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Von Couches und anderen Fressfeinden


 

 
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splaQ
Schneckenpost


Beiträge: 14



BeitragVerfasst am: 22.08.2009 14:52    Titel: Von Couches und anderen Fressfeinden eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Von Couches und anderen Fressfeinden

Marks großer Hintern schmeckte lecker. Warum sonst lechzte die beigefarbene Couch mit Stoffüberzug seit über einer Stunde danach, ihn in den tückischen Schlund zwischen Rückenlehne und Sitzkissen zu saugen? Es schauderte ihn am ganzen Körper bei dem Gedanken, dass sich da unten allerlei Getier um zermatschte Gummibärchen und anderes zusammenrottete, wie dreizehnjährige Zahnspangengirlies um Tokio Hotel.

Weder war Mark Hellseher noch musste er in diesem Moment einer sein, um wie der Hecht aus dem Hollywoodblockbuster ,,Next“ in die nächsten 30 Sekunden seines Lebens blicken zu können. Trotzdem flutschte das Sitzkissen mit rasch anwachsender Geschwindigkeit einem Erdrutsch gleich Richtung Fernseher. Mit dem Arsch ziemlich weit unten in etwas, wo er gerade nicht hinwollte, und die Oberschenkel an den Körper gepresst, brach sich sein Jähzorn durch einen Peitschenhieb seines Armes Bahn. Das Polster quittierte den Schlag mit einem dumpfen Laut, tat sich aber nichts. Der Klammergriff der Couch saß weiter bombenfest. Dauerte ein Weilchen, bis er da keuchend raus-geschnauft kam.

Er war nun mal kein Kämpfertyp. Er bestach eher mit Qualitäten wie Humor und Gelassenheit. Seine Freunde schleiften ihn nur selten zum Fußballspielen mit, dafür liebten sie aber seine Sprüche und Witze, wenn sie an einem heißen Sommertag mit der Shisha am See entspannten.

Oben auf, stürzte sein Blick aus dem feisten Gesicht wieder runter nach unten. Auf die Flimmerkiste, die seit drei Jahren einem anständigen Sockel entbehren und statt dessen auf einem ausgefransten Foliantenstapel wackeln musste. Das passte optisch aber sehr gut zum Rest der Wohnung.
,,So wie Studenten nun 'mal sind“, hatte seine Mutter ihrem Ehemann neulich beim Besuch des Sohnemanns erklärt. Der Vater nannte ihn trotzdem ,,fauler Sack!“

Mark merkte zunächst gar nicht, wie sich das Licht im Raum veränderte.
Doch mit dem bunten Flackern des Fernsehers im ansonsten dunklen Wohn-Schrägstrich-Schlafzimmer vermischte sich schnell etwas Fremdes. Das bläuliche, rein und raus Zuckende kroch lautlos wie eine Schlange durch seine Fenster die Wohnungsdecke entlang.
Dann erreichte die Autowerbung ihr Ende. Wo eben noch schillernde Farben des ganzen Spektrums an den Sehnerven zerrten und vereinnahmten, färbte sich der Bildschirm plötzlich pechschwarz. Als hätte der Kasten ihm den Rücken gekehrt.
,,Renault - créateur d'automobile“, hauchte eine fast schon erotische Stimme.
Am Ende dieses Werbespots stutzte er nicht über die revolutionäre Erkenntnis, dass Renault ein Autohersteller ist. Dafür aber über das Blaulicht, welches in Intervallen von draußen hereinblitzte und das er endlich als solches wahrnahm. Er hielt mit angestrengtem Blick gen Fenster inne, während sein Kopf ratterte.
,,Polizei?

Den Gedanken wollte er verjagen. Schon aus Bequemlichkeit. Er schaffte das erstaunlich gut.
Sicher keine Polizei. Sicher ein Krankenwagen.
Er prüfte den Gedanken zwei, höchstens drei Sekunden und widmete sich dann wieder dem Fernsehprogramm. Ganz bestimmt hatte eine ältere Lady einen Infarkt gehabt. Immerhin bestand dieses Viertel schon fast aus alten Ladies.

Plötzlich Fußgetrampel im Treppenhaus des Altbaus. Ein Hall, als würde eine ganze Armee im Stechschritt anrollen. Mark horchte trotz seiner Erklärung dafür auf. Ihm war kaum bewusst, warum. Seine schlaff hängenden Schultern verkrampften sich nach vorne. Eine Salve ,,Ding Dong“'s der Türklingel ließ ihn schließlich einen Schritt zurückschrecken.
Dabei hatte er sich doch beim letzten Samstagabend-Blockbuster ausgemalt, ein gestandener Mann zu sein. Einer, der sich nicht gleich duckt.
Nach einigem Zögern schlurfte er mechanisch zur Tür. Es klingelte noch einmal, bevor er sie erreichte.
Er drückte die Klinke nach unten und zog sie heran. Näher und näher. Es schien ihm eine Ewigkeit, bis der Spalt in der Tür groß genug war, um die Störenfriede Preis zu geben.
,,Polizei!

Er blickte in zwei Gesichter. Direkt vor ihm ein Mann mit markantem Kinn und Schnauzer. Seine Gesichtszüge machten den Eindruck, als seien sie aus Stein gemeißelt. Hart und unbeweglich, genauso wie seine Augen, die den Wohnungsinhaber fixierten.
Seitlich hinter dem Polizisten stand eine Kollegin mit aschblonden Haaren unter der grünen Mütze. Sie musterte Mark, als fände sie ihn eklig.
,,Guten Abend, wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte Mark zu seiner eigenen Überraschung sehr ruhig und gefasst.
Der Polizist antwortete ihm ohne Umschweife: ,,Abend, sind Sie Herr Deckler?“
,,Ja … Ja, das bin ich.“
,,Wir hätten da einige Fragen an Sie. Wo waren sie letzte Nacht um 0:49 Uhr?“, schlug es ihm schroff entgegen.
,,Gestern Nacht? … Ich war gestern zu Hause und habe Fern gesehen. Wieso wollen Sie das wissen?“
Der Mann ignorierte die Frage und fuhr mit der Vernehmung fort: ,,Sie waren aber nicht die ganze Nacht über in der Wohnung, oder, Herr Deckler?“, er pausierte, ,,Sie waren noch beim Spätkauf zwei Blocks von hier entfernt, stimmt's?“
,,Ja, gut, das stimmt“, gab Mark dem Beamten zu. Er spürte, wie ein kalter Schweißtropfen seine Stirn hinunter rann.
Mark fühlte, wie die Augen des Mannes den Bruchteil einer Sekunde über seine Stirn flogen, sie abtasteten. Er schien ein erfahrener Polizist zu sein.
,,Wir haben Aufnahmen von dem jungen Mädchen und Ihnen in der Seitenstraße. Der kleine Elektroladen, vor dem sie mit der Einkaufstüte des besagten Spätkaufs standen, ist video-überwacht. Der Inhaber vom Spätkauf meinte außerdem, dass sie ungefähr zur Tatzeit Kunde bei ihm waren. Der einzige.“

Marks Magen zog sich krampfhaft und gurgelnd in seinem Inneren zusammen. Er war nicht in der Lage, etwas zu erwidern. Ihm wurde heiß. Ein lautes Pfeifen streifte wie aus dem Nichts sein rechtes Ohr. Wurde schnell lauter und klang genauso schnell wieder ab.
,,Ziemlich tote Gegend hier in der Nacht. Da sie hier wohnen, dürfte ihnen das bekannt sein, oder, Herr Deckler?“, fuhr der Beamte fort, die Arme nunmehr vor dem Körper verschränkend. In seinem Blick glänzte bereits etwas Triumphierendes. Die Frau enthielt sich weiterhin und verfolgte das Zwiegespräch.
,,Das Mädchen hatte keine Chance“, er atmete schwer aus, ,,Wissen Sie, wie jung sie war?“
Endlich platzte der Knoten, der Marks Hals von der Erwähnung des Mädchens an fast luftdicht abgeschnürt hatte und eine Fülle von Wörtern sprudelten aus seinem Mund heraus:
,,Was woll'n Sie damit sagen? Was kann ich denn für die ganze Sache? Das war doch nicht meine verdammte Schuld! Überhaupt, was soll denn bitte passiert sein?!“
,,Na was meinen Sie wohl, Herr Deckler, was ist wohl passiert, dass die Polizei vor ihrer Türe steht“, rieb der Polizist ihm diese Frage wie eine nüchterne Information unter die Nase. Marks Nackenhaare stellten sich auf. ,,Das darf alles nicht wahr sein!“, sagte er sich fassungslos in Gedanken, denn er fing an zu denken, zu begreifen.
  
,,Mich interessiert nur noch eine Frage“, meldete sich die Beamtin endlich zu Wort. Immer noch die Züge der Verachtung in ihrer Mimik: ,,Warum haben Sie das getan? Warum haben sie einfach weggesehen?“
Irgendwo im vierten Stock fiel eine Tür geräuschvoll ins Schloss. Ansonsten war nichts zu hören. Niemand sagte etwas.
,,Ich weiß nicht“, nuschelte Mark kleinlaut. Ihren Blick konnte er nicht erwidern und senkte deshalb den eigenen.
,,Sie wissen nicht?“, zischte die Polizistin ungläubig und schob dabei ihren Kopf nach vorne, ,,Das Mädchen lag auf der gegenüberliegenden Straßenseite, als Sie zu ihr rüber sahen. Die Autopsie hat ergeben, dass sie wohl auf einer vereisten Pfütze ausgerutscht ist und durch den Aufschlag mit dem Kopf das Bewusstsein verloren hat. Gestorben ist sie nicht daran. Sie ist im Laufe der Nacht erfroren.“
Blut schoss ihm in den Kopf. So stark, dass es ihn benommen machte. Sie ist also gestorben. Er versuchte sein Haupt zu heben. Der Frau in die Augen zu sehen. Doch es war, als hingen Gewichte an seinem Tunnelblick. Er konnte es nicht.
,,Sie hätten sich nicht einmal groß um das Mädchen kümmern müssen. Es hätte gereicht, wenn Sie einen Krankenwagen verständigt hätten. Dann würde sie jetzt noch leben. Statt dessen haben sie sich kaltblütig abgewendet. Sind weiter gegangen“, schloss die Frau mit angegriffener Stimme.
Mark kämpfte mit den Tränen. Schluchzen mischte sich unter seine Atemzüge. Ein Hinweis auf die nahende Niederlage dieses Kampfes.
,,Ich... Ich wollt' doch gar nichts Böses“, er unterbrach sich selbst durch ein leises Wimmern, ,,Ich war auf'm Rückweg vom Spätkauf und sah sie da liegen. Ich wusste ja nicht, was mit ihr war. Ich dachte ihr wird’s schon gut gehen. Irgendwer würde sich schon kümmern. Mir war kalt. Ich wollte einfach schnell zurück nach Hause auf meine Couch. Was Böses wollte ich wirklich nicht.“

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Ahriman
Geschlecht:männlichKlammeraffe

Alter: 87
Beiträge: 743
Wohnort: 89250 Senden


BeitragVerfasst am: 22.08.2009 18:16    Titel: Antworten mit Zitat

Nicht schlecht, die Geschichte.
Das Fazit?
Totschlag durch unterlassene Hilfeleistung. Könnte zwei drei Jahre mit Bewährung geben.
Als Zyniker könnte ich gemein werden:
"Na und? Er hat es nicht anders gemacht als der Liebe Gott. Der schaut auch weg und geht weiter."
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Murmel
Geschlecht:weiblichSchlichter und Stänker

Alter: 65
Beiträge: 7677
Wohnort: USA
DSFo-Sponsor


BeitragVerfasst am: 23.08.2009 13:11    Titel: Antworten mit Zitat

DIe ersten zwei Paragraphen haben mirs schwer gemacht... das war mir zu konfus. Danach hats sich entwickelt. smile

_________________
*Koppelmord - Carlsen Instantbooks 2013
*Flauschangriff - Piper/Weltbild 2014, Piper Fahrenheit 2017
*Katertage zum Verlieben - Thienemann 2014
*Bocktot - Gmeiner-Verlag 2017
*Brunnenleich - Gmeiner-Verlag Juli 2018
*Gut Gebellt, Katze - Edel Elements September 2018
*Schwarze Küste - Gmeiner Verlag Februar 2019
*Marias Geheimnis - Weltbild/Edel Elements 01.03.2019
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splaQ
Schneckenpost


Beiträge: 14



BeitragVerfasst am: 23.08.2009 17:17    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Ahriman und Murmel!

Danke für's Lesen und die aufmunternden Kommentare ihr beiden smile

Zitat:
DIe ersten zwei Paragraphen haben mirs schwer gemacht... das war mir zu konfus.


Ja, ja, die ersten zwei Absätze... Konnte man ihnen als Leser im Nachhinein denn wenigstens einen plantschbecken-tiefen Sinn zuweisen?
Die Couch, bzw. dass die Couch Mark "verschluckt", war als Allegorie gedacht, die auch den Schluss ein bisschen würzen sollte.
Ich glaube, das ist mir irgendwie misslungen...
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