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Der brave Junge


 

 
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BlueNote
Geschlecht:männlichStimme der Vernunft


Beiträge: 7230
Wohnort: NBY



BeitragVerfasst am: 08.10.2009 06:48    Titel: Der brave Junge eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der brave Junge
(die Erzählweise ist einer Theater- bzw. Filmszene nachempfunden)


Sie saßen gemeinsam unter dem bunten Sonnenschirm irgendwo an der italienischen Riviera. Ihm tropfte das Schokoladeneis auf den haarigen Bauch, sie rauchte eine Zigarette nach der anderen. Das Meer rauschte wie immer, die Sonne brannte herab. Es war Mittag. Nichts passierte.
  
  "Warum schaut er nur den ganzen Tag so ernst?" Der Mann durchbrach ein langes Schweigen. Er  beugte sich zu dem Jungen hinunter: "Lach doch endlich einmal!". Zur Frau gewandt: "Das Kind ist immer so ernst. Fast zornig. Irgendwie misstrauisch...."  
  "Er ist immer nur alleine. Hat keine Freunde, verstehst du?", sagte die Frau. "Vor ein paar Wochen zündete er seinen Hasenstall an, nur aus Langeweile. Er brannte schon lichterloh. Die Hasen starben fast vor Angst, bis ich die Katastrophe entdeckte und die armen Tiere mit dem Gartenschlauch rettete."   

  "Man könnte ihn wirklich bedauern“, sagte die Frau. "Der arme Kleine. Immer ist er  allein."  
   "Gib ihm doch eine Banane. ", schlug der Mann vor.
  "Den Hasenstall ziehe ich ihm aber von seinem Taschengeld ab", meinte er leicht verärgert.  
Die Hitze steigerte sich. Die Menschen um sie herum räkelten sich in der Sonne.
"Vor einer Woche kaufte ich ihm eine Brille", erzählte die Frau nach mehreren Minuten. "Er liest viel", meinte sie. "Das würde sich lohnen, dachte ich mir - kaufen wir ihm also eine Brille." Und weiter nachdenklich: "Der Junge liest so viel." Nach einer weiteren Pause: "Liest viel zu viel." Sie seufzte.

"Er hat noch gar keine Freundin. Und das in seinem Alter. Warum hat der Junge nur keine Freundin?"  
  "Er sieht einfach nicht gut aus", meinte der Vater knapp.  
  "Von mir hat er das aber nicht", ereiferte sich die Frau.  
Der Mann biss sich auf die Unterlippe. "Das Kind bekommt eine lange Nase. Findest du nicht, dass das Kind eine sehr lange Nase bekommt?"  
  "Junge, lass mal sehen!" Die Frau musterte ihren Sohn. "Ja wirklich, sonderbar! Und Bartwuchs hat er auch schon." Sie kicherte. Danach fügte sie tonlos hinzu: "Aber eine Freundin hat er noch nicht. Alle haben eine Freundin. Er noch nicht."  
  "Er sieht auch nicht gut aus", wiederholte grummelnd der Mann.  
  "Er ist aber bereits sehr weit entwickelt, findest du nicht?"  
Der Vater schüttelte den Kopf. "Junge, stell dich doch mal vor uns hin, lass sehen!"  
  "Siehst du", sagte die Frau und kicherte. "Siehst du es jetzt? Aber eine Freundin hat er noch nicht."  
  "Sei froh", sagte der Mann. "Am Ende schwängert er uns noch ein Mädchen und dann haben wir den Salat."  
  "Davon weiß er doch noch gar nichts", meinte die Frau geheimnisvoll. "Oder hast du es ihm etwa erzählt?"  
  "Ich?", fragte der Mann entrüstet. "Warum ich? Erzähl du es ihm doch!"  
  "Nein, nein! Euer ernstes Männergespräch müsst ihr schon ohne mich führen". Die Frau kicherte erneut. Sie zeichnete mit ihrer Zehe ein Muster in den Sand.

Gedankenverloren sagte sie: "Er hat nur seine Bücher, nichts weiter als seine Bücher."  
  "Was sind das für Bücher? Hast du sie dir schon einmal angesehen?", fragte der Mann.  
  "Ja, ich habe schon einmal nachgesehen. Es waren sonderbare Bücher, in denen es kein einziges Bild gab. Nur Worte - viele Worte."  
Es entstand eine lange Pause. Fast wäre der Mann dabei eingeschlafen. Durch eine Bemerkung der Frau wurde er aber aus seinem Halbschlaf aufgeweckt: "Der Junge denkt immer so viel nach", klagte die Frau.  
Der Mann räusperte sich. Nach einer Weile griff er den Gesprächsfaden auf: "Was er nur immer denkt? Was er nur den lieben langen Tag immer zu denken hat?" Der Mann sah eine Weile stumpfsinnig vor sich hin. Danach sagte er leicht ungeduldig, zum Jungen gerichtet: "Sieh doch endlich auch einmal aufs Meer hinaus ! Jetzt, wo wir endlich hier sind, am Meer. Hast du dir das nicht immer gewünscht?" Der Vater war ärgerlich. "Hörst du die Wellen?", fragte er. "Höre den Wellen zu! Zuhause wirst du keine Wellen mehr haben."   
  "Oder geh‘ schwimmen!", fügte die Mutter hinzu. "Möchtest du gar nicht im Meer schwimmen? Alle Kinder wollen doch im Meer schwimmen."  
  "Er nicht!"  
  "Kann er eigentlich schwimmen?"  
  "Hast du es ihm nicht beigebracht?"  
  "Das weiß ich nicht mehr."
 
Wieder entstand eine lange Pause. "Was wohl einmal aus ihm werden wird?", fragte die Mutter endlich.  
  "Keine Ahnung!", erwiderte der Vater. "Junge, was willst du eigentlich einmal werden? Das weißt du nicht? Na, egal!".  
  "Computerfachleute sind heute sehr gefragt."  
  "Ja natürlich", meinte der Mann ironisch, "die nehmen ausgerechnet Leute, die in Mathematik eine 5 haben". Sein Tonfall war verächtlich.  
  "Dann hat er bei seiner Arbeit wenigstens nichts mit anderen Menschen zu tun. Das mag er doch nicht. Er ist am liebsten allein für sich." Sie überlegte. "Der arme Junge. Was wird nur aus ihm werden?"  
  "Eine Familie hat der bestimmt einmal nicht. Da soll er sich mal ein Beispiel an seinem Vater nehmen. Nur für ihn geh ich jeden Tag aufs Amt." Der Mann rümpfte die Nase. Nach kurzer Bedenkzeit fuhr er fort: "Seine Haare sind außerdem so lang. Trägt man die Haare derzeit nicht kurz? Seine sind immer so lang."  
  "Vielleicht findet er deswegen keine Freundin."
 
  "Junge, schneid doch endlich deine Haare ab!", sagte der Mann barsch.  
  "Frag doch das nächste Mal die Therapeutin, warum er noch keine Freundin gefunden hat."  
  "Sie sagt, wir brauchen uns keine Gedanken zu machen" Der Mann war leicht  geistesabwesend. "Sie hat alles im Griff. Ein paar Stunden noch ..."  
  "Sind wir doch froh, dass unser Junge so brav ist und mit Mädchen nichts am Hut hat", meinte die Frau.  
  "Du hast recht", bestätigte der Mann. "Wenn ich nur an den missratenen Halbwüchsigen denke, der bei uns Zuhause im Stadtpark dieses 13-jährige Mädchen misshandelt hat."  
  "Ja, abscheulich, so etwas!" Die Frau nickte eifrig.   
  "Vergewaltigt von einem Jungen, nur wenige Jahre älter als sie selbst, laut Aussage des Mädchens. Man muss sich das nur einmal vorstellen. Es hätte auch unser Sohn sein können, vom Alter her." Er schüttelte den Kopf. "Sie haben ihn noch immer nicht gefasst."  
  "Unser Sohn hätte es sein können?". Die Frau war entrüstet. "Der liest doch immer nur seine geliebten Bücher".  
  "Nein, um den müssen wir uns wirklich keine Sorgen machen, deswegen nicht", pflichtete der Mann ihr schnell bei. "Stimmt’s Junge, du interessierst dich nur für deine Bücher?"
 
Der Junge lächelte kalt, schloss die Augen und dachte zurück an das Mädchen im Stadtpark

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Canyamel
Geschlecht:männlichEselsohr


Beiträge: 296
Wohnort: Paris/France


BeitragVerfasst am: 08.10.2009 08:55    Titel: Antworten mit Zitat

@ BlueNote

Gefällt mir sehr gut! Man kann sich richtig vorstellen, wie diese beiden spießigen "Mustereletern" da rumsitzen, nichts in der Birne, aber Hauptsache, dem Sohn das Leben zur Hölle machen. Ich musste spontan an Loriot oder Polt denken, oder eine Szene von Fassbinder, der hat ja auch gerne die Unfähigkeit der Spießer aufs Korn genommen, tiefere Gefühle oder Empathie zu entwickeln... Bitterböse und sehr zynisch! Klasse!

Fehler habe ich beim ersten Lesen nicht gefunden. Das Ende ist natürlich, nachdem das Gespräch auf die Vergewaltigung kommt, nicht wirklich überraschend. Hat mich aber nicht weiter gestört. Es passt auf jeden Fall, da der tumbe, unbewusste Sadismus der Eltern im offenen Sadismus des Sohns seine Fortsetzung findet. Und das ist durchaus realistisch.

Liebe Grüße

Canya


_________________
Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur die langweilige nicht. (Voltaire)
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Donna
Gänsefüßchen


Beiträge: 27



BeitragVerfasst am: 08.10.2009 16:35    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo BlueNote,
Canyamels lobenden Worten kann ich mich nur anschließen.
Schöne, teils witzige Dialoge, beklemmend skurrile Atmosphäre, aber sehr gut vorstellbar.
Ich bin nur über den fehlenden Schlusspunkt und die Formulierung „Nichts passierte“ ziemlich am Anfang gestolpert.
Das kann ich mir bei einem italienischen Strand, zudem noch um die Mittagszeit, überhaupt nicht vorstellen.
Da passiert immer etwas, eng und laut ist es auch. Ist aber nur meine persönliche Meinung.
Wirklich gerne gelesen! Wink
Gruß   
Donna
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BlueNote
Geschlecht:männlichStimme der Vernunft


Beiträge: 7230
Wohnort: NBY



BeitragVerfasst am: 08.10.2009 20:24    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi!

Freut mich, dass ihr euch meiner Geschichte (Szene) angenommen habt.

@Canyamel

Jetzt, da du es sagt, erinnert mich die Szene auch ein wenig an Polt - wobei das lustige Element natürlich völlig fehlt.

Du hast meinen Text sehr treffen analysiert, vor allem mit deinem letzten Satz. Dafür danke ich dir.

@Donna
Gut, dass du das sagst, das mit dem Schlusspunkt. Da denkt man, man ist endlich fertig und es fehlt immer noch was Smile

Mittags am Strand hat für mich etwas Träges, Unnatürliches, Bewegungsloses (du siehst, ich bin kein großer Freund des Strandliegens). Es passiert nichts Großes, hier und da ein Gähnen, jemand dreht sich um. Aber kann man deswegen schon sagen, es ist etwas "passiert"?

Danke fürs Kommentieren

BlueNote
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