16 Jahre Schriftstellerforum!
 
Suchen
Suchabfrage:
erweiterte Suche

Login

Jetzt erhältlich! Eine Anthologie von und mit unseren Usern. Jetzt bestellen! Die erste, offizielle DSFo-Anthologie! Lyrikwerkstatt Das DSFo.de DSFopedia


Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Sonstiges -> Werkstatt
Über Transsexualität und das postmoderne Motiv sich wie Sophie Scholl zu fühlen


 
 
Gehe zu Seite 1, 2  Weiter
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen
 Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  « | »  
Autor Nachricht
Oskar
Wortedrechsler


Beiträge: 91



Beitrag29.09.2022 14:00
Über Transsexualität und das postmoderne Motiv sich wie Sophie Scholl zu fühlen
von Oskar
eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Das Land, in dem Menschen wie ich aufgewachsen sind, sich ihre identitäre Prägung vollzogen hat, gibt es bekanntlich so nicht mehr. Und bekanntlich wird es dieses Land von Jahr zu Jahr immer weniger geben. Recht bald schon, und auch die eng miteinander verknüpften Begriffe Mehrheitsgesellschaft und Leitkultur werden überholt sein. Ganz einfach deshalb, weil es bald schon keine Mehrheitsgesellschaft mehr geben wird. Es gibt diejenigen, die dieser Umstand geradezu in Euphorie versetzt, und diejenigen, die diese Aussicht nicht so gefällt. Vertreter der ersten Gruppe nennt der Zeitgeist für gewöhnlich progressiv, Vertreter der zweiten Gruppe werden vom Zeitgeist gerne als Populisten bezeichnet. Desweiteren gibt es auch noch regelrechte Spinner, die tatsächlich glauben, dass das Internet unheimlich viel kaputt gemacht hat. Etwas weit ausgeholt, könnte man die Ärztin und Psychotherapeutin Renate Försterling zu dieser Gruppe von spinnerten Vernetzungskritikern durchaus dazuzählen. Auszug aus ihrem interessanten Artikel „Von der Ausnahme zum Trend“ (erschienen in dem empfehlenswerten Buch „Transsexualität“; herausgegeben von Alice Schwarzer und Chantal Louise):

Seit etwa acht Jahren bemerke ich folgende zunehmende Veränderung meiner PaientInnen: Sie wurden im Altersdurchschnitt immer jünger. Es kamen immer mehr Mädchen und junge Frauen. Lag bei Geschlechtsidentitäts-Problematiken zehn Jahre zuvor das Verhältnis von biologisch männlichen zu weiblichen PatientInnen bei ca. 4:1, so lag es nun bei 1:4 bei erheblich jüngerem Durchschnittsalter. Ein Leiden, gar ein langjähriges, an den Geschlechtsmerkmalen des eigenen Körpers war immer weniger festzustelleen. Viele hatten (noch) keine sexuellen Erfahrungen – zum Teil nicht einmal mit sich selbst. Eine prototypische Erzählung, die ich immer wieder hörte, könnte etwa folgendermaßen lauten: „Habe letzte Woche in der Disco einen Transmann gesehen. Er hat mich geflasht. Wusste sofort: So will ich auch aussehen! Dann habe ich gegoogelt. Sie werden nicht glauben, was ich fand! Je mehr ich googelte, desto mehr entdeckte ich, dass die Welt voller Transmänner ist!“

Und nun gibt es sogar noch eine Untergruppe der spinnerten Gruppe der Vernetzungskritiker, nennen wir sie die Untergruppe der besonders spinnerten Leute, die daran glauben, dass sich solche Erklärungsmuster für ganz viele Zeittrendphänomene heranziehen lassen. Bis hin zum Phänomen der Massenmigration. Ein ganz besonderer Schmankerl für diese ganz besonders spinnerten Leute dürft folgender Artikel gewesen sein (erschienen in der Bildzeitung vom 28 September 2022):

Klima-Aktivisten werfen sich selbst Rassismus vor.

Köln – Eigentlich sind bei den Klima-Aktivisten stets die anderen schuld. Doch jetzt erhebt „Fridays for Future“ (FFF) den Rassismus-Vorwurf gegen sich selbst! Bei einer Demo am Freitag versuchte ein dunkelhäutiger Mann, zwei Demonstranten zu bestehlen. FFF meldete den Mann der Polizei. Das sei rassistisch gewesen, behauptet FFF nun reumütig. Begründung: Dunkelhäutige seien bei der Polizei „nicht sicher“. Daher habe man sich durch das Melden des Diebs des Rassismus schuldig gemacht.

In solch einer Welt, so würde manch ein rückständiger Populist vielleicht argumentieren, sollte so manch ein Aktivist sich von Frau Dr. Renate Försterling therapieren lassen. Solch einem rückständigen Populisten würde ich antworten: Du musst das locker sehen. Du weißt ja: Cancel Culture und so. Die neu entdeckte Liebe zum Denunziantentum. Der Rückzieher und die anschließende Selbstbeschuldigung ist alleine schon deshalb verständlich, weil sich jeder durch diese neu entdeckte Liebe vor der Denunziation fürchten muss. Man kalkuliert sowas neuerdings immer schon mit ein. Früher nannte man solch ein kalkulierendes Verhalten opportunistisch, heute nennt man es eben reaktionär.

Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Christof Lais Sperl
Geschlecht:männlichKlammeraffe

Alter: 61
Beiträge: 752
Wohnort: Hangover
Der silberne Roboter


Beitrag29.09.2022 14:46
Wortwiederholung
von Christof Lais Sperl
Antworten mit Zitat

3 mal das arg regional gefärbte "spinnert". Zu viele Sprünge in der Argumentation. Unausgereift.

_________________
Lais
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
anderswolf
Geschlecht:männlichKlammeraffe


Beiträge: 996
Wohnort: Bad Nauheim


Beitrag29.09.2022 15:20

von anderswolf
Antworten mit Zitat

Hier gibt es vieles auszusetzen, inhaltliche Unschärfe, grammatikalische Verwerfungen, holprige Satzstrukturen und noch einiges mehr.

Nun steht dies in der Werkstatt, und selbst dafür kommt er mir zu unausgereift vor, weil noch nicht mal der grundsätzliche Schritt von "Ich schreibe meine unsortierten Gedanken ins Internet" hin zu "Ich teile eine editierte Version meiner Gedanken mit der Welt" vollzogen wurde.

Darum also eine grundsätzliche Frage: Wohin willst du mit diesem Text? Was soll er aussagen? Welche Baustelle ist es, die du zuerst angehen willst?
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
HansGlogger
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 64
Beiträge: 282
Wohnort: Bayern


Beitrag29.09.2022 15:52

von HansGlogger
Antworten mit Zitat

Zunächst mal würde ich im Text nur das Thema "Transsexualität" behandeln. Sonst sieht es doch zu sehr nach granteln aus. Auf das Thema würde ich dann näher eingehen, mit vorgängiger Recherche. Die zitierte Ärztin und Psychotherapeutin sagt nicht, dass die Zahl der Patienten zunimmt, sondern nur deren Zusammensetzung. Was ja auch daran liegen kann, dass sie zuvor schon voll ausgelastet war. Dann aber müsste sie dringendere Fälle als früher kommen.

Unklar bleibt auch, wie sie behandelt. Zumindest das müsste recherchiert werden. google liefert sofort einen Treffer:

https://www.praxis-foersterling.de/


Gegen Gesprächstherapie bei Jugendlichen mit entsprechendem Leidensdruck kann kein vernünftiger Mensch was haben. Bei Gabe von Hormonen oder sogar Operationen schaut's anders aus. Meine Meinung.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
anderswolf
Geschlecht:männlichKlammeraffe


Beiträge: 996
Wohnort: Bad Nauheim


Beitrag29.09.2022 17:49

von anderswolf
Antworten mit Zitat

Weil ich in meinem vorigen Kommentar vielleicht etwas knapp war, noch ein bisschen ausführlicher. Der Text weiß nicht, was er will. Auch wenn er das in der Überschrift behauptet. HansGlogger macht hier einen Vorschlag:
HansGlogger hat Folgendes geschrieben:
Zunächst mal würde ich im Text nur das Thema "Transsexualität" behandeln.

Und auch da sollte der Text vielleicht der Diskussion etwas Neues hinzufügen wollen. Also einen Kritik- oder Ansatzpunkt, der über die bisher angeführten (nicht etwa ausgetauschten) Argumente hinausgeht.
Denn ja, das Interesse am Thema Transsexualität ist durchaus größer geworden, das ist sicherlich objektiv messbar. Woran aber diese Steigerung des Interesses liegt, das ist bislang ungeklärt. Kann natürlich Mode sein, könnte aber auch daran liegen, dass noch vor 20 Jahren das Stigma so groß war, dass sich niemand damit auseinandersetzen wollte. Hier eine Analyse wagen zu wollen, wäre sicherlich interessanter als einfach nur eine weitere "Früher war alles besser"-Meldung.
Der Text scheint aber lieber mit letzterem anfangen zu wollen. Es geht nicht um Transsexualität, wie der Titel partiell suggeriert, sondern um das verlorene Gestern.
Oskar hat Folgendes geschrieben:
Das Land, in dem Menschen wie ich aufgewachsen sind, sich ihre identitäre Prägung vollzogen hat, gibt es bekanntlich so nicht mehr. Und bekanntlich wird es dieses Land von Jahr zu Jahr immer weniger geben. Recht bald schon, und auch die eng miteinander verknüpften Begriffe Mehrheitsgesellschaft und Leitkultur werden überholt sein. Ganz einfach deshalb, weil es bald schon keine Mehrheitsgesellschaft mehr geben wird. Es gibt diejenigen, die dieser Umstand geradezu in Euphorie versetzt, und diejenigen, die diese Aussicht nicht so gefällt. Vertreter der ersten Gruppe nennt der Zeitgeist für gewöhnlich progressiv, Vertreter der zweiten Gruppe werden vom Zeitgeist gerne als Populisten bezeichnet.

Leider werfen sich dem Text sprachliche Hürden in den Weg. Das "Leider" steht da nicht, weil ich ihn besonders erhellend fände, sondern weil es der verunglückte Anfang schwer macht, überhaupt in das (wahrscheinlich) eigentliche Thema "Transsexualität" (und einer kritischen Auseinandersetzung damit) einzusteigen.
Zitat:
Das Land, in dem Menschen wie ich aufgewachsen sind, sich ihre identitäre Prägung vollzogen hat,

Warum ist da statt eines "und" ein Komma vor dem "sich"? Oder besser: warum steht nach dem Komma nicht ein wiederholtes "in dem"? Der angedachte Gedanke zerfällt im Hinterfragen der grammatischen Struktur. Vielleicht ließe sich auch einfach "in dem Menschen wie ich aufgewachsen sind" streichen oder durch eine generalisierende Aussage ersetzen. Denn was weiß ich, was "Menschen wie ich" sind. Sind diese "Menschen wie ich" die später angesprochenen Populisten oder die Progressiven? Sind es "Menschen wie du und ich", also die anderswo vielgepriesenen "Normalen"? Oder sind es tatsächlich Menschen wie Oskar: Mathematiker mit einem gelegentlichen Schreibdrang. Unklar.

Ebenso, was das für eine identitäre Prägung sein soll, die sich da in dem verschwundenen Land gebildet haben sollte. Schlimm eigentlich, dass der Begriff der Identität so verwaschen, fast schon zerwaschen worden ist. Ging es früher noch einfach nur um die Abgrenzung eines Individuums vom anderen, ist die Identität heute mit so viel Ideologie aufgeblasen, dass es unmöglich scheint, die Identität vom politischen Statement zu trennen. Und das nicht allein aufgrund Identitätsdiskussionen im linken Gesellschaftsspektrum, sondern natürlich auch dank der rechtsextremen Identitären.

In einem Text allerdings, der sich mit sexueller Identität auseinandersetzen will, müsste mehr semantische Klarheit herrschen: das Thema also scharf umreißend statt sich lose dem Zeitgeist anwerfend oder einfach ins Blaue bloggend.

Ein Mangel an Redaktion auch im weiteren:
Zitat:
gibt es bekanntlich so nicht mehr. Und bekanntlich wird es dieses Land von Jahr zu Jahr immer weniger geben.

Ein Land, das nicht mehr ist, kann es nicht immer weniger geben.

Überhaupt: was für ein Land ist das? Deutschland? Das ist ja seit 1988 eher mehr geworden. Oder das Land vor Deutschland? Oder vielleicht die DDR? Die ist in der Tat nicht mehr, aber die wird auch nicht weniger seither, wie es scheint. Zumindest in manchen Köpfen.
Vielleicht ist der Autor aber auch Österreicher; Österreich allerdings ist seit k.u.k.-Zeiten nur einmal signifikant weniger geworden, es ist aber irgendwie noch da. Und die Schweiz ist im Guten wie im Schlechten die Schweiz.
Oder geht es um die Gesellschaft? Müsste dann aber da stehen. Und wenn Gesellschaft, welche dann? Die der 1950er? 1970er, 1990er, 2010er oder eine dazwischen, danach oder davor? Alles unklar, alles neblig.
Könnte man sagen: uninteressant, weil angeblich eh weg und trotzdem abnehmend; andererseits hat der Autor ja ein Anliegen, da sollten Lesende nicht mit Trivialitäten abgeschreckt werden.

Oder mit fragwürdigen Schwurbeleien:
Zitat:
Recht bald schon, und auch die eng miteinander verknüpften Begriffe Mehrheitsgesellschaft und Leitkultur werden überholt sein. Ganz einfach deshalb, weil es bald schon keine Mehrheitsgesellschaft mehr geben wird.

Die unterstellte enge Verknüpfung von Leitkultur und Mehrheitsgesellschaft ist mir so noch nicht begegnet, insofern würde ich das eher als Meinung des Autors verstehen, die sich als Allgemeingut verkleidet. Der Begriff der Leitkultur wurde vom Politologen Bassam Tibi geprägt, gewissermaßen als Antwort auf eine multikulturell kriselnde europäische Identität: "Eigentlich bedeutet Leitkultur nichts anderes als eine Hausordnung für Menschen aus verschiedenen Kulturen in einem werteorientierten Gemeinwesen." Damit ist aber nicht gemeint: Zuwandernde müssen sich an die Mehrheitsgesellschaft anpassen, sonst setzt es was, sondern es müsse von beiden Seiten eine integrierende Identität ge- oder besser erschaffen werden. Deutschland müsse sich von seiner illusorischen Identität als ethnisch homogenes Land verabschieden: faktisch bestand diese ethnische Homogenität ja eh nicht, noch nicht einmal in den schlimmsten 12 Jahren. Statt dessen müsse sich Deutschland als Einwanderungsland verstehen, täte es das nämlich nicht, bildeten sich Parallelgesellschaften aus (und zwar nicht nur auf Seiten der Einwandernden, weil selbst die abgegrenztest lebenden Eingewanderten in Deutschland ja immer noch parallel zu der "Deutschland den Deutschen"-Fraktion lebten, die sich ja auch von der (und da nehme ich das Wort eben doch) Mehrheitsgesellschaft abspalten. Die Mehrheit der Gesellschaft nämlich ist multikulturell und hochgradig divers, der verengte Blick des gesellschaftlichen Hypochonders sieht das nur nicht.

Aber Bassam Tibi hatte ohnehin eher eine europäische als eine deutsche Leitkultur vor Augen, basierend auf den Werten einer kulturellen Moderne:
- Vorrang der Vernunft vor religiöser Offenbarung,
- Demokratie, die auf der Trennung von Religion und Politik basiert,
- Pluralismus und
- Toleranz

Der vorliegende Text vermutet ein baldiges Verschwinden der Mehrheitsgesellschaft. Wenn aber die Mehrheit der Gesellschaft die Prinzipien der vorgeschlagenen Leitkultur übernähme, allen voran Pluralismus und Toleranz, dann erübrigte sich doch der restliche Text. Wenn ich nämlich Toleranz übe, brauche ich mich als Cis-Mensch nicht über die Wünsche Transsexueller zu bedenken. Durch einen Anstieg von Beratungen für in ihrer sexuellen Identität unsichere Menschen geht doch den Cis-Menschen nichts verloren. Vielleicht gewinnen sie sogar dazu: an Kenntnissen über andere Menschen zum Beispiel. Eventuell müssen Cis-Menschen erkennen, dass die Stigmatisierung von bestimmten Lebenswirklichkeiten traumatisierend wirken kann für jene, die stigmatisiert werden. Und dann müssten sich die Stigmatisierenden eventuell mit ihrer eigenen Rolle auseinandersetzen. Kann darin enden, dass sie sich als unschuldig in einer gesellschaftlichen Debatte wiederfinden. Oder - und das scheint die größere Sorge zu sein: als Agitatorys oder Teilhabende eines Mobs.

Die Angst ist also eigentlich wahrscheinlich nicht der Verlust der Mehrheitsgesellschaft, sondern auf einmal nicht mehr der Mehrheitsgesellschaft anzugehören. Abgehängt zu werden sozusagen.

Ist natürlich reine Spekulation, dass das im vorliegenden Text ausgedrückt werden soll. Wie gesagt, das sind zu wenig editierte Gedanken. Die Überschrift liest sich wie ein Kompott durchgekauter Spaziergängerparolen, die nichts gemein haben außer eben ihrer scheinbar aktuellen Präsenz im allgemeinen Diskurs, tatsächlich aber eben nur von Menschen hochgewürgt werden, die Alice Schwarzer früher als Feministin verachtet haben, jetzt in ihrer superkonservativen Evolutionsstufe für eine geläuterte Ketzerin halten und damit als Gallionsfigur wie eine Monstranz der Anti-Wokeness vor sich hertragen können.

Und damit kommen wir zum letzten Teil des Zitierten, also bevor die Spinner anreisen.
Zitat:
Es gibt diejenigen, die dieser Umstand geradezu in Euphorie versetzt, und diejenigen, die diese Aussicht nicht so gefällt. Vertreter der ersten Gruppe nennt der Zeitgeist für gewöhnlich progressiv, Vertreter der zweiten Gruppe werden vom Zeitgeist gerne als Populisten bezeichnet.

Ich frage mich als jemand, der mittlerweile auch schon manchmal den Zeitgeist hinterfragt: Wer oder was ist dieser Zeitgeist? Brauche ich beReal oder reicht es, wenn ich bei TikTok aussteige? Bin ich schon ein Boomer oder darf ich sie gerade noch cringe finden? Nicht dass ich das Wort benutzte, outete ich mich dann doch selbst als cringiger Boomer.

Vielleicht tarnt sich der Zeitgeist als Massenmedien, wobei das ja auch klassische Bild-Analoga miteinschlösse, die sich ja selbst nicht so leicht vom Populismus-Verdacht reinwaschen können. Vielleicht tarnt sich der Zeitgeist aber auch als soziales Medium, aber auch da gibt es ja alles von Facebook über Discord, Twitter oder Gettr, Podcasts oder andere narzisstische Outlets. Wobei auch da der Zeitgeist eher ein Chamäleon sein dürfte.

Vielleicht denke ich das aber auch einfach zu binär, vielleicht müsste ich da einen oder zwei, vielleicht sogar drei Schritte zurückgehen. Mehr so das ganze Bild betrachten. Was unterscheidet denn die Progressiven von den Populisten? Vielleicht das Verständnis davon, dass komplexe Herausforderungen keine unterkomplexen Antworten haben; und dass solche, die anderes versprechen, zumindest sich selbst über- oder aber das Problem, vor dem sie stehen, unterschätzen. Populisten sind Blender, die Versprechen abgeben, von denen sie selbst wissen, dass sie sie nicht halten werden. In der Regel, weil sie sie nicht halten müssen, weil sie gar nicht die Macht haben, Dinge in ihrem Sinne zu verändern. Populisten schauen dem Volk (was auch immer das sein mag) auf den Mund, nehmen Stimmungen auf und multiplizieren sie. Nicht immer sind das Stimmungen aus der Mehrheitsgesellschaft, sonst wäre die sehr populistische AfD stärker politisch vertreten. Manchmal aber bringt sich der Populismus auch in Regierungsposition und was dann passiert, haben wir in den 16 Jahren Merkel sehr deutlich gesehen: Verwaltungspolitik, die eine Gesellschaft nur dann voranbringt, wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt. Und dann werden Entscheidungen übers Knie gebrochen. Nicht, weil sie ideologisch unterfüttert werden könnten, sondern weil man Angst vor dem Wähler hat (siehe Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg). Natürlich kann das auch anderen Regierungen passieren; siehe immer noch nicht implementiertes Tempolimit.

Nun schreibt der vorliegende Text, Progressive (oder solche, die so benannt werden) bejubelten das Verschwinden der Leitkultur/Mehrheitsgesellschaft, Populisten (oder solche, die so benannt werden) missfiele diese Aussicht.
Das ist natürlich ein irreführender Gedanke, sind es doch gerade die Populisten, die an einer homogenen und damit die heterogene Mehrheit nicht abbildenden Gesellschaft ein größeres Interesse haben als die vermeintlich Progressiven, in deren Interesse ja eine die multikulturelle Zersplitterung heilende Leitkultur im eigentlich gemeinten Sinn sein dürfte.

Sprich: unausgereifter Text. Was will der Autor damit sagen? Wo soll die Reise hingehen?

Oder ist es am Ende gar kein richtiger Text, sondern das, was HansGlogger indirekt dazu sagt:
HansGlogger hat Folgendes geschrieben:
Meine Meinung.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
HansGlogger
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 64
Beiträge: 282
Wohnort: Bayern


Beitrag30.09.2022 08:33

von HansGlogger
Antworten mit Zitat

@anderswolf

Zitat:
Und auch da sollte der Text vielleicht der Diskussion etwas Neues hinzufügen wollen.


Etwas Neues ist schon im Text erkennbar: Das Internet beeinflusst die Selbstwahrnehmung Transsexueller negativ: Was in der Zeit vor der großen Vernetzung vielleicht eine vorübergehende Episode geblieben wäre, verfestigt sich nun häufiger.

Eine Ansicht, die man vertreten kann, am besten mit Belegen. Was schüfe Abhilfe? Dazu schweigt der Autor.

Gruß Hans
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
anderswolf
Geschlecht:männlichKlammeraffe


Beiträge: 996
Wohnort: Bad Nauheim


Beitrag30.09.2022 09:47

von anderswolf
Antworten mit Zitat

HansGlogger hat Folgendes geschrieben:
Etwas Neues ist schon im Text erkennbar: Das Internet beeinflusst die Selbstwahrnehmung Transsexueller negativ: Was in der Zeit vor der großen Vernetzung vielleicht eine vorübergehende Episode geblieben wäre, verfestigt sich nun häufiger.

Aber dieses Neue hat ja nun nicht Oskar geschrieben, sondern Renate Försterling in ihrer Stellungnahme zum Entwurf des Selbstbestimmungsgesetzes aus dem letzten Jahr:
Zitat:
Die Vermutung, daß die seit noch nicht zehn Jahren in den westlichen Gesellschaften stetig größer werdende Zahl an v.a. biologisch weiblichen Kindern und Jugendlichen, die körperlich transitionieren wollen und sehr oft noch nicht einmal zwischenmenschliche Sexualität erlebten, sehr wesentlich auch ein mediales und massenpsychologisches Phänomen ist, erscheint naheliegend.


Aber ja, ich gebe dir recht, Hans: soll sich mal der Autor äußern, was er wollte.

Grüße zurück.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
Oskar
Wortedrechsler


Beiträge: 91



Beitrag30.09.2022 10:56

von Oskar
pdf-Datei Antworten mit Zitat

HansGlogger hat Folgendes geschrieben:
@anderswolf

Zitat:
Und auch da sollte der Text vielleicht der Diskussion etwas Neues hinzufügen wollen.


Etwas Neues ist schon im Text erkennbar: Das Internet beeinflusst die Selbstwahrnehmung Transsexueller negativ: Was in der Zeit vor der großen Vernetzung vielleicht eine vorübergehende Episode geblieben wäre, verfestigt sich nun häufiger.

Eine Ansicht, die man vertreten kann, am besten mit Belegen. Was schüfe Abhilfe? Dazu schweigt der Autor.

Gruß Hans


Ja, das sollte die aussage des schnell dahin getippten Texschnipsels sein. Das Internet generiert Trends, verstärkt Trends, bis hin zu gefährlichen Resonanzen, die (die Trends), lasse es mich unbeholfen sagen, kein "physisches Pendant/Korrelat" mehr haben. P.S. Auf deine anderen Fragen. Das von Alice Schwarzer herausgegebene Buch beantwortet sie, denke ich. Sehr zu empfehlen.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Oskar
Wortedrechsler


Beiträge: 91



Beitrag30.09.2022 11:00

von Oskar
pdf-Datei Antworten mit Zitat

anderswolf hat Folgendes geschrieben:
Weil ich in meinem vorigen Kommentar vielleicht etwas knapp war, noch ein bisschen ausführlicher. Der Text weiß nicht, was er will. Auch wenn er das in der Überschrift behauptet. HansGlogger macht hier einen Vorschlag:
HansGlogger hat Folgendes geschrieben:
Zunächst mal würde ich im Text nur das Thema "Transsexualität" behandeln.

Und auch da sollte der Text vielleicht der Diskussion etwas Neues hinzufügen wollen. Also einen Kritik- oder Ansatzpunkt, der über die bisher angeführten (nicht etwa ausgetauschten) Argumente hinausgeht.
Denn ja, das Interesse am Thema Transsexualität ist durchaus größer geworden, das ist sicherlich objektiv messbar. Woran aber diese Steigerung des Interesses liegt, das ist bislang ungeklärt. Kann natürlich Mode sein, könnte aber auch daran liegen, dass noch vor 20 Jahren das Stigma so groß war, dass sich niemand damit auseinandersetzen wollte. Hier eine Analyse wagen zu wollen, wäre sicherlich interessanter als einfach nur eine weitere "Früher war alles besser"-Meldung.
Der Text scheint aber lieber mit letzterem anfangen zu wollen. Es geht nicht um Transsexualität, wie der Titel partiell suggeriert, sondern um das verlorene Gestern.
Oskar hat Folgendes geschrieben:
Das Land, in dem Menschen wie ich aufgewachsen sind, sich ihre identitäre Prägung vollzogen hat, gibt es bekanntlich so nicht mehr. Und bekanntlich wird es dieses Land von Jahr zu Jahr immer weniger geben. Recht bald schon, und auch die eng miteinander verknüpften Begriffe Mehrheitsgesellschaft und Leitkultur werden überholt sein. Ganz einfach deshalb, weil es bald schon keine Mehrheitsgesellschaft mehr geben wird. Es gibt diejenigen, die dieser Umstand geradezu in Euphorie versetzt, und diejenigen, die diese Aussicht nicht so gefällt. Vertreter der ersten Gruppe nennt der Zeitgeist für gewöhnlich progressiv, Vertreter der zweiten Gruppe werden vom Zeitgeist gerne als Populisten bezeichnet.

Leider werfen sich dem Text sprachliche Hürden in den Weg. Das "Leider" steht da nicht, weil ich ihn besonders erhellend fände, sondern weil es der verunglückte Anfang schwer macht, überhaupt in das (wahrscheinlich) eigentliche Thema "Transsexualität" (und einer kritischen Auseinandersetzung damit) einzusteigen.
Zitat:
Das Land, in dem Menschen wie ich aufgewachsen sind, sich ihre identitäre Prägung vollzogen hat,

Warum ist da statt eines "und" ein Komma vor dem "sich"? Oder besser: warum steht nach dem Komma nicht ein wiederholtes "in dem"? Der angedachte Gedanke zerfällt im Hinterfragen der grammatischen Struktur. Vielleicht ließe sich auch einfach "in dem Menschen wie ich aufgewachsen sind" streichen oder durch eine generalisierende Aussage ersetzen. Denn was weiß ich, was "Menschen wie ich" sind. Sind diese "Menschen wie ich" die später angesprochenen Populisten oder die Progressiven? Sind es "Menschen wie du und ich", also die anderswo vielgepriesenen "Normalen"? Oder sind es tatsächlich Menschen wie Oskar: Mathematiker mit einem gelegentlichen Schreibdrang. Unklar.

Ebenso, was das für eine identitäre Prägung sein soll, die sich da in dem verschwundenen Land gebildet haben sollte. Schlimm eigentlich, dass der Begriff der Identität so verwaschen, fast schon zerwaschen worden ist. Ging es früher noch einfach nur um die Abgrenzung eines Individuums vom anderen, ist die Identität heute mit so viel Ideologie aufgeblasen, dass es unmöglich scheint, die Identität vom politischen Statement zu trennen. Und das nicht allein aufgrund Identitätsdiskussionen im linken Gesellschaftsspektrum, sondern natürlich auch dank der rechtsextremen Identitären.

In einem Text allerdings, der sich mit sexueller Identität auseinandersetzen will, müsste mehr semantische Klarheit herrschen: das Thema also scharf umreißend statt sich lose dem Zeitgeist anwerfend oder einfach ins Blaue bloggend.

Ein Mangel an Redaktion auch im weiteren:
Zitat:
gibt es bekanntlich so nicht mehr. Und bekanntlich wird es dieses Land von Jahr zu Jahr immer weniger geben.

Ein Land, das nicht mehr ist, kann es nicht immer weniger geben.

Überhaupt: was für ein Land ist das? Deutschland? Das ist ja seit 1988 eher mehr geworden. Oder das Land vor Deutschland? Oder vielleicht die DDR? Die ist in der Tat nicht mehr, aber die wird auch nicht weniger seither, wie es scheint. Zumindest in manchen Köpfen.
Vielleicht ist der Autor aber auch Österreicher; Österreich allerdings ist seit k.u.k.-Zeiten nur einmal signifikant weniger geworden, es ist aber irgendwie noch da. Und die Schweiz ist im Guten wie im Schlechten die Schweiz.
Oder geht es um die Gesellschaft? Müsste dann aber da stehen. Und wenn Gesellschaft, welche dann? Die der 1950er? 1970er, 1990er, 2010er oder eine dazwischen, danach oder davor? Alles unklar, alles neblig.
Könnte man sagen: uninteressant, weil angeblich eh weg und trotzdem abnehmend; andererseits hat der Autor ja ein Anliegen, da sollten Lesende nicht mit Trivialitäten abgeschreckt werden.

Oder mit fragwürdigen Schwurbeleien:
Zitat:
Recht bald schon, und auch die eng miteinander verknüpften Begriffe Mehrheitsgesellschaft und Leitkultur werden überholt sein. Ganz einfach deshalb, weil es bald schon keine Mehrheitsgesellschaft mehr geben wird.

Die unterstellte enge Verknüpfung von Leitkultur und Mehrheitsgesellschaft ist mir so noch nicht begegnet, insofern würde ich das eher als Meinung des Autors verstehen, die sich als Allgemeingut verkleidet. Der Begriff der Leitkultur wurde vom Politologen Bassam Tibi geprägt, gewissermaßen als Antwort auf eine multikulturell kriselnde europäische Identität: "Eigentlich bedeutet Leitkultur nichts anderes als eine Hausordnung für Menschen aus verschiedenen Kulturen in einem werteorientierten Gemeinwesen." Damit ist aber nicht gemeint: Zuwandernde müssen sich an die Mehrheitsgesellschaft anpassen, sonst setzt es was, sondern es müsse von beiden Seiten eine integrierende Identität ge- oder besser erschaffen werden. Deutschland müsse sich von seiner illusorischen Identität als ethnisch homogenes Land verabschieden: faktisch bestand diese ethnische Homogenität ja eh nicht, noch nicht einmal in den schlimmsten 12 Jahren. Statt dessen müsse sich Deutschland als Einwanderungsland verstehen, täte es das nämlich nicht, bildeten sich Parallelgesellschaften aus (und zwar nicht nur auf Seiten der Einwandernden, weil selbst die abgegrenztest lebenden Eingewanderten in Deutschland ja immer noch parallel zu der "Deutschland den Deutschen"-Fraktion lebten, die sich ja auch von der (und da nehme ich das Wort eben doch) Mehrheitsgesellschaft abspalten. Die Mehrheit der Gesellschaft nämlich ist multikulturell und hochgradig divers, der verengte Blick des gesellschaftlichen Hypochonders sieht das nur nicht.

Aber Bassam Tibi hatte ohnehin eher eine europäische als eine deutsche Leitkultur vor Augen, basierend auf den Werten einer kulturellen Moderne:
- Vorrang der Vernunft vor religiöser Offenbarung,
- Demokratie, die auf der Trennung von Religion und Politik basiert,
- Pluralismus und
- Toleranz

Der vorliegende Text vermutet ein baldiges Verschwinden der Mehrheitsgesellschaft. Wenn aber die Mehrheit der Gesellschaft die Prinzipien der vorgeschlagenen Leitkultur übernähme, allen voran Pluralismus und Toleranz, dann erübrigte sich doch der restliche Text. Wenn ich nämlich Toleranz übe, brauche ich mich als Cis-Mensch nicht über die Wünsche Transsexueller zu bedenken. Durch einen Anstieg von Beratungen für in ihrer sexuellen Identität unsichere Menschen geht doch den Cis-Menschen nichts verloren. Vielleicht gewinnen sie sogar dazu: an Kenntnissen über andere Menschen zum Beispiel. Eventuell müssen Cis-Menschen erkennen, dass die Stigmatisierung von bestimmten Lebenswirklichkeiten traumatisierend wirken kann für jene, die stigmatisiert werden. Und dann müssten sich die Stigmatisierenden eventuell mit ihrer eigenen Rolle auseinandersetzen. Kann darin enden, dass sie sich als unschuldig in einer gesellschaftlichen Debatte wiederfinden. Oder - und das scheint die größere Sorge zu sein: als Agitatorys oder Teilhabende eines Mobs.

Die Angst ist also eigentlich wahrscheinlich nicht der Verlust der Mehrheitsgesellschaft, sondern auf einmal nicht mehr der Mehrheitsgesellschaft anzugehören. Abgehängt zu werden sozusagen.

Ist natürlich reine Spekulation, dass das im vorliegenden Text ausgedrückt werden soll. Wie gesagt, das sind zu wenig editierte Gedanken. Die Überschrift liest sich wie ein Kompott durchgekauter Spaziergängerparolen, die nichts gemein haben außer eben ihrer scheinbar aktuellen Präsenz im allgemeinen Diskurs, tatsächlich aber eben nur von Menschen hochgewürgt werden, die Alice Schwarzer früher als Feministin verachtet haben, jetzt in ihrer superkonservativen Evolutionsstufe für eine geläuterte Ketzerin halten und damit als Gallionsfigur wie eine Monstranz der Anti-Wokeness vor sich hertragen können.

Und damit kommen wir zum letzten Teil des Zitierten, also bevor die Spinner anreisen.
Zitat:
Es gibt diejenigen, die dieser Umstand geradezu in Euphorie versetzt, und diejenigen, die diese Aussicht nicht so gefällt. Vertreter der ersten Gruppe nennt der Zeitgeist für gewöhnlich progressiv, Vertreter der zweiten Gruppe werden vom Zeitgeist gerne als Populisten bezeichnet.

Ich frage mich als jemand, der mittlerweile auch schon manchmal den Zeitgeist hinterfragt: Wer oder was ist dieser Zeitgeist? Brauche ich beReal oder reicht es, wenn ich bei TikTok aussteige? Bin ich schon ein Boomer oder darf ich sie gerade noch cringe finden? Nicht dass ich das Wort benutzte, outete ich mich dann doch selbst als cringiger Boomer.

Vielleicht tarnt sich der Zeitgeist als Massenmedien, wobei das ja auch klassische Bild-Analoga miteinschlösse, die sich ja selbst nicht so leicht vom Populismus-Verdacht reinwaschen können. Vielleicht tarnt sich der Zeitgeist aber auch als soziales Medium, aber auch da gibt es ja alles von Facebook über Discord, Twitter oder Gettr, Podcasts oder andere narzisstische Outlets. Wobei auch da der Zeitgeist eher ein Chamäleon sein dürfte.

Vielleicht denke ich das aber auch einfach zu binär, vielleicht müsste ich da einen oder zwei, vielleicht sogar drei Schritte zurückgehen. Mehr so das ganze Bild betrachten. Was unterscheidet denn die Progressiven von den Populisten? Vielleicht das Verständnis davon, dass komplexe Herausforderungen keine unterkomplexen Antworten haben; und dass solche, die anderes versprechen, zumindest sich selbst über- oder aber das Problem, vor dem sie stehen, unterschätzen. Populisten sind Blender, die Versprechen abgeben, von denen sie selbst wissen, dass sie sie nicht halten werden. In der Regel, weil sie sie nicht halten müssen, weil sie gar nicht die Macht haben, Dinge in ihrem Sinne zu verändern. Populisten schauen dem Volk (was auch immer das sein mag) auf den Mund, nehmen Stimmungen auf und multiplizieren sie. Nicht immer sind das Stimmungen aus der Mehrheitsgesellschaft, sonst wäre die sehr populistische AfD stärker politisch vertreten. Manchmal aber bringt sich der Populismus auch in Regierungsposition und was dann passiert, haben wir in den 16 Jahren Merkel sehr deutlich gesehen: Verwaltungspolitik, die eine Gesellschaft nur dann voranbringt, wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt. Und dann werden Entscheidungen übers Knie gebrochen. Nicht, weil sie ideologisch unterfüttert werden könnten, sondern weil man Angst vor dem Wähler hat (siehe Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg). Natürlich kann das auch anderen Regierungen passieren; siehe immer noch nicht implementiertes Tempolimit.

Nun schreibt der vorliegende Text, Progressive (oder solche, die so benannt werden) bejubelten das Verschwinden der Leitkultur/Mehrheitsgesellschaft, Populisten (oder solche, die so benannt werden) missfiele diese Aussicht.
Das ist natürlich ein irreführender Gedanke, sind es doch gerade die Populisten, die an einer homogenen und damit die heterogene Mehrheit nicht abbildenden Gesellschaft ein größeres Interesse haben als die vermeintlich Progressiven, in deren Interesse ja eine die multikulturelle Zersplitterung heilende Leitkultur im eigentlich gemeinten Sinn sein dürfte.

Sprich: unausgereifter Text. Was will der Autor damit sagen? Wo soll die Reise hingehen?

Oder ist es am Ende gar kein richtiger Text, sondern das, was HansGlogger indirekt dazu sagt:
HansGlogger hat Folgendes geschrieben:
Meine Meinung.


Wow!!!!! Ich bin beeindruckt. So viel Mühe hast du dir gemacht. Sollte ich eigentlich drauf antworten. Weiß nur nicht wo anzufangen. am besten du liest das von Alice Schwarzer herausgegebene Buch.  Vieles erklärt sich dann von selbst. Oder auch nicht.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Oskar
Wortedrechsler


Beiträge: 91



Beitrag30.09.2022 11:18

von Oskar
pdf-Datei Antworten mit Zitat

HansGlogger hat Folgendes geschrieben:
@anderswolf

Zitat:
Und auch da sollte der Text vielleicht der Diskussion etwas Neues hinzufügen wollen.


Etwas Neues ist schon im Text erkennbar: Das Internet beeinflusst die Selbstwahrnehmung Transsexueller negativ: Was in der Zeit vor der großen Vernetzung vielleicht eine vorübergehende Episode geblieben wäre, verfestigt sich nun häufiger.

Eine Ansicht, die man vertreten kann, am besten mit Belegen. Was schüfe Abhilfe? Dazu schweigt der Autor.

Gruß Hans


Noch einmal ich: Da "verfestigt" sich nichts. Viele (mittlerweile sogar die Mehrheit?) von denen, die sich eine Transition wünschen, sind gar keine Transsexuellen. Die bilden sich da nur etwas ein. Die wollen so sein, um damit andere Defizite auszugleichen. Es lassen sich sogar Parallelen zur Magersucht ziehen. Wie gesagt: Lies das Buch, falls dich das Thema interessiert.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
anderswolf
Geschlecht:männlichKlammeraffe


Beiträge: 996
Wohnort: Bad Nauheim


Beitrag30.09.2022 12:11

von anderswolf
Antworten mit Zitat

Oskar hat Folgendes geschrieben:
Wow!!!!! Ich bin beeindruckt. So viel Mühe hast du dir gemacht. Sollte ich eigentlich drauf antworten. Weiß nur nicht wo anzufangen. am besten du liest das von Alice Schwarzer herausgegebene Buch.  Vieles erklärt sich dann von selbst. Oder auch nicht.


Durch das Buch wird sich wenig von dem klären, was ich angebracht habe, weil meine Anmerkungen zu deinem Text sich auf deinen Text beziehen und dessen literarische Ausbaufähigkeit.

Solltest du aber tatsächlich der Meinung sein, dein Text erkläre sich am besten durch das Buch von Alice Schwarzer, dann ist dein Text eher Werbung für ein Buch und kein Text, der in der literarischen Werkstatt geparkt werden sollte.

Ich gehe einfach davon aus, dass du nur meine Menge an Text gesehen, sie aber nicht gelesen hast. Besteht natürlich kein Zwang dazu, sich damit auseinanderzusetzen, das Forum ist aber überwiegend ein Ort zum literarischen Austausch, nicht zum Diskutieren von Politik oder zum Bewerben fremder Bücher.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
kioto
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 69
Beiträge: 430
Wohnort: Rendsburg


Beitrag30.09.2022 14:03

von kioto
Antworten mit Zitat

anderswolf hat Folgendes geschrieben:

Der vorliegende Text vermutet ein baldiges Verschwinden der Mehrheitsgesellschaft. Wenn aber die Mehrheit der Gesellschaft die Prinzipien der vorgeschlagenen Leitkultur übernähme, allen voran Pluralismus und Toleranz, dann erübrigte sich doch der restliche Text. Wenn ich nämlich Toleranz übe, brauche ich mich als Cis-Mensch nicht über die Wünsche Transsexueller zu bedenken.


Da gebe ich Dir natürlich recht, aber die Leitkultur sollte nicht nur Toleranz fordern sondern auch selbst tolerant sein. Wenn ich sehe, wie z.B. manche Verfechterinnen des Feminismus über Frauen herziehen, die halt eher dem Mutter- und Hausfrauenbild entsprechen wollen.
Solange die Vertreter der woken Leitkultur argumentieren, wer nicht mitmacht oder meckert ist rechts, wird das nichts. Eine Kultur der Toleranz kann nicht angeordnet oder mit Shitstorms durchgedrückt werden, sie muss sich entwickeln.

Gruß Werner


_________________
Stanislav Lem: Literatur versucht, gewöhnliche Dinge ungewöhnlich zu beschreiben, man erfährt fast alles über fast nichts.
Phantastik beschreibt ungewöhnliche Dinge (leider m.M.) meist gewöhnlich, man erfährt fast nicht über fast alles.

Gruß, Werner am NO-Kanal
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
anderswolf
Geschlecht:männlichKlammeraffe


Beiträge: 996
Wohnort: Bad Nauheim


Beitrag30.09.2022 14:34

von anderswolf
Antworten mit Zitat

kioto hat Folgendes geschrieben:
der woken Leitkultur (...) Shitstorms

Angesichts dessen, dass der Begriff der Leitkultur in der Regel eher von gemeinhin als unwoke angenommenen Menschen verwendet wird, ist es recht ironisch, von einer "woken Leitkultur" zu sprechen.

Insofern bin ich mir auch nicht sicher, was du mit einer "woken Leitkultur" meinst. Ich bin mir aber auch nicht sicher, an wen du dich mit deinem Einwurf richtest. Hoffentlich nicht an mich, denn ich habe nur versucht, semantische Widersprüche in einem faserigen Text aufzuzeigen, ich wollte keine grundgesellschaftliche Debatte über die Wirksamkeit von Shitstorms vom Zaun brechen.

Aber klar: Shitstorms bringen nichts außer, dass hinterher alles aussieht, wie es halt nach Shitstorms aussieht.
Weiß jetzt aber nicht, ob das irgendwer ernsthaft bezweifelt.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
Oskar
Wortedrechsler


Beiträge: 91



Beitrag01.10.2022 11:46

von Oskar
pdf-Datei Antworten mit Zitat

anderswolf hat Folgendes geschrieben:
Oskar hat Folgendes geschrieben:
Wow!!!!! Ich bin beeindruckt. So viel Mühe hast du dir gemacht. Sollte ich eigentlich drauf antworten. Weiß nur nicht wo anzufangen. am besten du liest das von Alice Schwarzer herausgegebene Buch.  Vieles erklärt sich dann von selbst. Oder auch nicht.


Durch das Buch wird sich wenig von dem klären, was ich angebracht habe, weil meine Anmerkungen zu deinem Text sich auf deinen Text beziehen und dessen literarische Ausbaufähigkeit.

Solltest du aber tatsächlich der Meinung sein, dein Text erkläre sich am besten durch das Buch von Alice Schwarzer, dann ist dein Text eher Werbung für ein Buch und kein Text, der in der literarischen Werkstatt geparkt werden sollte.

Ich gehe einfach davon aus, dass du nur meine Menge an Text gesehen, sie aber nicht gelesen hast. Besteht natürlich kein Zwang dazu, sich damit auseinanderzusetzen, das Forum ist aber überwiegend ein Ort zum literarischen Austausch, nicht zum Diskutieren von Politik oder zum Bewerben fremder Bücher.


Nun ja, so ist das ja nun gerade auch nicht. Bisschen überflogen habe ich deinen Text schon. Death bei Informations kam mir dabei u.a. in den Sinn. Weiß auch nicht wieso. Tja, so is datt mit die Zeitgeist und von dir selber ins Spiel gebrachten Aussagen wie "Wenn alle sich so verhalten würden, dann wäre das Paradies auf Erden möglich". Nun gut, ich glaub, heut Abend schaue ich mir mal eine Hamlet Theaterverfilmung an. Kann nicht schaden, um das Immunsystem gegen solche "Wenn alle sich so verhalten würden" Aussagen ein wenig zu stärken. Weiß also immer noch nicht wo bei deiner ellenlangen Abhandlung für mich sinnvoll anzusetzen wäre. Kann dich ehrlich gesagt auch nicht genügend einschätzen. Deshalb: Darf ich mal fragen wie alt du bist? Nur round about. Was mich interessiert: Gehörst du schon zu den sogenannten digital Natives?
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
anderswolf
Geschlecht:männlichKlammeraffe


Beiträge: 996
Wohnort: Bad Nauheim


Beitrag01.10.2022 13:31

von anderswolf
Antworten mit Zitat

Oskar hat Folgendes geschrieben:
Death bei Informations

Zuviel Information will ja auch niemand.

Zitat:
Weiß also immer noch nicht wo bei deiner ellenlangen Abhandlung für mich sinnvoll anzusetzen wäre.

Ich habe inhaltliche, sprachliche und grammatische Schwächen angesprochen. Dass zum Beispiel die Satzfolge (lose zitiert) "Das Land gibt es nicht mehr. Und es verschwindet von Tag zu Tag mehr." keinen Sinn ergibt.
Wenn ich eine solche Kritik bekommen würde, würde ich mich von Absatz zu Absatz durcharbeiten und schauen, was für mich dabei ist. Allerdings nur, wenn ich tatsächlich Interesse daran hätte, mein Schreiben zu verbessern.
Was du willst, kann ich nicht sagen, insofern kann ich dir nichts dazu raten.

Zitat:
Kann dich ehrlich gesagt auch nicht genügend einschätzen.

Du musst ja auch nicht mich einschätzen, um meinen Kommentar zu lesen.

Zitat:
Deshalb: Darf ich mal fragen wie alt du bist? Nur round about. Was mich interessiert: Gehörst du schon zu den sogenannten digital Natives?
Gegenfrage: Wozu musst du das wissen? Inwiefern erleichtert es dir die Arbeit an deinem Text, mein Alter zu kennen? Oder hast du überhaupt kein Interesse daran, an deinem Text zu arbeiten? Wenn nicht: was willst du mit deinem Text erreichen?
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
nebenfluss
Geschlecht:männlichShow-don't-Tellefant


Beiträge: 5418
Wohnort: mittendrin, ganz weit draußen
Podcast-Sonderpreis


Beitrag01.10.2022 14:34

von nebenfluss
Antworten mit Zitat

Ich betrachte den Text als Versuch einer Glosse, die allerdings weder ihrem Titel gerecht wird noch mit den geistreichen Bonmots aufwartet, die ich mir von einem solchen Meinungsstück erhoffen würde.

anderswolf hat Folgendes geschrieben:
kioto hat Folgendes geschrieben:
der woken Leitkultur (...) Shitstorms

Angesichts dessen, dass der Begriff der Leitkultur in der Regel eher von gemeinhin als unwoke angenommenen Menschen verwendet wird, ist es recht ironisch, von einer "woken Leitkultur" zu sprechen.

Insofern bin ich mir auch nicht sicher, was du mit einer "woken Leitkultur" meinst.

Um nicht alles mögliche zu wiederholen, was andere schon gesagt haben, hake ich einfach mal hier ein.
Ich empfinde den Begriff "Leitkultur" nicht als so spezifisch, dass man ihn nur im Sinne Bassam Tibis verstehen kann, zumal er im Grunde eine sehr viel ältere Idee beschreibt, nämlich dass sich jede Gesellschaft (auch eine plural[istisch]e) auf gewisse Grundüberzeugungen einigen sollte. Auf wikipedia lese ich, dass der angestrebte Konsens als "Klammer zwischen Deutschen und Migranten dienen" soll und auf "westlich-liberalen Werten" basiere. Zumindest der Konfliktlösungsversuch zwischen Biodeutschen und Zuwanderern steckt für mich im Begriff Leitkultur aber nicht explizit drin. Vielleicht galt es damals (1996) noch als unstrittig, dass die Aufnahmegesellschaft sich ohnehin weitgehend auf die gemeinten Werte einigen konnte, das Konfliktfeld sich also sowieso nur um Zuwanderung drehen könne. Heute verstehen wir aber unter Pluralität etwas viel Weiteres: die Akzeptanz und Integration von "deutschen" Identitäten, die nichts mit Ethnie oder Hautfarbe zu tun haben, sondern früher als Aussteigertum oder gar als psychische (Gesellschafts)Störungen behandelt wurden. Dieser Transformationsprozess erweitert auch die Frage nach den Werten, auf die sich die sogenannte Mehrheitsgesellschaft mit diesen Gruppen einigen kann - ob man das nun Leitkultur nennt oder anders.
anderswolf hat Folgendes geschrieben:
Aber klar: Shitstorms bringen nichts außer, dass hinterher alles aussieht, wie es halt nach Shitstorms aussieht.
Weiß jetzt aber nicht, ob das irgendwer ernsthaft bezweifelt.

Warum gibt es dann Shitstorms?
kioto hat es bereits angerissen: Wenn man sich z. B. die Schärfe und mitunter auf persönliche Schädigung zielende Auseinandersetzung zwischen Transaktiven und den als TERFs bezeichneten traditionellen Feministinnen anschaut, so scheinen diese sich ja zumindest in der Wahl des Shitstorms (als Überbegriff, zu dem ich hier z. B. auch die Akzeptanz von Hate Speech zähle) als legitimes Mittel einig zu sein, also eine bei allen Feindseligkeiten gemeinsame Kultur zu repräsentieren.
Der Autor versäumt es aber, wie du sagst, das in seinem Text zu formulieren. Vielmehr wird in einem Rundumhieb alles mögliche schlagwortartig angerissen, als wolle er nur eine Leserschaft ansprechen, die gerne immer wieder das Gleiche liest, eh schon ausreichend geframt ist, was es meint und nun affirmativen Applaus spenden soll.
Und wer nachfragt, dem wird die Lektüre eines ganz anderen Textes empfohlen, obwohl der Text nicht als Rezension von Schwarzers Werk daherkommt.

anderswolf hat Folgendes geschrieben:

Zitat:
Kann dich ehrlich gesagt auch nicht genügend einschätzen.

Du musst ja auch nicht mich einschätzen, um meinen Kommentar zu lesen.

Zitat:
Deshalb: Darf ich mal fragen wie alt du bist? Nur round about. Was mich interessiert: Gehörst du schon zu den sogenannten digital Natives?
Gegenfrage: Wozu musst du das wissen? Inwiefern erleichtert es dir die Arbeit an deinem Text, mein Alter zu kennen? Oder hast du überhaupt kein Interesse daran, an deinem Text zu arbeiten? Wenn nicht: was willst du mit deinem Text erreichen?

Spätestens hier enttäuscht sich dann leider meine Hoffnung, der Text könne als geistreiche Kritik an der Identitätspolitik zumindest gemeint sein und ließe sch dahingehend überarbeiten. Denn wer glaubt, erst wissen zu müssen, mit wem er spricht, bevor er sich mit dessen Gedanken beschäftigt, ist ihr ja selbst schon in diese Falle getreten.


_________________
fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
RAc
Klammeraffe


Beiträge: 646



Beitrag02.10.2022 09:40

von RAc
Antworten mit Zitat

Hallo aus der Versenkung,

ich würde diesen Text auch als bestenfalls unfokussiert bezeichnen, weswegen sich eine inhaltliche Auseinandersetzung sozusagen von selbst erübrigt.

Grundsätzlich meine ich, zwischen den Zeilen dieses Textes (und auch anderer Texte desselben Autors und einer wachsenden Zahl von Neumitgliedern) die "counter woke en vogue" Einstellung herauszulesen, d.h. hier schreibt Jemand, der sich (nicht ganz unberechtigt) an z.T. extremen Ausartungen einer liberalen Gesellschaft stört, sich dabei aber (wie im Titel angedeutet) als Teil einer unterdrückten Minderheit fühlt.

Den ersten Teil (die Kritik an Extremausprägungen einer sich selbst manchmal ad absurdum führenden freien Gesellschaft) darf, soll und muss man tun. Genau das ist Teil der freiheitlichen Gesellschaft selber und, entgegen den nebulösen Vorstellungen mancher Schwurbler und bewußt demokratiezersetzender spinnerten (bewußte Wortwahl!) Individuen wird diese Kritik im heutigen Deutschland nicht zensiert, sanktioniert oder bestraft. Es gibt zwar zuweilen shitstorms (übrigens von Allen Seiten!), aber man darf nicht müde werden zu betonen, dass es einen erheblichen Unterschied gibt zwischen staatlichen Terrorismus (also tatsächliche Unterdrückung der Meinungsfreiheit) und vom mainstream in der Öffentlichkeit ausgeübtem Druck.

In der Tat gab es bereits in den 70ern, in denen ich aufgewachsen bin, und vorher eine sehr starke "Einnordung des Wertekonsenses" (aka "Leitkultur"), auch komplett ohne digitale soziale Netzwerke. Vermutlich läßt sich auch argumentieren, dass Gesellschaften und Kulturen genau so funktionieren - ihre "Leitkultur" wird durch die freiwillige Unterordnung der Mehrheit und die Sanktionierung derjenigen, die das nicht tun, durch die sich Unterordnenden durchgesetzt. Macht vermutlich auch evolutionär Sinn.

Unter diesem Betrachtsungswinkel ist "woke" nichts Anderes als das Gegenspiegelbild der Nachkriegsleitkultur, die u.A. auf einem sehr traditionellem und eindimensionalem Geschlechter- und Rollenverständnis beruhte. Die Mittel, die die "alte Leitkultur" aufrechtzuerhalten versuchen, waren sind absolut nicht zimperlich und zum Teil nach wie sehr viel restriktiver und staatlich mitgetragener als die "woke Kultur" (siehe z.B. GG Art. 6 (1) und dessen konkrete Umsetzung in vielen Bereichen der Gesetzgebung). Warum ist die "Graswurzeldurchsetzung" des "alten" Wertekonsenes weniger verdammenswürdig als die des "Neuen," wenn es hier um Meinungsfreiheit gehen würde?

Was ich damit unterm Strich ausdrücken will, ist dass man sehr stark aufpassen muss, eben nicht in die "Sophie Scholl" Falle zu tappen und die inhaltliche Kritik an der "neuen Leitkultur" mit empfundener Unterdrückung der Meinungsfreiheit in einen Topf zu werfen. Das spielt nur den Rattenfängern in die Hände, die mit Meinungsfreiheit überhaupt nichts am Hut haben und die die diffuse Wut auf die "powers that be" dazu nutzen wollen, die liberale Demokratie komplett abzuschaffen und durch eine staatlich verordnete Wertevorgabe zu ersetzen. In aller Regel sind diese Wertevorgaben extrem reaktionär und ausgrenzend.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Christof Lais Sperl
Geschlecht:männlichKlammeraffe

Alter: 61
Beiträge: 752
Wohnort: Hangover
Der silberne Roboter


Beitrag02.10.2022 09:46
information
von Christof Lais Sperl
Antworten mit Zitat

Als (u.a.) Anglist kann ich es mir nicht verkneifen, auf die Unmöglichkeit hinzuweisen, das Lexem information in den Plural zu stellen. Ein Plural-s wird vom Englischen in diesem Falle wie ein Fremdkörper abgestoßen.
Das ist das eine, Unwichtige, ein Detail.

Das andere aber ist die diskussionsimmanente Blasenhaftigkeit in diesem Diskurs. Oft beklagt, gern veranschaulicht: Wir reden nicht mehr mit-einander. Wir reden an-einander vorbei. Ist es nicht eine phantastische Erfindung, im Netz die Möglichkeit zu bekommen, Texte von Kennern kritisieren zu lassen? Als ich jung war, hätte man bestenlalls einmal etwas vorlesen können. Heute erreicht es tausende. Würde es nicht von persönlcher Größe zeugen, Kritik souverän anzunehmen? Das ist doch die wirkliche Coolness!

 Ich selbst will mich nicht als eine irgendgeartete Besonderheit sehen. Ich bin ein mäßig talentierter Tastenhauer. Doch wie viel habe ich vom dsfo profitiert. Ja, meine Texte sind definitiv besser geworden. Das allein sollte doch zählen.

 Leider beobachte ich im Forum zunehmend eine Haltung wie: "Ich knall das jetzt mal rein, und wer das nicht genial findet, hat eh keine blasse Ahnung." Nicht nur in diesem Thread entstehen daher immer mehr solche vergleichbaren, oberflächlich gesehen debattenformige, in der Tiefe aber aggressiv geführte Diskurse, die, würde man sie laut vorlesen, einem Anblafforgie ähneln. In einer schiefen Analogie zu Godwin's Law könnte man hier sagen, dass die Sekunden gezählt werden können, bis der erste Anwurf aufkommt. Das ist sehr schade.

Schon öfter habe ich im Forum auf die Möglichkeit hingewiesen, eigene Blogs anzulegen. Offensichtlich ist dies so mancher/manchem aber zu langweilig, weil dann kaum gegen Kritiker/innen ausgeteilt werden kann. Das ist furchtbar schade.

Beste Wünsche
 CLS


_________________
Lais
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
Oskar
Wortedrechsler


Beiträge: 91



Beitrag04.10.2022 12:01
Re: information
von Oskar
pdf-Datei Antworten mit Zitat

Christof Lais Sperl hat Folgendes geschrieben:
Als (u.a.) Anglist kann ich es mir nicht verkneifen, auf die Unmöglichkeit hinzuweisen, das Lexem information in den Plural zu stellen. Ein Plural-s wird vom Englischen in diesem Falle wie ein Fremdkörper abgestoßen.
Das ist das eine, Unwichtige, ein Detail.

Das andere aber ist die diskussionsimmanente Blasenhaftigkeit in diesem Diskurs. Oft beklagt, gern veranschaulicht: Wir reden nicht mehr mit-einander. Wir reden an-einander vorbei. Ist es nicht eine phantastische Erfindung, im Netz die Möglichkeit zu bekommen, Texte von Kennern kritisieren zu lassen? Als ich jung war, hätte man bestenlalls einmal etwas vorlesen können. Heute erreicht es tausende. Würde es nicht von persönlcher Größe zeugen, Kritik souverän anzunehmen? Das ist doch die wirkliche Coolness!

 Ich selbst will mich nicht als eine irgendgeartete Besonderheit sehen. Ich bin ein mäßig talentierter Tastenhauer. Doch wie viel habe ich vom dsfo profitiert. Ja, meine Texte sind definitiv besser geworden. Das allein sollte doch zählen.

 Leider beobachte ich im Forum zunehmend eine Haltung wie: "Ich knall das jetzt mal rein, und wer das nicht genial findet, hat eh keine blasse Ahnung." Nicht nur in diesem Thread entstehen daher immer mehr solche vergleichbaren, oberflächlich gesehen debattenformige, in der Tiefe aber aggressiv geführte Diskurse, die, würde man sie laut vorlesen, einem Anblafforgie ähneln. In einer schiefen Analogie zu Godwin's Law könnte man hier sagen, dass die Sekunden gezählt werden können, bis der erste Anwurf aufkommt. Das ist sehr schade.

Schon öfter habe ich im Forum auf die Möglichkeit hingewiesen, eigene Blogs anzulegen. Offensichtlich ist dies so mancher/manchem aber zu langweilig, weil dann kaum gegen Kritiker/innen ausgeteilt werden kann. Das ist furchtbar schade.

Beste Wünsche
 CLS


Großer Versöhner, wa! "Wir reden nicht mehr miteinander", tippst du. Jo, Jo, jo! Für diese Erkenntnis solltest du einen Preis bekommen. Tja, Leute wie du kommen irgendwann vielleicht auch noch auf den Dreh, in der Verdummung durch Vernetzung eine ernsthafte Alternative für das Motiv der Schwarmintelligenz zu sehen. Bis dahin: Lass uns weiter tippend plappern und uns als Literaten fühlen. Verstehst schon: Rein Identitätspillopholisch und so.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Christof Lais Sperl
Geschlecht:männlichKlammeraffe

Alter: 61
Beiträge: 752
Wohnort: Hangover
Der silberne Roboter


Beitrag04.10.2022 14:17
Wow
von Christof Lais Sperl
Antworten mit Zitat

Oskar, nun haben Sie  es mir aber gegeben. Ich bin komplett überzeugt. Und ein neuer Mensch. Wann kann ich mich ins Proseminar einschreiben? Den besagten, in Aussicht gestellten Preis hole ich mir an der DHL-Station ab.  Bestes von CLS

_________________
Lais
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
Oskar
Wortedrechsler


Beiträge: 91



Beitrag05.10.2022 11:53
Re: Wow
von Oskar
pdf-Datei Antworten mit Zitat

Christof Lais Sperl hat Folgendes geschrieben:
Oskar, nun haben Sie  es mir aber gegeben. Ich bin komplett überzeugt. Und ein neuer Mensch. Wann kann ich mich ins Proseminar einschreiben? Den besagten, in Aussicht gestellten Preis hole ich mir an der DHL-Station ab.  Bestes von CLS


Na also, geht doch. Wusste ich doch, dass Menschen, die sich auf einer Internetplattform "verwirklichen", die sich, man höre und staune, "Deutsches Schriftstellerforum" nennt, für das klare Argument doch noch zugänglich sind. Zumindest ab und an mal. Gut so, Christoph, weiter so! Arbeite weiter an dir! Du bist auf dem richtigen Weg.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Kojote
Geschlecht:männlichACME Buchstabenfabrikant

Alter: 32
Beiträge: 1418
Wohnort: Wurde erfragt


Beitrag05.10.2022 17:05

von Kojote
Antworten mit Zitat

Oskars Verhalten hier (und nicht nur hier) erinnert mich an einen Buchtitel.

Fegefeuer der Eitelkeiten.


_________________
Trust ██ ██. ██ your ███ government!

Achtung Ungarn! Ein humorvolles Benutzerhandbuch (Verlag Angelika Gontadse, ET 11/2022)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen
Seite 1 von 2 Gehe zu Seite 1, 2  Weiter

Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Sonstiges -> Werkstatt
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht teilnehmen.
In diesem Forum darfst Du Ereignisse posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen
 Foren-Übersicht Gehe zu:  


Ähnliche Beiträge
Thema Autor Forum Antworten Verfasst am
Keine neuen Beiträge Roter Teppich & Check-In
Wissenschaftsnerd versucht sich am Ro...
von Daedalus
Daedalus Roter Teppich & Check-In 3 05.12.2022 14:58 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Agenten, Verlage und Verleger
Zwischen Vertrauen und Ungeduld
von Pickman
Pickman Agenten, Verlage und Verleger 6 04.12.2022 21:01 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Werkstatt
Das eherne Schweigen
von Peter Hort
Peter Hort Werkstatt 3 28.11.2022 16:34 Letzten Beitrag anzeigen
Dieses Thema ist gesperrt, Du kannst keine Beiträge editieren oder beantworten. Lesezeichenpoesie
Wichtig: Ein jeder gehe hinaus und bewerte ......
von sleepless_lives
sleepless_lives Lesezeichenpoesie 0 27.11.2022 20:11 Letzten Beitrag anzeigen
Dieses Thema ist gesperrt, Du kannst keine Beiträge editieren oder beantworten. Postkartenprosa
Wichtig: Ein jeder gehe hinaus und bewerte ......
von sleepless_lives
sleepless_lives Postkartenprosa 0 27.11.2022 20:08 Letzten Beitrag anzeigen

EmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungBuchEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlung

von Ruth

von Einar Inperson

von LightVersionXX

von Micki

von Scritoressa

von Nayeli Irkalla

von Scritoressa

von Minerva

von poetnick

von Nordlicht

Impressum Datenschutz Marketing AGBs Links
Du hast noch keinen Account? Klicke hier um Dich jetzt kostenlos zu registrieren!