicht zu einfach. Er stirbt und du lässt ihn im Stich.“
Krebs ist gemein. Und manchmal gerecht. Dachte sie damals.
Und sie ging hin. Sie besuchte ihn im Krankenhaus. Sie konnte ihrer Mutter nicht davon erzählen. Konnte ihr nicht sagen, was sie tat. Sie kam sich schuldig vor. Als würde sie ihre Mutter verraten. Was ist eine Tochter, die zu dem Mann zurückkehrt, der ihrer Mutter alles genommen hatte? Den Stolz, das Geld, die Chance auf Liebe?
Jetzt war sie hier. In diesem Flur. Rutschte nervös auf dem harten Suhl hin und her. Beobachtete die kranken Menschen und wieder die Spinne. Sie saß still da, als würde sie die Szene beobachten. Ihr inneres Toben.
Wie er wohl aussah? Was würde er sagen? Was würde sie sagen? Was sagte man in einer solchen Situation? Was konnte es ändern?
„Sie können jetzt kommen.“
Sie hörte die Stimme aus weiter Ferne.
Was? Nein, sie war noch nicht bereit. Sie konnte jetzt nicht aufstehen und da rein gehen. Sie krallte sich am Stuhl fest. Starrte die Wand an.
„Ähm. Sie...“
„Die Spinne...“
„Oh das tut mir leid. Im Sommer verirren sich diese Biester manchmal sogar ins Krankenhaus. Haben sie Angst?“
Ja. Dachte Sie.
Die Schwester stöberte in ihrem Kittel. Ein Taschentuch kam zum Vorschein.
„Das haben wir gleich...“. Sie näherte sich der Spinne. Was wollte sie tun? Sie umbringen. Sie wollte sie mit dem weißen Tuch zerquetschen.  
Nein. Dachte sie.
„Nein! Nicht lassen sie das. Ich bringe sie raus.“
„Aber ihr Vater...“
Sie nahm der Schwester das Tuch aus der Hand, hielt es locker unter das Tier und ließ sie drauf krabbeln. Langsam und vorsichtig wickelte sie die Spinne ein. Sie drehte sich um in die Richtung aus der sie gekommen war und marschierte schnellen Schrittes den Gang entlang zum Fahrstuhl. Die Spinne rebellierte in ihrem Papiergefängnis.
„Schon gut. Gleich bist du draußen.“ Murmelte sie. Grauer Linoleumboden unter ihren Füßen.
Sie lief.
Sie rannte.
Sie floh.
Der Fahrstuhl. Sie hasste Fahrstühle. Aber das ging am schnellsten und darauf kam es jetzt an.
Er stand schon offen da, als ob er sie empfangen würde. Als ob er gewusst hatte, dass sie keine Kraft hatte für eine letzte Begegnung.
Der Fahrstuhl hielt mit einem Ruck. Sie hetze hinaus. Durch den Empfang, der Pförtner sah kurz auf und murmelte ein kurzes "Auf wiedersehen.".
Nein, nie wiedersehen.
Und sie war draußen.
Sie atmete durch, sie hatte die ganze Zeit die Luft angehalten. Es drehte sich alles, doch sie ging weiter durch den Park.
Erst an der Straße machte sie halt. Sie öffnete das Tuch und befreite die Spinne, es sah aus als würde sie zittern. Doch es war sie selbst. Sie setzte die Spinne in einen Busch am Straßenrand.
„Jetzt bist du in Sicherheit.“
Und sie war es auch.
Sie brauchte keinen Abschied.
Sie wollte ihm nicht noch mal unter die Augen treten und seine reuevollen Augen auf ihr ruhen haben. Sie wollte seine Stimme nicht noch mal hören. Auch nicht leise. Auch nicht schwach, so wie sie es selbst damals war.
Sie brauchte auch keine Genugtuung.
Sie wollte ihn nicht so sehen und verzweifeln darüber, dass sie den armen Mann verflucht hatte.
Sie wollte ihn nicht vergessen und alles was er in ihrem Leben falsch gemacht hatte so im Gedächtnis behalten, wie es war.
Sie wollte nicht so sein wie er. Er sollte abtreten und sie in Ruhe lassen.
Und sie wollte das einzige machen, was möglich war: Daraus lernen.
Wenigstens etwas Gutes hatte er für sie, seine Tochter, erreicht: Sie würde sich bemühen, nicht über dieselben Steine zu stolpern wie er.
Für ihn, für sich. So das seine Existenz wenigstens eine einzige gute Spur in ihrem Leben hinterlassen hatte.
Sie nahm die Straßenbahn und fuhr zu ihm. Zu dem Menschen, der ihr die Angst genommen hatte, der ihr auch die Kraft geben würde vertrauen zu lernen, wenigstens ihm. Sie müsste sich nur die Mühe machen zu erzählen: Alles zu erzählen.  
Und die Spinne baute sich ein neues Netz in der Sonne.
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derSibirier
Reißwolf


Beiträge: 1309



BeitragVerfasst am: 09.05.2010 07:25    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Das Päckchen tragen, ohne an das Gewicht zu denken. Nie sich gegenüber irgendjemandem rechtfertigen, wie viel man mit sich rumschleppte. Man war ja eine Spinne.


Wenn du das Netz entfernen würdest, könntest du dieses liebliche Tierchen als Spinne verwenden:

[Bild entfernt]

derSibirier lächelt und grüßt
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ono
Eselsohr


Beiträge: 357



BeitragVerfasst am: 09.05.2010 09:42    Titel: Antworten mit Zitat

nochmal was aus dem tierreich: spinnen spinnen ihre netze niemals direkt an die wand, sondern allenfalls in die ecken. und eine zecke kriecht grundsätzlich nicht auf der wand herum, sondern wartet im gebüsch, bis du kommst. sie ist im nicht vollgesogenen zustand nicht größer als eine ameise. wobei sich letztere ohnehin als lastenschleppende metapher besser eignete als ausgerechnet eine spinne. die schleppt gar nichts, sondern wartet tücksich, bis sie einem armen, kleinen anderen insekt ihr gift in den leib spritzen kann, woran es elendiglich krepiert und dann ausgesogen wird.

heitere grüße aus dem off

ono
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Alter: 32
Beiträge: 21
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 11.05.2010 19:35    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

ich finde das bild der spinne eigentlich immer noch gut. aber das mit der wand bzw. ecke werde ich mir nochmal durch den kopf gehen lassen. du hast auf jeden fall recht, wenn man es zum ersten mal liest, stutzt man erstmal...
danke nochmal!
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