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Lebenschancen

 

 
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Chordy
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 33
Beiträge: 26
Wohnort: Jena / Leipzig


BeitragVerfasst am: 27.06.2008 18:11    Titel: Lebenschancen eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hoffe mal ich bin hier im richtigen Forum gelandet. Ist so eine Art Essay. Mein erster Versuch in diese Richtung.

Während wir uns in Gefühlen der Hoffnung und Erwartung verlieren, läuft unser eigentliches Leben wie ein Testbild vor uns ab. Wir warten auf den Film doch die Sendefrequenz stimmt einfach nicht. Wenn wir schon etwas haben, dann warten wir auf etwas Besseres. Und wenn wir nichts haben dann warten wir auf etwas anderes. Es wird schon noch passieren. Irgendetwas, irgendwann. Bis dahin entscheiden wir uns jede Sekunde neu dazu zu warten statt etwas zu unternehmen, weil wir nicht wissen, was.

Einmal bin ich voller Tatendrang aufgesprungen. Meinen angewärmten, eingesessenen Sitzplatz ungerührt zurücklassend, sprang ich hinaus ins Freie. Begrüßte kampflustig das Leben, entschlossen jeden Gegner in die Flucht zu schlagen. Doch spätestens als die geschäftigen Lebensdrohnen an mir vorbei rannten, ohne den zerknirschten Unmut von den grauen Gesichtern zu nehmen, trat ich auch schon wieder einen Schritt zurück. Der eine Fuß stand scheu im warmen Wohnzimmer, während der Kopf noch zweifelnd, zwischen Flucht und Kampf hin und her gerissen, im kalten Wind verblieb. Immer noch den Verlockungen der Rebellion und des Erlebens verfallen, weigert sich die stur gestählte Stirn, den unsicheren Ausblick aufzugeben. Hat sie doch gerade erst die Freiheit errungen.

Schon im nächsten Moment stürzt ein panisch aussehender, kauziger, kleiner Mann auf mich zu. Er sagt er sei meine Chance. „Chance zu was?“ formt der erwartungsfrohe Mund hörbare Worte, während der logische Kopf die Frage schon bereut. „Zu allem. Zu Jedem.“ Fängt er an zu lispeln. Er fletscht die gelben Zähne und zählt auf: „Psychopath, Massenmörder und Terrorist sind zur Zeit im Angebot. Ist sehr beliebt da das Garantiedatum fast nie überschritten wird. Kurze Dauer des Aufenthalts, wobei da Terrorist schon sicherer für den baldigen Abschied ist, als der Psychopath (seit die Polizei etwas schlampiger geworden ist), bedeutet für Sie auch ein niedriges Risiko. Eh Sie sich Versehen stehen Sie auch schon wieder hier und können das nächste ausprobieren. Nehmen zurzeit viele.“
 
Mein zweifelnder Blick weist ihn an etwas weniger dramatisches vor zu schlagen. „Ah, nein. Ich sehe schon Sie sind wohl eher der moralische Typ, was? Na gut. Wie wär’s dann mit unserem ´Herzensgut – Paket`? Nonne: viele Entbehrungen nicht gerade lustig aber dafür lang andauernd und manchmal sogar mit nachträglichen Heiligsprechungen gekoppelt. Sehr gut fürs Karma. Oder, für die versteckten Wohltäter: eher so was wie Millionär mit sozialem Engagement. Schauspieler oder Musiker vielleicht? Hält aber leider nicht lange vor. Jedenfalls nicht in der Kombination. Kann man im Vertrag festlegen. Garantie gibt’s nämlich nur auf eins von beiden, Geld oder Nächstenliebe und Verantwortungsgefühl. (Unter uns: Richard Geere hat uns da ja ganz schön ausgetrickst mit seinem Erleuchtungstrip) Ist jedenfalls ganz Ihre Wahl.

Auch nicht? Sie sind wohl einer von der ganz anspruchsvollen Sorte? Hm…lassen Sie mich mal kurz überlegen. Ich hab’s: Künstler! Wenn Sie bestimmte soziale Fähigkeiten aufgeben und ein paar Jahre Unglück, Einsamkeit, Hänseleien in der Schule und Gefühle des „Nicht dazu Gehörens“ auf sich nehmen, dann können sie das Exzentriker Paket bekommen. Und weil dieses Lebenskonzept so selten gewählt wird und weil ich Sie mag“ hier zwinkert mir sein trübes Auge verschwörerisch zu „gebe ich Ihnen noch einen Beziehungsrabatt von, na sagen wir, drei Ehen dazu. Und eine 80 jährige Lebenserwartung. Nicht glücklich, das würde das Inspirationskonzept gefährden, zwecks des Leidensschemas, Sie verstehen, aber dafür mit kurzfristiger Befriedigung und eventueller Nachkommenschaft. Sagen wir 3-4 Kinder? Ahnenlinie wird bis in die 5. Generation garantiert. Danach hat sich einer aus der anderen Schicht angekündigt, wegen eines Atomanschlags. Da kann ich dann nicht mehr für Unversehrtheit sorgen. Interessenkonflikt, tja. Aber das muss Sie jetzt eigentlich auch nicht so wirklich stören, denn nach dem Konzept sind dann eh alle weitgehend ausgerottet. Wir stehen noch in Verhandlungen aber er besteht wohl auf Totalzerstörung der Welt oder wenigstens Auslöschung der Menschheit. Da ist dann also eh keiner mehr da, den Sie beeindrucken müssten.

Aber Sie gucken ja immer noch so skeptisch. Wollen sie vielleicht lieber was Leichteres, Unspektakuläres? Find ich ja immer ein wenig langweilig, doch wenn Sie so was mögen…Wie wäre denn ein schönes ruhiges Yuppieleben? Oder eventuell lieber so ein Arbeiterklasse – Leben? Würde ich mir an Ihrer Stelle überlegen. Hat jetzt nicht so den großen Nachlass, zwecks berühmten Namen oder Bedeutung für die Welt und das Zeitgeschehen, aber ob des Atombombenvertrags würde das ja auch gar nicht so viel ausmachen. Ausstiegsmöglichkeiten, im Sinne von Obdachlosigkeit oder Einzug in eine Irrenanstalt, sind im Vertrag mit inbegriffen. Aber keine größeren Gewalttaten die allgemeine Veränderungen des Weltenlaufes beinhalten!“ er streckt mir mahnend den Zeigefinger vor die Augen. „Sprich: Sie dürfen Amoklauf, Raub oder Geiselnahmen in Ihr Aussteigerprogramm mit aufnehmen. Aber eben jetzt nicht den Präsidenten töten oder ne Sekte gründen und so was. Eventuell können wir uns so einigen, dass Sie ein Flugzeug entführen und, ich will mal nicht so kleinlich sein, noch einen Musiker erschießen. Doch dann keine religiösen Hintergründe, versteckte Botschaften an die Nachwelt über Frieden auf Erden, Toleranz oder soziale Fragen und so Zeugs hinterlassen. Was sagen Sie? Kommen wir ins Geschäft?“

Seine Augen waren so gierig wie seine, sich in die Angebotsmappe festgekrallten, Finger. Ich schauderte vor diesen Zukunftsaussichten. Deprimiert lehnte ich seine Konzepte höflich dankend ab und ließ mich desillusioniert in den bequemen Sessel der Erwartung sinken.
Warten. So schlecht klingt das doch eigentlich gar nicht. Vielleicht noch so 6 Generationen lang. Mal sehen was nach der Atombombe so passiert, wie die so Vertragsverhandlungen laufen. Die Angebote werden sich wandeln und wenn ich gleich, als einer der ersten, zugreife bekomme ich bestimmt noch Sonderzuschläge.
Das Testbild flimmert wieder vor mir auf und es erscheint mir jetzt viel bunter und beruhigender als je zu vor. So sitze ich also wieder hier und warte, wie so viele andere, auf ein Lebensangebot, dass zu mir passt. Damit ich meine Chance erkennen und nutzen kann wenn sie mal wieder an meine Tür klopft.



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Brynhilda
Felix Aestheticus

Alter: 38
Beiträge: 9709
Wohnort: Oderint, dum probent.


Edgar Allan Poe (1809 bis 1849) - Zum 200. Geburtstag
BeitragVerfasst am: 06.07.2008 17:16    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Chordy!

Sehr gut geschrieben.
Excellent formuliert.

Du triffst genau den Punkt.

Herzlichst,
Brynhilda
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Chordy
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 33
Beiträge: 26
Wohnort: Jena / Leipzig


BeitragVerfasst am: 09.07.2008 11:31    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank. Freut mich das es dir gefallen hat. smile extra
Wäre nur schön wenn mehr leute etwas geschrieben hätten. Weis ob das, bei doch recht vielen Aufrufen, ein gutes oder schlechtes Zeichen ist, dass keiner etwas Anzumerken hat.   Question


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