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Damals: >Der Fremde< (Kindheitserinnerung)


 

 
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Lara
Schreiberling


Beiträge: 158
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BeitragVerfasst am: 03.12.2008 01:35    Titel: Damals: >Der Fremde< (Kindheitserinnerung) eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Nach dem 2.Weltkrieg wohnten meine Mutter und ich bei meinen Großeltern. Unser Haus war zerbombt und die restlichen Möbel standen in einer großen Halle, bis wir wieder eine eigene Bleibe gefunden hatten. Viele Leute hatten die geretteten Sachen dort stehen, denn es war nicht einfach, sein Hab und Gut zu schützen. Für uns spielte Herr Kujava, ein Nachbar, den Aufpasser. Er bewachte vor allem Muttis kostbare Singer-Nähmaschine!

Jeden Abend saßen wir am Küchentisch und schauten gespannt zu, was passierte: auf dem Tisch lag ein älteres Foto meines Vaters. Meine Mutter hielt ihren Ehering an einem Bindfaden darüber und pendelte solange, bis er anhielt. Sie wusste immer, was der Haltepunkt bedeutete. Meistens sagte er, dass mein Vater zurückkäme.

Der war noch irgendwo in Kriegsgefangenschaft. Ich erinnerte mich nur noch schwach an ihn, denn er war in sieben Jahren zwei Mal auf Urlaub bei uns gewesen. Ich war erst zwei Jahre, als er eingezogen wurde und fast neun, als er zurückkam
 
Es war Mittag, Zeit  für ein Schläfchen. Meine Großeltern legten sich jeden Mittag ein Stunde in ihre großen, dunklen Betten. Ich hatte das Privileg in der „Besuchsritze“ liegen zu dürfen. Eigentlich fand ich mich schon viel zu groß für so etwas. Doch es war einfach himmlisch! Da lag ich, geborgen zwischen zwei selig schlafenden Menschen und genoss mit Teddy Arnold, das „Schnarch“ von links und das „Pütt“ von rechts! Schön im Takt, einmal hoher Ton, einmal tief. Nach einer Weile schlummerte ich auch ein.
 
Plötzlich wurde ich von einem lauten Klingeln an der Tür geweckt. Mein Schnarch-Duett säuselte immer noch, und Mutti war auf Hamstertour. also ging ich zum Öffnen. Eigentlich war das verboten, weil man nie wusste, wer da vor der Tür stand. Als ich langsam die Tür öffnete, sah ich einen braungebrannten Soldaten in verknitterter Uniform, kaputten, schmutzigen Schuhen und zerschlissenem Mantel im Trerpenhaus stehen. Auf dem Rücken trug er einen ausgebeulten Rucksack und stützte sich
auf einen Stock.
 
Mein Herz schlug laut bis zum Hals. Vor Angst konnte ich mich nicht rühren. Und dazu kam mein schlechtes Gewissen! Es wurde auch nicht besser, als dieser Mensch mich anlächelte: „ Hallo Stüpsken, bist du groß geworden“ sagte er mit tiefer Stimme. Das war zu viel für mich, und ich schrie nach Oma und Opa. Wie kam der Mann dazu, mich mit dem Spitznamen anzureden, den Vati für mich ausgesucht hatte!

Und dann sah ich nur noch ungläubig dem weiteren Geschehen zu! Die Großeltern sahen den Mann, stießen komische Laute aus und liefen an mir vorbei zu dem Fremden. Immer wieder umarmten sie ihn und stammelten Worte, die ich nicht verstand. Mir wurde ganz schlecht vor Angst, und ich verkroch mich unter dem Küchentisch. Leider half das nicht viel, denn sie kamen auch in die Küche.

Während der Mann anscheinend den Rucksack auspackte, hörte ich immer wieder „nein, so was“ und „Schokolade“, „Schmalz“. Zu gerne hätte ich gesehen, was er da alles auspackte! Plötzlich wurde es ganz still. Meine Mutter war zurück und kam in die Küche. Sie stand in der Türöffnung, regungslos. Auf einmal lief sie los zum Tisch, und ich hörte ein ungewohntes Geräusch. Vorsichtig lugte ich unter der Tischdecke hervor und sah: meine starke Mutter hielt diesen  Fremden in den Armen und weinte, dass ihr Körper bebte.

Da flossen auch meine Tränen"! Ich vergaß meine Angst und trommelte mit den Fäusten auf seinen Rücken. Er hatte sich umgedreht und wollte mich  auf den Arm nehmen, doch ich schrie und schlug um mich. Erst nach einer Weile verstand ich, was Opa rief: „ Kind, Kind, das ist doch dein Vater!“

Langsam entspannte sich die Lage. Wir betrachteten andächtig das, was auf dem Tisch lag. Vieles kannte ich gar nicht: Schmalzfleisch, Bohnenkaffee, Kakao, Öl, Reis, Schokolade etc. Oma kochte Kaffee und machte mir einen wunderbaren Kakao. Wohlige Stille breitete sich aus, und ich beobachtete den Mann, der mein Vater sein sollte, mit gesenktem Blick. Er hielt die Hände meiner Mutter umklammert, und niemand sprach ein Wort.

Nach einer Weile standen beide auf und gingen langsam aus der  Küche. Fürmich aber begann ein langer, schwieriger Gewöhnungsprozess: nach und nach begriff ich, dass ich jetzzt meine Mutter teilen musste mit dem Mann, der mein Vater war.

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Rheinsberg
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Bronzenes Messer


BeitragVerfasst am: 10.12.2008 21:33    Titel: Antworten mit Zitat

Schön ge- und be-schrieben. Lässt sich gut lesen.
Zwei "aber":
- es kommt mir eher vor wie ein Fragment als eine Kurzgeschichte
- ich hätte gerne mehr davon gelesen  Wink


_________________
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Lara
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BeitragVerfasst am: 12.12.2008 16:09    Titel: Der Fremde pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo, entschuldige, dass ich so spät reagiere. Ich habe meinen Rechner zur Reperatur geben müssen und ihn gerade erst zurückbekommen. Also, ich freue mich über deine Zustimmung, danke! Mit deiner Vermutung liegst du fast richtig, denn diese Anekdote stammt aus meinen Kindheitserlebnissen,
"Nur der Himmel schien immer derselbe". Die erscheinen 2009 in einem Berliner Verlag. Es grüßt dich, lara
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femme-fatale233
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Beiträge: 2073
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Das Bronzene Pfand


BeitragVerfasst am: 12.12.2008 16:32    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Du!
Mir sind einige Sachen in deinem Text aufgefallen:


Lara hat Folgendes geschrieben:
Nach dem 2.Weltkrieg wohnten meine Mutter und ich bei meinen Großeltern. Unser Haus war zerbombt und die restlichen Möbel standen in einer großen Halle, bis wir wieder eine eigene Bleibe gefunden hatten. Viele Leute hatten die geretteten Sachen dort stehen, denn es war nicht einfach, sein Hab und Gut zu schützen. Für uns spielte Herr Kujava, ein Nachbar, den Aufpasser. Er bewachte vor allem Muttis kostbare Singer-Nähmaschine!

Jeden Abend saßen wir am Küchentisch und schauten gespannt zu, was passierte: auf dem Tisch  (hier hast du zweimal kurz hintereinander das Wort "Tisch" verwendet, schreib doch lieber: "jeden Abend saßen wir in der Küche...")lag ein älteres Foto meines Vaters. Meine Mutter hielt ihren Ehering an einem Bindfaden darüber und pendelte solange, bis er anhielt. Sie wusste immer, was der Haltepunkt bedeutete. Meistens sagte er, dass mein Vater (wieder eine Wiederholung) zurückkäme.

Der war noch irgendwo in Kriegsgefangenschaft. Ich erinnerte mich nur noch schwach an ihn, denn er war in sieben Jahren zwei Mal auf Urlaub bei uns gewesen. Ich war erst zwei Jahre, als er eingezogen wurde und fast neun, als er zurückkam.
 
Es war Mittag, Zeit  für ein Schläfchen. Meine Großeltern legten sich jeden Mittag (und noch eine Wiederholung)ein Stunde in ihre großen, dunklen Betten. Ich hatte das Privileg in der „Besuchsritze“ liegen zu dürfen. Eigentlich fand ich mich schon viel zu groß für so etwas. Doch es war einfach himmlisch! Da lag ("liegen" hast du kurz vorher schon einmal benutzt) ich, geborgen zwischen zwei selig schlafenden Menschen und genoss mit Teddy Arnold, das „Schnarch“ von links und das „Pütt“ von rechts! Schön im Takt, einmal hoher Ton, einmal tief (den Satz musst du ändern, er klingt komisch, wenn man ihn liest). Nach einer Weile schlummerte ich auch ein.
 
Plötzlich wurde ich von einem lauten Klingeln an der Tür geweckt. Mein Schnarch-Duett säuselte immer noch, und Mutti war auf Hamstertour, also ging ich zum Öffnen. Eigentlich war das verboten, weil man nie wusste, wer da vor der Tür stand. Als ich langsam die Tür (im Satz davor hast du auch schon das Wort Tür gebraucht. Mein Vorschlag:...weil man nie wusster, wer da gerade geläutet hatt. Als ich langsam die Tür öffnete,...) öffnete, sah ich einen braungebrannten Soldaten in verknitterter Uniform, kaputten, schmutzigen Schuhen und zerschlissenem Mantel im Trerpenhaus stehen. Auf dem Rücken trug er einen ausgebeulten Rucksack und stützte sichauf einen Stock.
 
Mein Herz schlug laut (Lass das "laut" weg) bis zum Hals. Vor Angst konnte ich mich nicht rühren. Und dazu kam mein schlechtes Gewissen! (Hat sie ein schlechtes Gewissen, weil sie die Tür geöffnet hat?) Es wurde auch nicht besser, als dieser Mensch mich anlächelte: „ Hallo Stüpsken, bist du groß geworden“ sagte er mit tiefer Stimme. Das war zu viel für mich, und ich schrie nach Oma und Opa. Wie kam der Mann dazu, mich mit dem Spitznamen anzureden, den Vati für mich ausgesucht hatte!

Und dann sah ich nur noch ungläubig dem weiteren Geschehen zu. Die Großeltern sahen den Mann, stießen komische Laute (das klingt seltsam) aus und liefen an mir vorbei zu dem Fremden. Immer wieder umarmten sie ihn und stammelten Worte, die ich nicht verstand. Mir wurde ganz schlecht vor Angst, und ich verkroch mich unter dem Küchentisch. Leider half das nicht viel, denn sie kamen auch in die Küche.

Während der Mann anscheinend den Rucksack auspackte, hörte ich immer wieder „nein, so was“ und „Schokolade“, „Schmalz“. Zu gerne hätte ich gesehen, was er da alles auspackte (eine weitere Wiederholung)! Plötzlich wurde es ganz still. Meine Mutter war zurück und kam in die Küche. Sie stand in der Türöffnung, regungslos. Auf einmal lief sie los zum Tisch, und ich hörte ein ungewohntes Geräusch. Vorsichtig lugte ich unter der Tischdecke hervor und sah: meine starke Mutter hielt diesen  Fremden in den Armen und weinte, dass ihr Körper bebte.

Da flossen auch meine Tränen! Ich vergaß meine Angst und trommelte mit den Fäusten auf seinen Rücken. Er hatte sich umgedreht und wollte mich  auf den Arm nehmen, doch ich schrie und schlug um mich. Erst nach einer Weile verstand ich, was Opa rief: „ Kind, Kind, das ist doch dein Vater!“

Langsam entspannte sich die Lage. Wir betrachteten andächtig das, was auf dem Tisch lag. Vieles kannte ich gar nicht: Schmalzfleisch, Bohnenkaffee, Kakao, Öl, Reis, Schokolade etc. Oma kochte Kaffee und machte mir einen wunderbaren Kakao. Wohlige Stille breitete sich aus, und ich beobachtete den Mann, der mein Vater sein sollte, mit gesenktem Blick. Er hielt die Hände meiner Mutter umklammert, und niemand sprach ein Wort.

Nach einer Weile standen beide auf und gingen langsam aus der  Küche. Für mich aber begann ein langer, schwieriger Gewöhnungsprozess: nach und nach begriff ich, dass ich jetzt meine Mutter teilen musste mit dem Mann, der mein Vater war.


Außerdem ist es relativ vorhersehbar, dass der "Fremde" ihr Vater ist.
lg, femme-fatale233
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Lara
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Wohnort: 32602 Vlotho


BeitragVerfasst am: 13.12.2008 00:05    Titel: Der Fremde pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke für deine Mühe, den Text zu lesen und für deine Tipps. Ich werde das, was ich davon in Ordnung finde, ändern. Schwierigkeiten habe ich mit deiner letzten Bemerkung <Au>: Für dich mag das stimmen, aber glaub mir, für mich war es das nicht. Ich habe diese Anekdoten immer aus der Sicht eines Kindes geschrieben. Es sollen keine Action-Stories sein und ich will auch keinen
Unterhaltungsroman schreiben. Mir ist es wichtig, meinen Kindern und denen, die es interessiert mitzuteilen, wie man damals lebte. Auch während des Krieges gab es immer wieder etwas zum Schmunzeln. Und diese kleinen Lacher hielten uns am Leben. Heute scheint, trotz allen Wohlergehens, bei den meisten Menschen der Humor abhanden gekommen zu sein. Schade! LG. lara
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Lara
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Beiträge: 158
Wohnort: 32602 Vlotho


BeitragVerfasst am: 13.12.2008 00:10    Titel: Re: Der Fremde pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lara hat Folgendes geschrieben:
Danke für deine Mühe, den Text zu lesen und für deine Tipps. Ich werde das, was ich davon in Ordnung finde, ändern. Schwierigkeiten habe ich mit deiner letzten Bemerkung <Au>: Für dich mag das stimmen, aber glaub mir, für mich war es das nicht. Ich habe diese Anekdoten immer aus der Sicht eines Kindes geschrieben. Es sollen keine Action-Stories sein und ich wollte auch keinen Unterhaltungsroman schreiben. Mir ist es wichtig, meinen Kindern und denen, die es interessiert mitzuteilen, wie man damals lebte. Auch während des Krieges gab es immer wieder etwas zum Schmunzeln. Und diese kleinen Lacher hielten uns am Leben. Heute scheint, trotz allen Wohlergehens, bei den meisten Menschen der Humor abhanden gekommen zu sein. Schade! LG. lara
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