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Die Geschichte von Casasciegas [Arbeitstitel]


 

 
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absinthefreund
Gast






BeitragVerfasst am: 24.08.2009 00:29    Titel: Die Geschichte von Casasciegas [Arbeitstitel] eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hab mich schon lang nicht mehr hier blicken lassen, was wohl auch daran lag, dass ich vom Schreiben gefrustet war. Nun hat es mich wieder gepackt und ich sitze an dieser "längeren Kurzgeschichte" und hätte gern ein paar Meinungen dazu.
Die Geschichte spielt in einem fiktiven Städtchen in Spanien um 1860 und ist eingeteilt in Akte (weiß noch nicht, wie viele es werden, bin grad im vierten). Das liegt daran, dass sich der Plot vor meinem inneren Auge Cool wie ein Bühnenstück abspielt.
Voilà.
--------------------------------------



Jornada Primera

~ in welcher Maestro Naranjo scheinbar sein Glück findet
und die Schneiderin Conchita skeptisch bleibt ~



Maestro Naranjo schob seine Hakennase an den Auslagen im Schaufenster entlang. Er war von dunkler Gestalt und ging etwas gebückt von den vielen Stunden, die er am Schreibtisch oder kniend im Garten verbrachte.
Im Laden hob Conchita, die Schneiderin, grüßend die Hand und winkte ihn mit den Augen herein. Er straffte sich und sein Blick floss vom Schaufenster zu Conchita und zurück nach draußen. Gemäßigten Schrittes trat er in den Laden und bemühte sich steif ein freundliches Lächeln aufzusetzen.
„Sie sehen wie immer etwas blass aus um die Nase“, sagte Conchita, die Stoffballen rollte. Ihre feinen Gardinen waren berühmt bis über die Grenzen des Städtchens, ebenso wie ihre seidenen Strümpfe und hübschen Mieder. Häufig kamen elegante Damen mit Spitzenschirmen und spitzer Nase um sich von ihr Maß nehmen zu lassen für dieses oder jenes Kleid.
Maestro Naranjos Mund zuckte zuvorkommend. „Hat Ihnen mein Sand gegen die tauben Finger geholfen?“
„Oh ja, ich bin Ihnen sehr dankbar! Und ich habe mich sofort daran gesetzt Ihre Handschuhe fertig zu nähen. Sie werden Ihnen die Arbeit im Garten erleichtern.“ Conchita drehte sich mit bauschenden Hüften um sich selbst und griff nach einer Schachtel auf dem Regal. Ein grünes Paar Lederhandschuhe lag in Seidenpapier gebettet als sei es ein Geschenk an den König.
Naranjos Brauen hoben sich in die Stirn, so schwerlich konnte er seine Bewunderung verbergen. „Sie sind wohl die Einzige im ganzen Land, die noch ihre Schneiderkunst alleine und gänzlich von Hand erledigt. Sie machen sich das Leben schwer. Ein paar Prisen meines Sandes hier und da und das Geschäft würde sprießen wie Pilze in der Feuchtigkeit.“
Sie lachte glockenhell. „Das Geschäft läuft genau so wie ich es möchte. Kommen Sie nicht auch nur zu mir, weil Sie meine Arbeit schätzen für das, was sie ist?“
Er nickte und erlaubte es sich, wohlwollend den Blick durch den Laden streifen zu lassen. An einem Paar Gardinen blieb er lange hängen. So lange, dass Conchita sich leise räusperte, die Schachtel mit den Handschuhen wartend in ihren Armen.
„Das ist“, murmelte Naranjo und tat die Schritte, die ihn von der Berührung mit den Gardinen trennten. Er kehrte sich zu Conchita um. „wunderschön.“
Er sagte es so voller Inbrunst, dass sie errötete als er hätte er ihr das Kompliment gemacht. Sie senkte den Blick, suchte wirr von der Schmeichelei nach Worten. Umso überraschter war sie, als sie aufschaute und eine Träne sah, die an Naranjos Nase entlang glitzerte.
„Ich möchte sie kaufen“, sagte er mit belegter Stimme, wie Conchita sie nie bei ihm gehört hatte. Rote Flecken und ein Glänzen in seinen Augen waren aufgetaucht und verwandelten ihn zum ersten Mal in den jungen Mann, der er tatsächlich war. „Sie sind perfekt.“
„Gewiss, gewiss“, murmelte die aufrichtig verwirrte Conchita, stellte die unbeachtete Schachtel auf den Tresen und segelte hinüber zu den Gardinen. Sie ließ die fein gehäkelte Seide durch ihre Finger rinnen und aus irgendeinem Grund wurde sie melancholisch. Es war nicht so als hinge sie besonders an diesen Gardinen, sie wollte nur nicht, dass Naranjo sie mit solchem Verlangen ansah.
„Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sie sich gut machen in Ihrem Heim.“ Conchita wickelte die Gardinen sorgfältig in Papier, während sie an die baufällige Holzhütte des Maestro dachte, durch deren Wände das Sonnenlicht und deren Dach der Regen blitzte. Eine Feuerstelle inmitten des einzigen Raumes bedeckte regelmäßig die wenigen Habseligkeiten mit einem Rußteppich und es roch dort entweder verbrannt oder modrig.
Zu ihrer zweiten Überraschung errötete Naranjo noch mehr. „Ich hoffe sehr, dass sie sich gut machen in meinem Heim.“ Er nahm das Päckchen von Conchita an, bezahlte hastig und ebenso hastig verließ er den Laden. Sein dunkler Mantel flatterte über den lichtdurchflutenden Marktplatz, während Conchita ihm ratlos nachschaute und fand, dass er wie ein Schatten aussah.

Naranjo presste das Päckchen dicht an seine Brust, die sich kläglich hob und senkte, nicht daran gewöhnt, ihrem Besitzer Luft für so schnelle Läufe zu geben. Er merkte die Erschöpfung nicht; auch nicht als er schwankend vor seiner Hütte stand und die Tür aufstieß. Er riss das Papier von den Gardinen und tauchte seine Nase in die Seide. Endlich hatte er gefunden, was ihm gefehlt hatte. Er hatte die Gardinen gesehen und sofort gewusst, dass sie der Schlüssel zu seinem Herzen waren. Er würde eine Frau aus ihnen machen, eine Frau aus Fleisch und Blut, die er lieben konnte.
Alte, verbotene Magie würde er gebrauchen müssen, das machte ihn etwas nervös im Magen. Andererseits würde er so voller Liebe für die Gardinenfrau sein, dass die Liebe die dunklen Schatten verwischen würde. Es war auch schließlich nicht das erste Mal, dass er sich an verbotener Magie versuchte, er wusste, worauf er sich einließ.
Er überlegte tief in sich versunken, was der erste Schritt sein sollte. Bevor er mit der Zeremonie begann, sollte er meditieren und eine geistige Verbindung zu den Gardinen herstellen. Dann würden die richtigen Sande und Rituale schon ihren Weg in seinen Kopf finden. Von einer Entschlossenheit gepackt, die selbst ihm fremd war, warf er die Gardinen wie einen Schal um seinen Hals, sog noch einmal genussvoll ihren Mandelduft ein und trat ins freie Sonnenlicht.
Er ging spazieren, stundenlang und sich mit den Gardinen unterhaltend. Niemand begegnete ihm, er schlug bewusst ungenutzte Pfade ein, damit ihn bekannte Gesichter nicht in einem solchen Aufzug sahen.


Es war blausamtiger Abend, als er zurückkam. Sein Haar war zerzaust und die sonst bleiche Hakennase sonnenverbrannt. Er fühlte sich unendlich müde und zugleich voller Zufriedenheit. Auf dem Spaziergang war ihm ein Sand nach dem anderen erschienen, ja, der gesamte Zeremonienakt hatte sich ihm ausgebreitet. Sofort wollte er sich an die Arbeit machen, keine Zeit mehr verlieren.
Die gesamte Nacht verbrachte er damit alte Weisen zu singen: Aus den Tiefen seines Zwerchfells formte er Töne, die den Boden vibrieren ließen, aus den Engen seiner Stimmbänder zirpte solch makelloses Vogelgezwitscher, dass die gefiederten Nachttiere ganz still waren und ängstlich lauschten. Währenddessen fegte er die Stube, stellte Lichter auf und fing Elfen zart wie Libellen, die er in einem Kreis bannte. Er wusch sich und kleidete sich in ein weißes Hemd, streifte das Menschliche von seiner Haut und begann einen Tanz mit den Gardinen im Arm. In einer Hand hielt er unheilige Sande, die in staubenden Fäden seinen Bewegungen folgten. Immer wilder drehte er sich, die Gardinen flogen und zogen Spuren ihres Mandeldufts.
Er rief die Kehrseiten der vier Elemente zu sich, damit sie dem Toten Dasein einhauchten. Er schmeichelte dem toten Wasser, auf dass es die Gardinen leicht und grazil in ihren Bewegungen mache. Er kniete vor dem toten Feuer, auf dass es ihnen Leidenschaft schenke und ihnen eine flüchtige Röte auf die Wangen zaubere. Er rief nach der toten Luft, auf dass sie ihnen geistreichen Witz und ein vergnügtes Wesen einhauche. Er betete zu der toten Erde, auf dass sie sie wohlgestalt und gesund ein Genuss für die Augen mache.
Stunde um Stunde rief und betete, schmeichelte und kniete er, tanzte, tanzte, bis sich der Morgen ankündigte. Frisch und still und silbern kam er über einen Hügel gewandert, die Melancholie der Nacht mit sich ziehend.
Ein erster gleißender Speer bohrte sich durch die unzähligen Ritzen in Naranjos Hütte und verfing sich in den Gardinen, die noch immer wirbelten. Dort, wo das Licht getroffen hatte, färbte sich die Seide rot. Sie schwang sich in Form, brach in der Mitte auseinander und seufzte laut und lieblich.
Naranjos Herz machte einen Sprung und fast vergaß er weiterzutanzen. Im letzten Moment setzte er den Fuß auf die Erde und schraubte eine jauchzende Pirouette. Immer schneller nun vollzog sich die Verwandlung. Da kam eine zierliche Porzellannase zum Vorschein, auf dem Rücken ein filigranes Stickmuster, ein Paar goldene Augen, Hals, Schultern, Brust, alles von feinen Stickereien benetzt. Naranjo konnte sich schwerlich satt sehen an dem Wunder. Wild flackerte, was von den Gardinen übrig war, riss auseinander, ringelte sich auf und lockerte sich in wellendem Honighaar.
Sie war vollkommen und breitete die mandelduftenden Arme aus. Naranjo umschloss sie und erschöpft sanken sie gemeinsam zu Boden in den Schlaf uralter Magie.
Draußen flogen die Vögel davon und der Sonnenstrahl zog sich aus der Hütte zurück. Das Gras auf der Erde wich zu allen Seiten und drängte sich gegeneinander. Die Bäume zogen ihre Wurzeln unter der Hütte weg und neigten sich wie unter einem unsichtbaren Sturm gebeugt.
Drinnen fielen, ihrer Lebenskraft beraubt, lautlos die Elfen aus der Luft.

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Konwiramur
Gänsefüßchen


Beiträge: 31



BeitragVerfasst am: 24.08.2009 09:52    Titel: Antworten mit Zitat

Ich warte schon mit Spannung auf die Fortsetzung, da ich ganz im Bahne deiner faszinierenden Erzählweise stehe.
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absinthefreund
Gast






BeitragVerfasst am: 24.08.2009 18:59    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Dankeschön für das Lob, Konwiramur! smile
Ich warte noch, ob sich noch ein paar Leser melden, bis ich mehr reinstelle. Wie ich die hier kenne, haben bestimmt Einige was zu meckern.
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Vidora
Geschlecht:weiblichLeseratte

Alter: 34
Beiträge: 159



BeitragVerfasst am: 25.08.2009 10:46    Titel: Re: Die Geschichte von Casasciegas [Arbeitstitel] Antworten mit Zitat

Hallo absinthefreund,

ich mag deinen Text.
Die Atmosphäre gefällt mir. Dein Protagonist ist recht lebendig und eigen obwohl - oder gerade weil - du nicht viel über ihn erzählst. Du charakterisiert ihn sehr gut durch Gesten und Details wie z.B. seine Nase. Das gleiche gilt für Conchita.

Dein Schreibstil ist mal was anderes. Teilweise verspielt aber auch frisch. Ein bisschen 'poetisch' aber dabei nicht zu wirr. Das Einzige, was mich ein wenig stört, sind die 'Elfen' das klingt irgendwie so sehr nach mainstream-fantasy und passt nicht so recht.

Ansonsten habe ich nur eine kleine Unsauberheit gefunden:

absinthefreund hat Folgendes geschrieben:

Auf dem Spaziergang war ihm ein Sand nach dem anderen erschienen, ja, der gesamte Zeremonienakt hatte sich ihm ausgebreitet. Sofort wollte er sich an die Arbeit machen, keine Zeit mehr verlieren.
Die gesamte Nacht verbrachte er damit (Komma?) alte Weisen zu singen:


Aber das ist kaum der Rede wert.

Ich schließe mich Konwiramur an: ich würde gerne wissen, wie es weitergeht.

Liebe Grüße,
Vidora


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Felix
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 34
Beiträge: 350



BeitragVerfasst am: 25.08.2009 11:44    Titel: Antworten mit Zitat

Das verspricht wirklich ein tolles Märchen zu werden, das du da entwickelst.
Auf der einen Seite leicht düstere Anklänge, auf der anderen Seite strotzt die ganze Geschichte aber auch nur so von Farben (jedenfalls vor meinem inneren Auge). Das ist natürlich deinem Schreibstil geschuldet.
Bei dem Text beginnt mein Kopfkino so richtig zu laufen, ich seh alles genau vor mir. Für mich hast du damit bisher alles richtig gemacht, mehr davon.

mfg

Felix


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F.S. Fitzgerald
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absinthefreund
Gast






BeitragVerfasst am: 25.08.2009 16:48    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke, Vidora und Felix fürs Lesen und mehr noch für das Lob. Very Happy
Freut mich ungemein, dass euch der Schreibstil zusagt. Tut er nicht jedem.
Was solls. So muss er sein!

Die Unsauberkeit seh ich ein. Wie wärs mit "vollständiger Zeremonienakt"? Kein grandioses Wort, aber an dieser Stelle ist das schon in Ordnung. Wenns fertig ist, gehe ich ohnehin nochmal mit zwei kritschen Augen drüber.

Die Fortsetzung kommt bald. Hoffe, den guten Eindruck aufrechzuerhalten!
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absinthefreund
Gast






BeitragVerfasst am: 27.08.2009 14:32    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Jornada Segunda

~ in welcher Maestro Naranjo verliebte Züge annimmt,
die Conchita dazu veranlassen, Maßnahmen zu ergreifen ~



Conchita setzte gerade den Schlüssel an das Schloss, als sie die Veränderung wahrnahm. Die Luft knisterte wie vor einem Gewitter und drüben in den Hügeln bogen sich die Bäume als tobe dort ein Orkan. Die Schneiderin wandte den Blick ab und sah sich auf dem Marktplatz um, der zu dieser Stunde noch in kühlem Schlaf lag. Sie spürte eine fremde Präsenz, doch konnte sie nicht ausmachen, woher sie kam. Eilig und die Schultern hochziehend schloss sie die Ladentür auf und verbarrikadierte sich in ihrem Geschäft. Sie ließ einen der Vorhänge zugezogen, machte Licht und setzte sich dorthin, wo sie einen guten Überblick haben, aber niemand sie von draußen sehen würde. Eifrig begann sie zu arbeiten, damit die Zeit durch Beschäftigung schneller verging.
Immer wieder hob sie den Kopf, um auf den Platz zu spähen. Im Brunnen plätscherten stumme Fontänen, schaukelten das Wasser im Bassin. Conchita zischte leise, als sie sich stach. Tief beugte sie sich über ihre Arbeit und zwang sich nicht mehr aufzuschauen. Ihre Finger waren flink und angespannt und endlich fand sie ihren Rhythmus, mit dem sie weiternähen konnte ohne auf Zeit noch Bedürfnisse zu achten. Draußen wurden das Licht und die Temperatur Schritt für Schritt wärmer. Der Bäcker öffnete seinen Laden. Die beschlagenen Hufe eines Pferdes trabten über den Platz. Die Kirchturmglocken läuteten und Conchita bekreuzigte sich und murmelte ein hastiges beschämtes Gebet, ohne die Nadel zur Seite zu legen.
Bis es an der Tür polterte.
Conchita riss es in die Höhe, doch sie tat keinen Schritt.
„Conchita? Sind Sie da?“
Erleichtert ging sie zur Tür und öffnete Maestro Naranjo.
Seine Erscheinung ließ sie fast ein zweites Mal aufspringen. Wirr wie ein schwarzer Busch stand sein Haar ab und in seinen Augen sprang ein grüner Glanz, der sonst nur in Begleitung einiger Gläser Absinth erschien.
„Ich möchte Ihnen jemanden vorstellen!“, sagte er kurzatmig und schwankte leicht bei den Worten.
Sie schluckte und hielt ihn am Arm. „Möchten Sie nicht erst einen Kaffee trinken oder... etwas Stärkeres? Sie sehen aus als würden Sie sich nicht mehr lange auf den Beinen halten.“
„Kommen Sie, ich bitte Sie.“ Er flehte förmlich. „Immerhin ist es auch Ihr Erfolg.“
Sie wollte es gar nicht hören. Dennoch folgte sie ihm, auf unheimliche Weise war sie neugierig.
Noch bevor sie die letzte Stufe vor der Ladentür hinter sich gelassen hatte, sah sie es.
Die Frau stand im Brunnen und ließ das Wasser unbekümmert auf sich nieder prasseln. Conchita wusste, dass der Strahl hart war und auf dem Schädel schmerzte. Sie hatte es als Kind schon erfahren. Doch die Frau harrte reglos mit einem Lächeln im Gesicht.
Conchita folgte dem zielstrebig marschierenden Naranjo.
„Angebetete.“ Er reichte ihr eine Hand, die sie ergriff, um aus dem Bassin zu steigen. Wasser lief in Sturzbächen an ihr herunter. Sie war nackt.
„Haben Sie mich hergebracht, damit ich ihr Kleidung nähe?“, fragte Conchita mit dünner Stimme. Unfähig ihr ins Gesicht zu blicken, klebte sie an den Knien der Frau, die mit gestickten Blüten verziert waren.
„Eine fabelhafte Idee. Ist das in deinem Sinne, Angebetete?“
Die Frau schüttelte sich wie ein Hund, dass es spritzte, und Conchita wagte einen Blick auf sie. Sie war größer als der Maestro und von vollkommener Gestalt. Über und über mit Blüten wie von einer zweiten Haut bedeckt und gekrönt mit Seide, die in feinsten Fäden bis zur Hüfte fiel.
Ehe sie es sich versah, stand sie mit Naranjo und der Gardinenfrau in ihrem Laden und nahm Maß von ihren wohlgeformten Gliedmaßen. Sie hörte Naranjo, der in sich überschlagenden Worten redete, und sich selbst, die ihm in gleicher Manier antwortete. Sie versuchte ihm mit Worten den Mund zu versiegeln, weil sie es unerträglich fand, dass er früher nie so gesprächig gewesen war. Rosa Baumwolle, denn es war Sommer, vielleicht aber auch etwas Gelbes, das würde ihre goldenen Augen und ihr Haar unterstreichen, ärmellos sollte es sein, dazu ein gehäkeltes Jäckchen für kühle Abende, aber in dichten Maschen und in kräftigem Ton, damit es sich nicht mit ihrer Haut biss...
Während sie im Lager passende Stoffmuster suchte, fiel Conchitas Blick auf die Handschuhschachtel, die Naranjo am vorherigen Tag vergessen hatte. Die gleiche Melancholie, die sie in diesem Moment erfasst hatte, stieg wieder in ihr hoch. Kurzentschlossen ließ sie die Stoffe liegen und trat mit der Schachtel an Naranjo heran.
„Ich kann es kaum glauben!“, rief sie. „Sie haben doch tatsächlich gestern Ihre Handschuhe vergessen.“
Die Augen des Maestro rundeten sich. „Bei all der Aufregung hatte ich ganz...“ Er fühlte das weiche Wildleder, das ihm Conchita entgegen hielt. Einen Moment hielten sie beide die Handschuhe, und der Schneiderin wurde bewusst, dass ihre ganze Zuneigung in dieser Arbeit steckte.
„Was ist das?“ Eine Hand erschien aus dem Nichts, schloss sich fest um die Handschuhe und entriss sie dem Griff der Anderen. Für den Bruchteil einer Sekunde wanderten ihre Gedanken von Conchita zu Naranjo und dann zu sich selbst, was natürlich keiner sehen konnte. Doch es erklärte ihr zwei Dinge, die fortan ihr Handeln bestimmen sollten.
Es war das erste Mal, dass Conchita die Stimme der Frau hörte und sie fand, dass sie hässlich klang wie die einer Nachtigall.
Sie streifte die Handschuhe über, die bis zu den Ellenbogen reichten und ihr zu groß waren. „Oh Liebster, sie sind wie gemacht für mich. Sie stehen mir ausgezeichnet und sind viel hübscher als der ganze Pfusch hier.“
Naranjo konnte den Blick nicht von ihr lösen. Sein Nicken kam abwesend. „Wie soll ich dich nennen, Angebetete?“, fragte er.
Sie hob nachdenklich einen behandschuhten Zeigefinger an die Nase und schwieg.
„Almendra sollst du mich nennen.“ Sie nahm den Finger herunter und lächelte. „Damit ich immer in deinen Gedanken bin.“
Naranjo schien überrascht und auch Conchita runzelte die Stirn, doch dann erhellte sich seine Miene schlagartig und er schenkte Almendra seinen ersten Kuss. Auf die Hand.

Als der Maestro und die Gardinenfrau, Conchita weigerte sich, sie Almendra zu nennen, gegangen waren, fiel sie erschöpft auf ihren Hocker. Sie löste umständlich ihr Mieder, aus dem Gefühl nicht atmen zu können, und warf es in eine Ecke.
Dann begann sie zu putzen. Fegte den Sand hinaus, wischte Staub, schrubbte die Böden, den Tresen, schmiss die Dekoration aus dem Schaufenster und setzte neue hinein. Als sie fertig war, war es abends. Sie glühte vor nasser Hitze und fühlte sich etwas besser. Auch ihr Kopf war endlich frei von Gardinen und grünen Hexeraugen und ihr wurde schlagartig klar, dass sie Hilfe suchen musste. Sie war immer eine Frau der Tat gewesen und so auch in diesem Moment. Also wusch sie sich, warf ein Tuch um die Schultern und verließ den Laden in Richtung Taverne. Im Gitano würde wie jeden Abend das halbe Städtchen zusammenfinden und gewiss würde man dort ein offenes Ohr für den Wahn des Maestro haben.
Sie überquerte den Marktplatz im Laufschritt und unter Gänsehaut, stieß die Tür des Gitano auf und trat aus dem kühlen Abend in die feuchtwarme Schankstube. Wie erwartet hing Rubén gekrümmt am Tresen und starrte aus wässrigen Augen den Ankömmlingen entgegen. Er erkannte Conchita und versuchte ein Lächeln, doch er verlor seinen Speichel und schloss schnell wieder den Mund. An dem Tisch, der am weitesten im Schatten lag, saßen zwei Gestalten, die die Schneiderin nicht sofort erkannte, ihnen aber auch keine weitere Beachtung schenkte. Sie war mit einer dringlicheren Pflicht hier.
Etwas war anders an diesem Abend. Statt den ganzen Schankraum auszufüllen, drängten sich die Bewohner von Casasciegas vor dem großen offenen Kamin auf der gegenüberliegenden Seite des Tresens. Wenn er Rubén vom Rotwein nachschenkte, lenkte der Wirt seine neugierigen Augen in die Richtung, aus der Lachen und angeregte Gespräche kamen. Conchita folgte seinem Blick, konnte jedoch nicht den Grund der Aufregung erkennen. Entschieden strebte sie den Tresen an und hämmerte ihre Fingerknöchel auf das Holz, damit der Wirt sie bemerkte.
„Ah“, sagte er etwas benebelt und dann einen Moment lang nichts, „Conchita, ein seltener Gast. Darf es ein Schluck Rotwein sein zur Feier des Tages? Einmal im Jahr müssen doch auch Sie eine Ausnahme machen.“
Conchita nickte ohne zu Zögern. Etwas sagte ihr, dass sie für ihre Mission mehr Courage brauchte als sie von sich aus besaß. Das Gesicht des Wirts zuckte verkrampft bei der raschen Zustimmung, es war als hätte die Schneiderin nach all den Jahren beharrlichen Ablehnens seines Weins, ein Ritual gebrochen. Doch diese bemerkte seine verlorene Fassung nicht. „Ich habe eine dringende Angelegenheit, Vasco, die die ganze Stadt betrifft. In meiner Verzweiflung bin ich hierher gekommen, um alle zu warnen, aber ich brauche Unterstützung. Ich fürchte, wenn wir nicht durchgreifen, wird es Maestro Naranjo bald sehr schlecht gehen und er wird nicht in der Lage sein, sich selbst zu helfen. Das fühle ich deutlich.“ Die letzten Worte fügte sie murmelnd hinzu.
Zu ihrer Überraschung lachte der Wirt auf. „Oh, machen Sie sich keine Sorgen, Naranjo ist inzwischen in guten Händen. Sie haben Recht, er sah wirklich ungesund aus, zerstreuter als sonst und fast drohte er seine Pflichten zu vernachlässigen. Aber wie durch ein Wunder – möchte ich meinen – hat sich alles zum Guten gewendet.“ Er nickte, um seine Überzeugung zu bekräftigen.
Conchita wollte ihren Ohren nicht trauen. Die Last, die sie seit gestern mit sich getragen hatte, schien sich aufzulösen. Leichtigkeit lockte sie, doch sie brauchte Gewissheit. „Tatsächlich?“, fragte sie.
„So wahr ich hier stehe!“
„Waren meine Sorgen also unbegründet?“
„Sie machen sich immer zu viele Sorgen!“
„Ist der Parasit entfernt, der ihn so geschwächt hat?“
„Vortrefflich, Parasit trifft es gut. Entfernt, entfernt.“
„Wie ist es vonstatten gegangen?“ Sie war begierig zu hören, wie es den Bürgern gelungen war, die Gardinenfrau davonzujagen, und musste leicht ums Herz zugeben, dass Wunder vielleicht doch möglich waren.
„Nun“, fuhr der Wirt munter fort, „er kam vor einigen Stunden herein, das Gesicht freudestrahlend, wie ich es nur bei ihm gesehen habe, als er Don Fernandos weißes Kalb von den Toten zurück geholt hat. Er erhob seine Stimme – auch das war ein ganz neuer Zug an ihm – und verkündete, er sei seit dieser Stunde verlobt!“ Er sah die Schneiderin begeisterungsheischend an. Doch ihr gefror das Blut in den Adern und sie wurde weiß wie die Wand hinter ihr, wie der einsame Mond am Himmel, wie das untote Kalb Don Fernandos.
„Señorita Almendra heißt das glückliche Mädchen, das sich bald Weib unseres geschätzten Stadtmagiers nennen darf. Keine Ahnung, wo sie herkommt, macht einen fremdländischen Eindruck, aber reizend. Oh ja, ohne Frage reizend.“
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Vidora
Geschlecht:weiblichLeseratte

Alter: 34
Beiträge: 159



BeitragVerfasst am: 30.08.2009 09:20    Titel: Antworten mit Zitat

absinthefreund hat Folgendes geschrieben:
Eifrig begann sie zu arbeiten, damit die Zeit durch Beschäftigung schneller verging.

Das wirkt ein bisschen konstruiert. Dieses 'durch Beschäftigung' würde ich streichen. Ich glaube jeder kann sich auch selber denken, dass man weniger auf die Zeit achtet, wenn man arbeitet. Und in diesem Fall weiß man es einfach.

Tief beugte sie sich über ihre Arbeit und zwang sich (Komma?) nicht mehr aufzuschauen.


„Bei all der Aufregung hatte ich ganz...“ Er fühlte das weiche Wildleder, das ihm Conchita entgegen hielt. Einen Moment hielten sie beide die Handschuhe, und der Schneiderin wurde bewusst, dass ihre ganze Zuneigung in dieser Arbeit steckte.

Vielleicht 'entgegen streckte' ?

Für den Bruchteil einer Sekunde wanderten ihre Gedanken von Conchita zu Naranjo und dann zu sich selbst, was natürlich keiner sehen konnte.

Ähm... häää? Ich nix kapische. Wessen Gedanken sind das denn jetzt? Und dass Gedanken keiner sehen kann, braucht wohl nicht extra erwähnt zu werden wink

„Waren meine Sorgen also unbegründet?“
„Sie machen sich immer zu viele Sorgen!“
„Ist der Parasit entfernt, der ihn so geschwächt hat?“
„Vortrefflich, Parasit trifft es gut. Entfernt, entfernt.“
„Wie ist es vonstatten gegangen?“ Sie war begierig zu hören, wie es den Bürgern gelungen war, die Gardinenfrau davonzujagen, und musste leicht ums Herz zugeben, dass Wunder vielleicht doch möglich waren.
„Nun“, fuhr der Wirt munter fort, „er kam vor einigen Stunden herein, das Gesicht freudestrahlend, wie ich es nur bei ihm gesehen habe, als er Don Fernandos weißes Kalb von den Toten zurück geholt hat. Er erhob seine Stimme – auch das war ein ganz neuer Zug an ihm – und verkündete, er sei seit dieser Stunde verlobt!“ Er sah die Schneiderin begeisterungsheischend an. Doch ihr gefror das Blut in den Adern und sie wurde weiß wie die Wand hinter ihr, wie der einsame Mond am Himmel, wie das untote Kalb Don Fernandos.
„Señorita Almendra heißt das glückliche Mädchen, das sich bald Weib unseres geschätzten Stadtmagiers nennen darf. Keine Ahnung, wo sie herkommt, macht einen fremdländischen Eindruck, aber reizend. Oh ja, ohne Frage reizend.“

Diese Stelle finde ich am besten und der Dialog ist sehr gelungen.


Im großen und Ganzen also mindestens so gut wie der erste Teil Wink nur weiter so. Sind natürlich nur Vorschläge und subjektive Eindrücke. Entschuldige außerdem bitte die lange Wartezeit. Smile

mfg Vidora


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