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Das Zimmer am Ende des Gangs


 
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MT
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 47
Beiträge: 1172
Wohnort: Im Süden (Niedersachsens)


BeitragVerfasst am: 01.02.2010 17:04    Titel: Das Zimmer am Ende des Gangs eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Das Zimmer am Ende des Gangs

Man sagt mir Boshaftigkeit nach, Ungerechtigkeit. Doch ich bin weder das eine noch das andere. Mein Dasein ist einsam, ich führe das Leben eines Geächteten, verstoßen von der Welt und doch ihr unabwendbarer Bestandteil.
Allein ich bin konsequent, ich lasse nicht mit mir verhandeln. Niemals.  Was ist daran boshaft, was ungerecht?
Mein Schwert ist stets geschliffen, es ist bereit, wann immer ihm befohlen wird. So wie am heutigen Tag. Ich mache mich auf den Weg.

Wo liegt meine Schuld? Ich trage keine Schuld bei mir. Die Menschen verfluchen mich, das bin ich gewohnt. Sie brauchen Erklärungen, brauchen Wege der Flucht, einen See voll mit Hoffnung. Das verstehe ich, ich erlebe es im Sekundentakt. Auf Gottes weitem Erdball bin ich unterwegs und habe alles schon erlebt. Alles.

Ich trete ein in das Zimmer, sie stehen am Krankenbett, die Frau und ihr Sohn. Ihre Augen haben lange geweint, rot und nass und klein sind sie. Was täte ich dafür, ihnen das Leid abnehmen zu können, dass ich jeden Moment über sie breiten werde wie einen samtenen Schleier.

Der Mann in dem Bett starrt mich an. Ärzte und Schwestern sind es angegangen wie immer, routinemäßig, haben ihn im Dunkeln gelassen. Sie haben Hoffnung vermittelt, ganz professoinell, bis zuletzt. Auch die Frau und der Junge hoffen, wollen glauben an die Umkehr des Unumkehrbaren. Sie schieben meine Existenz beiseite, wie man Felsen beiseiteschiebt. Sie wissen nichts von meiner Verabredung mit ihm. Noch vor wenigen Stunden hat er seinen Sohn gefragt, ob er endlich nach Hause könne und der Sohn hat genickt und die Tränen verborgen hinter den Lidern.

Langsam lege ich eine Hand auf die Augen des Mannes, ich lächele ihn an. Brauchst keine Angst zu haben, sage ich zu ihm, und schon wird seine Atmung flacher.
Langsamer, immer ruhiger.
Bis sie steht.

Immer fester umklammert die Frau die Hand des Mannes, der Junge umarmt seine Mutter. Ihre beiden Körper zittern vor der Kälte des Augenblicks. Ich habe einen Krater in ihr Leben gerissen, eine Leere, die sie riechen werden an seiner Wäsche und die sie sehen werden am einsamen Sessel in der Stube.

Sie sollen nicht leiden, sagt der Mann zu mir und ich sage, komm, wir müssen.

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lupus
Geschlecht:männlichBestseller-Autor

Alter: 51
Beiträge: 4173
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BeitragVerfasst am: 01.02.2010 18:12    Titel: Re: Das Zimmer am Ende des Gangs Antworten mit Zitat

Hi Mr/s Unbekannt!

inhaltlich nix Neues,muss ja auch nicht sein. ME gut umgesetzt.

[quote="Inkognito"]Das Zimmer am Ende des Gangs
Zitat:

Man sagt mir Boshaftigkeit nach, Ungerechtigkeit. Doch ich bin weder das eine noch das andere. Mein Dasein ist einsam, ich führe das Leben eines Geächteten, verstoßen von der Welt und doch 'bin ich' ... wird durch das folgende 'ihr' nötig, das sich auf die Welt bezieht / im vorherigen Satzteilnicht nötig, weil sich das 'verstoßen von der Welt auf den Geächteten bezieht ... ihr unabwendbarer Bestandteil.


was würdest du davon halten statt der Substantivierung eher Adjektive zu verwenden, das könnte es 'persönlicher' machen. Und genau so versteh ich es auch. Ein kurzer persönlicher Einblick in den Tod.

Man sagt, ich sei boshaft, ungerecht.

Nach dem 'doch ich bin weder das eine noch das andere' hätte ichmir ein Begründung erwartet. So aber steht der Folgesatz ein bisserl unvermittelt da.

Zitat:
Allein ich nach Allein gehört ein Komma. Außer du willst sagen 'Ausschließlich ich' bin konsequent, ich lasse nicht mit mir verhandeln. Niemals.  Was ist daran boshaft, was ungerecht?
Mein Schwert ist stets geschliffen, es ist bereit, wann immer ihm befohlen wird. So wie am heutigen Tag. Ich mache mich auf den Weg.


 Daumen hoch

Zitat:
Wo liegt meine Schuld? Ich trage keine Schuld bei mir. Die Menschen verfluchen mich, das bin ich gewohnt. Sie brauchen Erklärungen, brauchen Wege der Flucht, einen See voll mit Hoffnung. Das verstehe ich, ich erlebe es im Sekundentakt. Auf Gottes weitem Erdball bin ich unterwegs und habe alles schon erlebt. Alles.


Dieser Absatz durchbricht mE unnötigerweise den Lesefluß. Am Ende des vorigen Absatzes: 'ich mache mich auf den Weg' Im Folgeabsatz 'Ich trete ein in das Zimmer'. Und dazwischen die Betrachtung über den Menschen. Ich würde den fetten Teil nach oben schieben, zur Eigenbeschreibung, alles andere streichen. Es enthält nicht wirklich nötige Info.

Zitat:
Ich trete ein in das Zimmer, sie stehen am Krankenbett, die Frau und ihr Sohn. Ihre Augen haben lange geweint, rot und nass und klein sind sie. Was täte ich dafür, ihnen das Leid abnehmen zu können, dass ich jeden Moment über sie breiten werde wie einen samtenen Schleier.


 Daumen hoch


Zitat:
Der Mann in dem Bett starrt mich an. Ärzte und Schwestern sind es angegangen wie immer, routinemäßig, haben ihn im Dunkeln gelassen. Sie haben Hoffnung vermittelt, ganz professoinell, bis zuletzt. Auch die Frau und der Junge hoffen, wollen glauben an die Umkehr des Unumkehrbaren. Sie schieben meine Existenz beiseite, wie man Felsen beiseiteschiebt. Sie wissen nichts von meiner Verabredung mit ihm. Noch vor wenigen Stunden hat er seinen Sohn gefragt, ob er endlich nach Hause könne und der Sohn hat genickt und die Tränen verborgen hinter den Lidern.


Mir fällt die oftmalige Verdrehung der Sätze auf, etwa 'wollen glauben an die...' statt 'wollen an die... glauben'. Paßt mE ausnehmend gut, zumal hier dann auch die Betonung am 'glauben' liegt, mit einer nachfolgenden Präzisierung. wollen glauben: an die...
 Daumen hoch


Zitat:
Langsam lege ich eine Hand auf die Augen des Mannes, ich lächele ihn an. Brauchst keine Angst zu haben, sage ich zu ihm, und schon wird seine Atmung flacher.
Langsamer, immer ruhiger.
Bis sie steht.


die Atmung steht. hm, klingt mir hier ein bisserl zu einfach. Will mir nicht zum Rest passen.


Zitat:
Immer fester umklammert die Frau die Hand des Mannes, der Junge umarmt seine Mutter. Ihre beiden Körper zittern vor der Kälte des Augenblicks. Ich habe einen Krater in ihr Leben gerissen, eine Leere, die sie riechen werden an seiner Wäsche und die sie sehen werden am einsamen Sessel in der Stube.

Sie sollen nicht leiden, sagt der Mann zu mir und ich sage, komm, wir müssen.


nach öfterem Lesen: wow! Da sind ein paar saumäßig gelungene sätze drin. Einfach schön. Und: der Text kommt sehr ruhig daher. sehr ruhig. 'Brauchst keine Angst zu haben'.

Echt gut.

leider etwas kurz. Denke, dass der Text längenmäßig ausbaufähig wäre, ohne an Kraft zu verlieren, weil stilistisch ausnehmend sicher.

lgl


_________________
lg Wolfgang

gott ist nicht tot noch nicht aber auf seinem rückzug vom schlachtfeld des krieges den er begonnen hat spielt er verbrannte erde mit meinem leben

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"Ich bin leicht zu verführen. Da muss nur ein fremder Mann herkommen, mir eine Eiskugel kaufen und schon liebe ich ihn, da bin ich recht naiv. " (c) by Hubi
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Ruthi
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Alter: 31
Beiträge: 274



BeitragVerfasst am: 01.02.2010 18:13    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Unbekannte/r,
Ich fand den Text sehr gut! Flüssig zu lesen, sehr gefühlvoll und mit originellen Bildern gestaltet (z.B: man schiebt ihn weg wie man Felsen wegschiebt)
Nur einen Satz fand ich komisch:
Zitat:
Noch vor wenigen Stunden hat er seinen Sohn gefragt, ob er endlich nach Hause könne und der Sohn hat genickt und die Tränen verborgen hinter den Lidern.

Das hat für mich nicht ins Bild gepasst. Besser fänd ich:
"Noch vor wenigen Stunden hat der Sohn gefragt, ob er endlich nach Hause könne und der Vater hat genickt und die Tränen verborgen hinter den Lidern."
Zumindest scheint es mir glaubwürdiger, dass der Vater für seinen Sohn stark sein will, als dass der Vater recht weinerlich nach seinem Zuhause fragt und der Sohn stark ist.

Ansonsten gibt es für mich nichts an dem Text auszusetzen smile
LG Ruthi
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MT
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 47
Beiträge: 1172
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BeitragVerfasst am: 01.02.2010 18:29    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo,

vielen Dank für die sorgsame Zerstückelung.
Möchte auf Detail später eingehen.

@ Ruthi
Der "komische" Satz ist dem Umstand geschuldet, dass der Text sehr viel Autobiografisches enthällt.

Grüße

I.
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Maria
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BeitragVerfasst am: 01.02.2010 18:33    Titel: Re: Das Zimmer am Ende des Gangs Antworten mit Zitat

Schönen guten Abend.

Geiles Ende!

Mit der ersten Hälfte hab ich aber so meine Probleme. Horch:

Inkognito hat Folgendes geschrieben:


Man sagt mir Boshaftigkeit nach, Ungerechtigkeit. Doch ich bin weder das eine noch das andere.


Weder das eine noch das andere würde passen, wenn Du Adjektive benutzt: boshaft und ungerecht.
ich bin weder boshaft noch ungerecht.

Oder du personifizierst die Beiden, B und U:
Man sagt mir nach ich sei die die Boshaftigkeit und die Ungerechtigkeit: ich bin wieder die eine noch die andere.

So wie es da steht, find ichs nicht rund.


Inkognito hat Folgendes geschrieben:

Was täte ich dafür, ihnen das Leid abnehmen zu können, dass DAS ich jeden Moment über sie breiten werde wie einen samtenen Schleier.



Inkognito hat Folgendes geschrieben:

Der Mann in dem Bett starrt mich an. Ärzte und Schwestern sind es angegangen wie immer, routinemäßig, haben ihn im Dunkeln gelassen. Auch die Frau und der Junge hoffen, PUNKT ?  wollen glauben an die Umkehr des Unumkehrbaren.

angegangen find ich sehr holprig und umgangssprachlich.
sie agierten... vielleicht. oder verhielten sie sich.


Inkognito hat Folgendes geschrieben:

Sie schieben meine Existenz beiseite, wie man Felsen beiseiteschiebt.

Hierüber musste ich nachdenken. Subjektiv passt das nicht für mich. Denn betreibt man wirklich aufwand, legt sich ins Zeug um den Gedanken an den Tod weg zu schieben? Jeder weiß doch, dass er unumgänglich ist. Naja, beinahe jeder. Hab es durchgespielt, für mich ist es eher ein Gedanke wie eine lästige Fliege, die man einfach wegwischt... kein Kraftaufwand. Aber nun, das handhabt wohl jeder anders. Nur meine Gedanken. Würde gerne hören, von welcher Seite du dorthin gedacht hast.


Inkognito hat Folgendes geschrieben:

Sie sollen nicht leiden, sagt der Mann zu mir und ich sage, komm, wir müssen.

Sehr geil.


Einige Stellen sehr gut, auf den Punkt genau, ohne "Geschwalle".
Manchmal ist einfach einfach einfacher und dann auch durchschlagender. Oder meistens. Bei mir jedenfalls. Comprende? lol

Ein Thema, das schon x-mal bearbeitet wurde, wurde hier mit einer guten Attitüde abgeschlossen.
Insgesamt mag ichs, vor allem aber den Schluss, die letzten 2,5 Absätze, wenn ich auch im Ganzen vielleicht eine etwas ausführlichere also längere Ausarbeitung gewünscht hätte. Sehr gern gelesen.

Gruß
Maria


_________________
Give me sweet lies, and keep your bitter truths.
Tyrion Lannister
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MT
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 47
Beiträge: 1172
Wohnort: Im Süden (Niedersachsens)


BeitragVerfasst am: 01.02.2010 19:16    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@ Maria
Vorerst nur kurz:

Zitat:
Oder du personifizierst die Beiden, B und U:
Man sagt mir nach ich sei die die Boshaftigkeit und die Ungerechtigkeit: ich bin wieder die eine noch die andere.

Sehr gut! Ist gekauft!

I.
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Enfant Terrible
Geschlecht:weiblichalte Motzbirne

Alter: 25
Beiträge: 10334
Wohnort: München


Ein Fingerhut voller Tränen - Ein Gedichtband
BeitragVerfasst am: 01.02.2010 21:25    Titel: Antworten mit Zitat

Der Text ist nicht schlecht geschrieben, man merkt sofort handwerkliches Geschick und ein solides sprachliches Niveau. Du spielst mit der Sprache und bemühst dich um einen erhabenen Ton - und gerade das hat mir den Einstieg erschwert, obwohl ich normalerweise total auf so einen Stil abfahre.

Zitat:
Man sagt mir Boshaftigkeit nach, Ungerechtigkeit. Doch ich bin weder das eine noch das andere. Mein Dasein ist einsam, ich führe das Leben eines Geächteten, verstoßen von der Welt und doch ihr unabwendbarer Bestandteil.
Allein ich bin konsequent, ich lasse nicht mit mir verhandeln. Niemals. Was ist daran boshaft, was ungerecht?
Mein Schwert ist stets geschliffen, es ist bereit, wann immer ihm befohlen wird. So wie am heutigen Tag. Ich mache mich auf den Weg.

Diese geschwollene Selbstbetrachtung hat mir den Protagonisten gleich unsympathisch gemacht, weil sie zwar passabel geschrieben ist, aber im Prinzip unnötig, nur an der Oberfläche kratzt und Klischees weckt. Da stelle ich mir sofort einen Durchschnitts-Bösewicht vor, der über seine Stellung in der Welt sinniert - und trotz des guten Stils bekommt hier die Weiterlese-Lust automatisch einen Dampfer.

Was sich danach entwickelt, ist nicht schlecht, doch ich weiß nicht, für mich kratzt diese Story doch zu sehr an der Oberfläche, als wären die geschliffenen Sätze eine Barriere zwischen Stil und Charakteren, zwischen Wort und Emotion. Ich kann es nicht wirklich ausdrücken.
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Biggi
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 855
Wohnort: BY



BeitragVerfasst am: 01.02.2010 22:08    Titel: Re: Das Zimmer am Ende des Gangs Antworten mit Zitat

Hallo Inkognita (eher als -o, schätze ich),

jetzt habe ich mir die Geschichten im Palliativzimmer [mühsam; Anm.d.Red.] aus dem Kopf geschlagen und was passiert? Ich lese sie wieder überall, so auch bei Dir wink.

Maria hat die sprachlichen Stolperstellen schon angesprochen. Eine hab ich noch, die ich der Chef-Zerfieslerin wegschnappe: "ich lächle", ohne e dazwischen.

Die Eigenschaften, mit denen der Tod sich vorstellt, klingen für mich nicht unbedingt logisch aneinander gereiht. Eher ein bisschen: was fällt mir denn jetzt noch ein, wie ich sein könnte...

Das Bild vom Schwert finde ich etwas missglückt, weil es danach nicht wieder auftaucht. Wozu ist es da? Durchtrennt es den dünn gewordenen Lebensfaden? Dann würde ich ein feineres Werkzeug wählen. Mit Schwert assoziiere ich "Kopf ab"... (aber vermutlich hab ich in früher Jugend nur zuviel Duncan McLeod gesehen).

Der Protagonist kommt mir auch ein bisschen wie der Weihnachtsmann vor, nur dass er das ganze Jahr allein die Arbeit macht und keine Helfer hat und dabei nicht einmal beliebt ist... Frage: Bist du wirklich dieser Ansicht? Hier wäre mir ganz persönlich eine Differenzierung wichtig. Erstens: aus Sicht derer, die bleiben. Zweitens: aus Sicht derer, die er an der Hand nehmen will.

Zur Beschreibung von Mutter und Sohn: Du stellst es dar, als würde ein Mensch, der am Bett eines Sterbenden weint, nicht leiden.
Leid als samtener Schleier, der noch kommen wird, wirkt bei mir als Bild leider nicht. Vielleicht eher: der Schleier (den sie schon tragen) wird jetzt gleich noch dichter werden, ihnen den Blick für ... nehmen. Diese Stelle ist in meinen Augen sehr ausbaufähig.

Zitat:
Sie schieben meine Existenz beiseite, wie man Felsen beiseiteschiebt.

Wer schiebt Felsen beiseite? Also geht es nicht. Trotzdem muss ich erst meine Logikbox anwerfen. Etwas vorsichtiger? Vor allem schiebe ich keine Existenz beiseite, sondern den Gedanken an diese Existenz, um bei dem Bild zu bleiben.
Sie würden mich gern beiseite schieben. Aber es wird ihnen genauso gelingen, wie sie Felsen beiseite schieben.
Zitat:
Ich habe einen Krater in ihr Leben gerissen, eine Leere, die sie riechen werden an seiner Wäsche und die sie sehen werden am einsamen Sessel in der Stube.

Damit, dass ich Leere riechen soll, kann ich leider nichts anfangen. Das ist mir zu sehr um die Ecke.

Ich teile die Ansicht meiner Vorredner, dass sich dieser Text durchaus noch länger anlegen ließe.
An sich ist er schon recht solide, nur an manchen Stellen für mich noch etwas unlogisch, was Grund und Schlussfolgerung angeht.
Mir persönlich vermittelt er zu wenig Gefühle, um die sich der Herr Tod ja offensichtlich große Sorgen macht. Zumindest, was seine eigenen angeht.

Gruß,
Biggi
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MT
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 47
Beiträge: 1172
Wohnort: Im Süden (Niedersachsens)


BeitragVerfasst am: 02.02.2010 09:32    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe Biggi,

auch Dir zunächst herzlichen Dank.

Eines schon Mal vorab: Wieso kommst Du auf Inkognita?

Gruß

I.
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gepuzzelt
Schreiberling


Beiträge: 297
Wohnort: Australien


BeitragVerfasst am: 02.02.2010 12:55    Titel: Antworten mit Zitat

Der Protagonist, so scheint's ist der personifizierte Gevatter Tod, der nur seinem Tagwerk nachgeht.
 
Dieser Satz irritiert mich allerdings:
Zitat:
Mein Schwert ist stets geschliffen, es ist bereit, wann immer ihm befohlen wird
.
und darin besonders die passivische Konstruktion "befohlen wird". Da stellt sich die Frage, nach dem Aktanten. Wer ist es, der befiehlt, der Tod oder gar eine göttliche Macht? Letzteres kann ich so gar nicht als Autorenintention glauben, halte daher den Passiv für überdenkenswürdig.


Zitat:
Wo liegt meine Schuld? Ich trage keine Schuld bei mir.


Diese zwei Sätze wirken ein bisschen unbeholfen.
Müsste es nicht heißen: Worin liegt meine Schuld?
Und auch der zweite Satz wirkt fast ein bisschen naiv, als trage man eine Schuld wie ein Kleidungsstück oder eine Tasche bei sich.

Zitat:
Die Menschen verfluchen mich, das bin ich gewohnt. Sie brauchen Erklärungen, brauchen Wege der Flucht, einen See voll mit Hoffnung.

Die Metapher des "Sees voller Hoffnung" finde ich ein bisschen unglücklich gewählt.

Zitat:
Das verstehe ich, ich erlebe es im Sekundentakt. Auf Gottes weitem Erdball bin ich unterwegs und habe alles schon erlebt. Alles.


Hier kommt nun tatsächlich ein christliches Weltbild ins Spiel, etwas, was ich mir ein bisschen offener gewünscht hätte. Außerdem kommt mir die Phrase "Gottes weitem Erdball" ein bisschen seltsam vor aus dem Mund des Todes.

Zitat:
Ich trete ein in das Zimmer, sie stehen am Krankenbett, die Frau und ihr Sohn. Ihre Augen haben lange geweint, rot und nass und klein sind sie. Was täte ich dafür, ihnen das Leid abnehmen zu können, dass ich jeden Moment über sie breiten werde wie einen samtenen Schleier.


Die Häufung des Personalpronomens "sie" halte ich hier für problematisch, zumal sich das Pronomen einmal auf die Personen, beim anderen Mal auf die Augen beziehen. Auch dass "Augen weinen" und nicht Personen, finde ich seltsam. Tränen treten aus den Augen aus, aber das Weinen selbst ist etwas, das sich aus Trauer oder auch Freude heraus aus dem Innern ergibt.
Außerdem solltest du dem "dass" ein "s" wegnehmen, da es sich hier um einen Relativsatz handelt.

Zitat:
Der Mann in dem Bett starrt mich an. Ärzte und Schwestern sind es angegangen wie immer, routinemäßig, haben ihn im Dunkeln gelassen. Sie haben Hoffnung vermittelt, ganz professoinell, bis zuletzt. Auch die Frau und der Junge hoffen, wollen glauben an die Umkehr des Unumkehrbaren. Sie schieben meine Existenz beiseite, wie man Felsen beiseiteschiebt. Sie wissen nichts von meiner Verabredung mit ihm. Noch vor wenigen Stunden hat er seinen Sohn gefragt, ob er endlich nach Hause könne und der Sohn hat genickt und die Tränen verborgen hinter den Lidern.


Die Wortwahl hier ist nicht ganz klar. Wenn er eine "Verabredung" mit dem Sterbenden hat, dann hätte er doch von seinem baldigen Tod wissen müssen, oder nicht? Oder seh ich das ein bisschen kleinkariert?
Zu dem "beiseite" und "schieben" würde ich voneinander trennen.

Zitat:
Langsam lege ich eine Hand auf die Augen des Mannes, ich lächele ihn an
.

Wie Biggi schon sagte, weg mit dem "e".

Zitat:
Ich habe einen Krater in ihr Leben gerissen, eine Leere, die sie riechen werden an seiner Wäsche und die sie sehen werden am einsamen Sessel in der Stube.


Das halte ich für ein recht gelungenes Bild, obwohl ein Krater vielleicht eher geschlagen wird, als gerissen.

Ich hoffe mit den Bemerkungen lässt sich 'was anfangen.
Bis die Tage,
puzz
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MT
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BeitragVerfasst am: 02.02.2010 14:44    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ihr Lieben,

Vorhang auf: MT war´s (hat Spaß gemacht, so geheimnisvoll).

Vielen, vielen Dank für die tollen Kommentare. Sie waren ausnahmslos sehr hilfreich und - wie ich finde - auf hohem Niveau.

Der Text war ein völliges Neuland für mich, daher freut es mich umso mehr, wenn er zumindest teilweise recht gut angekommen ist. Die Idee dazu kam spontan und ebenso spontan ist er aufgeschrieben worden. Dafür sind Eure Anmerkungen aus meiner Sicht erfreulich positiv ausgefallen. Im Einzelnen

@ lupus

Ich habe Deine Anmerkungen weitgehend beherzigt und in eine Überarbeitung eingebunden. Zwar ist diese nicht wesentlich länger. Doch möchte ich bewusst möglichst kurz bleiben. Ich poste den Text in Kürze. Bin gespannt auf Deine Meinung.

@ Ruthi

Danke für deinen Kommentar. Ich hatte bereits geschrieben: Der "komische" Satz ist dem Umstand geschuldet, dass der Text sehr viel Autobiografisches enthällt.

@ Maria

Zitat:
Geiles Ende!

Danke!

Den ersten Satz habe ich korrigiert, mich dabei aber - siehe Anm. lupus - nun doch an die Adjektivierung gehalten.

"Angegangen" ist sehr holprig, stimmt, wurde geändert.

Natürlich kann man Felsen nicht beiseite schieben. Darauf wollte ich hinaus. Die Formulierung habe ich nur um "den Gedanken an meine Existenz" ergänzt. Ansonsten würde ich es gern so lassen.

@ ET

Zitat:
Diese geschwollene Selbstbetrachtung hat mir den Protagonisten gleich unsympathisch gemacht

So sollte das sein. Der Tod ist nie symphatisch.

Zitat:
für mich kratzt diese Story doch zu sehr an der Oberfläche, als wären die geschliffenen Sätze eine Barriere zwischen Stil und Charakteren, zwischen Wort und Emotion. Ich kann es nicht wirklich ausdrücken.

Vielleicht liegt Dir die Überarbeitung (kommt heute noch) etwas mehr. Bin gespannt auf Deine Meinung.

@ Biggi

Das Schwert ist wohl nicht das richtige Werkzeug in diesem Zusammenhang. Was hältst Du von "Degen"? In der Überarbeitung kommt der dann auch noch zum "Einsatz".

Zitat:
Der Protagonist kommt mir auch ein bisschen wie der Weihnachtsmann vor, nur dass er das ganze Jahr allein die Arbeit macht und keine Helfer hat und dabei nicht einmal beliebt ist... Frage: Bist du wirklich dieser Ansicht? Hier wäre mir ganz persönlich eine Differenzierung wichtig. Erstens: aus Sicht derer, die bleiben. Zweitens: aus Sicht derer, die er an der Hand nehmen will.

Da sprichst Du eine grundlegende Frage an. Natürlich kommt es auf die Sicht des Einzelnen an. Für wen ist der Tod schlimmer - für den Sterbenden oder für die Hinterbliebenen? Ich saß am Bett meines Vaters, bis zuletzt. So sehr ich mir (um meiner selbst willen) gewünscht hätte, er möge nicht sterben, so sehr habe ich zuletzt den Tod um meines Vaters willen herbeigesehnt als eine Erlösung für ihn. Ein Moment, mit dem jeder idividuell umgeht. Meine Mutter gab tausend Dingen die Schuld am Tod meines Vaters, selbst lange nach seinem Versterben. Ich habe zuletzt (als alles unumkehrbar war) gehofft, es möge schnell und ohne Schmerzen gehen; niemandem gab ich die Schuld. Die Überarbeitung geht darauf näher ein.

Zitat:
Damit, dass ich Leere riechen soll, kann ich leider nichts anfangen. Das ist mir zu sehr um die Ecke.

Wenn Du aus dem Sterbezimmer nach Hause kommst und deine Mutter siehst, wie sie ihren Kopf in Kleidungsstücken des Mannes versenkt, wirst Du vielleicht erkennen/nachfühlen können, was ich meine. Ich finde das Bild sehr passend.

@ puzz

Ich glaube, aus den obigen Ausführungen habe ich auch Deine Anmerkungen weitgehend "bearbeitet".
Den "See voll mit Hoffnung" mag ich irgendwie als Bild; würde ich gern beibehalten.

Zitat:
Ich hoffe mit den Bemerkungen lässt sich 'was anfangen.


Na sicher das. Merci!

Danke nochmals (überarbeitete Fassung kommt sogleich).

Euer

MT
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BeitragVerfasst am: 02.02.2010 14:46    Titel: Das Zimmer am Ende des Gangs pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier nun die Überarbeitung:

Das Zimmer am Ende des Gangs

Man sagt mir nach, ich sei boshaft und ungerecht. Doch ich bin weder das eine noch das andere. Mein Dasein ist einsam, ich führe das Leben eines Geächteten, verstoßen von der Welt und doch ihr unabwendbarer Bestandteil.
Allein, ich bin konsequent, ich lasse nicht mit mir verhandeln. Hat man mich gerufen, kehre ich nicht um. Was ist daran boshaft, was ungerecht? Mein Degen ist geschärft, er ist bereit, wann immer ihm befohlen wird. So wie am heutigen Tag. Ich mache mich auf.

Der Mann, der mich sogleich empfangen wird, er hat einen steinigen Weg hinter sich, eine Berg- und Talfahrt zwischen Wunsch und Wahrheit. Viele Tränen hat er geweint und hat sie immer wieder bekämpft mit seinem Lachen. Die goldene Waage hat er genommen, wenn ihm die Worte missverständlich waren, die Worte der Ärzte. Und das Pendel in seinem Herzen, es schlug aus, mal zum Licht, mal in die Dunkelheit. Wach gelegen hat er in der Finsternis des kahlen Zimmers, allein mit seinem Sehnen, allein mit seiner Angst, die in ihm fraß wie der Tumor. Und die Uhr an der Wand schlug weiter, Stunde um Stunde, Nacht für Nacht.

Wo liegt meine Schuld? Ich trage keine Schuld bei mir. Die Menschen verfluchen mich, damit muss ich leben. Sie brauchen Erklärungen, brauchen Wege zur Flucht, einen See voll mit Hoffnung. Das verstehe ich. Aber denken sie auch an ihn, an den Menschen, dem sie ihre Tränen widmen?

Ich trete ein in das Zimmer, sie stehen am Krankenbett, die Frau und ihr Sohn. Ihre Augen haben lange geweint, rot und nass und klein sind sie. Was täte ich dafür, ihnen den Schmerz zu nehmen, den ich jeden Moment mehren und über sie breiten werde wie Schnee sich breitet über das weite Land.

Der Mann im Bett sieht mich an. Ärzte und Schwestern haben gehandelt wie immer, routinemäßig, haben ihn stehen lassen in einem Nebel aus Möglichkeiten. Sie haben Hoffnung vermittelt, ganz professionell, bis zuletzt. Doch nun weiß er, dass die Zeit gekommen ist, ruhig nickt er mir zu. Die Frau und der Junge halten ihn ganz fest jetzt, sie wollen glauben an die Umkehr des Unumkehrbaren und schieben den Gedanken an meine Existenz beiseite, wie man Felsen beiseiteschiebt. Wissen sie denn wirklich nicht von meiner Verabredung mit ihm.

Noch vor wenigen Stunden hat er seinen Sohn gefragt, wann er heim könne und der Sohn hat gesagt, bald Vater, schon bald, und hat die Tränen unterdrückt hinter den Lidern. Sie hatten noch so viel vor zusammen, so viele Pläne, so viele Wünsche. Die Hochzeit des Sohnes, sie wird ohne den Vater stattfinden. Und nie mehr wird die Frau das kleine Gasthaus besuchen, das Gasthaus in den Bergen, wo er ihr den Ring gab und das Versprechen, ihr auf ewig verbunden zu sein.

Ich lege eine Hand auf die Augen des Mannes, ich lächle ihn an. Brauchst keine Angst zu haben, sage ich zu ihm, und schon wird seine Atmung flacher. Wie zufrieden er wirkt, als werde ihm Schlaf gegeben, den er herbeigesehnt hat. Ich spüre das Blut in seinen Adern, es verlangsamt seinen Strom, wie ein Fluss, dessen Quell allmählich versiegt. Behutsam ziehe ich meinen Degen, durchtrenne einen seidenen Faden und streichle die kalte Stirn dabei.

Immer fester umklammert die Frau die Hand des Mannes, der Junge umarmt seine Mutter. Ihre beiden Körper zittern vor der Kälte des Augenblicks. Ich habe einen Krater in ihr Leben gerissen, eine Leere, die sie riechen werden an seiner Wäsche und die sie sehen werden an dem einsamen Sessel in der Stube. Nein, nein, flüstert sie immer wieder, geh nicht, bitte. Sie küsst seine grauen Wangen, küsst seine Augen. Bleib bei mir, sagt sie. Ich kann ihren Wunsch nicht erfüllen.

Sie sollen nicht leiden, sagt der Mann und ich sage, komm, wir müssen.
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BeitragVerfasst am: 02.02.2010 23:59    Titel: Antworten mit Zitat

Mir gefiel gerade die doch sehr nüchterne und emotionslose Darstellung der Gedankengebäude des Todes in der ersten Version, die die Gefühle des Sterbenden und der Sterbebegleiter nur andeuteten.
So ist mir dein Text viel zu emotional, trändendrüsig und auch klischeehaft geworden.
Also mir gefällt die erste Version deutlich besser, obwohl die auch noch einer Überarbeitung bedarf, klar.

Puzz
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BeitragVerfasst am: 03.02.2010 11:29    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Na, puzz,

wie man´s macht...

Mir liegt die Überarbeitung mehr, weil ich selbst sehr nah an dem Inhalt dran bin.

LG
MT
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gepuzzelt
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BeitragVerfasst am: 03.02.2010 13:45    Titel: Antworten mit Zitat

Sicher, letztlich musst du mit deinem Text zufrieden sein. Wär interessant noch eine Rückmeldung von den anderen KritikerInnen zu bekommen.
Neugierig wartend
puzz
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Biggi
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BeitragVerfasst am: 03.02.2010 14:28    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo MT,

ich sehe es schon auch so, dass die beiden Texte eine unterschiedliche Stimmung vermitteln. Im ersten Fall steht der Tod personifiziert im Fokus, in der Überarbeitung hingegen die Familie, denen er den Mann entwinden wird.

Die Linie des ersten Textes hätte sich auch fortführen lassen, ohne mehr Gefühl hineinzubringen. Dann wären die Menschen im Hintergrund geblieben, der Tod hätte mehr interpretiert und verglichen, was er sonst mit anderen erlebt.

Persönlich finde ich die Überarbeitung überzeugender, weil authentischer und das kommt - wie Du ja selbst sagst - nicht von ungefähr. Hier spüre ich, dass Du Deine Emotionen nicht zurücknimmst.
Wenn einem danach ist bei diesem Thema, darf das durchaus so sein.

Mir haben beide Versionen gefallen. Jede auf ihre Art.

Gruß,
Biggi
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MT
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BeitragVerfasst am: 03.02.2010 20:14    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@ puzz

Da sprichst Du wahre Worte - würde mich auch interessieren, was die anderen sagen...

@ biggi

Herzlichen Dank. Ich sehe, der Text hat viele Möglichkeiten, ihn anzugehen/auszubauen - ich bin noch nicht sicher, was ich mache. Alelrdings gefällt mir die zweite Version auch besser; ist ist für mich authentischer.

LG

MT
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MT
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BeitragVerfasst am: 04.03.2010 10:40    Titel: Das Zimmer am Ende des Gangs (überarbeitet) pdf-Datei Antworten mit Zitat

Moin zusammen,

nach ein wenig Abstinenz melde ich mich mit der Überarbeitung meines "Zimmers" zurück. Wäre toll, wenn ihr noch mal drüberschauen und eine Meinung abgeben könntet.

Zur Audioversion: *klick*


Das Zimmer am Ende des Gangs

Man sagt mir nach, ich sei boshaft, sei ungerecht. Doch weder bin ich das eine noch das andere. Mein Dasein ist einsam, ich führe das Leben eines Geächteten, verstoßen von der Welt und doch ihr unabwendbarer Bestandteil.
Allein, ich bin konsequent, ich lasse nicht mit mir verhandeln. Hat man mich gerufen, kehre ich nicht um. Was ist daran boshaft, was ungerecht? Mein Degen ist geschärft, er ist bereit, wann immer ihm befohlen wird. So wie am heutigen Tag. Ich mache mich auf.

Der Mann, der mich empfangen wird, er hat einen steinigen Weg hinter sich, ein Auf und Ab zwischen Wunsch und Wahrheit, Verzweiflung und Zuversicht. Viele Tränen hat er geweint und hat sie bekämpft mit seinem Lachen. Die goldene Waage hat er genommen, wenn ihm die Worte missverständlich waren, die Worte der Ärzte. Und das Pendel in seinem Herzen, es schlug aus, mal zum Licht, mal in die Dunkelheit. Wach gelegen hat er in der Finsternis des kahlen Zimmers, allein mit seinem Sehnen, allein mit seiner Angst, die in ihm fraß wie der Tumor. Und die Uhr an der Wand schlug weiter, Stunde um Stunde, Nacht für Nacht.

Wo liegt meine Schuld? Ich trage keine Schuld bei mir. Die Menschen verfluchen mich, damit muss ich leben. Sie brauchen Erklärungen, brauchen Wege der Flucht, deren Ziel Hoffnung heißt. Das verstehe ich. Aber denken sie auch an ihn, an den Menschen, dem sie ihre Trauer widmen? Ich urteile nicht darüber, das müssen sie tun. Irgendwann.

Ich trete ein in das Zimmer, sie stehen am Krankenbett, die Frau und ihr Sohn. Ihre Augen brennen, rot und nass und klein sind sie. Was gäbe ich, könnte ich ihnen den Schmerz nehmen, den Schmerz, der in ihnen frisst wie Säure. Doch darum darf es mir nicht gehen. Denn der Mann hat sich längst auf gemacht zu meiner Herberge. Gleich werde ich ihn empfangen, werde einem müden Wanderer eine Schlafstätte bereiten. Und er, er wird die Augen schließen, wird lächeln und das saftige Grün der Wiesen atmen. Auf seinem Weg durch die Nacht wird er durch Bergseen schwimmen, und fliegen über leuchtende Gletscher. Der Mutter und ihrem Kind jedoch wird seine Reise eine Tür verschließen. Lange Zeit werden sie nicht aus dem Raum gelangen, dem Raum ohne Licht und ohne Farbe, ohne Luft – und  ohne ein einziges Geräusch.

Aus seinem Bett sieht er mich an. Ärzte und Schwestern haben gehandelt wie immer, routinemäßig, haben ihn stehen lassen im Nebel der Möglichkeiten. Hoffnung haben sie vermittelt, professionell, bis zuletzt. Doch nun weiß er, dass die Zeit gekommen ist, ruhig nickt er mir zu. Die Frau und der Junge halten ihn ganz fest, haben seine Hand umschlungen. Sie wollen glauben an die Umkehr des Unumkehrbaren. Im Grunde ihres Herzens wissen sie von meiner Verabredung mit ihm, sie stemmen sich mit aller Kraft gegen den Gedanken an meine Existenz, wollen ihn beiseiteschieben. Doch ich, ich bin ein Fels, so wie der Gedanke an mich ein Fels ist, an den die Wellen schlagen und zurück ins Meer fallen.

Die Frau hat gefragt, warum er. Sie hat wissen wollen, weshalb für ihn und die seinen solches Leid bestimmt sei. Darauf weiß ich keine Antwort. Sie hat gesagt, andere hätten es mehr verdient, wie die Mörder und die Vergewaltiger. Und wieder andere lebten stets am Limit, zerstörten mutwillig ihren Körper mit Drogen, mit Alkohol. Warum würden sie nicht heimgesucht von der Qual der letzten Stunden? Es waren die Worten einer Betroffenen, einer Ohnmächtigen, einer Liebenden.

Noch vor wenigen Stunden hat er seinen Sohn gefragt, wann er heim könne und der Sohn hat gesagt, bald Vater, bald, und hat die Tränen unterdrückt hinter den Lidern. Sie hatten noch viel vor zusammen, so viele Pläne, so viele Wünsche. Die Hochzeit des Sohnes, sie wird ohne den Vater stattfinden. Und nie mehr wird die Frau das kleine Gasthaus besuchen, das Gasthaus in den Bergen, wo er ihr den Ring gab und das Versprechen, ihr auf ewig verbunden zu sein.

Ich lege eine Hand auf die Augen des Mannes, ich lächle ihn an. Brauchst keine Angst zu haben, sage ich, und schon wird seine Atmung flacher. Wie zufrieden er wirkt, als werde ihm Schlaf gegeben, den er herbeigesehnt hat. Ich spüre das Blut in seinen Adern, es verlangsamt seinen Strom, wie ein Fluss, dessen Quell allmählich versiegt. Behutsam ziehe ich meinen Degen, durchtrenne einen seidenen Faden und streichle die kalte Stirn dabei.

Immer fester umklammert die Frau die Hand des Mannes, der Junge umarmt seine Mutter. Ihre beiden Körper zittern vor der Kälte des Augenblicks. Ich habe einen Krater in ihr Leben gerissen, eine Leere, die sie riechen werden an seiner Wäsche und die sie sehen werden an dem einsamen Sofa in der Stube. Nein, flüstert sie immer wieder, nein, geh nicht. Sie küsst seine grauen Wangen, küsst seine Augen. Bleib bei mir, sagt sie. Ich kann ihren Wunsch nicht erfüllen.

Sie sollen nicht leiden, sagt der Mann und ich sage, komm, wir müssen.


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Siegfried Lenz
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Sarili
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BeitragVerfasst am: 04.03.2010 14:04    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo MT,
ich finde deinen Text toll. Man kann sich in jede der drei Seiten hervorragend hineinversetzen und man wird berührt. (Finde ich wink)

Allerdings noch eine kleine Anmerkung:

Zitat:
Die Frau hat gefragt, warum er.


Ich finde ohne einen Doppelpunkt hinter 'gefragt' liest es sich etwas holprig, man stutzt kurz. Also eher: 'Die Frau hat gefragt: Warum er?' oder so..

lg,
Sarili
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Moonbase
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BeitragVerfasst am: 04.03.2010 14:30    Titel: Antworten mit Zitat

Eine einfühlsame Sterbeszene, eindringlich, sanft und unter Verzicht auf unnötiges verbales »Geschrei«. Ungewöhnliche »Ich«-Perspektive, schön herausgearbeitet. Für meinen Geschmack viel schöner zu lesen als so manch blutrünstiges Geschwafel. Gefällt. Gut sogar.

Ich habe den Originaltext nicht gelesen, behaupte aber, dass sich hier das Überarbeiten wirklich gelohnt hat.

EDIT: Nach dem Lesen des Originaltextes kann ich das nur bestätigen.

Dass Tod hier eine Stichwaffe, einen langen Dolch, verwendet, stört mich erstaunlicherweise (fast) nicht, obwohl man sonst eher die Sense assoziiert. Fast könnte man denken, er braucht sie sowieso nicht, er nimmt den Sterbenden ja nur mit. Man könnte auf den Degen im Text fast verzichten, scheint mir. Du selbst benutzt ihn auch nur zur Einführung des Protagonisten.

Der Verzicht auf die Anführungszeichen bei der wörtlichen Rede hat mich erst verwundert, beim zweiten Mal Lesen denke ich jedoch, es fördert die »Sanftheit« des Textes. Und ist somit in Ordnung.

Im ersten Absatz würde ich »verhandeln« gegen »handeln« ersetzen, hier gab es eine (minimale) Lesebremse bei mir.

Ein klein wenig stört mich auch die »Brücke« zwischen zwei unzusammenhängenden Dingen im Schlusssatz, ich hätte mir eine »härtere« Trennung gewünscht.

Statt

Sie sollen nicht leiden, sagt der Mann und ich sage, komm, wir müssen.

vielleicht etwas wie

Sie sollen nicht leiden, sagt der Mann.
Wir müssen gehen, sage ich.


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Moonbase: Der Problemlöser
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MT
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BeitragVerfasst am: 04.03.2010 17:32    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@ Sarili
Vielen Dank für Dein Lob. Das tut gut. Very Happy
Dich stören die fehlenden Satzzeichen (Doppelpunkt, Anführungsstriche). Moonbase hat dazu schon etwas gesagt, und genau das war meine Absicht: Ich finde, häufig wird durch die Zeichen (die oft geradezu "schulbuchmäßig" gesetzt werden und dadurch den Text unsicher wirken lassen) im Lesefluss gestört. Bin da unschlüssig und denke nach mal drüber nach.

@ Moonbase
Ja, ich glaube "verhandeln" wäre an der Stelle natürlicher. Allerdings dachte ich an den poetischen "Handel" - das Leben und der Tod, Gott und Satan...

Am Ende möchte ich gern festhalten. Da geht´s mir wie Maria: Das find ich gut so.

Danke für Deine Textarbeit.

LGMT


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Siegfried Lenz
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lupus
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BeitragVerfasst am: 05.03.2010 11:51    Titel: Antworten mit Zitat

Hi emti,

ja!

der Ursprungstext war schon gut - jetzt is er super. Tolle Arbeit.

ein Punkterl is mir noch aufgefallen:

Zitat:
Sie hatten noch viel vor zusammen, so viele Pläne, so viele Wünsche


wenn mich nicht alles täuscht, müßte es

Sie hatten noch viel vor gehabt zusammen, so viele Pläne, so viele Wünsche

heißen. klingt jetzt ein bisserl ungut, zeitenfolgemäßig wär's aber glaub ich korrekt.

Anyways, Chapeau

lgl


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lg Wolfgang

gott ist nicht tot noch nicht aber auf seinem rückzug vom schlachtfeld des krieges den er begonnen hat spielt er verbrannte erde mit meinem leben

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