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Dieses Werk wurde für den kleinen Literaten nominiert Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Es überlebten (Zyklus der Gequälten)


 

 
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Enfant Terrible
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Ein Fingerhut voller Tränen - Ein Gedichtband
BeitragVerfasst am: 17.12.2009 20:39    Titel: Es überlebten (Zyklus der Gequälten) eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

I.
Ein gefluteter Kerker
voller Stimmen aus Rost,
der Schlüssel knebelt.

In Schuld versinken
Leiber und Herzen; nur Köpfe,
aus Gittern gelesene Monde,
schweben empor und stoßen an Wände,
schweben und schrecken
die Wärter, die ihnen ähnlicher werden
bis zum Wachtwechsel.

II.
Der Züchter ist fort, der Erfinder.
Ihm folgte der Blitz nach als Forscher,
und was nicht gespalten, schweißt er.
 
Es überlebten im Davonschleppen
Tiere, die blöken wie Menschen im Schmerz.
Sie flohen auf Beinen aus Zirkeln
mit den Spitzen liebender Worte.
Sie schleppten ihre Herzen in Gläsern.
Sie häuteten sich.

In Verseuchung erhielten Augengewächse
ihre Art fort mit Ranken am Pfad,
der zum Labor führte.
Aus jungem Gehölz sprossen Blicke,
die heimleuchten, irrleuchten
in beflecktes Dickicht.

III.
Am Feldrand bezeugt jede fliehende Krähe:
Ich habe sie wandeln gesehen.

Sie, mit steif ausgeworfenen Armen,
sie quetschen Würmer in Stockfingern,
ihr einziges Wundmal ein Astloch,
das zeigen sie jedem Blinden,
der ihnen begegnet und zwingen ihn
Male zu lesen von dem Papier,
das in Fetzen ihre Leiber umweht.

Nach der Predigt an Pflüge
lassen sie Sägemehl regnen
wie Manna.
Sie wissen nur Blut zu verwandeln.

Sie zu berühren
kommt der Herbst als einziger Glaubender.

IV.
Auf dem Dach: die vergaßen,
wie selten Erdbewohner den Kopf erheben.
Ihre Klagen rieselten auf die Schindeln,
und hingen als Eiszapfen zur Erde.
Ein Kind brach sie ab und spielte damit,
doch sie fanden darin keinen Trost.
Sie sind längst gestürzt, denn ihr Haar,
ihr ergrautes, bot niemandem Nest.

V.
Wenn das Klirren verstummt,
hört man sie beim Graben.
Ihre Last ward zu Kugeln gegossen,
die Kette, die sie schwenkt,
singen sie dazu.
Im Wühlen bauen sie
unbetretene Korridore zu Städten,
sie scharren den Untergrund an die Luft,
so entsteht das Frieren.



_________________
"...und ich bringe dir das Feuer
um die Dunkelheit zu sehen"
ASP

Geschmacksverwirrte über meine Schreibe:
"Schreib nie mehr sowas. Ich bitte dich darum." © Eddie
"Deine Sprache ist so saftig, fast möchte man reinbeißen." © Hallogallo
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Alogius
Geschlecht:männlichKinnbeber

Alter: 42
Beiträge: 3643

Die Goldene Bushaltestelle Goldene Feder Prosa (Anzahl: 2)


Vom Verschwinden der Muse
BeitragVerfasst am: 19.12.2009 21:17    Titel: Antworten mit Zitat

Moin, Madame Metaphora,

jetzt geht es aber los. Da hast Du aber verdammt nochmal heftig zugeschlagen. Ich gehe mal davon aus, dass es einige Kollegen hier gibt, die da eine Menge zu schweigen haben - ich mach mal den anderen Anfang und schreibe, was mir einfällt.
Vorab: Ich finde diesen Zyklus extrem gut.
Inhaltlich scheint es kaum direkte Verknüpfungen zu geben. Ich habe das in aller Bescheidenheit geprüft und komme zu dem Ergebnis, dass das auch so gewünscht ist.

Zum Text also:

Der Zyklus ist nicht inhaltlich, sondern thematisch und assoziativ verbunden. In allen Fällen geht es um eine Form des Gefangenseins in sich oder durch äußere Strukturen und Gegebenheiten erzwungen. Dabei liegt das Augenmerk konkret in der titelgebenden Qual, die wohl nachweislich allen Teilen des Zyklus gegeben ist.
Ein extremes Maß an Metaphern sorgt für eine gewisse Sperre beim Lesen, die aber nicht negativ zu sehen ist. Vielmehr transportiert diese Metaphernwucht eine expressionistische Wut, die auf und auch zwischen den Zeilen liegt. Endzeitstimmung, Verlorensein, Schmerz und Düsternis finden fast in jedem Bild ihre Entsprechungen. Die Betrachtung der Qual ist eine Betrachtung menschlicher Befindlichkeiten, die allesamt auf einer Skala ins Negative fallen - unaufhaltsam.
Man muss den Text fast rein assoziativ lesen, um den Zusammenhang zu sichern, denn wie auch die "Protagonisten" verloren sind, kann auch der Leser im Text versinken, eingesperrt werden und zu keinem Ergebnis kommen. Das betrachte ich hier als gewollt und damit eine gelungene Art, diese Betrachtung in ihrer Wucht tragbar zu machen.

Zu den einzelnen Stücken:

zu I:
Fast körperlos in der Qual und Furcht scheinen hier die Gefangenen wie auch die Wächter sich anzugleichen. Es gibt keinen Unterschied im Kerker des menschlichen Zusammenseins. Die Schuld ist eine kollektive, weil sie alle im Gefängnis Welt betrifft.
"Wachtwechsel" ist ein viel hübscheres Wort mit dem "t" darin. Sehr schön.
Übrigens der deutlichste und einfachste Teil.
Es steigert sich dann.

Zu II:
Nicht inhaltlich (!), aber thematisch (!!!) geht es weiter. Ich lese eine Art Weltverseuchung nach dem Weltenende, das natürlich nur ein Aufschub ist, weil das Leben, pervertiert ins Absurde, noch besteht. Nach dem Ende bleibt die Veränderung - erneut: gefangen.
(Theologisch könnte man den "Züchter" auch als "Gott" lesen, aber das scheint mir zu weit gehend. Bitte, wenn doch, um Korrektur.)

Zu III:
Jetzt scheint es die Natur (Pflanzen) selbst zu sein, die in den Themenkreis geworfen wird, mit aller Wucht. Alles ist ins Groteske verkehrt, die Bäume wandeln auf der Welt, aber letztlich werden sie in ihr vorbestimmtes Schicksal (durch Menschen, die nicht konkret genannt werden) gedrängt (sie werden Papier). Manchen ist es vergönnt, im natürlichen Lauf zu verweilen (der Herbst).
Zum Papier: Interessant, weil metaphysisch gesehen (oder außerhalb des Textes, sozusagen) steht der Text auf "Papier". Es ist seine Bestimmung. Man könnte sagen, hier schreibt der Zyklus über den Zyklus.

Zu IV:
Sind es nun die Selbstmörder, die nicht die Gelegenheit bekommen, ihren Wunsch auch in die Tat umzusetzen?
Ich denke schon.
Die Menschen scheren sich nicht um den jeweils anderen. Selbst jetzt, in größter Not, gibt es nicht nur keinen, der sie aufhalten wollte. Es ist sogar noch schlimmer: Sie stürzen, ohne tatsächlich zu stürzen - weil niemand da ist, der sie wahrnimmt.
Alles ist vorbei. Knapp gesagt. Es gibt keinen Trost und keine Achtung, im buchstäblichen Sinne.

Zu V:
Für mich der schwierigste Teil. Zweifellos entstehen spontane Gedanken. Aber sind es die "richtigen" Gedanken? Kann es ein richtig oder falsch geben in einem Text, der praktisch das gesamte Dasein einem harten Urteil unterjocht: dem des Zweifel(n)s?
Gehen die Menschen nun erst ans Werk und bauen ihre Kerker, in denen sie schon lange leben?
Oder geht es um die Toten, die genau diese Kerker (Gräber) verlassen?
Der finale Punkt des Zyklus ist zugleich seine Entsprechung:
Wo eine Assoziation ausreichte, eine annähernde Deutung zu finden, ist es jetzt kaum noch möglich.
Es entsteht wahrlich ein Frösteln, wenn man das bedenkt...

Fazit:

Ein ausnehmend gutes Gedicht. Auf jeden Fall, niemand wird das Gegenteil behaupten können, bilderreich und dabei nicht leer. Es mag manchen Lesern überzogen erscheinen, aber ich muss sagen, dass ich diesen Text für sehr gelungen halte.
Die Bilder hallen lange, sehr lange nach und erzeugen, auch in Betrachtung des Themas, eine wohlige Beklemmung, die ganz bestimmt vergleichbar sein dürfte mit dem Frost tief in der Erde, worin unbekannte Gesellen in letzten Stück wühlen und graben.

Sehr gern gelesen und bedacht,

Tom


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Aus einem Traum:
Entsetzter Gartenzwerg: Es gibt immer noch ein nullteres Fußballfeld. Wir werden viele Evolutionen verpassen.
Busfahrer: Tröste dich. Mit etwas Glück sehen wir den Tentakel des Yankeespielers, wie er den Ereignishorizont des Schwarzen Loches verlässt.
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Jocelyn
Bernsteinzimmer

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BeitragVerfasst am: 20.12.2009 07:44    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Enfant,

ich lese hier eine Entwicklung der Qual, von der Kindheit bis zum Tod.
Steckt sie so drin?

1. Qual der Kindheit (bis zum Wachtwechsel vom Wächter geknebelt)
2. Qual der jungen Erwachsenen (der Züchter ist fort)
3. Qual der Erwachsenen (schreibend?...zwingen ihn Male zu lesen)
4. Qual der Alten (gestürzt, denn ihr Haar, ihr ergrautes)
5. Qual der Toten (sie scharren den Untergrund an die Luft)

Die Düsternis ist bedrückend.
Deshalb kann ich nur sagen:
Nicht gerne gelesen, aber gut gemacht.

Schönen 4. Advent, Jocelyn


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If you dig it, do it. If you really dig it, do it twice.
(Jim Croce)

Die beständigen Dinge vergeuden sich nicht, sie brauchen nichts als eine einzige, ewig gleiche Beziehung zur Welt.
(Aus: Atemschaukel von Herta Müller, Carl Hanser Verlag, München 2009, Seite 198)

"Si Dieu n'existait pas, il faudrait l'inventer."
(Voltaire)
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EdgarAllanPoe
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Die Tauben
BeitragVerfasst am: 23.12.2009 11:12    Titel: Antworten mit Zitat

Alogius hat recht, da hast du eine wahre Wucht an Metaphern und Assoziationen erschaffen. Da ist eine normale kategorische Deutung kaum möglich, das funktioniert in meinen Augen nur über Assoziationen, also verschüttete "Erinnerungen", die durch das Gedicht zum Auftauchen animiert werden.
Ob der erwähnten Wucht möchte ich mir jeden Teil zunächst einzeln vorknöpfen und dann versuchen, ein Fazit zu formulieren, sofern mir das möglich ist.

Erster Teil:

Zitat:
Ein gefluteter Kerker
voller Stimmen aus Rost,
der Schlüssel knebelt.


Hier reihen sich gleich mehrere Metaphern aneinander, die einer umfassenden Deutung unterzogen werden müssen, wobei für mich der "Kerker" das klarste dieser bildreichen Worte ist. Dieser ist nämlich das gängige Bild für Unfreiheit (ersatzweise durch "Gefängnis" verdeutlicht), der das Eingesperrtsein eines - in diesem Fall: mehreren bis vielen - Menschen verdeutlicht. Die "Flutung" dieses - wohl sehr wahrscheinlich unterirdisch gelagerten - Ortes ist dann noch einmal eine zusätzliche Verstärkung der Unfreiheit und der Beklemmung, die eine wahre Qual auf den Gefesselten ausübt. Die Tatsache, dass sich der "Kerker" unten befindet, verdeutlicht dann auch den Aspekt, dass die Gefangenen für "die da oben" nichts wert sind. Das heißt, man setzt sie mutwillig diesen Qualen aus, die sie erdulden müssen. Derweil sind natürlich auch die Reaktionen dieser Menschen zu beachten. Mit "(...) voller Stimmen aus Rost" verdeutlichst du auf beklemmende, aber eindringliche Weise die Heiserkeit der Gefangenen, die sich vor Qual ihre Stimmbänder wund geschrien haben. Im Gegensatz zu ihren Wärtern und gegebenfalls deren "Königen" verlangen sie nach Freiheit und äußern damit einen Wunsch, ihr Leben als Individuum gestalten zu dürfen. Doch diesem Drang müssen sie sich enthalten, jedenfalls, wenn es nach ihren "Wächtern" geht. Die Erwähnung eines einzigen Schlüssels übt hier eine besondere Intensität aus, jedenfalls für mich als Leser. Dies bringt mir die Macht eines einzigen kleinen Instruments über mehrere bis viele Menschen näher. Das Herumdrehen des Schlüssels ist hier gleichzusetzen mit einem Knebel, den der Wachhabende einem äußerst wehrhaften Häftling in den Mund steckt - eine sehr wirksame Maßnahme, um jegliche Rebellion zu verhindern. Der "Schlüssel" hindert die Gefangenen also noch mehr daran, ihren Wunsch nach Freiheit auszudrücken, als der "Kerker" es ohnehin schon tut. Somit verbindet sich hier wieder die Metapher des "Rost[s]" für die Heiserkeit mit der Unfreiheit. Das, was ich aus diesen Zeilen folglich ableiten kann, ist Folgendes: Kämpf nicht gegen die Unfreiheit an. Es bringt nichts.
Eine sehr düstere Vorstellung.

Zitat:
In Schuld versinken
Leiber und Herzen; nur Köpfe,
aus Gittern gelesene Monde,
schweben empor und stoßen an Wände,
schweben und schrecken
die Wärter, die ihnen ähnlicher werden
bis zum Wachtwechsel.


Im Laufe der Zeit fragen sich die Gefangenen zwangsläufig nach ihrer eigenen Schuld an ihrem Schicksal, sie müssen sich in ihrer Isolation damit auseinandersetzen, um mit ihr fertig zu werden. Sie erreicht alle Bereiche ihres Körpers. Über die Blutbahn des Leibs wird sie transportiert, das Denken und die Sinne von ihr blockiert ("Leiber und Herzen [...]"). Doch in ihrer eigenen Schuldfrage versunken, wollen sie immer noch an die Freiheit gelangen; von der langen Dunkelheit ausgebleicht, erinnern ihre Gesichter an "Monde". In ihren verzweifelten, in keine bestimmte Richtung gerichteten Bewegungen drückt sich eine Perspektivlosigkeit aus, die der stoischen, von der Natur vorgegebenen Laufbahn des
"Mond[s]" widerspricht. Sie sind ein lachhaftes Abbild des "Mond[es]". Ihre Gesichter werden immer bleicher wegen der nicht erfahrenen Helligkeit, sie erschrecken in ihrer Kargheit und der Blässe die Wächter, die sich langsam mit dem Schicksal ihrer Gefangenen identifizieren - der Schrei nach Freiheit überträgt sich auch auf die eigentlich machtvollen Personen, die doch eigentlich ihr Individuum frei entfalten können und dürfen. Jedoch verschwindet dieser wieder, sobald sie den "Kerker" verlassen. Dann sind sie wieder so, wie sie im wirklichen Leben sind - selbstbewusst, nicht zu beeinflussen ("bis zum nächsten Wachtwechsel").
Übertragen gesehen kann man den "Kerker" also als eine Welt verstehen, die von anderen als "nicht gleichwertig", als "unterbemittelt" verstanden wird - und die "Wächter" symbolisieren dann jene, die über diese Welt wachen, also Autoritäten, die sich kaum erweichen lassen, ihre Macht auch nur ein wenig zu lockern.


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(...) Das Gedicht will zu einem Andern, es braucht dieses Andere, es braucht ein Gegenüber. Paul Celan

Life is what happens while you are busy making other plans.
- JOHN LENNON, "Beautiful Boy"

Uns gefällt Ihr Sound nicht. Gitarrengruppen sind von gestern. (Aus der Begründung der Plattenfirma Decca, die 1962 die Beatles ablehnte.)
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Die Tauben
BeitragVerfasst am: 23.12.2009 11:36    Titel: Antworten mit Zitat

Zweiter Teil:

Zitat:
Der Züchter ist fort, der Erfinder.
Ihm folgte der Blitz nach als Forscher,
und was nicht gespalten, schweißt er.


Hier geht es nun nicht mehr um die Gefangenen - der ganze Zyklus scheint irgendwie nur lose miteinander verbunden zu sein -, denn hier kommt plötzlich ein "Züchter" ins Spiel. Eine Art Gott, möge man denken, ein Biologe, der erschafft und dann verschwindet. Ein universales Genie. Dies findet abrupt statt, worauf der "Blitz" hindeutet. Seine Allmacht - hier die assoziative Verbindung zu den "Wächtern" aus dem ersten Teil - äußert sich durch seine Fähigkeit, alles sozusagen "doppelt" unter seine Hände und damit unter seine Fittiche zu bringen ("und was nicht gespalten, schweißt er."). Er klebt Dinge an einem Ort fest, wo er sie beobachten kann, wo sie nicht weglaufen können. Er beobachtet sie sogar höchstwahrscheinlich von einer Art höherem Ort aus, einer "olympischen Position", sodass sich diese festgeschweißten Dinge - Personen, um dies einmal anzunehmen - minderbemittelt vorkommen müssen. Dies schafft eine weitere Verbindung zu dem freiheitsraubenden "Kerker" aus I.

Zitat:
Es überlebten im Davonschleppen
Tiere, die blöken wie Menschen im Schmerz.
Sie flohen auf Beinen aus Zirkeln
mit den Spitzen liebender Worte.
Sie schleppten ihre Herzen in Gläsern.
Sie häuteten sich.


Und wieder vollzieht sich innerhalb des Zyklus eine Wandlung, diesmal entfernt sich die Perspektive vom "Züchter", bleibt aber immer noch beim Aspekt der Unfreiheit.
Es hat etwas stattgefunden, dessen Anlässe man nur erahnen kann, allerdings gab es ein "Davonschleppen".  Es überlebten baut hier eine direkte Beziehung zum Titel auf. Eine Emphase, ein Nachdruck. "Es überlebten": Darin verdeutlicht sich die Tatsache, dass diese "Tiere" doch noch einen Willen, ein Durchsetzungsvermögen besitzen. Doch diese werden bewusst von Menschen abgegrenzt (denn ich bin mir ganz sicher, wenn ich Teil I betrachte, dass es auch hier um Menschen geht). Also noch eine assoziative Verbindung.
Jene, die die "Tiere" verschleppt haben, sehen diese nicht als Individuen, sondern als Dinge, mit denen sie nach Gutdünken verfahren können. Es findet also doch keine Äußerung der Freiheit statt. Diese Wesen sind gefangen. Gefangen in ihrer Unfähigkeit, auf eigenen Beinen zu stehen, worauf die "Zirkel" hindeuten, gefangen in ihrer Unfähigkeit, ihre Wärter von dem Drang nach ihrer Unfreiheit zu überzeugen, ihnen nahelegen, schmeicheln zu können, dass auch sie eigene Individuen sind. Sie zeigen ihnen ihre Notwendigkeit danach, die Gedanken (was die "Herzen in Gläsern") verdeutlichen, sie "häuten" sich, das heißt, sie versuchen, sich den gegebenen Umständen, also hier dem Willen der Wärter, anzupassen.
Aber

Zitat:
In Verseuchung erhielten Augengewächse
ihre Art fort mit Ranken am Pfad,
der zum Labor führte.
Aus jungem Gehölz sprossen Blicke,
die heimleuchten, irrleuchten
in beflecktes Dickicht.


vergebens.
Durch diese oben beschriebenen Handlungen haben sie ihre eigenen individuelle Art verfälscht, sie sind nicht mehr das, was sie früher waren. Das Ziel, das die Wärter ursprünglich mit ihnen zu verwirklichen gedachten und gegen welches sie ankämpfen wollten, können sie nun nicht mehr aufhalten. Sie sind perspektivlos, "irrleuchten", es ist ihnen keine Chance mehr geboten, sich und ihre Nachfahren zu retten. Sie haben den Willen, nach Hause zurückzukehren, finden den Weg aber nicht mehr - eben wegen dieser Verfälschung.
Zu diesem Teil des Zyklus kann ich als Abschluss formulieren, dass der Wille zwar da ist, der Unfreiheit zu entfliehen, die gegebenen Umstände und der Einfluss dessen, was sie da auch immer bedrohen mag, zu groß ist, um diesen Drang zu verwirklichen.


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Die Tauben
BeitragVerfasst am: 23.12.2009 15:18    Titel: Antworten mit Zitat

Dritter Teil:

Zitat:
Am Feldrand bezeugt jede fliehende Krähe:
Ich habe sie wandeln gesehen.


So leicht mir bis jetzt auch die Deutung der ersten beiden Teile gefallen sein mag, so schwer fällt sie mir hier. Aber ich werde es versuchen.
Die "Krähe" als ein Bild für den Herbst und damit für den Verfall (den "Herbst" erwähnst du ja auch später nochmals) sieht "sie". Aus dem weiteren Verlauf des dritten Teils wird klar, dass "sie" keine guten Menschen im herkömmlichen Sinn sind. Jedoch verdeutlicht mir die Tatsache, dass dieses Symbol des Verfallens diese Leute erblickt, dass die Menschen in den Untergang laufen. In die Arme des Herbstes, der sie in sich aufnimmt. Oder sie gehen an ihm vorbei und können ihm so noch entkommen. Aber das wird nicht klar.

Zitat:
Sie, mit steif ausgeworfenen Armen,
sie quetschen Würmer in Stockfingern,
ihr einziges Wundmal ein Astloch,
das zeigen sie jedem Blinden,
der ihnen begegnet und zwingen ihn
Male zu lesen von dem Papier,
das in Fetzen ihre Leiber umweht.


Hier wird jedoch langsam deutlich, dass diese Menschen sich auf eine Stufe mit dem Bild des "Vergehens" stellen. Sie töten "Würmer" in ihren steifen Fingern. Sie löschen damit das Leben derer aus, die den Boden höhlen, die anderen Tieren ein Nest zum Leben geben. Sie stellen sich auf eine Stufe mit den Wärtern, die nach und nach menschliche Regungen zeigen, dann aber verschwinden - und damit den Tod der Menschen einläuten. Was jedoch "ihr einziges Wundmal ein Astloch" zu bedeuten hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedoch verdeutlicht die Tatsache des Zeigens dieser Wunde dem "Blinden" gegenüber, dass sie nicht wahrgenommen werden, dass sie nicht wahrgenommen werden können, dass sie in das Leben einiger anderer nicht hineinpassen. Somit sind sie vollständig auf sich allein gestellt, auch wenn du hier wenig später auf die Brailleschrift anspielst, mit deren Hilfe dem "Blinden" das Schicksal der Ausgeschlossenen nähergebracht werden könnte. Aber da das "Papier [nur ...] in Fetzen ihre Leiber umweht", kann diese Schrift - die "Male" niemals hundertprozentig wahrgenommen werden und sorgt bestenfalls nur für Verwirrung. Somit ist auch hier ein weiterer Nachdruck für die Isolation dieser Menschen geliefert.

Zitat:
Nach der Predigt an Pflüge
lassen sie Sägemehl regnen
wie Manna.
Sie wissen nur Blut zu verwandeln.


Denn selbst von Maschinen wollen sie, dass sie ihnen helfen, das Alleingelassensein zu überwinden. Sie reden in ihrer Einsamkeit auf sie ein. Doch von nichts kommt bekanntlich nichts. Sie haben nicht die Macht, die Dinge zu verändern. Nur in ihrem eigenen Kreis "[...] wissen [sie] nur Blut zu verwandeln". Damit beweisen sie eine gewisse Engstirnigkeit, die es anderen überhaupt nicht möglich macht, ihnen überhaupt aus ihrer Situation herauszuhelfen. Der biblische Aspekt passt hier wunderbar - die Verwandlung des Bluts als Bild für Gemeinschaft, weil sie diese untereinander vollziehen? Als Zeichen für ewige Brüderschaft, also auch eine gewisse soziale Komponente?

Zitat:
Sie zu berühren
kommt der Herbst als einziger Glaubender.


Hier wieder "der Herbst" als Bild für die Vergänglichkeit. Das Vergehende berührt das Vergehende, verbrüdert sich mit ihm. So wird eine schlechte Situation noch unerträglicher. Der mächtige Herbst, der über die Tageszeiten bestimmt, wickelt die "Gefangenen" noch stärker in ihre Abgrenzung gegenüber anderen ein.


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Die Tauben
BeitragVerfasst am: 23.12.2009 19:37    Titel: Antworten mit Zitat

Vierter Teil:

Zitat:
Auf dem Dach: die vergaßen,
wie selten Erdbewohner den Kopf erheben.
Ihre Klagen rieselten auf die Schindeln,
und hingen als Eiszapfen zur Erde.
Ein Kind brach sie ab und spielte damit,
doch sie fanden darin keinen Trost.
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Nun wechselt die Perspektive. Vom Boden geht es in die Höhe - die Welt ist sozusagen "verkehrt". Und wieder ist die Isolation von anderen ein Thema. Menschen, die niemand in seiner Umgebung haben wollen zu scheint, die nach "oben" müssen, damit sie überhaupt irgendwo leben können. Diese Menschen sind so sehr in ihrer Einsamkeit versunken, dass sie sogar in ihren Gedanken den Glauben verankert haben, dass sie niemand mehr beachten will und wird. Man könnte dies als Festgefahrenheit interpretieren, die durch die ständige Abweisung durch Mitmenschen erreicht wird. Diese Menschen befinden sich irgendwo anders, wo deren Angehörige, Bekannte etc. schlicht und ergreifend nicht hinsehen, weil sie es vergessen haben. Selbst ihre Klagen fallen nur der Naivität zum Opfer. Deshalb intensiviert sich der Kummer noch mehr. Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen - und nicht nur das, die permanente Isolation sowieso. Keine Spuren von Zärtlichkeit sind hier mehr zu erkennen (Vogelnest, damit Brut usw.). Diese Menschen sind völlig hilflos und desorientiert, was sie zu bemitleidenswerten, ja vielleicht sogar in den Augen anderer verachtenswerten Geschöpfen macht.


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Schmierfink
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BeitragVerfasst am: 23.12.2009 19:43    Titel: Antworten mit Zitat

interpretatorisch bleibt mir hier nichts mehr zu sagen, blos eins möchte cih bemerken, das hat mir meinen Glauben an zyklische Gedichte zurückgegeben. Nach " Im reich der Steine" von Fried dachte ich zyklisch wäre ein Synonym für langweilige schlechte Gedichte, das straft meine Meinung mehr als Lügen. Sehr gerne gelesen.

lg
Schmierfink


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Georg Büchner
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BeitragVerfasst am: 23.12.2009 20:38    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich werde auf die ausführlichen Interpretationen später entsprechend gründlich eingehen.
Zu Schmierfink: Das war für mich ein sehr großes Kompliment, danke! Du wirst lachen, aber ich selbst habe nie wirklich verstanden, was ein Zyklus ist. Mir gefallen allerdings sehr die Zyklen von Dichtern wie Majakowski oder Celan. Dieser Reigen hier ist nur verbunden durch die Grundidee der Qual; jedes Teil-Gedicht handelt von Wesen, die unter den Umständen oder eigenen Zügen leiden. Es ist ein Querschnitt durch verschiedene Situationen, mehr nicht.


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Die Tauben
BeitragVerfasst am: 24.12.2009 10:16    Titel: Antworten mit Zitat

Fünfter Teil:

Zitat:
Wenn das Klirren verstummt,
hört man sie beim Graben.
Ihre Last ward zu Kugeln gegossen,
die Kette, die sie schwenkt,
singen sie dazu.
Im Wühlen bauen sie
unbetretene Korridore zu Städten,
sie scharren den Untergrund an die Luft,
so entsteht das Frieren.


Einer der schwierigsten Teile des ganzen Zyklus. Was das "Klirren" in der Anfangszeile bedeuten soll, kann ich beim besten Willen nicht verstehen. Allerdings weist das "Graben" auf eine Suche nach etwas hin. Erlösung? Einsicht in die Qualen dieser Gepeinigten? Die "Last", die sie empfinden müssen, verlagert sich hier auch noch nach außen - so entsteht ein doppeltes Gefühl der Pein, der Angst. Im Gesamten erinnert mich dieses Gießen der Kugeln an Häftlinge, die im Gefängnis angekettet werden, was hier auch eine schöne - assoziative - Verbindung zum ersten Teil schafft. Sie äußern durch die Geste des "Wühlen[s]" eine tierische Art und Weise, die ihre Bewacher abschrecken dürfte - auch eine Verbindung zu anderen Zyklusteilen, hier zum dritten.
Durch das Graben versuchen sie, eine Art "Wahrheit" zu schaffen. Das kalte, klumpige Erdreich ist eine Art Metapher für das "Untenstehen", was ja auch im ersten Teil durch den "Kerker" deutlich wird. Eine Metapher für die Unterdrückung, das "Dominieren" also? - Die schlechte, eisige Seite wird nach außen, ans Sichtbare, gekehrt, wo sie mit der Helligkeit kontrastiert und einen Konflikt hervorruft. Ein Schrei nach Aufmerksamkeit also, dass die bestehenden Zustände sich verbessern sollen, dass man das Schlechte, die Unterdrückung, erkennt und daher auch bekämpft. Diese Einsicht fördert den Aspekt des "Frieren[s]". Die Erkenntnis ist da, aber hier ist das Gedicht zu Ende. Wir wissen also nicht, wie und ob es weitergeht. Ob es je weitergehen wird. Was ich aus den vier anderen Teilen des Gedichts jedoch schließen kann: Es geht nicht weiter. Die Hoffnung ist zwar da, aber die erschwerten Umstände ersticken sie.


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Die Tauben
BeitragVerfasst am: 24.12.2009 10:30    Titel: Antworten mit Zitat

Fazit:

Dieser Zyklus ist extrem verschlüsselt, aber deswegen nicht uninteressant. Es handelt sich hierbei um eine lose, durch verschiedene Querverweise (oben - unten; Dominanz - Unterworfenheit, um nur ein paar zu nennen) verbundene Assoziationsketten, die das Leiden der Unterworfenen, der "Gefangenen", beschreiben, die etwas an sich haben, was sie angreifbar macht. Dabei besteht jedoch kaum Hoffnung, dass sie jemals aus diesem Schmerzenskreis ausbrechen können.
Solch einen Zyklus, der dieses Qual-Thema zum Kern hat, kann man natürlich auf verschiedenste Lebensbereiche übertragen: Mobbing in der Schule, am Arbeitsplatz, in einer neuen Heimat, ein dominanter Teil einer Liebesbeziehung ... Das macht ihn so vielfältig, man kann immer wieder neue Dinge finden, auf die man dieses Gedicht übertragen kann, und deswegen halte ich es für sehr, sehr gelungen.


_________________
(...) Das Gedicht will zu einem Andern, es braucht dieses Andere, es braucht ein Gegenüber. Paul Celan

Life is what happens while you are busy making other plans.
- JOHN LENNON, "Beautiful Boy"

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catch2211
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BeitragVerfasst am: 25.12.2009 20:39    Titel: Antworten mit Zitat

hi enfant terrible

ein miniatur relief stöhnender seelen
nicht zu durchschauen
wer gequält
wer quäler

ein gruseliger kryptex(t)
aus dem ich immer wieder
den notausgang nehmen muss

 ..sehr gelungen ...holt mich hier rausssss..ttt  t
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Enfant Terrible
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Ein Fingerhut voller Tränen - Ein Gedichtband
BeitragVerfasst am: 27.12.2009 12:57    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank euch für die Kommentare, sie haben mich sehr inspiriert und zum Nachdenken gebracht über die möglichen Interpretationen. Wenn Interesse besteht, würde ich gerne aufschreiben, was ich selbst bei der einen oder anderen Strophe "gemeint" habe, das würde noch ein bisschen dauern.

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um die Dunkelheit zu sehen"
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Jocelyn
Bernsteinzimmer

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BeitragVerfasst am: 27.12.2009 17:44    Titel: Antworten mit Zitat

Enfant Terrible hat Folgendes geschrieben:
Wenn Interesse besteht, würde ich gerne aufschreiben, was ich selbst bei der einen oder anderen Strophe "gemeint" habe, das würde noch ein bisschen dauern.

Klar besteht es.


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(Voltaire)
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Enfant Terrible
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Ein Fingerhut voller Tränen - Ein Gedichtband
BeitragVerfasst am: 30.12.2009 15:08    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Nochmals möchte ich all den Kommentatoren für ihre Mühe danken; hier wurden ja teilweise richtige Abhandlungen geschrieben! Wohow Für mich ist es das größte mögliche Kompliment, wenn sich Leser die Zeit nehmen, so gründlich auf ein Gedicht einzugehen und seinen Einzelheiten nachzuspüren.

Nun liefere ich die versprochene "Eigeninterpretation" nach. Sie ist nicht in Stein gemeißelt und auch keine "Musterlösung", wie dieser Reigen zu deuten ist, sondern vielmehr eine Ansammlung von Gedanken, die mir durch den Kopf gingen ... teilweise musste ich mir, genauso wie ein Leser, mir die Dinge rückwirkend erschließen. Ich kann also zugeben, nicht wirklich gewusst zu haben, was ich da schrieb ... dennoch wirkt es für mich persönlich so in dieser Form vollständig und stimmig.

Ich muss aber sagen, dass ich es diesmal völlig verstehe, wenn jemand diesen Zyklus zu verdichtet, zu abstrakt und metaphorisiert findet. Denn die Gedichte hier folgen tatsächlich eher einer Assoziationskette, denn einem roten Faden. Es sind Einzelbilder, Einzelsymbole, verbunden durch das Leitthema der Qual.

I.
Das erste "Bild" war genau das: ein Bild, das in meinem Kopf plötzlich aufgetaucht ist und das ich schaurig-schön fand: Gefangene, die körperlos werden, deren Köpfe an der Decke schweben wie Luftballons. Aber sie sind dennoch voller Qual, und diese Qual steckt die Gefängniswärter an, sodass es niemand lange in diesem Kerker aushält.

II.
Dieses Bild folgt einer Art Frankenstein-Motiv. Der Züchter nimmt sich die Macht über das Leben seiner Opfer und zerstört es, er zerstückelt Wesen und setzt sie neu zusammen wie es ihm beliebt. Aber er kann von der Strafe nicht fliehen und ist gezwungen, sein Labor zu verlassen. Der Blitz schlägt ein und die Überlebenden fliehen. Sie sind alle gezeichnet, und das gesamte Umfeld mit ihrem Leiden verseucht. Es kann trotz der reinigenden Wirkung des Blitzes nicht verpuffen, es hinterlässt spuren in der Landschaft, der Schrecken wurzelt tief (Sinnbild der Gewächse)

III.
Die dritte "Vision" ist eine wüste Vermischung von religiösen Symbolen und dem Vogelscheuchen-Bild. Kreuze sind ja ein Symbol des Märtyrertums, und in diesem Bild stehen sie stellvertretend für die Gequälten hölzern auf und beginnen zu wandeln, zu predigen, zu erschrecken.

IV.
Wie Alogius richtig gedeutet hat, geht es hier um Selbstmörder: Menschen, die vom Dach springen wollten. Oft ist die Selbstmord-Drohung ja ein Mittel, um auf das eigene Leiden aufmerksam zu machen, die letzte Chance, Zuwendung zu bekommen - diese bleibt den Gequälten aber versagt. Sie stehen dort so lange, dass sie vergessen haben, weshalb, und auch ihre Umwelt sie vergessen hat in ihrer Trostlosigkeit.

V.
Der Schluss greift wieder die Gefangenen-Metapher auf, aber aus einer gegenteiligen Position. Diese Gefangenen versuchen auszubrechen, sie zerstören praktisch das gesamte Weltgefüge, nur um ihr eigenes Gefängnis zum Einsturz zu bringen. Alles, was vergraben und eingemauert wurde zum Vergessen, brignen sie wieder an die Oberfläche.

Ich hoffe, meine Gedanken haben dem ein oder anderen Leser geholfen, die Eindrücke zu diesem Gedicht zu sortieren.


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