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Knut der Knecht


 

 
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wohe
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 69
Beiträge: 403
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 02.06.2022 08:03    Titel: Knut der Knecht eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Freunde,

ich würde Euch gern eine Geschichte vorstellen, die sich allerdings über einige Fortsetzungen erstreckt.
Wenn's Euch zu viel wird - bitte melden.

MfG Wohe


Montag:

Piep, piep.
Wohe runzelte die Stirn.
Piep, piep.
Er sah auf und fixierte sein Gegenüber. Drohend!
Piep, piep.
„Schröder“, sagte Wohe
„Ja?“ Piep, piep.
„Das nervt.“
„Was?“
„Das Piep, Piep.“
„Da kann ich nix für. Das ist das Handy.“
„Das weiß ich. Aber es nervt.“
Schröder nahm die Finger von der Tastatur und kratzte sich am Hinterkopf.
„Tja, was soll ich denn machen? Das ist halt so. Wenn man auf die Tasten drückt, piept's.“
Er widmete sich wieder dem Handy.
Piep piep.
Auch, wenn es noch so spannend war, beziehungsweise ohne piep, piep gewesen wäre: Wohe legte sein Buch in die Schreibtischschublade, stand auf und schlurfte zur Kaffeemaschine.
Kaffeekanne leer, Kaffeedose leer. Er tauschte seine Latschen gegen Schuhe und marschierte in den Regen.

„Ah, der Herr Inspektor. Kalkuliere, Ihr Untertan spielt wieder mal Tetris?“
„Inspektor gibt's kan. Nick Knatterton und Heinrich Mann. Jou, macht er.“
„Kottan. Kaffee?“
„Ja.“
Interessanterweise schmeckte der Kaffee sogar. Na gut, musste er auch, schließlich klagte Holgersen tagaus, tagein, wie teuer die neue Kaffeemaschine gewesen war. Da schmeckte einem der Kaffee schon aus Mitleid.
„Holgersen“, sagte Wohe, „manchmal habe ich den Eindruck, mein Dienstgrad würde von meinem Mitarbeiter nicht genügend gewürdigt.“
„Ungeheuerlich! Und das in Deutschland. Das ist Subversion. Sofort rausschmeißen den Mann.“
„Geht nicht. Er ist Beamter.“
„Tja, dann bleibt wohl nur Korruption.“
„Meinen Sie?“
„Logisch. Wie wär's mit Vollmilch-Nuss?“
„Muss ich drüber nachdenken. Aber eigentlich bräuchte unsere Dienststelle mehr Mitarbeiter.“
„Wer sagt das?“
„Schröder.“
„Oh.“
„Ja. Wegen Überlastung.“
Holgersen war zwar sowohl Inhaber als auch einziger Angestellter des Schönebosteler Supermarktes mit angeschlossenem Café-Imbiss, aber trotz neuerdings angepriesenem 24-Stunden-Verkauf war ihm das Gefühl von Überlastung fremd. Seine Kunden hatten genau so wenig Lust, zu abendlicher Stunde den Fernsehsessel mit dem Einkaufswagen zu vertauschen wie Finanzamt oder Gewerkschaft, sich mit dem steuerlichen oder arbeitsrechtlichen Konstrukt seiner Doppelfunktion zu befassen. Die Spätschalter-Klingel war jedenfalls noch nie in Anspruch genommen worden.
Jetzt stutzte er. „Wegen Überlastung?“
„Ja.“
„Oh Mann!“
Wohe schlürfte seinen Kaffee und observierte. Den Verkehr draußen vor dem Geschäft (eher mäßig, ab und zu mal ein Auto, kaum Fußgänger - wie auch, bei dem Regen und während der Mittagszeit) und die Auslagen im Laden, speziell die gar zu verlockenden Schokoladentafeln, wenngleich diese aktuell mangels weiterer Kunden kaum seines Schutzes bedurften (wie auch, Regen und Zeit, hatten wir schon).
Andererseits: war nicht gerade die sogenannte stille Zeit die gefährlichste? Wäre er Verbrecher, er würde nur bei Regen und in der Mittagszeit einen Überfall starten. Frei nach Stalin: keine Zeugen, kein Problem.
Eigentlich war das überhaupt die Idee!
So ein Leben als Gesetzloser hatte wenigstens noch etwas Abenteuerliches. Jedenfalls mit Sicherheit mehr als sein derzeitiger Job, aber ob Holgersens Tageskasse wirklich ergiebig genug war? Abgesehen davon war das Beispiel von Bonny und Clyde auch nicht gerade leuchtend zu nennen. Und, wenn er ehrlich war: im Verhältnis zu seinem Beamtengehalt war deren Einkommen doch eher als sporadisch zu bezeichnen.
Er seufzte. Also doch wieder zurück an die Pflicht.

„Oh, danke“, sagte Schröder. „Meine Frau sagt allerdings, ich soll nicht so viel Süßigkeiten essen. Es bestünde die Gefahr, dass ich zu dick werde.“ Er verzehrte verzückt die mitgebrachte Vollmilch-Nuss.
Wohe auch, allerdings begnügte er sich mit einigen Stückchen.
„Eine kluge Frau.“
„Stimmt. Aber hier geht es um Schokolade. Dafür esse ich heute Abend ein Pommes weniger.“
Schröder wühlte auf seinem Schreibtisch herum. „Hast du mein Handy gesehen?“
„Nee.“
Schröder tastete sich ab, besonders dort, wo sein Bauch den Einblick verwehrte. Dann gab er auf und schloss die Augen.
Wohe nahm sein Buch wieder auf.
Als der Feierabend nahte, hingen sie beide mit den Augen  auf dem Minutenzeiger.
„Das Ding geht nach“, sagte Schröder.
„Nee.“
„Dann halt nicht.“
Noch etwas später war die rettende Zwölf fast erreicht, als ein heulender Motor verkündete, dass Frau Fech die 36 PS ihres Käfers voll ausfuhr. Ein anschließendes Quietschen zeugte von den Qualen ungewohnt kräftig zupackender Trommelbremsen und eine im Türrahmen erscheinende Gestalt vom Ziel der wilden Fahrt.
Auftritt Frau Fech:
„Eine Leiche“, berichtete sie stolz. „Ein Mord.“
„Oh“, sagte Wohe
„Oh“, sagte Schröder.
„Ja wahrlich. Also fürs Protokoll: eine männliche Leiche, ca. 40 Jahre, braune Haare, Gummistiefel, Jeans und Jeanshemd, beide blau. Name gleich Knut. Lehnt am Ortseingangsschild, wenn Sie die Straße von Derrens her nehmen. Sieht zuerst aus, als ob er schläft, ist aber tot.
Todeszeitpunkt: schon ne Zeitlang her.
Besonderes Kennzeichen: Mistforke im Bauch. Buch in der Hand. Blut am Bauch.
Tot, weil kein Puls am Hals messbar, Todeszeitpunkt, weil Körpertemperatur nicht mehr fühlbar und Mord, naja, die Mistforke halt.“
„Wow“, sagte Wohe „Wieso Knut?“
„So heißt er.“
„Und weiter?“
„Keine Ahnung. Knut halt. Der Knecht.“
„Knut der Knecht?“
„Genau der.“
„Mit nem Buch in der Hand?“
„Genau. Wobei: komisch eigentlich.“
„Sehr komisch.“
„Aber tot. Hier.“ Sie zeigte ihm ihren üblichen Baumwollhandschuh, dessen übliches Weiß allerdings an der Zeigefingerspitze von einem deutlichen dunklen Flecken verunziert wurde.
„Blut“, sagte sie. Und dann: „Nun machen Sie was.“
„Jawoll. Fahr hin.“ Wohe zeigte auf Schröder.
„Ich?“
„Wer denn sonst? Ich vielleicht? Ich bin Chef. Ich muss hier aufpassen.“
„Mord ist Chefsache.“
Wohe beugte sich vor und flüsterte: „Hier gibt's keinen Mord. Hier gibt's Frau Fech.“
„Das habe ich gehört“, maulte Frau Fech.
Ein rasselnder Schleppermotor und der anschließende Eintritt einer Güllewolke belegten die Ankunft des darin eingehüllten Bauern Jensen. Auch dieser meldete: „Am Ortseingangsschild von Derrens her liegt Knut der Knecht mit ner Mistforke im Bauch. Machen Se was.“
Weg war der Bauer. Die Güllewolke blieb.
Frau Fech ebenfalls.
„Dann fahrn wir mal“, sagte Wohe und schob unauffällig Schröders Handy in dessen Jackentasche.
Unter den kritischen Augen von Frau Fech verschloss die Mannschaft der Polizeiwache von Schönebostel ihr Domizil und bestieg ihren Einsatzwagen.
„Warum liegen hier Zementsäcke auf dem Rücksitz?“
„Sonderangebot im Bauhaus“, erklärte Schröder.
„Was ist das?“ Wohe zog mit dem Finger eine Linie aufs Armaturenbrett.
„Zementstaub.“
„Habe ich dir schon mal erzählt, dass Dienstfahrzeuge für den Dienstgebrauch und nicht für die private Nutzung vorgesehen sind?“
„Ja.“
„Ach so?“
„Wo soll ich hier hin?“, fragte Frau Fech mit Blick auf den belegten Rücksitz. „Ich bin Zeugin und werde gebraucht.“
„Von uns nicht.“ Schröder chauffierte gekonnt zwei Ecken weiter und hielt am Ortsschild Richtung Derrens.
Frau Fech und der Käfer kamen hinterher.
„Wo ist er denn?“, wollte Wohe wissen.
„Weg“, sagte Frau Fech. „Na, das' ja'n Ding. Immerhin hat sie ihr Buch hier gelassen.“
„Welche sie?“
„Na, die Leiche. Knut der Knecht.“
Ein Bild des Friedens. Eine Straße zwischen wogenden Kornfeldern, eingerahmt von Ortseingangs- und Ausgangsschild. Ein Buch und sonst nichts. Ok, da war noch jede Menge Gras neben der Straße, aber jedenfalls gab es keine Leiche. Und so genau er auch suchte, zwar gab es  jede Menge Feuchtigkeit, aber kein erkennbares Blut. Und auch keine Mistforke.
Wohe holte ein Paar Gummihandschuhe aus dem Auto und hob das Buch auf. Total nass, wegen des Regens. „Angewandte Psychologie.“
Ach du Scheiße! Und das bei Knut dem Knecht.
Frau Fech war sichtlich konsterniert. „Na, das' ja'n Ding.“ Sie fuhr von dannen.
Wohe und Schröder sahen sich an.
„Und nu?“
„Wo ist Knut der Knecht denn Knecht?“
Schröder überlegte: „Bei Janke. In Derrens.“
„Fahr mal hin. Ich frage bei der Feuerwehr und beim Doktor und im Krankenhaus und so nach.“
Wohe lehnte sich locker an das Ortseingangsschild, sozusagen als Ersatz für den abwesenden Knut und telefonierte. Ergebnis: nichts. Kein Knut, kein Knecht, überhaupt war kein Lebender oder Toter transportiert oder eingeliefert oder gar behandelt worden.
Beim Doktor war keine Sprechstunde, da der zwecks Urlaub auf Gran Canaria weilte, im Krankenhaus berief man sich erst auf den Datenschutz, um die Auskunft zu verweigern und gestand dann doch ein, dass sozusagen himmlische Ruhe herrschte und die gleiche Information erhielt er auch bei der Feuerwehr.
Apropos himmlische Ruhe. Wohe marschierte zu Bahnke, dem einzigen Bestatter im Ort und glücklicherweise nur zwei Häuser weiter wohnend.
Auch nichts.
Dafür klingelte sein Handy.
„Ich stehe hier gerade neben Knut dem Knecht“, sagte Schröder. „Er meint, er lebe noch und sei heute auch noch nicht tot gewesen.“
„Und warum lag er dann bei uns am Ortsschild rum?“
„Lag er nicht. Sagt er jedenfalls. Er meint, er wäre nur kurz beim Bauhaus und die ganze übrige Zeit am Ausmisten gewesen. Und das auch noch lebendig.“
„Schau dir mal sein Hemd an. Ob da Blut dran ist oder so.“
Kurze Pause. Dann: „Könnte sein, kann aber auch nur Dreck sein. Und der ist gleichmäßig verteilt und ziemlich dick.
Ach so, und ein Buch vermisst er auch nicht. Er weiß noch nicht mal, was Psychologie eigentlich so genau ist. Nur dass er die nicht braucht und das Buch auch nicht.“
Wohe überlegte. Psychologie! Eh Quatsch.
„Mach Feierabend“, sagte er.
„Jou. Soll ich nochmal nachhaken wegen dem Führerschein?“
„Was?“
„Na wenn er den wiederhaben will, hat er ihn ja wohl nicht. Aber der fährt dauernd mit nem Schlepper in der Gegend rum.“
„Mach Feierabend“, wiederholte Wohe. Schlafende Hunde wecken. Soweit kam das noch.
Er schlenderte zu Holgersen. „Wo wohnt Frau Fech?“
Holgersen zeigte nach hinten ins Geschäft. „Derzeit hier. Hält mir die Kunden vom Kaufen ab.“
Wohe ging in Richtung des größten Lärms und zog Frau Fech aus einer Traube gesetzterer Damen hervor.
„Sind Sie sicher, dass der, den Sie da gesehen haben, Knut der Knecht war?“
„Selbstverständlich!“ Frau Fech war empört.
„Ich meine nur, wo der doch nicht hier, sondern in Derrens wohnt. Da kann man sich schon mal irren.“
„Kann man nicht“, sagte Frau Fech. „Jeder kennt Knut den Knecht. Weil jeder schon mal fast von dem platt gefahren wurde, wenn der dösig, wie der ist, mit nem Schlepper durch die Landschaft zuckelt.“
„Das stimmt“, klang es aus der Damenrunde. „Jeder kennt Knut den Knecht.“
Nun ja, auch Wohe kannte ihn. Irgendwoher, irgendwie schon mal gesehen oder sonst was. Jedenfalls war der eine gewisse Berühmtheit in der Gegend.
„Jeder kennt ihn“, wurde aus der Damenrunde noch einmal bestätigt. „Schließlich ist er der Doofste im Kreis.“
„Aber Lotte“, sagte Frau Fech. „So was sagt man doch nicht.“
„Und warum nicht?“ Dame Lotte war wahrscheinlich die einzige Frau im Land, die noch einen Gesichtsschleier trug. Echt damenhaft halt, was aber hörbar nicht vor verbalen Entgleisungen schützte.
Wohe verschwand schnellst möglichst aus dem Laden und fuhr nach Haus. Er versank in seinem Sessel und wurde wieder Mensch. Fast jedenfalls, denn irgendwie plagte ihn sein Gewissen.
Er suchte im Telefonbuch und rief bei Bauer Jensen an.
„Ich weiß Bescheid“, sagte der. „Knut der Knecht ist wieder auferstanden. Da wird sich der Pfarrer aber wundern, bei der Konkurrenz.“
Über die theologischen Implikationen hatte Wohe noch gar nicht nachgedacht. „Sie sind aber sicher, dass er das auch war, da am Ortsschild.“
„Todsicher. Und er war wohl auch tot. Wegen dem Blut und der Mistforke im Bauch.“
„Wo war denn das Blut?“
„Aufm Bauch. Jedenfalls im Hemd überm Bauch. Auf alle Fälle war's da nass. Da, wo eben die Mistforke steckte. Also wird's wohl Blut gewesen sein. Ist es ja wohl meistens, was da aus einem raus fließt, wenn man was reinsteckt. Genauer habe ich mir den dann doch nicht angesehen. Mir reichen schon die Leichen im Fernsehen.“
Wohe reichte es auch. Er lehnte sich zurück und schaltete den Fernseher an. Feierabend.

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Kurzerede
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BeitragVerfasst am: 03.06.2022 23:18    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wohe,

ich habe die Geschichte gerne gelesen. Es ist mir nicht schwer gefallen bis zum "Schluss" dran zu bleiben. Der Schreibstil und die Dialoge zeichnen sehr gute Bilder davon, wie die Charaktere gestrickt sind. Die Dorfbewohner mit ihren Eigenheiten kann ich mir gut vorstellen. Das gefällt mir sehr gut.
Kleine Probleme hatte ich zum Teil bei den Szenen- bzw. Ortswechseln. Denen konnte ich manchmal nicht gut folgen, weil diese Wechsel recht unvermittelt kommen. Z. B. sind Wohe und Schröder gerade noch im Gespräch mit Frau Fech und praktisch fast gleichzeitig chauffiert Schröder um zwei Ecken und schon sind sie am Ortsschild.
Trägt Wohe in der Polizeistation Latschen? Das hat, zumindest bei mir dazu geführt, dass ich ne ganze Weile gebraucht habe zu verstehen, dass die erste  Szene nicht in einer Privatwohnung stattfindet. - Das kann aber natürlich auch einfach nur an mir liegen.
Dann hätte ich noch eine faktische Anmerkung: Die Käfer der siebziger Jahre hatten 34, 44 oder 50 PS.
Und schließlich bin ich mir hier und da bei der Zeichensetzung nicht so ganz sicher. Da bin ich aber zugegebenermaßen auch nicht perfekt sattelfest. Sicher hin ich mit allerdings - und da hat sich mir das Nackenfell gesträubt - bei "schnellst möglichst". Das ist tatsächlich nur ein Wort und heißt "schnellstmöglich".
Aber, wie gesagt, grundsätzlich mag ich den Schreibstil, die Geschichte gefällt mit gut bis hierher und ich bin gespannt auf die Fortsetzung.


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Viele Grüße
vom Lehrling auf dem Weg zu mehr Leben und Gelassenheit.
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wohe
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BeitragVerfasst am: 04.06.2022 08:27    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Kurzerede,

Wohe trägt tatsächlich Latschen im Revier. Er und Schröder haben es eher mit der Gemütlichkeit und weniger mit dem Arbeitseifer (was sich als roter Faden durch die Geschichte zieht).
Danke für das schnellstmöglich - Ich habe so meine Probleme mit der Rechtschreibung (trotz Korrekturprogrammen).
Na sowas: ich hatte dereinst insgesamt 4 Käfer (nacheinander - ich war bekennender Autozerstörer), war aber völlig sicher, die 1200er hätten 36PS. Danke für die Korrektur.

MfG Wohe
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wohe
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BeitragVerfasst am: 04.06.2022 08:29    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Dienstag:

„Nein“, wiederholte Wohe. „Es gibt keine Leiche. Keine Leiche, kein Blut, keine Kampfspuren, keine sonstigen Indizien, aber ein kerngesundes Opfer. Also kein Mord.“
Er legte den Telefonhörer auf, als Schröder hereinkam. „Du kommst spät.“
„Bauhaus.“
„Du glaubst nicht, was hier los ist. Die Direktion, ...“
„Oh!“
“.. die Staatsanwaltschaft, sogar der Rundfunk hat schon angerufen.“
Er zeigte auf die Tageszeitung.
Aufmacher: Die verschwundene Leiche. Dazu ein Bild von Frau Fech mit in die Kamera gehaltenem fingerkuppenbesudelten, ansonsten aber weißen Baumwollhandschuh.
„Ich geh mal rüber“, sagte er. Ein guter Kaffee aus der neuen Maschine wäre jetzt genau das Richtige.

Bei Holgersen war Rushhour. Gekauft wurde zwar anscheinend schon wieder nicht, aber dafür klappte die Kommunikation zwischen den Anwesenden um so besser.
Lärm.
Wohe hasste das.
Zumal aus der Mitte der Damentraube die Stimme von Frau Fech den Inhalt des Zeitungsartikels referierte.
Auch Holgersen schien etwas zu leiden. Er strich die mühsam über die Tonsur gezogene Alibi-Haarsträhne glatt und brachte Wohe ungefragt seinen Kaffee.
„Hitchcock.“
„Uäh. Einfacher geht's nicht? Immer Ärger mit Harry.
Abgesehen davon geht's um Knut den Knecht und nicht um einen Harry.“
„Der ist jedenfalls auf Wanderschaft. Schon gehört?“
„Nee.“
„Frau Fech hat ihn vorhin in Derrens gesehen. Marschierte mit ner geschulterten Mistforke herum.“
„So, so.“
„Doch, doch“, rief Frau Fech, die ihn jetzt entdeckt hatte und mit allen Damen im Gefolge auf ihn zu kam.
„Ich hab noch angehalten und gefragt, ob er denn nicht eigentlich tot wäre, aber der hat mich nur groß angesehen, hat »nee« gebrummelt und ist weitergegangen. Und das mit ner Mistforke. Wenn ich nicht so ein aufgeklärter Mensch wäre, hätte ich mich richtig erschreckt. Schließlich kommen doch da immer diese Filme im Fernsehen mit den Zombies und so.“
„Also, was bei dem so im Kopf ist, das hat schon was von nem Zombie.“ Einwurf von Dame Lotte.
„Meine Damen, bitte“, beruhigte Wohe. „Keine Witze über Mitbürger, die vielleicht nicht gerade kleine Einsteins sind.
Wegen Diskriminierung und so.
Und Knut der Knecht war auch gestern nicht tot“, wandte er sich an Frau Fech, „sondern hat brav und fleißig gearbeitet.“
„Was?“
„Keine Ahnung, was. Was ein Knecht halt so arbeitet. Melken oder Sähen oder sonst was. Rurales halt.“
„Ru - was?“
„Bäuerliches.“
„Kaum. Schließlich habe ich ihn selbst gesehen. Und den Puls abgetastet. Und da war keiner. Also war er nicht nur dort, sondern auch noch tot.“
„Frau Fech!“
„Na ja. Vielleicht scheintot. So was soll's ja geben. Aber da, also dort, war er auf alle Fälle.“
Scheintot. Wie machte sich das in einem Vorgangsprotokoll. Wohe beschloss, diese Alternative besser nicht mit hineinzuschreiben.
„Wie auch immer.“ Er zahlte und floh ins Revier zurück.

Verdammter Papierkram.
Wohe blieb bei den Fakten: ... Meldung, genauer zwei unabhängige Meldungen, dass der im Nachbardorf ansässige Knut ... (Nachnamen musste er noch eruieren) ... mit einer Mistgabel erstochen aufgefunden sei.
Nachforschungen ergaben, dass sich benannter Knut wohlbehalten bei seinem Arbeitgeber aufhielt. Opfer behauptet, nicht am Ort des Geschehens gewesen zu sein etc. etc.
Den Rest würde er am Nachmittag schreiben. Jetzt brauchte er erst mal Ruhe.
Er warf einen Blick auf Schröder. Der sah ihn böse an, legte ostentativ sein Handy auf den Schreibtisch und starrte ins Nirwana.
Wohe nahm sein Buch aus der Schublade und verzog sich ins Reich der Phantasie. Eine ganze Zeit lang hörte man nichts außer gelegentlichen Atemzügen, dem Umblättern von Buchseiten und Kaugeräuschen.
Kaugeräusche? Wohe sah auf.
„Was ist das?“
„Kekse.“ Schröder wickelte eine neue Schachtel aus der Plastikhülle und blickte gegen die Decke.
Wohe sah Schröder an, Schröder sah die Decke an.
Und kaute. Dann: „Mein Handy bleibt hier.“
„Aber kein Tetris.“
Schröder warf Wohe die Keksschachtel zu und versank wieder in sich selbst, Wohe ins Buch.
Beide rissen verstört die Augen auf, als das Geräusch eines gemarterten Käfermotors vor dem Haus verstummte und die Fahrerin ins Büro stürmte.
„Er ist wieder da.“
„Fein“, erwiderte Wohe.
„Im Ernst“, sagte Frau Fech. „Knut der Knecht. Diesmal aber lehnt er am Ortsausgangsschild. Und die Mistforke steckt diesmal nicht in seinem Bauch, sondern lehnt neben ihm ebenfalls am Ortsschild. Er jedenfalls ist tot. Und so, wie der aussieht, ist er diesmal noch toter, also nicht nur scheintot.“ Sie hielt den blütenweißen Baumwollhandschuh vor Wohes Gesicht.
„Da ist nix dran.“
„Eben. Der war wohl gestern schon so ausgeblutet, dass ihm der Marsch heute Früh den Rest gegeben hat. Vermute ich jedenfalls.“
Wohe und Schröder verschlossen das Revier und gingen zum Auto.
Frau Fech ebenfalls. „Hier liegen Ziegel auf dem Rücksitz“, klagte sie.
„Wegen dem Dach“, erklärte Schröder in Wohes Richtung.
Der Konvoi aus Polizeiwagen und Käfer hielt neben dem Ortsausgangsschild. Genau wie gestern. Das Ortsausgangsschild war ja sinnvollerweise auch auf der Höhe des Ortseingangsschildes. Nur gegenüber halt, auf der anderen Straßenseite.
Außerdem waren noch anwesend: eine Mistforke, ans Schild gelehnt, jede Menge Gras, diesmal allerdings trocken und ein Blutfleck.
Eindeutig ein Blutfleck. Zog sich vom Schild bis auf die Straße, insofern gut erkennbar.
Keine Leiche. Weder von Knut dem Knecht, noch sonst wem.
Wohe holte einen Plastikbeutel aus dem Handschuhfach,  kratzte etwas blutgetränkte Erde hinein und drückte ihn Schröder in die Hand. „Beweismittel.“
Dann zeigte er auf Frau Fech: „Sie fahren nach Haus.“
Er zeigte auf Schröder: „Du fährst zu Janke, ich passe auf.“
„Worauf?“
Wohe sah sich um und griff sich die Mistforke. Nicht gerade das neueste Modell. Es fehlten eindeutig ein paar Zacken.
Frau Fech grummelte irgendwas vor sich hin und fuhr davon.
Schröder ebenfalls.
Wohe sah ihm nach. Der Wagen hing verdammt in den Federn. Vermutlich war auch der Kofferraum noch voller Dachziegel. Und dann noch das Gewicht von Schröder. Mann oh Mann. Dass der Wagen das überhaupt mitmachte, deutete auf gute deutsche Wertarbeit hin.
Er schulterte die Mistforke und ging zurück ins Revier.
Kaum hatte er das Buch aufgeschlagen, rief Schröder an.
„Lass mich raten“, sagte Wohe. „Knut der Knecht ist ok?“
„Richtig. Er steht hier neben mir. Inklusive Mistforke. Zwar mit ner mächtigen Beule am Kopf, aber fidel und schmutzig, so wie gestern, also eigentlich wie immer.“
„Ich nehme an, er war die ganze Zeit am Arbeiten.“
„Stimmt. Er war am Ausmisten.“
Ausmisten schien eine sehr prinzipielle Tätigkeit in der Landwirtschaft zu sein.
„Bring den Blutbeutel zur Direktion und komm zurück. Und Schröder!“
„Ja?“
„Lad die Ziegel aus. Und vor allem, lad nicht so viel ein, sonst bricht noch die Achse.“
Wohe schnüffelte. Dann nahm er die Mistforke und stellte sie vor die Tür.
Danach war endlich Ruhe.

Mittwoch:

Die Zeitung hatte einen neuen Aufmacher: „Schon wieder eine Leiche verschwunden.“
Wohe seufzte und spielte mit seiner Pistole herum. Ob das Verschwinden von Frau Fech wohl irgend jemandem auffallen würde?
Schröder traf ein.
„Was ist das?“ Wohe zeigte auf Schröders Jacke.
„Kalk.“
„Bauhaus?“
„Jou.“
Das Telefon klingelte und Wohe floh auf die Toilette.
Vergebens. Als er zurück kam, hielt ihm Schröder den Hörer hin. „Die Direktion.“
Wohe hörte eine Zeitlang zu. Dann erklärte er mit Nachdruck: „Es gab keine Leiche. Weder vorgestern noch gestern. Wie in meinem Bericht beschrieben.“
„Zu gestern habe ich gar keinen Bericht bekommen“, sagte Wohes Chef.
„Zu gestern habe ich auch keinen geschrieben. Keine Leiche, kein Mord, kein Fall, kein Bericht. Da erlaubt sich jemand einen Scherz mit uns. Da darf man gar nicht drauf eingehen, sonst bestärkt man den noch.“
„Das ist jetzt ein offizieller Vorgang. Wenn die Zeitung da schon angebissen hat, können wir das nicht ignorieren. Also tun sie was. Schreiben Sie zum Beispiel erst mal einen Bericht zu dem Ereignis gestern.“
Wohe seufzte schon wieder.
Er schrieb: Bezugnehmend auf den Vorfall vom ... Wiederum wurde das vermeintliche Opfer wohlbehalten angetroffen und gab an, sich zur fraglichen Zeit in Derrens auf dem Hof seines Arbeitgebers, des Bauern Janke aufgehalten zu haben ...
Die am Ortsschild befindliche rötliche Flüssigkeit sowie die dortselbst aufgefundene Mistforke dienten augenscheinlich der Irreführung.“
„Wo ist eigentlich die Mistforke?“
Schröder schreckte hoch.
„Welche?“
„Die von der Leiche. Von der nicht vorhandenen Leiche. Die am Ortsschild stand. Die habe ich draußen vor die Tür gestellt.“
„Keine Ahnung.“
Wohe ging hinaus. Er hatte richtig gesehen. Keine Mistforke.
Er korrigiert: „Die am Ortsschild befindliche rötliche Flüssigkeit diente augenscheinlich der Irreführung. Eine Probe hiervon wurde zur näheren Bestimmung per Kurier übermittelt.“
Schluss. Er schickte den Schrieb zur Direktion und ging zu Holgersen.
„Ihr Harry ...“ Holgersen sah ihn erwartungsvoll an.
„Wat denn? Hitchcock hatten wir doch gestern erst.“
Holgersen schwieg.
Wohe überlegte: „Harry Potter. Da verschwindet auch dauernd irgendwer.“
Holgersen wandte sich grummelnd der Kaffeemaschine zu.
„Was gibt's denn Neues?“, wollte Wohe wissen.
„Ich weiß von nix. Sie wissen ja, wir Kaufleute sind immer die letzten, die irgendwas erfahren. Und außerdem sind wir sowieso eher in uns gekehrt und verschwiegen.“
Wohe prustete in seinen Kaffee: „Ach so?“ Man lernte nie aus.
„Sicher doch. Wer weiß zuerst, wenn sich die Aktienkurse ändern? Die Bankiers, die Rentner und die Arbeitslosen. Unsereiner geht da mangels Informationen gleich zu Beginn pleite. Und wer weiß zuerst, ob sich das Sortiment an grünen Paprika auszahlt? Unsereiner nicht. Unsereiner bestellt und bleibt dann drauf sitzen.“ Er zeigte auf eine ganze Lage leicht angerunzelter grüner Paprika.
„Rentner und Arbeitslose?“
„Klar doch. Die haben eben die nötige Zeit, um dauernd die Börsenkurse verfolgen zu können und im Fernsehen die Kochshows zu gucken, wo dann plötzlich nur rote Paprika en vogue sind.“
Er schnappte sich die grünen und trug sie auf den Hof. Gleich wurden auch die kleinen Fliegen deutlich weniger.
„Traurige Sache so ein Schicksal als Arbeitender.“ Wohe sah solidarischerweise ebenfalls leidend aus, als der Kaufmann zurückkehrte. „Aber dennoch. Irgendwas schnappen Sie doch bestimmt so auf. Wegen Knut dem Knecht zum Beispiel.“
Holgersen brauchte noch einige Zeit, um sich zu erholen. Es waren wohl mehr die Aktien als die Paprika.
„Man munkelt“, sagte er dann, „dass da irgendwas nicht mit rechten Dingen zugeht.“
„Zu der Einsicht bin ich allerdings auch schon gelangt.“
„Frau Fech sagt, Knut sei ein Untoter.“
„Oh Mann!“
„Aber ich denke, dass die Leiche gar nicht Knut der Knecht ist.“
„Jeder kennt den und Jensen hat den auch gesehen.“
„Ich weiß, aber was ist, wenn Knut der Knecht einen Zwillingsbruder hat und der jetzt tot hier rumliegt?“
„Warum sollte der hier rumliegen?“
„Keine Ahnung. Vielleicht eine Familientragödie. Eine Erbstreitigkeit oder so. Irgendwer stirbt, die Brüder erben und Knut der Knecht bringt seinen Bruder um, um alles für sich zu behalten. Immerhin deutet die Mistforke auf ihn hin. Ist schließlich sein Haupt-Arbeitsgerät.“
„Und wieso verschwindet die Leiche dann immer wieder?“
„Weiß nicht. Das müssen Sie rauskriegen.“
„Na danke.“ Wohe war bedient.
Er nippte an seinem Kaffeerest und besah sich das Treiben auf der Straße. Ab und zu mal ein Auto, kaum Passanten. Gut so. Wo keine Menschen, da kein Verbrechen, kein Vergehen, keine Ordnungswidrigkeit, nix. Eigentlich ein gesellschaftlicher Idealzustand.
Dann allerdings kam Schröder aus dem Revier herüber geeilt.
„Im Kreiskrankenhaus haben sie Knut den Knecht eingeliefert. Mitsamt Mistforke“, hyperventilierte er.
„Fahren wir.“
Im Krankenhaus bedurfte es datenschutzbedingt ihrer Ausweise und einiger Überredungskunst, bevor man ihnen den Weg zu Knut dem Knecht wies.
„Dem Schild »Notaufnahme« nach. Dann immer dem Geruch nach. Die dritte Tür links. Das ist der Behandlungsraum, der schon an die neue Klimaanlage angeschlossen ist.“
„Wieso Klimaanlage?“
„Weil der von Ihnen Gesuchte wahrscheinlich Güllefacharbeiter ist oder so was.“
„Gibt's den Job?“, fragte Schröder.
„Nee“, sagte Wohe. „Aber immerhin sind wir richtig. Das Stichwort ist Ausmisten.“
Wohe schnüffelte. Der Behandlungsraum war eindeutig der richtige. Ausgestattet mit jeder Menge furchteinflößender Geräte, wie z.B. haufenweise Spritzen, gebrauchten und neuen, zwei Computerbildschirmen und sogar einer an der Wand hängenden Säge. Augenscheinlich oft verwendet, da, wie Schröder mittels Daumenprobe feststellte, völlig stumpf. Wahrscheinlich vom vielen Amputieren.
In der Mitte des Raums stand ein Behandlungstisch. Aluminiumblitzend und benutzt.
Was fehlte, war Knut der Knecht. Ebenso die Mistforke.

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BeitragVerfasst am: 05.06.2022 17:07    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wohe,
ich bin noch interessiert dabei.
Gegen Ende dieses Teils habe ich ein kleines technisches Problem mit der Klimaanlage. Die schaufelt nämlich nur kühle Luft rein, sorgt aber nicht wirklich für Luftaustausch (von wegen Ausmist-Müffel). Eine Belüftungsanlage wäre hier schlüssiger. Aber die Geschichte ist ja keine technische Abhandlung. Kann man auch so lassen.
Nicht verstanden - rein vom Sinn her - habe ich den Satz: Aluminiumblitzend und benutzt. Es ist meinem geistigen Auge nicht klar geworden, was es hier sehen soll oder möchte.
Generell würde ich hier und da anders formulieren, aber es ist ja Dein Text und Dein Stil.
Auch diesen Teil habe ich gerne gelesen.


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BeitragVerfasst am: 08.06.2022 07:31    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

„Oh nee.“
Sie gingen zurück zum Empfang.
„Keiner da.“
Die Empfangsschwester hob die Augenbrauen.
„Das Zimmer ist leer“, sagte Wohe.
Die Schwester lief, um nachzusehen. Dann kam sie mit einem Arzt im Schlepptau zurück.
„Das ist ja ein Ding“, sagte dieser. „Dass der Patient überhaupt  noch aktionsfähig ist, hätte ich glatt ausgeschlossen.“
„Wieso?“, fragte Wohe. „Was hat er denn?“
„Da ich ihn ja noch nicht richtig untersuchen konnte, kann ich nur vermuten, aber der sah aus wie ein typischer Fall von möglicher cerebellärer Ataxie, wohl verursacht durch eine ausgeprägte Commotio cerebri infolge SHT als Folge eines wahrscheinlichen C2H5OH-Abusus oder gar Äthylismus.“
Schröder sah Wohe an, Wohe den Arzt: „Bitte?“
„Mir schien es wie eine Gehirnerschütterung, verursacht durch wahrscheinlich übermäßigen Alkoholgenuss.“
„Wieso wird das Gehirn durch Alkohol erschüttert? Auf Deutsch bitte.“
„Indem der Konsument sich, umgangssprachlich, wegen seines Suffs auf die Schnauze legt. Leicht erkennbar an den gewaltigen Beulen an der Stirn des Patienten. Jedenfalls wäre es erkennbar, wäre der Patient denn noch da. Und den Alkohol kann man erkennen durch einen Bluttest, den ich gern gemacht hätte ...“, er fuchtelte mit einer deutlich frustriert aussehenden, weil leeren Spritze herum, „... und durch einen sogenannten Atemtest, den jeder in seiner Nähe unfreiwillig gemacht hat.“
„Blastest.“ Schröder kannte das. Ließ er schließlich immer mal wieder gern machen.
„Nee. einfach nur Schnüffeln. Überdies sah das eine Auge des Patienten in eine deutlich andere Richtung als das andere. Ohne längere Bettruhe sollte der eigentlich gar nichts mehr machen können. Geschweige denn einfach so verschwinden.“
Der Arzt ging um Schröder herum und inspizierte ihn genauer.
„Sie haben Übergewicht.“
Schröder schwieg.
„Deutliches Übergewicht. Wissen Sie, was da alles durch verursacht wird?“
Schröder schob Wohe in Richtung Ausgang.
„Mach dir nichts draus“, tröstete Wohe. „Dem ist doch nur der Patient entflohen und jetzt sucht er nach einer Ersatzbefriedigung. Immerhin wissen wir jetzt, dass es sich wirklich um Knut den Knecht gehandelt hat.“
„Wieso?“
„Weil ich sonst keinen kenne, der gleichzeitig in zwei verschiedene Richtungen sieht. Wahrscheinlich kann er sich deshalb auch nie auf eine Straßenseite einigen.“
„Gut möglich. Warum haben wir ihn eigentlich noch nicht dafür zahlen lassen?“
Wohe wusste es auch nicht. Nächstenliebe? Mitleid mit der geknechteten Kreatur?
„Nächstes Mal.“
Schröder überlegte sichtlich. „Was verdient eigentlich so ein Knecht?“
„Keine Ahnung. Wieso?“
„Vielleicht hat er ja einfach kein Geld für eine Brille und fährt deshalb immer mal hier, mal dort. Und wenn er kein Geld für eine Brille hat, hat er doch auch keins für ein Strafmandat.“
Derartige Sensibilität hatte Wohe seinem Mitarbeiter gar nicht zugetraut. Er war richtiggehend gerührt.
„Deshalb lassen wir ihn ja auch in Frieden.“
So ganz sensibel war der Mitarbeiter dann aber doch nicht. „Ich ging immer davon aus, dass du ihn nicht anhältst, weil du keine Lust hast, dich mit der Anzeige zu beschäftigen.“
Wohe warf einen bedeutungsvollen und sehr langen Blick auf Schröders Leibesmitte und stieg ins Auto.
„Fahr nach Derrens, zu Janke.“
Schröder schwieg und fuhr.

„Knut ist im Bauhaus“, sagte der Bauer. „Holt ne neue Mistforke.“
„Warum?“
„Zum Ausmisten.“
Klar eigentlich. Dennoch fragte Wohe nach: „Haben Sie denn keine? Ich denke, Knut mistet sozusagen dauernd aus.“
„Klar haben wir. Oder hatten. Irgendwie verschwinden die dauernd. Und jetzt auch noch Knuts Lieblingsforke.“
Dass man ein Lieblingsessen hatte oder Lieblingskinder oder so, da war Wohe ja schon einsichtig. Aber eine Lieblingsmistforke?
„Womit ist er gefahren?“, wollte er wissen.
„Mit dem Fendt.“ Bauer Janke kratzte sich am Kopf: „Eigentlich.“
„Äh?“
„Dem roten Schlepper. Damit fährt er immer.“
Den kannte Wohe. Alle kannten ihn, da genau dieser es war, der stets alle vorhandenen Fahrspuren belegte. Allerdings mit deutlicher Tendenz zur linken.
„Wieso eigentlich?“
„Weil mir gerade auffällt, dass ich den schon eine ganze Zeit nicht mehr gesehen habe.“
Das war jetzt zu hoch für kleine Polizistenhirne, aber auch so was von egal. Wohe erklärte die Sache mit Knuts Verschwinden aus dem Krankenhaus.
„Dann wird er ja wohl bald wiederkommen“, freute sich Bauer Janke. „Es wird Zeit zum Ausmisten.“
Sie fuhren zurück.
„Der hat Nerven“, sagte Wohe. „Sorgen um Knecht und Schlepper macht er sich jedenfalls nicht allzu viel.“
„Knut der Knecht hat schon öfters eine auf den Schädel erhalten“, sagte Schröder. „Der kann das ab.“
„Wie?“
„Naja, er rennt halt immer mal wieder irgendwo gegen. Wenn ein Auge nach links und das andere nach rechts schaut, kriegt er natürlich nie mit, was in der Mitte vor ihm los ist.“
Wohe stieg vor Holgersens Laden aus. „Schau beim Bauhaus nach, ob der da rumrennt. Und wenn nicht, frag die Rettungsdienstleute, wo sie Knut aufgelesen haben. Und was da los war. Und wo der verdammte Schlepper steckt. Und was vor dem Urknall war und so weiter.“
Schröder, der ebenfalls schon neben dem Wagen stand, stieg wieder ein. Mit Hundeblick, hungrig und lustlos.
Wohe erinnerte dieser Blick an seinen Magen und so orderte er zu seinem Kaffee auch den dazugehörigen Kuchen.
Er sah aus dem Fenster, beobachtete den Verkehr (wie üblich), die vorübergehenden Fußgänger (dito) und kaute seelentröstend vor sich hin.
Dann rutschte er von seinem Hocker und verschwand hinter dem nächsten Regal.
Nach einiger Zeit gab eine Kinderstimme Entwarnung. „Sie geht vorbei.“
„Hallo Sanne“, sagte Wohe und beobachtete erleichtert, wie Frau Fech entschwebte.
„Susanne“, sagte Susanne und setzte sich auf Wohes Hocker.
Wohe sah zu, wie die verbliebene Hälfte seines Kuchens dem juvenilen Wachstum zugute kam.
„Warum bist du nicht in der Schule“, fragte er.
„Weil erstens Ferien sind und ich zweitens noch krank bin.“
Sanne zeigte auf ihren Fuß.
„Müsste der nicht langsam wieder in Ordnung sein?“
„Müsste. Ist aber nicht.“ Sie schob den restlichen Kuchen ihrem hinzugekommenen Vater hin.
„Ist er doch“, sagte Bretschneider. „Sie ist nur zu faul zum Laufen und pflegt ihr Wehwehchen wegen des Mitleidfaktors.“
Sanne zog den Kuchen wieder aus seiner Reichweite.
„Naja“, relativierte er. „So ganz ok ist der Knöchel wohl tatsächlich noch nicht.“
Der Kuchen wanderte wieder.
„Schmeckt gut, nicht wahr?“, fragte Sanne.
„Stimmt. Bienenstich mit Pudding.“ Bretschneider leckte sich den Rest von den Lippen. „Nur ein bisschen wenig.“
Beide sahen Wohe an.
„Kauft euch selber welchen.“ Wohe konnte durchaus rigoros sein.
„Knut der Knecht ...“, sagte Sanne.
Wohe reagierte nicht.
„... ist wieder verschwunden. Sein Schlepper steht vorm Bauhaus und er ist weg.“
Wohe ging Kuchen holen.
„Herr Holgersen und Frau Fech erzählen Blödsinn“, resümierte Sanne.
„Ich würde es begrüßen, wenn du deine Wortwahl überdenken würdest“, warf ihr besorgter Vater ein. „Erwachsenen Blödsinn zu unterstellen, ist etwas ungehörig.“
„Aber ein Euphemismus, wenn man bedenkt, was übrig bleibt, wenn man die Wiederholungen und den gar zu augenscheinlichen Unsinn abzieht.“
Wohe unterbrach die Diskussion, bevor sie in den üblichen Disput über das korrekte kindliche Verhalten überging: „Knut der Knecht.“
„Herr Holgersen sagt, dass du sagst, dass Bauer Janke sagt, dass Knut der Knecht im Bauhaus sein soll. Da ist er aber nicht und es hat ihn dort auch niemand gesehen. Weder bei den Mistforken noch an der Kasse. Nur sein Schlepper steht da rum. Im Übrigen meint Herr Holgersen noch, der Tote sei gar nicht Knut der Knecht, sondern sein Zwillingsbruder und der sei Mistforkensammler oder so. Und Frau Fech sagt erstens, dass Knut vielleicht ein Untoter sei und außerdem, dass Sammler schon mal einen Mord begehen, wenn sie die Sammelleidenschaft packt und Mistforken auch nichts anderes wären als zu groß geratene Briefmarken“, erklärte Sanne. „Ist aber Quatsch, so wie die Dinger immer stinken.“
„Wer sagt das mit dem Bauhaus?“
„Wir. Wir waren da, um den Sachverhalt zu überprüfen“, sagte Sanne.
Ihr Vater kaute bestätigend: „Allerdings haben die Rettungssanitäter gesagt, dass sie Knut den Knecht auf der Straße von hier zum Bauhaus aufgegriffen und ihn dann ins Krankenhaus transportiert haben.“
„Man spricht nicht mit vollem Mund“, belehrte ihn seine Tochter.
„Das gilt auch für dich.“
„Ich darf das. Ich bin noch ein Kind und bezüglich der Umgangsformen noch in der Entwicklung begriffen. Überdies isst du mir den Kuchen weg, wenn ich eine Essenspause einlege.“
„Tu ich nicht.“
„Tust du doch.“
„Wann habe ich das jemals getan?“
„Eben gerade.“ Sie zeigte auf den Rest ihres Kuchens, der auf dem Weg in Bretschneiders Mund war.
Wohe holte Nachschub.
„Die Rettungssanitäter?“
„Waren hier“, sagte Bretschneider. „Zum Kuchenessen.“
Warum verlegte Wohe sein Revier nicht einfach in Holgersens Laden? Das würde dem Steuerzahler sicherlich viel Geld ersparen. „Wo sind die jetzt?“
„Mussten weg. Nen Infarkt abholen oder so. Das wussten sie noch nicht so genau. Aber Knut den Knecht haben sie mitten auf der Straße gefunden. Bewusstlos auf dem Bauch liegend mit fest umklammerter Mistforke. Vielleicht hat die ja doch nen hohen Sammlerwert.“ Bretschneider kicherte vor sich hin.
„Komisch“, sagte Wohe.
„Nicht wahr?“, frage Sanne. „Da überlegt doch der Inspektor ...“
„Inspektor gibt's kan.“
„... was der Schlepper am Baumarkt macht, wenn sein Fahrer gleichzeitig drei km entfernt herumläuft. Vielleicht gibt's ja doch einen Zwilling.“
„Oh, nee. Fang du nicht auch noch damit an.“
„Immerhin ist Knut der Knecht jetzt wenigstens nicht mehr tot. Das ist doch schon mal ein Fortschritt.“
„Stimmt“, fiel auch Wohe auf. „Erst tot, dann nochmal tot, dann bewusstlos und jetzt gut genug drauf, um wegzulaufen.
Nur: was sagt uns das? Normalerweise ist die Reihenfolge doch eher umgekehrt. Und alles zugleich kann er ja wohl nicht sein.“
„Kann er doch. Denk an Schrödingers Katze.“
„Schrödinger?“, fragte der vorbeikommende Holgersen. „Im ganzen Ort gibt's es keinen Schrödinger.“
Anscheinend sah Sanne ihm seine Erkenntnisferne an: „Schrödinger war ein Physiker, der mit dem Gedankenspiel, dass seine Katze aus quantenmechanischer Sicht sowohl lebendig als tot sein kann, eine Quanteneigenschaft auf makroskopische Objekte übertrug. War nur ein Gedankenspiel. Klappt natürlich in Wirklichkeit nicht.“
„Natürlich nicht.“ Holgersen verschwand.
„Und vergiss nicht die These von Frau Fech“, warf Bretschneider ein.
„Welche?“, fragte Wohe.
„Die mit den Zombies.“
„Haha.“
„Da lach mal nicht drüber. Immerhin haben die Leute jahrhundertelang irgendwelchen suspekten Leichen Holzpflöcke ins Herz gestoßen, damit sie auch wirklich tot sind.“
„Das war nicht wegen der Zombies, sondern wegen der Vampire.“
„Beide sind tot. Insofern sind Vampire wahrscheinlich eine Untermenge der Zombies.“
„Sind sie nicht“, sagte Sanne. „Beide sind tot, aber unterschiedliche Spezies. Vampire ernähren sich von Blut und Zombies gar nicht. Sie existieren einfach nur so in den verschiedensten Stadien der Verwesung.“
Diskussionen der Bretschneider-Sippe waren legendär, die Exkursionen in entfernteste Themengalaxien so sicher wie das Amen in der Kirche. Verwunderlich nur, dass Bretschneider die feinen Unterschiede zwischen Vampiren und Zombies nicht kannte.
Sanne erklärte: „Er guckt solche Filme immer nur ansatzweise, weil er sonst nicht richtig schlafen kann. Da bleiben ihm alle diese Feinheiten natürlich verborgen.“
„Und du siehst sie?“
„Klar. Warum nicht?“
Klar doch. Mit neun. Warum eigentlich nicht.
„Sie erzählt mal wieder Unsinn“, grinste Bretschneider etwas schief. „Ich schlafe immer vorzüglich und sehe mir so was nur nicht an, weil es zu doof ist.“
„Und darum startest du auch mit Schallgeschwindigkeit Richtung Arbeitszimmer, sowie der erste Zombie auftaucht?“
„Ins Arbeitszimmer gehe ich, weil ich arbeiten muss, um deinen Lebensunterhalt zu finanzieren und schnell bin ich, weil ich mich effizienzorientiert bewege.“
„Komisch. Und ich war fest davon überzeugt, es wäre wegen der Zombies.“
Bretschneider zog den Kuchenrest in seine Richtung.
„Es war ein Scherz. Er hat kein Problem mit Zombies.“
Der Kuchen kehrte zurück.
Wohe wusste: Bretschneider bestand aus 130 kg hauptsächlicher Muskelmasse. Da würde jeder einigermaßen vernünftige Zombie wohl eher das Weite suchen.
Er floh endgültig.

„Die Rettungssanitäter sind unterwegs und Knut der Knecht war nicht im Bauhaus. Aber sein Schlepper steht trotzdem da rum“, verkündete Schröder.
Na also. Auch die Polizei konnte Informationen sammeln.
„Danke“, sagte Wohe. „Kennst du Schrödingers Katze?“
„Nee. Ich kenne nicht mal einen Schrödinger. Wo? Hier in Schönebostel?“
„Vergiss es. Weißt du, was eine Quanteneigenschaft ist?“
Schröder runzelte seine Stirn: „Sanne, stimmt's?“
„Ja.“
Wohe holte sein Buch hervor und Schröder sein Handy.
„Die Tasten sind jetzt lautlos“, verkündete er stolz.
„Wie hast du das gemacht?“
„Meine Frau.“
„Eine kluge Frau.“
Endlich Ruhe.

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Kurzerede
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BeitragVerfasst am: 08.06.2022 20:15    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wohe,

weiter geht's also.
Ich schreibe einfach mal, wo bzw. worüber ich beim Lesen gestolpert bin.
Mein geistiges Auge verweigert mir ein Bild einer frustriert aussehenden Spritze. Sie könnte z. B., ob des fehlenden Inhalts farblos oder trist aussehen.

„Mit dem Fendt.“ Bauer Janke kratzte sich am Kopf: „Eigentlich.“
Dieses 'Eigentlich' hat mich irritiert. Denn das klingt für mich so, als ob Bauer Jahnke es plötzlich für möglich hält, dass Knut auch mit einem anderen Fahrzeug, oder vielleicht sogar gar nicht gefahren sein könnte. Nicht jedoch, dass ihm auffällt, dass Knut eigentlich schon viel zu lange weg ist.

„Ich würde es begrüßen, wenn du deine Wortwahl überdenken würdest“, warf ihr besorgter Vater ein.
Hier wäre mein Vater von Sanne z. B. eher leicht verärgert als besorgt.

Wohe unterbrach die Diskussion.
Mehr ist hier meiner Meinung nach gar nicht nötig.

Dann folgt noch diese, wie ich finde, sehr lange Diskussion und Erklärung zu Vampiren und Zombies. Die empfinde ich leider als sehr überflüssig und auch uninteressant. Die Diskussion sollte Wohe besser ebenfalls im Keim ersticken ... Das Wohe da floh kann ich sehr gut verstehen, warum er das allerdings 'endgültig' tat ist mir nicht so recht klar geworden. Bis dahin hatte ich nämlich nicht den Eindruck, dass schon Fluchtversuche unternommen hatte.

Grundsätzlich finde ich Deine Geschichte aber weiterhin unterhaltsam mit schönen kleinen Schmunzelstellen garniert. Mein Lieblingssaz ist:
Wohe warf einen bedeutungsvollen und sehr langen Blick auf Schröders Leibesmitte und stieg ins Auto.



Wohe warf einen bedeutungsvollen und sehr langen Blick auf Schröders Leibesmitte und stieg ins Auto.


_________________
Viele Grüße
vom Lehrling auf dem Weg zu mehr Leben und Gelassenheit.
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wohe
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BeitragVerfasst am: 09.06.2022 07:30    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Kurzerede,

vielen Dank für Deine Tipps.
Mal sehen, wie ich die einarbeiten kann.

MfG Wohe
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wohe
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BeitragVerfasst am: 11.06.2022 15:37    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Sie gingen zu Holgersen - Mittag essen.
„Ich soll Ihnen sagen, dass Knut der Knecht seinen Schlepper abgeholt hat“, berichtete Holgersen.
„Von wem?“
„Bretschneider. Die beiden waren wohl nochmal dort, um den Schlepper zu observieren und kamen dann zu mir, um von meinem vorzüglichen Leberkäse zu probieren.“
Wohe kaute auf seinem Leberkäse herum. Schmeckte wie immer. Nach Senf halt. Was die Bayern an dem Zeug wohl finden mochten.
„Was gibt es morgen? Wieder Leberkäse?“
„Nee“, sagte Holgersen. „Frikadelle mit Pommes.“
„Warum machen Sie nicht mal was mit Vitaminen? Obst, Gemüse?“
„Vitamine? Die sind da sowieso schon genug drin. Im Fernsehen haben sie gesagt, dass die in alle Fleischwaren jede Menge Vitamine rein tun. Und die Eskimos essen zum Beispiel überhaupt kein Gemüse. Und auch kein Obst. Weil da sowieso nichts wächst im Eis. Die essen nur Fleisch und denen geht's prächtig. Da müssen Sie sich nur mal die Gesichter ansehen. Rund und rosig.“
Bevor noch mehr Derartiges kam, schwieg Wohe lieber. Morgen also Frikadelle und Pommes.
„Wir werden hier übrigens zunehmend berühmter“, ergänzte Holgersen. „Vorm Bauhaus stehen sogar Leute vom Fernsehen rum, meint Bretschneider. Bestimmt wegen Knuts Tod. Vielleicht kommen die ja auch zu mir. Muss ich gleich mal ein paar Leberkäse mehr auftauen.“
„Knut ist nicht tot.“
„Gerade mal nicht. Aber warten Sie mal ab.“ Holgersen kicherte von dannen.

Wohe fing ein neues Buch an und Schröder eine neue Partie Tetris oder sonst was.
Dann sahen sie gemeinsam auf die Uhr, bis der Feierabend dem Arbeitsstress ein gnädiges Ende setzte.
„Du kannst uns nach Hause bringen.“ Bretschneider und Sanne warteten bei Wohes Auto.
„Ihr wart beim Bauhaus und seid jetzt Fernsehstars?“
„Wir waren beim Bauhaus. Stimmt. Aber das mit den Fernsehstars klappt nicht. Die rannten zwar hektisch auf uns zu, aber wir haben uns dann lieber verdrückt.“
„Warum?“
„Weil mein Töchterchen meint, es gäbe nichts peinlicheres als interviewte Unbeteiligte und wir sollten uns besser nicht zu Affen machen.“
„Eine kluge Frau.“
„Häh?“
„Ein kluges Mädchen. Aber Recht hat sie schon. Die TV-Leute waren sicher auch nur hinter euch her, weil du Sanne immer auf den Schultern mit dir rumträgst.“
„Ich bin Rekonvaleszentin“, erklärte Sanne. „Wenn Papa mich nicht tragen würde, wäre ich vom normalen Leben total abgeschnitten. Da könnte ich unter Umgehung von Pubertät und Berufstätigkeit ja gleich ins Pflegeheim.“
„Dein Fuß ist in Ordnung“, warf ihr Vater ein.
„Das Thema hatten wir heute schon einmal und ich wiederhole: er ist noch nicht in Ordnung.
Erinnert euch der Schlepper da vorne an wen?“
Den roten Schlepper zu überholen erwies sich als schwierig, da er konsequent beide Fahrspuren befuhr. Es brauchte also ein paar Versuche. Wohe stoppte ihn und sah sich Knut den Knecht genauer an.
„Junge, Junge. Das nenn ich mal ein paar Beulen.“ Wohe bewunderte Knuts blutverschmierten Kopf. „Und noch dazu spiegelsymmetrisch, wie Luzifers Hörner.“
„Bin hingefallen“, murmelte Knut der Knecht und fixierte zeitgleich Rathaus und Wohe. Auch eine Leistung, wenngleich: bei den Augen.
„Man munkelt, du seist derzeit öfters mal tot.“
„Nee, nur hingefallen.“
„Und im Krankenhaus vermisst man dich auch.“
„Krankenhaus brauch ich nicht. Bin nur hingefallen.“
„Nur mal so aus Neugierde: Als du hingefallen bist, stand dein Schlepper vorm Bauhaus. Wie bist du denn von Derrens hierher gekommen.“
Knut runzelte, schwere Gedanken wälzend, die Stirn. „Ohne Schlepper.“
Wohe dachte an den dritten Grad und Waterboarding. Er zeigte auf die am Schlepper klemmenden Mistforken. „Diese Mistforke da, hast du die vom Polizeirevier weggenommen?“
„Klasse Forke. Gehört mir.“
War das jetzt ein ja oder ein nein? Egal. „Und ist die andere neu?“
„Jou. Gehört mir auch.“
Tja und nun? Klang alles nicht nach einem Verbrechen. Blieb noch: „Knut, du fährst dauernd auf der falschen Spur. Gib mir bitte mal deinen Führerschein.“
Knut der Knecht tastete seine Taschen ab, fand schließlich Zigaretten und zündete sich eine an.
„Komm“, rief Sanne aus dem Auto heraus. „Das bringt doch nichts.“
Wohe wedelte den Rauch aus seinem Gesicht. „Morgen Früh erscheinst du mit Führerschein auf dem Revier. Klar? Und denk an das Rechtsfahrgebot. Ok?“
„Ok.“ Der Fendt tuckerte von dannen.
Der Arzt hatte doch von Alkohol gesprochen. Wohe lief noch einige Schritte hinter Knut her, aber da der jetzt zumindest teilweise auf der rechten Fahrbahnseite fuhr, war da ja wohl nichts dran. Bestimmt.
„Oh Mann“, sagte Wohe. „Das wird bös enden.“
„Deine Ermahnungen kannst du dir bei dem sparen“, meinte Sanne. Ob du dem nun was erzählst oder in Hamburg fällt ne Schippe um. Das ist zwecklos.“
„Wieso?“
„Alldieweil: die Intelligenzquotientendifferenz zwischen ihm und seinen Kühen dürfte bestenfalls bei null liegen.“
„Sanne“, seufzte Wohe „Neunjährige Mädchen sagen nicht Intelligenzquotientendifferenz. Und alldieweil schon gar nicht. Das Wort ist nämlich nicht nur out, das ist schon megaout.“
„Susanne”, sagte Susanne. „Ich bin fast zehn. Aber Jungen sagen das?“
„Die erst recht nicht.“
„Jedenfalls immer noch besser, als das, was Papa gesagt hat.“
„Psst“, machte Bretschneider.
„Er meinte, der Kerl wäre zu doof zum Schweine melken.“
„Denunziantin.“
„Der größte Lump in Stadt und Land“, zitierte Sanne, „das ist und bleibt der Denunziant.“
„Wo zum Teufel hat die das her?“, wollte Wohe wissen.
„Keine Ahnung was die liest, wenn sie nachts ums Bücherregal schleicht“, antwortete Bretschneider.
„Hoffmann von Fallersleben“, erklärte Sanne. „Politische Gedichte.“
„Warum schläfst du nicht oder liest Pippi Langstrumpf mit der Taschenlampe unter der Bettdecke oder so was wie andere Mädchen auch?“
„Weil Papa Angst hat, dass ich mir dabei die Augen verderbe. Überdies kann man sich unter den Umständen nicht richtig konzentrieren. Und Pippi Langstrumpf habe ich schon vor Jahren gelesen.“
„Dann liest du's eben nochmal.“
„Warum?“
„Keine Ahnung. Weil es so schön ist ...“
„Ist eher Quatsch.“
„... oder weil du was vergessen hast.“
„Ver - was?“ Vater und Tochter unisono.
„Schon gut.“ Das war nun wirklich Quatsch.

Donnerstag:

„Nein“, erklärte Wohe, „es gibt immer noch keine Leiche.“
„Dann schauen Sie mal in die Zeitung“, sagte sein Chef. „Haben Sie ein Kommunikationsproblem mit den Medien? Die berufen sich auf offizielle Stellen und die zuständige offizielle Stelle sind Sie. Haben Sie denen gesteckt, dass Ihre Leiche jetzt aus dem Krankenhaus verschwunden ist?“
Wohe hatte die Zeitung vor sich liegen. Aufmacher: Leiche aus Krankenhaus entwendet.
„Habe ich nicht. Aber eine Idee, wer diese offizielle Stelle ist. Die angebliche Leiche jedenfalls habe ich gestern noch selbst gesprochen und da war sie definitiv nicht tot.“
So langsam konnte er das Wort Leiche nicht mehr hören.
„Jedenfalls“, schloss sein Chef „habe ich hier einen Laborbericht vorliegen, der das von Ihnen eingereichte Material als mit Menschenblut getränkt beschreibt.“ Er legte auf.
Wohe arbeitete an einem neuen Bericht.
... das Krankenhaus selbstständig verlassen. Es ist anzunehmen, dass die Häufung der vorgeblichen Todesereignisse betreffend den sogenannten Knut der Knecht ..., er  musste endlich den richtigen Namen von dem Kerl ermitteln, ... den Versuch subversiver Elemente darstellt, Unruhe zu verbreiten. Um die öffentliche Ordnung aufrecht zu halten, sollten die staatlichen Organe aufgekommenen Gerüchten durch konsequentes Ignorieren die weitere Verbreitung erschweren.
Sehr gut, nahezu ausgezeichnet. Er war stolz auf sich und schickte das Schreiben an die vorgesetzte Dienststelle.
Er rief Schröder an. „Wo steckst du?“
„Im Bauhaus.“
Warum fragte er überhaupt? Wo sonst?
„Haben wir eine Bedienungsanleitung für unser Telefon?“
„Im Ordner Bedienungsanleitungen. Im Regal hinter dir.“
Wohe suchte nach Rufumleitung und und programmierte seine Handynummer ein. Dann ging er zu Holgersen, trank Kaffee und schaute aus dem Fenster.
Holgersen stellte sich dazu und tat das Gleiche.
Nach einiger Zeit steuerte Frau Fech ihren Käfer ins Parkverbot und kam Einkaufen.
„Ihre Verbindungen zur Presse sorgen für Falschmeldungen“, sagte Wohe.
„Bitte?“
Wohe wedelte mit der Zeitung.
„Dafür kann ich nichts“, sagte Frau Fech. „Ich wollte gestern noch die Öffentlichkeit über den aktuellen Stand in der Sache Knut der Knecht informieren, aber in der Redaktion war niemand mehr. Keine Ahnung, wo die ihr Wissen her haben.“
Holgersen wandte sich zur Flucht, aber Wohe war schneller und hielt ihn fest.
„Wem haben Sie was warum erzählt?“
„Niemandem nichts.“
„Plaudertasche.“
„Nix Plaudertasche. Reiner Selbsterhaltungstrieb. Die Fernsehleute wollten wissen, was es Neues von der Leiche gäbe. Nix, habe ich gesagt, gar nix. Ich bin schließlich keine Plaudertasche.“
„Und dann?“
„Dann wollten sie gehen und meine Leberkäse waren schon aufgetaut und dann darf man sie doch nicht nochmal einfrieren wegen der Bakterien und da habe ich nur erklärt, dass es keine Leiche gäbe, weil sie ja wohl nicht aus dem Krankenhaus verschwinden könnte, wenn sie tot wäre. Sie also entweder leben würde oder von jemandem entsorgt worden wäre und das war's.“ Er versuchte ein Lächeln.
„Oh, Mann“, seufzte Wohe. „Und die Zeitung?“
„Das war doch der Beche, der Reporter-Lehrling. Der kam zusammen mit den Fernsehleuten und ging auch mit denen. Der wird das wohl irgendwie ungefiltert auf die erste Seite gezaubert haben.“
Holgersen holte einen Versöhnungskaffee für Wohe. „Geht aufs Haus“, verkündete er.
Wohe grunzte. Offizielle Stellen! Stimmte ja sogar irgendwie. Wer, wenn nicht Holgersen, war die Stimme Schönebostels?
Sanne humpelte auf ihn zu. „Man sollte feststellen, ob Knut der Knecht denn überhaupt nachweislich je dort war, wo er angeblich tot gesehen wurde und wenn ja, ob er freiwillig toter Mann gespielt hat. Hallo erst mal.“
„Hallo Sanne“, sagte Wohe.
„Susanne“, sagte Susanne.
„Willst du damit andeuten, dass Frau Fech und Bauer Jensen Unsinn erzählen? Warum sollten sie?“
„Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein. Sherlock Holmes. Und wir sind uns ja wohl einig, dass Knut der Knecht nicht wirklich tot war und an den Zwillingsbruder glaubt außer Herrn Holgersen auch niemand.“
„Also lag er entweder lebendig an der Straße oder gar nicht.“
„Genau.“
„Aber Frau Fech und Bauer Jensen haben ihn am Montag bluten sehen und ne Mistforke im Bauch übersteht man auch nicht so ohne Weiteres.“
„Also glaubst du an seine Wiederauferstehung?“
„Nein. Und da fällt mir ein, dass Bauer Jensen sich auch gar nicht so sicher war, dass es sich überhaupt um Blut gehandelt hat. Nur Frau Fech bestand darauf. Schon wegen Knuts Puls.“
„Was war damit?“
„Er hatte keinen.“
„Frau Fech.“ Sannes Betonung implizierte Zweifel. „Auf dem Zeitungsbild hatte sie einen dunklen Fleck am Handschuh.“
„Und?“
„Versuch doch mal, mit Handschuhen den Puls zu fühlen.“
„Das kostet?“
Sanne deutete zur Kuchentheke.
Wohe holte, da er ihren Vater zur Tür hereinkommen sah, freiwillig zwei Stücke.
„Hallo“, sagte Bretschneider.
„Am Ortsausgangsschild war Blut“, sinnierte Wohe.
„Eben“, meinte Sanne. Das war am Dienstag. Als Knut gestern im Krankenhaus eingeliefert wurde, hatte er zwei Beulen am Schädel. Eine vom Dienstag, als er sich den Kopf am Ortsausgangsschild stieß und eine vom Mittwoch, als er auf die Straße fiel.“
Er sollte den Ablauf vielleicht doch nochmal genau rekapitulieren. Nach dem Mittagessen. Ohne Nährstoffe klappte das mit der Hirntätigkeit bekanntlich nicht so gut.
Andererseits: Plenus venter non studet libenter. Also später. Mal sehen.
Wohe ging ins Revier zurück.
„Warum fährst du eigentlich nicht nach Feierabend ins Bauhaus?“
„Weil's nachmittags immer zu voll ist“, sagte Schröder. „Überdies schadet es meiner Autorität als Vertreter der Ordnungsmacht, wenn ich vor so viel Leuten Baumaterial schleppe.“
„Müsst ihr mit der Bauerei nicht langsam mal fertig sein? Das geht doch schon seit Wochen so.“
„Wir betonieren jetzt die Einfahrt und die ist lang. Da braucht's halt viel Beton.“
Wohe stutzte. „Ich denke, das sollte Naturrasen bleiben.“
„Sollte. Aber all der Rasen will auch gedüngt und gemäht und gelüftet und sonst was werden. Beton ist da pflegeleichter.“
Da konnte man nichts gegen sagen.
„Schröder“, fragte Wohe, „wieso hatte Frau Fech am Montag Blut am Handschuh und am Dienstag nicht, obwohl Knut am Dienstag geblutet hat und am Montag nicht?“
Schröder dachte nach.
Dann gingen sie Frikadellen essen.

Freitag, Samstag und Sonntag

passierte nichts Besonderes.
Wohe schlief viel, aß, sah fern und las.
Schröder schlief ebenfalls, allerdings mehr als Wohe, baute, aß etwas mehr als Wohe (eigentlich deutlich mehr) und sah fern.
Auch Sanne und Bretschneider ernährten sich, lasen und diskutierten über Gott, die Welt und darüber, inwiefern es gerechtfertigt sei, dass Väter Einfluss auf das Leben ihrer minderjährigen Töchter ausüben.
Holgersen trauerte seinen Aktien nach und Frau Fech hatte mehrere Kaffeekränzchentermine.
Was Knut der Knecht machte, ist hingegen nicht näher bekannt. Vermutlich mistete er aus.

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wohe
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BeitragVerfasst am: 18.06.2022 09:00    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Montag:

„Warum haben wir eigentlich nie Kaffee?“ Wohe hielt Schröder die leere Dose entgegen.
„Weil nie jemand welchen kauft.“
„Ach so.“
Wohe war auf dem Weg zu Holgersen, als Bauer Janke anrief. „Knut ist weg.“
„Ins Bauhaus?“, fragte Wohe.
„Keine Ahnung. Wieso Bauhaus?“
„War nur ne Idee. Was heißt denn weg?“
„Nicht da halt. Weg. Der Stall ist voller Mist, die Kühe sind nicht gemolken und Knut ist nicht da. Der hat noch nicht mal was gefrühstückt. Der kann doch nicht ohne Essen weg. Da ist bestimmt was Grausiges passiert.“
„Und seine Mistforke?“
„Was ist damit?“
„Ist die da oder hat er die mitgenommen?“
„Mann, Sie haben Nerven.“ Janke lief auf den Hof. Dann verkündete er: „Die ist hier.“
Das schien ernst. Wohe und Schröder fuhren nach Derrens.
Bauer Janke war beim Ausmisten.
„Ist die wegen des Gestanks?“ Wohe zeigte auf die in Jankes Mundwinkel hängende Zigarette.
„Nee. Die ist, weil ich Raucher bin.“ Der Bauer warf eine Ladung Mist zwischen Wohe und Schröder hindurch auf den Hof. Beide traten zurück in die Jauchepfützen.
„Machen Sie mal Pause und erzählen Sie.“
„Habe ich doch schon. Knut ist weg. Und Pause kann ich nicht machen, da ich seine Arbeit machen muss. Ausmisten! Bin ich Knecht? Ich bin Bauer!“ Eine weitere Ladung Mist, ein weiterer Schritt zurück und Wohe registrierte eine zunehmende Feuchtigkeit in seinen Schuhen.
„Scheiße.“
„Stimmt“, grinste Schröder.
Wohe sah auf Schröders ebenfalls einsinkenden Schuhe und schwieg.
„Ist das Knuts bevorzugte Mistforke?“ Für Wohe sahen die Dinger irgendwie alle gleich aus.
„Nee, das ist die da.“ Bauer Janke zeigte auf Knuts Schlepper, auf dem eine Mistforke ihre Zinken anklagend gen Himmel reckte.
Wohe erkannte sie nun doch wieder. Sie wirkte irgendwie leidend.
„Da fehlt was.“
„Klar doch. Zwei Zinken fehlen da. Deswegen brauchte Knut ja eine neue.“
Also, Knut war weg. Ohne Frühstück, ohne seinen Fendt und ohne seine Mistforke. Wo zum Teufel konnte er hier auf dem platten Land ohne Fahrzeug hin wollen?
Zwei Polizisten mit güllegetränkten Füßen. Sie gingen zum Wagen zurück und zogen ihre Schuhe und Strümpfe aus.
„Mach mal hinten auf“, sagte Wohe.
„Ähm“, sagte Schröder.
„Den Kofferraum. Oder willst Du den Gestank im Auto haben?“
Schröder schloss den Kofferraum auf.
„Was ist das?“ Wohe sah auf eine graue Fläche, aus der ein halber Eimer und einige Reste von Sackpapier heraus sahen. Das Ganze war hart wie Beton. Es war eindeutig Beton.
„Eine Art Missgeschick“, erklärte Schröder.
Wohe schwieg.
„Es ist so: Ich habe doch letzte Woche Zement geholt. Und dann lag da noch der Wagenheber rum und der hat wohl die Säcke aufgerissen und der Eimer mit dem Sand war umgekippt.“
„Und?“
„Und dann haben wir die Ziegel ausgeräumt und vermutlich den Kofferraumdeckel offengelassen.“
„Und?“
„Und dann hat's geregnet und als ich dann gefahren bin, wurde das alles schön durchgemischt. Weil: ich musste doch hierher zu Janke wegen Knut und der Weg ist ja wirklich unter aller Sau.“
„Und?“
„Und so wurde da wohl Beton draus.“
Ein Dienstwagen mit zubetoniertem Kofferraum. Was wohl der TÜV dazu sagen würde? Und wie sollte er das seinem Chef erklären? Vielleicht sollte er das als Kunstwerk verkaufen. Frisch von Beuys. War aber leider tot der Kerl. Ging also nicht.
„Wir bringen das wieder in Ordnung“, sagte Schröder. „Mein Schwager arbeitet doch bei der Fahrbahnausbesserung an der A7 und wenn wir an einem ruhigen Wochenende mal kurz da vorbeifahren, merkt kein Mensch, wenn wir den Kompressor anschmeißen und uns den Abbruchhammer leihen.“
„Oh Gott! Bloß nicht.“ In wie viele Teile der Wagen dann wohl gespalten würde? „Fahr mich nach Hause. Und dann fahr die Straßen ab und such Knut. Hier im Ort und in Schönebostel und vergiss das Bauhaus nicht.“
„Ich bräuchte andere Schuhe.“
Wohe zog Schröder an dessen Krawatte auf Nasenberührung heran. „Kann ich dich überreden, das ausnahmsweise hinten an zu stellen?“
„Schon gut, schon gut.“ Der hühneraugengeplagte Schröder fuhr wie der Chauffeur von Queen Mum.
Frisch bestrumpft und beschuht schickte Wohe eine neue Meldung an die vorgesetzte Dienststelle und rief dann die Rettungssanitäter an.
„Nein“, wurde ihm gesagt, „wir haben niemanden transportiert. Weder ins Krankenhaus noch sonst wohin und der einzige uns bekannte Verletzte ist unser Fahrer. Der hat nen eingewachsenen Fußnagel selbst raus operieren wollen. Als Folge haben wir jetzt nicht mal mehr nen Fahrer. Wollen Sie nicht einspringen?“
Hm. Und wenn Knut selbst zum Krankenhaus gefahren wäre? Ging nicht, sein Fendt stand ja noch bei Janke. Trotzdem: sicher war sicher. Am besten, er schickte Schröder vorbei.
Wohe ging zu Holgersen.
„Ich habe gehört“, erwartete ihn Holgersen, „dass Knut der Knecht mal wieder verschwunden ist. Einfach so. Ohne Frühstück und zu Fuß. Weggebeamt sozusagen?“
„Raumschiff Enterprise. Sie waren auch schon mal einfallsreicher. Woher haben Sie denn Ihr Wissen?“
Holgersen zeigte nach hinten, von wo Frau Fech angelaufen kam.
„Was sagen sie nun?“, fragte sie. „Er ist schon wieder weg.“
„Woher wissen sie das denn?“
„Von Janke. Ich habe Sie da wegfahren sehen und bin dann hin. Sie kurven ja wohl nicht ohne Grund da rum, so schlecht wie der Weg ist.“
Der Weg. Beton. Grrr.
„Im Schlussfolgern bin ich eigentlich schon ganz schön gut“, meinte Frau Fech. „Sie könnten mich gut und gerne als Hilfssheriff vereidigen.“
„Frau Fech“, seufzte Wohe. „Wir sind hier nicht in Laramie.“
Frau Fech entschwebte beleidigt.
„Jetzt ist sie sauer“, stellte Holgersen fest.
„Besser sauer, als dass sie die neuesten Gräber ausbuddelt, um nach Knut dem Zombie zu suchen.“
„Ihr redet bestimmt von Frau Fech.“ Sanne humpelte an zwei Krücken heran.
„Ach du armes Kind.“ Holgersen kredenzte ihr ein Stück Bienenstich mit Pudding.
„Danke.“ Man konnte geradezu sehen, wie das Hirn des armen Kindes eine wichtige Lehre abspeicherte.
„Nun rede schon.“ Wohe zeigte auf die Krücken.
„Mein Rabenvater weigert sich, meine Mobilität zu gewährleisten und da ich allein nicht richtig gehen kann, muss ich diese Hilfsmittel verwenden.“
„Du kannst richtig gehen“, sagte ihr ebenfalls auftauchender Rabenvater.
„Kann ich nicht. Hast du dir mal die Bilder angesehen, wie zu früh wieder belastete Knochen aussehen? Da können fürchterliche Brüche bei herauskommen.“
Wutbeladene Photonen wanderten zwischen Vater und Tochter hin und her, konzentrierten sich dann aber auf den zusätzlichen, von Wohe spendierten, Kuchen.
„Ich würde an deiner Stelle auf Frau Fech aufpassen“, riet ihm Bretschneider.
„Wieso?“
„Weil sie sich anscheinend vorgenommen hat, das Geheimnis  um Knut den Knecht zu lösen. Jedenfalls kolportiert sie die Notwendigkeit, die Polizei aktiv zu unterstützen.“
„Solange sie da keine Reklame für macht, soll sie lösen.“
„Macht sie aber. Erst hat sie nur ihre Kränzchendamen aktiviert, aber inzwischen sausen alle, die gehen, fahren oder ihren Rollator noch selber schieben können, in der Gegend herum und suchen den armen Knut.“
„Den armen Knut?“
„Mein Töchterchen meint, dass Knut nicht freiwillig den Toten, Kranken und Verschwundenen spielt.“
„Ich kann übrigens durchaus für mich selber sprechen“, sagte Sanne.
Wohe sah sie an.
„Knut ist keine große Leuchte“, erklärte sie. „Er würde sich solche Aktionen nicht ausdenken. Erstens, weil er soweit gar nicht denken kann und zweitens, weil er nichts davon hätte. Intellektuelle Befriedigung dürfte ihm fremd sein und beim Ausmisten hilft das sich-tot-stellen auch nicht.“
Da war was dran.
„Nun könnte man verschwörungstheoretisch argwöhnen“, fuhr Sanne fort, „dass Frau Fechs Beharren auf dieser blödsinnigen Zombie-Theorie und das zeitgleiche Auftauchen von Knuts herrenlosem Schlepper und den TV-Leuten beim Bauhaus irgendwas miteinander zu tun hätten, dies erscheint mir dann aber doch recht unwahrscheinlich.“ Sie sah Wohe an.
„Äh?“
„Mein Vater meint, dass da so was wie »Verstehen Sie Spaß« abläuft, aber das Miteinbeziehen uninformierter Polizisten geht dann wohl doch zu weit.“
Bretschneider protestierte: „Ich habe das nur als Möglichkeit erwähnt und nicht als meine Meinung.“
„Hm“, sagte Wohe.
„Abgesehen davon wäre Knut der Knecht als Akteur kaum geeignet. Schließlich braucht man als Schauspieler ja doch eine gewisse Begabung und Knut und Begabung ...“
„Bisher“, meinte Wohe, „hat er nur durch Abwesenheit glänzen müssen.“
„Stimmt“, sagte Sanne. „Dazu braucht's nicht viel schauspielerisches Talent. Trotzdem unwahrscheinlich, da man dich nicht informiert hat.“  
Bei Wohes Chef? Tja, hm. „Kein Fernsehspiel also. Entführt hat ihn sicher auch niemand, denn wer sollte Lösegeld zahlen. Vielleicht seine Kühe, aber »Übergeben sie 100 Liter Milch in kleinen Bechern, unregistriert«? Unwahrscheinlich. Die Rettungssanitätern wissen von nichts, die habe ich schon angerufen. Wo ist er also nun?“
„Ich habe eine Idee, kann sie aber nicht überprüfen, da mein Aktionsradius derzeit etwas eingeschränkt ist.“ Sanne hob demonstrativ ihre Krücken.
Wohe sah Bretschneider an.
„Nein“, sagte dieser. „Sie muss irgendwann wieder auf eigenen Beinen stehen.“
„Tja, dann muss die Welt wohl noch ein wenig auf die Lösung des Rätsels warten.“ Sanne humpelte von dannen.
„Ist sie den ganzen Weg von zu Hause bis hierher mit diesen Krücken gegangen?“, fragte Wohe.
„Nein. Ich habe sie bis vor die Tür getragen.“
Bretschneider folgte seiner Tochter, griff sie sich im Vorübergehen und setzte sich sich auf die Schulter.
Sanne zeigte nach rechts, Bretschneider ging nach links.
Lief wohl unter konsequenter Erziehung.
Gaga die beiden. Genie und Wahnsinn halt.
Schröder tapste herein und berichtete von Knuts Unauffindbarkeit.
„Hast du auch neben den Straße nachgesehen?“
„Daneben?“
„Ja. Im Graben und so.“
Schröder verschwand wieder.
„Es geht mich ja nichts an“, meinte Holgersen, „aber gehört zu einer Uniform nicht auch eine gewisse Beschuhung.“
„Eigentlich ja, aber Sie kennen doch Schröder.“
„Das ist ein Argument.“
Wohe ging und schrieb seinen Bericht.
... dass
1. der mehrfach als verschwunden gemeldete Knut Knecht (mangels Artikel ging das gut als Familienname durch) nunmehr tatsächlich - vorerst mündlich - als vermisst gemeldet wurde ...
und
2. der Kofferraum des Polizeifahrzeugs der hiesigen Wache ...
Konnte er noch irgendwas für den armen Knut tun?
Er nahm sein Buch und ging in sich.
Schröder rief an und berichtete von zwar verschlammten, aber knutfreien Straßengräben. Und dann gebe es da noch das Problem mit seinen Schuhen.
„Hol dir andere und komm Essen.“
Schröder kam und Sie machten Mittagspause. Holgersen Angebot waren Currywurst mit Pommes und Bockwurst mit Kartoffelsalat.
„Ich habe Entscheidungsängste“, gestand Schröder. „Appetit habe ich auf beides.“
„Dann nimm doch beides.“
„Wow. Das ist die Idee.“ Schröder bekam glänzende Augen.
Die restliche Arbeitszeit verbrachten sie buch- und tetrisunterstützt im Gedenken an Knut den Knecht.

Dienstag:

Das  Klingeln des Telefons hörte Wohe bereits, bevor er das Revier betreten hatte.
Gemach, gemach. Er sondierte erst mal die Lage, lüftete und versuchte, gedanklich den Anschluss an den Vortag herzustellen. Klappte nicht wegen des Dauerklingelns. Er nahm ab.
„Knut ist immer noch nicht wieder da“, rief Bauer Janke. „Was machen Sie denn? Suchen Sie den.“
„Tun wir ja. Aber wir können ja wohl keine Großfahndung rausgeben, wenn ein erwachsener Mann mal einen Tag blau macht.“
„Was heißt hier blau macht. Knut macht nicht blau. Der war ja noch nicht mal blau, als er verschwand, weil, dass war ja noch vor dem Frühstück. Und er muss her. Meine Kühe gucken mich schon ganz böse an, weil er nicht ausmistet und so und weil sie sich halt an ihn gewöhnt haben und so.“
Was mochte das „und so“ wohl sein. Euterkraulen und so?
„Wir tun, was wir können. Ich muss jetzt Schluss machen, nach Knut suchen und so.“
Wohe legte auf.
„Morgen.“ Schröder setzte sich und begann zu denken.
Wohe dito.
Das Telefon unterbrach die Denkprozesse.
„Ich habe hier Ihr Elaborat vorliegen.“ Wohes Chef klang not amused. „Wieso ist dieser Knut jetzt doch verschwunden?“
„Weil sein Chef das Verschwinden angezeigt hat.“
„Wir haben eine vermisste Person, wenn ein nach Ihren eigenen Aussagen durch versuchte Irreführung aufgefallener Landarbeiter ein paar Minuten zu spät zur Arbeit kommt? Soll das ein Witz sein?“
„Ich melde das nur, weil Sie sonst doch immer so auf Verfolgung aller angefallenen Vorfälle beharren.“
„Grrr. Außerdem: was soll das mit den Rowdys und dem zubetonierten Kofferraum.“
„Nun ja, wie beschrieben. Abends war noch alles in Ordnung und morgens war der Kofferraum aufgebrochen und voller Beton. Ich vermute außerörtliche Rowdys, die sich sozusagen im Vorbeifahren mal schnell einen Schabernack mit der Polizei leisten wollten.“
„Wollen Sie mir wirklich erzählen, dass da irgendwelche Leute nächtens rein zufällig mit einer Ladung Beton in der Gegend rumfahren, um sie dann in einen ebenso zufällig herumstehenden Polizeiwagen zu gießen?“
Zugegeben, das klang schon irgendwie schwach.
„Zugegeben, das klingt schon irgendwie schwach. Aber da niemand etwas sah oder hörte und der Kofferraum nun mal zubetoniert ist, fällt mir keine vernünftige Alternative ein. Und Sie wollen ja in den Berichten immer alle denkbaren Lösungsansätze beschrieben haben.“
Wohes Chef murmelte etwas von Herzinfarkt und Werkstattbesuch und hängte ein.
„Der Wagen soll in die Werkstatt. Das heißt, alles, was auch nur im Geringsten mit außerdienstlicher Nutzung zu tun hat, muss raus.“
„Ja“, sagte Schröder.
„Dazu gehört auch so was wie Dreck und Staub und Bauhausquittungen usw. Klar?“
„Ja.“
„Na dann los.“
Schröder und Auto verschwanden.

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wohe
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BeitragVerfasst am: 22.06.2022 08:37    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Stattdessen standen plötzlich die TV-Leute vor seinem Schreibtisch und verlangten ihn erstens zu interviewen und zweitens zu wissen, wo Knut der Knecht sei.
„Interviews darf ich nur im Einvernehmen mit den vorgesetzten Dienststellen geben“, sagte Wohe. „Ich kann Ihnen aber inoffiziell mitteilen, dass wir alles tun, was in unserer Macht steht, wenngleich ich auch darauf hinweisen muss, dass der Gesuchte volljährig ist und somit das Recht hat, sich auch unabgemeldet mal von seiner Arbeitsstelle zu entfernen. Dennoch sind wir aus Gründen seiner Sicherheit natürlich bemüht, ihn schnellstmöglich aufzufinden. So geht z.B. mein Mitarbeiter aktuell gerade einem Hinweis nach und ich würde ebenfalls gern weitere Spuren verfolgen, wenn Sie mich denn meine Arbeit tun ließen.“
Mensch, war er gut. Richtig gut!
„Es gibt da seltsame Gerüchte in der Stadt“, erwiderte die Chefin der Fernsehleute. „Geradezu Horrorgeschichten.“
Wohe suchte die Telefonnummer von Frau Fech heraus und flüsterte sie ihr ins Ohr. „Von mir haben Sie die aber nicht. Klar?“
Die TV-Frau war glücklich. Frau Fech würde es auch sein und der Mist über Zombies würde es ganz bestimmt nicht in die Nachrichten schaffen.
Wohe holte sein Buch aus der Schreibtischschublade und gestattete sich ebenfalls eine gewisse Zufriedenheit.
Schröder rief an. „Es gibt ein Problem.“
„Was ist?“
„Die Werkstatt sagt, sie haben keine Ahnung, wie sie den Beton aus dem Auto rauskriegen sollen ohne es dabei gleich mit zu zerstören.“
„Und nun?“
„Denken sie nach.“
„Lass sie denken und komm zurück.“
„Da gibt es noch ein Problem. Die denken hier ziemlich langsam und müssen den Wagen deshalb hier behalten.“
„Ja und? Soll ich dich vielleicht abholen?“
Schröder schwieg.
„Geh irgendwo nen Kaffee trinken. Ich komme vorbei.“ Die Polizisten im Fernsehen jagten andauernd irgendwelchen Mördern hinterher und hatten auch immer eine Menge hübscher Kolleginnen. Wohe seufzte.
Als sie zurück kamen, war Mittagszeit.
„Wasn das?“, fragte Schröder.
„Maultaschen.“ Holgersen war sichtlich stolz. „Mit Gemüsefüllung.“
„Wieso das denn?“
„Weil Ihr Chef mich geradezu aufgefordert hat, mal was mit Gemüse zu machen. Wegen der Gesundheit.“
Schröder stocherte lustlos in seinen Teigfladen herum.
„Wo ist denn das Gemüse?“
„Da drinnen.“ Holgersen nahm Wohes Messer und zerteilte eine der Maultaschen.
Wohe besah sich den Inhalt „Was ist das?“
Holgersen ging nachsehen, was auf der Packung stand.
„Spinat.“ Dann: „Ich hol wohl besser noch ein paar Würstchen zur Vervollkommnung des Menüs.“
Also Würstchen mit Maultaschen, danach Kuchen und Kaffee.
Lucullus lebte besser, aber immerhin brachten die Kalorien Wohes graue Zellen auf Trab.
Er rief bei Janke an: „Sie haben doch bestimmt einen Hund.“
„Nee, was soll ich denn damit?“
„Ich dachte, auf einen Bauernhof gehören Tiere. Hunde, Katzen, Flöhe, sonstige Parasiten.“
„Ich halte Kühe. Was zum Teufel soll ich da mit Parasiten? Und was soll ich mit einem Hund? Der macht mir höchstens noch die Kühe nervös. Wieso frage Sie?“
„Weil ein Hund vielleicht die Spur von Knut aufnehmen könnte. Wie ist das mit Ihren Nachbarn? Haben die Hunde?“
Bauer Janke dachte nach. Dann: „Nee.“
Wohe musste dringend seine Vorstellung vom Landleben aktualisieren. In der Stadt hatte er sich schon öfters über Hundehinterlassenschaften geärgert, aber hier?
Er rief Frau Fech an.
„Nein“, sagte sie. „Ich habe keinen Hund, aber Lotte Steigenberger hat einen und Henriette Brinkmann und der alte Herr Lüdenscheid und ...“
„Das reicht. Wenn sie noch bei der Suche nach Knut dem Knecht mithelfen wollen, organisieren Sie doch mal ein Hundemeeting bei Bauer Janke, um dort die Spur von Knut aufzunehmen.“
Frau Fech war begeistert. Schröder, den Wohe dazu bestellte, weniger. „Ich mag keine Hunde.“
„Ich auch nicht.“
„Und überhaupt: gibt es dafür nicht eine Hundestaffel?“
„Ganz bestimmt nicht für die Suche nach einem erwachsenen Mann, der gerade mal einen Tag abgängig ist.“
„Und wie soll ich da überhaupt hinkommen? Der Wagen ist in der Werkstatt.“
Wohe warf ihm seine Autoschlüssel zu und Schröder zog von dannen.
Wohe nahm sein Buch und beendete vorerst das Thema Knut.
Kurz vor Feierabend rief Bauer Janke an.
„Was soll der Mist? Hier rennen tausend Hunde rum und machen meine Kühe verrückt und das für Lau.“
Wohe fragte nach Schröder.
„Der versucht gerade, irgend einen Köter aus meinem Stall zu jagen. Mann, diese Schoßhündchen sind doch viel zu blöde, um einer Spur nachzulaufen. Die kapieren überhaupt nicht, worum es geht. Und selbst, wenn sie's könnten, was sollen so handtellergroße Viecher in der freien Wildbahn? Die werden doch schon von einem einzelnen Grashalm ausgebremst.“
„Ist denn kein größerer im Angebot?“
„Nur der vom alten Lüdenscheid und der ist genauso klapprig wie sein Herrchen. Der steht nur dumm rum und rührt sich nicht.“
„Schröder soll die Jagd abblasen und zurückkommen. Und er soll sich beeilen.“ Wohe hatte keine Lust, auch noch Überstunden zu machen, aber er trommelte bereits eine halbe unbezahlte Stunde auf dem Schreibtisch herum, als Schröder sein Auto endlich ablieferte. „War nix.“
„Schon gehört, aber die Idee war gut.“
Schröder blickte skeptisch.
Sie stiegen in Wohes Wagen, um nach Hause zu fahren.
Wohe schnüffelte. Dann kontrollierte er den Rücksitz und hob entsetzt ein Hundehaarbüschel auf.
„Was hast du mit meinem Auto gemacht? Wie zum Teufel kommt das hierher?“
„Das dürfte von Hasso sein.“
„Häh?“
„Dem Hund von Herrn Lüdenscheid. Der kann nicht mehr so recht laufen und sein Hund auch nicht und so musste ich die beiden halt fahren.“
„Du kutschierst einen lahmen Hund zur Spurensuche? Auf meinem Rücksitz?“
„Na ja, der Herr Lüdenscheid war ganz begeistert, bei der Suche mitmachen zu können. Er hat ja sonst nicht mehr viel Abwechselung, seitdem er nicht mehr gehen kann. Und der Hund wollte partout nicht im Fußraum sitzen.“
Wohe fuhr Schröder nach Haus und dann zur Tankstelle.
25 € für einen Innenraumreinigung! Und den Kaffee während der Wartezeit musste er auch noch bezahlen und der schmeckte noch nicht mal gut.

Mittwoch:

Dieses Telefon begann Wohe auf die Nerven zu gehen. Kaum  war er im Revier, klingelte es Sturm.
Bauer Janke. Pünktlich um neun Uhr. Schliefen Bauern denn nie?
„Es wird langsam kritisch. Knut ist und bleibt verschwunden und meine Kühe verursachen Mist über Mist. Die sollen lieber Milch produzieren. Blöde Viecher. Sie müssen Knut finden. Den hat bestimmt die Mafia entführt.“
„Immer mit der Ruhe. Die Mafia dürfte nicht gerade viel Interesse an einem norddeutschen Ausmister haben.“
„Sagen Sie das nicht. Denken Sie nur an die EU-Bürokraten, denen meine Kühe die Berechnungsgrundlage für ihre Milchquoten zerstören. Wenn Knut da ist, geben die locker 21 Liter am Tag und jetzt verweigern die jeden weiteren Rekord. Außer dem vom Verdrecken. Und wenn die EU keine Mafia ist, wer denn sonst?“
„Dann müssen wir halt eine offizielle Anzeige aufnehmen. Kommen Sie vorbei.“
„Was heißt hier offizielle Anzeige? Ich habe doch schon vorgestern Bescheid gesagt, dass Knut weg ist. Ich kann nicht vorbeikommen, ich habe Kühe zu versorgen.“
„Eine mündliche Bekanntgabe ist keine Anzeige und ohne Anzeige kann man keine über den lokalen Bereich hinausgehende Fahndung ausschreiben. Also misten Sie etwas schneller und kommen Sie her, wenn Sie fertig sind.“
Vielleicht bekamen die Kühe ja noch rechtzeitig Dünnpfiff.
Kaum hatte er aufgelegt, klingelte das Telefon schon wieder.
„Im Fernsehen reden sie von geheimnisvollen Umtrieben auf Ihrem Friedhof“, sagte sein Chef. „Die Suche nach einem abgängigen Landarbeiter würde auf das Friedhofsareal ausgedehnt und ein Kreis von polizeinahen Bürgerinnen wäre  für unorthodoxe Erklärungsansätze rekrutiert worden", zitierte er. „Auch übernatürliche Ursachen für das Verschwinden könnten nicht ausgeschlossen werden etc etc.
Haben Sie da jetzt ein Zombie-Suchkommando losgeschickt oder bin ich zum Zooleiter mutiert?“
Frau Fech! Waren diese TV-Leute etwa vom Privatfernsehen statt von den Öffentlich-Rechtlichen gewesen? Da hätte er dann in der Tat eine verhängnisvolle Allianz initiiert.
„Keine Ahnung. Ich habe weder jemanden losgeschickt, noch weiß ich etwas von einer Suche auf dem Friedhof.“
„Es ist aber Ihre Aufgabe zu wissen, was bei Ihnen so los ist. Kümmern Sie sich und halten Sie vor allem die Polizei aus derartigem Blödsinn raus.
Was ist denn nun mit Ihrem Knut?“
Beinahe wäre Wohe schon wieder ein „keine Ahnung“ entschlüpft. „Sein Chef besteht auf einer offiziellen Anzeige. Er kommt nachher deswegen vorbei. Die Suche selbst war bisher erfolglos, wenngleich wir ihn in der ganzen Umgebung gesucht haben. Wir selbst, mit Hunden, mit Befragung der Bevölkerung. Allerdings nicht mit der Bildung von Suchkommandos auf dem Friedhof. Das geht definitiv nicht auf uns zurück.“
„Na gut.“ Sein Chef schien ein wenig besänftigt.
Der Hörer lag kaum auf der Gabel, als das Telefon schon wieder klingelte.
„Die Werkstatt hat mich angerufen“, verkündete Schröder erfreut. „Der Wagen ist heute Mittag fertig. Sie müssen nur noch eine neue Kofferraumauskleidung besorgen.“
„Gut so. Dann hat das Denken bei denen also doch noch geklappt.“
„Eher nicht. Aber ich habe gerade mit Bretschneider gesprochen. Der Werkstattleiter ist wohl ein Bekannter von ihm und hat gestern beim Bierchen über unser Problem berichtet und Bretschneider hat, als er sich von seinem Lachanfall erholt hat, daran erinnert, dass der Kofferraum doch mit Plastik ausgepolstert ist und man mittels Dübel, Haken und Flaschenzug Beton samt Plastik raus heben können müsste und so haben sie Hammer und Meißel wieder weggepackt und stattdessen die Bretschneider-Variante realisiert.“
„Wenigstens das geht dann wohl in Ordnung. Komm zur Arbeit.“
„Ich dachte, du holst mich vielleicht ab. Schließlich ist unser Wagen ja noch in der Werkstatt.“
„Meinst du nicht, du solltest die paar Meter mal zu Fuß gehen? Das würde deinem Bauchumfang sicher auch ganz gut tun.“
„Nee. Meine ich nicht. Erst muss der Bauch weg und dann kann ich ans Gehen gehen. Meine Frau macht gerade einen Diätplan für mich zurecht, aber erst, wenn der gegriffen hat, kann ich ohne Gefahr für meine Knie und Hüften und so wieder richtig marschieren. Wegen des Gewichts, verstehst du?“
Welch ein Blödsinn. „Ich komme.“
Kaum saß er im Auto, klingelte sein Handy: „Was ist mit deinem Diensttelefon?“, fragte Sanne. „Da ist dauerbesetzt.“
Wohe erklärte: „Das liegt daran, dass ich dauernd telefonieren muss. Das nennt man Arbeit. Lernst du auch noch irgendwann. Was gibt's denn?“
„Wie du dich vielleicht erinnerst, weigert sich mein Vater, meinen Horizont zu erweitern.“
„Ich erinnere mich nur, dass er dich nicht bis zum Horizont tragen will.“
„Das ist das Gleiche. Jedenfalls nimmt mir das die Möglichkeit, deine Nachforschungen zum Thema Knut der Knecht in ausreichendem Maße zu unterstützen. Klappt nur, sofern telefonisch machbar.“
Oh nee. Jetzt hatte er nicht nur Frau Fech und ihre Damen, sondern auch noch die Bretschneiders auf dem Hals.
„Sanne“, sagte er.
„Susanne“, sagte Susanne.
„Du wirst verstehen, dass ich bezüglich eurer innerfamiliären Streitigkeiten ...“
„Streitigkeiten gibt's bei uns nicht“, sagte Sanne. „Er gewährt mir nur nicht die mir zustehende Mobilität.“
„Wie auch immer. Das Einzige, was ich dir sagen kann, ist, dass er juristisch gesehen nicht verpflichtet ist, dich von Pontius zu Pilatus zu tragen.“
„Soweit zum Thema »Solidarität unter Abhängigen«.“
Wohe war versucht, zu bemerken, dass er sich gar nicht so recht abhängig fühlte. Andererseits war da sein Chef. Und wenn er es genau nahm, waren da noch jede Menge Dienstvorschriften. Und Schröder. Und Frau Fech. Und Gott. Und richtig gefrühstückt hatte er auch noch nicht. Und jetzt auch noch Sanne.
„Nun sag's schon.“
„Ich habe Bauer Janke gefragt, ob Knut Lotto oder so was spielen würde. Der Bauer sagt, dass Knut Glücksspiele aller Art verabscheut, seit er in grauer Vorzeit eine Runde nach der anderen ausgeben musste, weil er beim Skat dauernd verloren hatte.“
„Skat ist kein Glücksspiel.“
„Für jemanden mit Knuts Merkfähigkeit schon. Jedenfalls spielt er überhaupt nicht und schon gar kein Lotto, weil seine Mutter Lotte hieß und auch nicht viel Glück im Leben hatte.“
„Den Zusammenhang verstehe ich nicht.“
„Es gibt keinen. Jedenfalls keinen für uns ersichtlichen. Für Knut hingegen schon. Und dann habe ich noch nach Verwandten gefragt wegen der Erbschaftthese von Herrn Holgersen. Ergebnis: Knut ist der letzte seiner Sippe. Keine Kinder, keine Geschwister, keine Verwandten. Der arme Mann hat nur seine Kühe und die würde er laut Herrn Janke nie freiwillig im Stich lassen. Meine These, dass Knut nicht freiwillig verschwunden ist, gewinnt hierdurch zunehmend an Attraktivität. Wenn du dich ihr also anschließen kannst und davon ausgehst, dass er auch nicht freiwillig toter Mann spielte und wenn du weiterhin glaubst, dass er nicht Opfer einer Entführung wurde, könnte man annehmen, dass vielleicht erkrankt ist. Es wird dich interessieren, dass er seit Sonntagabend nicht mehr in seiner Kneipe war, wo er normalerweise immer sein Tagesabschlussbier trinkt. Auch beim Arzt war er nicht. Weder hier in Schönebostel noch in Derrens. Der eine hat zu und beim anderen habe ich angerufen. Bleibt also nur noch das Krankenhaus und da dürfen sie angeblich keine Auskunft geben.“
Das kannte Wohe schon. „Fein. Dann danke ich für deine Bemühungen.“

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Kurzerede
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BeitragVerfasst am: 22.06.2022 17:46    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wohe,
mal wieder eine kleine Wortmeldung.
Grundsätzlich fühle ich mich beim Lesen Deiner Gechichte recht nahe bei so etwas wie 'Mord mit Aussicht'. Da komme ich gut mit klar. Ich hoffe, so ist das Ganze auch gedacht.
Die ganze Angelegenheit mit dem Beton im Kofferraum kann ich mir nur vorstellen, wennn ich in Comic-Maßstäben denke. Für nur halbwegs reale Umstände, finde ich es schon mehr als unwahrscheinlich, dass ein einziger Wagenheber Zementsäcke im Kofferraum so gründlich zerfetzt, dass mit einem umgekippten Eimer Sand (mit Sand wird es übrigens Mörtel) und Regen (das muss schon unglaublich viel Regen gewesen sein) in Verbindung mit Kurvenfahrt und Holperstrecke, eine geschlossene Beton- bzw. Mörteldecke daraus wird. Für meinen Geschmack nimmt das alles deutlich zu viel Raum ein. Ich würde sogar soweit gehen, die komplette Beton-Geschichte - sofern sie nicht für den weiteren Fortgang der gesamten Geschichte wichtig ist - ersatzlos zu streichen. - Sorry.
Ansonsten ist mir der eine oder andere "Witz", z. B. der Dünnpfiff der Kühe zu zotig.
Aber, grundsätzlich mag ich den Erzählstil und werde die Ermittlungen weiter verfolgen.


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Viele Grüße
vom Lehrling auf dem Weg zu mehr Leben und Gelassenheit.
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BeitragVerfasst am: 23.06.2022 17:06    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Kurzerede,

das ist ein wichtiger Hinweis. Besten Dank. Ich habe das fix ersetzt durch je einen umgekippten Eimer mit Fertigbeton und einen, der noch Wasser enthielt.

MfG Wohe
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wohe
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BeitragVerfasst am: 25.06.2022 09:27    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Er legte auf und wollte losfahren, als sein Handy erneut klingelte.
„Du bist zu schnell“, sagte Sanne vorwurfsvoll. „Da wäre dann noch die Sache mit dem Buch.“
Wohe machte den Motor wieder aus. Wahrscheinlich würde man ihn dereinst völlig dehydriert und verhungert als Mumie hinter dem Lenkrad finden. Passenderweise fiel ihm dazu nur ein: „Sage, du habest uns liegen sehn, wie das Gesetz es befahl.“
„Den Zusammenhang sehe ich jetzt zwar nicht, aber dieser Wortlaut ist nur einer von vielen. Die Schillersche Version zum Beispiel lautet »Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl«. Es geht natürlich um die Stele an den Thermopylen. Leonidas versus Xerxes, wobei genaugenommen natürlich Spartaner gegen Perser. Da haben ja schließlich nicht nur zwei gegeneinander gekämpft, sondern ein paar Tausend Griechen gegen einige Zehn- oder gar Hunderttausend Perser.“
„Ok, ok, ok.“ Sicher interessant. Eigentlich. Aber in Wirklichkeit war ihm das derzeit ziemlich egal. Vielleicht sollte er dem Mädchen endlich mal eine Barbie-Puppe kaufen und die zig-tausend Bücher in Bretschneiders Wohnzimmer verbrennen.
War aber wohl sowieso zu spät.
„Fiel mir nur so ein. Das Thema war das Buch.“
„Das  Buch über angewandte Psychologie, das Knut der Knecht am Montag vor einer Woche bei sich hatte, war meins. Müsste eigentlich drinstehen. Der Buchhändler klebt bei Bestellungen immer einen gelben Zettel mit dem Namen des Bestellers auf die erste Seite.“
„Moment.“ Wohe ging zurück ins Revier und suchte das Buch.
„Ich ruf dich gleich zurück.“ Er legte auf und rief Schröder an. „Wo bleibst du denn?“, fragte dieser. „Ich stehe mir hier die Beine in den Bauch und keiner kommt.“
„Stress“, sagte Wohe. „Wo ist das Buch von Knut dem Knecht?“
„In der Schachtel für Beweismittel im Regal hinter dir. Und jetzt komm endlich.“
„Gleich, gleich.“ Tatsächlich. Zwar nur ein Schuhkarton, aber vorbildlich beschriftet. „Beweismittel.“ Na gut, soviel Beweise hatten sie bisher auch noch nicht sammeln müssen. Im Buch jedenfalls klebte der Zettel mit der Aufschrift Ingo Bretschneider.
Er rief bei Sanne an. „Wieso steht da Ingo Bretschneider. Ich denke, das ist dein Buch.“
„Ist es auch. Ich hab's bestellt, ich will's lesen, mein Vater hat das Geld und bezahlt. Das nennt man Arbeitsteilung.
Worum es geht, ist Folgendes: Knut kam am Montagmorgen zu Fuß beim Buchhändler und sollte Rechnungsbücher abholen. Das sagt jedenfalls Bauer Janke, der sie bestellt hatte. Und das er zu Fuß kam, sagt der Buchhändler. Genau darüber hat er sich nämlich auch ziemlich gewundert. Die Rechnungsbücher hat er aber nicht mitgenommen. Die liegen heute noch auf dem Tresen. Stattdessen hat er sich mein Buch gegriffen und ist ohne zu bezahlen damit verschwunden. Der Buchhändler hat daraufhin bei Janke angerufen und der wollte eigentlich für den Umtausch sorgen,  aber dann haben das alle Beteiligten glücklich verdrängt, bis ich gestern nachgefragt habe, wo denn mein Buch bleibt.“
„Uff“, sagte Wohe.
“Genau. Und was sagt uns das?“
„Nix.“
„Doch. Nämlich, dass Knut zum Bauhaus gefahren ist, seinen Schlepper dort abstellte, von dort aus zu Fuß zurück bis zum Markt marschiert ist, dort ein falsches Buch mitgehen ließ und dann noch weiter zurück auf die Straße nach Derrens ging. Auch wenn der normalerweise schon keine große Leuchte ist, zeugt das doch von erheblicher zusätzlicher Verwirrung.“
„Stimmt.“
„Genau. Das solltest du in deine Überlegungen mit einfließen lassen.“
„Mach ich. Beste Dank auch.“
Wohe lehnte sich erschöpft zurück und ließ das Gehörte einfließen. Es floss und floss, ruhig und gleichmäßig flossen die Gedanken so dahin, bis Schröder ins Revier polterte und sich erkennbar überanstrengt auf seinen Stuhl wuchtete.
„Hast du mich vergessen? Statt Psychologiebücher zu lesen, solltest du dich lieber um die Physis deiner Mitstreiter kümmern. Die vernichtest du nämlich gerade.“
Wohe legte Sannes Buch in die Beweismittelschachtel zurück und brachte Schröder auf den neuesten Stand.
„Nur“, schloss er, „weiß ich deshalb immer noch nicht was mit Knut dem Knecht ist.“
„Wir sollten darüber nachdenken.“ Schröder zückte sein Handy.
„Mach mal. Ich gehe zu Holgersen.“
Er trat auf die Straße und konnte gerade noch rechtzeitig zurückspringen, bevor ihn ein mit gefühlten Mach zwei statt der vorgeschriebenen 30 km/h vorbeihuschender Porsche überrollen konnte.
„Ich habe alles gesehen“, rief Holgersen und brachte ihm Kaffee und belegte Brötchen (Nutella und Gehacktes). „Der hätte Schuld gehabt.“
Tröstlich. Als Epitaph sicher ganz nett, nur ginge es ihm dann keineswegs besser. „Ich dachte immer, die größte Gefahr im hiesigen Straßenverkehr wäre Knut mit seinem Schlepper, aber kaum ist der mal nicht da, kommen irgendwelche Fremdlinge, um ihn zu vertreten. Hier hat doch keiner einen Porsche.“
„Nee, als Feld-, Wald- und Wiesenwagen sind die auch eher ungeeignet. Vom Preis mal ganz abgesehen. Alles arme Bauern und Kaufleute hier. Der letzte Porsche kam hier bestimmt vor über zehn Jahren vorbei.“
„Ein 550ger“? Wohe lächelte ihn an.
Dann zündete es. Holgersens Stirn legte sich in bedenkliche Falten. Ein Schweißtropfen bildete sich, während Wohes Zunge vor Vorfreunde den Mund verließ.
„Häh, häh.“
„Nix häh, häh.“ Holgersen war erleichtert. „James Dean.“
Wohe ging zurück ins Revier. „Ich kriege noch 25 € von dir.“
„Wofür?“
„Für die Reinigung meines Autos.“
„Wieso soll ich die Reinigung deines Autos bezahlen?“
„Weil du ihn verdreckt hast. Schließlich hast du diesen Köter auf meinen Rücksitz gelassen.“
„Träumst du? Was kann ich dafür, wenn der nur mitfährt, wenn er auf dem Rücksitz liegen kann und außerdem war das ne Dienstfahrt. Insofern ist unser Dienstherr zahlungspflichtig. Und zu guter Letzt war das Ganze deine Idee, ich war nur ausführendes Organ. Wenn ich mir das vorstelle: ich kriege A8 und bin verheiratet und Bauherr und sowieso ein armer Schlucker und du bekommst A11 und bist alleinstehend. Da noch Geld von mir zu fordern, ist stark.“
Er hätte es wissen müssen. Geld von Schröder? Niemals.
Wohe holte sein Buch hervor, hörte einen Käfermotor und verspürte plötzlichen Harndrang. Da es Schröder ebenso ging, diskutierten sie über noch über den Einfluss des Dienstgrades auf den Vortritt, als Frau Fech sie unterbrach. „Was gibt es Neues?“
„Keine Leiche?“
„Bitte?“
„Sie melden keine Leiche?“
„Nein. Wieso?“
Wohes und Schröders Harndrang verflüchtigte sich.
„Es gibt nichts Neues“, sagte Wohe. „Wenn man mal vom Klimawandel, meinem Magengeschwür und von der Entdeckung Amerikas absieht.“
Frau Fech schien konsterniert. „Hören Sie: ich und die besorgten Bürger Schönebostels opfern unsere Zeit und möglicherweise sogar unser Leben, um Ihnen behilflich zu sein und Sie erzählen was von Ihrem Magen. Dabei ist Ihr Magen völlig in Ordnung. Was soll das also? Wie sollen wir arbeiten, wenn wir nicht von den neuesten Ermittlungsergebnissen erfahren?“
„Sie opfern Ihr Leben?“
„Wer weiß? Vielleicht ist der Mörder von Knut dem Knecht ja schon auf der Suche nach seinem nächsten Opfer und das ist dann doch wohl mit Sicherheit diejenige, die ihm auf der Spur ist.“
„Frau Fech! Bisher gibt es keinerlei Hinweis auf irgendeinen Mord. Nach Ihren berühmten Leichenfunden war Knut ja wohl immer in bester Verfassung. Also keine Panik. Und was zum Teufel wissen Sie überhaupt über meinen Magen? Der gehört immer noch mir und niemand anderes weiß etwas über dessen Befindlichkeit.“
„Stimmt nicht“, antwortete Frau Fech. „Die Jutta Barsen-Morhing, die beim Arzt arbeitet, sagt, dass Sie bei Ihrer letzten Untersuchung völlig gesund waren. Und das war vor zwei Wochen.“
„Das kann ja wohl nicht wahr sein. Wie kommt die dazu, was über meinen Zustand in die Öffentlichkeit zu blasen?“
„Die kommt dazu, weil Sie als Repräsentant der Staatsgewalt eine öffentliche Persönlichkeit sind und die Öffentlichkeit somit ein Anrecht hat zu erfahren, in welchem Zustand die zu ihrem Schutz bestellten Organe sind.“
Vielleicht gab es ja tatsächlich einen Mörder. Und angeblich fällt nach dem ersten Mord ein zweiter ja umso leichter. Das machte Hoffnung.
Ich bin ganz ruhig. Mein rechter Arm ist schwer ...
„Es gibt nichts Neues“, wiederholte Wohe matt.
„Das ist dürftig. Ich sehe, dass Sie ohne größere Beteiligung freiwilliger und uneigennütziger Hilfskräfte den armen Knut wohl niemals finden werden. Wer weiß, vielleicht liegt der ja als vergessene Geisel in irgendeinem Erdloch oder Grab und erstickt so langsam vor sich hin und wir debattieren hier über ihren Magen.“
„Die freiwilligen und uneigennützigen Hilfskräfte sind vermutlich Sie und Ihr Damenkränzchen?"
„Selbstverständlich. Aber nicht nur wir würden gern dem Wohl der Allgemeinheit dienen. Sogar der Herr Bretschneider interessiert sich schon für das Schicksal von Knut dem Knecht. Und der meint, dass man offen für unorthodoxe Lösungsansätze sein muss. Vielleicht bringt das ja was. Die Leute sagen ja, dass der sehr intelligent sein soll." Sie deutete vielsagend auf Wohes Kopf.
„Glauben Sie mir, wir sind auch nicht gerade die Dümmsten."
„Jawoll", bestätigte Schröder.
„Das will ich auch nicht bezweifeln", sagte Frau Fech, „aber allein schon die pure Größe von Herrn Bretschneiders Kopf deutet doch auf ein sehr sehr großes Hirn hin und das wiederum heißt ja wohl auch, dass er gut denken kann." Sie kam ins Grübeln. „Überhaupt, ein sehr stattlicher Mann. Muss er ja wohl auch sein, wenn man ein so großes Hirn tragen will."
„Stattlich." Schröder warf zärtliche Blicke auf seinen Bauch. Man konnte regelrecht zusehen, wie hier eine junge Liebe spross. Er griff nach einem Keks.
„Außerdem muss er ja immer seine Tochter mit sich rumtragen. Das arme Kind muss doch sehr krank sein.“
Schröders Keks landete in seiner Luftröhre.
„Die redet auch immer so altklug“, fuhr Frau Fech fort. „Aber wahrscheinlich hat sie ja doch ein wenig Intelligenz von ihrem Vater geerbt. Vielleicht sollte man die mal messen. Ein ganz normales Kind ist das jedenfalls nicht.“
Schröders Husten steigerte sich und Wohe ging, um das Überleben seines Mitarbeiters zu sichern.
„Frau Fech“, sagte er, „wir sind hier auf einem Polizeirevier und können uns ganz sicher nicht Gedanken über das geistige Potential einzelner Mitbürger machen. Und auch, wenn wir Ihre Initiativen sehr zu schätzen wissen, Bürgerkomitees zur Polizeiunterstützung sind in unserer Gesetzgebung nicht vorgesehen. Wir schaffen das schon.“
Frau Fech entschwand und Schröder bekam dank Wohes Rückenschläge wieder Luft.
„Merkt die noch was? Sanne ein normales Kind?“ Er schüttelte den Kopf. „Haben die nicht sogar mal nen Intelligenztest gemacht?“
„Ja“, sagte Wohe. „Beim verwendeten Verfahren jenseits des messbaren Bereichs.“
Er rief Bretschneider an. „Machst du jetzt auch schon bei Frau Fechs Sabotageversuchen mit? Von wegen unorthodoxer Lösungsansätze? Suchst du ebenfalls nach Zombies?“
Bretschneider klang amüsiert. „Frau Fech habe ich nur ein wenig auf den Arm genommen. Aber vielleicht ist das ja die Idee.“
„Friedhöfe werden sowieso viel zu wenig beachtet“, rief Sanne aus der Ferne. Wahrscheinlich hockte sie gerade wieder auf Bretschneiders Schultern. „Du glaubst gar nicht, wie viel Regionalgeschichte da verborgen liegt. Wusstest  du zum Beispiel, dass da alle Vorfahren von Macke Brock seit 1734 in einem einzigen kleinen Grab versammelt sind und davon waren vier Generationen Bürgermeister und Macke selbst wurde immerhin der reichste Mann der ganzen Gegend.“
Wusste Wohe nicht. Das war aber auch so was von unwichtig. „Jedenfalls würde ich es begrüßen, wenn du, ihr, ein wenig mäßigender auf Schönebostels Nachrichtenverteiler einwirken würdet.“
„Machen wir“, sagte Bretschneider.
„Auf den Friedhof sollten wir trotzdem gehen“, schrie Sanne. „Am besten mit Schaufel und Hacke. Den Feind besiegen durch gezielte Desinformation. Das kannst du in jeder Spionagegeschichte nachlesen.“
„Frag deine Tochter mal, was Spione mit Frau Fech zu tun haben.“ Das wollte Wohe nun doch wissen.
Sanne sprach nun direkt ins Telefon: „Es geht um Ablenkung! Wenn Frau Fech auf dem Friedhof rumhängt, stört sie dich nicht in der Stadt.“
Da war was dran.
„Dann macht mal.“ Er legte auf.
„Diese verdammte Geschichte mit Knut musste ein Ende haben.“ Wohe dachte laut.
„Im Wilden Westen haben sie immer Steckbriefe aufgehängt. So was wie »Belohnung. Gesucht wird Knut der Knecht. Tot oder lebendig«“, riet Schröder.
„Tot ist er ja schon ab und zu. Aber Belohnung? Wer soll eine Belohnung für einen Knecht bereitstellen?“
„Bauer Janke? Wo der jetzt doch selbst ausmisten muss? Vielleicht opfert er ja eine Kuh als Finderlohn. Oder gar zwei.“
„Ich glaube, das ist unnötig. Wir haben jetzt schon zu viele Sucher.“
Wohe griff sich sein Buch.

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wohe
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BeitragVerfasst am: 29.06.2022 09:06    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Mit quietschenden Reifen hielt ein Porsche vor dem Revier und die Fernsehfrau hetzte herein. „Haben Sie unsere Nachrichten gesehen?“
„Nein, aber davon gehört.“
„Da haben Sie was versäumt. Das mit ihrem Knecht kam richtig gut an. Die ganze Umgebung sucht jetzt mit und wartet auf ein offizielles Statement von Ihnen. Das sind Sie der Öffentlichkeit schuldig.“
„Bin ich nicht. Und ich werde mich ganz sicher nicht zu diesem Blödsinn vom Friedhof und übernatürlichen Ursachen äußern. Was ist Ihnen überhaupt eingefallen, so einen Quatsch zu senden? Hier geht es immerhin um eine tatsächlich vermisste Person, die möglicherweise genauso tatsächlich Schaden genommen haben könnte.
Unorthodoxe Erklärungsansätze.“ Wohe schüttelte den Kopf.
„Schon gut, schon gut. Das war nur ein Anreißer, der dem Spannungsaufbau dienen sollte. Da sollen Sie auch nichts zu sagen. Die Leute wollen nur wissen, was Sie so genau tun und wo und warum und so weiter.“
„Es bleibt dabei: nein.“
„Am besten wäre es, wenn wir Sie bei der Arbeit filmen könnten. Sie fahren und laufen irgendwo rum und erklären dabei, was  Sie so genau tun und wo und warum und so weiter. Sie würden berühmt! Stellen Sie sich doch mal vor, wie begeistert Ihre Frau wäre, wenn sie Sie im Fernsehen bewundern könnte. Oder Ihre Freundin oder wer auch immer.“
„Nein. Ich bin Beamter und kein Clown. Und jetzt muss ich arbeiten.“
Er schrieb ein Strafmandat aus und gab es ihr.
„Was soll das? Überhöhte Geschwindigkeit? Ich?“
„Ja Sie. Sie hätten mich vorhin beinahe überfahren, als Sie mit erkennbar mehr als den vorgeschriebenen 30 km/h hier durchgekommen sind.“
„Das bestreite ich.“
„Das können Sie lange bestreiten. Dafür gibt's Zeugen.“
„Ich will das Blitzerprotokoll sehen.“
„Es gibt kein Blitzerprotokoll und das ist auch nicht nötig, da die Geschwindigkeitsübertretung derart gravierend war, dass Erfahrung und Augenmaß der Zeugen ausreichen.“
Die Fernsehfrau beugte sich über den Tisch und flüsterte Wohe ins Ohr: „Wir können Leute nicht nur aufbauen, sondern mit unserer Nachrichtengestaltung auch ziemlich, sagen wir mal, unglücklich machen.“
„Gut, dass Sie mich dran erinnern, wie unglücklich ich gewesen wäre, wenn Sie mich erwischt hätten. Das war ja auch gar keine einfache Geschwindigkeitsüberschreitung, sondern eine Personengefährdung. Das ergibt kein Strafmandat, sondern eine Anzeige. Vielleicht kann ich ja sogar ein Verkehrsverbrechen draus machen.“
Wohe nahm der TV-Frau den Strafzettel wieder aus der Hand und lächelte sie vergnügt an.
Diese lief erst rot an und dann hinaus.
„Sehr gut“, lobte Schröder. „Aber Filmstar wirst du jetzt ganz bestimmt nicht mehr.“
„Um so besser. Wo waren wir stehen geblieben?“
Schröder zuckte die Achseln.
Wohe griff sich sein Buch.
Das Telefon klingelte.
Wohe schaltete die Rufumleitung ein und ging hinaus.
„Wohin?“, fragte Schröder und nahm den Hörer ab.
„Raus. Knut den Knecht suchen.“
Er sah nach links die Straße hinab. Kein Porsche, kein Knut, nix. Nach rechts: Auch ruhig, auch kein Knut. Geradeaus: Holgersens Laden. Von außen nicht einsehbar. Also ging er hinein. Von irgend woher schallte Frau Fechs Stimme. Wohe kehrte ins Revier zurück.
„Das war der alte Lüdenscheid“, sagte Schröder. „Er wollte wissen, ob wir heute wieder irgendwen suchen.“
„Hat der Langeweile?“
“Sicher. Aber er meint auch, seinem Hund hätte das Autofahren so viel Spaß gemacht und er selbst wäre doch mal Jäger gewesen und konnte richtig gut Fährten lesen.“
„Ich denke, der ist fast blind.“
“Ist er auch. Aber Jäger war er wirklich mal. Ist allerdings 20 Jahre her, dass der das letzte Mal was getroffen hat. Er konnte damals schon nicht mehr gut sehen. Seitdem hat er auch keinen Jagdschein mehr. Statt eines Wildschweins hat er nämlich seinen Hund abgeknallt.“
„Wie das?“
„Er hat angeblich die Reihenfolge der Jagdaktionen nicht mehr auf die Reihe gebracht. Also hat er erst seinen Hund losgeschickt, danach geschossen und erst dann geguckt. So hat er nicht mitbekommen, dass das Schwein längst weg war und den Hund hat er auch nicht als solchen erkannt. Aber immerhin hat noch getroffen.“
„Ist dasn Witz?“
„Wie auch immer. Der Hund war tot und auf die Jagd hat man ihn nicht mehr gelassen. Da staut sich natürlich Frust an. Insofern ist auch ganz verständlich, dass er jetzt bei was auch immer mitmischen will.
Aber egal. Was bleibt ist die Sache mit Knut dem Knecht. Wenn wir mal zusammenfassen: wo stehen wir denn da eigentlich?“
Was war jetzt los? Hatte Schröder der Arbeitswahn gepackt?
Wohe seufzte. „Wir haben folgende Szenarien.“
Er hob einen Finger. „Knut spielte toter Mann und versteckt sich jetzt oder hat die Gegend verlassen. Warum?
Ist er plötzlich zu Geld gekommen und jetzt auf dem Weg auf die Bahamas, um sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen und die Totstellerei und das Verschwinden gehen auf die Aktivitäten seines fernsehkrimiverseuchten Hirns zurück, demzufolge er sein Vermögen vor eventuellen Verfolgern retten will? Sanne sagt, dass Janke sagt, dass er weder Glücksspiele spielt noch irgendwelche Verwandte hat, die er beerben könnte. Fällt also flach.
Eine weitere Möglichkeit ist, dass die TV-Leute was damit zu tun haben. Drehen die eine dieser Spaß-Sendungen, bei denen Leute aufs Kreuz gelegt werden? Dagegen spricht zweierlei. Erstens, dass wir als Behörde mehr oder weniger sakrosankt und somit ein eher ungeeignetes Zielobjekt sind und zweitens, dass Knut als Schauspieler mangels Intellektualität eher wenig Qualitäten mitbringen dürfte. Falls  man für den Job welche brauchen sollte. Fällt aber wohl auch flach.
Bleibt noch die Alternative, dass Knut einfach nur die Schnauze voll hat vom dauernden Ausmisten. Er will rein ins Leben, weg von den Kühen, vielleicht hin zum Hühnerfütterer oder so. Nur, warum dann der Aufwand? Er könnte einfach kündigen und gehen. Vergiss es.“
Wohe hob einen weiteren Finger. „Knut spielte erst mal nur toter Mann, wird jetzt aber versteckt oder wurde entführt. Das würde bedeuten, dass irgendwer von seinem Verschwinden profitieren will. Aber wie? Kühe können kein Lösegeld zahlen, Bauer Janke ist kein Groß-, sondern eher Kleinbauer und bekanntermaßen verdammt geizig und würde es also auch nicht tun. Versicherungsbetrug ist unwahrscheinlich, da ich mir keine Police vorstellen kann, die so was abdeckt und dass das Fernsehen soweit geht, dass die ein echtes Verbrechen begehen, kann ich mir selbst bei den Privaten nicht vorstellen. Das ist es also auch nicht.“
Wohe hob einen dritten Finger. „Knut spielte nicht toter Mann, sondern war scheintot, falls es das überhaupt gibt oder war tatsächlich tot und ist wieder auferstanden oder irgendwas in der Richtung und genau diese Situation liegt auch jetzt vor. Das würde heißen, dass er seit drei Tagen irgendwo unentdeckt dem Ende entgegen komatiert. Nur: wo? Er würde sich ja wohl kaum irgendwohin verkriechen, um nicht beim Scheintot-Umfallen gesehen zu werden. Wenn es ihm schlecht geht, würde er wohl eher unter Menschen gehen, um Hilfe zu bekommen. Und wenn sich das Sterben nicht vorher ankündigt, er also plötzlich und unerwartet mal wieder das Zeitliche segnete, erklärt das immer noch nicht, wieso er auch noch dabei verschwunden ist. Auch das ist also keine Alternative.“
Es erschien der vierte Finger: „Knut schien nur tot und ist es jetzt aber wirklich. Das würde heißen, dass er seit drei Tagen irgendwo unentdeckt vor sich hin modert. Aber auch hier stellt sich wieder die gleiche Frage: warum starb er nicht zu Hause oder bei seinen Kühen oder aufm Feld oder so?  Wieso musste er hierzu verschwinden?“
Der fünfte Finger: „Die Variante ‚Knut war tot und rannte danach nur als Wiedergänger in der Gegend rum können wir ja wohl vergessen. Da ist Frau Fech schon dran und das reicht völlig.
Ich  denke, er war nie tot und ist es auch jetzt nicht. Vermutlich ist er einfach durchgeknallt und auf dem Weg nach Amerika oder so.“
„Zu Fuß?“
„Jou. Wenn so einer sein Resthirn ausschaltet, dann latscht der auch zu Fuß nach Amerika.“
„Ich habe gestern noch mit Sanne gesprochen“, sagte Schröder. „Sie meint auch, dass Knut nie tot war und hält deine These auch für eine von zwei möglichen, glaubt aber, dass die andere eher in Frage kommt. Nämlich, dass Knut krank ist.“
„Ich weiß. Aber wo steckt er? Dabei fällt mir ein: die Rettungssanitäter haben ihn zwar nicht gefahren, aber fahr du mal im Krankenhaus vorbei und frag sicherheitshalber nach, ob der da nicht trotzdem rumliegt oder lag. Und dann komm zu Holgersen, essen.“
„Fahren? Womit?“
Wohe warf ihm seinen Autoschlüssel zu. „Du fährst, niemand sonst. Kein Hund, kein Zement, niemand. Der Wagen bleibt sauber, klar?“
„Logisch.“
Das Revier blieb verwaist zurück.
Bei Holgersen herrschte himmlische Ruhe. Kein Telefon, keine anderen Kunden, allerdings auch kein Holgersen.
Dafür lag die neueste Ausgabe des Handelsblattes auf Holgersens Arbeitsplatte. Mit jeder Menge verschiedenfarbig markierter Aktienkurse.
„Bedienung.“
Holgersen kam aus dem Off und pustete sich seine Haarsträhne aus dem Gesicht. Den Karton mit runzligen roten Paprika hielt er Wohe anklagend entgegen. „Letzte Woche hatte ich grüne und keiner wollte sie und diese Woche habe ich rote und die will auch keiner.“
„So wie die aussehen, würde ich sie auch nicht kaufen.“
„Ja heute! Gestern waren sie noch wie neu und blieben trotzdem liegen. Essen die Leute kein Gemüse mehr? Haben die Angst vorm Vitaminschock? Und dann ...“, er zeigte auf die Börsenzeitung, „... sehen sie sich das hier an. Vorletzte Woche schrieben sie, man solle Siemens kaufen. Ich kaufe also Siemens. Was passierte? Siemens sackte ab. Diese  Woche schrieben sie, man solle Daimler kaufen. Was passierte? Mit Daimler gar nichts, aber Siemens steigt.“
„Seien Sie doch froh. Dann haben Sie mit Ihren Siemens-Aktien doch richtig gelegen.“
„Wie denn? Die habe ich doch verkauft, um Daimler kaufen zu können.
Holgersens Laden lief eigentlich recht gut. Es war schließlich auch der einzige weit und breit. Nur bei Paprika und Aktien hatte er anscheinend keine so glückliche Hand.
„Was gibt's zu Essen?“, wollte Wohe wissen.
„Oh la la. Extra für unseren Inspektor ...“
„Inspektor gibt's kan.“
„... eine der ältesten Finessen, die der Ackerbau hervorbrachte. Bevorzugt mit säuerlichem Zusatz und klein geschnittener Wiener.“
„Wow. Linsensuppe. Mit Weißweinessig?“
„Selbstverständlich. Und dazu frische Brötchen.“
„Und kaltes Bier?“
„Sechs Grad. Wie es sich gehört.“
Wohe lief das Wasser im Mund zusammen, Pawlows Hunde waren nichts dagegen .
„Wann geht's los?“
Holgersen zeigte auf den großen Topf auf seinem Herd. „Köchelt seit heute Morgen. Wollen Sie noch auf Ihren Adlatus warten oder schon beginnen?“
Wohe sah auf seine Uhr. Ein bisschen früh war es schon noch. „Ich warte. Bringen Sie mir erst mal einen Kaffee als Aperitif.“
Und zur Stressbekämpfung. Heute war ja vielleicht was los.
Pünktlich zur Mittagszeit kam Schröder: „Auf der Notaufnahme wissen sie nichts von Knut und Informationen über Patienten auf den normalen Stationen bekommt man beim Pförtner. Aber der sagt nichts.“
„Wie? Sagt nichts?“
„Er gibt keine Auskunft. Er hat in irgend einem Fernsehfilm gesehen, dass die Datenschutzbestimmungen einen richterlichen Beschluss erfordern, wenn die Polizei Auskunft über einen Patienten haben will. Da ist nichts zu machen. Der hält den Mund und lässt einen einfach nicht durch.“
„Das ist doch Quatsch. Außerdem wollen wir keine Interna wissen, sondern nur, ob der überhaupt dort ist oder nicht.“
„Das habe ich auch gesagt. Aber hast du schon einmal versucht, einen Pförtner oder eine Sekretärin oder so was mit Argumenten zu überzeugen? Chancenlos.“
Das stimmte.
„Es gibt Linsensuppe.“
„Fein.“
Sie winkten Holgersen zu und ihre Suppe kam.
Wohe gab etwas Essig hinzu und probierte, dann noch einmal und noch einmal und noch einmal. Dann passte es.
„Warum schüttest du nicht gleich einen ganzen Löffel rein?“ Schröder kannte das zwar schon, aber klar war ihm das Prozedere nicht.
„Weil ich ein Gourmet bin und kein Gourmand.“
„Äh?“
„Iss.“
Vor dem Revier hielt das Auto von Janke und der Bauer ging ins Revier, kam aber gleich wieder raus. Logisch, war ja keiner da.
„Hast du das Revier abgeschlossen?“, fragte Wohe.
„Nee, ich dachte, dass machst du.“
„Ich?“
„Du.“
„Nee.“
Wie auch immer: sie waren ja in Sichtweite.
„Was will der Janke bei uns?“ Schröder war verwundert. „Es ist Mittagszeit.“
„Wahrscheinlich die Vermisstenanzeige wegen Knut aufgeben.
„Und nun?“
„Nun gehst du rüber und nimmst die Anzeige auf.“
„Ich esse gerade.“
„Ich auch. Und zwar Linsensuppe.“
Schröder resignierte und ging zur Tür. Kehrte aber dann um, da der Bauer gerade wieder fortfuhr.
Wohes Terrine war leer und sein Handy klingelte.
Bauer Janke klang ärgerlich. „Ich wollte Knut als vermisst anzeigen. Sie waren aber nicht da.“
„Wir waren ermitteln.“
„Und nun?“
„Nun kommen sie nochmal. Warum haben Sie nicht angerufen?“
„Handy vergessen.“
„Natürliche Auslese.“
„Haha. Ich brauche jetzt erst mal noch ne Stunde wegen der Milch. Dann komme ich wieder.“
Was wollte der eine Stunde lang mit der Milch machen? Angucken? Vergiften? Warten bis sie sauer wird?
Neugierig war Wohe jetzt aber doch. „Was machen Sie eine Stunde lang mit der Milch?“
„Gar nichts. Ich muss nur auf den Milchwagenfahrer warten. Wenn ich beim Wiegen nicht dabei bin, beschubst der mich doch mit 100%iger Sicherheit. Die Welt ist schlecht, das müssten Sie als Polizist doch wissen. Sonst bräuchte man Sie schließlich nicht. Seien Sie aber nachher auch da.“
„Sind wir. Wenn wir nicht gerade die Welt retten müssen.“
Sie saßen noch ein wenig am Fenster, schauten der Ruhe beim Verweilen zu und verdauten.

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BeitragVerfasst am: 02.07.2022 08:15    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Schließlich kam Bretschneider mit Sanne auf der Schulter. Er setzte seine Tochter vor dem Revier ab und verschwand um die Ecke. Sanne mühte sich humpelnd ins Revier. Keiner da, also verließ sie es wieder und kam flott zu Holgersen gelaufen.
„Spontanheilung“, diagnostizierte Wohe.
„Eindeutig. Ich geh dann mal rüber.“ Abgang Schröder.
„Hallo“, sagte Sanne. „Wir müssen reden.“
„Oh“, sagte Wohe.
„Es handelt sich um ein sogenanntes nicht-Gespräch.
„Das klingt konspirativ, nach Spionage und so.“
„Konspirativ ja, Spionage nein. Es geht um deinen Freund, meinen Vater. Ich bin etwas beunruhigt.“
„Haut er grade ab? Wo will er denn hin?“
„Er haut nicht ab, sondern geht zum Buchhändler, was abholen. Ich kann einiges an seinem Verhalten nicht so recht interpretieren. Es hat wohl mehr mit Gefühlen und ähnlich Irrationalem zu tun und da fehlt mir anscheinend noch die dazu gehörende hormonelle Grundausstattung. Überdies bist du als sein Geschlechtsgenosse da eh kompetenter als ich.“
Wohe war fassungslos. Dass Sanne jemanden für kompetenter als sich selbst hielt, war noch nie vorgekommen.
„Was ist los?“
„Er liest Dylan Thomas und zitiert Rilke. Do not go gentle into that good night und dann auch noch Herbsttag und solchen Quatsch. Und er sieht sich auch Bilder von Mama an. Mehrfach. Klingt nach Melancholie, nicht wahr?“
Wohe überlegte. „Die Sache mit den Bildern ist an sich nicht ungewöhnlich. Aber Rilke ...“ Wohe hasste Rilke, seitdem ihm seine Interpretation der Duineser Elegien die Eins im Abitur vermasselt hatte.
„Ich nehme an“, fuhr Sanne fort, „ihm fehlt das biologische Pendant zur Regulierung des Emotionalen. Die Frage ist, wie dringlich so etwas ist und was man dagegen tun kann und das kannst du als Mann nun besser als ich beurteilen. Also werde deiner sozialen Verantwortung gerecht und beurteile.“
Wohe seufzte. Auch das noch. „Ich denke mal, du siehst das ganz richtig.“
Sanne sah ihn wartend an. Anscheinend war die Antwort nicht ausreichend.
„Um es klar zu stellen: der Mensch ist ein soziales Wesen und wünscht sich grundsätzlich einen Partner oder eine Partnerin. Erstens wegen des Sex ...“, Wohe war leicht verunsichert - schließlich war Sanne erst neun. Andererseits war sie halt Sanne, „... und zweitens wegen der von dir angesprochenen Gefühle. Das lässt sich rational nicht steuern und gilt für absolut jeden Menschen. Aber mach dir keinen Kopf: Dein Vater psychisch stabil genug, um eine gewisse Zeit des Alleinseins unbeschadet zu überstehen.“
Problematisch war nur, dass das einzige weibliche Wesen auf dieser Erde, mit dem er beim Frühstück über Gleichungen zur Relativitätstheorie und zum Abendbrot über Rilke und Thomas diskutieren konnte, vermutlich seine Tochter war. Das sah tendenziell nicht gut aus.
„Klar ist natürlich, dass die Partner in einer Beziehung auch zueinander passen müssen. Man kann sich also nicht jemanden aus dem Katalog bestellen, sondern es muss eine Zuneigung entstehen, die sich auch aus ähnlichen Interessen und ähnlichen Formen der Lebensführung speist und so was ist nicht einfach. Für viele ist dein Vater sicher eine interessante Vorstellung, aber gilt das auch umgekehrt? Gerade vorhin schwärmte Frau Fech von seiner stattlichen Erscheinung, aber dein Vater und Frau Fech ...“
Sanne erbleichte.
„Meine Idee ist also: Sprich ihn auf das Thema an und schick ihn in die Stadt. Oder fahrt zusammen hin. Nach Hamburg oder so. Zum im Café sitzen, Bücher kaufen oder Vorträge hören oder haltet selber welche. Erstens kommt ihr dabei mal wieder aus Schönebostel raus und bei der Gelegenheit lernt er vielleicht jemanden kennen. Eine Buchhändlerin oder eine Zuhörerin bei seinem Referat oder einfach so im Café.“
Eigentlich eine gute Idee. Wann war er denn selbst das letzte Mal auswärts gewesen?
Sanne seufzte. „Besten Dank. Ich geh mal zum Buchladen. Sonst bändelt er noch mit dem Besitzer an oder kauft gar das Falsche.“
Sie lief über die Straße. Ganz offensichtlich noch unter Schock stehend. Erst an der nächsten Ecke hatte sie sich wieder erholt und humpelte weiter.
Diesmal rollte der Porsche schön langsam vors Revier. Die Fernsehfrau stieg aus und ging hinein. So von hinten recht  hübsch anzuschauen eigentlich, passend zum Auto. Auch von vorn, so wie sie jetzt zu Holgersen herüber kam.
„Der Polizist da drüben sagte, dass ich Sie hier finden kann.“
„Pause“, erklärte Wohe.
„Ah ja. Nicht unwichtig. Man kann ja schließlich nicht nur arbeiten, nicht wahr?“
„Stimmt.“ Und so langsam könnte sie mal zur Sache kommen. Bekanntermaßen hatte er gerade Pause.
„Wir hatten ja heute schon einmal das Vergnügen“, sagte sie. „Vielleicht fehlte es mir da ein wenig am nötigen diplomatischen Feingefühl. Immerhin war es noch früh am Morgen.“
„Aha.“
„Sehr früh am Morgen. Eigentlich noch vor dem Frühstück und Sie wissen ja, da ist man meist noch nicht so richtig einsatzfähig.“
Wusste er. War er selbst auch nicht. Trotzdem und auch, wenn sie wirklich gut aussah: „Sie kommen wegen Ihrer Anzeige. Aber da kann ich nichts machen. Zu schnell ist zu schnell. Aber geschrieben habe ich ja noch nichts und vielleicht wollten Sie mich ja tatsächlich nicht unbedingt totfahren. Außerdem wäre das zwar ontogenetisch eine Katastrophe, phylogenetisch aber eher irrelevant. Daher schlage ich vor, wir gehen rüber aufs Revier, ich verwarne ich Sie, Sie zahlen ein Bußgeld von 15 € und fahren ab jetzt den Vorschriften entsprechend. Und dass Sie auf einem Dienstparkplatz parken, sehe ich einfach nicht. Schließlich geht es uns hier nicht um Paragraphenreiterei sondern um Einsicht und Besserung. Gut?“
„Dienstparkplatz? Wo zum Teufel steht das? Egal. Einsicht, Besserung. Klar. Kommt bestimmt nicht wieder vor. Machen wir das so.“
Junge, Junge. Bei dem Eifer musste die aber einen Punktestand in Flensburg haben.
„Was machen Sie eigentlich hier in der Gegend?“
„Wir drehen einen Film über das Landleben.“
„Beim Bauhaus?“
„Ja. Anscheinend spielt sich das Leben des Landvolks zum großen Teil im Bauhaus ab.“
Das stimmte. Wenn man Schröder als Archetypus des Landbewohners ansah.
Wohe ging zur Kasse, zahlte und fand sie bei seiner Rückkehr mit offenem Mund durch die Scheibe starrend.
Bretschneider mit Sanne auf den Schultern war natürlich schon ein imposanter Anblick. Er nahm seine Tochter von der Schulter und kam herein.
Wohe stellte vor: „Bretschneider, Sanne, ...“
„Susanne“, sagte Sanne.
„... ihren Namen weiß ich nicht.“
„Doris. Doris Rehmagen.“ Die TV-Frau hatte Flensburg anscheinend vergessen. Wohe und den Rest der Welt ebenfalls.
Bretschneider dito. Er hielt Sanne mit der einen Hand in der Luft und schüttelte mit der anderen die der Fernsehfrau.
„Papa“, rief Sanne und landete wieder auf dem Boden. „Ich glaube, wer sind hier überflüssig“, sagte sie und zog Wohe zum Kuchenstand.
„Ich habe gerade gegessen“, sagte Wohe.
„Macht nix. Ich möchte trotzdem einen Bienenstich. Meinst du, wie die sich anstarren, hat das was zu bedeuten?“
„Hat es.“
„Aber Papa interessiert sich überhaupt nicht für Filme und so.“
„Naja, für lebenslange Gespräche fehlt den beiden vielleicht tatsächlich die Grundlage, aber diskutieren kann er ja mit dir.“
„Du willst damit sagen, fürs Gefühlsleben reicht es.“
„Definitiv.“
„Dann lassen wir der Biologie mal ihren Lauf und ich begleite dich zum Ermitteln.“ Sie wendete und schob ihn aus dem Laden. Dass sie ihrem Vater zuliebe auf Kuchen verzichtete, zeugte eindeutig von kindlicher Zuneigung.
„Ich hatte dir noch nicht erzählt“, sagte Sanne, „dass wir im Bauhaus waren.“
„Schon wieder? Warum? Wollt ihr euer Haus verschönern?“
„Nee, aber ich habe gefragt, ob sie dort in letzter Zeit Mistforken verkauft haben.“
„Aha.“
„Dein Interesse scheint zwar eher unausgeprägt, aber ich verrate dir trotzdem, dass sie nicht eine einzige verkauft haben. Hättest du nicht gedacht, nicht wahr?“
„Jou.“
Sanne sah ihn skeptisch an. „Klingelt's nicht?“
„Nee. Und es gibt auch nichts, bei dessen Ermittlung du helfen könntest. Und wir müssen jetzt auch los, unser Auto abholen.“
„Ah ja. Ist das die Geschichte mit dem Beton?“
„Dein Vater hat gequatscht.“
„Klar. So etwas hört man schließlich nicht alle Tage. Dann fahrt nur. Ich hüte solange euer Zuhause.“
Eine Neunjährige als Polizeivertretung. Wohe konnte sich die Reaktion seines Chef lebhaft vorstellen. „Nee, das geht nun wirklich nicht. Stell dir vor, es kommt jemand und will was oder überfällt das Revier.“
„Soll ich vielleicht eine beginnende Liebe zerstören bevor sie aufblühen kann? Nur, weil du mir kein Obdach gewährst und ich meinen Vater beim Turteln stören muss? Das ist nicht dein Ernst.“
Wohe seufzte. Mal wieder. Junge, Junge. Warum hatte er es nicht mit normalen Verbrechern zu tun? So was wie Hedgefondsmanagern oder Mafiosi? „Du sitzt still in der Ecke und gehst weder ans Telefon noch lässt du dich mit irgend jemandem auf ein Gespräch ein. ok?“
„Klar doch.“
„Und schließ die Tür ab.“
„Mach ich.“
Wohe winkte Schröder herbei und sie fuhren zur Werkstatt.
„Sie sind also der Mann mit dem Beton.“ Der Werkstattleiter grinste Wohe an und pfiff seine Untergebenen herbei. „Das ist der Mann, der es fertigbringt, seinen Dienstwagen zuzubetonieren.
Allgemeines Amüsement.
Wohe war weniger belustigt. „Würden Sie mir mal verraten, woher Sie Ihre Informationen über den Hergang haben?“
Der Werkstattleiter zeigte auf den Rücken des zum Wagen fliehenden Schröder.
„Dachte ich mir.“ Wohe verweigerte die Mitnahme des zerbröselten Betonrestes und fuhr mit deutlich überhöhtem Tempo zurück. Wegen der Hassphantasien. Schröder war eh zu fett, da würde Ausweiden Abhilfe schaffen. Oder sollte er Schröders Frau von dessen Schokoladenvorräten im Revier erzählen? Stopp, bei allem Adrenalin: das ging nun doch zu weit.
Sein Handy klingelte und Wohe reduzierte sein Tempo auf Null.
„Sie wollten doch meine Anzeige aufnehmen“, rief Bauer Janke, „und jetzt lässt mich Ihre Sekretärin nicht mal rein. Seit wann kann sich so eine mickrige Dienststelle wie Ihre überhaupt eine eigene Sekretärin leisten? Und was heißt »dringende Ermittlungstätigkeit«? Sie sollen meinen Knut suchen. Sonst gibt's hier doch sowieso nichts zu ermitteln.“
Hatte der keinen Friseur oder litt der an Logorrhoe?
„Erstens“, sagte Wohe, „hat die Dienststelle kein Geld für eine eigene Sekretärin und die unbezahlte Freiwilligenkraft kann Sie deshalb auch nicht reinlassen und zweitens ermitteln wir gerade in Sachen Knut. Wir sind also in Ihrer Angelegenheit unterwegs. Noch was?“
„Ja und? Wo ist er?“
„Wer?“
„Na Knut natürlich.“
„Keine Ahnung. Da hat ihn jemand verwechselt. Kommen Sie nachher einfach nochmal vorbei. Dann nehmen wir Ihre Anzeige auf.“
„Oh Mann. Wie oft denn noch?“ Janke legte auf und Wohe stieg aus und machte erst mal einen Beruhigungsspaziergang.
Sanne war nicht mehr im Revier, als er ankam. Dafür Schröder.
„Bevor du was sagst“, sagte der, „als ich den Wagen abgegeben habe, habe ich mich vielleicht etwas unklar ausgedrückt und die haben das vielleicht insoweit missverstanden, dass du etwas mit der Sache mit dem Kofferraum zu tun hast. Du weißt ja, ich neige manchmal etwas zum nuscheln.“
Schröder konnte sogar mit vollem Mund klar reden, aber egal. Wohe war müde. „Schon gut.“
Er sah Frau Fech, die Fernsehfrau, Bretschneider und Sanne in seltener Eintracht aus Holgersens Laden kommen und Frau Fechs Käfer besteigen.
Er ging Kaffee trinken. „Bedienung.“
Holgersen kam aus den Tiefen seines Labyrinths hervor und strich die verrutschte Haarsträhne wieder in die korrekte Lage.
„Kein Stress. Ich muss mich erst mal erholen. Wir hatten nämlich gerade philosophisches Seminar.“
„Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum?“
„Sesamstraße. Bretschneider und Sanne haben Frau Fech die Hegelsche Dialektik erklärt.“
„Uäh.“
„Genau. Aber eigentlich ist das ganz einfach. Man muss nur die richtigen Beispiele verwenden.“
„Nun reden sie schon.“
„Also:
1. Die These: Bretschneider sagt, dass Erziehungsberechtigte ihren Kindern alles oktroyieren dürfen, da diese mangels Erfahrung keine Werteanker haben und ihnen somit jegliche moralische Bewertungsgrundlage fehlt. Außerdem hätten Kinder ihre eigenen Füße zu benutzen.
2. Die Antithese: Sanne sagt, dass Erziehungsberechtigte ihren Kindern gar nichts oktroyieren dürfen, da diese ihre eigenen Erfahrungen machen müssen und deren intellektuelle Verarbeitung dem Hirntraining und der moralischen Instanziierung dient. Überdies hätten Eltern für die Schonung frisch verheilter Extremitäten zu sorgen.
3. Die Synthese: Bienenstich mit Pudding.“
Wohe war beeindruckt: „In der Schlichtheit der Gedanken zeigt sich deren Genialität.“
Holgersen grübelte. „Ist das auch von Hegel?“
„Nee. Von mir.“
„Na ja.“
„Nix na ja. Das ist richtig gut. Seit wann sind eigentlich die Bretschneider und Frau Fech so intim?“
„Weiß ich nicht. Ich konnte nicht weiter zuhören, da ich mir die Sache mit dem Hegel schnell aufschreiben musste. Wäre ja schade, wenn derartige Aphorismen der Nachwelt verloren gingen.“
„Stimmt.“
Wohe trank seinen Kaffee und sah aus dem Fenster. Nichts los in Schönebostel. Ruhe. Ansteckende Angelegenheit.
Er ging und sagte Schröder Bescheid: „Ich mach heute mal früher Feierabend. Du hältst die Stellung.“
„Was ist los?“
„Burn out.“
„Wer?“
„Ich.“ Wohe fuhr nach Hause und schaltete ab.

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wohe
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BeitragVerfasst am: 06.07.2022 08:27    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Irgendwann drang das Klingeln des Handys in seine Träume. Parallel dazu bimmelte auch noch das Festnetz-Telefon.
Sanne auf dem Handy, das Display des anderen Telefons zeigte Schröder an.
„Knut ist wieder da“, sagte der.
„Mal wieder.“
„Was ist mit dir los? Du klingst so verwaschen?“
Wohe schüttelte sich ein paar Mal. „Ist's jetzt besser?“
„Ist es. Also: Sanne rief an und berichtete, dass Knut wieder unter den Lebenden weilt und auf dem Weg vom Krankenhaus zu Janke ist. Und dann rief Janke an, dass er wieder da ist.“
„Und was war los?“
„Keine Ahnung. Ich fahre zu Janke und spreche mit Knut.“
„Mach das. Ich rede mit Sanne.“
Er ging ans Handy. „Was ist mit Knut.“
„Knut war im Krankenhaus. Er hatte eine Gehirnerschütterung ...“, Sanne unterbrach sich und lachte.
„Was gibt's da zu lachen?“
„Ich stelle mir gerade vor, was da wohl bei Knut erschüttert worden ist. Andererseits kann so eine Erschütterung bei ihm wahrscheinlich üblere Ausmaße annehmen als bei anderen. Schließlich kann so ein kleines Hirnchen richtig gut Anlauf nehmen, wenn es von seiner einen Schädelinnenseite an die andere kracht. Wie dem auch sei: er war gestürzt und hatte sich dabei verletzt und gestürzt war er, weil er an unbehandeltem Diabetes litt.“
„Hatte das möglicherweise auch was mit seinen Toden zu tun.“
„Ja. Wenn du Genaueres wissen willst, komm nachher vorbei. Doris macht Spaghetti.“
Doris macht Spaghetti. Na, das war ja schnell gegangen.
„Ich will euer trautes Familienglück nicht stören.“
„Du störst es nicht, du rettest es möglicherweise. Die redet erstens ununterbrochen und zweitens meist über Filme. Mein Vater ist schon ganz verzweifelt, weil er doch nach Conan dem Barbaren keinen mehr gesehen hat und auch den hat er sich bloß angeschaut, weil er fälschlicherweise dachte, er könne mal jemanden begutachten, der mehr Muskeln hat als er selbst. Und ich kenne mich in dem Metier auch nicht aus und uns beide zusammen interessiert das auch nicht sonderlich.“
Das hatte sich ja verdammt schnell herauskristallisiert.
„Soll ich jetzt mit der über so was reden? Und ihr sitzt daneben und analysiert uns dabei?“
„Du sollst als Katalysator dienen, um auch mal ein anderes Thema auf den Tisch zu bringen. Wir könnten zum Beispiel die Chronologie der Geschichte von Knut dem Knecht diskutieren.“
Sie meinte wahrscheinlich: sie wollte referieren.
„Wann?“
„Zum Abendbrot.“
Wohe begann einen neuen Ruheversuch. Prompt meldete sich Schröder. „Knut sagt, er war krank und deshalb im Krankenhaus. Und jetzt müsse er dringend ausmisten und wolle vorher noch zum Bauhaus. Er habe klasse neue Mistforken gesehen.“
„Bloß nicht. Sag dem Kerl, er hat hier Einreiseverbot. Ich knall den ab, wenn er sich noch einmal in Schönebostel sehen lässt. Egal, ob tot oder lebendig.“
Genuschel, dann war wieder Schröder dran: „Er sagt »Äh?«.“
„Vergiss es. Mach Feierabend.“

Sanne ließ ihn ein und verschwand mit gerunzelter Stirn in der Küche.
„Oh“, sagte Wohe zu Bretschneider. „Dicke Luft?“
„Nicht direkt. Aber die junge Dame hat Probleme mit der Interpretation deutscher Lyrik.“
„Habe ich nicht“, schallte es aus der Küche.
Die TV-Frau kam und schob Wohe in den Flur. „Irgendwie sind mir die beiden ein wenig unheimlich.“
„Ungewöhnlich vielleicht, aber unheimlich? Man gewöhnt sich dran. Worum geht's?“
„Um Heine und sein Napoleon-Gedicht und ob der nun Anhänger des Kaisers war oder nicht. Ich wusste nicht mal, dass der so ein Gedicht überhaupt geschrieben hat.“
Wohe tätschelte ihr beruhigend den Arm und ging deklamierend zurück ins Wohnzimmer.
„Was schert mich Weib, was schert mich Kind?
Ich trag weit bess'res Verlangen.
Lass sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind,
mein Kaiser, mein Kaiser gefangen.“
„Genau“, sagte Bretschneider. „Hast du also doch noch einen Rest an humanistischer Bildung im Oberstübchen.“
„Wenn schon dieses Zitat kein Beleg für banalste Verherrlichung ist“, rief Sanne, „ist die Sprache zur Bedeutungslosigkeit verdammt.“
„Töchterchen“, sagte Bretschneider, „das Mittel der rhetorischen Hyperbel gab es auch vor 200 Jahren schon. Und man kann eine Person auch für eine Idee stehen lassen.“
Als Antwort erklangen Geräusche gemarterten Geschirrs.
Sanne kam wieder ins Wohnzimmer und erläuterte: „Genau das ist der springende Punkt. Ihr müsst das im Kontext der damaligen Zeit sehen. Niemand war so plietsch, dass er um mehr als eine Ecke dachte, wenn er so ein Gedicht las und diese Ecke ist die durchgängige Diktion, die keinen Raum für abweichende Interpretationen lässt.
Stimmt's?“ Die Frage ging an die verschüchtert im Wege stehende Doris.
„Ähm“, sagte die.
„Und das dir als promoviertem Philosophen“, fügte Sanne in Richtung ihres Vaters hinzu.“
„Ich denke, du bist Mathematiker?“, fragte Doris.
„Auch“, sagte Bretschneider und sah Wohe an.
„Ich sag da nix zu.“
„Feigling“, sagten Bretschneider und Tochter.
„Bin ich“, gab Wohe zu. „Aber ich will kein Gift in der Bolognese haben.“
„Es gibt Gorgonzolasoße“, flüsterte Doris.
„Abgesehen davon haben sich schon unzählige Generationen von Schülern und Kritikern über diese Ballade ausgelassen und ich bin sicher, dass es hier auch entsprechende Kommentare gibt.“ Wohe zeigte auf die Bücherregale.
Gemeinsames Stirnrunzeln der Familie Bretschneider.
„Schon, aber darauf wollen wir uns mal lieber nicht verlassen“, sagte Sanne und ihr Vater ergänzte: „Weil das bloße Nachplappern anderer Leute Meinung automatisch die Trägheit des eigenen Hirns fördert.“
„Wohl wahr.“ Sanne nickte.
Sekundärliteratur fand Wohe eigentlich nicht schlecht. War so ähnlich wie Abschreiben in der Schule und das hatte er regelrecht perfektioniert.
Er gab das Stichwort: „Knut der Knecht.“
„Da hat sie sich drum gekümmert.“ Bretschneider zeigte auf seine Tochter und deckte den Tisch.
„Ganz grob“, begann diese, „kann man zusammenfassen, dass Knut wegen seiner Zuckerkrankheit immer wieder ins Koma fiel. So was ist latent tödlich, aber da sein Stoffwechsel infolge seiner Vorliebe für Alkohol total durch den Wind ist, ist er, übrigens sehr zum Erstaunen des Krankenhausarztes, zwar immer wieder aufgewacht, war aber zunehmend verwirrt.“
„Hat der Arzt dir das erzählt?“
„Ja.“
„Und der Datenschutz.“
„Verliert gegen meinen Charme.“
Ah ja.
Sie begannen zu essen und  Sanne fuhr fort: „Am Montag fühlte er sich aber so schlecht, dass er selbst ins Krankenhaus gegangen ist; und zwar zu Fuß. Wegen geistiger Abwesenheit.“
Wohe fiel etwas ein. „Wieso habt ihr überhaupt die Auskunft erhalten, dass er sich dort befindet?“
„Wir sind hin gefahren und haben dem Pförtner gesagt, wir wollen Knut besuchen und er hat uns Station und Zimmer genannt und das war's.“
So ging das also.
„Wir?“
Sie wickelte eine Ladung Spaghetti um die Gabel und kaute versonnen darauf herum.
„Gut al dente.
Papa, Doris, Frau Fech und meine Wenigkeit. Aber chronologisch: am Montag vor einer Woche brach Knut zum ersten Mal zusammen. Er wollte zum Bauhaus, eine neue Mistforke kaufen und zum Buchhändler, Rechnungsbücher für seinen Chef abholen. Die alte Mistforke nahm er mit.“
„Wieso mit der alten Mistforke.“
„Habe ich ihn auch gefragt. Die Antwort war: als Muster.“
„Sind Mistforken nicht alle gleich?“
„Sind sie.“
„Verstehe ich nicht.“
„Ich auch nicht. Knut-Logik halt. Problematisch war, dass er schon ein bisschen gaga war. Woher wissen wir das? Weil er erst mit seinem Schlepper am Buchladen vorbei zum Bauhaus fuhr, den dort stehen ließ und samt Mistforke per pedes zurück zum Buchladen marschierte, um dort ohne zu bezahlen ein falsches Buch abzuholen und dann weiter in Richtung Derrens ging, wo ihm am Ortsschild dann schummrig wurde. Das Folgende ist dann das Ergebnis einer Deduktion, er selbst weiß von alle dem nichts mehr. Wahrscheinlich ist jedenfalls, dass er sich noch hinsetzen und an das Ortsschild lehnen konnte. Die Mistforke muss er so gehalten haben, dass ihre Zinken auf seinem Bauch zu liegen kamen. Da ein paar Zinken fehlten, sah es so aus, als würden sie in ihm drin stecken.“
Wieder gab es eine Pause wegen der Spaghetti.
„Knut war also nicht tot. Dann hat Frau Fech ihm den Puls gefühlt. Wie man an ihrem dreckigen Handschuh erkennen kann, ohne den vorher auszuziehen und somit konnte sie natürlich auch nichts fühlen und das Blut war also auch kein Blut, sondern wahrscheinlich nur Dreck, wovon es an Knut anscheinend jede Menge gab. Und Herr Jensen hat ihn sich gar nicht genauer angesehen. Dem reichten die Mistforke und der Augenschein. Knut jedenfalls wachte nach bald wieder auf und ging weiter nach Haus zum Ausmisten. Schlepper, Mistforke und Bauhaus hatte er infolge des Schocks oder mangels Hirn verdrängt, an das Buch konnte esi nierrinn...“
„Häh?“, fragten Doris und Wohe.
„Man spricht ja auch nicht mit vollem Mund.“ ermahnte Bretschneider seine Tochter. „Kleiner Mund und große Gabel. Wie wir hören, klappt das nicht. Vielleicht haben wir noch irgendwo einen Babylöffel für dich rumliegen.“
Sanne kaute erst mal zu Ende. Dann warf sie ihrem Vater einen finsteren Blick zu und fuhr fort: „An das Buch konnte er sich eh nicht erinnern.
Soweit zum Montag.“
„Und bevor wir zum Dienstag kommen, isst du erst mal auf.“ Bretschneider startete einen neuen Erziehungsversuch. „Wir wissen alle, dass du das Dozieren liebst, aber trotzdem wollen wir doch bitte einen gewissen Stil wahren.“
Einige Minuten lastete das Schweigen schwer auf dem Tisch.
Dann beendete Sanne ihren Kampf mit den Spaghetti und erklärte den weiteren Verlauf:
„Am Dienstag geschah Folgendes: Der Schlepper stand ja noch vor dem Bauhaus. Und Knut hatte immer noch keine neue Mistforke und mit einer der unzähligen anderen auf dem Hof zu arbeiten, war für ihn Folter. Also schulterte er die alte Forke und marschierte los. Er schaffte er es bis zum Ortseingag von Schönebostel und da war er dann wieder weg. Er fiel um, schlug mit dem Kopf auf, holte sich Beule Nummer eins und blutete die Umgebung voll. Darauf folgte das übliche Prozedere. Frau Fech kam, sah und fuhr zu euch, er wachte entgegen aller medizinischen Wahrscheinlichkeit auf und marschierte nach Hause. Ohne Mistforke. Nach Hause ging er, weil er sich schlecht fühlte und er auch nicht mehr so recht wusste, wo er eigentlich hin gewollt hatte.“
„Das hat er gesagt?“
„Nein. Dazu kann er gar nichts sagen, weil diesbezüglich in seinem Kopf absolute Leere herrscht. Aber das ist die einzig logische Erklärung.
Nun werdet ihr euch fragen, warum Knut am Montag am Ortseingangsschild lag und am Dienstag am Ortsausgangsschild. Der Grund ist, weil man zu Fuß auf der Landstraße immer dem Verkehr entgegengehen soll und am Montag war er auf dem Weg nach Derrens und am Dienstag ging er nach Schönebostel.“
„So so.“
„Nix so so. Knut hält sich halt an die Verkehrsregeln. Das und das mit der Straßenseite hat er mir jedenfalls erzählt, als wir ihn aus dem Krankenhaus geholt haben.“
Bliebe die Frage, warum er dann nie auf der rechten Fahrbahnseite fährt.
„Den Rest des Dienstags verbrachte er jedenfalls mit Hofarbeit, wie Herr Schröder bestätigen kann, der ihn dort angetroffen hat.
Wir kommen zum Mittwoch: seine Mistforke war weg. Deren Aufenthaltsort wusste er nicht, aber dass sein Schlepper vorm Bauhaus stand, fiel ihm wieder ein. Also ging er los, fand auf dem Weg vor deinem Revier die Mistforke und nahm sie natürlich mit. Beim Bauhaus kam er aber erst mal nicht an, da ihn die übliche Ohnmacht übermannte. Er kippte um, kassierte die zweite Beule und wurde von den zufällig vorbeifahrenden Rettungssanitätern ins Krankenhaus gebracht. Dort wachte er auf, schnappte sich seine Mistforke und ging weiter zum Bauhaus, wo er einen lichten Moment hatte, endlich seine neue Forke kaufte, auf seinen Fendt stieg und nach Hause fuhr.
„Ich brauche ne Stärkung“, unterbrach Wohe.
Bretschneider holte die Kömflasche aus dem Regal und goss ein. Einen großen Schluck für Wohe, einen normalen für Doris und sich selbst und Fanta für Sanne.
Die fuhr fort: „Donnerstagmorgen ging es Knut richtig schlecht. Er bekam es mit der Angst zu tun und ging ins Krankenhaus. Zu Fuß. Warum, weiß keiner. Da er sich selbst einlieferte, konnten die Rettungsfahrer nichts von ihm wissen.
Dort haben sie dann relativ schnell festgestellt, dass er Diabetes hat und ihn erst mal dabehalten, um ihn richtig einstellen zu können. Benachrichtigen konnten sie niemanden, schließlich hatte er auf die Frage nach Angehörigen »keine« gesagt.
Tja, das war's. Sind noch Spaghetti da?“
Das klang gut. War also nichts mit Zombies oder Erbschleichern oder entführten oder ausgebüxten Ausmistunwilligen. Wohe war beeindruckt. Sannes Zusammenfassung konnte er noch ein wenig kürzen, dann rein in den Bericht und vergessen das Ganze.
Er hielt Bretschneider sein leeres Glas hin.

Wieso war eigentlich in den Wein- und Kömflaschen nur noch so wenig drin?
Sanne hatte definitiv nicht davon getrunken und Bretschneider eher wenig wegen seiner Vorbildfunktion als Erziehender.
Blieb Doris, da Wohe aus Prinzip unschuldig war.
Doris zog Bretschneider ins Nachbarzimmer und redete eine Zeitlang auf ihn ein. Dann bekam er noch einen Kuss auf die Backe, sie griff sich Wohe und beide wankten einträchtig hinaus.
„Bretschneider“, sagte Wohe.
„Ist vorbei“, sagte Doris. „So nett die beiden sind, sie leben in einer anderen Welt. Da störe ich nicht nur, sondern weiß nicht mal, wovon die überhaupt quatschen. Oder weißt du, was eine rhetorische Hyperbel ist?“
„Eine bewusst übertriebene Darstellung.“
„Ich hasse dich“, sagte Doris und steuerte ihren Porsche samt Wohe in Schlangenlinien zu ihm nach Haus.

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BeitragVerfasst am: 09.07.2022 09:51    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Donnerstag:

So ein Polizeirevier konnte doch ein echter Hort des Wohlbefindens sein. Kein Telefonklingeln, keine auf Tasten klimpernden Mitarbeiter, keine Unsinn quatschenden Bürger, kein Kaffee ...
Schon schlecht. Ganz schlecht.
Wohe schaltete die Rufumleitung ein, peilte Holgersens Laden an, Schröder kam und sein Handy klingelte.
Bauer Janke jammerte: „Knut ist tot.“
„Ah ja.“ Wohe legte auf. „Ich geh mal rüber“, sagte er zu Schröder.
„Bringst du mir ein Schinkenbrötchen mit? Oder ein Salamibrötchen? Am besten beides.“
„Hast du nicht gefrühstückt?“
„Doch, aber es gab nur Müsli und Joghurt. Meine Frau achtet jetzt auf gesundes Essen.“
Das Handy klingelte aufs Neue: „Sie kommen besser mal nach Derrens zum Hof von Bauer Janke“, sagte der Rettungssanitäter. „Wir haben hier einen Toten.“
„Zufällig Knut der Knecht?“
„Genau. Woher wissen Sie das.“
„Weil das nichts Neues ist. Der ist öfters mal tot.“
„So, so. Wie immer dem sei. Diesmal ist der dann aber besonders tot. Ich meine: mausetot. Und es scheint sich nicht um einen natürlichen Tod zu handeln.“
„Wir kommen.“
Für sich selber konnte er garantieren, aber ... „Sag mal“, fragte er Schröder, „warst du seit gestern Nachmittag nochmal in Derrens?“
„Nee, wieso?“
„Alibi.“
„Häh?“
„Knut ist tot.“
„Ich war's nicht. Ich hab gebaut. Überdies wacht der sowieso gleich wieder auf.“
„Aber hin müssen wir trotzdem.“
Im Eingang erschien Sanne mit voller Einkaufstüte: „Ihr müsst mich nach Hause fahren.“
„Wieso? Wo ist dein Vater?“
„Weil ich fußkrank bin und mich auf dem Weg hierher überanstrengt habe. Mein Vater ist zu Hause.“
„Dein Fuß“, sagte Wohe, „ist in Ordnung und wir sind im Dienst. Wir können kein Taxi spielen, weil wir nicht in deine Richtung fahren. Sieh es als Reha-Training und lauf.
Und: alles Gute zum Geburtstag.“
„Auch von mir“, sagte Schröder. „Herzlichen Glückwunsch.“
„Danke“, erwiderte Sanne. „Ich hoffe, dass ich mit diesem Tag auch nach allgemeinem Dafürhalten endlich das Stadium der Adoleszenz hinter mich gebracht habe und als normale Bürgerin betrachtet werde.“
Hm. Des Volkes Stimme mochte das bei einem gerade zehn Jahre alt gewordenem Mädchen möglicherweise etwas anders sehen und das Wort „normal“ war sicher auch ein wenig fehl am Platze.
Sie stiegen ins Auto. Alle drei.
„Sanne“, sagte Wohe.
„Susanne“, sagte Susanne.
„Wir haben wirklich keine Zeit. Wir haben einen Todesfall.“
„Ah ja. Knut der Knecht.“
„Woher weißt du das?“ Schröder war genauso erstaunt wie Wohe, hatte seine Zunge aber weniger im Zaum.
„Weil ihr mit einem Elan unterwegs seid, als drohe euch ein Konzert mit atonaler Musik.“
„Was ist das?“, wollte Schröder wissen.
Sanne machte eine Reihe von krächzenden und schrillen Tönen.
„Was war das?“, fragte Schröder.
„Atonale Musik.“
„Oh.“
„Wenn du nicht bald losfährst“, meinte Sanne, „ist Knut tatsächlich wieder wach, bevor wir ankommen und so eine Wiederauferstehung ist eine Erfahrung, die für einen sich bildenden Geist auf Grund ihrer Seltenheit von ungeheurem Wert ist. Vor 2000 Jahren war schließlich niemand direkt dabei.“
„Hör zu“, sagte Wohe. „Wir sind die Polizei. Also werden wir uns die Sache ansehen und du bleibst im Auto und machst dich klein.“
„Ich bin klein.“
„Noch kleiner. Schließlich muss niemand mitbekommen, dass wir irgendwelche Kinder mit zu einem Einsatz nehmen.
Ist das klar?“
„Klar.“
Der Rettungswagen stand vor dem Kuhstall.
„Die richtige Autorität verkörperst du ihr gegenüber aber auch nicht“, sagte Schröder auf dem Weg in den Stall.
„Was soll ich machen? Sie mit Gewalt aus dem Wagen zerren?“
„Ihr drohen?“
„Womit?“
Das wusste Schröder allerdings auch nicht.
Eine typische Szene aus dem Landleben: ein kleines Geviert, darin eine Kuh, neugierig schauend.
Weniger typisch: davor Knut, zwar mit offenen Augen, aber anscheinend nicht mehr schauend. Daneben Bauer Janke und zwei Rettungssanitäter.
„Da ist nichts mehr zu machen“, sagte einer der beiden.
„Warum ist er blau und warum hängt seine Zunge raus?“, wollte Schröder wissen.
„Sauerstoffnot.“
„Was ist passiert?“
„Keine Ahnung. Aber schauen Sie mal, warum wir Sie angerufen haben.“ Der Sanitäter zog Knuts Hemd auseinander und zeigte auf ein gewaltiges Hämatom oberhalb dessen Solar Plexus. Er drückte auf dem Brustkorb herum und der erwies sich als sehr flexibel. „Eindeutig Gewalteinwirkung mit daraus folgenden Rippenbruch. Da können dann schon mal spitze Enden bilden, die sich gern in Herz oder Lunge oder Adern bohren.“
„Wow“, sagte Sanne.
„Du bist doch die kleine Bretschneider“, sagte Janke. „Was machst du hier?“
„Wir haben sie als hilflose Person unterwegs aufgenommen“, erklärte Wohe. Und zu Sanne: „Setz dich bitte wieder in den Wagen.“
„Stimmt“, sagte der Sanitäter. „Das ist hier nichts für Kinder. Du holst dir hier noch ein psychisches Trauma weg.“
„Warum steckt die Mistforke neben ihm im Boden?“, fragte Sanne.
Keiner antwortete.
„Bis zum Gabelende in den Boden gedrückt. Warum? Und warum zeigt der Stil in Richtung Gatter. Und warum ist die Kuh so hibbelig?“ Sanne zeigte auf das Tier im Gatter.
Keiner antwortete.
„Warum steht die Kuh hier allein im Gatter?“
Weiterhin Ruhe.
„Ja, warum eigentlich?“ Wohe fragte Bauer Janke.
„Mann, Sie habe Sorgen.“ Der Bauer schien genervt. „Weil sie kalben soll und deswegen etwas nervös ist und mir die anderen Viecher nicht damit anstecken soll. Wegen der Milch. Klar?“ Der Bauer ging hinüber und strich der Kuh beruhigend über den Kopf. „Nicht wahr Lara? Demnächst geht's los.“
„Lara?“, fragte Wohe.
„Jou. Wie Lara Croft, die mit den großen ... Sie wissen schon.“
Wohe wusste. Er besah sich das entsprechende Teil der Kuh. Arme Angelina Jolie.
Sechs Männer. Einer davon tot. Die Restlichen standen um ihn herum und sahen zu, wie das traumagefährdete Mädchen den Toten beschnüffelte, an ihm herumtastete, einen Insulinpen aus seiner Tasche holte, „oh“ sagte und ihn Wohe zuwarf, dann den Boden vor und im Gatter inspizierte, auf das Gatter kletterte und herunter sprang.“
„Dein Fuß“, rief Schröder.
„Oh ja“, sagte Sanne. „Danke.“ Und dann lächelte sie alle an: „Klare Sache, nicht wahr?“
Keine Antwort.
Einer der Sanitäter wachte auf: „Klare Sache. Mord beim was auch immer. Jedenfalls Mord im Kuhstall. Und das ist hier kein Computerspiel. Also“, wandte er sich an Sanne, „ist das hier nichts für dich. Hör auf den Polizisten und schnell ins Auto mit dir, sonst kriegst du einen seelischen Schock oder was immer es da so gibt. Armes Kind.“
Das arme geschockte Kind ignorierte ihn und maß mit einem Finger den Durchmesser von Knuts Hämatom ab. Dann legte es den Finger an den Stiel der Mistforke.“ Na? Klingelt's?“
„Dass ihn die Mistforke umgebracht hat, habe ich schon verstanden“, sagte Wohe. „Aber sonst ist mir nichts klar. Und da ich nicht möchte, dass dein Vater mich in der Luft zerreißt, weil ich nicht auf dein Seelenheil Rücksicht genommen habe, sei so nett und hör auf den Sanitäter und zieh dich zurück.“
„Was aber den Tathergang betrifft ...“, sagte Sanne.
„Den verschieben wir auf später. Ok?“
„Wie du willst.“ Sie schlenderte zum Auto. Dann drehte sie sich noch einmal um: „Wegen Knut: Tut mir leid, der Mann. Diesmal hat's ihn wirklich erwischt.“
Dann kam Bewegung in die Herrenrunde. Die Sanitäter hoben Knut auf eine Trage und fuhren mit ihm in Richtung Krankenhaus. Bauer Janke wollte sich die Mistforke greifen und konnte nur knapp von Wohe gestoppt werden. „Das ist ein Beweismittel.“
„Aber ich muss ausmisten.“
„Dann nehmen Sie sich eine andere Forke und misten damit. Aber nicht hier. Hier müssen Spuren gesichert werden. Die Mistforke bleibt hier.“
„Was wollen Sie hier für Spuren sichern? Hier gibt's nur Kühe und Kuhdung.“
„Ich sichere gar nichts. Für so was haben wir unsere Fachleute.“
Wohe wandte sich an Schröder. „Sperr das ab. Und ruf die Leute von der Spurensicherung. Die sollen hier alles untersuchen.“
„Tatsächlich? Hier im Kuhstall? Sollen die im Mist wühlen?“
„Jou.“
Janke entschwand und Schröder ging hinaus, um Absperrband zu holen und um zu telefonieren. Wohe besah sich den Insulinpen, er war leer, die Forke, das Gatter und den Boden davor, Lara, ihren Euter - die arme Angelina - kletterte ebenfalls auf das Gatter und sprang wieder hinunter. Konnte ja nichts schaden, die Aktion, aber eine klare Sache war das Ganze danach trotzdem nicht. Vielleicht lag es daran, dass er mangels Masse nicht mehr an Knut schnüffeln konnte. Andererseits brauchte es wohl schon ein gehöriges Maß an kindlicher Unbedarftheit, um an einem Ausmister herumzuriechen.
Der arme Knut. Er war zwar mächtig nervig mit seinen dauernden Toden und an seinem Fahrstil hätte er durchaus noch arbeiten können, aber ihn umbringen? Das traute er weder Schröder noch sich selbst zu und sie beide waren wohl die einzigen mit einem echten Motiv. Aber vielleicht litt er ja an MPS und eines seiner anderen Ichs hatte sich Knuts entledigt. Immerhin war er selbst auch schon mehrfach aufgewacht, ohne zu wissen, wie er ins Bett gekommen war. Hatte er immer auf den Wein oder das Bier geschoben, aber konnte er sich da wirklich sicher sein?
„Wir haben vergessen zu fragen, wie lange Knut wohl ungefähr schon tot war“, sagte er zum zurückgekehrten Schröder.
„Nicht lange. Das muss wohl heute Früh passiert sein.“
„Wer sagt das?“
„Hat Sanne mir eben erzählt. Er war wohl noch gut warm.“
Damit wäre die Polizeidienststelle Schönebostel jedenfalls aus dem Schneider. So konnten sie auch guten Gewissens Essen fahren.
Bei Holgersen war Hochbetrieb.
Frau Fech und ihre Truppe schallten von weit hinten durch den Raum, die Fernsehleute waren um die Imbisstische versammelt und sogar einige Touristen oder Ähnliches standen im Weg.
Holgersen kämpfte mit seiner Haarsträhne und den Pommes.
„Was gibt's denn heute?“, fragte Wohe.
„Frikadelle mit Pommes.“
„Nee, ne? Das gab's doch die ganze letzte Zeit. Sie sollten wirklich mal über Ihr Angebot nachdenken. Vielfalt ist in. Absolut in.“
„Jawoll“, bestätigte Schröder.
Holgersen blies seine Haare aus dem Gesicht und beeilte sich zu erklären: „Eigentlich gab es heute Schnitzel mit Pilzen und Karotten, aber Sie sehen doch, was hier los ist. Diese Fernsehfritzen haben alles aufgegessen. Jetzt sind nur noch Frikadellen übrig. Wie sieht's also aus? Bouletten?“
„Nee, lassen sie mal. Keine Experimente. Ich nehme dann die Frikadellen“, sagte Schröder.
Wohe runzelte die Stirn. Konnte Zementstaub so was verursachen?
„Schnitzel mit Pilzen“, jammerte Schröder. „Im Wilden Westen hätte man die da aus der Stadt gejagt oder umgelegt.“ Er zeigte auf die Verursacher ihres Unglücks.
Doris kam auf sie zu und hakte sich bei Wohe unter. „Schon wieder im Dienst? Hat dich die Nacht so wenig beansprucht? Könnte man was gegen tun.“
Schröder verstand: „Wow.“
Holgersen ebenso: „Das' ja‘n Ding.“
„Das Ding aus einer anderen Welt“, sagte Wohe und sah Holgersen an.
Der schwieg.
Wohe begann zu zählen: “Zehn, neun, acht, sieben, ...“
„Kennen Sie nicht?“, fragte Doris. „Das ist ein Science Fiction von Carpenter. Klasse Film.“
„Stimmt“, sagte Holgersen. „Weiß ich doch.“ Er lief davon.
Wohe machte Kniebeugen und bemühte sich, an etwas anderes als an Doris Hals und die Guillotine zu denken.
„Kostet 20 Euro“, sagte er dann.
„Was?“
„Das hat Holgersen nie gewusst und so was kostet 20 Euro.“
„Die machen das Spielchen schon seit Jahren“, erläuterte Schröder. „Einer gibt ein Stichwort und wenn der andere nicht weiß, worum es geht, muss er 20 Euro zahlen.“
„Wusste ich nicht.“ Doris tat zerknirscht. „Tut mir leid. Ich zahl dann in Naturalien. Warum riecht ihr nach Gülle?“
„Weil wir im Mist wühlen mussten“, antwortete Wohe. „Dienstlich.“
„Dienstlich? Was denn? Mord im Kuhstall?“
„Stimmt. Woher weißt du das?“
„Das wusste ich gar nicht, das war geraten. Das passt ja prima in unsere Sendung. Von wegen: auf dem Land ist nichts los.“
„Da warte mal mit. Bisher wissen wir noch zu wenig über den Hergang und haben auch noch keine Erkenntnisse über den Täter.“
Wenngleich: angeblich war ja alles klar.
Doris verschwand wieder zu ihren Mitarbeitern und Bretschneider kam mit einem Päckchen unter dem Arm herein.
„Ich habe ihr Geschenk abgeholt. Willst du mit?“, fragte er Wohe.
Das passte hervorragend. Wohe lief ins Revier und holte seines. Dann fuhren sie zu Bretschneider.
„Ich hoffe, es gefällt dir“, sagte Wohe und überreichte Sanne einen Gutschein über einen Monat freies Bienenstichessen bei Holgersen.
„Wow!“ Sie tanzte mit ihm durchs Wohnzimmer. Das Präsent war eindeutig ein Treffer.
Dann wickelte sie das Päckchen ihres Vaters aus.
»Fermats letzter Satz« und »The Mathematical Career of Pierre de Fermat«.
„Spitze!“ Sanne fiel ihrem Vater um den Hals und drückte ihm einen Kuss auf die Backe. „Ist er nicht süß?“, fragte sie Wohe.
„Ähm, jou.“
Sie lief mit ihre neuen Büchern in ihren Sessel und begann, verzückt darin zu blättern.
Bretschneider war gerührt: „Ist sie nicht süß?“
„Ähm, Jou.“ Fermat! Oh Gott.
„Was ist denn nun mit Knut dem Knecht?“, fragte Wohe.
Sanne legte ihre Bücher zur Seite und stellte sich in Position: „Nun, ich will mich natürlich nicht mit Protagonisten wie z.B. Hercule Poirot vergleichen, allein schon wegen gewisser Unterschiede im Erscheinungsbild, aber was die Genialität meiner Deduktionen betrifft, toppe ich all jene Helden ohne jeden Zweifel.“
„Selbstverständlich“, bestätigte Wohe und auch Bretschneider nickte.
„Ich verzichte allerdings weiserweise darauf, alle möglichen Fehldeutungen aufzulisten und beschreibe die chronologische Abfolge. Ok?“
„Prinzipiell ja“, sagte Wohe. „Nur wäre es ganz sinnvoll, den Mörder vorab zu benennen und sei es nur, um ihm nicht die Zeit für eine eventuelle Flucht zu geben.“
„Die haut nicht ab.“
„Die?“
„Die“, betonte Sanne. „Lara, die Kuh.“
„Hast du was zu trinken?“, fragte Wohe.
Bretschneider holte die Kömflasche, eindeutig nicht die von gestern, sondern eine neue, volle und schenkte ein. Großzügig.
Dann nochmal.
„Jetzt ist's ok“, sagte Wohe: „Weiter.“
„Das Ganze begann heute Morgen. Knut mistete aus, wie immer, nur war das Folgende zu seinem Nachteil anders.
Er hatte Insulin gespritzt, er hatte zu viel gespritzt und Lara stand kurz vor der Entbindung. Heißt das bei Kühen auch so?“, fragte sie ihren Vater.
„Kühe kalben“, antwortete Bretschneider.
„Ok. Lara war also kurz vorm kalben und daher äußerst reizbar. Knut hingegen hatte seit Langem erstmalig nicht mehr zu viel Zucker im Blut, da sie ihn im Krankenhaus mit Insulin eingestellt hatten und er sich seitdem mit einem Insulinpen selber spritzt. Also seit gestern. Als er heute Morgen zu Lara in ihre Box stieg, roch er völlig anders als sonst und war für die Kuh insofern ein Fremder. Jedenfalls dann, wenn Kühe überhaupt riechen können. Ich meine, die leben ja in einer ziemlich geruchsintensiven Umgebung, da stumpft so eine Fähigkeit schon mal ab. Jedenfalls war er für die arme gestresste Lara, die er vermutlich, um entmisten zu können, hin und her schob, nichts anderes als eine Bedrohung, worauf sie wahrscheinlich aggressiv reagierte. Ich nehme an, dass Knut es angesichts dessen für sinnvoll erachtete, zu verschwinden. Er kletterte also auf das Gatter und entweder, These eins, Lara stieß ihn herab oder, These zwei, er fiel in Ohnmacht.“
„Was?“
„Knut war bekanntermaßen keine große Leuchte. Ich gehe also davon aus, dass der leere Insulinpen, der eigentlich mehrere Tage halten sollte, ein Indiz dafür ist, dass er sich gleich mehrere Einheiten in den Körper jagte.“
„Warum hätte er das tun sollen?“
„Weil er wohl glaubte dass es dann erstens nur einmal wehtut und er zweitens das Problem für eine Zeitlang erledigt hat. Es handelte sich möglicherweise tatsächlich um den Versuch einer Rationalisierung. Klappte aber nicht, denn er fiel mal wieder ins Koma, diesmal zur Abwechslung mal nicht wegen zu wenig, sondern wegen zu viel Insulin.
Egal, ob nun These eins oder These zwei zutreffen: er kippte  vom Zaun und dabei muss er die Mistforke dummerweise so gehalten haben, dass er sie in den Boden stieß und sich den Stiel beim Sturz ungebremst in die Rippen rammte. Die brachen, perforierten Lunge oder Herz, Tot. Gab es da noch andere Fingerabdrücke drauf?“
Wohe rief die Spurensicherung an.
Dann: „Nee. Nur seine.“
„Tja, das war's dann wohl. Wenn hier jemand Schuld hat, dann Lara, aber die lass mal lieber in Frieden.“
„Mach ich“, sagte Wohe. Er glaubte jedes Wort. Wenn er sich allerdings seinen Chef beim Lesen der Meldung vorstellte, war es wohl besser, die Schuldfrage nicht in den Mittelpunkt zu stellen. Er hielt die Hand auf und Bretschneider reichte ihm die Kömflasche.
„Mein Töchterchen“, sagte der stolze Vater.
 

Das war‘s


Hallo Freunde,

falls jemand alles gelesen haben sollte, danke ich für Deine / Eure Aufmerksamkeit.
Falls die Geschichte dann auch noch jemanden ein bisschen unterhalten haben sollte, würde mich das freuen, denn das war das Ziel.

MfG Wohe

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Kurzerede
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Wohnort: Irgendwo am schönen Teutoburger Wald


BeitragVerfasst am: 10.07.2022 22:29    Titel: Antworten mit Zitat

Na klar habe ich alles gelesen. Dein kleiner Krimi hat mich immerhin so gut unterhalten, dass ich nicht zwischendrin das Interesse verloren habe. Wie schon einmal erwähnt, fühle ich mich von der Art her an so etwas wie 'Mord mit Aussicht' erinnert. Ich denke, so war es wohl auch gedacht.
Im letzten Teil ist mir noch eine inhaltliche Fragwürdigkeit aufgefallen. Den Tod eines Menschen stellt - wenn ich mich nicht sehr irre - immer ein Arzt und nicht ein Sanitäter fest und eine Leiche wird niemals im Rettungswagen mitgenommen. So verschroben die Charaktere und das ganze Dorf auch sein mögen, ich denke, diese Vorgehensweisen sind unabdingbar. Also vielleicht sind die Akteure hier ja tatächlich dermaßen schräg, aber an der Stelle bin ich zumindest ernsthaft gestolpert beim Lesen.
Der eine oder andere Witz, z. B. die Sache mit Lara Croft und dem Kuheuter, ist nicht so mein Humor, aber, wie gesagt, alles in allem hast du dir einen launigen kleinen Dorfkrimi ausgedacht.


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Viele Grüße
vom Lehrling auf dem Weg zu mehr Leben und Gelassenheit.
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