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Stumme Schreie


 

 
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Autor Nachricht
Dave
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 33
Beiträge: 29



BeitragVerfasst am: 20.08.2015 13:26    Titel: Stumme Schreie eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo zusammen.

Dies ist mein zweiter Einstand. Ich habe mich dieses Mal für eine Kurzgeschichte entschieden, von der ich nur den Anfang reinstelle.
Vielen Dank für jedwede Form von Kritik!


Stumm zu sein hat einen entscheidenden Nachteil: Man kann nicht schreien, wenn man es muss.
Ich versuche es. Die Muskeln an meinem Hals ziehen sich zusammen, als ich den Kopf in den Nacken lege und den Mund weit aufreiße, wohl wissend, dass nur die Wände in meinem Verstand durch den Widerhall der panischen Schreie bersten. Die Sonne scheint grell in ihrer Gleichgültigkeit am Himmel und bringt meine Augen zum Tränen. Er treibt mich weiter, stößt mich vorwärts, tiefer in meinen Garten hinein, wo er ein Loch geschaufelt hat. Ich habe nicht wahrgenommen, dass er die Schaufel in die Erde gerammt hatte, dass er stundenlang schuftete, um dieses Loch zu graben. Das ist der entscheidende Nachteil, taub zu sein.
Er hat schwielige Finger, die in Verbänden stecken. Die Verbände haben an einigen Stellen die Farbe von Rost. Sein Gesicht hat etwas Mechanisches, etwas Systematisches. Er schuftete wie eine Maschine, jetzt bringt er sein Werk maschinell zu Ende.
Er sieht aus, wie jemand der am Fließband arbeitet, wie jemand, der noch nie freiwillig ein Buch in die Hand genommen hat.
Als er mir in den Rücken stößt, schreie ich, doch wie all meine Schreie stirbt auch dieser, bevor er geboren wurde. Ich stolpere zwei Schritte vorwärts, bis zum Rand der Grube und schaue hinein. Die Sonne brennt auf meinem Rücken. Blut rinnt meine Schläfe hinab und tropft zu Boden. Ich drehe mich zu ihm um und sehe ihn an. Mitleid ist ihm fremd.
Die Augen von Menschen leuchten, sei es aus Freude, aus Leid, aus Liebe oder Hass, sie leuchten, denn sie spiegeln unsere Emotionen wider. Seine Augen leuchten nicht. Sie sind tot. Es sind die Augen einer Maschine.
Die Augen eines Gottes.
Er öffnet seinen Mund. Sagt etwas. Ich kann ihn nicht hören, auch ich öffne meinen Mund, will ihm sagen, dass ich ihn nicht hören kann; vergeblich. Keine Worte dringen aus meinem Mund, nur ausströmende Luft. Er deutet mit seiner Hand auf das Loch.
Ich schüttle den Kopf, doch er ist unnachgiebig. Er kommt auf mich zu.
Ich will fort, doch hinter mir ist das Loch und so muss ich es zulassen, dass er die Schaufel in die Hand nimmt. Er sagt nichts, hebt nur die Schaufel und visiert mein rechtes Bein an. Das Eisen der Schaufel schießt vor und bohrt sich in mein Bein. Feuer entflammt, ich beiße mir auf die Zunge und schmecke mein salziges Blut, als er mir beiläufig einen Stoß versetzt.
Meine Beine verlieren den Halt, ich würde mit den Armen rudern, doch er hat sie mir zusammengebunden. Ich falle. Ich hasse dieses Gefühl, habe es schon immer gehasst, zu fallen; wenn ich den Boden unter den Füßen verliere und dem Glück ausgeliefert bin.
Ich falle in die Grube. Ich liege da, umgeben von Staub und Dreck, mein Rücken in eine Eiserne Jungfrau gepresst, deren Dornen mein Fleisch martern. Ich sehe nach oben und erblicke ihn. Er steht über mir und sieht auf mich herab. Hinter ihm ist die Sonne, doch sein Leib verdeckt sie fast vollständig. Nur am Rand kann das Licht der Sonne zu mir durchdringen.
Bitte, hör auf damit. Ich sage es ihm, ich schreie es ihm ins Gesicht, aber natürlich entstehen diese Worte nur in meinem Verstand. Er kann mich nicht hören. Es würde auch keine Rolle spielen.
Er verschwindet und einen Moment lang erfasst mich Angst. Was ist, wenn er mich hier lassen will? Wenn er geht und ich für immer in diesem Loch bleiben muss?   
Er kommt wieder. Er sieht erneut auf mich herab; ich spüre, wie Mitleid mich überkommt. Solch ein disziplinierter Mann, solch ein Sklave der Zuverlässigkeit. Er ist mehr Maschine als Mensch, mehr Leichnam als Lebender, mehr Kreatur als Geschöpf.
Mein Mitleid verebbt, als er zu schaufeln beginnt. Neben dem Loch ist Erde zu einem stattlichen Haufen aufgetürmt. Er stößt die Schaufel in diesen Haufen und wirft die Erde in das Loch. Ich begreife. Dies ist kein Loch, dies ist mein Grab.

Weitere Werke von Dave:


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“Write the book the way it should be written, then give it to somebody to put in the commas and shit.”
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Maria
Geschlecht:weiblichEvolutionsbremse

Alter: 49
Beiträge: 7731

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BeitragVerfasst am: 20.08.2015 14:57    Titel: Antworten mit Zitat

Tach dave.

Ich mag den fast beiläufigen, manchmal ungläubigen Ton des li. Auch die abgehackten Sätze tragen zur Atmosphäre bei. Als würde er/sie sich dauernd fragen: Was? Huch? Wie jetzt? Während er weiter geschubst wird.
Mag ich, weil es trotz wenig Umgebung ein Bild schafft.

Wenn der andere aber seine Hände in verbände gewickelt hat, wie kann man sehen ob er schwielige Finger hat? Das sprang mich förmlich an.
Und nu zum einzigen aber dollsten Kritikpunkt: das Ende. Natürlich ist das Loch ein Gra,b das ist im 2. Absatz klar und ich danke Darwin, dass das li ob seiner fragwürdigen Fähigkeit, Situationen schnell und richtig einzuschätzen, verscharrt wird.😃  letzten Absatz weg lassen, Thema erledigt ( letzter Satz also: Mein mitleid ...)

Gerne gelesen.
Beste Grüße, m


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MarieAnn
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen

Alter: 49
Beiträge: 29
Wohnort: St.Pölten, Österreich


BeitragVerfasst am: 20.08.2015 17:29    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Dave,
ich finde den Text auch nicht schlecht! Wie schon angemerkt wurde - dass es sich um ein Grab handelt, merkt man schon früh. Aber sonst gut geschrieben!
Lg, Marie
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Violet_Pixie
Geschlecht:weiblichEselsohr


Beiträge: 444
NaNoWriMo: 20863



BeitragVerfasst am: 21.08.2015 11:00    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Dave,

ich finde deinen Text spannend und würde auch Weiterlesen wollen, wenn es denn nicht nur eine Kurzgeschichte wäre Cool

Ein paar Kleinigkeiten sind mir aufgefallen. Vielleicht nicht so wichtig, bin ja selbst noch am lernen, dennoch:

Wortwiederholungen:
Er treibt mich weiter, stößt mich vorwärts, tiefer in meinen Garten hinein, wo er ein Loch geschaufelt hat. Ich habe nicht wahrgenommen, dass er die Schaufel in die Erde gerammt hatte, dass er stundenlang schuftete, um dieses Loch zu graben.
Ich würde schreiben:
Ich nahm nicht wahr, dass er die Schaufel in die Erde rammte.

Er treibt mich weiter, stößt mich vorwärts, tiefer in meinen Garten hinein
Ich würde tiefer durch weiter ersetzen. Assoziiere tiefer eher mit runtergehen.

Er hat schwielige Finger, die in Verbänden stecken. Die Verbände haben an einigen Stellen die Farbe von Rost.
Das mit den schwieligen Fingern wurde ja schon erwähnt. Hier würde ich die zweite Wiederholung ausmerzen. Zum Beispiel: Manche Stellen sind rostverschmutzt.
Auch hier gibt es zwei Mal hat/ habe.

Sein Gesicht hat etwas Mechanisches, etwas Systematisches. Er schuftete wie eine Maschine, jetzt bringt er sein Werk maschinell zu Ende.
Sein Gesicht hat etwas Methodisches. Besser: Er wirkt methodisch, durchdacht. Er schuftet wie eine Maschine, jetzt bringt er sein Werk planmäßig zu Ende.

Als er mir in den Rücken stößt, schreie ich, doch wie all meine Schreie stirbt auch dieser, bevor er geboren wurde. Das klingt irgendwie unlogisch. Eher: Als er mir in den Rücken stößt, setze ich zum Schreien an, doch ...
oder
Als er mir in den Rücken stößt, entfährt mir ein Schrei, der wie alle meine Schreie niemals und nirgends ankommt.

Die Augen von Menschen leuchten, sei es aus Freude, aus Leid, aus Liebe oder Hass
Würde ich zusammenfassen. Die Augen der Menschen leuchten, sei es Freude, Leid, Liebe oder Hass.

...denn sie spiegeln unsere Emotionen wider.
...denn sie spiegeln deren Emotionen wider.

Die Augen eines Gottes.
Das verstehe ich nicht  Crying or Very sad

Er öffnet seinen Mund. Sagt etwas. Ich kann ihn nicht hören, auch ich öffne meinen Mund, will ihm sagen, dass ich ihn nicht hören kann; vergeblich. Keine Worte dringen aus meinem Mund, Ich würde Ich kann ihn nicht hören streichen.
Auch hier Wortwiederholung.
Vielleicht: Keine Worte kommen mir über die Lippen.

Ich schüttle den Kopf, doch er ist unnachgiebig.
Wie zeigt sich die Unnachgiebigkeit?

Ich will fort, doch hinter mir ist das Loch und so muss ich es zulassen, dass er die Schaufel in die Hand nimmt.
Wann hat er die denn abgelegt?

Ich will fort, doch hinter mir ist das Loch und so muss ich es zulassen, dass er die Schaufel in die Hand nimmt. Er sagt nichts, hebt nur die Schaufel und visiert mein rechtes Bein an. Das Eisen der Schaufel schießt vor und bohrt sich in mein Bein.
Wortwiederholung!
Er sagt nichts, hebt nur die Schippe und visiert ...

den Füßen verliere und dem Glück ausgeliefert bin.
Dem Glück? Finde ich unpassend. Wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird oder etwas unvorhergesehenes passiert, dann ist es meist nicht glücklich.

Meine Beine verlieren den Halt, ich würde mit den Armen rudern, doch er hat sie mir zusammengebunden. Ich falle. Ich hasse dieses Gefühl, habe es schon immer gehasst, zu fallen; wenn ich den Boden unter den Füßen verliere und dem Glück ausgeliefert bin.
Ich falle in die Grube.

Wortwiederholung.
Wie wär's mit: Ich stürze in die Grube?

Ich liege da, umgeben von Staub und Dreck, mein Rücken in eine Eiserne Jungfrau gepresst, deren Dornen mein Fleisch martern.
Die war aber vorher noch nicht da.

Hinter ihm ist die Sonne, doch sein Leib verdeckt sie fast vollständig. Nur am Rand kann das Licht der Sonne zu mir durchdringen.
Wortwiederholung.

Bitte, hör auf damit.
Würde ich kursiv setzen oder in Anführungszeichen, da er es ja sagt (auch wenn man nichts hört)

Ich sage es ihm, ich schreie es ihm ins Gesicht,
Kürzen. Ich sage es, ich schreie es. Ins Gesicht würde ich streichen, denn er steht ja nicht mehr direkt vor ihm.

aber natürlich entstehen diese Worte nur in meinem Verstand.
Eher: Entstehen nur in meinem Kopf.

Er verschwindet und einen Moment lang erfasst mich Angst.
Warum erst jetzt?

Er kommt wieder. Er sieht erneut auf mich herab;
Zwei Mal er. Besser: Er kommt zurück und sieht erneut auf mich herab.

ich spüre, wie Mitleid mich überkommt.
Liest sich nicht schön. Eher: Ich habe Mitleid mit ihm oder Er tut mir leid.
Warum eigentlich? Gerade war er noch voll Angst & jetzt hat er mit dem, der ihm dass angetan hat, Mitleid?

Mein Mitleid verebbt, als er zu schaufeln beginnt. Neben dem Loch ist Erde zu einem stattlichen Haufen aufgetürmt. Er stößt die Schaufel in diesen Haufen und wirft die Erde in das Loch. Ich begreife. Dies ist kein Loch, dies ist mein Grab.
Wortwiederholung.

Okay, ich sehe es ist ein bisschen mehr geworden. Am meisten fällt die Wortwiederholung auf. Ist das so gewollt?
Und auch die Häufigkeit von hat/ haben und dass in so einem kurzen Text ist nicht so schön.

Du weißt, dass ist nur meine Meinung Embarassed
Ich hoffe trotzdem, dass ich dir ein wenig helfen konnte.

LG
Violet
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Gast







BeitragVerfasst am: 21.08.2015 11:40    Titel: Antworten mit Zitat

Violet_Pixie hat Folgendes geschrieben:
Die Augen eines Gottes.
Das verstehe ich nicht  Crying or Very sad


-> http://www.dsfo.de/fo/viewtopic.php?p=993518#993518
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Dave
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 33
Beiträge: 29



BeitragVerfasst am: 24.08.2015 13:22    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich war ein paar Tagen nicht Zuhause, deshalb antworte ich erst jetzt.

Danke für die Kritiken! Sie sind alle hilfreich und ich werde sie genau prüfen.

Besonders Violet_Pixie möchte ich für die mühevolle Detailarbeit danken. Ich weiß, dass dies viel Arbeit erfordert, aber es hat mir sehr geholfen.

Vielleicht noch zur Erklärung:

Dies ist ungefähr ein Drittel einer Kurzgeschichte. Sie geht noch weiter. Deshalb ist es nicht so, dass das Ende nicht mit dem Begreifen des Protagonisten endet, in seinem Grab zu stehen.

Gruß,

Dave


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Elmore Leonard
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