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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Der Anfang meines Romans über meine psych. Erkrankung...


 

 
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NixZuVerlieren
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 35
Beiträge: 13
Wohnort: Ruhrgebiet


BeitragVerfasst am: 02.09.2011 19:42    Titel: Der Anfang meines Romans über meine psych. Erkrankung... eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo,

ich hatte ja kürzlich von meinem Vorhaben erzählt einen autobiographischen Roman über meine psychische Erkrankung zu schreiben. Ich leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung, die sich durch zahlreiche Symptome ausdrückt (Depressionen, Ängste, Panik, Eßstörung usw.)

Thread: http://www.dsfo.de/fo/viewtopic.php?p=490699

Nun habe ich mich mal an einem Anfang versucht und würde mich über Rückmeldungen und Kritik freuen...

Bin absolute Anfängerin.

- 1 -

Ich mag Vorhänge. Es kann mir nie dunkel genug sein. Ich habe in jeder meiner Wohnungen welche besessen. Vorhänge, die so lang sind, dass sie über den meist ungeputzten Boden schleifen, wenn der Wind ohne Erbarmen durch die Ritzen der undichten, alten Rahmen kriecht. Vorhänge, hinter denen man sein Gesicht verbergen kann ohne darauf verzichten zu müssen selbst einen Blick auf die Welt dort draußen erhaschen zu können. Ich konnte immer nur im Schutz der Dunkelheit schlafen und aufwachen. Selbst als Kind habe ich immer stolz behaupten können, mich nie vor der Nacht zu fürchten. Der Grund war simpel: Die Nacht brach von draussen herein während der wahre Dämon in mir wütete. Der wahre Dämon, das war die Depression. Wie ein undurchsichtiger Vorhang markierte er die Trennlinie. Die Trennlinie zwischen der Welt und mir. Wenn man sieben Jahre alt ist, begreift man das nicht.

Zwanzig Jahre und drei ambulante Psychotherapien später war ich ein Fall für die Klapse. Hinter mir sollten sich Türe schließen wie Vorhänge. Für Wochen, nicht bloß bis die Nacht vorüber war. Das Ziel bestand darin mich in diesem Mikrokosmos abzuschotten. Zu meinem Wohl. Zu meinem Schutz. Damit ich zur Ruhe komme. Auf dass ich verstand, was mit mir los war und mich mit meiner Vergangenheit auseinandersetzte. Ich sollte Kontakt zu meinem Dämon aufnehmen und und ihn bezwingen.

Ich spürte ja selbst, dass ich mich endgültig verloren hatte. Krise. Endstation. Tiefpunkt. Mein Leben glich nur noch dem Spaziergang eines Tigers im Zwinger, dessen Freiheit von der einen Seite des Käfigs bis zur anderen reichte. Während ein Tiger in der freien Wildbahn schnell und stark war,  überstand ich die Tage nur mit den Errungenschaften der Pharmaindustrie: Citalopram am Morgen, um meinen Antrieb zu steigern, Promethazin am Abend für ein bisschen Schlaf [...]

Fortsetzung folgt.

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G.T.
Autor

Alter: 33
Beiträge: 701



BeitragVerfasst am: 02.09.2011 21:25    Titel: Antworten mit Zitat

Moin Moin!

Gefällt mir ganz gut. Schön knackiger Stil, kurze Sätze - sowas lese ich gerne. An ein paar Stellen kann man meines Erachtens aber noch streichen und umformulieren:

Zitat:
Ich mag Vorhänge. Es kann mir nie dunkel genug sein. Ich habe in jeder meiner Wohnungen welche besessen. (klingt plump und ist eine überflüssige Info, die sich bereits aus den verallgemeinernden vorherigen Formulierungen ergibt) Vorhänge, die so lang sind, dass sie über den meist ungeputzten Boden schleifen, wenn der Wind ohne Erbarmen (abgenutztes Bild) durch die Ritzen der undichten, alten Rahmen kriecht. Vorhänge, hinter denen man sein Gesicht verbergen kann ohne darauf verzichten zu müssen selbst einen Blick auf die Welt dort draußen erhaschen zu können. Ich konnte immer nur im Schutz der Dunkelheit schlafen und aufwachen. Selbst als Kind habe ich immer (Wortwiederholung) stolz behaupten können, mich nie vor der Nacht zu fürchten. Der Grund war simpel: Denn die Nacht brach von draussen herein während der wahre Dämon (wie wichtig ist dir das Wort Dämon? Mich befremdet es zunächst. Mit Dämon assoziiere ich spontan Fantasy o.ä. Eine Formulierung wie "Feind" ließe mehr Assoziationen offen) in mir wütete. Der wahre Dämon, das war die Depression. Wie ein undurchsichtiger Vorhang markierte er die Trennlinie. Die Trennlinie zwischen der Welt und mir. Wenn man sieben Jahre alt ist, begreift man das nicht.

Zwanzig Jahre und drei ambulante Psychotherapien später war ich ein Fall für die Klapse. Hinter mir sollten sich Türe schließen wie Vorhänge. Für Wochen, (überflüssig, ohne den ersten Teil eindringlicher) nicht bloß bis die Nacht vorüber war. Das Ziel bestand darin mich in diesem Mikrokosmos abzuschotten. Zu meinem Wohl. Zu meinem Schutz. Damit ich zur Ruhe komme kam. Auf dass Damit ich verstand, was mit mir los war und mich mit meiner Vergangenheit auseinandersetzte. Ich sollte Kontakt zu meinem Dämon aufnehmen und und ihn bezwingen.

Ich spürte ja (präziser) selbst, dass ich mich endgültig verloren hatte. Krise. Endstation. Tiefpunkt. (zwei der drei Worte würde ich streichen. Dann ist das verbliebene stärker. Ich würde "Krise" und "Tiefpunkt" löschen und nur Endstation stehen lassen. Dadurch gewinnt das Wort an tiefe) Mein Leben glich nur noch dem Spaziergang eines Tigers Panthers (nur so ne kleine Idee von mir - würde an Rilkes Bild vom Panther erinnern, an das ich hier denken musste. Die Fellfarbe des Panthers passt auch besser zur Stimmung) im Zwinger, dessen Freiheit von der einen Seite des Käfigs bis zur anderen reichte. Während ein Tiger Panther in der freien Wildbahn schnell und stark war, überstand ich die Tage nur mit den Errungenschaften der Pharmaindustrie: Citalopram am Morgen, um meinen Antrieb zu steigern, Promethazin am Abend für ein bisschen Schlaf [...]


Soll das nur ein Vorwort/eine Einleitung oder bereits das erste Kapitel sein?
Als Einleitung fände ich es akzeptabel, als Kapitelbeginn zu schnell. Ich würde mir eine genauere Beschreibung des Kinderverhaltens wünschen.

Gruß!     G.T.
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Rote Wölfin
Geschlecht:weiblichHobbyautor

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BeitragVerfasst am: 02.09.2011 21:48    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Nix zu verlieren,

du schreibst du bist Anfängerin, ich finde du kannst prima erzählen und bist durchaus in der Lage einen Leser mitzureißen.
Jeder der schreibt, muss sich das "Handwerk" aneignen - wie es in jedem Beruf (oder Hobby)  ist.
Hier kannst du es lernen, wenn du willst.

Talent hast du und ein großes Potential, über das du schreiben kannst auch.
Fang einfach an, denn ich finde, du hast wirklich nix zu verlieren dabei. Very Happy

Mein Vorschlag wäre im HIER und JETZT zu beginnen.
Es schreibt sich auch leichter, wenn man in der 3. Person schreibt - man bekommt selber mehr Abstand und es nimmt einen (vielleicht) nicht ganz so emotional mit, wenn man in der 3. Person schreibt. Aber das ist Ansichts - und Geschmacksache.


Liebe Grüße von der Wölfin


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Gabi
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BeitragVerfasst am: 02.09.2011 22:10    Titel: Antworten mit Zitat

Mir geht das auch zu schnell.
Aus dem Anfang mit den Vorhängen würde ich mehr machen. Ausbauen, bis hin zur plastischen Schilderung der Manie (ohne Rückblenden). Danach zu dem Kind, wie alles begann. Und dann stetig weiter bis zum Finale.
Ich denke, deine Geschichte ist erzählenswert. Vielleicht als Roman?

L.G.
Gabi, die sich mit Autobiographien nicht auskennt  Wink


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sleepless_lives
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BeitragVerfasst am: 03.09.2011 04:38    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo NixZuVerlieren,
schreib auf jeden Fall weiter. Der erste Abschnitt ist großartig. Ich würde da auch nichts ändern, denn meinen Meinung fließt es (wie man so sagt). Nach dem Anfang lese ich garantiert weiter.

Was das Gesamtwerk angeht, so halte ich das Vorwärts- und dann später wieder Rückwarts-Springen in der Zeit für die interessantere und anspruchsvollere Weise zu erzählen. Es ist allerdings auch bei Weitem die schwierigere Variante, denn du musst selbst die nötige Struktur aufbauen, Themen finden, die dir erlauben, das Ganze sinnvoll zu untergliedern (zumindest für dich selbst; dem Leser muss das gar nicht so klar werden). Beim chronologischen Erzählen hilft dir der zeitliche Ablauf, es geht dann mehr darum auszusuchen, was beschrieben werden soll und was als nebensächlich übersprungen werden muss. Auf der anderen Seite kann das auch ermüdend werden, für den Schreibenden und den Leser, während die nicht-chronologische Variante es ermöglicht, dich weitertragen zu lassen von einer Sache, die du wirklich erzählen willst, zur nächsten.


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NixZuVerlieren
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Alter: 35
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BeitragVerfasst am: 03.09.2011 08:01    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo,

lieben Dank fürs Mut-Machen und die Kritik.

Ich werde es auf alle Fälle überarbeiten.

Ob es 1.Kapitel oder Einleitung sein soll, hatte ich noch gar nicht entschieden..

LG.
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NixZuVerlieren
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 35
Beiträge: 13
Wohnort: Ruhrgebiet


BeitragVerfasst am: 03.09.2011 08:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

G.T. hat Folgendes geschrieben:
Moin Moin!

Gefällt mir ganz gut. Schön knackiger Stil, kurze Sätze - sowas lese ich gerne. An ein paar Stellen kann man meines Erachtens aber noch streichen und umformulieren:

Zitat:
Ich mag Vorhänge. Es kann mir nie dunkel genug sein. Ich habe in jeder meiner Wohnungen welche besessen. (klingt plump und ist eine überflüssige Info, die sich bereits aus den verallgemeinernden vorherigen Formulierungen ergibt) Vorhänge, die so lang sind, dass sie über den meist ungeputzten Boden schleifen, wenn der Wind ohne Erbarmen (abgenutztes Bild) durch die Ritzen der undichten, alten Rahmen kriecht. Vorhänge, hinter denen man sein Gesicht verbergen kann ohne darauf verzichten zu müssen selbst einen Blick auf die Welt dort draußen erhaschen zu können. Ich konnte immer nur im Schutz der Dunkelheit schlafen und aufwachen. Selbst als Kind habe ich immer (Wortwiederholung) stolz behaupten können, mich nie vor der Nacht zu fürchten. Der Grund war simpel: Denn die Nacht brach von draussen herein während der wahre Dämon (wie wichtig ist dir das Wort Dämon? Mich befremdet es zunächst. Mit Dämon assoziiere ich spontan Fantasy o.ä. Eine Formulierung wie "Feind" ließe mehr Assoziationen offen) in mir wütete. Der wahre Dämon, das war die Depression. Wie ein undurchsichtiger Vorhang markierte er die Trennlinie. Die Trennlinie zwischen der Welt und mir. Wenn man sieben Jahre alt ist, begreift man das nicht.

Zwanzig Jahre und drei ambulante Psychotherapien später war ich ein Fall für die Klapse. Hinter mir sollten sich Türe schließen wie Vorhänge. Für Wochen, (überflüssig, ohne den ersten Teil eindringlicher) nicht bloß bis die Nacht vorüber war. Das Ziel bestand darin mich in diesem Mikrokosmos abzuschotten. Zu meinem Wohl. Zu meinem Schutz. Damit ich zur Ruhe komme kam. Auf dass Damit ich verstand, was mit mir los war und mich mit meiner Vergangenheit auseinandersetzte. Ich sollte Kontakt zu meinem Dämon aufnehmen und und ihn bezwingen.

Ich spürte ja (präziser) selbst, dass ich mich endgültig verloren hatte. Krise. Endstation. Tiefpunkt. (zwei der drei Worte würde ich streichen. Dann ist das verbliebene stärker. Ich würde "Krise" und "Tiefpunkt" löschen und nur Endstation stehen lassen. Dadurch gewinnt das Wort an tiefe) Mein Leben glich nur noch dem Spaziergang eines Tigers Panthers (nur so ne kleine Idee von mir - würde an Rilkes Bild vom Panther erinnern, an das ich hier denken musste. Die Fellfarbe des Panthers passt auch besser zur Stimmung) im Zwinger, dessen Freiheit von der einen Seite des Käfigs bis zur anderen reichte. Während ein Tiger Panther in der freien Wildbahn schnell und stark war, überstand ich die Tage nur mit den Errungenschaften der Pharmaindustrie: Citalopram am Morgen, um meinen Antrieb zu steigern, Promethazin am Abend für ein bisschen Schlaf [...]


Soll das nur ein Vorwort/eine Einleitung oder bereits das erste Kapitel sein?
Als Einleitung fände ich es akzeptabel, als Kapitelbeginn zu schnell. Ich würde mir eine genauere Beschreibung des Kinderverhaltens wünschen.

Gruß!     G.T.


Hallo,

habe einen Teil Deiner Vorschläge übernommen und die Änderung eingefügt. Deine Argumentation hat mich überzeugt.

Werde im Folgenden näher auf den Zeitpunkt eingehen, an dem der Dämon Einzug hielt (Gefühlsbeschreibung) ohne schon zu verraten, was die Ursachen waren. Das soll Stück für Stück erst ans Licht kommen, u.a. im Rahmen der Therapien.

Wenn ich darf, werde ich die Fortsetzung wieder posten.

LG.
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G.T.
Autor

Alter: 33
Beiträge: 701



BeitragVerfasst am: 03.09.2011 08:52    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Wenn ich darf, werde ich die Fortsetzung wieder posten.


Aber sicher, darauf freu ich mich schon!
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Rote Wölfin
Geschlecht:weiblichHobbyautor

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Beiträge: 370



BeitragVerfasst am: 03.09.2011 16:12    Titel: Antworten mit Zitat

... würde auch gern weiterlesen.

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femme-fatale233
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Das Bronzene Pfand


BeitragVerfasst am: 03.09.2011 22:32    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo NixZuVerlieren,
ich mag die Vorhänge. Sie sind ein unheimlich starkes Bild, um in den Text einzusteigen - man ist sofort irgendwie drin und möchte weiterlesen.

Allerdings gefällt mir der Dämon im zweiten Absatz nicht - zu oft hat man das schon im Zusammenhang mit Depressionen und psychischen Erkrankungen gehört. Leider.

Im dritten Absatz viel mir sofort der eingesperrte Tiger auf und irgendwie musste ich an Rilkes Panther aus dem Jardin des Plantes denken, wo es ja heißt:

"Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält,
ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt."

Diese Welt scheint es ja für deinen Erzähler auch nicht zu geben. Vielleicht hattest Du ja beim Schreiben einen ähnlichen Gedankengang?

Liebe Grüße,
femme
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Mr. Curiosity
Bestseller-Autor

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Der goldene Käfig


BeitragVerfasst am: 04.09.2011 22:59    Titel: Antworten mit Zitat

Ich weiß ja noch nicht, wohin die Geschichte führen soll. Ich nehme an, du fasst hier erstmal zusammen, um die "Handlung" (oder wie man es bei einem biographischen Text nennen) an einem konkreten Punkt zu beginnen. Anders ließe es sich bei einem Roman auch gar nicht umsetzen.
Ich hielte es für besser, wenn du reines Narrativum und konkrete Bilder nicht so mischen, sondern dich für eines entscheiden würdest.
Ich finde den ersten Absatz sehr stark. Dieses ganze Bild würde ich noch etwas ausbauen, den "Dämon" rausstreichen, weil er als Metapher verbraucht ist und den ganzen Rest nach dem ersten Absatz nochmal umschreiben.
Es wirkt auf mich eben noch etwas unentschlossen. Zunächst bist du ganz nah dran, dann rückst du in der Nacherzählung in den folgenden Absätzen weiter weg. Du kannst ja gerne einen Schnelldurchlauf machen. Ich würde mir dann nur eine dem ersten Absatz etwas ähnlichere Gestaltung wünschen, vielleicht die Denkweise in ihrer Reifung vom Kindheits- ins Erwachsenenalter deutlich machen.

Vielleicht sagt dir einer meiner Vorschläge ja zu. Vom Ansatz her finde ich es wirklich gut.

LG David


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"Wenn du Schriftsteller sein willst, dann sag, dass du der Beste bist ...
Aber nicht, solange es mich gibt, kapiert?! Es sei denn, du willst das draußen austragen."

(Ernest Hemingway in "Midnight in Paris")
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NixZuVerlieren
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Beiträge: 13
Wohnort: Ruhrgebiet


BeitragVerfasst am: 11.09.2011 13:01    Titel: So, hab den Text ergänzt... pdf-Datei Antworten mit Zitat

- 1 -

Ich mag Vorhänge. Es kann mir nie dunkel genug sein. Ich habe in jeder meiner Wohnungen welche besessen. Vorhänge, die so lang sind, dass sie über den meist ungeputzten Boden schleifen, wenn der Wind durch die Ritzen der undichten, alten Rahmen kriecht. Vorhänge, hinter denen man sein Gesicht verbergen kann ohne darauf verzichten zu müssen selbst einen Blick auf die Welt dort draußen erhaschen zu können. Ich konnte immer nur im Schutz der Dunkelheit schlafen und aufwachen. Schon als Kind habe ich stolz behaupten können, mich nie vor der Nacht zu fürchten. Denn die Nacht brach von draussen herein während der wahre Dämon in mir wütete. Der wahre Dämon, das war die Depression. Wie ein undurchsichtiger Vorhang markierte er die Trennlinie. Die Trennlinie zwischen der Welt und mir.

Wenn man sieben Jahre alt ist, begreift man das nicht. Man darf es nicht begreifen, denn man hatte den Mund zu halten und dankbar zu sein. Für die Eltern. Arbeiter, die kaum Bildung genossen, sich aber mit Fleiß und Durchhaltevermögen etwas aufgebaut hatten. Eine Eigentumswohnung im nobelsten Stadteil. Designermöbel. Ein Auto. Zwei Mal im Jahr Urlaub am Mittelmeer. Für mich. Ihr einziges Kind. Geboren Mitte der 1980er Jahre als die Branche, in der mein Vater arbeitete, noch boomte. Beste Bedingungen für eine sorglose Kindheit. So schien es zumindest. Ich dagegen wünschte mir tot zu sein.

Kurz bevor ich eingeschult wurde, drängten meine Eltern darauf, dass ich schwimmen lerne. Das „Seepferdchenabzeichen“ sollte ich machen. Eine Aufgabe bestand darin, nach einem schwarzen Gummiring zu tauchen, der in 1 Meter Wassertiefe lag. Ich erinnere mich an diesen Tag als sei es gestern gewesen: Mit pochendem Herzen und einer unangenehmen Schwere in der Magengrube stand ich am Beckenrand und sog den Chlorgeruch in mich hinein. Ich trug einen pinken Bikini. Auf meiner noch nicht vorhandenen Brust prangten zwei kleine Elfen, die miteinander zu tanzen schienen. Am  Bündchen waren Rüschen, die kratzten. Ich hasste diesen Bikini. Allein schon, weil meine Mutter ihn ausgesucht hatte.
Ich atmete noch einmal tief ein. Dann ließ ich mich mit den Füßen voran ins Becken plumpsen.

Während sich die Wasserdecke über mir schloß, ich gezielt den Boden ansteuerte, eine sanfte Kühle meinen Körper umspielte und ich nur noch ganz leise etwas von dem lebhaften Treiben im Schwimmband wahrnahm, begann ich zu träumen: Wie sich meine Lungen langsam mit Wasser füllten, Bewegungen unkoordinierter, meine Gliedmaßen schwerer wurden und alles um mich herum sich schwarz färbte. Ich wusste, die Dunkelheit war ein Anzeichen dafür, dass es bald vorbei war. Ich musste nur noch die Augen schliessen und mich treiben lassen. Stille. Schwerelosigkeit. Endlose Weiten. Alle Erinnerungen ausgelöscht. Alles erschien, wie nie geschehen, wie nie erlebt.

Keuchend schleuderte ich den Gummiring an den Beckenrand und rieb mir die Augen, welche vom Chlorwasser ziemlich brannten. Es kam mir vor, als sei ich Stunden unter Wasser gewesen. Der Bademeister warf einen prüfenden Blick auf seine Stoppuhr und klatschte begeistert in die Hände. Die Mundwinkel meiner Mutter zuckten kurz als würde sie krampfhaft versuchen sich angesichts der Leistung ihrer Tochter ein Lächeln abzuringen. Bestanden! Ich hatte die Prüfung bestanden! Ein kleines schwarzes Seepferdchensymbol würde man mir auf meinen Bikini nähen. Das macht ihn auch nicht schöner.

Mehr als zwanzig Jahre und drei ambulante Psychotherapien später war ich ein Fall für die Klapse. Hinter mir sollten sich Türe schließen wie Vorhänge. Nicht bloß bis die Nacht vorüber war. Das Ziel bestand darin mich in diesem Mikrokosmos abzuschotten. Zu meinem Schutz. Damit ich zur Ruhe kam. Damit ich verstand, was mit mir los war und mich mit meiner Vergangenheit auseinandersetzte. Ich sollte Kontakt zu meinem Dämon aufnehmen und ihn bezwingen. Der Gedanke daran erzeugte ein Kribbeln. Intensiver als Gänsehaut. Es überzog meine Fingerkuppen, überquerte meine Hände und Arme und breitete sich im Gesicht aus. Angst. Pure Angst. Ich spürte, dass ich mich verloren hatte. Endstation. Mein Leben glich nur noch dem Spaziergang eines Panthers im Zwinger, dessen Freiheit von der einen Seite des Käfigs bis zur anderen reichte. Während ein Panther in der freien Wildbahn schnell und stark war, überstand ich die Tage nur mit den Errungenschaften der Pharmaindustrie: Citalopram am Morgen, um meinen Antrieb zu steigern, Promethazin am Abend für ein bisschen Schlaf.


Der "Dämon" ist noch drin. Daran muss ich noch arbeiten....
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Andi Fontäne
Schreiberling

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Juan, der Bodyguard
BeitragVerfasst am: 11.09.2011 13:48    Titel: Antworten mit Zitat

Hi,

hab jetzt nur den unteren Text gelesen. Wahrscheinlich die überarbeitete Fassung.

Ich muss sagen, ich bin ganz fasziniert, von deiner montageartigen Technik zu Erzählen. Zack - Ein Bild aus der Kindheit. Zack - Schwimmunterricht, frühe Selbstmordphantasien... etc.

Finde auch die Bilder sehr gelungen. Die Figur ist zwar pessimistisch, aber nicht unsympathisch oder, dass man denkt, "Luxusprobleme". Nicht zu viel des Guten (oder eher Schlechten), ist prima dosiert.

Ich wünsche dir viel Erfolg beim fortsetzen. Hast sicher schon gemerkt, dass die Geschichte Potenzial hat.

Grüße
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Mr. Curiosity
Bestseller-Autor

Alter: 31
Beiträge: 4485
Wohnort: Köln
Der goldene Käfig


BeitragVerfasst am: 11.09.2011 21:27    Titel: Antworten mit Zitat

Falls du wirklich vorher noch keine schreiberische Erfahrung hattest, dann besitzt du wirklich Talent. Du schreibst sehr lebendig und ich halte die zweite Version für weitaus besser als die erste.
Eine Idee nur noch dazu: Ich persönlich fände es noch effektiver, wenn du die Depression, die "Klapse" und enstprechende Medikamente gar nicht konkret benennen, sondern es bei den Beschreibungen belassen  oder zumindest da noch etwas reduzieren würdest. Die konkreten Benennungen rationalisieren das Ganze in einer gewissen Weise. Beklemmender und für mich eindringlicher würde es wirken, wenn du es bei diesem unbestimmten Gefühlen belassen würdest.
Nur so ein Gedanke.

LG David


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Aber nicht, solange es mich gibt, kapiert?! Es sei denn, du willst das draußen austragen."

(Ernest Hemingway in "Midnight in Paris")
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Nina
Geschlecht:weiblichBestseller-Autor


Beiträge: 4328



BeitragVerfasst am: 11.09.2011 21:37    Titel: Antworten mit Zitat

hallo nixzuverlieren,

gefällt mir sehr, sehr gut. eins ist mir aufgefallen:

Zitat:
Das macht ihn auch nicht schöner.


das machte ihn auch nicht schöner (für mich).

ansonsten: du hast einen sehr schönen, angenehmen,
lebendigen und mitreißenden, sicheren schreibstil.
weiter so!

lg
nina


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Liebe tut der Seele gut.
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NixZuVerlieren
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

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Beiträge: 13
Wohnort: Ruhrgebiet


BeitragVerfasst am: 11.09.2011 21:49    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Mr. Curiosity hat Folgendes geschrieben:
Falls du wirklich vorher noch keine schreiberische Erfahrung hattest, dann besitzt du wirklich Talent. Du schreibst sehr lebendig und ich halte die zweite Version für weitaus besser als die erste.
Eine Idee nur noch dazu: Ich persönlich fände es noch effektiver, wenn du die Depression, die "Klapse" und enstprechende Medikamente gar nicht konkret benennen, sondern es bei den Beschreibungen belassen  oder zumindest da noch etwas reduzieren würdest. Die konkreten Benennungen rationalisieren das Ganze in einer gewissen Weise. Beklemmender und für mich eindringlicher würde es wirken, wenn du es bei diesem unbestimmten Gefühlen belassen würdest.
Nur so ein Gedanke.

LG David


Hi,

danke für Deine Kritik. Nee, hab keine Schreiberfahrung ausser Tagebuchschreiben. Hatte aber schon lange Lust mal etwas auszuprobieren und was lag da näher als Selbsterlebtes....

LG. Very Happy
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NixZuVerlieren
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 35
Beiträge: 13
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BeitragVerfasst am: 11.09.2011 21:49    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Nina hat Folgendes geschrieben:
hallo nixzuverlieren,

gefällt mir sehr, sehr gut. eins ist mir aufgefallen:

Zitat:
Das macht ihn auch nicht schöner.


das machte ihn auch nicht schöner (für mich).

ansonsten: du hast einen sehr schönen, angenehmen,
lebendigen und mitreißenden, sicheren schreibstil.
weiter so!

lg
nina


Stimmt, hab ein "e" vergessen! Danke für den Hinweis. Korrigiere ich. LG.
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C-Rod
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling

Alter: 42
Beiträge: 126
Wohnort: Rund um Karlsruhe


BeitragVerfasst am: 11.09.2011 23:09    Titel: Antworten mit Zitat

NZV,

Du schreibst schön und klar, ich mag das.

Sehr schweres Thema, darüber kann man nur so schreiben, wenn man es kennt.

Bitte melde Dich mal kurz bei mir per PN, wenn Du einverstanden bist, ja?

LG

CRod


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Achte immer auf Deinen Weg, Fremder.

Jeder Schritt den Du heute in Richtung Zukunft tust, wird schon morgen ein Schritt aus der Vergangenheit sein.
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Nicki
Geschlecht:weiblichBestseller-Autor

Alter: 63
Beiträge: 4744
Wohnort: Mönchengladbach
Ei 10


BeitragVerfasst am: 12.09.2011 06:46    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo und guten Morgen NixZuVerlieren,
eigentlich wollte ich deinen Text nicht lesen, Biographien und ähnliches sind so gar nicht mein Ding.
Aber dann bin ich doch hängengeblieben, an deinem Schreibstil, an der flüssigen Art, dich auszudrücken, an den Bildern die du mit Worten malst.
Beispiel: über dir schloss sich die Wasserdecke, später schlossen sich Türen wie Vorhänge.
Es würde mich freuen, auch weiterhin etwas von dir lesen zu können.
MfG
NIcki
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Melanie
Geschlecht:weiblichTassentante

Alter: 40
Beiträge: 1731
Wohnort: Verden/Aller
DSFo-Sponsor


BeitragVerfasst am: 12.09.2011 07:08    Titel: Antworten mit Zitat

Guten Morgen NZV,

eine gute Bekannte von mir, ich nenne sie mit Absicht nicht Freundin, ha im letzten Herbst 4 Wochen in einem Krankenhaus auf der geschlossenen Abteilung verbracht und im Anschluss 6 Wochen in einer Reha-Klinik.

Sie hat mir erzählt, was mit ihr los war/ist.
Aber du hast mir das Innenleben dazu gegeben, jetzt verstehe ich ihre Worte ganz anders.
Für jemanden, der nicht weiß, was Depressionen sind, ist es kaum Möglich, sich in den Betroffenen hineinzuversetzen.
Ich schließe mich Nicki an, Biographien lese ich sehr ungernn- und als ich vor einigen Tagen von deinem Plan las, dachte ich:
Hm, erst Mal Abwarten, was das so wird!
Jetzt  sage ich: Weitermachen! Ich würde Lesen, was du schreibst!


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Narben erinnern uns an das Erlebte.
Aber sie definieren nicht unsere Zukunft.
Mark Twain
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NixZuVerlieren
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 35
Beiträge: 13
Wohnort: Ruhrgebiet


BeitragVerfasst am: 12.09.2011 08:35    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

euer feedback motiviert mich echt weiter zu machen...

danke!!!!!

 Very Happy
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Fao
wie Vendetta

Alter: 28
Beiträge: 2487



BeitragVerfasst am: 12.09.2011 15:05    Titel: Antworten mit Zitat

Hey Nixzuverlieren,

Das liest sich sehr flüssig, schön und vorallem authentisch.

Sag Bescheid, wenn das Buch draußen ist, ich werds lesen wink

Gruß,
Fao


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Begrüßt gerechte Kritik. Ihr erkennt sie leicht. Sie bestätigt euch in einem Zweifel, der an euch nagt. Von Kritik, die euer Gewissen nicht anerkennt, lasst euch nicht rühren.
Auguste Rodin - Die Kunst.
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