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Sportlertreff (meine nicht eingereichte Geschichte zum Thema Mitternacht)


 
 
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wohe
Geschlecht:männlichEselsohr
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Alter: 70
Beiträge: 433
Wohnort: Berlin


W
Beitrag02.10.2022 16:48
Sportlertreff (meine nicht eingereichte Geschichte zum Thema Mitternacht)
von wohe
eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Freunde,

diesen Text hatte ich eigentlich für die Mitternacht-Ausschreibung der Münchner Schreiberlinge geschrieben, ihn aber wegen mangelndem literarischem Anspruch (Wortgewalt, Inhaltsschwere usw.) nicht eingereicht.
Gefallen kann einem Leser eine Geschichte allerdings auch ohne diesen Anspruch.
Und daher: es würde mich interessieren, ob sie Euch gefällt.

MfG Wohe


Sportlertreff

Das war mit Sicherheit der ödeste Platz, den diese Stadt zu bieten hatte. Noch jenseits des Gewerbegebiets grenzte ein verkommener Friedhof an eine ebenfalls desolate Sportanlage und zwischen den beiden befand sich eine Kneipe, über deren Eingang der Name kaum mehr zu lesen war.
                               Sportlertreff
              Geöffnet von Beginn der Dunkelheit
                       bis kurz vor Mitternacht
Seltsame Öffnungszeiten. Nun gut: Dunkel war es hier wahrlich genug und er hatte noch ausreichend Zeit bis zur Schließung. Wohe parkte vor der Tür und ging hinein.
Auch hier war es nicht gerade hell. Gegen die Lampen im Raum wirkten Kerzen wie Flakscheinwerfer, die Wände waren schwarz oder entsprechend schmutzig und der Barmann war so dunkelhäutig, dass er sich kaum von der allgemeinen Düsternis abhob. Wohe stellte sich an den Tresen und bestellte ein Bier. »Ich suche Herrn Remus.«
Der Barmann wischte ein Glas aus und zapfte Wohes Bier. Hoffentlich war das Handtuch wenigstens sauber, vielleicht war die Beleuchtung deshalb ja so kümmerlich.
»Ich soll etwas für ihn abgeben«, sagte Wohe.
»Sie sind?«
»Frank«, sage Wohe.
»Ich bin Remus. Wer schickt Sie?«
»Alphonse Gabriel.«
»Warten Sie einen Moment. Ich muss noch ein Essen machen.« Remus brachte Wohe sein Bier und verschwand dann durch einen Mauerdurchbruch, der in die Küche führte.
Wohe wagte einen Schluck. Das Bier schmeckte sogar. Also ausreichende Handtuchhygiene. Er sah sich um. Unten an der Theke lehnte ein große Uhr (aktuelle Zeit: 23:30 - hing so was normalerweise nicht oben an der Wand?) und an einem Tisch saßen drei Gäste und beobachteten ihn. Er setzte sich dazu und registrierte, so gut es die Beleuchtung erlaubte: Ein äußerst hagerer Mann im Frack, mit Fliege und langen weißen Haaren. Und roten Augen. Verwirrend waren eine Braunüle, die er an ihrem Schlauch im Kreis herumwirbelte und eine Patek Philippe, die er über der linken Manschette trug.
Ihm gegenüber saß ein Gast mit ausgesprochen fliehender Stirn, der dafür ein umso mehr vorspringendes Kinn hatte. In seinem lippenlosen Mund waren zwei Reihen unregelmäßiger, aber dafür übergroßer Zähne beheimatet und seine Hände waren sicher nicht gut zu handwerklichen Tätigkeiten geeignet. Sie  endeten in langen Krallen. Das Erstaunlichste an ihm war allerdings der Mangel an Bekleidung. Genau genommen bestand diese nur aus einer goldenen Rolex am Arm.
Der dritte am Tisch war nur noch partiell vorhanden. Sowohl seine Kleidung als auch Teile seines Körpers hingen in Fetzen herab und an seinem linken Arm fehlten Unterarm und Hand, sodass er seinen Breitling-Chronometer um das hervorstehende Ellenbogengelenk geschlungen hatte.
Na, das war mal eine Bagage!
»Frank.« Wohe stellte sich vor.
»Vlad.« Der Frackträger. Natürlich Vlad - wie sonst.
»Yogash«, nuschelte der Fast-Nackte.
Der Letzte sagte nichts.
»Er kann nicht reden«, erklärte Vlad. »Hat irgendwann den Kehlkopf verloren.«
»Und im Kopf hat er auch nicht mehr sonderlich viel. Hä, hä, hä.«  Yogashs Mitleid schien sich in Grenzen zu halten.
Bei solchen Leuten fiel Wohe kein passendes Thema ein. Also schwiegen sie sich eine Zeit lang an. Irgendwann hatte Wohe Mühe, sich von der rotierenden Kanüle nicht in Hypnose versetzen zu lassen. »Wofür ist die denn?«, fragte er.
»Wofür wohl? Zum Blut abzapfen natürlich.« Vlad stoppte das Kreiseln und richtete die Kanüle auf Wohes Hals. »Schont die Zähne.«
»Warum das?«
»Das Übliche.« Vlad schien bekümmert. »Mangelnde Hygiene in der Jugend, Karies en masse und schlechte Implantate. Kosten ein Vermögen und sitzen nicht richtig, die Dinger.«
Wohe litt mit ihm. »Tut mir leid.«
Remus brachte Yogashs Essen. Oh Mann, vergammeltes Fleisch. Dessen Geruch und Yogashs Essverhalten war für Ästheten nur schwer zu ertragen. Wohe stand auf und ging mit Remus zum Wagen.
»Eine ziemlich bunte Mischung, Ihre Gäste.«
»Ja.«
»Ein Vampir, ein Ghul und ein Zombie. Man würde nicht erwarten, dass die sich vertragen.«
»Na ja, mein Lokal ist so etwas wie eine Waffenstillstandszone. Aber prinzipiell würde der Ghul den Zombie wohl als Leckerbissen betrachten, der Zombie hätte nichts dagegen, den Vampir zu zerreißen und der Vampir ist hinter dem Blut des Ghuls her.«
»Und Sie?«
»Ich? Ich bin Gourmet. So ein Vampir ist hunderte von Jahren alt, was meinen Sie, wie zäh der ist. Der Ghul schmeckt wie seine Nahrung und der Zombie ist wohl das Vergammelteste überhaupt. Uäh!«
Sie öffneten den Kofferraum und hoben eine gefesselte und geknebelte Frau heraus.
»Das ist Lai«, stellte Wohe vor.
Der Barmann kniff in ihren Schenkel und leckte sich die Reißzähne. Kurz erschienen ein paar Haare auf seiner Hand, aber dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. »Gute Ware. Die ist für morgen.« Er schleppte sie durch die Küche und warf sie in den Kühlraum.
Die war also für morgen. Das brachte ihre Planung aber erheblich durcheinander. Da hatte er sich Pistolen in jede nur denkbare Tasche gesteckt und nun hatten sie es mit derartigen Gestalten zu tun. Charlotte würde schäumen.
»Übrigens«, fragte er. »Was wollen Ihre Gäste eigentlich mit diesen gewaltigen Uhren?«
»Was wohl? Die Zeit ablesen.«
»Schon klar. Ich wundere mich nur über die Typen. Die kosten doch ein Vermögen.«
»Die Herren sind äußerst modebewusst. Das ist halt ihr Stil.«
Großer Gott! »Und Sie? Was haben Sie für eine?«
Der Barmann zeigte auf die Uhr unten am Tresen. »Fünf Euro im Bauhaus. Klasse Teil.«
Wohe setzte sich an die Theke und überlegte. Nun auch noch ein Werwolf, der hatte ihnen grade noch gefehlt. Und jetzt? Keine Ahnung. Also trank er noch ein Bier.
Nach einiger Zeit nahm Remus seine Küchenuhr und wies auf die Zeiger. Es war 23:45. »Gentlemen, es ist soweit.«
Gäste, inklusive Wohe, und Kneipier verließen den Sportlertreff und gingen zum Sportplatz. Obwohl überall Pflanzen wucherten, war die Tartanbahn in noch einigermaßen gutem Zustand. Auf Kunststoff gedieh wohl auch das fieseste Unkraut nicht so recht. Sie stellten sich an die Startlinie, Remus holte ein kleines Radio aus der Tasche und stellte es an. »BBC«, erklärte er.
Es gab Musik.
»Stopp!« Der Vampir wies auf Wohe. »Wo ist seine Uhr?«
Wohe zog sein Smartphone aus der Tasche und präsentierte den Bildschirmschoner. Die Ziffern waren zwar digital, aber erkennbar eine Zeitanzeige.
»Na gut«, sagte Vlad. »Sie müssen sie aber wieder dort hin stecken, wo Sie sie normalerweise aufbewahren.«
Wohe steckte das Smartphone wieder in seine Hosentasche. Die Anderen ließen die Arme herunter hängen und Remus stellte die Küchenuhr vor seine Füße.
»Übrigens«, fragte Wohe, »worum geht es eigentlich?«
Vlad erklärte: »Es handelt sich um einen Multifunktionswettkampf. Körper und Geist. Wie bei John Wayne. Der Schnellste gewinnt.«
Geist und John Wayne? Da musste Wohe wohl einige Filme versäumt haben.
Vlad fuhr fort: »Wenn Big Ben Mitternacht läutet, zeigt jeder seine Uhr, prüft deren Zeitanzeige und gibt dann an, wie lange er gebraucht hat. Eigentlich müsste man die Zeit ausrufen, aber dieser blöde Zombie hat ja seinen Kehlkopf verloren. Da müssen wir uns halt anpassen.«
Im Radio sprach jemand Englisch, dann wurde es still und dann: BENG machte Big Ben, die Arme flogen hoch und nur die Uhr des Barmanns war noch schneller. Ein Tritt und sie flog in die Luft. Wohe suchte sein Handy in der falschen Tasche und war daher chancenlos.
»Trösten Sie sich«, sagte Remus. »Sie machten eh außer Konkurrenz mit.«
»Und nun?«, fragte Wohe.
»Errechnen wir die Aufstellung. Früher war das der intellektuelle Teil unseres Wettbewerbs, aber das Hirn des Zombies ... Also machen Sie das heute. Unsre 100m-Zeiten sind bekannt und bilden die Basis. Meine ist die schnellste, also starte ich hier. Der Vampir ist schon recht alt und hat‘s mit der Hüfte. Er bekommt einen default-Vorsprung von 50m, der Ghul ist anatomisch eher weniger zum Laufen geeignet und stellt sich bei null plus 60m auf und der Zombie weiß nicht mal mehr, was Laufen ist. Der steht bei 80m.«
»Kann der Vampir denn nicht fliegen? Dann müsste der doch der Schnellste sein.«
»Schön wär‘s«, sagte Vlad. »Da sehen Sie mal, was passiert, wenn einen die Medien erst mal im Blick haben. Irgend wer schreibt da irgend welchen Mist und prompt wird‘s kopiert und geglaubt.« Er wedelte mit den Armen. »Sehen Sie? Fliege ich etwa?«
Nee, tat er nicht.
Remus zückte Schreibblock und Bleistift. »Hier«, er drückte sie Wohe in die Hand. »Schreiben Sie mit. Jetzt berechnen wir die endgültigen Startpositionen.« Er wandte sich an die anderen: »Meine Herren, Ihre Zeiten bitte.«
»1 Sekunde«, sagte Vlad.
»1,5 Sekunden«, sagte Yogash.
Der Zombie hob zwei Finger.
»0,5 Sekunden«, sagte Remus. »Das waren die Ablesezeiten nach Big Ben«, erklärte er Wohe. Und zu den anderen: »Und wir starten jetzt:
Auf die Plätze, fertig, los.«
Vampir und Ghul kurbelten an ihren Uhren herum und der Zombie nagte mit seinen Zähnen an der Aufzugskrone. Remus maß die Dauer.
»Ihre Aufziehzeiten bitte.«
»3,5 Sekunden«, sagte Vlad.
»4 Sekunden«, sagte Yogash.
»7 Sekunden für den Zombie«, sagte Remus. »Bei mir null.«
»Wieso haben Sie null?«, fragte Wohe.
»Bauhaus«, sagte Remus. »Quarz und Batterie sind einfach unschlagbar. Rechnen Sie. Startposition minus Aufziehzeit mal Ablesezeit, beide Zahlenwerte in Metern und erinnern Sie sich an Ihren Matheunterricht: Punktrechnung vor Strichrechnung, sonst klappt das nicht.«
Wohe rechnete.
»Sie«, sagte er zu Remus, »behalten Ihre Position, Sie«, er zeigte nacheinander auf Vampir, Ghul und Zombie, »gehen 46m50, 56m und 66m weiter vor.«
Remus gab Wohe eine Trillerpfeife, alle stellten sich in Position und Wohe gab das Startsignal.
Der Werwolf gewann. Junge, war der schnell! Danach kamen die anderen mehr oder weniger zeitgleich bei der 100m-Marke an.
Apropos Zeit - so langsam wurde es Zeit, dass Wohe eine Idee herbeizauberte, wie mit der Situation umzugehen war und vor allem, was er jetzt in Bezug auf Charlotte anstellen sollte. Der Ablauf des Geschehens geriet ihm etwas außer Kontrolle.
Etwas? Das war ja wohl der Vater aller Euphemismen.
Die Läufer kamen zurück zur Startlinie.
Der Werwolf imitierte Bolts Bogenschützen, der Vampir humpelte ziemlich, die Hüfte halt und Ghul und Zombie schlürften mehr schlecht als recht neben einander her.
»Was nun?«, fragte Wohe.
»Nun besorgen die Verlierer dem Gewinner ein delikates Mahl. Das heißt, die da«, Remus zeigte auf die anderen drei, »organisieren es für mich. Ich habe jetzt schon zum dritten Mal hinter einander gewonnen.« Er sah sehr zufrieden aus. »Da muss unser Freund Vlad mal wieder seine alten Freunde anrufen. Sie müssen wissen, er kann auf eine respektable Karriere in der Unterwelt zurückblicken.«
»Unterwelt? Sie meinen, so was wie unterhalb des Grabsteins?«
»Ha, ha. Sie haben Humor. Im Ernst: das auch, aber ich meine Leute wie Ihren Auftraggeber.«
»Ich glaube nicht, dass Alphonse mit der Unterwelt in Verbindung gebracht werden möchte. Er hält viel auf seine Reputation.«
Wohe und Remus lachten einvernehmlich.
»Der Witz war gut«, sagte Remus. »Es ist so: Vlad ist gut bekannt mit Salvatore. Sie kennen doch Salvatore Charles?«
Wer kannte den nicht? Außerdem war der einer der Gründe für Wohes Anwesenheit. »Natürlich.«
»Jedenfalls ist der ein Freund von Aphonse und beide handeln mit all dem, was Sie bei Woolworth und im KaDeWe nicht bekommen. Man könnte sogar sagen, dass sie bei bestimmten Waren ein Alleinstellungsmerkmal haben, sozusagen konkurrenzlos sind.«
»Bei Waren wie Lai?«
»Genau.«
»Stimmt, so was bekommt man nicht überall. Das klingt exklusiv, das klingt teuer.«
»Ist es normalerweise auch, aber die beiden sind halt gute Menschen, sie geben uns sogar Rabatt.«
Gute Menschen! Alphonse und Salvatore! So hatte die bestimmt noch niemand betitelt.
»Rabatt?«, fragte Wohe.
»Ja, weil wir so gute Kunden sind, schicken sie uns diesmal sogar gleich zwei Lieferungen zum Preis von einer.«
Wohe rechnete nach und wurde ein wenig unruhig. Lai und ... Tja, so viele Möglichkeiten blieben da wohl nicht.
Ein penetranter Verwesungsgeruch deutete auf die Nähe von Zombie und Ghul und dass der Vampir begann, mit seiner Kanüle in Wohes Armbeuge herumzustochern, war ebenfalls kein gute Zeichen.
Wohe ließ sich fallen und rollte unter dem Trio hindurch.
Genau in die Arme des Werwolfs.
»Jungs«, sagte Wohe. »Ich schlage vor, ihr lasst mich in Frieden. Ich fürchte, ihr macht euch sonst strafbar.«  
»Das ist dann nicht Ihr Problem«, sagte Vlad. »Was haben Sie eigentlich für eine Blutgruppe?«
Wohe zappelte hin und her, allerdings vergeblich. So ein Werwolf war verdammt stark. Aber dem Vampir würde er seine Blutgruppe ganz bestimmt nicht verraten, nachher hatte der noch eine Vorliebe für Null negativ. »Ich bin ziemlich chemieverseucht«, sagte Wohe. »Wegen der Pillen. Die brauche ich für meinen Blutdruck und den Magen und ich dusche auch immer mit Shampoo und Flüssigseife. Das dürfte ziemlich ungesund für Sie sein und was meine Reste angeht, auch für die Umwelt.« Er war Grünen-Wähler.
»Da machen Sie sich mal keine Sorgen drum«, sagte Remus. »Wir sind da recht resistent. Außerdem verwerten wir Sie konsequent ökologisch. Und ökonomisch, nämlich vollständig.« Er setzte Wohe ab und hielt ihn fest. »Also: Vlad nimmt Ihnen Blut ab, ich beiße Sie zu Tode, der Zombie zerreißt Ihre Reste, damit sie schneller verrotten und der Ghul genießt die dann als Fingerfood.« Er klemmte sich seine Küchenuhr unter den Arm und sie gingen gemeinsam wieder zur Kneipe zurück. Genauer: Vier gingen und einer, Wohe, wurde hinterher geschleift. In der Küche wandte sich Remus an den Vampir: »Mach mal die Tür auf.«
Vlad ging zum Kühlraum und öffnete die Tür. »Oh«, sagte er. »Leer.«
Die anderen liefen zur Tür und sahen hinein. Als letzter Remus mit Wohe im Schlepptau.
Schnell kam Charlotte unter dem Tisch hervor und pikste den Werwolf mit einer Gabel in den Hintern. Der quiekte laut auf, ließ Wohe und Bauhausuhr fallen und machte einen mächtigen Satz nach vorn.
Und schon landete das Quartett im Kühlraum.
Charlotte warf die Tür zu und Wohe schob zur Sicherheit noch alles, was sich bewegen ließ, unter die Klinke.
»Was für ein Idiot«, sagte Charlotte. »Ein Werwolf, der silberne Gabeln in seiner Küche liegen hat! Ist der Kerl Masochist?«
»Gut gemacht, Charlotte«, sagte Wohe.
Sie hörten beide eine Zeit dem Rumoren aus dem Kühlraum zu. Dann wurde Charlotte dienstlich. »Hatten wir nicht geplant, dass du mich als James-Bond-Surrogat davor bewahrst, umgebracht zu werden? Und dabei die böse Absicht filmst?
»Tja, hm«, machte Wohe.
»Stattdessen lässt du mich als Menübestandteil für einen Werwolf einfrieren. Mann, in einem Kühlraum ist es kalt.«
»Kühl?«
»Kalt. Und hast du dir mal überlegt, wie man mit kalten Händen einen Schlüssel aus der Tasche ziehen und seine Handschellen aufschließen soll? Nur gut, dass ich so unglaublich brillant bin.«
»Was hätte ich tun sollen? Überdies war mir klar, dass du da raus kommen und mich unterstützen würdest.«
»Unterstützen?« Charlotte wurde deutlich lauter.
»Ok, ok. Wir wollen uns nicht um semantische Feinheiten streiten.«
»Also?«
»Also hast du das Ganze mal wieder gerettet.«
»Das habe ich in der Tat.« Charlotte sah sehr zufrieden aus.
»Man muss aber auch zugeben, dass deine Idee mit den Namen funktioniert hat. Dass Aphonse als Liebhaber von Actionfilmen Lai unbedingt von Frank transportieren lassen musste, war angewandte Psychologie vom Feinsten.«
Charlotte hatte sich, als immer mehr Knochenreste auf den Friedhöfen gefunden wurden und Menschen aus Salvatores Umfeld verschwanden, bei ihm anstellen lassen und gekonnt als Opfer generiert und Wohe war als Fahrer bei Alphonse untergekommen. Beim übelsten Mädchenhändler und beim windigsten Organisator des organisierten Verbrechens.
Wer hatte aber ahnen können, wer der Adressat der Lieferung war?
»Ich habe übrigens noch eine Idee«, sagte Wohe.
»Eine gute?«
»Eine wirklich gute. Die Uhren von denen sind irrsinnig teuer. Die brauchen sie nicht mehr, die Dinger in der Asservatenkammer verstauben zu lassen, ist niemandem sonderlich dienlich und wir können eine kleine Finanzspritze gut brauchen. Also sollten wie sie verscherbeln.«
»Du hast recht, die Idee ist wirklich spitze.« Charlotte besah sich Remus‘ Bauhausuhr. »Aber der Werwolf kann seine behalten.«
»Was werden die Gerichte wohl mit denen machen?« Mit einem derartigen Ensemble hatte die Justiz sicher nicht allzu oft zu tun.
»Das kann ich dir sagen«, sagte Charlotte. »Die Mafiosi wandern in den Knast, den Vampir schicken sie wahrscheinlich nach Transsylvanien, Ghul und Zombie übergeben sie der Friedhofsverwaltung, die haben jetzt einen neuen Bagger, mit dem sie richtig tiefe Gräber ausheben können und der Werwolf hat wohl eine neue Karriere als Wachhund vor sich.«
»Job done.«
High five.

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Miné
Geschlecht:weiblichLeseratte

Alter: 36
Beiträge: 185
Wohnort: Köln


Beitrag03.10.2022 11:49
Re: Sportlertreff (meine nicht eingereichte Geschichte zum Thema Mitternacht)
von Miné
Antworten mit Zitat

Hallo, hier ein paar Anmerkungen:

wohe hat Folgendes geschrieben:


Das war mit Sicherheit der ödeste Platz, den diese Stadt zu bieten hatte. Mir ist sofort das Wort öde, übel aufgestoßen. Weil öde, klingt langweilig.
Noch jenseits des Gewerbegebiets grenzte ein verkommener Friedhof an eine ebenfalls desolate Sportanlage und zwischen den beiden befand sich eine Kneipe
Was genau ist den nun der ödeste Platz? Das Gewerbegebiet, der Friedhof oder die Kneipe?

, über deren Eingang der Name kaum mehr zu lesen war.
                               Sportlertreff
              Geöffnet von Beginn der Dunkelheit
                       bis kurz vor Mitternacht
 
Grr Das klingt öde.

Seltsame Öffnungszeiten. Nun gut: Dunkel war es hier wahrlich genug und er hatte noch ausreichend Zeit bis zur Schließung. Wohe parkte vor der Tür und ging hinein. (Auto, Roller, Fahrrad ...?)
Auch hier war es nicht gerade hell. Gegen die Lampen im Raum wirkten Kerzen wie Flakscheinwerfer, die Wände waren schwarz oder entsprechend schmutzig  und der Barmann war so dunkelhäutig, dass er sich kaum von der allgemeinen Düsternis abhob. Wenn es darin soooo dunkel ist, wie erkennt man denn dann dreckige Wände?

Wohe stellte sich an den Tresen und bestellte ein Bier. »Ich suche Herrn Remus.«
Der Barmann wischte ein Glas aus und zapfte Wohes Bier. Hoffentlich war das Handtuch wenigstens sauber, vielleicht war die Beleuchtung deshalb ja so kümmerlich.
»Ich soll etwas für ihn abgeben«, sagte Wohe.
»Sie sind?«
»Frank«, sage Wohe.
»Ich bin Remus. Wer schickt Sie?«
»Alphonse Gabriel.«
»Warten Sie einen Moment. Ich muss noch ein Essen machen.« Remus brachte Wohe sein Bier und verschwand dann durch einen Mauerdurchbruch, der in die Küche führte.
Wohe wagte einen Schluck. Das Bier schmeckte sogar. Also ausreichende Handtuchhygiene. Er sah sich um. Unten an der Theke lehnte ein große Uhr (aktuelle Zeit: 23:30 - hing so was normalerweise nicht oben an der Wand?)

An einem Tisch saßen drei Gäste und beobachteten ihn. Er setzte sich dazu und registrierte, so gut es die Beleuchtung erlaubte:


Ein äußerst hagerer Mann im Frack, mit Fliege und langen weißen Haaren. Und roten Augen. Verwirrend waren eine Braunüle, die er an ihrem Schlauch im Kreis herumwirbelte und eine Patek Philippe, die er über der linken Manschette trug. Das ist mir viel zu viel Beschreibung.

Ihm gegenüber saß ein Gast mit ausgesprochen fliehender Stirn, der dafür ein umso mehr vorspringendes Kinn hatte. In seinem lippenlosen Mund waren zwei Reihen unregelmäßiger, aber dafür übergroßer Zähne beheimatet und seine Hände waren sicher nicht gut zu handwerklichen Tätigkeiten geeignet. Sie  endeten in langen Krallen. Das Erstaunlichste an ihm war allerdings der Mangel an Bekleidung. Genau genommen bestand diese nur aus einer goldenen Rolex am Arm. Vor lauter Beschreibung habe ich ganz vergessen, wie der andere aussah.

Der dritte am Tisch war nur noch partiell vorhanden. Sowohl seine Kleidung als auch Teile seines Körpers hingen in Fetzen herab und an seinem linken Arm fehlten Unterarm und Hand, sodass er seinen Breitling-Chronometer um das hervorstehende Ellenbogengelenk geschlungen hatte. Also, ich würde den Teil mit der Beschreibung der drei Männer auf ein Minimum kürzen.
Na, das war mal eine Bagage!
»Frank.« Wohe stellte sich vor.
»Vlad.« Der Frackträger. Natürlich Vlad - wie sonst. (Wieso, gibt es keine anderen Namen mehr?)
»Yogash«, nuschelte der Fast-Nackte.
Der Letzte sagte nichts.
»Er kann nicht reden«, erklärte Vlad. »Hat irgendwann den Kehlkopf verloren.«
»Und im Kopf hat er auch nicht mehr sonderlich viel. Hä, hä, hä.«  Yogashs Mitleid schien sich in Grenzen zu halten.
Bei solchen Leuten fiel Wohe kein passendes Thema ein. Also schwiegen sie sich eine Zeit lang an. Ich dachte, der Wohe wartet auf jemanden? Der Wirt holt den doch gerade, oder nicht?


Mir hat der Text nicht ganz so gut gefallen. Das wusste ich aber schon nach dem ersten Satz. Wie gesagt, öde klingt schon langweilig. Auch die Beschreibung der Öffnungszeiten der Kneipe von Anbruch der Dunkelheit bis Mitternacht klingt genauso öde. Und als du dann noch die drei Männer so detailliert beschrieben hast, als ob sie zur Fahndung ausgeschrieben würden, war es für mich vorbei. Sorry.
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wohe
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Beitrag03.10.2022 16:20

von wohe
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Hi Miné,

vielen Dank für Deinen Kommentar.
Da sieht man mal wieder, wie wichtig es ist, eine andere Meinung einzuholen (meine eigenen Geschichten finde ich (natürlich?) immer ganz gut).
Interessanterweise scheinst Du den Text selbst öder bzw. langweilig zu finden. Das hätte ich jetzt nicht gedacht.

MfG Wohe
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realo
Wortedrechsler


Beiträge: 92



Beitrag03.10.2022 19:02

von realo
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Habe es etwas weiter geschafft, bis zum Sportplatz, denn die Idee mit den abgehalfterten Figuren ist nicht heile Welt. Das Langweilige und öde ist auch nicht mein Problem, jedoch, dass das Ganze vom Stiel her so wirkt, als wäre es die einmalige Fantasie aller bisher geschriebenen Kurzgeschichten ist schon zum Gähnen. Mir ist letztens bei einer Kurzgeschichte mit großen Metaphern gesagt worden, dass sie da kaum funktionieren, denn der Leser hat keine Zeit sich hineinzufühlen. Auch hier sind die Gestalten nur äußerlich angedeutet ohne Tiefe und schon geht es weiter zur nächsten Aktion.
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wohe
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Beitrag06.10.2022 09:54

von wohe
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Hi realo,

auch Dir vielen Dank für Deine Meinung.
Bei dieser Geschichte habe ich anscheinend nix zustande gebracht..
Gut zu wissen.

MfG Wohe
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Miss Purple
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Beitrag06.10.2022 15:53

von Miss Purple
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Hallo @wohe, wie versprochen habe ich mir Deinen Text einverleibt und gestehe frei heraus, dass ich Nullkommanix von Zombies, Werwölfen, Vampiren ... verstehe: Nicht mein Genre.
Ich schwöre, dass ich mir trotzdem Mühe gegeben habe, dieses Mitternachtstreffen zu verstehen, wobei mich die Dialoglastigkeit gestört hat. Ein wenig mehr "tell" hätte mir da als unbedarfte Krimi-Sci-Fi-Leserin sicher geholfen Wink
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wohe
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Alter: 70
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Beitrag07.10.2022 15:55

von wohe
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Hallo Miss Purple,

fein, dass Du Dich trotz Genreferne mit dem Text beschäftigt hast.
Zitat:
Ein wenig mehr "tell" hätte mir da als unbedarfte Krimi-Sci-Fi-Leserin sicher geholfen
Ich muss gestehen, dass ich gerade das "Die Handlung ergibt sich aus den Dialogen und dem Kontext" mag und besonders lebendig finde.
Dabei hatte ich durchaus schon einige Erläuterungen eingebaut - anscheinend zu wenig.
Vielen Dank für Dein Feedback.

MfG Wohe
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Miss Purple
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Beiträge: 177
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


Beitrag07.10.2022 16:31

von Miss Purple
Antworten mit Zitat

Zit.@wohe:
Zitat:
Ich muss gestehen, dass ich gerade das "Die Handlung ergibt sich aus den Dialogen und dem Kontext" mag und besonders lebendig finde.


Ja, mir gefällt das auch - in einer ausgewogenen Mischung Wink
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