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Strandgut


 

 
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MT
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 48
Beiträge: 1172
Wohnort: Im Süden (Niedersachsens)


BeitragVerfasst am: 21.10.2009 07:50    Titel: Strandgut eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Strandgut
Mein Name ist Bjarne Graf. Ich bin vierundfünfzig Jahre als, Vater eines erwachsenen Sohnes und seit zwei Jahren Witwer. Hier oben an der Küste haben wir früher in der Strandallee gewohnt. Wir hatten ein großes Appartment mit Terrasse und Meerblick. Es war die schönste Zeit meines Lebens. Micha ist jetzt zweiundzwanzig, er studiert in Tübingen Maschinenbau, wie ich. Kurz nach seinem siebzehnten Geburtstag ist er das letzte Mal mit uns hier gewesen. Er ist ein guter Junge. Mein ganzes Leben lang war ich nicht allein im Urlaub.
Der Herbst schickt seine Vorboten. Rote Blätter fallen, und um acht wird es schon wieder dunkel. Ein Stündchen habe ich noch, hier im Strandkorb. Ich liebe die Ruhe der Nachsaison. Fast alle Strandkörbe sind frei, nur in einem sitzt noch eine Frau. Sieht nett aus, vielleicht ein paar Jahre jünger als ich. Halb rechts vor mir, sie hat ihren Korb zur allmählich untergehenden Sonne gedreht und liegt mit geschlossenen Augen im Licht. Das Meer hat ein altes Holzbrett freigegeben, die Gischt lässt es an der Wasserkante schaukeln. Es scheint uralt zu sein, ganz schwarz und von allen Seiten angenagt. Vielleicht war es einst Teil eines alten Schiffes. Es könnte eine Planke sein aus der Bordwand oder ein Stück des Großbaums. Ein Schiff, ganz und gar aus Holz gezimmert. Ich sehe es deutlich vor mir, zum Greife nah: Das riesige Segeltuch unter Wind, es wird von hunderten Seilen und Tauen gehalten. Dann sind da Männer. Sie klettern in die Wanten ohne Furcht. Der Ausguck hat backbord voraus eine Entdeckung gemacht und nun schreit er sie zur Mannschaft hinunter. War es eine Handelsgaleere? Ein Kriegsschiff vielleicht, das unter der Flagge eines Königs segelte, mit einem stolz geschmückten Admiral auf dem Achterdeck? Ich stelle mir das Treiben an Bord vor. Alles läuft und brüllt und geht seinen zugewiesenen Aufgaben nach. Es hat Schräglage, mein Schiff, die Wellen sind groß wie Felsen, meterhoch schlagen sie auf die Mannschaft nieder, und ein Sturm keift um die Masten. Der Steuermannsmaat stemmt sich mit all seiner Kraft gegen das Ruder, er zittert am ganzen Körper. Und was macht der stolz geschmückte Admiral? Nun, er…
„Entschuldigen Sie, haben Sie Feuer?“ Die Frau aus dem Strandkorb steht plötzlich vor mir. Ich habe gar nicht bemerkt, dass sie auf mich zugekommen ist.
„Ja, sicher“, sage ich etwas brüchig und zünde ihre Zigarette mit meinem Feuerzeug an.
Sie nimmt einen Zug und bedankt sich. Ich möchte nicht unhöflich sein, so fast ohne Worte.
„Bitte entschuldigen Sie. Ich war in Gedanken.“
„Das macht nichts“, sagt sie und bietet mir eine Zigarette an. Ich habe seit Jahren nicht mehr geraucht.
„Oh, vielen Dank“, erwidere ich, ziehe eine Prince Denmark aus der Schachtel und stecke sie ebenfalls an. Ich muss husten, wie peinlich.
„Hab´s aufgegeben vor etlichen Jahren.“
„Das hört man“, sagt sie und lacht. „Sie sollten nicht wieder anfangen.“
„Mögen Sie sich setzen?“ Ich rücke ein Stück zur Seite und ohne ein Wort setzt sich die Frau tatsächlich zu mir. Wir rauchen. Es ist eine Weile her, als ich zum letzten Mal neben einer fremden Frau gesessen habe. Ihre blonden Haare liegen wie ein Tuch auf ihren Schultern, sie duften nach Salzwasser. Vielleicht ist es auch nur der Wind.
„Sehen Sie das alte Holzbrett da vorn?“ Ich zeige zum Wasser, die Frau neben mir nickt.
„Was meinen Sie, woher könnte es kommen? Was war es einmal?“
Sie überlegt einen Moment und sagt dann voller Bestimmtheit: „Es ist das Kielholz eines Schiffes aus dem achtzehnten Jahrhundert.“
„Ganz genau! Und ich war bis vor zwei Minuten Teil der Besatzung.“ Als ich das ergänze müssen wir beide loslachen.
„Was hatte es denn geladen, ihr Schiff“, möchte sie wissen.
„Nun, es hatte Gold und Edelsteine an Bord. Man segelte unter der Flagge ihrer Majestät des Königs von England und hatte erst jüngst mit Erfolg zwei Piratensegler gekapert. Bedauerlicherweise geriet man in einen Sturm, das Schiff nahm schweren Schaden, gelangte aber gerade noch in den Hafen.“
Meine Zuhörerin zieht die Augenbrauen hoch. „Niemand war so verrückt und griff ein Piratenschiff nur des Goldes und der Edelsteine wegen an. Nein, nein. Da muss noch etwas anderes im Spiel gewesen sein.“
Sie hat recht. Meine Geschichte droht unglaubwürdig zu werden. Ich ergänze: „Es ging natürlich nicht in erster Linie um die Schatztruhe. Admiral Flint hat die Tochter des Königs aus den Klauen der Banditen gerettet. Jetzt gebühren ihm Ruhm und Ehre. Hätten Sie wohl noch eine Zigarette für mich.“
„Natürlich.“ Sie hält mir die Schachtel hin. „Ihr Admiral Flint, verehrter Herr Erzähler, hat aber eines übersehen.“
„So, was denn“, frage ich.
„Töchterchen Maggie war keineswegs entführt worden. Sie war ausgebüchst von daheim. Und das aus gutem Grund. Wissen Sie übrigens, was uns fehlt?“
„Nein. Was denn?“ Ich sehe sie ratlos an.
„Etwas zu trinken. Wir sollten etwas zum Anstoßen haben, falls unsere Geschichte zu einem Happyend gelangt.“ Lächelnd drehe ich mich zur Seite, greife neben den Strandkorb und ziehe aus meiner Tasche zwei Flaschen.
„Mögen Sie Bier?“
„Bier ist wunderbar“, sagt sie. Inzwischen taucht allmählich die Sonne ins Meer, der Stand leuchtet rot-gelb, und das Wasser glitzert wie Silberpapier. Ein freundlicher Nordost fasst meiner Co-Autorin ins Haar, Strähnen fallen ihr ins Gesicht.
„Welchen Grund hatte sie?“ will ich wissen.
„Na, ganz einfach: Papa führte eine strenge Hand über sie. Sie tat, was er befahl. Sie aß, wenn er aß, sie schlief, wenn er schlief. Allerdings war aus dem kleinen Mädchen in den Jahren auf der Burg eine Frau geworden. Eigener Kopf, großes Mundwerk, voller Ideen und Tatendrang. Dem Herrn Papa war das natürlich ein Dorn im Auge und so kam es, dass er immer mehr über sie zu bestimmen suchte. Sie musste putzen, waschen, kochen, aufräumen und so weiter. Mit ihren Freundinnen konnte sie sich nur heimlich treffen. Bis ihr irgendwann der Kragen platzte.“
„Unser Admiral, liebe Frau… Wie heißen Sie eigentlich?“
„Sandra. Sandra Teschner.“
„Also, liebe Frau Sandra Teschner, unser Admiral wusste das selbstverständlich. Und deshalb lieferte er sie auch nicht bei Hofe ab.“
„Und was tat er stattdessen? Darf ich übrigens auch ihren Namen erfahren?“
„Bjarne Graf.“ Unbeholfen, wie ich bin, gebe ich ihr die Hand.
„Ein schöner Name.“
„Vielen Dank. Also der Admiral tat, was ein halbwegs anständiger Kerl eben tut in solchen Situationen.“ Schweigend sehen wir uns an und nach einer Weile sage ich leise: „Er holt sie aus dem Käfig der Vergangenheit. Und sich selbst nimmt er gleich mit.“
Wieder ist es ruhig zwischen uns, nur das Rauschen des Wassers ist zu hören. Die Frau neben mir schaut mir in die Augen, als habe sie eine Entdeckung gemacht und als ich mit irgendeinem Wort ansetzen will, nur um die Ruhe zu brechen, erhebt sie ihre Flasche und sagt: „Zum Wohl.“

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Biggi
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 855
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BeitragVerfasst am: 21.10.2009 08:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo MT,
dieser Text gefällt mir als Weibchen, das auf Wirkung liest, ausgesprochen gut. Was Männer handwerklich alles dazu zu sagen haben, wirst Du hier vermutlich bald hören wink.

Du schaffst eine dichte Atmosphäre in dem Gespräch, das die zwei fantasievollen Fremden dank der Holzplanke führen können. Eine sehr schöne Idee. Erwartungsgemäß bindet sie ihm - ein bisschen verpackt, auf nicht ganz klassische Weise - ihre Vergangenheit auf die Nase. Er nicht.
Ich kann ihn richtig vor mir sehen und stelle mir seine Stimme und seinen Gesichtsausdruck vor. Er wäre mir (zwar etwas zu alt, aber) unheimlich sympathisch.
Ganz super gemacht mit viel Gefühl.

Nur an einer Stelle bin ich gestolpert:
Zitat:
Micha ist jetzt zweiundzwanzig, er studiert in Tübingen Maschinenbau, wie ich.

Schon klar, was Du meinst. Klingt aber seltsam: er ist 54, studiert also sicher nicht mehr.
Und: Bjarne sollte nicht wieder anfangen zu rauchen. Die beiden werden sich auch so verstehen... wink.
Sehr gerne gelesen.

Danke und viele Grüße,
Biggi
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MT
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 48
Beiträge: 1172
Wohnort: Im Süden (Niedersachsens)


BeitragVerfasst am: 21.10.2009 08:31    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Moin Biggi,

vielen Dank für´s Lesen und Kommentieren. Smile

Beim "Studieren" hast Du vollkommen recht, ein angehängtes "...wie ich damals" dürfte für eine Abhilfe genügen. Wird erledigt.

MT
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lupus
Geschlecht:männlichBestseller-Autor

Alter: 51
Beiträge: 4172
Wohnort: wien



BeitragVerfasst am: 22.10.2009 10:21    Titel: Antworten mit Zitat

Hi, MT.

eine sehr schöne, einfühlsame, ja romantische Geschichte, mit einem viel versprechenden Einstieg, der mich in die Geschichte reingezogen hat. Dann eine kleine Wende, mit der die Geschichte erst wirklich beginnt. Sehr schön gemacht.
Sehr schön auch der schlichte Schluß. Der Dialog ist wie mir scheint sehr authentisch. Was ich irgendwie richtig 'süß' find, is die Tatsache, dass er bei der Zigarette zugreift, obwohl Nicht-Raucher. Ich weiß nicht ob das gewollt ist, aber mE ist das mit ein Grund, warum ich nie an einem Happy End gezweifelt hab. Wink

Fazit: Also mir gefällt der Text

Einige Punkte könntest du überdenken:
blau: besonders gelungen

Zitat:
Strandgut
Mein Name ist Bjarne Graf. Ich bin vierundfünfzig Jahre als, Vater eines erwachsenen Sohnes und seit zwei Jahren Witwer. Hier oben an der Küste haben wir früher in der Strandallee gewohnt. Wir hatten ein großes Appartment mit Terrasse und Meerblick. Es war die schönste Zeit meines Lebens. Micha ist jetzt zweiundzwanzig, er studiert in Tübingen Maschinenbau, wie ich. Kurz nach seinem siebzehnten Geburtstag ist er das letzte Mal mit uns hier gewesen. Er ist ein guter Junge. ich weiß nicht warum, aber dieser Satz charakterisiert den Prota für mich besonders treffend Mein ganzes Leben lang war ich nicht allein im Urlaub.


toller Titel btw
guter Einstieg. Wer, was , warum, wo - alles klar

Zitat:
Mein ganzes Leben lang war ich nicht allein im Urlaub.


dieser Satz ist zwar klar und aus dem Kontext klar verständlich, dennoch mag er mir so nicht recht gefallen. Warum?

Mein ganzes Leben lang war ich im Urlaub - nur halt nicht allein Wink

dieses 'Leben lang' läßt mich stolpern. Oder aber, du könntest das 'war' ersetzen. --> bin ich nicht gefahren, naja, auch nicht das Wahre, aber ich glaub es is klar was ich mein.

Zitat:
Der Herbst schickt seine Vorboten. Rote Blätter fallen, und um acht wird es schon wieder dunkel. Ein Stündchen habe ich noch, hier im Strandkorb. Ich liebe die Ruhe der Nachsaison. Fast alle Strandkörbe sind frei, nur in einem sitzt noch eine Frau. Sieht nett aus, vielleicht ein paar Jahre jünger als ich. Halb rechts vor mir, sie hat ihren Korb zur allmählich untergehenden Sonne gedreht und liegt mit geschlossenen Augen im Licht.


Übergang geglückt, obwohl die roten Blätter vllt nicht wirklich nötig sind, außerdem: wenn die roten Blätter fallen, sind's keine Vorboten mehr, oder? Und ich frage mich ob der Satz überhaupt nötig ist. Was hältst du von Streichen? also so:

Es ist Herbst - ich liebe die Ruhe der Nachsaison. In einer Stunde wird es dunkel sein. Oder so.

die Konstruktion 'fast alle ... nur einer' klingt mir(!) ein bisserl seltsam.

Zitat:
Das Meer hat ein altes Holzbrett freigegeben, die Gischt lässt es an der Wasserkante schaukeln möglicherweise aktiv formulieren? --> die Gischt schaukelt es ... . Es scheint uralt zu sein, ganz schwarz und von allen Seiten angenagt ich weiß nicht recht, möglicherweise is das nur in Alpenrep so, aber wenn etwas angenagelt ist, ist es wo angenagelt, also fixiert --> mit Nägeln übersät - wobei ich nicht weiß ob da nicht das Salzwasser was dagegen hätte . Vielleicht war es einst Teil eines alten Schiffes. Es könnte eine Planke sein aus der Bordwand oder ein Stück des Großbaums. Ein Schiff, ganz und gar aus Holz gezimmert. Ich sehe es deutlich vor mir, zum Greifen nah: Das riesige Segeltuch unter Wind, es wird von hunderten Seilen und Tauen is das nicht dasselbe? also ich nix seemanngehalten. Dann sind da Männer. Sie klettern in die Wanten ohne Furcht. Der Ausguck hat backbord voraus eine Entdeckung gemacht und nun schreit er sie zur Mannschaft hinunter schöne Personifizierung. War es eine Handelsgaleere? Ein Kriegsschiff vielleicht, das unter der Flagge eines Königs segelte, mit einem stolz geschmückten Admiral auf dem Achterdeck?


der Schluß dieses Absatzes klingt so, als ob die Entdeckung ein Handels- oder Kriegsschiff wär, ansonsten eine sehr gelungene Beschreibung, es passiert was im Kopf des Prota und ich kann wunderbar mitleben. --> ganz blau

Zitat:
Ich stelle mir das Treiben an Bord vor. Alles läuft und brüllt und geht seinen zugewiesenen Aufgaben nach. Es hat Schräglage, mein Schiff, die Wellen sind groß wie Felsen, meterhoch schlagen sie auf die Mannschaft nieder, und ein Sturm keift um die Masten. Der Steuermannsmaat stemmt sich mit all seiner Kraft gegen das Ruder, er zittert am ganzen Körper. Und was macht der stolz geschmückte Admiral? Nun, er…


super

Zitat:
„Entschuldigen Sie, haben Sie Feuer?“ Die Frau aus dem Strandkorb steht plötzlich vor mir. Ich habe gar nicht bemerkt, dass sie auf mich zugekommen ist.


das 'plötzlich' und der Kontext - der Tagtraum - machen diesen Satz unnötig

Zitat:
„Ja, sicher“, sage ich etwas brüchig und zünde ihre Zigarette mit meinem Feuerzeug an.
Sie nimmt einen Zug und bedankt sich. Ich möchte nicht unhöflich sein, so fast ohne Worte. „Bitte entschuldigen Sie. Ich war in Gedanken.“
„Das macht nichts“, sagt sie und bietet mir eine Zigarette an. Ich habe seit Jahren nicht mehr geraucht.
„Oh, vielen Dank“, erwidere ich, ziehe eine Prince Denmark aus der Schachtel und stecke sie ebenfalls an. Ich muss husten, wie peinlich.
„Hab´s aufgegeben vor etlichen Jahren.“
„Das hört man“, sagt sie und lacht. „Sie sollten nicht wieder anfangen.“


sehr gekonnter, natürlicher Dialog, auch die Gedankeneinschübe - ich möchte nicht unhöf........

Zitat:
„Mögen Sie sich setzen?“ Ich rücke ein Stück zur Seite und ohne ein Wort setzt sich die Frau tatsächlich zu mir. Wir rauchen. Es ist eine Weile her, als ich zum letzten Mal neben einer fremden Frau gesessen habe. Ihre blonden Haare liegen wie ein Tuch auf ihren Schultern, sie duften nach Salzwasser. Vielleicht ist es auch nur der Wind.


Zitat:
„Sehen Sie das alte Holzbrett da vorn?“ Ich zeige zum Wasser, die Frau neben mir nickt.
„Was meinen Sie, woher könnte es kommen? Was war es einmal?“
Sie überlegt einen Moment und sagt dann voller Bestimmtheit: „Es ist das Kielholz eines Schiffes aus dem achtzehnten Jahrhundert.“
„Ganz genau! Und ich war bis vor zwei Minuten Teil der Besatzung.“ Als ich das ergänze müssen wir beide loslachen.
„Was hatte es denn geladen, ihr Schiff“, möchte sie wissen.
„Nun, es hatte Gold und Edelsteine an Bord. Man segelte unter der Flagge ihrer Majestät des Königs von England und hatte erst jüngst mit Erfolg zwei Piratensegler gekapert. Bedauerlicherweise geriet man in einen Sturm, das Schiff nahm schweren Schaden, gelangte aber gerade noch in den Hafen. auch hier ein vorweggenommenes Happy End?
Meine Zuhörerin zieht die Augenbrauen hoch. „Niemand war so verrückt und griff ein Piratenschiff nur des Goldes und der Edelsteine wegen an. Nein, nein. Da muss noch etwas anderes im Spiel gewesen sein.“
Sie hat recht. Meine Geschichte droht unglaubwürdig zu werden. Ich ergänze: „Es ging natürlich nicht in erster Linie um die Schatztruhe. Admiral Flint jetzt den Namen einzuführen is perfekt hat die Tochter des Königs aus den Klauen der Banditen gerettet. Jetzt gebühren ihm Ruhm und Ehre. Hätten Sie wohl noch eine Zigarette für mich. ?
„Natürlich.“ Sie hält mir die Schachtel hin. „Ihr Admiral Flint, verehrter Herr Erzähler, hat aber eines übersehen.“
„So, ? was denn ? “, frage ich.
„Töchterchen Maggie war keineswegs entführt worden. Sie war ausgebüchst von daheim. Und das aus gutem Grund. Wissen Sie übrigens, was uns fehlt?“
„Nein. Was denn?“ Ich sehe sie ratlos an.
„Etwas zu trinken. Wir sollten etwas zum Anstoßen haben, falls unsere Geschichte zu einem Happyend gelangt.“
Lächelnd drehe ich mich zur Seite, greife neben den Strandkorb und ziehe aus meiner Tasche zwei Flaschen.
„Mögen Sie Bier?“
„Bier ist wunderbar“, sagt sie. Inzwischen taucht allmählich die Sonne ins Meer, der Stand leuchtet rot-gelb, und das Wasser glitzert wie Silberpapier. Ein freundlicher Nordost fasst meiner Co-Autorin ins Haar, Strähnen fallen ihr ins Gesicht. Mann, Mann, Mann, man könnte meinen, du hast diech gerade - als Autor - in diese Dame verknallt - echt gut„Welchen Grund hatte sie?“ will ich wissen.
„Na, ganz einfach: Papa führte eine strenge Hand über sie. Sie tat, was er befahl. Sie aß, wenn er aß, sie schlief, wenn er schlief. Allerdings war aus dem kleinen Mädchen in den Jahren auf der Burg eine Frau geworden. Eigener Kopf, großes Mundwerk, voller Ideen und Tatendrang. Dem Herrn Papa war das natürlich ein Dorn im Auge und so kam es, dass er immer mehr über sie zu bestimmen suchte. Sie musste putzen, waschen, kochen, aufräumen - als Königstochter????und so weiter. Mit ihren Freundinnen konnte sie sich nur heimlich treffen. Bis ihr irgendwann der Kragen platzte.“
„Unser Admiral, liebe Frau… Wie heißen Sie eigentlich?“
„Sandra. Sandra Teschner.“
Also, liebe Frau Sandra Teschner, unser Admiral wusste das selbstverständlich. Und deshalb lieferte er sie auch nicht bei Hofe ab.“
„Und was tat er stattdessen? Darf ich übrigens auch ihren Namen erfahren?“
„Bjarne Graf.“ Unbeholfen, wie ich bin, gebe ich ihr die Hand.
„Ein schöner Name.“
„Vielen Dank. Also der Admiral tat, was ein halbwegs anständiger Kerl eben tut in solchen Situationen.“ Schweigend sehen wir uns an und nach einer Weile sage ich leise: „Er holt sie aus dem Käfig der Vergangenheit. Und sich selbst nimmt er gleich mit.“
Wieder ist es ruhig zwischen uns, nur das Rauschen des Wassers ist zu hören. Die Frau neben mir schaut mir in die Augen, als habe sie eine Entdeckung gemacht und als ich mit irgendeinem Wort ansetzen will, nur um die Ruhe zu brechen, erhebt sie ihre Flasche und sagt: „Zum Wohl.“


hm, naja, also jetzt wo ich's wirklich genau gelesen hab, also ich weiß nicht ....
... gefällt mir noch viel besser, man merkt, du hast da mehr reingesteckt, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Danke
LGL


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lg Wolfgang

gott ist nicht tot noch nicht aber auf seinem rückzug vom schlachtfeld des krieges den er begonnen hat spielt er verbrannte erde mit meinem leben

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"Ich bin leicht zu verführen. Da muss nur ein fremder Mann herkommen, mir eine Eiskugel kaufen und schon liebe ich ihn, da bin ich recht naiv. " (c) by Hubi
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Alogius
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Die Goldene Bushaltestelle Goldene Feder Prosa (Anzahl: 2)


Vom Verschwinden der Muse
BeitragVerfasst am: 22.10.2009 19:47    Titel: Antworten mit Zitat

Hi,

Details wurden ja bereits angemerkt - dem schließe ich mich ruhigen Gewissens an, weshalb ich nur einen Gesamtkommentar abgebe:

Ich habe diesen Text sehr gern gelesen; er ist sehr schlüssig und stimmungsvoll aufgebaut. Du beweist Feingefühl und ein gutes Gespür für Beobachtung und Stimmung. Der Dialog ist glaubwürdig, wirkt nicht erzwungen oder unrealistisch. Ein großer Pluspunkt.

Der Aufhänger (ein idealer Macguffin^^) ist wirklich gut gewählt, denn so entspannt sich das ganze Gespräch, in dem teilweise Reales einfließt, vieles erfunden ist. Aber gerade die Fiktion bringt diese beiden sympathischen Figuren näher zueinander. Sehr schön.

Eine kleine feine Geschichte. Richtig gut!

Danke
Gruß
Tom


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Aus einem Traum:
Entsetzter Gartenzwerg: Es gibt immer noch ein nullteres Fußballfeld. Wir werden viele Evolutionen verpassen.
Busfahrer: Tröste dich. Mit etwas Glück sehen wir den Tentakel des Yankeespielers, wie er den Ereignishorizont des Schwarzen Loches verlässt.
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MT
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BeitragVerfasst am: 23.10.2009 08:37    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@ lupus

Vielen Dank für´s Lesen und Kritisieren. Schön, dass Dir der Text gefällt.

Zitat:
Er ist ein guter Junge. ich weiß nicht warum, aber dieser Satz charakterisiert den Prota für mich besonders treffend
Ja, finde ich auch. Er hängt an seinem Sohn, die beiden mögen sich, sehen sich jedoch nur zu selten. Das schmerzt den Vater, aber er weiß, das muss so sein. Also nimmt er es hin, irgendwie.

Zitat:
Zitat:
Mein ganzes Leben lang war ich nicht allein im Urlaub.

dieser Satz ist zwar klar und aus dem Kontext klar verständlich, dennoch mag er mir so nicht recht gefallen. Warum?

Mein ganzes Leben lang war ich im Urlaub - nur halt nicht allein Wink

dieses 'Leben lang' läßt mich stolpern. Oder aber, du könntest das 'war' ersetzen. --> bin ich nicht gefahren, naja, auch nicht das Wahre, aber ich glaub es is klar was ich mein.
Zugegeben: Da tue ich mich bislang auch schwer. Mal sehen, am Wochenende gehe ich noch mal ran.

Die roten Blätter habe ich gesetzt, weil ich etwas mehr Stimmung erzeugen wollte. Nur zu schreiben "Es ist Herbst..." finde ich ein wenig platt, es fehlen die Bilder dazu. Meinst Du nicht?

Zitat:
Zitat:
Das Meer hat ein altes Holzbrett freigegeben, die Gischt lässt es an der Wasserkante schaukeln möglicherweise aktiv formulieren? --> die Gischt schaukelt es ... . Es scheint uralt zu sein, ganz schwarz und von allen Seiten angenagt ich weiß nicht recht, möglicherweise is das nur in Alpenrep so, aber wenn etwas angenagelt ist, ist es wo angenagelt, also fixiert --> mit Nägeln übersät - wobei ich nicht weiß ob da nicht das Salzwasser was dagegen hätte . Vielleicht war es einst Teil eines alten Schiffes. Es könnte eine Planke sein aus der Bordwand oder ein Stück des Großbaums. Ein Schiff, ganz und gar aus Holz gezimmert. Ich sehe es deutlich vor mir, zum Greifen nah: Das riesige Segeltuch unter Wind, es wird von hunderten Seilen und Tauen is das nicht dasselbe? also ich nix seemanngehalten. Dann sind da Männer. Sie klettern in die Wanten ohne Furcht. Der Ausguck hat backbord voraus eine Entdeckung gemacht und nun schreit er sie zur Mannschaft hinunter schöne Personifizierung. War es eine Handelsgaleere? Ein Kriegsschiff vielleicht, das unter der Flagge eines Königs segelte, mit einem stolz geschmückten Admiral auf dem Achterdeck?
Sorry, aber das Brett ist nicht angenagelt, sondern - vom Wasser - angenagt. Wie ein Baum von einem Biber angenagt wird.

Zitat:
Zitat:
Ich stelle mir das Treiben an Bord vor. Alles läuft und brüllt und geht seinen zugewiesenen Aufgaben nach. Es hat Schräglage, mein Schiff, die Wellen sind groß wie Felsen, meterhoch schlagen sie auf die Mannschaft nieder, und ein Sturm keift um die Masten. Der Steuermannsmaat stemmt sich mit all seiner Kraft gegen das Ruder, er zittert am ganzen Körper. Und was macht der stolz geschmückte Admiral? Nun, er…

super

Danke!

Der Satz "Ich habe gar nicht gemerkt, dass sie auf mich zugekommen ist", fliegt raus. Du hast vollkommen recht - mit Abstand beim Lesen sieht man die Überflüssigkeiten.  Smile

Dass im Übrigen eine Königstochter "putzen, waschen, kochen, aufräumen" müsste, wäre in der Tat fraglich. Hier aber, genau an dieser Stelle der Geschichte, die sich die beiden ausdenken, verwebt die Frau ihre Realität mit der Fiktion der erdachten Story - nur so kann er wenig später darauf anspringen und ihr zu verstehen geben, dass er sie versteht und es ihm ähnlich geht (er auch irgendwie unzufrieden ist mit seinem Leben). Das würde ich gern so lassen.

@ alogius

Zitat:
Ich habe diesen Text sehr gern gelesen; er ist sehr schlüssig und stimmungsvoll aufgebaut. Du beweist Feingefühl und ein gutes Gespür für Beobachtung und Stimmung. Der Dialog ist glaubwürdig, wirkt nicht erzwungen oder unrealistisch. Ein großer Pluspunkt.

Der Aufhänger (ein idealer Macguffin^^) ist wirklich gut gewählt, denn so entspannt sich das ganze Gespräch, in dem teilweise Reales einfließt, vieles erfunden ist. Aber gerade die Fiktion bringt diese beiden sympathischen Figuren näher zueinander. Sehr schön.

Eine kleine feine Geschichte. Richtig gut!


 Very Happy  Very Happy  Very Happy Merci!

Doch: Was ist ein Macguffin?

MT
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Alogius
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Die Goldene Bushaltestelle Goldene Feder Prosa (Anzahl: 2)


Vom Verschwinden der Muse
BeitragVerfasst am: 23.10.2009 10:36    Titel: Antworten mit Zitat

Ein Handlungsauslöser, der theoretisch alles sein kann - aber an sich keine andere Bedeutung hat.
Hitchcock. wink


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Aus einem Traum:
Entsetzter Gartenzwerg: Es gibt immer noch ein nullteres Fußballfeld. Wir werden viele Evolutionen verpassen.
Busfahrer: Tröste dich. Mit etwas Glück sehen wir den Tentakel des Yankeespielers, wie er den Ereignishorizont des Schwarzen Loches verlässt.
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lupus
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BeitragVerfasst am: 28.10.2009 10:02    Titel: Antworten mit Zitat

Hi MT,

Zitat:
Sorry, aber das Brett ist nicht angenagelt, sondern - vom Wasser - angenagt. Wie ein Baum von einem Biber angenagt wird.


 Embarassed
wer sinnerfassend lesen kann is ja bekanntlich im Vorteil Very Happy

sorry.

Ad Herbst: sicher Geschmackssache

wie auch der Rest. wollte auch sicher nicht nörgeln, der Text is gut, so wie er da steht, waren ja nur Anregungen, was du damit machst ist naturgemäß einzig und allein deine Sache.

LGL


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gott ist nicht tot noch nicht aber auf seinem rückzug vom schlachtfeld des krieges den er begonnen hat spielt er verbrannte erde mit meinem leben

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Wohnort: Im Süden (Niedersachsens)


BeitragVerfasst am: 05.11.2009 10:59    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@ lupus: Ich habe Deine Anmerkungen nun "verarbeitet". Danke nochmals! Wer mag - hier ist das Resultat:


Strandgut

Mein Name ist Bjarne Graf. Ich bin vierundfünfzig Jahre als, Vater eines erwachsenen Sohnes und seit zwei Jahren Witwer. Hier oben an der Ostsee haben wir früher in der Strandallee gewohnt. Wir hatten ein großes Appartment mit Terrasse und Meerblick. Es war die schönste Zeit meines Lebens. Micha ist jetzt zweiundzwanzig, er studiert in Tübingen Maschinenbau, wie ich damals. Kurz nach seinem siebzehnten Geburtstag ist er das letzte Mal mit uns hier gewesen. Er ist ein guter Junge. Ich war noch nie allein im Urlaub.

Der Herbst schickt seine Vorboten. Es wird um acht schon wieder dunkel. Ein Stündchen habe ich noch, hier im Strandkorb. Ich liebe die Ruhe der Nachsaison. Die Strandkörbe um mich herum sind frei, bis auf einen. In ihm sitzt eine Frau. Sieht nett aus, vielleicht ein paar Jahre jünger als ich. Halb rechts vor mir, sie hat ihren Korb zur allmählich untergehenden Sonne gedreht und liegt mit geschlossenen Augen im Licht.

Das Meer hat ein altes Holzbrett freigegeben, die Gischt lässt es an der Wasserkante schaukeln. Es scheint uralt zu sein, ganz schwarz und von allen Seiten angenagt. Vielleicht war es einst Teil eines alten Schiffes. Es könnte eine Planke sein aus der Bordwand oder ein Stück des Großbaums. Ein Schiff, ganz und gar aus Holz gezimmert. Ich sehe es deutlich vor mir, zum Greifen nah: Das riesige Segeltuch unter Wind, es wird von hunderten Tauen und Knoten gehalten. Dann sind da Männer. Sie klettern in die Wanten ohne Furcht. Der Ausguck hat backbord voraus den tanzenden Stachel eines Tornados erspäht, und nun schreit er einen Alarm zur Mannschaft hinunter. War es eine Handelsgaleere? Ein Kriegsschiff vielleicht, das unter der Flagge eines Königs segelte, mit einem stolz geschmückten Admiral auf dem Achterdeck? Ich stelle mir das Treiben an Bord vor. Alles läuft und brüllt und geht seinen zugewiesenen Aufgaben nach. Es hat Schräglage, mein Schiff, die Wellen sind groß wie Felsen, meterhoch schlagen sie auf die Besetzung nieder, und ein Sturm keift um die Masten. Der Steuermannsmaat stemmt sich mit all seiner Kraft gegen das Ruder, er zittert am ganzen Körper. Und was macht der stolz geschmückte Admiral? Nun, er…

„Entschuldigen Sie, haben Sie Feuer?“ Die Frau aus dem Strandkorb steht plötzlich vor mir.
„Ja, sicher“, sage ich etwas brüchig, richte mich ein wenig auf und zünde ihre Zigarette mit meinem Feuerzeug an.
Sie nimmt einen Zug und bedankt sich. Ich möchte nicht unhöflich sein, so fast ohne Worte.
„Bitte entschuldigen Sie. Ich war in Gedanken.“
„Das macht nichts“, sagt sie und bietet mir eine Zigarette an. Ich habe seit Jahren nicht mehr geraucht.
„Oh, vielen Dank“, erwidere ich, ziehe eine Prince Denmark aus der Schachtel und stecke sie ebenfalls an. Ich muss husten, wie peinlich.
„Hab´s aufgegeben vor etlichen Jahren.“
„Das hört man“, sagt sie und lacht. „Sie sollten nicht wieder anfangen.“
„Mögen Sie sich setzen?“ Ich rücke ein Stück zur Seite und ohne ein Wort setzt sich die Frau tatsächlich zu mir. Wir rauchen. Es ist eine Weile her, als ich zum letzten Mal neben einer fremden Frau gesessen habe. Ihre blonden Haare liegen wie ein Tuch auf ihren Schultern, sie duften nach Salzwasser. Vielleicht ist es auch nur der Wind.
„Sehen Sie das alte Holzbrett da vorn?“ Ich zeige zum Wasser, die Frau neben mir nickt.
„Was meinen Sie, woher könnte es kommen? Was war es einmal?“
Sie überlegt einen Moment und sagt dann voller Bestimmtheit: „Es ist das Kielholz eines Schiffes aus dem achtzehnten Jahrhundert.“
„Ganz genau! Und ich war bis vor zwei Minuten Teil der Besatzung.“ Als ich das ergänze müssen wir beide loslachen.
„Was hatte es denn geladen, ihr Schiff“, möchte sie wissen.
„Nun, es hatte Gold und Edelsteine an Bord. Man segelte unter der Flagge ihrer Majestät des Königs von England und hatte erst jüngst mit Erfolg zwei Piratensegler gekapert. Bedauerlicherweise geriet man in einen Wirbelsturm, das Schiff nahm schweren Schaden, gelangte aber gerade noch in den Hafen.“
Meine Zuhörerin zieht die Augenbrauen hoch. „Niemand war so verrückt und griff ein Piratenschiff nur des Goldes und der Edelsteine wegen an. Nein, nein. Da muss noch etwas anderes im Spiel gewesen sein.“
Sie hat recht. Meine Geschichte droht unglaubwürdig zu werden. Ich ergänze: „Es ging natürlich nicht in erster Linie um die Schatztruhe. Admiral Flint hat die Tochter des Königs aus den Klauen der Banditen gerettet. Jetzt gebühren ihm Ruhm und Ehre. Hätten Sie wohl noch eine Zigarette für mich?“
„Natürlich.“ Sie hält mir die Schachtel hin. „Ihr Admiral Flint, verehrter Herr Erzähler, hat aber eines übersehen.“
„So, was denn?“, frage ich.
„Töchterchen Maggie war keineswegs entführt worden. Sie war ausgebüchst von daheim. Und das aus gutem Grund. Wissen Sie übrigens, was uns fehlt?“
„Nein. Was fehlt uns?“ Ich sehe sie ratlos an.
„Etwas zu trinken. Wir sollten etwas zum Anstoßen haben, falls unsere Geschichte zu einem Happyend gelangt.“ Lächelnd drehe ich mich zur Seite, greife neben den Strandkorb und ziehe aus meiner Tasche zwei Flaschen.
„Mögen Sie Bier?“
„Bier ist wunderbar“, sagt sie. Inzwischen taucht allmählich die Sonne ins Meer, der Stand leuchtet rot-gelb, und das Wasser glitzert wie Silberpapier. Ein freundlicher Nordost fasst meiner Co-Autorin ins Haar, Strähnen fallen ihr ins Gesicht.
„Welchen Grund hatte sie?“, will ich wissen.
„Na, ganz einfach: Papa führte eine strenge Hand über sie. Sie tat, was er befahl. Sie aß, wenn er aß, sie schlief, wenn er schlief. Allerdings war aus dem kleinen Mädchen in den Jahren auf der Burg eine Frau geworden. Eigener Kopf, großes Mundwerk, voller Ideen und Tatendrang. Dem Herrn Papa war das natürlich ein Dorn im Auge und so kam es, dass er immer mehr über sie zu bestimmen suchte. Sie musste putzen, waschen, kochen, aufräumen und so weiter. Mit ihren Freundinnen konnte sie sich nur heimlich treffen. Bis ihr irgendwann der Kragen platzte.“
„Unser Admiral, liebe Frau… Wie heißen Sie eigentlich?“
„Sandra. Sandra Teschner.“
„Also, liebe Frau Sandra Teschner, unser Admiral wusste das selbstverständlich. Und deshalb lieferte er sie auch nicht bei Hofe ab.“
„Und was tat er stattdessen? Darf ich übrigens auch ihren Namen erfahren?“
„Bjarne Graf.“ Unbeholfen, wie ich bin, gebe ich ihr die Hand.
„Ein schöner Name.“
„Vielen Dank. Also der Admiral tat, was ein halbwegs anständiger Kerl eben tut in solchen Situationen.“ Schweigend sehen wir uns an und nach einer Weile sage ich leise: „Er holt sie aus dem Käfig der Vergangenheit. Und sich selbst nimmt er gleich mit.“

Wieder ist es ruhig zwischen uns, nur das Rauschen des Wassers ist zu hören. Die Frau neben mir schaut mir in die Augen, als habe sie eine Entdeckung gemacht und als ich mit irgendeinem Wort ansetzen will, nur um die Ruhe zu brechen, erhebt sie ihre Flasche und sagt: „Zum Wohl.“
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Aknaib
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BeitragVerfasst am: 21.11.2009 19:29    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo MT,

ich habe nur die neue Fassung gelesen.

Wenn mich nicht der Titel gelockt hätte, so hätte mich dein Anfang keineswegs in die Geschichte gezogen.
Dieser erste Absatz ist öde und trägt in keiner Weise zur Handlung bei. Was interessiert der Sohn bei dieser Romanze? Er ist überflüssig.  
Fang mit dem zweiten Absatz an und man ist mitten in der Geschichte, die du erzählen willst.  

Diese Art von Geschichte gefällt mir sehr. Ohne große Knalleffekte, ohne Mord, ohne erotische Szenen spricht sie für sich.
Sie entwickelt sich stetig. Die beiden nähern sich durch deine Geschichte in der Geschichte.
Allerdings finde ich den Absatz über das Schiff zu lang.

Gestolpert bin ich ein bisschen, woher der Nichtraucher das Feuerzeug hat. Sicher fällt dir dazu noch eine plausible Erklärung ein.
Die Füllwörter „ganz“ und „vielleicht“ könnten minimiert werden.

Zitat:
Halb rechts vor mir, sie hat ihren Korb zur allmählich untergehenden Sonne gedreht und liegt mit geschlossenen Augen im Licht.
klingt komisch, besser:
Halb rechts vor mir, hat sie ihren Korb zur (allmählich) untergehenden Sonne gedreht und liegt mit geschlossenen Augen im Licht.

Oder was hälst du davon:
Halb rechts vor mir, liegt sie mit geschlossenen Augen im Licht der untergehenden Sonne.

Genauso muss ein Ende sein, offen und doch richtunggebend für die eigene Phantasie.
Gut gemacht!

HG
Bianka
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MT
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BeitragVerfasst am: 23.11.2009 09:12    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Moin Bianka,

herzlichen Dank für´s Lesen und bewerten.

Zitat:
Dieser erste Absatz ist öde und trägt in keiner Weise zur Handlung bei. Was interessiert der Sohn bei dieser Romanze? Er ist überflüssig.
Fang mit dem zweiten Absatz an und man ist mitten in der Geschichte, die du erzählen willst.


Da bin ich nicht Deiner Meinung - ganz im Gegenteil. Ob der Absatz "öde" ist, dürfte Geschmacksache sein; für die Geschichte ist er aber aus meiner Sicht sehr bedeutend: Zwar hast Du vollkommen recht, dass er (vordergründig) nichts mit der Romanze der beiden zu tun hat. Doch charakterisiert er den Prota, zeigt seine Gefühlslage, seine Melancholie - gewissermaßen seine seelische Ausgangslage für die Romanze. Wenn der Leser diese nicht kennte, die Geschichte könnte unmöglich so leise, so plätschernd daherkommen.
Und der Sohn? Nun: Lies Dir vielleicht noch einmal Lupus´ Kommentar durch. Ich finde, er hat es treffend beschrieben: Auch der Satz mit dem Sohn zeigt sehr viel aus dem Innenleben des Erzählers. Der Sohn ist für mich daher nicht überflüssig.

Über das Feuerzeug habe ich mir ehrlich gesagt gar nicht so große Gedanken gemacht. Ich kenne zig Leute, die mit einem rumlaufen, auch wenn sie Nichtraucher sind. Meinst Du, dass ist wirklich schlimm?  Embarassed

Zitat:
Zitat:
Halb rechts vor mir, sie hat ihren Korb zur allmählich untergehenden Sonne gedreht und liegt mit geschlossenen Augen im Licht.
klingt komisch, besser:
Halb rechts vor mir, hat sie ihren Korb zur (allmählich) untergehenden Sonne gedreht und liegt mit geschlossenen Augen im Licht.


Ja - da hast Du recht. Werde ich nochmal rangehen. Besten Dank.

Zitat:
Genauso muss ein Ende sein, offen und doch richtunggebend für die eigene Phantasie.
Gut gemacht!


 Very Happy Vielen Dank!

MT
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MT
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 48
Beiträge: 1172
Wohnort: Im Süden (Niedersachsens)


BeitragVerfasst am: 28.01.2011 15:24    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Moin zusammen,

hab mal ein älteres Stück aus der Versenkung geholt - und vertont.

Freue mich über Meinungen...

LGMT


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Siegfried Lenz
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Amarenakirsche
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BeitragVerfasst am: 04.02.2011 17:58    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo MT!

Ich habe deinen Text nicht gelesen, nur gehört. Und ich muss sagen, du hast eine sehr angenehme Stimme, es war sehr sehr schön dir zuzuhören.
Ich war auch direkt drin in deiner Geschichte, habe den Strand, die Personen und die Holzplanke bildlich vor mir gesehen... Es war viel zu schnell vorbei!

Eine ganz kleine Anmerkung noch. Die einzige Stelle, die mich beim Hören "gestört" hat, war diese:

...so kam es, dass er immer mehr über sie zu bestimmen suchte

Das "suchte" hat mich ein wenig rausgeworfen. Irgendwie wollte es nicht zu der Frau passen, die in meinem Kopf aufgetaucht war. Es klingt ein bisschen gestochen für eine Unterhaltung im Strandkorb.
Aber das ist meine Meinung.


Ganz dickes Lob,
die Amarenakirsche
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Gast







BeitragVerfasst am: 05.02.2011 07:10    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Markus,

jetzt wäre mir deine romantische Geschichte beinahe durchgegangen. Das hätte ich bedauert. Ich habe nur die neue Version gelesen und gleichzeitig angehört. Dass mir deine Stimme und Vorleseart gefällt habe ich an anderer Stelle schon gesagt. Ich höre dir gerne zu.

Zwei Winzigkeiten hätte ich dennoch:

MT hat Folgendes geschrieben:

Mein Name ist Bjarne Graf. Ich bin vierundfünfzig Jahre alst,


MT hat Folgendes geschrieben:

Halb rechts vor mir, sie hat ihren Korb zur allmählich untergehenden Sonne gedreht und liegt mit geschlossenen Augen im Licht.


Meinst du vielleicht Kopf statt Korb?

edit: Da hat mich doch eine liebe Seele darauf aufmerksam gemacht, dass ich heute Morgen wohl noch gepennt habe. Du meinst also den Strandkorb. Mir war allerdings so, als ob du beim Sprechen selbst gezögert hättest.
Nix für ungut. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Embarassed



Ich weiß, ich bin manchmal pingelig. Nicht böse sein. Aber ich finde, in so einer schönen Geschichte stören diese Kleinigkeiten wie Tintenkleckse.

Liebe Grüße
Monika
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MT
Geschlecht:männlichDichter und Denker

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BeitragVerfasst am: 07.02.2011 10:05    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Kirsche,
hallo Monika,

danke Euch beiden, dass ihr Euch meinem Text zugewandt habt; schön, wenn er gefallen hat.

Das "suchte" ist vielleicht etwas holprig, stimmt. Dann aber müsste wohl der ganze Satz umgestellt werden. Ich mach mir mal Gedanken. Merci.

Und ja, ich meinte den Strandkorb. Habe ich beim Lesen gezögert? Hm, ist mir nicht so aufgefallen. Ich hatte immer den Korb im Auge. Auch Dir vielen Dank, Monika.

LGMT


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Siegfried Lenz
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