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Gelebt ist gelebt


 

 
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Chordy
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BeitragVerfasst am: 23.06.2008 16:22    Titel: Gelebt ist gelebt, Teil 1 eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier mal der Anfang einer längeren Kurzgeschichte, die sich leider über 6 Seiten hinzieht und daher etwas zu umfangreich ist um gesamt hier zu erscheinen. Daher versuche ich es mal in zwei Teilen um in die Geschichte einzuführen. Da der Anfang ja sowieso erstmal das wichtigste ist um das interesse des Lesers zu wecken, reicht dies vielleicht vorerst aus.

Das Rauschen eines Baches, das leise Wispern des Windes, diese seltsame Vertrautheit. Alles Dinge die man noch von früher kannte aus der Zeit, in der das Leben noch nicht kompliziert und lästig war. Wie oft wurde einem früher mit einem ermunternden Lächeln die Zukunft in ein Bilderbuch verwandelt. Wenn man zum Beispiel nach seinen Berufswünschen gefragt wurde und strahlend, voller Überzeugung mit „ Ich werde mal Ballerina!“ antwortete. Äußert man diesen Wunsch heute auf dem Arbeitsamt, so wird man auch angelächelt, jedoch diesmal keineswegs ermutigend. Während dessen man noch überlegt, wie diese Reaktion interpretiert werden könnte, kommt auch schon der Satz „Ach und wovon träumen Sie nachts? Sagen Sie doch bitte bescheid, wenn Sie vorhaben zum Mars zu fliegen. Kosmonauten bekommen nämlich keine Fördergelder.“ in einem arrogant - herablassenden Ton, das man sich fragt ob die Höflichkeitsform „Sie“ überhaupt noch nötig war. Ja heute ist alles anders, alles komplizierter, alles lästig.
Das wird einem immer erst dann wieder bewusst, wenn man an den Ort der Unschuld zurückkehrt. Und genau da bin ich jetzt…zu Hause. Meine Erinnerungen daran sind nur bruchstückhaft und verschwommen. Meistens sind es die unwichtigen Dinge, die wie eine kleine, längst vergessene Kerze in mir aufflammen. Der Geruch von frisch gemähtem Rasen, der einen an das erste Ostern zurück denken lässt oder das Quietschen von Fahrradreifen, das an die, unsanft endende, erste Fahrradtour erinnert.
Da ist es! Ich sehe auf das kleine weiße Häuschen mit dem kurz geschnittenen Rasen und den Rosensträuchern am weißen Gartenzaun. „Noch mal tief einatmen und dann los!“ ermutige ich mich selbst, bevor ich langsam auf die braune Holztür zugehe die sich so drohend vor mir aufbäumt. Zitternd bewege ich den Finger zum Klingelknopf. „Jetzt gibt es keinen Weg zurück“ schießt mir durch den Kopf als ich die Türklingel in meinen Ohren schallen höre. Die Tür öffnet sich und mir steht eine Frau in einem langen schlichten schwarzen Kleid gegenüber. Tante Ellenore. Sie mustert mich wie in Zeitlupe. „Ich bin es Tante Ellenore. Cloudia.“ Ihr Gesicht verzieht sich zu einem erzwungenen Lächeln. „ Ach, du bist` s. Komm rein!“ 16 Jahre hatten wir nichts mit einander zu tun. Weder telefoniert noch geschrieben. Ich würde gern sagen wir hätten uns wegen der äußeren Umstände aus den Augen verloren aber so war es nicht. Jeder hat sich bewusst von dem anderen ferngehalten und auch jetzt wirkt sie so distanziert und kalt wie damals, als alles endete.
Ich folge ihr in den Flur. Es riecht nach Bohnerwachs. Seit ich mich erinnern kann, hat es hier immer so gerochen. Als Kind gab mir dieser Duft ein Gefühl von Geborgenheit. Jetzt fühle ich mich alles andere als Geborgen. Es ist eher einschüchternd und beklemmend. Während ich noch versuche den Brechreiz zu unterdrücken, stehen wir auch schon im Wohnzimmer. Tante Ellenore setzt sich auf die Couch und ordnet mir, mit einer Handbewegung, den Sessel zu.



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Keine Zukunft zu haben, kann mitunter ganz schön lange dauern.
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Chordy
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen

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BeitragVerfasst am: 23.06.2008 16:25    Titel: Gelebt ist gelebt, Teil 2 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Auf dem Tisch stehen drei Gedecke aus golden verziertem Porzellan. „ Für wen ist das dritte Gedeck? Ich dachte wir treffen uns allein!?“ noch während ich meine Frage stelle überkommt mich die Angst vor der Antwort. „ Für Stuart. Ich decke immer für ihn mit. Erinnerst du dich überhaupt noch an ihn? Ich habe ihn nicht vergessen.“ Und ob ich mich erinnere. Stuart Derban, mein Cousin und bester Freund. Eigentlich war er immer mehr so was wie mein Bruder. Wir kannten uns schon, da war ich erst drei Jahre alt. Er war damals sechs und wurde gerade eingeschult. Leider waren uns nur zehn Jahre miteinender vergönnt. Mit sechzehn stürzte er sich von dem Scheunendach eines nahe gelegenen Bauernhofes. Ich habe ihn gefunden, auf eine Mistgabel aufgespießt. Im Dorf gingen Gerüchte um, jemand hätte ihn gestoßen. Es gab jedoch nie eine polizeiliche Ermittlung. Für meine Tante war der Fall klar und sie wollte nicht, dass der Fall in die Presse kommt. „ Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir:
 
- Kleines Dorf, große Geheimnisse! Was hat dieser sechzehnjährige Junge gewusst? –

ich werd nicht zulassen, dass sie unsere Gemeinde in den Schmutz ziehen. Wir sind anständige Menschen.“ hör ich sie noch sagen. Damals hatte ich versucht sie zu überzeugen, dass die Zeitungen sicher wichtigere Themen hätten, als den Selbstmord eines unbekannten Jugendlichen in einem ebenso unbekannten, kleinen Dorf. Sie verbot mir den Mund und schickte mich auf mein Zimmer, damit war die Sache für sie geregelt. So machte sie mir immer klar, dass mich etwas nichts anging.   
„Du quälst dich also immer noch Hauptberuflich selbst? Gut zu wissen das sich manche Dinge nie ändern.“ Genauso starr wie sie eben noch das dritte Gedeck beobachtet hatte, sah sie jetzt mich an. Ich konnte ihre Mimik erst nicht deuten aber im nächsten Moment, warf sie mir plötzlich einen so energischen Blick zu, das ich ein wenig zurückschreckte. „Wenn ich ein Menschenleben auf dem Gewissen hätte, würde ich den Mund nicht soweit aufreißen.“ zischte sie mich wütend an. „Mag sein aber du bist nicht schuld an seinem Tod. Genauso wenig wie ich.“ Sie hatte mir immer die Schuld an dem Leid anderer gegeben. “Mit deinen großen braunen Augen und diesem Unschuldsblick treibst du jeden ins verderben. Wer weiß wie viele Menschen du mit deinem Engelsblicken noch ins Unglück stürzt.“ Ich höre diesen Satz noch im Kopf, als wäre es gestern gewesen. So wie mich im Moment viele Erinnerungen heimsuchen als wäre es erst vor kurzem geschehen. Doch es passierte nicht vor kurzem und auch nicht gestern. Es geschah vor sechzehn Jahren. Erinnerungen die an meiner Seele nagen, wie kleine Dämonen aus längst vergessenen Tagen.
„Soweit ich weiß hast du mich angerufen. Wenn es keinen anderen Grund gab, als das du mich mit Beschuldigungen an die alten Zeiten erinnern wolltest, gehe ich lieber, bevor es hässlich wird. Versteh mich nicht falsch. Ich hab natürlich auch eine gewisse nostalgische Ader aber die wirklich guten Sachen, würde ich mir gerne für später aufheben, wenn die Wunden weitgehend verheilt sind. Das macht doch dann erst den Reiz aus.“ Meine Reaktion überraschte mich selbst ein wenig. Das war gewissermaßen mein neues „Ich“. Fest entschlossen mich diesmal nicht in die Defensive drängen zu lassen, kam diese neue Harterarbeitete Seite in mir ganz automatisch zum Vorschein.


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Lesehoernchen
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BeitragVerfasst am: 23.06.2008 17:29    Titel: Antworten mit Zitat

hallo! ich möchte dir antworten, da ich finde deine kleine geschichte hat potential. den anfang, also auch die stelle mit dem arbeitsamt, fand ich wirklich gut geschrieben. er bringt eine schöne stimmung und man kann sich gut reinversetzen. dann aber lässt der text ein bisschen nach, weniger vom inhalt , denn den finde ich interessant, mehr noch stilistisch,

beispiele :

Zitat:
Wir kannten uns schon, da war ich erst drei Jahre alt. Er war damals sechs und wurde gerade eingeschult. Leider waren uns nur zehn Jahre miteinender vergönnt.
hier  "war/waren" empfinde ich als leser störend. vielleicht kannst du es noch verändern:)

aber acuh inhaltlich verwirrt es mich jetzt ein bisschen (vielleicht geht es da auch nur mir so)
Zitat:
„Du quälst dich also immer noch Hauptberuflich selbst? Gut zu wissen das sich manche Dinge nie ändern.“
zuerst habe ich dies als angriff der tante gelesen, aber ich glaube , dies ist ein verbaler angriff der besucherin? das wäre dann logisch;) viell. kannst du es noch abgrenzen.
auch im folgenden, verwirren die absatzlosen zeilen ein wenig.
du könntest mehr absätze rein bringen

Zitat:
Ich konnte ihre Mimik erst nicht deuten aber im nächsten Moment, warf sie mir plötzlich einen so energischen Blick zu, das ich ein wenig zurückschreckte. „Wenn ich ein Menschenleben auf dem Gewissen hätte, würde ich den Mund nicht soweit aufreißen.“ zischte sie mich wütend an. „Mag sein aber du bist nicht schuld an seinem Tod. Genauso wenig wie ich.“(Sagt dies der Ich-Erzähler oder auch die Tante? )Sie hatte mir immer die Schuld an dem Leid anderer gegeben.


im nachfolgenden sind mir ncoh ein paar Komma-Fehler aufgefallen und kleiner Rechtschreibfehler.

ich wäre aber dennoch recht gespannt, wie es weiter geht. ich glaube auch, die von mir angesprochenen sachen lassen sich leicht "beheben". sind ja auch nur vorschläge:)

lg
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Chordy
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BeitragVerfasst am: 23.06.2008 18:42    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für die schnelle Antwort und die konstruktive Kritik.
 
Die kommasetzung ist wohl im schreiben irgendwie untergangen, sorry Embarassed

Wie wäre es bei den Wiederholungen zBsp. mit :
"Als wir uns kennenlernten wurde er gerade eingeschult und ich hatte eben erst meinen dritten Geburtstag gefeiert." ?

Beim verbalen Angriff könnte ich evtl. noch "...antwortete ich ihr mit ruhigem Sarkasmus." anhängen. Oder was in der Art jedenfalls.

Über die Absätze hatte ich auch schon nachgedacht. Eigentlich wollte ich zum angenehmeren lesen nach jedem 2. oder 3. Satz etwas platz lassen. Ich bin mir bei sowas immer nicht sicher in wie fern dies das Verständnis erschwert.

Als Schreiber bin ich in Gedanken immer in der Situation und daher sehe ich die Geschichte selten aus einer dritten Sicht. Danke für dieTips ich werde sie selbstverständlich berücksichtigen.

lg


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Pinfeather
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Beiträge: 11



BeitragVerfasst am: 24.06.2008 09:20    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Chordy
ich fühle mich hier noch zu neu, um Kritik zu üben, aaaaaber ich finde deine Geschichte (bis auf ein paar "Holperer") sehr interessant.
Hoffe du kommst mit deinen Verbesserungen gut voran und es geht bald weiter. Bin schon auf die Fortsetzung gespannt!
Liebe Grüsse


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lupus
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BeitragVerfasst am: 24.06.2008 10:31    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Chordy!

Ein schöner Text, einfühlsam, ruhig, mit einem Schuss Zynismus/Ironie. Hab ihn sehr gerne gelesen, warte mit Spannung auf die Fortsetzung. Sprachlich sehr gekonnt, ohne wirkliche Holpersteine, flüssig,die Sprache dem jeweiligen Tempo mE sehr gut angepaßt, die Dialoge natürlich, sie lassen den Leser erfahren was war, ohne großartig auszuholen. Die Sprache vermittelt Stimmung, einige Stellen lassen richtig aufhorchen. AiA: Chapeau!

im Detail:

Zitat:
Das Rauschen eines Baches, das leise Wispern des Windes, diese seltsame Vertrautheit.

Wispern als Synomym für flüstern ist immer leise, weshalb ich das Adjektiv einfach weglassen würde, und gleich das seltsam (gefällt mir gar nicht) dazu. Seltsam ist mE zu ungenau, als dass es nötig wäre es hinzuschreiben. Außerdem (Geschmackssache) fände ih es schöner entweder eine Adjektiv/Subjekt Kombination durchzuziehen oder eben nur Subjekte zu verwenden. Noch schöner wäre eine durchgezogene Kombination Adj/Subj/+Gen
--> Das leise Rauschen eines Baches, das unruhige Wispern des Windes, diese unschuldige Vertrauen der Kindheit (nur ein Hüftschuss)
oder eben
--> Das Rauschen eines Baches, das Wispern des Windes, die Vertrautheit (der Kindertage)
Zitat:
Alles Dinge die man noch von früher kannte aus der Zeit, in der das Leben noch nicht kompliziert und lästig war

kennt?
Persönlich gefällt mir der Einstieg außerordentlich gut, er zieht mich in die Geschichte, v.a. sprachlich, die Tatsache, dass der 1. Satz eigentlich keiner ist.
Zitat:
Äußert man diesen Wunsch heute auf dem Arbeitsamt, so wird man auch angelächelt, jedoch diesmal keineswegs ermutigend. Während dessen man noch überlegt, wie diese Reaktion interpretiert werden könnte, kommt auch schon der Satz „Ach und wovon träumen Sie nachts? Sagen Sie doch bitte bescheid, wenn Sie vorhaben zum Mars zu fliegen. Kosmonauten bekommen nämlich keine Fördergelder.“ in einem arrogant - herablassenden Ton, das man sich fragt ob die Höflichkeitsform „Sie“ überhaupt noch nötig war. Ja heute ist alles anders, alles komplizierter, alles lästig.

wenn dieser Absatz nicht Bezug nimmt auf etwas Kommendes, würd ich ih weglassen, auch wenn er (für sich genommen) gut geschrieben ist, auch die Ironie stimmt. er klingt eher wie aus einem ironischen Essay 'die Unwegbarkeiten des Präkariats'. Grund: wer am Arbeitsamt derartige Wünsche äußert, darf sich nicht wundern, wenn er gefragt wird, ob er gegen eine Wand gerannt ist. derartige Allmachbarkeitsallüren werden bestenfalls von NLP-schwangeren Möchtegern-Lebens-und Sozialhilfe-Trainern in 'Du schaffts es/Wir schaffen es' Großveranstaltungen zum besten gegeben. Entspricht in etwa Leuten, die einen Roman veröffentllichen wollen und nicht wissen wie man 'Verlag' schreibt.
Du nimmst dir mE dadurch die Glaubwürdigkeit.
Außerdem klingt der Absatz ein bisserl nach 'früher war alles besser', denn sprachlich geht nicht stringend hervor, dass es sich um einen vergleich Kindheit-Erwachsene handelt. (Man kann es sich denken, aber dieser 'früher war alles besser Ton' nimmt mE die Wirkung.

Zitat:
Das wird einem immer erst dann wieder bewusst, wenn man an den Ort der Unschuld zurückkehrt.

eine perfekte Überleitung, ganz ruhig ohne viel Trara, gefällt mir sehr. Allerdings: wenn du den o.a. absatz tasächlich wegließest, müßtest du einen Absatz/oder satz basteln, der dem Überleitungssatz wieder Wirkung verleiht.
Zitat:
Und genau da bin ich jetzt…zu Hause

-->Und genau da bin ich jetz: zu Hause, sonst auch: sehr gelungen, kurz prägnant.
Zitat:
Quietschen von Fahrradreifen, das an die, unsanft endende, erste Fahrradtour erinnert

1) würd ich das - der Chronologie wegen - umdrehen: erste, unsanft endende
2) grammatikalisch müßte es - glaub ich zumindest - geendet habende heißen, ein Unding.
3) so weit ich mich erinnern kann: um Reifen zum Quietschen zu bringen, muss man ganz schön den Anker werfen und das kann man nicht bei der ersten 'Tour', wobei 'Tour' hier ein bisserl komisch/zu erwachsen klingt.
4) ich würd den Teil einfach weglassen
5)
Zitat:
Der Geruch von frisch gemähtem Rasen, der einen an das erste Ostern zurück denken lässt oder das Quietschen von Fahrradreifen, das an die, unsanft endende, erste Fahrradtour erinnert.

da steht (auch), dass der Geruch an die erste Fahrradtour erinnern --> ??
--> Der Geruch von frisch gemähtem Rasen, der einen an das erste Ostern zurück denken lässt; das Quietschen von Fahrradreifen.
Zitat:
Da ist es! Ich sehe auf das kleine weiße Häuschen mit dem kurz geschnittenen Rasen und den Rosensträuchern am weißen Gartenzaun. „Noch mal tief einatmen und dann los!“ ermutige ich mich selbst (ohne selbst ginge es auch), bevor ich langsam auf die braune Holztür zugehe die sich so (wie 'so'? ohne ginge auch)drohend vor mir aufbäumt. Zitternd bewege ich den Finger zum Klingelknopf. „Jetzt gibt es keinen Weg zurück“ schießt es mir durch den Kopf als ich die Türklingel in meinen Ohren schallen (wo sonst?  Wink ohne ginge auch, außerdem: die Klingel is doch das Gerät an sich und das hört man nicht, sondern das Geräusch, das es von sich gibt - Umgangssprache?) höre. Die Tür öffnet sich und mir steht eine Frau in einem langen schlichten schwarzen Kleid gegenüber. Tante Ellenore. Sie mustert mich wie (is nicht nötig: die Ich-Erzählerin nimmt es in Zeitlupe wahr, also ist es zeitlupe)in Zeitlupe. „Ich bin es Tante Ellenore. Cloudia.“ Ihr Gesicht verzieht sich zu einem erzwungenen Lächeln. „ Ach, du bist` s. Komm rein!“ 16 Jahre hatten (da der Rest im Prä geschrieben ist, müßte da wahrscheinlich 'haben' stehen, oder?) wir nichts mit einander zu tun. Weder telefoniert noch geschrieben. Ich würde gern sagen wir hätten uns wegen der äußeren Umstände aus den Augen verloren aber so war es nicht.(das braucht's nicht, steht eh im nächsten Satz --> Aber jeder (eigentlich 'wir') Jeder hat sich bewusst von dem anderen ferngehalten und auch jetzt wirkt sie so distanziert und kalt wie damals, als alles endete.

super. Auch das: als alles endete
wer jetzt nicht weiter wissen will, sollte Sparbücher lesen.

Zitat:
Auf dem Tisch stehen drei Gedecke aus golden verziertem Porzellan. „ Für wen ist das dritte Gedeck? Ich dachte wir treffen uns allein!?“ noch während ich meine Frage stelle überkommt mich die Angst vor der Antwort. „ Für Stuart. Ich decke immer für ihn mit. Erinnerst du dich überhaupt noch an ihn? Ich habe ihn nicht vergessen.“ Und ob ich mich erinnere. Stuart Derban, mein Cousin und bester Freund. Eigentlich war er immer mehr so was (??)wie mein Bruder. Wir kannten uns schon, da war ich erst drei Jahre alt. Er war damals sechs und wurde gerade eingeschult (eingeschult klingt schon ziemlich förmlich, oder --> kam gerade in die erste klasse? oder ganz weglassen, is ja nicht so wichtig, oder?. Leider waren uns nur zehn Jahre miteinender vergönnt. Mit sechzehn stürzte er sich von dem Scheunendach eines nahe gelegenen Bauernhofes. Ich habe ihn gefunden, auf eine Mistgabel aufgespießt. Im Dorf gingen Gerüchte um, jemand hätte ihn gestoßen. Es gab jedoch nie eine polizeiliche Ermittlung. Für meine Tante war der Fall klar und sie wollte nicht, dass der Fall in die Presse kommt. „ Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir:

toll, wie die Stimmung rüber kommt, die Verklemmtheit, das Beklemmende. Schön.

Zitat:
Kleines Dorf, große Geheimnisse!

yep!
Zitat:
Ich konnte ihre Mimik erst nicht deuten aber im nächsten Moment, warf sie mir plötzlich einen so energischen Blick zu, das ich ein wenig zurückschreckte.

mit diesem: 'Ich konnte ihre Mimik erst nicht deuten ' verläßt du das show und gehst zum tell über. Nicht schlimm, aber gerade in diesem Moment zumindest schade. Wie fühlt sich das an, wenn man Mimik nicht deuten kann? Unsicherheit, kalte Hände, Erinnerung an damals, als sie immer versucht hatte keine Regung zu zeigen, die Contenance zu bewahren, wie es anständige Menschen eben tun?
Zitat:
So wie mich im Moment viele Erinnerungen heimsuchen als wäre es erst vor kurzem geschehen. Doch es passierte nicht vor kurzem und auch nicht gestern.

Mit dem Satz erklärst du etwas, was dem Leser eigentlich völlig klar ist. Reaktion: 'glaubt die, ich bin blöd?' --> würd ich weglassen.
Die Stimmung perfekt eingefangen, ich fühle mit der Prota, leide. Echt gut.
Zitat:
kam diese neue Harterarbeitete Seite in mir ganz automatisch zum Vorschein.

automatisch? hm, klingt wieder ein bisserl zu technisch. für meine Begriffe passt das nicht zum Rest.

So, das war jetzt ein bisserl viel Kritik. Is nicht bös gemeint, aber was soll man machen wenn der Text schon toll ist? Dann muss man halt auf Kleinigkeiten herumreiten.

Fazit: give me more!

lg
Wolfgang


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gott ist nicht tot noch nicht aber auf seinem rückzug vom schlachtfeld des krieges den er begonnen hat spielt er verbrannte erde mit meinem leben

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Chordy
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BeitragVerfasst am: 24.06.2008 14:47    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Bitte, hier brauch sich wirklich niemand bei mir zu entschuldigen. Ich bin wirklich dankbar für jeden Profitip den ich kriegen kann. Ich sehe das keineswegs als persönlichen Angriff. Schließlich bin ich ja dafür hier.  smile

Ok nun zur Bearbeitung der Anmerkungen:
Zum ersten Absatz und der Arbeitsamtstory nur soviel: diese Geschichte entstand in der 8. Klasse als ein Schulaufsatz, zum Thema (is echt war): "Früher war alles besser!" Da ich diesen Grundgedanken allerdings nicht teilte, jedenfalls nicht in staatsvergleichender Richtung, wollte ich den Aufsatz durch eine persönliche Note etwas aufpeppen und das zeitlich unbestimmte "Früher" lieber auf die menschliche Entwicklung beziehen.
Sonst hätte ich wohl auch nicht unbedingt einen so flachen Vergleich gebracht.
Diese Arbeitsagentur - Anekdote sollte lediglich einen absolut unrealistischen, theoretischen Fall zeigen, bei dem  es irgendjemand jemals wagen würde auf die Fragen tatsächlich so zu antworten, wie es einem das innere Kind eben manchmal zuflüstert. Ich stellte damals sozusagen die Fragen: "Warum wäre diese Antwort eigentlich so abwegig?" und "Wer hat uns  beigebracht was realistisch ist und was nicht? (Passiert die Zukunft doch schließlich nur einmal. "Man bekommt ja nicht nach jeder nichtgenutzten Chance immer noch eine und noch eine" Wie es mal in irgend einem Film hieß.)"

Weiß grad gar nicht genau wieso ich da bei dem "zu Hause "- Satz keinen Doppelpunkt gemacht habe. Hätte mir eigentlich auch gleich ins Auge fallen müssen. *grübel*

Die Sache mit der Fahrradtour ist tatsächlich eine Eigenerfahrung. Eine zeitlang pochte mein Knie immer, wenn ich frisch gemähten Rasen roch, da ich den Aufprall noch recht lebhaft vor Augen (und eben auch Knien) hatte. Damals rollte ich bei meinem ersten Fahrversuch einen Hang hinunter, weil ich vor Schreck (dass mich mein Dad losgelassen hatte) nur zurück sah statt nach vorn. Und ich kann dir aus dieser Erfahrung sagen, dass Bremsen quitschen, wenn man sie bergab einsetzt.
Die Chronologie sollte ich des öfteren mehr beachten, ist mir bei der Durchsicht der gesamten Geschichte aufgefallen.
Embarassed

Die Kürzungen habe ich vorgenommen. Das "hatte" jedoch sollte eigentlich vermitteln, dass sich eben dieser Zustand jetzt gerade verändert und dies der Grund für ihre Nervosität ist. Kann sein das ich da für mich zu viel reininterpretiert habe und das für den Leser unverständlich ist.
 
Bei der Mimik - Sache wäre vielleicht ein:
"Ein altbekannter, kalter Schauer überzog meinen Rücken, als sich die undeutbare Starre wieder auf ihrem schmalen Gesicht niederließ, welche sich noch von früher in mein Hirn gebrannt hatte. Doch sie hielt nicht lange vor. Ich war fast erleichtert, als sie mir plötzlich einen so energischen Blick zuwarf, dass ich gleich ein wenig zurückschreckte. Alles war mir lieber, als diese ungreifbare Mimik in ihren rauhen Zügen." besser ?

Das "ganz automatisch" könnte ich glaube ich auch ganz weg lassen. Ist bloß so ne persönliche Macke von mir, dass ich nur ungern kurze Sätze (ohne erklärende Füllworte zum Unterstreichen) schreibe.

Ansonsten nochmal vielen herzlichen Dank.
Lg


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lupus
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BeitragVerfasst am: 24.06.2008 15:18    Titel: Antworten mit Zitat

Das mit deinem Knie tur mir leid Wink
Muss zugeben, dass ich da zu wenig Ahnung hab. Die Frage ist ja: Was ist üblich? Ist das was mir passiert ist so unüblich, dass der Leser stutzt? Das müßten die Profis ran und die einen Tipp geben.

Chordy hat Folgendes geschrieben:

Bei der Mimik - Sache wäre vielleicht ein:
"Ein altbekannter, kalter Schauer überzog meinen Rücken, als sich die undeutbare Starre wieder auf ihrem schmalen (ein bisserl viel Adjektiv, is es von Belang ob schmal oder lang?Gesicht niederließ, welche sich noch von früher in mein Hirn gebrannt hatte (das braucht's nicht: altbekannt=ins Gehirn gebrannt). Doch sie hielt nicht lange vor (???). Ich war fast (nur fast) erleichtert, als sie mir plötzlich einen so energischen Blick zuwarf, dass ich gleich ein wenig zurückschreckte. Alles war mir lieber, als diese ungreifbare Mimik in ihren rauhen Zügen."


Der altbekannte Schauer rollte kalt über meinen Rücken, als sich diese undeutbare Starre wieder in ihr Gesicht legte. Ich war erleichtert, als sie mir plötzlich einen so energischen Blick zuwarf, dass ich zurückschrak. Alles war mir lieber, als diese ungreifbare Mimik in ihren rauhen Zügen.

du hast irre viel adjektive, die mE manchmal ein bisserl zu viel sind. Persönlich mag ich ja lange Sätze, sie sollten aber möglichst nix Unnötiges enthalten. Was unnötig is, ist natürlich deine Entscheidung.

lg


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Caderyn
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BeitragVerfasst am: 24.06.2008 15:31    Titel: Antworten mit Zitat

Alles in allem finde ich die Geschichte bisher sehr gut und schön geschrieben, ich bin schon gespannt wies weiter geht  Wink .

Ich würde mir nur ein paar mehr Absätze wünschen und manchmal war mir auch nicht unbedingt klar, wer denn jetzt eigentlich spricht.

Aber wie gesagt ich freue mich schon auf mehr  Daumen hoch

LG, Caderyn


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Chordy
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BeitragVerfasst am: 30.06.2008 15:01    Titel: Gelebt ist gelebt - Teil 3 pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier also wieder einen Teil der Geschichte. Habe versucht schonmal im vornherein einige der bisherigen Tips umzusetzen. Bin aber natürlich sehr gespannt auf eure weitere Kritik.

Ihr Blick entspannte sich kurz. Gleich darauf fixierte sie mich erneut. Ihr Rücken wurde gerade und der Kopf schien wie von einer Schnur nach oben gezogen zu werden. Ihre Haltung nahm eine gewisse Würde an. Die stolzen Augen vermittelten ein erhabenes gesamt Bild.
„Sie haben Rosemarie gefunden. Marlon sagte es mir vor einer Woche. Deswegen habe ich dich angerufen.“
Rosemarie! Nach so langer Zeit hatte ich schon nicht mehr damit gerechnet. Rosemarie Derban war Stuart´ s kleine Schwester. Genau ein Jahr nach ihrem Verschwinden hatte er sich umgebracht. Sie gingen an diesem Morgen, wie jeden Tag, zusammen aus dem Haus. Ihre Mom vertrat die Meinung, dass der Schulweg sicherer wäre, wenn Stuart auf sie aufpasste. Die Angst dass der kleinen etwas passieren könnte war berechtigt, allerdings bezog sie sich auf den regen Verkehr. Sie liefen erst durch ein kleines Waldstück und überquerten dann eine große Landstraße die direkt an eine enge Kurve anschloss. Dort gab es oft Unfälle, weil die Fahrer die Straße erst viel zu spät übersehen konnten, um im Notfall zu Bremsen. Auf der heutigen Fahrt hierher hatte mein Taxi beinahe einen Zusammenstoß mit einem jungen Hirsch, an genau dieser Stelle.
Stuart und Rosemarie kamen an diesem tragischen Tag beide nicht in der Schule an. Als die Lehrer ihre Eltern benachrichtigt hatten, stellte Richard Derban gleich einen Suchtrupp zusammen.
Richard war nicht nur ihr Vater, sondern auch der Sherrif unseres Dorfes. Es war schon fast Mitternacht, als der Trupp Stuart, allein und verstört, im Wald fand. Rosie war seit dem Spurlos verschwunden und Stuart hatte bis zu seinem Tod immer wieder Aussetzer die laut seinen Ärzten vom Schock herrührten.
„Ihre Leiche wurde unten am Glou River angeschwemmt. Das heißt Leiche ist zuviel gesagt. Eigentlich waren es ‚nur noch, vom Wasser und Fischen blankgeputzte, Knochen’.“ mit einem gequälten Blick zitierte meine Tante die Schlagzeilen der Dorfzeitung. Sie musste kurz innehalten um in der gewohnten tonlosen Fassung  weiter sprechen zu können. „Sie ist zurzeit in der Pathologie. Sherrif Marlon sagt es sieht nach einer Kopfverletzung aus. Er nimmt an das Rosie gestürzt ist und als Stuart merkte, dass er ihr nicht mehr helfen konnte, hat er wohl einen Schock erlitten und ist kurz danach bewusstlos geworden. So rekonstruierte er mir den Fall und so schreibt er es auch in den Bericht. Ich dachte, dass du so was sicher nicht am Telefon, sondern im Kreise deiner Familie hören möchtest. Oder wenigstens das, was davon übrig ist.“
Erst überstürzte mich eine nicht fassbare Panik. Sie haben Rosemarie gefunden! Jetzt dröhnten meine Ohren. Die soeben gehörte Erklärung hallte in meinem Kopf nach. Dann schaute ich zu Tante Ellenor auf. Ihre Haltung blieb ungebrochen, doch ich sah wie sich der Ausdruck ihrer Augen wandelte. Aus vormaligem Stolz wurde Resignation. Eine Leere stieg darin auf. Ich fühlte mich genötigt irgendetwas zu sagen.
 „ Endlich! Ich dachte schon wir könnten nie damit abschließen. Wie geht es den Derbans? Ich habe sie seit Stuart´ s To…. seit sechzehn Jahren nicht mehr gesehen. Weist du wie sie es aufgenommen haben?“ Tante Ellenor sah mich nicht an. Aber ihre Augen füllten sich mit Tränen. Natürlich versuchte sie es zu unterdrücken aber gegen diesen Anflug von Verzweiflung konnte nicht einmal sie etwas ausrichten. „Was denkst du denn wie sie reagiert haben? Richard ist seit damals Alkoholiker und Geddis sitzt immer noch in der Geschlossenen. Er hat nicht mal verstanden worum es ging und sie nimmt immer noch nichts um sich herum wahr. Leiden tun nur die, die nicht vergessen haben.“ Beim letzten Satz, der voller Vorwurf ausgesprochen den ganzen Raum ausfüllte, blickte sie liebevoll zu dem dritten Gedeck. Stuart war wie der Sohn der ihr nie vergönnt war. Mit 32 Jahren war sie das erste mal Schwanger. Es sollte ein Junge werden, doch das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr. Es war eine Todgeburt. Sie wollte immer einen Sohn. Schon als Kind erzählte sie allen davon, dass ihr imaginärer Sohn Mathew gerade schlafe, sie aber alle paar Minuten nach ihm sehen wolle, um sicher zu gehen das es ihm gut geht.


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BeitragVerfasst am: 09.07.2008 11:28    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Alle waren sich einig, dass sie diesen Verlust nicht verkraften würde. Doch etwa 5 Jahre später bekamen ihre Nachbarn, die Derbans, ihren ersten Sohn. Seit dem war Stuart ebenso oft bei sich zu Hause, wie bei meiner Tante Ellenor. Von da an ging es mit ihr wieder aufwärts. Mit Mädchen hingegen konnte sie nie etwas anfangen. Als meine Eltern starben wurde ich ihr sozusagen hinterlassen. Sie gingen wohl davon aus, dass sie alle Kinder so gut behandeln und lieben würde wie Stuart. Aber es sollte alles ganz anders kommen. Vom ersten Tag an hasste meine Tante mich. Damals war ich noch zu klein um es überhaupt zu merken. Sie fütterte und badete mich. Ging mit mir zum Arzt und brachte mich zu Bett. Doch sie nahm mich nie in den Arm oder tat irgendetwas, was über die notwendigen Lebenserhaltungsmaßnahmen hinausging. Ohne Stuart hätte ich wohl nicht einmal gewusst, dass es da etwas zu vermissen gab. Er nahm mich in den Arm, streichelte mich, wenn ich Angst und tröstete mich, wenn ich mir wehgetan hatte. Wahrscheinlich merkte er gar nicht, wie sehr er mich auf sich fixierte. Je netter er zu mir war, desto mehr entfremdete ich mich von meiner Tante. Als er dann starb, hatte ich keinen Grund mehr hier zu bleiben. Einige Wochen lang versuchte ich meine Tante zu überreden, eine polizeiliche Ermittlung zu veranlassen. Doch sie ließ sich nicht erweichen. Ich war mir sicher, dass es sich nicht um Selbstmord gehandelt hatte. Er hatte keinen Abschiedsbrief hinterlassen und sich mir gegenüber nicht anders verhalten als sonst.

„Dann fehlt jetzt also nur noch die Gewissheit über Stuart. Meinst du nicht es wäre an der Zeit nachzugeben? Früher hast du sicher deine Gründe gehabt. Aber ich bitte dich, denk darüber nach. So kannst du nie mit seinem Tod abschließen. Und ich auch nicht.“ meine Stimme war zum Schluss etwas zittrig geworden, doch ich verwandt all meine Kraft darauf ihr meine Tränen nicht zu zeigen. „Das hast du nicht zu entscheiden. Es war Selbstmord. Das weist du genauso gut wie ich. Ich will nicht, dass die Presse oder die Leute dieser Stadt schlecht über ihn reden. Die Polizei hat sich ihr Urteil doch sowieso schon gebildet. Für die ist ein Mord ja auch wesentlich prestigeträchtiger. Wir wissen, dass es anders war und das reicht vollkommen aus. Ein anderes Urteil von Außenstehenden brauche ich nicht. Niemand hat ihn so gut gekannt wie ich. Nicht mal seine eigenen Eltern.“ Das war zuviel. Ich konnte meine Verzweiflung nicht mehr verbergen. „Doch. Ich, Tante Ellenor. Ich kannte ihn so gut. Besser noch als du. Er hätte mich nie freiwillig verlassen. Niemals. Und das weist du auch. Seine Blicke waren nach Rosie´ s Verschwinden vielleicht manchmal leer aber mich konnte ich bis zum letzten Tag darin sehen. Er hätte mich nicht ohne ein tröstendes Wort im Stich gelassen. Ich habe ihm etwas bedeutet. Er war nicht wie du!“ ich hatte mich in Rage geredet und fühlte mein Herz so stark schlagen, als würde jede Faser meines Körpers daraus bestehen.
Tante Ellenors Gesicht verzog sich zu einer gequälten Grimasse. Ein Schluchzen drang aus der in sich zusammen gekauerten Kugel vor mir. Sie war mit einem mal einfach in sich zusammen gesackt. Ich fühlte kein Mitleid, denn ich wusste dass sie die Tränen weder für mich noch für Rosie oder Stuart vergoss, sondern nur für sich selbst und ihren Verlust. Es dauerte einige Minuten bis sie etwas sagen konnte. Obwohl sie nur in ihre Hände sprach, welche ihr Gesicht verbargen, hörte ich deutlich die Erregung aus den Worten heraus. „Du warst wichtig für ihn. Doch du kanntest ihn nicht. Dein Leben begann erst, weit entfernt von hier, als ich das seine bereits zu meiner Priorität erklärt hatte. Nichts kann diesen Schmerz in mir jemals auslöschen. Einen Schmerz den du dir nicht einmal vorstellen kannst. Du bist einfach gegangen als es dir zu schwer wurde in die Augen seiner Eltern zu sehen. Du wusstest genau um deine Schuld. Hättest du nicht für ihn gelogen, wäre seine Abwesenheit sofort aufgefallen und man hätte ihn noch davon abhalten können. Aber du hast ja mit allem Unglück zu tun gehabt, das ihm widerfahren ist. Schon als du gerade 7 Jahre alt warst, haben ihn deine Unschuldsaugen dazu gebracht sein Leben für dich zu riskieren. Als du auf dem Dach warst und nicht allein wieder herunter kommen wolltest. Erinnere dich, er hat sich das Bein gebrochen und du hast nicht einen Kratzer abbekommen.“ Der Hass in ihrer Stimme war unverkennbar und vertrauter für mich, als alles andere in diesem Haus.


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Chordy
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BeitragVerfasst am: 24.07.2008 11:33    Titel: Letzter Teil pdf-Datei Antworten mit Zitat

„Keine sorge das vergesse ich schon nicht. Du hast es mir so oft vorgehalten, dass es das einzige Schlaflied ist das ich kenne. Er hat mich gerettet, weil er wusste das du es nicht tust. Weil er ein guter Mensch war. Mein Blick hat ihn genauso wenig dazu gebracht wie deine Mahnungen ihn davon abhalten konnten.“
Das Schluchzen verstummte. Ihre Hände glitten langsam auf ihren Schoss. Noch nie sah sie so verletzlich und Schwach aus, wie in diesem Moment. So zusammengekauert und krank vor Gram, tat sie mir zum ersten mal leid. Ich musste darüber nachdenken wie viel sie in ihrem Leben schon ertragen hatte. Ich ertappte mich dabei, wie ich ihre Gesichtszüge musterte. Jede einzelne Falte schein eine unendlich traurige Geschichte zu erzählen. Sie war schon immer eine sehr schöne Frau gewesen. Doch sie gehörte zu den wenigen Menschen, die das Unglück hübscher macht. Tragische Ereignisse hatten ihre Tentakel nach ihr ausgeworfen und jede Hautfalte die sie erreicht hatten, blieb für immer gen Abgrund geneigt. Ihr Gesicht wirkte welterfahren und weise. Durch die immer schwerer werdenden Lasten, welche ihre Schultern schwer malträtierten, war ihr Rücken gestählt. Würde strahlte von der geraden, symmetrischen Körperform aus.
Ich erhob mich von meinem Sessel und blieb kurze zeit mit Blicken an ihr hängen. Keine Reaktion. Dann drehte ich mich leise zur Tür und schritt den Flur entlang. Vor der Haustür hielt ich kurz inne. „Sie haben Rosie gefunden! Endlich hat das alles ein ende.“ sagte eine mir bekannte Stimme im Kopf. Als ich die Tür öffnete und ins freie trat, schien die Sonne. Das Taxi stand vor der Tür wie ein Fluchtwagen, der mich ungesehen aus der Gefahrenzone schaffen sollte. Mein Fahrer las gerade Jane Eyre, als ich an die Scheibe klopfte um ihn die Abfahrt zu signalisieren. Der Wagen rollte langsam los und es kam mir vor, wie in Zeitlupe, als ich mich noch ein letztes mal nach meinem zu Hause umsah. Niemand stand am Fenster um mich zu verabschieden. Sie würde auch nie für mich mitdecken. Obgleich sie weis das dies ein Abschied für immer war. Vor meinem inneren Auge sah ich sie noch immer da sitzen.
Es sollte das letzte mal sein das ich sie sehe. Ja es ist schon eine seltsame Sache mit der Unschuld der Jugend. Nicht jedem ist sie vergönnt und kaum einer dem sie zuteil wird weis sie tatsächlich zu schätzen. Wenn man jung ist wünscht man sich so schnell wie möglich erwachsen zu werden, damit man ernst genommen wird. Man bereut diesen Wunsch erst dann, wenn man zum ersten Mal auf dem Arbeitsamt für die erwachsene Umsetzung der kindlichen Träume belächelt wird. Und denjenigen unter uns, welchen nie die Unschuld vergönnt war, setzen ihre Ziele so niedrig an, das ihnen nicht einmal ein Arbeitsvermittler diesen Wunsch abschlagen kann. Ja wir können stolz sein wie wir unsere Kinder erziehen. Sie werden niemals als Naiv bezeichnet oder ausgelacht. Natürlich geht ihnen dabei ein beträchtlicher Teil ihrer Jugend verloren, doch nichts im Leben ist umsonst.


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