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Kino Vollbart
Schreiberling


Beiträge: 248



BeitragVerfasst am: 26.05.2009 10:04    Titel: Das Ende der Zeit eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das Ende der Zeit


In beinahe vollkommener Dunkelheit taste ich über die Regalbretter, rissiges Holz. Wager Geruch nach Kartoffeln und Alkohol schwebt zwischen dem nach Moder und Gemäuer. Überall Spinnweben. Ich ertaste staubbedeckte Flaschenhälse, zerfressene und zusammengesunkene Säcke, weil ihr Inhalt längst verrottet ist, sogar ein paar Zündkerzen. Endlich auch, was ich suche.
Mit der Zeit habe ich eine beinahe mystische Fertigkeit entwickelt. Ich wiege das zylinderförmige Metall in der Hand und mutmaße nach der Art der Trägheit im Inneren Nudelsuppe.

Die globale Katastrophe war eine andere, als wir alle dachten. Es half keine Immunität gegen irgendein Virus, kein Schutzbunker, noch nicht einmal Beten.
Dann starben sie, die Menschen, und es wurde still.

Ich bin 52 Jahre alt, von guter körperlicher Konstitution. Mein Arzt ließ sich einmal zu der Bemerkung hinreißen, ich könne 150 Jahre alt werden.
Ich stehe im knietiefen Gras, das durch die Asphaltrisse dringt, und lausche den Tierstimmen, dem Rauschen in den Blättern, dem Summen der Insekten. Wenn es Nacht wird, lege ich mich schlafen. Dann betrachte ich die Sterne, die am wolkenlosen Himmel leuchten.
Ich bin allein auf der Erde, die so groß ist. Ein ganzes Universum groß.

Die Natur, die wieder Raum nimmt, gibt mir zu Essen und ich ernähre mich von Konservendosen. Die Wenigen, die noch essbar sind.
Die Stille ist universell.
Ich sehe eine untergegangene Zivilisation, Majabauten, die im Dschungel verschwinden.
Was war es, das die Menschen getötet hat? Die Hand Gottes? Gott sagte, dass etwas wie die Sintflut nie wiederkehren würde. Hat er sein Wort gebrochen?
Diesmal soll niemand überleben.
Dass da draußen noch jemand ist und sei er voll Zorn, beruhigt mich. Es bedeutet, dass das Leben nicht aufhört, denn Zorn ist der Schatten zu Füßen der Liebe, beschienen von göttlichem Urteil.

Hier stehe ich allein. Spüre, wie meine Gedanken versickern, überwuchert gleich den Häusern und Straßen und Plätzen und allem, was menschengeschaffen um mich her zerfällt. Eine Einsamkeit, die so weit ist wie der Himmel, ungehemmt breitet sie sich aus und fließt über die Welt auf der Suche nach der Einsamkeit eines anderen.
Selbst die Erinnerungen verblassen, weil immer mehr vergeht, wovon sie künden. Nur meine eigenen Hände, manchmal betrachte ich sie wie fremde Werkzeuge, an ihnen haftet noch etwas wie Vergangenheit. Aber auch sie verändern sich. Sie sind kräftiger geworden von der Arbeit und sie sind älter geworden von der Zeit.
Wenn ich 150 Jahre alt werde?

Und überall die Straßen, was von ihnen noch durchscheint. Sie sind es, die jene Einsamkeit ausdünsten. Wenn ich nicht müsste, ich wäre nicht dort.
Ich spreche nicht, nicht mit den Vögeln, nicht mit den Tieren, die zwischen den Fassaden weiden. Weil ich nicht sprechen will. Es wäre, als verletzte ich ein Andenken.
Die Tage vergehen, die Nächte vergehen. Wie ein Sonnenzyklus wandere ich durch die stumm gewordene Welt.
Möwenschreie über dem Meer, manchmal denke ich, es ist nicht Einsamkeit, die sich über den Erdball ausgedehnt hat, es ist Friede. Eben das Friedvolle, das der Mensch allezeit gesucht hat an den einsamen Stränden, in ruhigen Wäldern, weiten Wiesen, zwischen den Dünen und auf den Gipfeln der Berge. Jetzt ist alles friedvoll, aber niemand, der es erfahren kann. Nicht einmal ich selbst. Nur manchmal taucht das altbekannte Gefühl auf, das den Menschen überkam, wenn er die Wellenberge betrachtete, auf denen die Sonne glitzerte. Und dann? Dann fällt der Friede davon ab, wie Steinsplitter von einem Marmorklotz und die Allegorie der Einsamkeit steht gemeißelt da und blickt statt meiner auf den fernen Horizont.

Manchmal erinnere ich mich. Das Leben geht weiter, Worte, die über jeden Verlust hinwegtrösten sollten. Erstaunlich, wie jede Weisheit nun ins Nichts versinkt und bald verschwunden ist, denn heute sind sie selbst verloren, jene Worte von damals. Plötzlich steht jede Errungenschaft des Menschen als das da, was es schon immer heimlich war:
Ein fahler Schatten im Licht der Wahrheit.
Jetzt, wo das Wesentliche durch das Unwesentliche bricht, wie die Pflanzen durch den Asphalt, lebe ich noch immer. Ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne Geld. Und ich lebe. Vielleicht ist es das, was den Untergang der Welt so traurig macht: Die Gewissheit, wie wenig wir verstanden, auf wie viel wir gebaut und gehofft haben, und wie wenig imgrunde wichtig war. Jenes Übermaß an Energie, mit der wir uns nutzlos und ahnungslos verausgabt haben und der Wahrhaftigkeit doch keinen Schritt näher kamen.

Aber selbst das alles ist nun unwesentlich geworden. Aber Mensch, der ich bin, vergeude ich noch heute Gedanken daran. Manchmal begreife ich das und kann darüber lächeln.
Die Tage ziehen ungebremst wie Wolken über den Himmel. Werfen ihre Schatten über den letzten Mensch auf Erden. Und mit fernen Blicken streifen sie das Land, auch mich, nur ein Teil dessen, was dort lebt und stirbt. Sie machen keinen Unterschied. Gibt es denn einen? Können meine Gedanken, die jede Sekunde aufsteigen, kann das Wissen um mich und meine Welt den Himmel nicht aufmerksam machen?
Ich erkenne, wie all das verblasst, weil es nur Idee ist, Gedankenspielerei, wenn ich zu sehr allein bin. Dass es nur Versuche sind, über mich selbst hinweg zu schauen, etwas zu fühlen, was nicht Einsamkeit ist, die ich spüre, wenn ich in den Straßen bin. Die ich spüre, wenn ich in den Dünen sitze, und die ich spüre, wenn ich das Gipfelkreuz berühre.

Hier stehen sie, meine Gedanken, in die Buchstaben einer toten Sprache gepresst, und unwillkürlich muss ich lächeln, wenn ich versucht bin, sie zu lesen. Ich lese sie nicht. Niemand liest sie. Ein uraltes Relikt schon jetzt.
Und dann begreife ich plötzlich: Das alles ist ein Relikt. Schon jetzt. Eine Konservendose in der Hand lebe ich meine eigene Vergangenheit in der Hoffnung, dass sie Zukunft hat.
Aber vielleicht ist diese Vergangenheit das einzig wahre Jetzt. Mehr, als ich je zu erreichen wagte, ja, mehr, als ich je begriff. Eben dieses Jetzt, das nicht mehr gemessen wird, das keine Anforderungen mehr stellt. Das sich selbst so wenig bewusst ist.
Vielleicht lebe ich inmitten der Weltzeit nicht die Vergangenheit, nicht das Jetzt und nicht die Zukunft. Vielleicht ist es die ureigendste Bedeutung eines Begriffes, der die menschlichen Anstrengungen, seine Mühen und Leistungen, auf ein göttliches Niveau erheben wollte:
Zeitlos.

Und doch, obwohl alles um eine ferne Achse dreht, halte doch ich selbst mich für eine Art Mittelpunkt, weil ich der Letzte meiner Art bin. Ein Konglomerat der Wesenszüge meiner Art. Versatzstück der Menschheit, ein modernes Geschöpf Frankensteins und ebenso allein unter den Geschöpfen Gottes. So unterscheide ich mich von allen anderen Lebewesen dieses Planeten.
Ich gehe durch die Straßen, nicht nur, weil ich essen muss und dort Konserven finde. Ich gehe, weil die Einsamkeit das einzige Gefühl ist, dass ich mit niemandem teilen muss, um es zu empfinden.
Und empfinden, das will ich. Vielleicht unterscheide ich mich dadurch.

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Pencake
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Alter: 49
Beiträge: 2491
Wohnort: Hamburg
DSFo-Sponsor


BeitragVerfasst am: 26.05.2009 10:35    Titel: Antworten mit Zitat

Moin Kino,

schön, dich mal wieder zu lesen.

Ein Schuss Weltuntergangsstimmung, ein Schuss naheliegende Zivilisationskritik übermäßig verziert mit geistigem Stu(e)ckwerk, das ist mein Eindruck.
Dabei beginnt alles mit konkreten Details, die mich direkt in den Text ziehen. Was sich daran anschließt, ist aber eine Blase aus innerer Betrachtung, die kaum Einfallsreiches zu bieten hat (bis auf einige schöne Formulierungen).

Weniger - teils gewollt tiefsinnige - Innenschau und dafür eine zumindest im kleinsten Rahmen äußere Handlung, die Interesse weckt - so könnte ich mir das Ganze interessanter vorstellen.

Niko
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Gast







BeitragVerfasst am: 28.05.2009 07:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Kino,

einen spannenden Ansatz hast du da geliefert und ansprechend geschrieben. Die philosophische Selbstbetrachtung hab ich halt mal als beginnenden Wahnsinn ausgelegt. Denn wenn die Pflanzen bereits durch den Asphalt dringen, dürfte der Überlebende bereits zehn mindestens Zehn Jahre allein sein.

Ich würde der Aussage „er wäre der letzte“ das Absolute nehmen. Woher sollte er das wissen?

Hab einen ähnlichen Plot auf Vorlage, nur mit völlig anderem Schwerpunkt. Das Thema ist sehr ergiebig.

Grüße

Bobbi
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Hoody
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2604
Wohnort: Alpen


BeitragVerfasst am: 28.05.2009 14:58    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Kino Vollbart.
Ein sehr schöner Schreibstil. Sehr anschaulich geschrieben.
Flüssig.
Mir hat es gefallen =)
Besonders der Anfang ist gut, der hat mich zum Weiterlesen gelockt.


lg Hubi


_________________
Nennt mich einfach Hubi oder J-da oder Huvi : D

Ich bin wie eine Runde Tetris. Nichts will passen.

"Ein schlechter Schriftsteller wird manchmal ein guter Kritiker, genauso wie man aus einem schlechten Wein einen guten Essig machen kann."
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Einherjer
Geschlecht:männlichAutor


Beiträge: 556



BeitragVerfasst am: 28.05.2009 18:24    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Kinovollbart.

Sehr schöner Schreibstil. Du schaffst es dem Leser Bilder zu vermitteln, erzeugst eine stimmige Atmosphäre.

Aber mehr auch nicht. Du erzählst keine Geschichte, es gibt keine Handlung.

Ein Mann geht durch die verlassenen Straßen einer Stadt.
Das wars.
Sonst erfahren die Leser nur Vages. Alle anderen Menschen scheinen tot zu sein. Der Protagonist weiß, was passiert ist, erzählt es aber nicht.
Er macht die ganze Zeit nur Andeutungen, ein- oder zweimal ist das in Ordnung, aber dann wirds müßig.

Würde der Kerl nicht Nachts die Sterne beobachten, könnte dieser Text auch der Anfang von Ich bin Legende (Richard Matheson) sein.
Du lieferst nichts wirklich Neues. Auch die Gedankengänge des Protagonisten wird jeder der sich schonmal mit Endzeit auseinandergesetzt hat selbst gedacht haben. Daher auch für einen philosophischen Text zu wenig.

Einen freundlichen Gruß

Einherjer


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Stil ist die Fähigkeit, komplizierte Dinge einfach zu sagen - nicht umgekehrt (Jean Cocteau)

Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist der gleiche wie zwischen einem Blitz und einem Glühwürmchen. (Mark Twain)
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Istvan Horck-Uedo
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Alter: 45
Beiträge: 39
Wohnort: Frankfurt


BeitragVerfasst am: 29.05.2009 17:21    Titel: Antworten mit Zitat

Muss mich leider anschließen. Mag sein, dass ich mich täusche, aber ich meine, die Innenwelt eines Menschen ist praktisch nur als Hintergrund seiner Handlungen interessant. Alle Beschreibungen sollten in Handlung eingebettet sein und ihre Funktion im Rahmen dieser Handlung haben. Ist das zu radikal? Jedenfalls hab ich nur die ersten paar Zeilen gelesen, dann fand ich die Nabelschau langweilig. Und auch so aufgesetzt düster.

Sorry.

Lieben Gruß,

I.


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