16 Jahre Schriftstellerforum!
 
Suchen
Suchabfrage:
erweiterte Suche

Login

Jetzt erhältlich! Eine Anthologie von und mit unseren Usern. Jetzt bestellen! Die erste, offizielle DSFo-Anthologie! Lyrikwerkstatt Das DSFo.de DSFopedia


CelloMord. Ein Kriminalfall in Versen


 

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Lyrik -> Feedback
 Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
wunderkerze
Eselsohr


Beiträge: 218



BeitragVerfasst am: 01.08.2022 19:25    Titel: CelloMord. Ein Kriminalfall in Versen eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

O Wahnwitz, Chaos unterm Schädeldach!
Wo Wahn mit Wahrheit sich geschickt verpaart,
Irrgärten baut und Truggebilde schafft,
verrückt vor Lust und Lust-verrückt
und finstre Mächte um sich schart:

O könnt ich aus der Schandtat scharfen Krallen,
sollt ich dran denken, mich sofort befrei´n!
Doch ach!, auch der geständ´ge Mörder muss oft leiden,
sei´s an Erinn´rung, Worten, Taten.
Ich lächle nicht, auch nicht zum Schein.

*

   So beginnen die Aufzeichnungen der Cellistin Merit N., die vor drei Jahren als aufgehender Stern am Musikerhimmel gefeiert wurde, und die dann ihren Arzt und Lebensgefährten Bodo von B. umbrachte. Es sind seltsame Zeilen, mit denen sie ihre Tat und den Weg dahin beschreibt, im Stil ziemlich aus der Zeit gefallen und zwischen Verzweiflung und Humor schwankend, aber dennoch keine reinen Fantasiegebilde. Die Umstände am Tatort und die Erkenntnisse der Gutachter zielen in die gleiche Richtung. Seltsamerweise erwarb ich ihr Vertrauen – warum, steht in den Sternen – und sie erteilte mir den Auftrag, die Verse nach ihrem Tode zu veröffentlichen, aus welchem Grund auch immer. Was hiermit geschieht, denn vor einem halben Jahr brachte sie sich mit einer Überdosis Schmerztabletten ums Leben.  
   E.A.Schwartau, Strafverteidiger.
*
      
Schicksalssinfonie

 Im Orchester ist großer Betrieb
 Frack und Hosen wogen rhythmisch.
 H. Mann


Sigurts Wangen glühen wüstisch,
weißer Stab in wilder Geste,
matter Schein auf blanker Weste –  
Bruckner ist´s, wie immer mystisch.

Trommeln brüllen, Geigen stöhnen,
fressen sich durch Gänsehäute,
backstage´s jammern Ratzenbräute,
manches Hirn beginnt zu dröhnen.

Da, der Celli Honigklänge –
Sigurts Miene: Tränen sprießen,
scheint vor Wonne zu zerfließen –
Schall wie keuscher Engel Sänge.

Was ist das? Im dritten Satze –
Gott!, wer nahm je diese Hürde?
 Der Cellistin steife Würde  
humpelt schmerzgebeugt vom Platze.

Ganz verdutzt sitzt jede Reihe.
Wie bizarr ist diese Szene!
Passt´ wohl zu der Lill Marlene –
nicht in dieses Hauses Weihe.

Sigurts Augen schimmern kryptisch.
Lässt den Stab, den weißen, sinken,
sieht die Starcellistin hinken,
 ihren Gang: Apo-kalyptisch.

Einsam noch sirrt eine Flötje.
Fahrenholt, das Dirigentje,
ringt verzweifelt seine Händje. –
 ihren Lauf nimmt die Tragödje.

*
 Fahrenholt, mit rotem Kopf
eilt nach hinten, wo sich krümmt
seine Starcellistin Merit.
Wirft sich vor das Kanapee,
ruft verzweifelt: „Tut´s sehr weh?“
Auf und ab hüpft grauer Zopf.

Ihrer Brust entweicht ein Ach.
„Lieber Freund, es ist viel schlimmer!
Warf den Arm in hohe Lagen,
weißt du, Sigurt, drei Oktaven!
Stach ein Teufel meinen Rücken
dass ich meint´, ich müsst ersticken!

Lieber Freund, es war entsetzlich!
Fühlte mich wie ausgestoßen!
Weiterspielen? Nicht zu denken!
Dann der Schrecken: Sollt ich patzen?
 Dachte dann: Ein Cello wen´ger
lässt das Konzert bestimmt nicht platzen.“

Kräft´ge Hand ergreift die Ihre,
streichelt ihrer Finger Wangen,
 – Augenblitz wie Edelsteine –
sucht er lächelnd sie zu trösten,
sucht nach Witzen Launen Scherzen,
doch ihr Geist versinkt in Schmerzen.

„Nahm grad ein paar heft´ge Pillen
aus des Doktors Wundertüte“,
sagt sie jetzt mit Grabesstimme,
„sei so gut, ruf mir ein Taxi,
  ist nicht weit zu meiner Klause!
 Hilft nichts, hilft ein fester Willen!“

 Wieder sucht der Mann zu trösten,
baut fantastische Paläste,
spricht von weiten Ruhmeshallen,
„Merit!“, ruft er, „du, die Beste!“ –
„Ach“, haucht sie mit welken Lidern,
„gib es auf, das wird nie wieder!“


Nacht

 Ach Furcht! Ach rasend Furcht!
 Ich seh, ich seh dich nahn,
 kenn dein´n geschwinden Schritt!
 W. Collins


Verzweiflung ringt mit Hoffnung
in mitternächtlicher Einsamkeit.
Hingestreckt aufs gramzerwühlte Lager,
die Hände ringend, flucht sie: „Ist das Gerechtigkeit?
Steh´ ich nicht, in der Blüte meines Könnens,
an der Schwelle des Ruhms? O teuflisches Schicksal!

Wie glücklich war ich doch,
Schoßkind der reinsten Muse:
Orchester umbuhlten mich,
Dirigenten schmachteten mich an,
das Publikum lag mir zu Füßen.
Vom Applaus berauscht
vergaß ich die Schmerzen.
Die Zeitungen waren des Lobes voll:
So jung, und schon so brillant!
Die Neider schwiegen betreten.

Doch jetzt?
Abgeschlagen in die Wüste des dritten Pultes
darf ich dem Zweiten die Seiten wenden.
Ach ach ach! Bin nur noch Geschmeiß der Kunst,
den Neidern ein gefundenes Fressen!

Ich, eine Sklavin der Natur
zum Ruhme geboren, zum Elend verdammt,
war nie ein hüpfendes Kind der Einfalt.
Der weiche Boden unbeschwerter Spiele lockte mich nie.
Mein Genius, ein strenger Mentor,
setzte vor den geringsten Erfolg
die größte Mühe. Ha!, ich bezwang ihn.
Doch nun ist alles aus! Ein teuflischer Dämon
bohrt mir
Schrauben in den Rücken,
und eine schwarze Sonne verfinstert meine Tage.
O, könnte ich doch sterben!“
F.f

12Wie es weitergeht »




_________________
wunderkerze
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
wunderkerze
Eselsohr


Beiträge: 218



BeitragVerfasst am: 16.08.2022 15:41    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Intermezzo

 Banause bleibt Banause,
auch bei ´ner Silberlöffel-Jause.
Merit.N.

Das Messer fällt, der Teller klirrt,
der Bogen stockt, man blickt verwirrt –
Obwohl´s von hinten „Weiter!“ schalt,
ist Merits Blick jetzt eiseskalt.

Das Cello wandert in den Kasten.
der Pianist verlässt die Tasten,
Den Gästen macht das sichtlich Spaß –
das war Kultur, jetzt kommt der Fraß.

Sie rennt hinaus, wo unter Bäumen
Maiglöckchen und dergleichen träumen,
Ein Mann kommt auf sie zu, sagt keck:
„Sie ärgern sich? Hat keinen Zweck!

  Banause bleibt Banause,
auch bei ´ner Silberlöffel-Jause.“
Sie geht vorbei, denkt: „Knirsch,
Ein alter Mann auf geiler Pirsch!

Soll doch mit seiner Flinte sonstwo jagen,
hab jetzt für Smalltalk keinen Magen,
Er ruft ihr nach. „Sie täuschen sich!
Sie haben Nutzen, und nicht ich!“

Ärgerlich fährt sie herum, „Was wollen Sie?
Bin doch nichts als ein krummes Vieh!
Sehen Sie denn nicht meine Figur?
Ein Fragezeichen nach einer Hungerkur!“

Er sagt: „Was ist Figur, was ist Gestalt?
Am Ende werden wir doch alle kalt.
Was bleibt dann noch in ewiger Finsternis?
Dass wir der Welt kein Ärgernis.“

Sie sieht ihn an, ganz unverwandt,
doch seine Augen halten stand.
Sie sagt: „Oha!, ein Philosoph
 auf einem Silberhochzeits-Schwoof!

O lasst mich doch an Eurer Weisheit Quelle nippen!“
Ein feines Lächeln kräuselt seine Lippen.
„Da ist nicht viel. Was ich nur lehren kann,
das kommt aus meinem letzten Weisheitszahn.

Und wenn auch der verfault ist bis auf das Mark,
bin ich so dumm wie frisch geschlagener Quark.“
 Sie grinst ihn an. „Sie sind ein Teufelsbraten!
Was machen Sie beruflich?“ – „Sie dürfen raten.“

„Hm … kein Philosoph … ein Rechtsanwalt?“
  Kopfschütteln. „Nein nein nein, ganz kalt.“
„Hmhm … nun ja ... vielleicht ein Lehrer gar?“
„Geworden wär´ ich´s um ein Haar!“

 „Ein Geschäftsmann, hier in Paderborn?
Womöglich gar auf dem Kap Hoorn?
Man hört doch jetzt in diesen Tagen,
dass viele sich ins Ausland wagen.“

 Er grinst. „In Paderborn? Nicht schlecht!
Doch auf Kap Hoorn – dat geit jetzt necht.“
Ein Ärger-Schatten springt in ihr Gesicht.
Ihr Fuß stampft auf. „Dann rat´ ich´s nicht.“

„Dann sag´ ich´s frei,“ Ihr blick wird lichter.
„Nun also dann“? – „Ich bin ein Richter –“
„Oh, Euer Ehren …“ Einen Schritt tritt sie zurück –
 „nein nein, ich richte Knochen Stück für Stück.

Der 'Rückenpapst'  werd´ ich genannt“
 ein Unikum im ganzen Land –
So, Schluss jetzt mit der Blödelei!
Hab Sprechstund´ heute! Punkt halb zwei!“



5
Hoffnungsschimmer

Der einz´ge Mann, den ich gekannt,
den ich nicht gleich zum Kotzen fand.
W. Blake

Der Doktor 'Rückenpapst', mit Metzgerhänden,
nicht mehr ganz jung, doch eine Koryphäe seines Fachs.
Denn glaubt man den Legenden,
so hat er einen Arbeiter des Dachs,
der einst von hoher Warte stürzte
und sich den Tag mit schlimmen Schmerzen würzte
und sich dabei die Ehe-Pertersilie verhagelt´,
so kunstvoll wieder gesund genagelt,
dass der, o ha!, nach wen´gen Wochen
schon wieder ist aufs nächste Dach gekrochen.
Begeistert applaudierte da die Menge,
dezentes Heldentum durchströmte das Gedränge.
 Dies seine Stärke: Arbeitskraft.
Dies seine Würde: Leidenschaft.
Zu richten wo des Leibes Harmonien
gestört. Manch einer dankt´ es ihm auf Knien.
*

Im hellen Raum mit Bildern marmorierter Pracht,
er sieht die Frau und weiß sogleich Bescheid:
Die Nerven angespannt, die Muskeln hart,
 des Mundes Anmut schmerzverzerrt,
der Augen Flamme fast erloschen.

Welch Schicksal, denkt er gram, sie ist so jung!
Wo sah ich einen solchen Rücken schon!
Die Kraft, die Muskeln spannt, dahin
die Wirbelsäule krumm wie
Midgards Schlange.

„Ihr Fall ist ernst“, sagt er dann sanft, „Ihr Rücken:
 ganz verdreht im Labyrinth haltloser Wirbel.“
Dann spricht er´s aus, das grause Wort,
(er flüstert´s fast): Spondylolyse –
  Wirbelgleiten.

Sie hört die Worte, vor Entsetzen starr, den Blick gesenkt.
Für den Moment versagt ihr heißes Herz den Schlag.
Nicht einmal Millionen Zauberküsse könnten
jetzt die dumpfe Starrheit lösen,
die ihre Sinne lähmt.

Der Arzt: „Wie lange schon? Seit wann besteht die Qual?“
Sie, matt: „Die Schmerzen? Ach, seit früher Jugend.“
 Ein Blick: „Sie dachten nie an Therapie?“
„Noch hielt ich´s leidlich aus. Und:
Leiden heißt doch siegen.“

Die hohe Stirn des Doktors, baff von so viel Unverstand,
umspielt ein Reigen tiefer Unmutsfalten.
„Das ist doch Unsinn!“, ruft er barsch,
„und Wahnwitz! HEILEN
heißt doch siegen!“

Und weiter: „Wollen Sie, statt jugendliche Feste, Spaß,
und Witz und flinke Launen zu genießen,
 die viel gemeine Alltagssorgen tilgen,
in Schmerzen und in Runzeln
vor der Zeit verblüh´n?“

Sie sieht ihn an: In seinen Augen reine Menschlichkeit.
Sie sagt: „Bin Tochter nicht der heiteren Natur.“
Doch gebrochen schon ist ihre Leidenslust.
„Wie steht es denn mit Opiaten?“
„Bei Ihrem Rücken? Nein!

Der Hals sollt mir verdorr´n, sollt´ ich auch nur
 für einen Herzschlag lang die Wahrheit
schnöden Heilsversprechen opfern.
Hier gibt´s nur eine Option:
Die Operation!

Doch holen Sie gern andern Rat.“ Er reicht die Hand
und blickt sie an. Aus seiner Augen Schatzestruhe
erströmt sie eine große Ruhe. Die Schmerzen:
 Fast verschwunden. Das erste Mal
seit Tag und Stunden.

F.f

« Was vorher geschah12



_________________
wunderkerze
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Lyrik -> Feedback Alle Zeiten sind GMT - 11 Stunden
Seite 1 von 1



 
 Foren-Übersicht Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht teilnehmen.
In diesem Forum darfst Du keine Ereignisse posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen

Thema Autor Forum Antworten Verfasst am
Keine neuen Beiträge Was ist die richtige Dosis Kritik? Ka... Wohlstandskrankheit Sonstige Diskussion 23 18.08.2022 22:13 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Nur ein rollender Stein Hera Klit Feedback 0 18.08.2022 19:25 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Ich suche ein Geräusch MrT Ideenfindung, Recherche 21 09.08.2022 11:42 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Ein herzliches "Moin"... Silly Poetry Roter Teppich & Check-In 5 07.08.2022 18:55 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Ein erster Teil meines Textes Willi60 Einstand 4 26.07.2022 14:41 Letzten Beitrag anzeigen

EmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungBuchEmpfehlungEmpfehlungBuchEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlung

von Mogmeier

von Beka

von Valerie J. Long

von DasProjekt

von Elisa

von Oktoberkatze

von Harald

von BerndHH

von Gefühlsgier

von Jenni

Impressum Datenschutz Marketing AGBs Links
Du hast noch keinen Account? Klicke hier um Dich jetzt kostenlos zu registrieren!