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Karina. Die Geschichte einer Terroristin


 

 
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wunderkerze
Eselsohr


Beiträge: 207



BeitragVerfasst am: 24.03.2022 18:47    Titel: Karina. Die Geschichte einer Terroristin eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vorbemerkung
   Dies ist die Fortsetzung meiner Erzählung „Taifan oder Liebe im Zeichen des Silbernen Schwertes“ (hier in diesem Forum). Die Tochter des Oberst, der bei einem Selbstmordattentat ums Leben kam, ist in die Fußstapfen ihres Vaters getreten und Soldatin der Bundeswehr geworden. Bei einem Auslandseinsatz wird sie schwer verletzt, wodurch sich nicht nur ihr Leben, sondern auch ihr Charakter von Grund auf verändert.
   Ich bin mir durchaus bewusst, dass es gegenwärtig nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt ist, einen Abenteuerroman mit Kriegshintergrund zu veröffentlichen. Wenn ich es trotzdem tue, dann in der Hoffnung, dass diese Erzählung noch gelesen wird, wenn der Krieg schon längst beendet ist.


                            
                                                Karina. Die Geschichte einer Terroristin
                                                
                                                                                                  Wenn eine Geschichte wahr ist,
                                                                                                  muss sie nicht die Wirklichkeit
                                                                                                  abbilden. Man nimmt die
                                                                                                  Wirklichkeit und spinnt eine neue
                                                                                                  Wahrheit daraus.

                                                                                                  Die Bezeichnung Schwarze Witwe                                                                                                                                          
                                                                                                  rührt daher, dass die Weibchen
                                                                                                  nach der Paarung die Männchen
                                                                                                  auffressen und sich dadurch
                                                                                                  selbst zu Witwen machen.

                                              Erster Teil: Das Universum des Schweigens.
                                                            Der Feuervogel

                                                                        1
   Afghanistan, Nähe Charog-Zoda
   Zwei Kilometer vor dem Gehölz, in dem die Patrouille Stellung beziehen soll, tritt eine Verzögerung ein. Die Brücke über das Wadi ist gesprengt, die Bachrinne zwar trocken, doch wüst mit Gesteinsbrocken und allerlei Treibgut angefüllt. Ein Übersetzen mit den beiden Jeeps ist so nicht möglich.
   „Madshala und Karina“, ordnet Gorie, die Truppführerin, an, „ihr sucht links, Yudit und Rachel, ihr geht nach rechts. Wenn ihr auf fünfhundert Meter keine geeignete Stelle zum Durchfahren findet oder etwas Verdächtiges bemerkt, kommt ihr sofort zurück! Wir anderen warten hier.“
   Es zeigt sich, dass die Brücke an der Stelle einer alten Furt errichtet wurde, anscheinend der einzigen weit und breit. Nach Osten endet der Bach in einem ehemaligen Sumpfgebiet, das dicht mit schwarz glänzenden Erdpechgruben übersät ist; zur anderen Seite, den Hang hinauf, sind die Ufer für die Fahrzeuge zu steil.
   Die Milizionärinnen beginnen nun, das Wadi an der Brücke so gut es geht frei zu räumen. Nach einer halben Stunde schweißtreibender Arbeit ist es endlich soweit: Die Kämpferinnen, mutige junge jesidische Frauen, die entschlossen sind, ihr Schicksal in eigene Hände zu nehmen und nicht zu warten, bis sie von irgendwelchen Fundamentalisten als Sexsklavinnen gefangen werden, sitzen auf, die Fahrzeuge rumpeln los.  
   Das Gelände dahinter steigt leicht, aber kontinuierlich an. Auf der Anhöhe beginnt das Gehölz, der Rest eines ehemals ausgedehnten Zedernwaldes: Ein Durcheinander aus abgeschossenen Ästen, umgestürzten Bäumen, tiefen Erdlöchern, in dem sich bis vor wenigen Tagen noch die Rebellen eingegraben hatten.
   Gorie lässt in der Mitte des Wäldchens halten; die Kämpferinnen steigen aus und decken die beiden Fahrzeuge gründlich mit Laub und Geäst ab. Dann pirschen sie im Gänsemarsch und immer wieder hinter Baumstämmen Deckung suchend zum vorderen Gehölzrand. Zwanzig Meter davor lassen sie sich fallen und robben, die Karabiner auf dem Rücken, bis zu dem Abhang vor.
   Unter ihnen, in etwa fünfhundert Metern Entfernung, liegt blendend weiß, umgeben von Feldern und Äckern, das Dorf Tell Nayman, Zielort ihres Auftrags.
    Gorie sucht das Gelände mit dem Fernglas sorgfältig ab. Es scheint wie ausgestorben, nichts rührt sich. Am Dorfrand ein barackenartiges Gebäude auf einem Sandplatz, darum herum ein kleiner Schutzwall: Ein ehemaliges Lager des Ausbildungskommandos Nord, jetzt verlassen und teilweise in Trümmern. Die Kämpferinnen wollen herausfinden, in welchem Zustand  sich das Lager befindet, und ob es wieder benutzt werden kann.
   Seit die Rebellen vertrieben sind, gilt die Gegend als sicher. Doch Vorsicht ist trotzdem geboten; in den Häusern können sich versprengte Kämpfer aufhalten, die auf alles schießen, was sich bewegt.  
   Da sich im Dorf weiterhin nichts rührt, macht sich Gorie mit zwei Kämpferinnen auf den Weg. Den übrigen fünf befiehlt sie, das Gelände scharf zu beobachten und bei der geringsten verdächtigen Bewegung einen Warnschuss abzufeuern.

  Der Mann auf dem Turm dreht das Fernglas schärfer. „Eins, zwei, drei,“ murmelt er. Er steckt das Fernglas wieder ein und zieht ein veraltetes Sprechfunkgerät unter seinem weiten Thawb hervor. „Sie sind es“, spricht er hinein, „ich denke, noch fünf Minuten, dann sind sie im Aul.“

                                                                                *
  Zehn Kilometer weiter östlich.
  Zwei Männer sitzen an roh gezimmertem Tisch in einer Höhle tief unter dem Kohn-i-Babd-Gebirge. Von der hohen Decke hängt eine nackte 15-Watt-Birne. Blutflecken auf dem Boden deuten darauf hin, dass hier nicht nur geredet wird. Der kleinere der beiden, ein knurrig-knarriger Zwerg von 1,65 Metern hinkender Körperlichkeit, dreht sich gerade eine Zigarette. Er ist in einen schlicht weißen Thawb gehüllt und könnte gut und gerne einen tibetanischen Mönch abgeben – wäre da nicht die schwarze Klappe über dem linken Auge. Im fahlen Schein der Birne wirkt sein ausgemergeltes und glatt rasiertes Gesicht wie das eines Greises, dabei ist er erst zweiundfünfzig.
    Die andere Gestalt: Ein bunter Papagei, der sich in eine Tropfsteinhöhle verirrt hat. Der mächtige Körper ächzt in einer knapp sitzenden Fantasieuniform, an der allerlei gestohlenen Orden hängen. Das quadratische Nussknackergesicht mit dem Angst gebietenden Schnurrbart glänzt in satter Selbstzufriedenheit. An den Fingern der linken Hand funkeln dicke Totenkopfringe, die rechte ist nackt, die braucht er zum Essen – und zum Schießen.
   Es stinkt nach Ruß, feuchten Wänden, schwelendem Holz und Unrat. Neben dem Höhleneingang lümmeln zwei bewaffnete Bodyguards, der eine davon kaut auf einem Kaugummi herum. Vor seinem Mund bildet sich eine weiße Blase, die mit einem kleinen Knall zerplatzt.
   Gerade erscheint ein Kämpfer, dessen Stirn durch einen schlecht verheilten Säbelhieb wie gespalten aussieht. An seinem Hals baumelt ein kleines silbernes Schwert.
   „Sie sind im Anmarsch!“, meldet er mit schlaksigen Bewegungen. „Spätestens in fünf Minuten müssten sie unten sein.“
   Der Kleine, Enver Rhawshad-Khan, Kommandant der Terrororganisation „Seif al-Islam – Schwert des Islam“, beachtet den Mann nicht und wendet sich wieder dem Dicken zu. „Bist du sicher, Kandar, dass es funktioniert?“, fragt er mit einer Stimme rau wie Sandpapier.
   „Vorgestern Abend klappte es noch. Warum zum Teufel sollte es zwei Tage später anders sein?“ Kandar Whali-Khan, 36, der stellvertretende Kommandant, hustet grausam und spuckt den Auswurf in eine Spalte des Höhlenbodens.
   „Was ist mit dem Mädchen?“
   „Ist sorgfältig präpariert und im Cannabisrausch.“
   Mit einer lässigen Handbewegung scheucht der Maween den Mann aus der Höhle. „Hast du schon herausgefunden, was die Tochter dieses Weizenkorn bei den Jesidinnen treibt? Gehört die nicht zur Deutschen Sektion?“
   „So war mir auch . . . Werde Nur Mohammed fragen, wenn er wieder auftaucht.“ Die Stimme des Stellvertreters  klingt unangenehm hoch. „Die Christenhunde kommen immer näher“, grummelt er mit sorgenvoller Miene, „ich fürchte, wir werden bald umziehen müssen. Diese Taifan wusste von dem Feuer in der Küche, und dann wissen es auch die Alliierten. Und dann ist da noch das Giftgas.“ Er schweigt bedrückt und betrachtet zärtlich seine gepflegten Fingernägel. Im Raum ist es bis auf das Summen der Generatoren zwei Höhlen weiter still.
   Rawshad-Khan blickt nachdenklich einem Rauchkringel nach. Dann räuspert er sich und wendet sein verschrumpeltes Gesicht seinem Stellvertreter zu, der es mit einer gewissen Scheu betrachtet. „Was bist du so ängstlich, Kandar“, sagt er, „so kenne ich dich ja gar nicht! Nur Mohammed schwört bei Allah, dass die Weihnachtsmänner, die er dem Oberst verkauft hat, nur Attrappen waren, die kein Gas enthielten. Außerdem ist das Höhlensystem so ausgedehnt, dass wir im Falle eines Falles genug Ausweichmöglichkeiten hätten. McNamara hat sich bisher eisern an die Genfer Konvention gehalten, und wenn der Hund es bis jetzt so gehalten hat, warum sollte er es in Zukunft nicht auch so halten? Schließlich sind wir hier nicht in Syrien. Wo also ist das Problem? Und: Sollten sie tatsächlich den Kamin entdecken und vorhaben, uns ein Überraschungsei hineinzuwerfen, dann wissen wir das früher als ihr Hauptquartier, und eh sie sich entschieden haben sind wir weg.“
   „Sehr schön! Und wo willst du dann hin? In das nächste Höhlensystem? Ohne Ausrüstung und Geld? Wo sie uns mittlerweile fast alle Versorgungswege abgeschnitten haben und das Opiumgeschäft kaum mehr was einbringt?“
   „Da zerbrich dir mal nicht meinen Kopf! Sollte es wirklich zum Ärgsten kommen, dann hat der gute Anwar bereits vorgesorgt. Es gibt woanders auch noch Höhlen.“
   „Woanders? Schwebt dir da etwas Bestimmtes vor?“
   „Ja.“
   „Darf man mehr erfahren?“
   „Nein. Das Ei ist noch nicht gelegt.“
   Der Maween seufzt schwer. „Ich weiß nicht, ich weiß nicht . . . Und wenn der Oberst nun doch nicht tot ist? Hast du seine Leiche gesehen?“
  Der Kommandant macht eine ungeduldige Handbewegung. „Woher denn? Aber der Deutsche, der aus dem Fenster geflogen ist, hat sie gesehen. Der Sprengstoff explodierte genau zwischen dem Kopf des Obersten und dem Schädel des Kalifen. Also bitte! Verschone mich mit diesem unwürdigen Gejammer!“
   Wieder ein leiser Knall – eine Kaugummiblase ist geplatzt. In der umgebenden Stille ein Kanonenschuss.
   Rawshad-Khan stößt ärgerlich mit dem Stock auf den Boden. „Hör mal auf damit, du Idiot!“, faucht er. Dem Kämpfer ist nicht anzusehen, wie der Verweis auf ihn wirkt. Sein Gesicht ist fast völlig zugewachsen. Doch es knallt nicht mehr.
   „Ha! Der Deutsche!“, fährt der Maween fort, „woher weißt du, dass er die Wahrheit spricht? Wir sind im Krieg, und im Krieg gilt das Wort eines Mannes, den du nicht durch den Wolf gedreht hast, weniger wert als das Husten einer jesidischen Sklavin. Und auch wenn es stimmt, was der Deutsche erzählt . . . Ich halte diesen Giaur zu allem fähig! Sein Geist wird uns keine Ruhe lassen . . . Er hatte Hintermänner, und die wissen mit Sicherheit Bescheid!“
   „Papperlapapp! Seit wann glaubst du an Geister? Allah wird uns schützen, denn wir kämpfen in seinem Namen. Und warum wohl sprengen wir in drei Minuten die Tochter dieses Giaur in die Luft, he?“
   „Noch lebt sie, und was ist, wenn sie als Bedeckung zurückgeblieben ist?“
   „Papperlapapp! Bisher ist sie noch nie und nirgendwo zurückgeblieben! Wenn´s gefährlich wurde, war sie bisher immer ganz vorne. Manchmal habe ich den Eindruck, sie sucht geradezu den Tod. Na, an mir soll´s nicht liegen.“ Rawshad-Khan lacht gehässig.
   Da dem Stellvertreter nichts einfällt, rollt er mit den Augen und seufzt ergeben. Auch der Kommandant schweigt und massiert sich sein steifes Bein.
   Nach einer Weile fragt der Vice: „Übrigens, Anwar, was hast du mit der Frau vor?“
   Der Kommandant antwortet nicht sofort; ein Krampf in seiner rechten Wade nimmt jetzt seine gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch. Er steht auf, geht ein paar Schritte, setzt sich wieder. Schließlich sagt er: „Ich denke, wir stecken sie in die Küche. Seit Shailas Abgang ist dort jede Frauenhand willkommen. Sie wird dort die Aufsicht übernehmen. Als Mamsell!“
   Whali verzieht sein Gesicht zu einem fettigen Grinsen. „Interessantes Dämchen, die deutsche Frau. Sollte ich mir mal genauer ansehen.“
   „Das wirst du schön bleiben lassen! Solange ich noch nicht weiß, wer ihr  . . . ähem, Lebensgefährte wirklich ist, steht sie unter meinem persönlichen Schutz. Also, Finger weg! Du hast doch genug Auswahl!“

                                                                                 *  
   Die drei Milizionärinnen erreichen unbehelligt den Dorfplatz mit dem Brunnen.
  Der Aul macht einen trostlosen Eindruck. Kein Haus ohne Kriegsschäden. Fensterläden und Türen verrammelt, der Dorfbrunnen bis an den Rand mit Geröll zugeschüttet. Zwischen den zerborstenen Gehwegplatten dornig braunes Gestrüpp. Irgendwo ein quietschendes Scharnier im Morgenwind, ein klapperndes Brett; unter einem Torbogen zwei Kübel mit vertrockneten Pflanzen.
   Plötzlich bleibt Gorie stehen und gibt ein Warnzeichen. Hat da nicht gerade ein Mann geredet?Doch da alles ruhig bleibt, geht sie weiter. Eine Haustür öffnet sich, ein kleines dürres Mädchen erscheint und trippelt mit unsicheren Schritten auf sie zu. Das Kind  streckt mit seltsam vernebelten  Augen die mageren Händchen aus.
   Sofort wirft Madshala, von Mitleid erfüllt, den Rucksack ab, holt eine Büchse Cornedbeef sowie eine Packung Dauergebäck heraus und geht auf das Kind zu.
    Die Kleine ist spindeldürr und anscheinend stark verwachsen. Unter ihrem Kleidchen hebt sich deutlich eine starke Hühnerbrust ab. Diese Wölbung sieht seltsam aus –  
   Gorie schreit auf und wirft sich auf den Boden.
   Doch es ist bereits zu spät.
   Die Detonation ist so stark, dass das Mädchen, Gorie und Madshala in Stücke zerrissen werden. Die Kämpferin Karina sinkt von einem Bombensplitter im Gesicht getroffen nieder und bleibt zuckend liegen.  
   Und dann ist da wieder diese alles umfassende Stille. Da ist kein Baum, dessen Laub im Wind säuselt, kein Grashalm, der sich singend zur Seite biegt, kein Tier, das brünstig den neuen Tag begrüßt. Nur Stille, betörende, schmerzliche, unheimliche Stille.
   Dann ein langer, unheimlicher, verzweifelter Schrei. Die Kämpferin Judith blickt in das zerstörte Gesicht der Kämpferin Karina.

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BeitragVerfasst am: 31.03.2022 15:28    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ein blassgelber, sterbender Vollmond hängt über der weiten Ebene. In der Ferne erstrahlt ein Gipsfeld in überirdischem Weiß. Im Osten, über der gezackten Linie des Gebirges, zeigt sich jetzt ein schmaler Silberstreif. Wenige Minuten später schießen die ersten Sonnenstrahlen hervor. Sie beleuchten ein fantastisches Gebilde, das über der Ebene zu schweben scheint wie eine Fata Morgana. Es ist die sagenhafte Burg Charog-Zoda, die berühmte Festung, die Zitadelle, die Stadt über der Wüste, Fluchtort für Freiheitskämpfer und Rebellen vielfältigster Art, Jahrhunderte lang unbezwungen, bis die Sowjetmacht den Berg in die Luft sprengte. Die Stümpfe ihrer Mauern und Türme, aus mächtigen Steinquadern nach orientalischer Bauart gefügt, jetzt zerstört und weitgehend abgetragen, flimmern im Morgendunst. Darüber, in weiter Ferne, schimmern wie Wolkengebilde die Schneegipfel des Kohn-i-Babd.
                                                        
                                                                                     *
   Der Kommandant sitzt in seiner Privathöhle und denkt über den letzten Hadith des Großayatollas Scheich Abdulaziz Al al-Sheikh nach, der ihm nicht radikal genug erscheint. Die Höhle, sein „Wohnzimmer“, wie er sie auf Deutsch nennt – er ist ein Liebhaber deutscher Sprache und Kultur – ist spartanisch eingerichtet: Zwei durchgesessene Stühle, ein roh gezimmerter Tisch, ein hartes Bett, ein Bücherregal mit religiösem Schrifttum, ein streng ornamentierter Gebetsteppich – das ist im Wesentlichen schon alles, was er sich an Wohnkomfort leistet. Manche Schlafnische seiner Kämpfer ist üppiger ausgestattet, von der Wohnhöhle seines Stellvertreters ganz zu schweigen.
   Da ist allerdings ein Gegenstand, der hier so deplatziert erscheint wie ein Eierbrikett auf einer Sahnetorte, aber immerhin, er verleiht dem Raum eine gewisse persönliche Note: An einer senkrechten Stelle der Höhlenwand hängt eine tickende Pendeluhr, ein Wiener Regulator mit Ross und Adler. Der Stundenschlag ist stumm gestellt, denn der Kommandant verabscheut den Klang von Glocken, auch den von Klangstäben. Und dann ist da noch die handbetriebene Luftschutzsirene aus dem Zweiten Weltkrieg, die er weiß Gott woher hat. Mit der weckt er, der Schlaflose, seine Leute pünktlich eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang.   
   Wer ist dieser Mann, der sich Anwar Rawshad-Khan nennt?
  Manche halten ihn für Osama bin Laden und die Erzählung, eine Spezialeinheit des CIA habe den Chefterroristen erledigt, für ein Gerücht. Allerdings: Von der Figur her würde es passen, auch was die hohe Intelligenz betrifft. Rawshad-Khan spricht mehrere Sprachen, seine Lieblingsfremdsprache ist Deutsch – und er kennt den Koran fast auswendig. Doch nicht das imponiert, sondern seine spartanische Lebensweise, der des Chefterroristen ähnlich. In seinem früheren Leben soll er der zweitreichste Mann Saudi-Arabiens gewesen sein, dann habe er urplötzlich das Leben eines Asketen gewählt.
   Rawshad-Khan hört diese Fabel nicht ungern, zumal bin Laden in der muslimischen Gemeinschaft immer noch als Heilsbringer gilt. Doch er weiß es besser und schweigt.
    In Wirklichkeit heißt er Scheich Omar al-Sheik bin Ajay und stammt aus Kaschmir, wo er schon als 17-jähriger Koranschüler eine separatistische Zelle gründete. Dann fingen ihn die Vaterlandsverteidiger ein, steckten ihn ins Gefängnis und drehten ihn gründlich durch den Wolf. Sein kaputtes Bein und das fehlende Auge stammen daher. Doch es gelang ihm von seiner Familie unterstützt aus dem Straflager heraus teure, aber wertvolle Kontakte aufzubauen.
   Im Jahre 1999 landete auf einem Rollfeld in Kandahar, Afghanistan, ein Flugzeug der Air India, das von Separatisten aus Kaschmir entführt worden war. Sie verlangten die Freilassung namentlich genannter Djihadisten, unter anderem die des Scheichs. Vor den Kameras der Welt ließen die Verwandten der Entführungsopfer ihrer Wut und ihrer Verzweiflung freien Lauf, was die indische Regierung stark unter Druck setzte, denn in dem Flieger befanden sich etliche hochrangige Hindu-Politiker. Schließlich gab sie den Forderungen der Entführer nach, die Djihadisten wurden frei gelassen und des Landes verwiesen.
   Sheik bin Ajay tauchte unter und gilt seitdem als verschollen.
   Wer ihm auf die Füße sieht, kann sich schnell seinen Unmut zuziehen, denn er trägt Schuhe mit besonders hohen Absätzen.

                                                                                    *
  Der Vorhang vor dem Höhleneingang wird zurückgeschlagen, Whali-Khans Hünengestalt erscheint mit stark gebeugtem Rücken und gesenktem Haupt. In diesem Moment ist er Opfer eines speziellen Humors. Der Kommandant hat den Eingang soweit erniedrigen lassen, dass er fast der einzige ist, der ihn erhobenen Hauptes durchschreiten kann. Jeder größere Besucher ist gezwungen, sich beim Eintreten zu verneigen wie vor einem barocken Fürsten, nein, wie vor Dschingis Khan selbst, dem er, der Kommandant, angeblich seine genetischen Wurzeln verdankt.
   Der Maween richtet sich schnaufend auf. „Nur Mohammed hat mir gerade eine Nachricht zukommen lassen“, sagt er und lässt sich auf den zweiten Stuhl fallen, „unter den Milizionärinnen  befand sich tatsächlich die Tochter des Obersten.“
   Der Kommandant blickt ihn erfreut an. „Na siehst du! Dann wäre dieses Problem doch aus der Welt!“
   Whali-Khan schüttelt den Kopf. „Jetzt die schlechte Nachricht. Sie hat überlebt. Allerdings schwer verletzt.“
   Der Kommandant schiebt einen Finger unter die schwarze Augenklappe. Das Lid über dem künstlichen Auge juckt, ein Zeichen von Nervosität. An sich wäre die Klappe gar nicht nötig. Mit ihr will er auch nichts verbergen, sondern betonen: Ich bin ein zäher Hund ist, den kein Gebrechen aufhalten kann. Die Augenklappe ist sein Markenzeichen, wie die des Mosche Dajan, dem ehemaligen israelischen Außenminister, der auch ein zäher Hund war. Zwar hasst der Kommandant die Juden, doch diesen Mann, der schon mit vierzehn Jahren einer zionistischen Untergrundbewegung beitrat und die ägyptische Übermacht bezwang, diesen Mann bewundert er.  
   Und sie dient ihm als Tarnung. Er hat nicht vor, in dieser feucht-kalten Höhlenwelt zu sterben.
   „Dann können wir nur hoffen, dass sie bald zur Hölle fährt“, grunzt er.
                                                                      
                                                                                     3
  Polizeistation Kakans, fünfundsechzig Kilometer weiter nord-östlich.
  „Der Zweck dieser automatischen Waffe liegt darin“, erklärt der Instruktor, „dem Sicherheitsmann oder Polizisten eine Kampfkraft zu geben, die auf siebenhundert Meter wirksam ist, und die darüber hinaus auch im Dauerbetrieb nicht versagt“ Er unterbricht sich, um dem Übersetzter Zeit zu lassen, und fährt dann fort: „Dieses Fabrikat der Firma . . .“
   Die Schüler, Mitglieder der Local Militäry Police, kurz LMP, hören aufmerksam zu. Manchmal hebt einer wie in der Schule die Hand, weil ihn ein Fachbegriff irritiert; der Instruktor, ein Major der deutschen Bundeswehr, wiederholt geduldig, wobei er mimisch und mit Handbewegungen den Sinn der Worte unterstreicht. Er ist ein großer drahtiger Mann mit wettergegerbter Haut und kastanienbraunen, im Nacken kurzgeschnittenen Haaren. Auf seiner hohen Gestalt sitzt fesch ein Schiffchen. Man merkt ihm an, dass  er von seiner Mission überzeugt ist. Der Übersetzer, ein an der Polizeiakademie in Nienburg/Weser ausgebildeter Paschtune, übersetzt geduldig, woraufhin der Frager mit einem Kopfnicken dankt.  
   „Wir wollen jetzt das Maschinengewehr zerlegen. Zunächst einmal . . .“
   Der Major nimmt das Gewehr auseinander und reicht die Bestandteile weiter, die jetzt von Hand zu Hand gehen und andächtig bestaunt werden. Nachdem alle Teile begutachtet sind, setzt er die Waffe wieder zusammen, wobei er noch einmal deren Bezeichnung sehr deutlich ausspricht. Die Schüler bemühen sich, die Fachbegriffe zu wiederholen, was zu teilweise interessanten Wortneuschöpfungen führt.
   „Nun wollen wir die Verwendung des Maschinengewehres in freiem Gelände studieren.“
   Der Major wuchtet sich das Gewehr auf die Schulter, zwei Schüler springen herbei und tragen den Kasten mit der Übungsmunition. In einer Ecke des weiträumigen Zentralplatzes der alten Zitadelle kniet er sich hin und pflanzt das Gewehr auf. Er nimmt ein Patronenband aus dem Kasten und legt es ein, dann wirft er sich flach auf den Boden und legt es fast liebevoll in die Armbeuge. Der graue Stahl sieht im starken Licht des Vormittags wie lackiert aus.
   Die Polizisten stehen respektvoll im Halbkreis.
   Der Major dreht den Kopf und sagt: „Ich zeige Ihnen jetzt die Bedienung der Waffe in Gefechtsaufstellung. Achten Sie darauf, dass der Kolben fest an der Schulter liegt. Wird eine Waffe horizontal gehalten und abgefeuert, hat das verlassende Geschoss aufgrund der Erdanziehungskraft keine gradlinige Schussbahn, sondern verliert konstant an Höhe. Damit das Geschoss das Ziel trifft muss dementsprechend der Lauf der Waffe im Vergleich zu der Horizontalen angehoben werden.“
  Er unterbricht sich, um dem Übersetzer Zeit zu geben, den Satz zu vollenden. Er blickt in den hohen klaren Himmel, in dem ein glitzernder Vogel mit ausgebreiteten Flügeln seine Bahn zieht. Der Vogel gebiert zwei weiße Sterne, die mit rasender Schnelligkeit auf ihn zufallen.
   Sekunden später ist dieser Teil des weiträumigen Platzes eine Feuerhölle.      
  
                                                                                4
Deutschland, Bundeswehr-Krankenhaus Hamburg-Wandsbek
    Sie dachte, sie wäre tot.
   Da war diese empfindungslose Leere, diese völlige Schmerzfreiheit. Dabei hatte sie doch noch vor einer Sekunde der Schmerz in ihrem Kopf rasend gemacht. Also war sie tot, denn Tote kennen keinen Schmerz. Sie nahm diesen Gedanken ruhig, gelassen und fast dankbar hin. Vor dem Tod hatte sie auch nie Angst gehabt, und mit siebenundzwanzig ist der Tod doch mehr oder weniger eine abstrakte Vorstellung.
   Aber nicht das Sterben.
   Das Sterben war für sie keine abstrakte Vorstellung, sondern eine konkrete Qual. Dreimal schon hatte sie das furchtbare Sterben eines Menschen mit ansehen müssen. Einer ihrer Freunde war an Kehlkopfkrebs gestorben, eine üble Sache: Die schweißnassen, verklebten Haare, die zerfurchte Stirn, die stumpfen Augen, und dann dieses entsetzliche Gerassel aus dem Kehlloch. Das andere Mal – es war eine bitterkalte Januarnacht – lag auf dem vereisten Asphalt ein Mann und krümmte sich. in seinem Rücken steckte ein Messer. Seine grünen Augen standen in merkwürdigem Gegensatz zu seinem  dunklen Gesicht. Plötzlich bäumte er sich mit einem unsäglich kläglichen Wehlaut auf, fiel zurück auf den Asphalt und rührte sich nicht mehr.
   Das dritte Sterben war das grausamste. Bei einem Bombenattentat war ein kleines Mädchen durch die Wucht der Explosion in einen Hochspannungs-Stacheldrahtzaun geschleudert und regelrecht gegrillt worden.   
   Doch anscheinend waren ihr ähnliche Qualen erspart geblieben. Und ja, sie hatte gewusst, dass in diesem bitteren Lande der Tod einer ihrer ständigen Begleiter sein würde, und nun war er eben gekommen, der Tod, des Schlafes sanfter Bruder. Nun war es aus, und es bestand keinerlei Anlass weder zur Panik noch zum verzweifelten Aufbegehren. Schluss, aus. Dieses unsägliche Sammelsurium aus unglücklicher Liebe, Ärger, Leidenschaft, Ehrgeiz, Zorn, vergeblichen Hoffnungen, all das, was man so Leben nennt – verflogen wie Märzschnee, nicht schade drum. Und doch – ein paar Jahre hätte sie sich noch gerne gegönnt, erst als Soldatin mit Aufstiegschancen möglicherweise bis zum Oberst, dann als Frau und Mutter, und, dachte sie, vielleicht wäre ich ja sogar glücklich geworden. Aber besonders unglücklich fühlte sie sich jetzt auch nicht. Es war mehr eine Art Schwebezustand, in dem sie sich befand, im Bauch eine große Leere, wie damals im Bremer Fallturm. Nicht unbedingt unangenehm, aber auf die Dauer nicht unbedingt erstrebenswert.
   Sie suchte sich zu erinnern, wie lange sie schon tot war, und warum. Mit siebenundzwanzig stirbt man doch nicht so einfach. War es ein Unfall gewesen? Hatte sie jemand erschossen? War sie auf eine Mine getreten? Und wann war das gewesen? Gestern, vor einer Woche, vor einem Jahr, vor hundert Jahren? Sie versuchte sich zu erinnern, doch da war nur ein schwarzes Loch. Unmöglich, etwas zu erkennen.
   Doch jetzt traten eigenartige Erscheinungen in der Dunkelheit auf.
   Da war zunächst ein hohes musikalisches Tönen, das sie an den Gesang von Kindern in einer riesigen Halle oder Kirche erinnerte. Auch darüber versuchte sie nachzudenken. War es Engelsgesang? Erstaunt suchte sie in der Schwärze Einzelheiten zu erkennen. War sie im Himmel Wer sang da? Jetzt verebbte der Gesang, und es wurde wieder ruhig. Dafür erblickte sie in unendlicher Ferne einen winzigen Lichtpunkt, der in rasender Geschwindigkeit auf sie zukam, immer größer und heller wurde und irritierend nah vor ihrem Gesicht stehen blieb. Die Helligkeit war jetzt sehr stark; sie versuchte eine Hand vor die Augen zu legen, doch irgendetwas hinderte sie daran. So plötzlich, wie er gekommen war, verschwand der Lichtpunkt wieder, und wieder war schwarze Nacht um sie herum.
   Eine Weile lag sie so da, eingetaucht ins Nichts.

   Das Licht erschien wieder, und eine weibliche Stimme sagte etwas. Die Stimme vernahm sie, doch sie verstand den Sinn der Worte nicht, obwohl die Frau in einer Sprache redete, die ihr irgendwie bekannt vorkam; insbesondere ein Wort, das sie an ihren eigenen Namen erinnerte, fiel ihr auf. Und sie nahm die besorgte Dringlichkeit wahr, die im Tonfall dieser Stimme lag.
  Sie versuchte die Augen zu öffnen, doch das Licht war so stark, dass sie sie sofort wieder schloss. Wieder fühlte sie diesen Panzer, der auf ihrem Gesicht lag, der es wie Schraubzwingen einpresste. Ihre Lippen fühlten sich starr und aufgedunsen an, in ihrer Nase pochte ein dumpfer Schmerz. Entsetzlicher Gedanke: Gips! Sie haben mein Gesicht eingegipst! Und auf einmal war auch die Erinnerung wieder da, an einen furchtbaren Schlag mitten ins Gesicht – und an die schwarze Leere danach.
   Wieder hörte sie die Stimme: „Hallo, Frau Weizenkorn, willkommen in Hamburg!“

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BeitragVerfasst am: 01.04.2022 10:36    Titel: Antworten mit Zitat

Das Wort Zwerg finde ich unschön, erst recht bei 1.60 m...
gestohlenen -> gestohlene
im Krieg gilt -> ist das Wort eines Mannes, den du nicht durch den Wolf gedreht hast, weniger wert als das Husten einer jesidischen Sklavin
oder gilt als weniger wert
Gern gelesen, bis "Ein blassgelber,":
Beschreibungen und Rekapitulationenn mag ich nicht...
Nichts für ungut!
Martin


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Deutscher in Italien, Autor von lustigen oder tragikomischen Werken: schmurr.webs.com/dpl.htm Ich mag Wandern, wilde Orchideen, Lesen, Katzen und klassische Musik.
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wunderkerze
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BeitragVerfasst am: 03.04.2022 20:41    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Martin,
vielen Dank für deine Korrekturen.
Aberrr ... Warum nicht ab und zu ein wenig Lokalkolorit, warum nicht eine kl. Rückblende, in der etwas aus dem Vorleben der Prots ausgeplaudert wird, ohne gleich ins belehrend Biografische abzugleiten? Ich denke, in einem Abenteuerroman sollte auch mal etwas Ruhe einkehren.
Uwe

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Eselsohr


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BeitragVerfasst am: 10.04.2022 17:38    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

*
   Die Patientin lag mit offenen Augen in ihrem Bett und starrte an die Zimmerdecke, an der ein bewegtes Schattenspiel seine bizarren Scherze trieb.
  Dr. Engelmacher, ein noch junger weißer Schwan mit rotem Gesicht segelte herein, gefolgt von einem Tross junger Studenten, ebenfalls in Weiß.
   „Frau Weizenkorn!“, flötete er, „wie geht es Ihnen? Alles okay?“
   „Beschissen, und nichts ist okay!“
   „Nana! Wer wird denn gleich die Flinte ins Korn werfen!“
   Er wandte sich an sein Publikum. „Meine Damen und Herren“, sagte er „ich kann Ihnen hier die gelungene Wiederherstellung eines schweren Gesichtstraumas präsentieren.“
   Er unterbrach sich, um behutsam einen Teil des Gipsbelags anzuheben. „Allerdings“, fuhr er dann fort, „ganz verschwinden werden Narben nicht, denn dazu hat es zu lange gedauert, bis wir Frau Weizenkorn operieren konnten. In Camp Marmal war nur die Erstversorgung möglich, dadurch ist wichtige Zeit verloren gegangen. Frau Weizenkorn, haben Sie noch Schmerzen?“
   „Tote haben keine Schmerzen.“
   „Gut. Es werden noch weitere Eingriffe nötig sein, bis alle ästhetischen Merkmale Ihres Gesichts wieder hergestellt sind“, rief der Doktor munter, ohne zu bemerken, wie daneben er mit dieser Äußerung lag. „Aber das ist in unserer Abteilung alles mehr oder weniger Routine. Alles weitere wird sich finden, und Zeit heilt Wunden, wie es so richtig heißt. Was uns mehr Sorge macht ist, dass wir einen Knochensplitter aus einem Stirnlappen Ihres Gehirns entfernen mussten – nein nein,  nichts Großes. Aber bei solchen Eingriffen besteht immer das Risiko von sensomotorischen Ausfällen. Doch für eine Prognose ist es jetzt noch zu früh. Da das Gehirntrauma nur gering ist, gehen wir davon aus, dass Sie bald wieder wie ein normaler Mensch leben können.“
   Die Studenten notieren eifrig, als stünde Herr Aeskulap persönlich vor ihnen.

                                                                        *
   Als sie in den Spiegel blickte, wusste sie, dass nichts mehr so werden würde, wie es einmal gewesen war.
   Noch Jahre später, als sich ihr Leben schon in völlig anderen Bahnen bewegte, fühlte sie noch immer diesen kalten Schauer im Rücken, als sie zum ersten mal ihr nacktes, von Bandagen befreites Gesicht sah.
   Ja, objektiv gesehen . . . Die Chirurgen hatten gute Arbeit geleistet und die Proportionen wieder hergestellt – eine Nasenplastik und eine künstliche Zahnreihe im Oberkiefer sorgten für ein unauffälliges Profil, und auch ihr voller Mund war noch oder wieder da.
  Doch wer urteilt in solcher Situation schon objektiv?
   Die Gesichtshaut, dieses ehemals samtweiche Gebilde wie aus Meeresschaum und Morgenrot, diese kostbarste aller Oberflächen –  
   Karina Weizenkorn bietet alle emotionalen Kräfte auf, um weiterhin den Anblick ihres Spiegelbildes auszuhalten. Sie sieht ein Netz tiefroter, zum Teil gezackter Narben. Ihr ehemals hübsches Gesicht, beinahe das Gesicht einer Schönheitskönigin – jetzt der Boden eines ausgetrockneten Sees, nur sind die Rillen nicht schwarz, sondern rot. Sie sieht den kahl rasierten Kopf eines aus verschiedenen Teilen zusammengesetzten Kunstmenschen, ein Auge blutunterlaufen, das andere schwarz umrandet. Ein Stich fährt in ihr Herz. Ein Zombie! Sie haben mich zu einem Zombie gemacht, zu einem abstoßenden Monstrum . . .
   Eine Weile noch versucht sie die Nerven zu behalten. Mit zitternden Lippen lässt sie sich auf einen Stuhl fallen. Doch es nützt  nichts. Sie schlägt die Hände vor´s Gesicht. Ein hemmungsloses Schluchzen erschüttert ihre abgemagerten Schultern.

   Zwei Stunden später, bei der Visite.
   „Das wird schon wieder“, säuselt Dr. Engelmacher. „Sie müssen sich Zeit lassen! Geduld, Geduld! In einem halben Jahr und richtig geschminkt . . .“
   Dieses Gefasel bringt sie anscheinend nur noch weiter in Rage. Wütend stößt sie die Schwester, die ihr gerade die Manschette umlegen will, von sich und schreit den Arzt an: „Reden Sie keinen Unsinn, Mann! Scheiße, Scheiße, Scheiße! Sie haben mein Gesicht versaut, Sie Quacksalber! Wenn das Ihre ganze Kunst ist, dann scheiß ich drauf!“
   Die Studenten starren die Patientin mit angehaltenem Atem an. Nun schreiben sie nicht mehr.
   Der Doktor blickt verärgert in die Runde. „Aber das ist doch Unsinn!“, stößt er hervor.
  Natürlich ist es das. Dem Arzt, eine Koryphäe der Plastischen Chirurgie, Pfusch vorzuwerfen, ist eine bodenlose Unverschämtheit.
   Sie bekommt  einen Heulkrampf.
    Ganz merkwürdig ist jetzt die Reaktion des Doktors. Er mustert die Patientin wie jemand, der sich nicht sicher ist, ob er ein Original oder eine Fälschung vor sich hat; auf seinem roten Gesicht liegt eine Mischung aus Trauer und Nachdenklichkeit. Er kneift die Lippen zusammen, als habe er gerade ein furchtbares Geheimnis entdeckt, das zu reden er sich weigert. Dann schüttelt er den Kopf und murmelt: „Nein, nein . . . das darf nicht sein.“ Fast flehend blickt er den Assistenzarzt an, der neben ihm steht. Der wiegt bedächtig den Kopf, soll heißen: Für eine halbwegs sichere Prognose ist es noch zu früh. Der Professor erhebt sich kopfschüttelnd und verlässt, den weiß bekittelten Kometenschweif im Gefolge, den Raum.

  Leider blieb dieser unbeherrschte Wutausbruch kein einzelner Ausrutscher. Immer wieder kam es vor, dass die Patientin Pflegepersonal anschrie oder den Arzt beleidigte. Wie von einem bösen Dämon besessen schien sie es darauf angelegt zu haben, sich unbeliebt zu machen. Doch seltsam: Nach schlechtem Gewissen sah es nicht aus. Im Gegenteil. War der Wutausbruch vorüber, tat sie so, als wäre nichts gewesen.  
   Eines Tages sollte sie die Sache auf die Spitze treiben.
   Ein Major der Bundeswehr hatte seinen Besuch angesagt. Er sollte sich einen Eindruck von ihrem Genesungszustand verschaffen und ihr das Unteroffizierspatent überreichen. Er kam nicht zur verabredeten Minute; Frau Weizenkorn starrte die Uhr an der Wand der Cafeteria an; mit jeder Sekunde, die der Zeiger vorrückte, wurde ihre Miene finsterer. Als der Major schließlich mit halbstündiger Verspätung, einem Blumenstrauß in der Hand, erschien, war ihr Bauch randvoll mit Wut gefüllte wie ein Fass mit Jauche. Ehe er sich noch erklären konnte, schrie sie ihn vor allen Gästen mit so ungeschminkten Beleidigungen nieder, dass er fluchtartig den Raum verließ.

                                                                         5
   Dr. Herfried Springintgut, Leiter der Psychiatrischen Abteilung des Bundeswehrkrankenhauses, saß wie ein verirrter Eisbär vor dem runden Tisch und blickte besorgt auf ein Schriftstück vor ihm. Er war ein völlig weißer Mann: Weißer Kittel, weißes Hemd, weiße Haut, weiße Haare. Wer ihn von Weitem sah, konnte ihn leicht für einen schlohweißen Greis halten, doch von Nahem besehen überraschten seine jugendlich glatte Haut und seine roten Augen – oder besser: Der rot schimmernde Augenhintergrund. Der Doktor war ein reinrassiger Albino. Da solche Leute starkes Tageslicht scheuen, waren die Rollos heruntergelassen und auf Lichtschlitze gestellt.
   Mit am Tisch: Frau Hassa al-Dschobur-Müller, Diplompsychologin, eine üppige Brünette mit gebräuntem Teint; ferner der Militärseelsorger Pastor Egon Niehaus, ein kleines, kränklich wirkendes Männchen, sowie Herr Holger Hauschild, einer der Peers der Abteilung.
    Dr. Springintgut räusperte sich kurz.
   „Meine Dame, meine Herren“, sagte er dann mit weicher Stimme, „Sie haben das Gutachten gelesen, also kann ich mir wiederholende Einzelheiten ersparen. Die Frage, die mich umtreibt ist die, ob die gesteigerte Aggression der Patientin Weizenkorn lediglich auf einer andauernden Stresssituation beruht, oder ob wir es hier schon mit einer. . . ähem, ausgewachsenen posttraumatischen Belastungsstörung zu tun haben. Die Konsequenzen, die sich aus letztgenanntem Fall ergäben, muss ich Ihnen nicht erläutern.“
    Jetzt schwieg er und blickte erwartungsvoll in die Runde.  
  Herr Hauschild blies die Backen auf. „Das Problem ist“, fing er an, „Frau Weizenkorn erzählte mir einmal, sie sei in den Auslandseinsatz mit der Meinung gegangen, ihr könne eigentliche nichts passieren, denn die Bundeswehr habe schließlich keinen Kampfauftrag. Es liegt nun mal in der Natur des Menschen, unangenehme Tatsachen auszuklammern. Ein folgenschwerer Irrtum, wie sich häufig zeigt. Wenn dann tatsächlich etwas passiert, stellt sich schnell eine Überlastungs-Symptomatik ein. Eine weiterer bedeutsamer Aspekt betrifft gewisse Erlebnisse der Patientin, die zweifellos, nun ja . . . wie soll ich sagen –“
   Hauschilds ziemlich monotone Rede wurde von der überraschend tiefen und entschiedenen Stimme der Diplompsychologin beiseite geschoben. „Herr Hauschild, das wissen wir, und orakelhafte Andeutungen bringen uns nicht weiter! Halten wir uns lieber an die Tatsachen!“ Frau Hassa al-Dschobur-Müllers gesättigte Stimme ertrotzte schon mit der ersten Silbe vollständige Aufmerksamkeit. „Als ich noch an sie herankam, beklagte sich Frau Weizenkorn über Schlaf- und Kraftlosigkeit, ständige Gereiztheit und Vernichtungsfantasien. Außerdem sei ihre Periode ausgeblieben, obwohl sie seit einem Jahr keinen Geschlechtsverkehr mehr gehabt habe. Ich halte es deshalb für zwingend erforderlich, Frau Weizenkorn eine entsprechende Therapie vorzuschlagen.“
   „Sie meinen nicht“, wagte Herr Hauschild einzuwenden, „es könne sich möglicherweise auch um ein Übergangsphänomen handeln? Die Soldaten vor Ort stehen ständig unter Stress, und plötzlich, zuhause oder in der Klinik, fallen sie in ein tiefes Loch. Denken Sie doch nur an diese Athleten, die in schwere Depressionen fallen, wenn der Olympia-Rummel vorbei ist. Das kann, wie wie sich gezeigt hat, bis zum Selbstmord gehen.“
   Frau al-Dschobur-Müllers schüttelte energisch den Kopf. „Nein, das meine ich nicht! Und der Vergleich, den Sie eben bemühten, lieber Kollege, geht doch völlig an der Realität vorbei. Zur Debatte steht die Zukunft einer Soldatin, die ihre Gesundheit für ihr Vaterland aufs Spiel gesetzt hat, und nicht die eines Medaillenjägers. Deshalb nochmal – ich schlage eine entsprechende therapeutische Maßnahme vor, und zwar eine möglichst baldige.“
   „Wenn sie denn einwilligt!“
   Dr. Springintgut kratzte sich verdrießlich am Kinn. „Ferner ist es ist ein offenes  Geheimnis, dass die Hardthöhe bei solchen . . . hmm . . . Vorgängen gerne zögert und sogar berufliche Nachteile in Aussicht stellt.“
   „Will Frau Weizenkorn denn wieder zurück in den Dienst?“
   „Sie deutete mir gegenüber an, dass sie auf keinen Fall in Deutschland bleiben will, schon gar nicht in – einen Augenblick!“ Springintgut tippte etwas in seinen Laptop ein. „Schon gar nicht, ich zitiere: In diesem stink-spießigen Paderborn.“
   „Ist sie dort gemeldet?“
   „Als Heimatadresse ist angegeben 33102 Paderborn, Mühlenstr. 47, die Wohnung ihrer Eltern.“
   „Ähem!“
   Alle blickten den Militärgeistlichen an, in dessen unscheinbare Sitzfigur jetzt Bewegung kam. Bisher hatte er noch keinen Laut von sich gegeben, und es schien, als habe er lange nicht mehr geredet, denn als er jetzt sprach, klang seine Stimme wie verrostet.  
  „Ähem“, wiederholte er, „erinnere ich mich . . . äh, richtig? Der Frau musste ein Splitter aus dem . . . äh . . . präfrontalen Cortex entfernt werden?“
  Springintgut nickte.
   „Hmmm . . . Nun ja . . . Dann, fürchte ich, wird es sich bei der Frau Weizenkorn weder um ein – äh, in Anführungsstrichen – einfaches stressbedingtes noch um ein posttraumatisches Syndrom handeln.“
   „Um was denn dann, Ihrer Meinung nach?“, fragte Frau al-Dschobur-Müller spitz. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie den Pastor als Mann und Kollegen ablehnte.  
   „Hm, nun ja, da sind einige Befunde, die meiner festen Überzeugung nach in eine andere Richtung weisen.“
   „So? Zum Beispiel?“
   „Da Frau Weizenkorn . . . äh . . . nie mit mir sprechen wollte, muss ich mich bei meiner Analyse auf das Gutachten stützen. Und da stehen einige Dinge, die mir sehr zu denken geben. Da lese ich unter anderem, dass Frau Weizenkorn früher . . . äh, Friedensaktivistin war und den Beruf der Soldatin in der Überzeugung gewählt hat, sie könne so am wirksamsten eine friedlichere Welt mitgestalten. Das passt doch einiges überhaupt nicht zusammen. Zum Beispiel mit ihrer . . . ähem . . . motorischen Getriebenheit und ihrem erhöhten Aggressionspotential, das sie jetzt zeigt. Ich hätte eher erwartet, dass sie sich verkriecht und still leidet, wie viele ihrer . . . äh . . . Leidensgenossinnen in vergleichbarer Situation. Frauen neigen ja oft bei übergroßer emotionaler Belastung zur Selbstaufgabe. Aber nein, sie gefällt sich darin, Menschen, die es gut mit ihr meinen, zu beleidigen und mit allen möglichen Leuten Streit anzufangen. Und was mich besonders erschüttert ist die Tatsache, dass sie sich noch bei niemandem entschuldigt hat. Ein schlechtes Gewissen scheint sie nicht zu haben.“ Je länger der Militärgeistliche sprach, desto klarer und bestimmter wurde seine Rede.
   „Nun ja“, tönte Springintgut, als der Pastor kurz verschnaufte, „das mit dem Entschuldigen ist so eine Sache. Wir alle kennen Leute, die sich ums Verrecken nicht entschuldigen, eher beißen sie sich die Zunge ab. Schuld sind ja auch nicht sie, sondern ihr anderes Ich, ihr alter ego, mit dem sie nichts zu tun haben wollen. Eine reine Schutzmaßnahme. Das Eingeständnis ihrer –“
   „Herr Kollege“, zischte Frau al-Dschobur-Müller misslaunig, „bitte keine Vorträge! Wir sind alle vom Fach! Mich würde vielmehr interessieren, worauf der Herr Pastor hinaus will.“
   Niehaus hob seine bebrillten Bulldoggenaugen und sah haarscharf an der Diplompsychologin vorbei.
  „Ich will auf folgendes hinaus.“
   Wieder räusperte er sich, und es schien, als ducke er sich unter der herausfordernden Körperlichkeit der üppigen Dame. Schließlich sagte er: „Wenn Sie erlauben, schildere ich zunächst einen Fall, der mich immer wieder an die Grenze meiner Glaubenskraft bringt, sooft ich darüber nachdenke.“
   Bevor jemand einen Einwand erheben konnte, fuhr Niehaus schon mit großer Eindringlichkeit fort: „Es geschah vor hundertfünfzig Jahren beim Bau der transatlantischen Eisenbahn quer durch die Vereinigten Staaten. Das Dynamit für die Sprengungen wurde in unterirdischen Bunkern aufbewahrt, die oben ein Lüftungsloch besaßen –“
    „Herr Niehaus!“, rief Frau al-Dschobur-Müller, „was soll das?“
   Doch Niehaus ließ sich nicht unterbrechen.
    „–  durch das auch der Bestand überprüft werden konnte. Man steckte eine dünne Eisenstange hinein und tastete den Vorrat ab. Eines Tages wurde ein Arbeiter beauftragt, dies zu tun. Er zündete sich eine Zigarette an, nahm eine Eisenstange, steckte sie in das Loch, dabei fiel etwas glimmende Zigarettenasche mit hinein. Die Explosion trieb ihm die Stange hart vor seinem linken Auge in den Schädel; oberhalb der Stirn trat sie wieder aus. Die Ärzte entfernten die Stange, der Mann überlebte. Der Fall ist belegt“, fügte er angesichts der ungläubigen Mienen vorsorglich hinzu.
   „Na schön.“ Dr. Springintgut sah den Pastor rotäugig an. „Aber warum erzählen Sie uns das? Was hat das mit unserem Fall zu tun?“       
   Niehaus schüttelte angesichts dieser Ungeduld leicht den Kopf. „Der Mann überlebte, aber er war nicht mehr der, der er vor dem Unfall gewesen war. Bis dahin hatte er sich als zuverlässiger, fleißiger, ehrlicher Arbeiter erwiesen, der Streit so weit wie möglich aus dem Wege ging. Doch bald nach seiner Genesung erwies er sich als Faulpelz und Raufbold, und er begann zu stehlen und zu lügen. Schließlich –“
   „Sie erlauben!“ Springintgut richtete sich kerzengerade auf und fuhr sich mit seiner weiß behaarten Pranke nervös durch die Haare. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche! Das würde ja bedeuten . . . Das wäre . . . das wäre doch furchtbar“, stotterte er, „nicht auszudenken! Sind Sie sicher, dass die Geschichte stimmt?“
   „Sicherlich! Sonst hätte ich sie nicht erzählt! Wenn Sie wollen, suche ich den Bericht –“
   „Nicht nötig. Der Augenschein spricht ja dafür!“
   „Was spricht wofür?“, fuhr Herr Hauschild mutig dazwischen. „Kann mir mal jemand sagen, wovon Sie da gerade reden?“
   „Die Eisenstange zerstörte einen Teil seiner Hirnrinde“, sagte Niehaus. Sollte ihn jemand aus der Runde für einen aus der Zeit gefallenen Sonderling gehalten haben, so sah sich derjenige jetzt gründlich getäuscht. „Und zwar Teile seines präfrontalen Cortex.“
   Schweigen.
   „Dann machte also eine Therapie Ihrer Meinung nach überhaupt keinen Sinn“, stellte der Peer schließlich fest.
   „Schlimmer noch. Es besteht bei der Kriegserfahrung der Frau Weizenkorn die Gefahr, dass sie sich zu einer Schwarzen Witwe entwickelt.“
   Der Peer blickte den Pastor fragend an. „Schwarze Witwe?“
   „Jemand, der tötet, was er vorher geliebt hat.“
   Die Dame al-Dschobur-Müller trommelte ungnädig mit den Fingern auf die Tischplatte: „Gibt es sonst noch etwas, das uns nicht weiterbringt?“
   Dr. Springintgut räusperte sich scharf. „Diese Frage werden wir jetzt nicht klären können. Viel wichtiger ist doch, was geschieht jetzt mit Frau Weizenkorn. Empfehlen wir ihr eine Therapie, oder warten wir ab und lassen sie erst eine Weile beobachten. Ich schlage vor, wir –“
   Der Pastor sah auf einmal ganz alt aus. „Abwarten!“, rief er, „aber das geht doch nicht! Es muss doch etwas unternommen werden, eh es zu spät ist!“ Er nahm seine Brille ab und putzte sie sorgfältig, obwohl es nichts zu putzen gab.  

   „Sagen Sie mal, Herr Niehus“, sagte der Peer nach der Sitzung, und seine metallische Stimme brach sich an den kahlen Wänden des Flurs, „Sie sagten vorhin, diese Geschichte mit der Stange brächte sie an den Rand Ihrer Glaubensfähigkeit, oder so ähnlich. Was meinten Sie damit?“
    Der Geistliche nestelte nervös an seinem Kreuz, das kurz unterhalb seines Bäffchens an einer goldenen Kette hing. „Niehaus, nicht Niehus, bitte“, sagte er. Wieder sprach er sehr leise. „Sehen Sie, mein junger Freund, die Frage ist doch, ob das ethische Bewusstsein des Menschen eine reine Angelegenheit des Gehirns ist ober von höherer . . . äh . . . anders ausgedrückt: Steckt im Menschen ein göttlicher Funken, oder ist er ein reines Produkt der Evolution?“
   „Hmm . . . Interessanter Gedanke! Da ergeben sich ja ganz neue Therapieansätze! Was ich Sie schon immer fragen wollte, wenn Sie erlauben . . . Warum wird ein Mann der Kirche Militärgeistlicher? Jetzt kommen Sie mir nicht damit, die Bundeswehr sei eine reine Friedensarmee! Fakt ist, dass GOTT immer noch für militärische Zwecke herhalten muss! Steht Ihr Kreuz nicht für Frieden?“
   „Es ist nicht mein Kreuz, es ist Ihr Kreuz, es ist das dieser resoluten Dame, es ist unser aller Kreuz. Was das andere betrifft, das habe ich mich auch schon oft gefragt. Jesus spricht: Das Böse muss in der Welt sein, doch wehe dem, der es in die Welt bringt! Sehen Sie es doch einfach so: Ich will verhindern, dass noch mehr Böses in die Welt kommt.“
   „Ha! Wie wollen Sie das denn erreichen? Daran, verzeihen Sie, sind schon ganz andere Leute gescheitert!“  
   Wieder zeigte Niehaus Kante. „Indem ich den Soldaten versichere, dass in jedem von ihnen ein göttlicher Funke steckt!“
F.f

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Calvin Hobbs
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BeitragVerfasst am: 10.04.2022 18:08    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo smile
Den Part, wo sie ihr Gesicht betrachtet finde ich gut.
Etwas weniger "Meine Damen und Herren" und "nun ja" sollten bei der nächsten Überarbeitung drin sein.
Die Namen "Engelmacher" und "Springintgut" empfinde ich als Krampf, etwas Besonderes bieten zu wollen.
Richtig finde ich den Einwurf "Bitte keine Vorträge! Wir sind vom Fach!" Dieser Teil ist nur dafür da, dem Leser etwas zu erklären. Die Runde selbst braucht diese Erläuterungen nicht.
MfG


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wunderkerze
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BeitragVerfasst am: 15.04.2022 11:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo, Calvin Hobbs,

als "Engelmacher" bezeichnete man früher einen Arzt, der illegale Abtreibungen vornahm. Mir schien dieser Name angemessener als irgendein Müllermeierschulze. Springintgut ist ein alter Geschlechtername in dieser Stadt, der bis ins Mittelalter zurückreicht. Er ist exotisch, das gebe ich gerne zu, aber ich denke, nicht weniger als al-Dschobur-Müller, wie auch ein Albino ziemlich exotisch erscheint. Ich empfinde diese Namen also nicht als "Krampf", sondern als Mittel der Charakterisierung.
Bei den "nun ja" gebe ich dir recht. Danke für den Hinweis.
VG

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Calvin Hobbs
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BeitragVerfasst am: 18.04.2022 17:01    Titel: Antworten mit Zitat

wunderkerze hat Folgendes geschrieben:
Hallo, Calvin Hobbs,

als "Engelmacher" bezeichnete man früher einen Arzt, der illegale Abtreibungen vornahm. Mir schien dieser Name angemessener als irgendein Müllermeierschulze. Springintgut ist ein alter Geschlechtername in dieser Stadt, der bis ins Mittelalter zurückreicht. Er ist exotisch, das gebe ich gerne zu, aber ich denke, nicht weniger als al-Dschobur-Müller, wie auch ein Albino ziemlich exotisch erscheint. Ich empfinde diese Namen also nicht als "Krampf", sondern als Mittel der Charakterisierung.
Bei den "nun ja" gebe ich dir recht. Danke für den Hinweis.
VG


Ich habe nur meine subjektive Meinung abgegeben.
Wenn Du der Meinung bist, dass der allgemein bekannte Begriff des "Engelmachers" in diesen Zusammenhang gehört und wenn Du der Meinung bist, mit Namen bis ins Mittelalter zurückgreifen zu müssen, dann ist das Deine Entscheidung. Was es allerdings zum Vorantreiben der Geschichte und zur Charakterentwicklung beiträgt, erschließt sich mir halt nicht.
MfG


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wunderkerze
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BeitragVerfasst am: 18.04.2022 20:22    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

6
   Die Cafeteria mit den halb heruntergelassenen Rollos ist fast leer. Eine junge Angestellte mit Bubikopf-Frisur putzt emsig und mit leerem Blick an irgendwelchen Glaselementen der Tortentheke herum.
   Während Frau Weizenkorn ihre Schminke auffrischt, beobachtet sie den Zeitungsleser zwei Tische weiter, der ganz in seine Lektüre vertieft scheint. Er hat schwarz glänzende, über den Ohren geschorene Haare und einen völlig platten Hinterkopf. Jetzt erkennt sie ihn. Es ist der Mann, der sie gestern, als sie den Major abkanzelte, mit unverhohlenem Erstaunen musterte. Sie schließt ihre Handtasche; in diesem Moment legt der Mann die Zeitung weg, steht auf und kommt auf sie zu.
   „Darf ich mich zu Ihnen setzten?“, fragt er höflich.
   Sie überhört die Frage, sieht an ihm vorbei, auf ihren dampfenden Kaffee.
    Der Mann zieht sich einen Stuhl zurecht und setzt sich. „Ich heiße Omar Muhammed al-Ghani. Und Sie sind Frau Weizenkorn, frischgebackener Unteroffizier der Bundeswehr.“
   Sie wirft ihm einen giftigen Blick zu und zischt: „Verpissen Sie sich, und zwar möglichst schnell!“
   „Wo haben Sie das gelernt?“, fährt der Mann in stoischer Ruhe fort, „das gestern war eine astreine Vorstellung. Hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Ein Unteroffizier faltet einen Major der Bundeswehr zusammen! Hut ab! Dazu muss man Kraft haben. Kraft, Mut und innere Getriebenheit. Ich mag starke Frauen. Sie werden es mir wahrscheinlich nicht glauben, aber es ist so.“ Er spricht ein etwas steifes, aber korrektes Deutsch.
   „Gehen Sie, sonst schreie ich den Saftladen hier zusammen!“
   „Mohammed hat Frauen sehr geschätzt, besonders starke und gebildete Frauen –“
   Sie lacht schrill. „Hey, Mann, das ist die bescheuertste Anmache, die mir je untergekommen ist! Und jetzt Abmarsch!“
   Er rührt sich nicht. „Es ist keine Anmache. Es ist die Wahrheit.“
  „Auch das noch! Will heißen, Sie haben zuhause einen Harem, einen Stall voll schreiender Kinder und sind auf der Jagd nach Frischfleisch. Aber nicht mit mir, Sie Arschloch, oder soll ich du Arschloch sagen? Außerdem bin ich HIV-positiv!“
   Er lacht rau. „Ich auch!“
   „Leck mich!“   
   So viel hartnäckige Gesprächsverweigerung bringt ihn aus seiner stoischen Ruhe. „Bei Allah!“, zischt er, „können Sie auch vernünftig reden?“
   „Wer ist denn Allah? Ihr Bruder?“
   „Ja.“
   „Geben Sie sich keine Mühe! Ich hab gerade eine Scheißlaune.“
    „Glaub ich Ihnen aufs Wort!“
   „Ich bin ein Monster!“
   „Das sehe ich.“
   „Mann, gehen Sie! Sonst kotz ich Euch vor die Füße!“   
   „Das wäre immerhin ein gewisses Entgegenkommen.“
   Seine sture Beharrlichkeit scheint sie zu entwaffnen.
   „Was wollen Sie?“
   „Nichts bestimmtes. Nur reden. Mit jemandem, der mein Land kennt. Wissen Sie, ich fühle mich hier in dieser fremden Stadt mit diesem entsetzlichen Wetter sehr heimatlos. Immer nur grau, grau, grau. Und die Menschen auf der Straße sehen an mir vorbei, als wäre ich Luft. Ich sehne mich nach Helligkeit. Ihr Auftreten gestern war eine Art Kugelblitz.“
   Wieder lacht sie schrill. „Mann! Haben Sie noch alle? Ich und Kugelblitz! Wenn Sie mich weiter vollquasseln, kratzt der Kugelblitz Ihnen die Augen aus! Aber sagen Sie mal, wenn Sie das hier alles so entsetzlich anödet, was zum Teufel suchen Sie dann hier?“
   „Die Ärzte in Camp Marmal haben mich nach Hamburg geschickt, um mein Leben zu retten, ähnlich wie bei Ihnen, denn die Möglichkeiten dort befinden sich gerade mal auf Notfallniveau, na, wem erzähle ich das.“
   Sie schlürft provozierend geräuschvoll ihren Kaffee. Über die Tasse hinweg fragt sie: „Woher sprechen Sie eigentlich so gut Deutsch?“
   „Mein Vater ist ein Verehrer der deutschen Literatur, besonders Goethe und Schiller haben es ihm angetan. Er bestand darauf, dass ich Deutsch lerne.“
   „Ach deshalb klingen Sie wie eine verstaubte Schulgrammatik!“
   Er verzieht keine Miene. „Kennen Sie den Westöstlichen Diwan?“
   „Diwan . . . Diwan . . . Ist das nicht ein Liegemöbel?“
   „Nein. Eine Gedichtsammlung.“
   „Auch das noch!“
   „Mein Vater wollte, dass ich Goethes Gedichte im Originaltext lesen und verstehen kann. Inzwischen habe ich Deutsch zu meinem Beruf gemacht. Ich bin Dolmetscher für Deutsch und Paschto, meiner Muttersprache, bei der deutschen Sektion.“ Er blickt eine kleine Weile nachdenklich aus dem Fenster, gegen das der Regen klatscht, dann rezitiert er:

                                                        „Nicht Gelegenheit macht Diebe
                                                        Sie ist selbst der größte Dieb;
                                                        Denn sie stahl den Rest der Liebe,
                                                        Die mir noch im Herzen blieb.

                                                       Doch ich fühle schon Erbarmen
                                                       Im Karfunkel deines Blicks
                                                       Und erfreu in deinen Armen
                                                       Mich erneuerten Geschicks.

Schön nicht? Könnte von Hafis persönlich stammen.“
   Sie grinst unter der dicken Schicht rosa Schminke. „Vorunkel deines Blicks . . .  Auf Ideen kommen die Leute!“
   „Nicht Vorunkel. Karfunkel.“
    „Jetzt reicht´s!“ Sie nimmt ihre Handtasche, steht auf und sagt: „Ich muss jetzt zur Massage. Gute Besserung!“
   „Ich möchte Sie wiedersehen! Wie wär´s –“
  Doch sie ist schon außer Hörweite.    
  Bevor sie die Tür zu ihrem Zimmer öffnet, vergewissert sie sich, dass kein Klinikpersonal in der Nähe ist. Drinnen öffnet sie die Handtasche, hebt die Matratze ihres Bettes hoch und legt den Löffel und die Zuckerwürfel zu den anderen stibitzten Dingen. Sie lässt die Matratze wieder herunter und zieht das Laken glatt. Dann setzt sich sich in einen Sessel und denkt nach.
  
                                                                             *
  Zwei Tage später sitzt er wieder am Tisch vor dem Fenster, die Zeitung vor der großen Nase. Eine Tasse Kaffee und ein angebissenes Mettbrötchen stehen auf dem Tisch. Sie macht sich gar nicht erst die Mühe, ihn zu übersehen, sondern setzt sich zu ihm.
   „Mann, Sie sind ja immer noch da!“
   „Genau wie Sie. Was macht Ihre Laune?“
   „Etwas besser, aber immer noch grottenschlecht. Und, wie stet´s bei Ihnen?“
   „Den Umständen entsprechend.“ Al-Ghani zeigt auf den Teller. „Möchten Sie auch ein Mettbrötchen? Lecker, lecker! Ich spendier Ihnen eins. Mal was anderes als immer diese labbrige Krankenhauskost.“
   Sie hebt abwehrend die Hände. „Igittigitt! Auch noch Mett! Ich hab genug rohes Fleisch gesehen!“
   „Entschuldigen Sie! Ich wusste nicht –“
   „Schon gut. ´ne Tasse Kaffee wär nicht schlecht. Seit wann essen denn Leute wie Sie Mettbrötchen?“
   „Mit Putenmett schon!“ Er winkt der Bedienung.
   Frau Weizenkorn kommt sofort auf den Punkt. „Ich glaub Ihnen nicht, dass Sie freche Frauen mögen. Passt nicht in die gottverlassene Gegend, aus der Sie kommen. Also heraus mit der Sprache, was wollen Sie wirklich?“
    „Von frech habe ich nichts gesagt. Ich habe stark gesagt. Stark und durchsetzungsfähig.“
   „Verstehe. Und weil es solche Zitronenfalter bei Ihnen nicht gibt –“
   „Natürlich gibt es solche Frauen bei uns auch, und es werden immer mehr. Aber –“
    „Reden Sie keinen Schwachsinn! Als ob bei euch eine Frau irgendetwas zu sagen hätte oder gefragt würde, wie es ihr geht! Verdammt nochmal! Ich hab´s doch selbst erlebt! Der Herr Gemahl wie Graf Koks auf dem Esel, Frauen und Töchter schleppten schweißtriefend die Säcke. Bei reichlich vierzig Grad im Schatten.“
   „Wer ist Graf Koks?“
   „Eine Witzfigur.“
   „Ach so. Sehen Sie, die muslimische Einstellung der Frauen gegenüber ist die Folge historischer Zwänge –“
   Wieder lacht sie schrill. „Verschon mich mit diesem Schwachsinn, Mann! Völliger Stuss! Die verquere Einstellung von Männern gegenüber Frauen beruht nicht auf historischen Zwängen, sondern auf der gern verdrängten Tatsache, dass die meisten Männer emotional behindert oder dumm sind. Dumm ist wie tot, man merkt es nicht. Und anscheinend machen Sie da keine Ausnahme. Wenn die eine nicht will, versohlen Sie ihr den Hintern und nehmen die andere.“
    „Wer hat Ihnen denn diesen Unsinn beigebracht?“
   „Kennen Sie Ihren Koran nicht? Das enttäuscht mich aber sehr! Da steht doch ausdrücklich, das der gläubige Muselmann eine widerspenstige Frau schlagen darf, auch wenn neuerdings von irgendwelchen muslimischen Schriftgelehrten drumherum geredet wird.“
    Er verzieht angewidert das Gesicht. „Was Sie nicht alles wissen!“
   „Reden Sie kein Dummdeutsch! Ist es so, oder ist es nicht so?“
   Der Kaffee kommt, das Gespräch stockt.
   „Na gut, ich gebe zu, es steht im Koran“, sagt er, als die mollige Anja abgewackelt ist. „Aber der Prophet hat auch gesagt: Ich wollte es nicht so, doch Allah wollte es anders.“
   „Scheiße! Wieder mal die alte Leier: Blah blah blah! Mann, anscheinend kennen Sie ihre eigenen Gesetzte nicht! Aber ich, hatte ja genug Zeit, mich zu informieren.“
   „Was meinen Sie?“
   „Schon mal was vom Artikel 132 des Gesetzes zur Regelung des Familienlebens gehört? Hat Ihre Regierung unlängst beschlossen. In diesem wenig erfreulichen Regelwerk wird die Ehefrau zu regelmäßigen Geschlechtsverkehr verpflichtet, außer sie ist krank oder sie hat irgendein Gebrechen, dass sie für dergleichen Verrichtungen ungeeignet macht. Im Weigerungsfall drohen Ihr Prügel oder der Herr Gemahl lässt sie hungern. Ihr wunderschönes Land ist für Frauen ein einziges Gefängnis.“ Sie blickt ihn böse an. „Mehr noch. Es ist die Hölle.“
   „Das sehen Sie völlig falsch!“
   Ihre Faust knallt auf den Tisch. „Ach nee! Das sehe ich falsch! Hätt ich nicht gedacht!“ Sie dreht sich um. „Alle mal herhören“, ruft sie, „der seltene Vogel hier behauptet, wenn sich seine Frau nicht ficken lassen will, lässt er sie zur Strafe hungern oder er haut ihr den Arsch voll!“
   Die paar Gäste tun so, als hätten sie nichts gehört.
   Al-Ghanis Nerven liegen blank. Er springt auf und schreit: „Unser Präsident hat diesen Artikel nur unterschrieben, weil ihn die Djihadisten dazu gezwungen haben. Ohne diesen Artikel hätte es nie Friedensverhandlungen gegeben! Ja, ich gebe zu, dieser Artikel ist eine Schande! Aber alles ist besser als Krieg!“
   Eine Frauenstimme schreit zurück: „Ich scheiß auf solche Friedensverhandlungen! Und du bist ein ausgemachtes Arschloch genauso wie dein Präser!“  
    Er lässt sich auf seinen Stuhl fallen, über der Oberlippe kleine Schweißperlen.
   Frau Weizenkorn grinst unverschämt. „Sehen Sie? Das haben Sie nun davon. Jetzt sind Sie hier genauso unbeliebt wie ich.“
F. f

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BeitragVerfasst am: 24.04.2022 17:06    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

*
   Dr. Springintgut griff zum Nachtisch, einem grünen Glibberzeug mit blassgelber Soße.
   „Sie glauben doch nicht im Ernst, mein lieber Kollege“, grummelte er, „dass ich meinen Grundsätzen untreu werde, nur weil Ihnen der Herr Niehus den Kopf verdreht hat.“ In der gut beleuchteten Mensa sah er noch weißer aus als in seinem Dienstzimmer.
   „Niehaus, nicht Niehus“, verbesserte der Peer.
   „Ich bin kein Psychologe, sondern Psychiater. Mir geht´s um ganz andere Dinge. Das Großhirn ist nun mal das materielle Substrat der Seele; demnach haben auch die Geisteskrankheiten ihren Sitz im Gehirn und entwickeln sich unabhängig von höheren Einflüssen, wie göttliche Funken und anderen so genannte Faktoren aus der Mottenkiste des Spiritualismus.“  Springintgut versuchte, einen Löffel Glibberzeug zum Mund zu führen.
   „Wie erklären Sie sich aber dann folgendes“, nutzte der Peer die Sprechpause, „da hat man Versuche mit tibetanischen Mönchen gemacht, ihnen den Schädel verkabelt, ihre Hirnströme gemessen. Und jedesmal, wenn die Mönche mit der Gottheit in Verbindung traten, zeigten sich auf den Messgeräten heftige –“
   „Weiß ich, weiß ich, junger Freund. Bin ja nicht von gestern, und das eine oder andere Fachblatt lese ich auch noch. Und dann haben die Burschen auch noch behauptet, im Inneren ihres Kopfes habe es sich ganz heiß angefühlt. Die göttliche Aura habe wie ein Brennglas gewirkt und ihre geistigen Kräfte ins Gigantische gesteigert. Oder so ähnlich.“
   „Aber könnte dieser Befund nicht ein Hinweis auf das Wirken einer göttlichen –“
   „Pah! Hören Sie mir auf mit göttlich! Der Name Gottes ist so häufig missbraucht worden, dass ich ihn nicht mehr hören kann! Nennen Sie´s wie Sie wollen, aber nennen Sie es nicht göttlich!“
   „Na schön. Dann nenne ich es eben . . . Außerevolutionäre Kraft.“
   „Schon besser. Sie meinen also, diese außerevolutionäre Kraft pflanze dem Menschen Moral, Ehrgefühl, Vaterlandsliebe und diesen ganzen gesellschaftlichen Konformismus ein.“
   „Behauptet der Pastor. Mich interessiert, ob da was Wahres dran ist. Die Versuche mit den Mönchen deuten immerhin in diese Richtung.“
   Der Doktor schlürfte den Pudding. Dann sagte er: „Unsinn. Sie deuten auf überhaupt nichts. Höchstens auf einen Fall von krasser Autosuggestion. Und! Vielleicht wollten die guten Mönche den dekadenten Westlern auch nur was vormachen. “
   „Aber . . . Aber die Nadeln in den Monitoren haben doch wie wild ausgeschlagen!“
   „Natürlich! Werfen Sie einen Hummer ins kochende Wasser, schlagen die Nadeln auch wild aus, und in seinem Spatzenhirn wird´s heiß. Ganz ohne . . . ähem, Funken.“
   „Den Vergleich lasse ich nicht gelten. Ein Hummer hat keinen präfrontalen Cortex.“
   „Okay. Dann nehmen wir eben Hypnose. Da haben Sie ähnliche Erscheinungen.“
   „Das heißt, zuende gedacht, für Frau Weizenkorn sieht es schlecht aus.“
   „Nun malen Sie nicht gleich den Teufel an die Wand! Ihr Hirntrauma ist nur minimal. Und vielleicht beruht ihr eigenartiges Verhalten ja auf ganz anderen –“ Springintgut unterbrach sich. „Verdammt  nochmal! Das kommt davon, wenn man beim Essen quatscht! Gerade heute morgen frisch gewaschen angezogen! He, Mira, hast du mal ´nen feuchten Lappen zur Hand?“

                                                                                 *  
   Ein paar Tische weiter, hinter einer Blumenbank.
   „Musste das sein? Ihr Auftritt heute morgen?“
   „Nee . . . Aber Spaß hat es trotzdem gemacht!“
   Al-Ghani stochert lustlos in seinem halalen Essen herum.  „Frau Weizenkorn, was ist mit Ihnen? Sind Sie krank?“
   „Wieder nee! Da kann ich Sie beruhigen. Viel schlimmer! Ich bin nicht mehr ganz richtig im Kopf! Dieser Brotfressor behauptet, mein präfontaler Dingbums hätte Schaden genommen. Und wenn der was sagt, stimmt´s.“
    „Wie ist es passiert?“
   „Wie ist was passiert?“
   „Ihre Verletzung.“
   „Sie meinen meine Zombie-Fratze?“
   „Nein. Ich meine ihre Verletzung.“
   „Auf einem Erkundungsgang. Kennen Sie die Festung Charog Zoda?“ Al-Ghani nickt. „Wir wollten uns den Scheiß-Aul unterhalb der Festung mal ansehen, dabei gerieten wir in einen Hinterhalt. Ein kleines Mädchen, das auf uns zukam, trug eine Bombe unterm Hemd. Es machte Wumm!, dann war´s für lange Zeit dunkel. Jemand muss die Aktion verraten haben.“
   „Sie sagten eben 'wir'. Wer war das?“
   „Ich hatte mich zu einer Sondermission gemeldet. Brüssel unterstützte damals den Versuch junger Jesidinnen, eine eigene Kampftruppe aufzubauen und suchte Ausbilder, und ich meldete mich. Aus Solidarität, wenn Sie wissen was ich meine.“
   „Durchaus. Und dann?“
  „Wir hatten nicht mit dem SaI gerechnet.“
    „Es-ah-Ih? Nie gehört.“
   „Wirklich nicht? Sie nannten oder nennen sich Seif al-Islam, ihr Erkennungszeichen ist ein kleines silbernes Schwert. Sie hausten in einem ausgedehnten Höhlensystem unter dem Kohn-i-Babd, doch es war völlig schleierhaft, wo ihre Ein- und Ausstiegslöcher waren. Sie tauchten plötzlich auf, verübten Anschläge und verschwanden wieder. Wie vom Erdboden verschluckt. Wie es heute um die Brüder steht, weiß ich nicht. Würde mich aber stark interessieren, schließlich haben diese Schweine mein Gesicht versaut. Kam mir alles, als ich den Major sah, brühwarm wieder hoch.“
    „Verstehe! Würden Sie trotzdem wieder zurückgehen?“
   „Sofort! Und auch nicht trotzdem, sondern weil!“
   Sie blickt aus dem Fenster, durch das gerade ein müder Sonnenstrahl hereinfällt. „Nur fürchte ich, es wird nicht gehen. Sie werden mich in den Innendienst versetzen und mich dort verschimmeln lassen . . . Und, was war´s bei Ihnen?“
   Der Paschtune überlegt einer Weile, dann sagt er gepresst: „Eine fehlgeleitete amerikanische Killerdrohne. Ich war gerade dabei, einer Gruppe von Polizeianwärtern die Erklärungen des deutschen Instrukteurs zu übersetzen. Ich sah zufällig hoch, doch es war schon zu spät. Sekunden darauf stand der Hof in Flammen. Ich rannte durch die Feuerwalze und geriet dabei selbst in Brand. Zwanzig Prozent meiner Haut mussten ersetzt werden. Schauen Sie, diese kahlen Stellen am Kinn und über dem verkrüppelten Ohr – übrigens Haut von meinem Oberschenkel. Ein Gutes hat´s ja.“ Er lacht trocken. „Ich muss mich da nicht mehr rasieren.“
   „Sie haben gut Lachen! Sie sind ein Mann, da zählt Gesicht nicht viel. Aber was soll ich denn sagen! Eine Frau lebt oder stirbt mit ihrem Gesicht, ich hab doch Augen im Kopf! Ich seh doch, wie die Kerle an mit vorbeischauen! Sie übrigens auch, Herr Muselmann!“ Weinerlich: „Ich bin geschminkt wie ein Kinderclown . . . Das wird nie wieder was! Alles irgendwie schief zusammengewachsen, und dann die Narben! Kein Grund zum Jubeln . . . Ja die Ärzte! Pah! Wenn ich das Gefasel schon höre! Sie müssen Geduld haben, äh bäh, das wächst sich aus, äh bäh . . . Immer nur Geduld, Geduld, Geduld . . . Scheiße, ich hab aber keine Geduld mehr!“ Sie haut mit der Faust auf den Tisch, dass die Teller kleine Hopser machen. „Manchmal könnte ich alles kurz und klein schlagen!“
   „Ich heiße übrigens Omar Muhammed.“
   „Interessiert mich nicht! Von mir aus können Sie sich Arschloch nennen.“
   „Omar reicht.“ Er sieht sie nachdenklich an. „Warum essen Sie denn nichts?“
   „Hab gegenwärtig keinen Hunger.“
   „Wollen Sie abnehmen?“
   „Seh ich so aus?“ Sie starrt auf al-Ghanis Teller. „Sagen Sie mal, was essen Sie da gerade?“
   „Menemen mit Sucuk-Wurst.“
   „Wie?“
   „MENEMEN MIT SUCUK-WURST!“
   „Sieht aus wie Moppelkotze.“
   „Was ist Moppelkotze?“
   „Eine paderborner Leckerei.“
   Schweigen. Dann: „Wenn Sie Ihre . . . Leckerei verschlungen haben, würden Sie dann mit mir ein paar Schritte vor die Tür gehen? Es hat aufgehört zu regnen, und hier drinnen ersticke ich. Die Scheißluft hier ist total zeratmet.“

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BeitragVerfasst am: 30.04.2022 09:19    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Sie stehen auf der tropfnassen Terrasse inmitten zahlreicher Pfützen. Die Luft ist feucht, doch angenehm mild. Es riecht würzig nach frisch geharkten Wegen und verrottendem Pappellaub.
   „Gegen Ihre Gesichtsphobie wüsste ich was“, sagt Al-Ghani, nachdem sie sich eine Weile angeschwiegen haben, „aber ich fürchte, es wird Ihnen nicht gefallen.“
   „Reden Sie nicht in Rätseln! Spucken Sie´s aus, Mann!“
   „Ein Niqab oder eine Burka.“
   Sie lacht herzhaft. „Werden Sie nicht albern! Ich soll wie eine Nonne herumlaufen? Und auch noch schwarz? Das glauben Sie doch selbst nicht!“
   „Nicht schwarz. Diese Bekleidung bekommen Sie heute in allen möglichen Farben.“ Der Paschtune schüttelte den Kopf. „Ich begreife euch Europäerinnen nicht. Was ist denn daran so schlimm, wenn eine Frau ihr Gesicht verhüllt? Außerdem ist es bei uns keine Pflicht mehr. Wer es macht, tut es freiwillig. Ein Kopftuch reicht auch. Und: Glauben Sie denn, hinter jeder Niqab verbirgt sich eine Schönheit? Manche Frau ist froh, dass sie ihr Gesicht –“
   „Sie reden schon wieder Unsinn. Keine Frau läuft freiwillig wie ein Postsack herum und lässt sich von Straßenkötern ankläffen. Gehen wir ein Stück?“

   „Aus welcher Gegend kommen Sie eigentlich?“, fragt er.
   „Aus dem hilligen Paderborn, wenn Ihnen das was sagt. Alter Bischofssitz mit ´nem dicken Dom, ich glaub, der steht da schon seit der Steinzeit. Ewig läuten die Glocken, und wenn die nicht läuten, regnet´s. Mir zu spießig, das Kaff. Gut, die Leute sind nicht schlechter oder besser als anderswo, aber ich krieg immer Kopfjucken, wenn ich drei Tage bei meinen Eltern bin. Liegt aber wahrscheinlich nicht an den Leuten, sondern an der schlechten Luft, Kessellage oder so und dann die vielen Autos . . . Wahrscheinlich versuchen die Jungs da, ihre tödliche Langeweile durch ständiges Herumfahren zu betäuben. Wissen Sie, was ich am Hindukusch geradezu genossen habe? Das war diese reine, trockene, durchsichtige Luft! Da siehst du Schneegipfel direkt hinterm Haus, du denkst, ha, wäre doch mal ´ne Tagestour zu Fuß, dabei sind´s hundertfünfzig Kilometer! Und dann diese Weite! Hier in diesem Scheißland, wo es von Leuten wimmelt, muss man doch beim Joggen aufpassen, dass man nicht aus Versehen jemanden in die Hacken tritt! Wenn es dort unten nicht ständig gekracht hätte und eine Frau weniger wert ist als ein totes Schaf, hätte ich mich glatt in dieses Land verlieben können.“  
    „Da wären Sie nicht die Einzige! Alexander der Große war so angetan, dass er ein Mädchen aus Turtuk heiratete. Und Babur, der Herrscher über das Moguln-Reich und Besitzer zahlreicher Märchenpaläste in Nordindien, sehnte sich immer nur nach Ka-Bul. Außerdem: Welches andere Land, abgesehen vielleicht von Nordkorea, blieb in den letzten drei Jahrzehnten von der so genannten touristischen Erschließung ähnlich verschont wie dieses!“
    Al-Ghani bleibt stehen.
   „He, Mann, warum gehen Sie nicht weiter, machen Sie schon schlapp?“
   „Nein. Ich möchte Ihnen in die Augen schauen.“
    „Na dann, großer Paschtune, was sehen Sie?“
   „Ich sehe das gleiche Feuer, das in meinem Herzen brennt! Ich sehe, dass Sie eine Kämpfernatur sind und in diesem engen Land niemals glücklich werden können! Ich sehe Sie in einem himmelblauen Niqab, ein Gewehr in der einen, eine Handgranate in der anderen Hand gemeinsam mit meinen Leuten gegen die Feinde unsere Landes anstürmen.“  
   Sie lacht. „Mann! Geht´s nicht eine Nummer kleiner? Sie sind ein verdammter Fantast! Ich im himmelblauen Niqab stürme gegen die Feinde Ihres Landes an! Te, te, te . . . Das lassen Sie mal schön die Alliierten machen! Sie sehen ja an uns beiden, was dabei herauskommt!“   
    Eine eigenartige Lichterscheinung, etwa eine Hand breit über der schwarzen Silhouette eines fernen Wolkenbandes, taucht auf. Am Himmel steht wie ein riesiges Auge der volle Mond inmitten eines kreisrunden Regenbogens.     
   „So etwas habe ich noch nie gesehen“, staunt sie, „das sieht ja seltsam aus. Irgendwie unheimlich.“
   Auch der Paschtune ist verblüfft.
   „Es ist das Auge Allahs, das uns beobachtet“, murmelt er.
   „Na klar, das Auge Allahs, darauf wär ich nicht gekommen!“
   „Allah will uns etwas mitteilen.“
   „Da bin ich aber gespannt!“
   „Er will uns mitteilen, dass wir füreinander geschaffen sind. Frau Weizenkorn, glauben Sie mir, ich habe nicht die Absicht, Sie zu heiraten. Kommen Sie mit und lassen Sie mich Ihr Bruder sein! Ein guter Bruder ist in unserem Land mehr als nur ein Verwandter. Er ist eine Lebensversicherung.“
   „Ha, Bruder! Auch das noch! Ich hasse Brüder! Mann, Sie haben vielleicht Nerven!“

   Vier Wochen später. . .
   „. . . müssen Ihnen leider mitteilen, dass Sie aufgrund Ihres mittleren Verletzungsgrades und der guten Prognose keinen Anspruch auf Entschädigung oder Ersatzleistungen seitens der Bundesrepublik Deutschland haben . . .  Wir bieten Ihnen eine Weiterbeschäftigung im Innendienst der Bundeswehr am Standort Paderborn an . . .“           
   Frau Weizenkorn lässt das Schreiben sinken und bricht in ein wüstes Gelächter aus, das allmählich in ein wolfsartiges Geheul übergeht. Als sie damit fertig ist, nimmt sie einen Stuhl und zerschlägt ihn laut schreiend an der Wand. Dann rafft sie ihre Habseligkeiten zusammen, unter anderen die Visitenkarte, die ihr al-Ghani dagelassen hat, und springt aus dem Fenster. Noch bevor das Klinikpersonal ihr Zimmer betritt, ist sie in der Dunkelheit verschwunden.
  F..

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BeitragVerfasst am: 10.05.2022 20:58    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Höllenengel

                                                                                                          Gewalt kann wohl
                                                                                                           den Richter beugen,
                                                                                                           doch niemals beugt
                                                                                                           Gewalt das Recht.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               
                                                                                                           Johannes Trojan         

         „Nein", sagte der Mann beim Fenster, warf das Buch auf ein Tischchen und stand auf. „Sie    
          dürfen nicht weggehen, Sie sind ja verhaftet.“ „Es sieht so aus“, sagte K. „Und warum denn?“      
          fragte er dann. „Wir sind nicht dazu bestellt, Ihnen das zu sagen. Gehen Sie in Ihr Zimmer und
          warten Sie. Das Verfahren ist nun einmal eingeleitet, und Sie werden alles zur richtigen Zeit
          erfahren. Ich gehe über meinen Auftrag hinaus, wenn ich Ihnen so freundschaftlich zurede.
          Aber ich hoffe, es hört niemand sonst als Franz, und der ist selbst gegen alle Vorschrift
          freundlich zu Ihnen. Wenn Sie auch weiterhin so viel Glück haben wie bei der Bestimmung    
          Ihrer Wächter, dann können Sie zuversichtlich sein.“
          Franz Kafka - Der Proceß
                                                       
                                                                              1
  Eins, zwei, drei...
   Drei Blasen steigen auf und zerplatzen an der Wasseroberfläche.
   Jetzt öffnet der Koi sein Maul und spuckt ein paar dunkle Brocken aus.
   Zu schnell gefressen, denkt Adamyan.
   Zu schnell gefressen . . .
   Auf einmal ist er wieder da, dieser furchtbare Albtraum, und er denkt sofort an etwas anderes, angenehmes. An die Bauchtänzerin im Sheraton Otel. Vorgestern Abend.
   Doch schon springen seine Gedanken auf einen anderen Gegenstand über. Dieser Mann . . . Zwielichtige Figur . . . Ob ich ihm trauen kann?
   Doch wem kann man in diesem Land überhaupt noch trauen?
  Adamyan blickt zur Uhr. Wo der Kerl bloß bleibt . . . müsste schon längst hier sein . . .
   Der Junge hinter der schwarzen Theke, ein Türke, blickt ihn fragend an. Auch er ist in Schwarz; schwarze Haare, schwarz schimmernde Wangen, schwarzes Hemd, schwarz bewimperter Schmachtblick. Auch der  Rest der Shisha-Bar ist überwiegend in Schwarz gehalten: Die Wände, das Mobiliar, der Boden. Das wenige Farbige sind die Wasserpfeifen und das in Neongrün leuchtende Aquarium. Schwarz ist meine Farbe, denkt Adamyan und nickt, und schwarz schwarz schwarz ist die Farbe meiner Seele.
   Wieder gleitet sein Blick zu den Zierkarpfen, die jetzt unbeweglich ihr Spiegelbild in der Glasscheibe anstarren. Wie kann man solches Gezücht schön finden, denkt er, sehen aus wie mit Lötkolben verbrannt. Sofort blickt er nach draußen.
   Auf dem weiten Platz breitet sich Abendstimmung aus. Irgendwo steigt weißer Rauch auf: Kein Friedensangebot, sondern das von gegrilltem Hammelfleisch. Die Leuchtreklame auf der Souk-Halle hämmert unverdrossen ihre bunte Botschaft in die Dämmerung, und die Kommers-Kometen der Verkaufsbuden erstrahlen im hellen Lichterglanz. Auch dieser Platz hat Angst, denkt er, aber nicht vor dem Tageslicht, sondern vor der Dunkelheit.
   Der Junge stellt mit betörendem Blick den Tee hin.
    Adamyan blickt auf die Zitadelle, die wie ein zweiter Mond über der Stadt schwebt. Halb neun. Da ist etwas schief gegangen . . . Aus der Sternschnuppe des vagen Verdachts ist unversehens ein Planet des Misstrauens geworden.
   Noch ehe die beiden Männer die Bar betreten, weiß er, dass ihn jemand verraten hat.
     
                                                                                        2
   Syrien, Straflager Qual as-Sad
  Behäbig rumpelt der Lastwagen in den Hof, eine dicke gelbe Staubwolke hinter sich. Während das Tor rasselnd zufällt, werden die Gefangenen von der Ladefläche auf den harten Boden gestoßen; sofort beginnt eine Gruppe von Gefängniswärtern mit Knüppeln auf sie einzuschlagen. Einer der Gefangenen, ein großer stämmiger Mann mit zerzaustem Bart und verfilzten Haaren, das lückenhafte Gebiss zu einer Angst- und Hassgrimasse gebleckt, wird hochgerissen und unter Schlägen Schritt für Schritt rückwärts in eine Ecke des Platzes gedrängt, die ein Ausweichen unmöglich macht. Seine weißen Augäpfel, brennend vor Schweiß und geweitet von Entsetzen, sind auf die schwerfällig-tapsige Gestalt eines der Schläger gerichtet, ein fetter Typ in Markenturnschuhen, der mit dem Knüppel in der fleischigen Faust und mit von Blutdurst und der Freude am Totschlag gesättigtem Blick auf ihn eindringt und dickzüngig-heiser schreit: „Das Gehirn schlage ich dir zu Brei, du gottloser Verräter!“ Der Bedrängte versucht affenhaft geduckt und mit erhobenen Händen den Schlag abzuwehren, doch mit einem schauderhaft dumpf-hohlen Geräusch kracht der Knüppel auf seinen Schädel. Der andere Schläger, weniger massig als sein Kollege, mit spitzer Nase und niedriger Stirn, sonst eine feige Ratte in Menschengestalt jetzt aber stark im Schutz staatlich verordneter Gesetzeslosigkeit, in der ohne Erbarmen und Angst vor Vergeltung gemordet werden kann, grölt mit widerlich hoher Stimme: „Verdammtes Schwein, wir werden dir den Rebellen jetzt gründlich austreiben!“ Die Worte kommen schrill und abgehackt, während seine Augen dem Blick des Gefangenen ausweichen.
  Der Gepeinigte, mit dem Rücken an der Wand und aus klaffender Kopfwunde blutend, hebt die wollig behaarte Hand – doch krach! Knochen und Knorpel der breiten Nase sind zermalmt. Und erneut holt der Stämmige aus: Ein grauenhaft schwerer Schlag trifft den bleich-rissigen Mund, der augenblicklich zu einer formlosen Masse zerrinnt, durch die der Getroffene aufbrüllend seine ehemals fest verankerten Vorderzähne ausspuckt. Und wieder trifft ein Knüppel, wieder ist es der dicht behaarte Schädel, auf den er niedersaust; die Kopfhaut ist nun bis zur Nasenwurzel aufgerissen; dickes schwarzes Blut sickert herab auf die glühend heiße Erde. Der Mann schwankt und taumelt wie schwer betrunken, den Mund, jetzt eine blutig-schwarze Gähne, zum Schrei aufgerissen – doch außer einem blasig-gurgelnden Laut dringt nichts nach draußen. Jetzt sinkt er auf die Knie; sein blutverschleierter Blick, in dem der aberwitzige Wunsch nach Gnade haust, ist starr auf seine Peiniger gerichtet. Doch unter der Wucht weiterer Schläge bricht er zusammen, sein Kinn fällt nach vorn auf die kochende Brust. Ein Schlag auf den Kopf mit einem Geräusch, als ob jemand ein Straußenei zermalmt, wirft ihn zur Seite, ein brutaler Stiefeltritt auf den Rücken. Der massige Schläger zieht jetzt seine Pistole und entsichert sie; der kühle Stahl blitzt in der erbarmungslosen Sonne stumpf metallblau auf. Der Schuss peitscht über den Hof, die Kugel fährt in die blutbreiig zerstörte Stirn. Der Gemordete bäumt sich in letzter Lebenssehnsucht zuckend auf, dann haucht er mit einem unendlich sanften Laut seine Seele aus.
   Die Ratte zieht eine Trillerpfeife hervor und bläst einen scharfen Pfiff; nach einiger Zeit öffnet sich eine Tür, zwei zerlumpte Gestalten treten heraus. Sie nehmen die Leiche an den Beinen hoch und schleifen sie weg.
   Die beiden Wärter des Straflagers Qual as-Sad drehen sich um und gehen auf eines der Verwaltungsgebäude zu. In ihren Blicken liegt die skrupellose Beruhigung, nur nach Befehl gehandelt zu haben; ein Befehl, der da lautet: Die Aufständischen mit allen nur denkbaren Mitteln einzuschüchtern. Die trügerische Gewissheit, dass die Sachwalter von Humanität und Gerechtigkeit in diesem Lande machtlos sind, beflügelt ihre Schritte.

                                                                           *
   Das Getöse von Stimmen und dumpfen Schlägen schreckte ihn aus seinem Halbschlaf. Jetzt brannte auch die Glühbirne wieder; in ihrem matten Schein sah er, wie die Tür aufflog und zwei Männer brutal hereingestoßen wurden. Der eine prallte gegen ihn an; der Anprall war so stark, dass er Mühe hatte, einen Aufschrei zu unterdrücken. Der andere schlug mit dem Kopf hart auf den Steinfliesen auf und blieb wie tot liegen. Sein Hemd war vorne aufgerissen, Hals und Schultern waren mit Dreck und geronnenem Blut verschmutzt. Die gefangenen Männer, eng beieinander auf dem Boden der überbelegten Zelle wie Sardinen in einer Büchse, versuchten schlecht und recht, für die Neuankömmlinge Platz zu machen und rückten noch näher an den Abortkübel heran. Aus Langeweile hatte er sie schon dreimal gezählt; nun waren es vierundzwanzig in einem Raum, der für die Hälfte noch zu eng war.
   Der Mann am Boden schlug jetzt die Augen auf und drehte den Kopf zur Seite. Adamyan erkannte Abdelkarim und erschrak. Er sah in das Gesicht eines alten Mannes: Grau, verhärmt, ohne Hoffnung. Dabei wusste er, Abdelkarim war nicht viel älter als er selbst, um die dreißig, aber schon Haddschi. Er kroch auf ihn zu; gemeinsam mit dem anderen Gefangenen schaffte er es, den offensichtlich schwer Verletzten aufzurichten und mit dem Rücken an die Wand zu lehnen.
    Der Verletzte kam langsam zu sich. Die Ellenbogen gegen die Wand gestemmt richtete er sich weiter auf, spuckte roten Schleim und fuhr sich mit der Hand durch den struppigen Haarschopf. Die anderen Gefangenen beobachteten ihn; ihren abgezehrten Gesichtern war nicht die geringste Anteilnahme anzusehen. Sie wussten: Mindestens einer unter ihnen war ein verkappter Spitzel des Idarat.
   „Tarek, erkennst du mich?“, flüsterte Adamyan, denn laute Unterhaltungen waren streng verboten, „ich bin´s, Wahel Adamyan!“
   Abdelkarim erkannte ihn nicht. „Bist du es, Ahmed, mein Sohn?“ flüsterte er mit geschwollener Kehle.
   „Nein, ich bin Wahel Adamyan!“
   „Wo . . .  wo ist Ahmed, mein Sohn? Haben sie ihn auch . . . ?“
   „Psst! Nicht so laut! Nein, ich bin nicht dein Sohn Ahmed. Ich bin Wahel Adamyan!“
   „Ach Wahel, mein Sohn Wahel! Schön, dich wiederzusehen.“ Abdelkarim streckte die Arme aus, um Adamyan zu umarmen, dabei kippte er zur Seite weg.
   Adamyan biss sich auf die Lippen. Von einem Sohn Wahel wusste er nichts. Abdelkarim hatte immer nur von einem Ahmed gesprochen und von seinen drei Töchtern. Sie haben ihm den Verstand zerprügelt . . . Er richtete den Verletzten wieder auf und sagte: „Ich bin ganz sicher, bald wirst du ihn wiedersehen.“
    Abdelkarim drehte ihm sein aufgedunsenes Gesicht zu. Anscheinend kam die Erinnerung zurück. „Wahel . . .  Adamyan . . .? Ach du . . .“ Er röchelte schwer. Die Atmosphäre in der Zelle war zum Ersticken schlecht. Viele der Gefangenen hatten sich beschmutzt, es stank entsetzlich. Man ließ sie hungern und setzte ihnen dann fettes Fleisch vor . . . Und weil die ausgehungerten Mägen das Fett nicht gewohnt ist, bekommt sie Durchfall. Erst scheißen sie sich voll, dann ihren Nachbarn. Durch die faustgroße Öffnung unter der Decke kam kaum Frischluft nach.
  „Ja! Erinnerst du dich nicht? Wir haben zwei Jahre auf derselben Station gearbeitet.“
  Der Angeredete sah sein Gegenüber aus verschleierten Augen an. „Ach ja, Adamyan . . . Jetzt erinnere ich mich . . . Mensch, haben sie dich auch erwischt!“
  „Wie du siehst!“, wisperte Adamyan zurück. „Was haben sie mit dir gemacht? Du blutest aus dem Mund! Und deine Schulter! Das sieht ja schlimm aus!“
   Abdelkarim schüttelte müde den Kopf. „Ach, es ist nichts . . . Als sie zum Schluss über mich herfielen, hab ich mich auf die Zunge gebissen. Und die Schulter . . . Ich bin unglücklich gefallen.“
   „Glaub ich nicht! Zeig her! Mund auf!“
   „Lass es gut sein, Wahel, es ist wirklich die Zunge . . . Ich glaub, die Spitze ist weg . . . Es brennt fürchterlich. Außerdem fühl ich mich, als hätten sie mir alle Knochen zerschlagen. Lass mich . . .Du meinst es gut . . . Was ich jetzt brauche ist Ruhe.“ Abdelkarim spuckte auf den Boden zwischen seinen angewinkelten Beinen und starrte brütend vor sich hin.  
   Aus einer Ecke der Zelle erklang das Gejammer des blonden Jungen mit der rachitischen Brust und dem sprießenden Bart.
   „Seit wann bist du hier?“, fragte Adamyan nach einer Weile.
   „Seit einem halben Jahr. Und du?“
   „Seit acht grauenhaften Tagen und Nächten.“
    „Wo haben sie dich erwischt?“
   „Ach, das ist doch jetzt unwichtig.“
   „Es ist unglaublich . . .“ Abdelkarim schwieg. Dann: „Acht Tage? So lange schon, und noch nicht verhört? Dann werden sie dich jeden Moment holen.“ Abdelkarim gab Adamyan ein Zeichen, näher zu kriechen. „Hör mir gut zu“, flüsterte er ihm kaum hörbar ins Ohr, „der Mann, den sie gestern totgeschlagen haben, war einer aus meinem Dorf . . . Das ist jetzt schon der dritte . . . Einer der Totschläger ist ein gewisser –“     
   Die Tür flog auf, ein Wärter steckte den Kopf herein und blickte sich um. Anscheinend hatte er nichts zu beanstanden, denn er verschwand wieder.
   Abdelkarim blieb eine Weile abwartend stumm, dann flüsterte er: „Ich gebe dir einen guten Rat: Wenn sie dich schlagen, versuch möglichst nicht zu schreien. Da ist einer mit ´ner üblen Visage . . . Nichts als brutale Kiefer und ein Schädel wie ein Gorilla. Mit so einem Gesicht sollte man im Urwald wohnen, aber nicht unter Menschen . . . Jedenfalls, wenn du schreist, legt dieser Sadist erst richtig los . . . Beiß dir lieber die Zungenspitze ab, aber schrei nicht. Dann verliert er bald das Interesse an dir.“
   „Danke für den Tipp! Werde es versuchen. Aber wenn es hart auf hart kommt . . .“
   Brütendes Schweigen.
   Es war jetzt sehr still in der Zelle. Nur von draußen drangen ferne Geräusche herein, die denen, die hier schon länger eingesperrt waren, Schauer des Entsetzens über den Rücken jagten. Jetzt erklangen dumpfe Schläge und unterdrücktes Stöhnen, nebenan wurde jemand ausgepeitscht. Und wieder das Gejammer des blonden Jungen mit der rachitischen Brust. Er mochte zwölf, dreizehn Jahre alt sein und hatte über Nacht einen flaumigen Bartwuchs bekommen.
   „He, du miese Ratte!“, schrie jemand, „hör endlich mit diesem Gejammer auf! Das ist ja nicht zum Aushalten! Glaubst du, uns gefällt das hier? Und hörst du jemanden nach Mama schreien?“
   „Was wollten sie denn wissen?“, fragte Adamyan leise.
   Die Tür wurde aufgestoßen, ein Wächter kam herein und brüllte: „Hier wird nicht herumgeschrien!“ Er verpasste dem Schreihals einen kräftigen Fußtritt in die Rippen, der ihn auf die Seite warf. „Schluss jetzt! Reden kannst du Schwein später noch genug!“
   Adamyan schnellte hoch und schrie mit von Hass entstelltem Gesicht: „Halt selber das Maul, du dreckiges Affenschwein! Du willst ein Sohn Allahs sein? Ein Schinder bist du?“ Er spuckte dem Wächter vor die Füße.
   Der Wächter starrte ihn eine Sekunde verblüfft an, dann holte er mit dem Karabiner zum Schlag aus. Sofort sprangen zwei oder drei Gefangene auf und versuchten, ihm das Gewehr abzuringen. Der Soldat wehrte sich mit aller Kraft, dabei brüllte er wie ein angestochenes Vieh. Kurz darauf drängte ein ganzer Soldatenhaufen durch die enge Tür und begann, auf die Gefangenen einzuschlagen; das Gemenge grunzte, keuchte und schrie. Adamyan stieß mit Armen und Beinen wild um sich; einer der Angreifer heulte auf, von einem Tritt in den Unterleib getroffen. Dann verspürte er einen schweren Schlag auf den Hinterkopf und verlor das Bewusstsein.


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BeitragVerfasst am: 16.05.2022 21:21    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

*
   Als er wieder zu sich kam und seinen dröhnenden Schädel betasten wollte, stellte er fest, dass er auf einem Stuhl festgebunden war, sich kaum rühren konnte und vor Nässe tropfte. Anscheinend hatten sie ihn gerade mit einem Eimer Wasser wieder zur Besinnung gebracht. Vor sich sah er verschwommen einen großen Tisch, dahinter die pralle Sitzfigur eines eines großen, aufgeblähten Mannes mit dem schlaffen Gesicht eines Leberkranken und  schwarzen Augensäcken; rechts und links daneben zwei weitere Gestalten; der eine betrachtete aufmerksam die Wasserflasche vor ihm, als könne er darin die Zukunft lesen; der andere, mit einem Kugelschreiber in der Hand, hatte seinen dicken Leib zurückgelehnt und rauchte eine Zigarette. An der Wand hinter dem Tisch hing ein breiter Spiegel, in dem er undeutlich mehrere Gesichter wahrnahm. Darüber, fast unter der Decke, ein gerahmtes Foto des amtierenden Staatspräsidenten.  
   „Name?“, schnarrte der Offizier, als er sah, dass der Gefangene wieder aufgewacht war. Er saß mit aufgestützten Ellenbogen an seinem Tisch und zeigte die befriedigte Miene eines Menschen, der seine Arbeit für staatstragend hält. Der Protokollant, die Zigarette im Mundwinkel, wartete mit erhobenem Kugelschreiber und starrte den Gefangenen erwartungsvoll an.
   Adamyan benötigte eine Weile bis er begriff, dass die Frage ihm galt. „Adamyan, Wahel“, sagte er mit schwacher Stimme.
   „Wohnhaft?“
   Der Gefangene sagte es ihm.
   „Verheiratet?“
   „Nein.“
   „Lauter!“
   „NEIN!“
   Der Offizier blätterte in einer Mappe mit Schriftstücken herum. Jetzt grinste er, als habe er eine wichtige Entdeckung gemacht.
   Adamyan sah ihn an. Er hasste diesen Menschen nicht, wie er auch das Regime nicht hasste. Denn es steht geschrieben: Auch ein schlechter Fürst ist ein Gesandter Gottes und muss ertragen werden. Können dann dessen Helfer und Helfershelfer Engel sein? Aber kein Brunnen im ganzen Land war so tief, um die Fülle der Verachtung zu fassen, die er jetzt empfand.
   Der Schlaffgesichtige blätterte weiter in den Papieren herum als habe er alle Zeit der Welt. Schließlich fragte er: „Du hast studiert?“
   „Ja.“
   „Und was?“
   Adamyan dachte eine Weile nach. Offensichtlich fiel ihm das Denken schwer. „Wirtschwisch . . . Wirtschafts . . .  wissenschaft“, brachte er schließlich mit unsicherer Zunge hervor.
   „Soso, Wirtschaftswissenschaft, sagst du. Wieso steht hier etwas anderes?“
   Adamyan hob erstaunt den Kopf. „Was steht denn da?“
   Der Offizier blitzte den Gefangenen aus hasserfüllten Augen an. „Noch stelle ich hier die Fragen, verstanden? Woher kennst du den Gefangenen Tarek Abdelkarim?“
   „Von der Universität her. W-wir studierten im selben Fachbereich.“
   „Und sonst traft ihr euch nicht? Etwa unter schattigen Bäumen auf dem Universitätsgelände, im hintersten Winkel eins Teehauses, oder gar bei dir zuhause?“
  Blödsinnige Fragerei. Doch er musste antworten.
   „Nein.“
   „Du lügst.“
   „Ich lüge nicht. Schau´n Sie doch in Ihren Akten nach. Da steht es schwarz auf weiß.“
   „Wir werden ja sehen.“
   Der Offizier senkte den Kopf, richtete sich aber plötzlich auf und brüllte: „Rede keinen Unsinn! Du und dieser Abdelkarim, ihr beiden Hunde seid Mitglieder der verbotenen Al-ichwān al-muslimūn! Leugnen nutzt nichts, wir haben sichere Beweise!“
   Der Gefangene zerrte an seinen Fesseln. „Das ist doch le-lächerlich! Ich habe mich noch nie für Politik interessiert, und diese L-leute sind mir völlig fremd!“
   „Willst du behaupten, du hast den Namen noch nie Gehört?“  
  „Ja . . . äh . . . doch nein. Gehört hab ich ihn schon. Wird ja in den Berichten immer wieder genannt. Aber genaues weiß ich nicht. Ich weiß nur, was allgemein bekannt ist.“
   „Und das wäre?“
   „Dass die Al-ichwān al-muslimūn mit dem Ruf: 'Der Islam ist die Lösung' angetreten sind, die Gesellschaft des Landes im Sinne eines fundamentalistischen Islam zu verändern, das heißt zu zerstören; dass deren syrische Fraktion Dutzende von Morden auf dem Gewissen hat und vom Vater des jetzigen Staatspräsidenten im Massaker von Hama zur Strafe in den Untergrund gebombt wurde; dass sie mit den Rebellen der so genannten Freien Syrischen Armee kooperieren und als Staatsfeinde gelten.“
   Der Offizier bekam träumerische Augen: „Ja, unser Staat weiß sich zu wehren, und wir werden auch weiterhin jeden Spaltpilz (er sagte es deutsch)  gnadenlos bekämpfen, darauf kannst du Gift nehmen!“  
   „Wie kommt es denn“, ließ sich nun der linke Beisitzer vernehmen, „dass wir in deiner Wohnung entsprechende Hinweise gefunden haben?“
    „Diese Hinweise würde ich gerne mal sehen!“
   Eine breitknochige Gorillafratze, spiegelverzerrt, kam auf  den Gefesselten zu; er verspürte einen furchtbaren Schlag von hinten auf die rechte Schulter, der ihm fast die Besinnung nahm; die Fratze verschwand wieder.
   Die fette Hand des Offiziers knallte auf den Tisch. „Wage nicht noch einmal, du Affenschwein“, zischte er mit zusammengekniffenen Augen, „so frech mit einem Hadschi und Vertreter der Regierung zu reden, oder du lernst meine Leute erst richtig kennen! Und von jetzt ab redest du mich mit Herr Leutnant an, verstanden?“
   Adamyans Antwort ließ auf sich warten; betäubt von dem Schlag war ihm das Zischen noch Geräusch und wurde erst allmählich Sprache, und schon war die Fratze wieder da.
   „Ja!“
   „Was hast du gesagt?“
   Der hinter der Wasserflasche legte in alberner Weise die Hand ans Ohr, als habe er nicht richtig verstanden, und schon krachte der nächste Schlag – jetzt auf die andere Schulter.
   „JA, SYD MULAZIM, ICH HABE VERSTANDEN!“, schleuderte der Gequälte heraus, nicht nur vom Schmerz, sondern auch von ohnmächtiger Wut gepeinigt.
   Der Leutnant lehnte sich zufrieden grinsend zurück. „Na siehst du, es geht doch! Wenn du so weiter machst, können wir noch so etwas wie Freunde werden. Glaub ja nicht, dass mir das hier Spaß macht!“ Er steckte eine Zigarette in den Mund, zündete sie an. Nach einigen Zügen fuhr er fort: „Aber es gibt Dinge im Leben, die muss man tun, ob man will oder nicht. Zum Beispiel Leute wie dich verhören. In Grunde liebe ich alle Menschen, die an Allah glauben, und du glaubst doch, oder? Aber der Prophet sagt auch: 'Die aber, deren Widerspenstigkeit ihr befürchtet, die ermahnt und schlagt sie. Wenn sie euch gehorchen, dann unternehmt nichts weiter gegen sie'. Gott ist hoch erhaben und groß. Du hast also zwei Wege vor dir. Wähle den richtigen.“
   „Was wollen Sie von mir? Ich . . . ich habe mit diesen Leuten nichts zu tun.“
   „Natürlich nicht. Niemand hat mit diesen Leuten etwas zu tun. Niemand will etwas gehört, gesehen, gelesen haben. Die Leier kenne ich zur genüge! Kerl, dich reitet anscheinend der Teufel! Also noch einmal: Woher kennst du den Gefangenen Tarek Abdelkarim?“
  „Ich sagte doch schon, vom Studium her –“
   „Und vorher hast du ihn noch nie gesehen?“
   „Nein, ich schwöre bei –“
   „Lass das Schwören! Ein Wink von mir, und du vergisst sämtliche Schwüre, die du jemals geleistet hast und noch leisten wirst! Und dann buchte ich dich auch noch wegen Falschaussage ein.“
   „Kann ich . . . etwas Wasser haben?“ fragte der Gefangene mit dicker Zunge.
   Der nicht schreibende Beisitzer ergriff eine Wasserflasche, die vor ihm auf dem Tisch stand.
   „Der Gefangene erhält nichts zu trinken!“ bellte der Leutnant. Er zeigte auf den Eimer, der hinter Adamyans Stuhl stand, und schon klatschte dem Gefangenen ein Schwall kaltes Wasser ins Gesicht.
   „Na, wieder munter? Also dann, weiter im Text!“ Er raunte dem Beisitzer etwas zu; der stand auf und verließ den Raum.        
  „Tarek Abdelkarim hat im selben Jahr wie du an der Abd al-Rahmin-Schule sein Diplom erworben. Und du willst ihn nicht gekannt haben. Bei Allah, für wie dumm hältst du mich eigentlich?“
   „Den Mann da unten habe ich erst auf der Uni kennen gelernt“, flüsterte der Verhörte mit matter Stimme. „Es gibt doch viele Tareks und Abdelkarims in diesem Lande.“
   Die Faust des Verhörspezialisten krachte auf den Tisch. „Das weiß ich! Spar dir gefälligst deine dummen Belehrungen!“
   Der Beisitzer kam mit einer roten Mappe zurück, die er dem Leutnant vorlegte. Der klappte sie auf und zog ein Blatt mit einem Foto heraus, über das die drei Staatsdiener tuschelnd die Köpfe zusammensteckten. Dann legte der Leutnant das Blatt wieder weg und klappte die Mappe zu. Er sah unzufrieden aus.
   „Na schön, lassen wir das erst einmal auf sich beruhen. Vielleicht interessiert es dich ja zu erfahren, warum wir dich überhaupt vorgeladen haben.“ Er erhob sich, bewegte seinen schweren Körper mit der krachledernen Uniform, an der wie ein braunes Geschwür die Pistolentasche hing, auf den Gefangen zu und hielt ihm einen Zettel unter die Nase.
    „Erkennst du diese Unterschrift?“, fragte er und blies Adamyan einen Schwall Zigarettenrauch ins Gesicht.
  Der Gefangene kniff die Augen zusammen. „Hm . . . sieht aus wie meine. Woher haben Sie die?“
   Mit einer blitzschnellen Bewegung seines ausgestreckten Armes schlug der Leutnant dem Gefangenen seine haarige Pranke ins Gesicht. „Wie war das? Und wer stellt hier Fragen?“, schrie er.
  Adamyan blutete aus der Nase. Jemand band seinen rechten Arm los und drückte ihm einen Lappen in die Hand.
   „Du gibst also zu, dass das deine Unterschrift ist, das ist ja schon mal was.“ Der Leutnant setzte sich wieder hinter den Tisch. „Ich will dir auch sagen, woher ich die habe, denn eine ehrliche Antwort ist eine Belohnung wert“, fuhr er grinsend fort. „Deine Unterschrift steht auf einer Liste mit Namen von Leuten, die während der Unruhen die Freilassung des Verräters Kemal al-Libwanis forderten – wie übrigens auch die Unterschrift dieses Abdelkarim. Ebenfalls auf dieser Liste stehen die Namen von steckbrieflich gesuchten Terroristen, die sich den Sturz unseres Präsidenten zum Ziel gesetzt haben. Ich frage dich: Wenn du dich nicht für Politik interessierst, wie du beteuerst, wie kommt dann dein Name auf diese Liste? Das passt doch irgendwie nicht zusammen.“
   „Aber das . . . das ist doch schon so lange her“, stöhnte der Gefangene, „ich war damals noch ein Schüler . . .  Man hatte uns damals gesagt, dass . . . mit der Unterschrift würden wir das Ansehen unseres Landes im Ausland stärken, denn Kemal al-Libwani sei ein weltbekannter Arzt und Künstler. Da hab ich ohne weiter darüber nachzudenken unterschrieben. Schließlich . . .  wollte ich doch . . .  da dachte ich –“
   Der dicke Offizier lachte höhnisch. „Und da dachtest du! Ich kann mir denken, was du dachtest. Du dachtest: Wenn ich mich bei diesen Leuten einschleime, könnte es meiner Karriere nicht schaden.“ Die Beisitzer lachten dienstbeflissen. „So dachtest du doch, oder?“
   „Ja – nein.“
   „Was denn nun? Ja oder nein?“
   „Ich weiß es nicht mehr?“
   „Wie?“
   „ICH WEISS ES NICHT MEHR, SYD MULAZIM!“
   „So, du weißt es nicht mehr. Du weißt auch nicht, dass diese Leute, die damals zur Befreiung Kemal al-Libwanis aufriefen, Hunderte von hart arbeitenden Dienern diese Landes brutal ermordeten. Das weißt du also auch nicht.“
    Adamyan sah seinen Peiniger mit blutverschmierten Gesicht hilflos an. „Jetzt wo Sie es sagen . . . Aber damals . . . d-da wusste ich es wirklich nicht, Syd Mulazim.“
   „Erzähl keine Märchen! Ihr Schüler und Studenten wusstet alle Bescheid. Euer Demokratie-Gebrüll war ja bis in den finstersten Winkel der Hölle zu hören! Na schön, ich kann auch anders.“
   Der Leutnant schnippte mit den Fingern.
   Aus dem Spiegel wuchsen drei stämmige Gestalte mit verzerrten Fratzen heraus, die auf einmal  vor Adamyans Stuhl standen. In den Fäusten hielten sie halbmeterlange Stücke eines roten Gartenschlauchs, mit denen sie sich spielerisch gegen die Oberschenkel schlugen. Auch die massige Figur des Leutnants stand jetzt wieder vor dem Gefangenen.
   „Ich liebe solche Szenen nicht“, sagte der „aber manchmal –“ Er ließ den Satz drohend in der Schwebe und gab seinen Schlägern ein Zeichen. Die Gorillas hoben die Schläuche und traten näher an den Gefangenen heran.
    „Allerdings . . .“ Syd mulazim legte die Hand ans Kinn und tat, als denke er nach. „Da kommt mir gerade eine Idee . . .  Was hältst du von folgendem Vorschlag . . .“
   Die Gorillas traten wieder zurück, und eine Hand mit einem Glas Wasser kam auf den Mund des Gefangenen zu.

F. f

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BeitragVerfasst am: 25.05.2022 22:01    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

2
   Nordirak, Nähe Kobaniye
   Kurz hinter dem Dorfschild erschien ein uniformierter Polizist und winkte Makarios an den Straßenrand. Im Näherkommen erkannte er den Streifenpolizisten Ali Gülbüc, einer von den zehn oder zwölf Türken, die in seinem Dorf schon seit Jahren lebten, und zwar in Frieden und Freundschaft. Makarios, ein hochgewachsener schlanker Mittfünfziger mit fast schwarzen Haaren, in die Alter und Sorgen feine grau-weiße Fäden gesponnen haben, ließ die Scheibe herunter.
   „Slav, Cinar“, rief er gut gelaunt, denn der Anblick der schneebedeckten Gipfel hoch über dem Dorf  erfreute sein Herz, „was gibt’s? Habe ich etwas falsch gemacht?“
   Der struppige Vertreter des türkischen Hükümet erwies sich jetzt als wenig nachbarlich. Bisher hatte er Makarios immer mit einer gewissen Hochachtung gegrüßt – er hielt ihn nach alter Art für einen Efendi, einen besseren Herrn und Gelehrten – doch nun machte er ganz auf Staatsdiener. Er salutierte steif, beugte sich herab und grunzte jenseits aller Vertraulichkeit: „Devrim ibn Makarios?“
   Makarios sah verblüfft in das von Pockennarben übersäte Gesicht: „Bei Allah! Was soll das? Du kennst mich doch! Ich bin dein Nachbar Devrim!“
   Inzwischen war auch der zweite Polizist nähergekommen und blickte interessiert durch die Beifahrerscheibe.
   „Führerschein und Personalausweis, bitte!“
   Gülbücs unerwartetes Benehmen versetzte Makarios in eine Art Schockstarre. Letzte Woche hatte die Polizei die Wohnung eines Freundes durchsucht, als er nicht zuhause war. Einen anderen hatten sie ohne Grund ins Gefängnis gesteckt, nur weil er an einer  Demonstration gegen die Neuwahl der HDP teilgenommen hatte. Und dies jetzt . . .
   „Führerschein und Personalausweis, bitte!“, wiederholte der Devriye in scharfem Befehlston.
   Makarios öffnete das Handschuhfach, nahm den Führerschein heraus und kramte nach dem Nüfüs. Doch wo war der Nüfüs? Verdammt, der lag zuhause auf dem Schreibtisch. Er hatte vor, ihn morgen zur Verlängerung nach Kobaniye zu bringen. Ohne dieses Dokument durfte er streng genommen noch nicht einmal das Dorf verlassen.
   Er reichte den Führerschein durchs Fenster. „Den Ausweis habe ich gerade nicht bei mir“, sagte er verlegen, „liegt zuhause auf dem Schreibtisch.“
   Zwei Frauen in bunten Kopftüchern und gebauschten Röcken gingen mit ernsten und in sich gekehrten Gesichtern vorbei, ohne von den Polizisten Notiz zu nehmen.
   „Bay Devrim ibn Makarios“, schnarrte Gülbüc mit versteinerter Miene und amtlicher Betonung, „steigen Sie aus, schließen Sie das Auto ab. Sie sind festgenommen.“

   Die Polis Merkezi in Kobaniye liegt unterhalb des Burgberges an der Schmalseite eines ziemlich geräumigen Platzes, auf dem in letzter Zeit immer öfter Militärparaden stattfinden. Die meist einstöckigen Häuser waren frisch getüncht, das Anwesen des Serokbajar, des Bürgermeisters, oder wie er neuerdings auf türkisch genannte werden wollte, des Belediye Başkanı, erstrahlte sogar in frisch-grünem Anstrich. Männer in Pumphosen und Entaris, dem kaftanähnlichen Überwurf, flanierten in der frühsommerlich warmen Sonne. Die kleine Stadt war Vorzeigeobjekt für ausländische Journalisten; hier sollten sie mit eigenen Augen sehen und darüber berichten, dass die Behauptung des türkischen Hükümet stimmte, man habe in den besetzten Gebieten sehr viel investiert und die Lebensbedingungen der Bevölkerung erheblich verbessert.
   Makarios wartete schon eine halbe Stunde in einem ziemlich heruntergekommenen Vorzimmer  des bescheidenen Konaks. Eine kurdische Amtsstube, wie so viele in der so genannten „Sicherheitszone in Nordsyrien“, auf türkisch Suriye'de Güvenli Bölge. Verschmutzte, vollgespuckte Dielen, in den Ritzen festgetretene Zigarettenkippen, zerbrochene Fensterscheiben, teilweise mit Pappe verklebt, feuchte Wände, von denen der Putz bröckelte. Hoch an einer Wand ein schmeichelhafte Foto des türkischen Präsidenten. In einer Ecke ein mürrischer Bekçi köpeği, ein Aufpasser, der kauend und schmatzend aus dem Fenster starrte. Dieses Zimmer gehörte nicht zum Programm ausländischer Besucher, die ja nicht unbedingt die ungeschminkte Wahrheit sehen mussten; zu dieser Wahrheit gehörte auch, dass einem Amtsleiter, der jederzeit mit seiner Verhaftung oder Ermordung rechnen musste, ein vollgespuckter Dielenboden total am Arsch vorbeiging.
   Endlich erschien ein spitzohriger Unterbeamter und bat Makarios mit hochmütigem Gesicht in das Ofis des Komiser.

                                                                                  3
   Straflager Qual as-Sad
   Die Gefangenen saßen in kleinen Gruppen an einer schattigen Wand der Lagermauer, leckten ihre Wunden und schwiegen. Es schien, als leere sich das Lager allmählich; auf dem kahlen Boden lag nur noch etwa zwei Dutzend elender und halb verhungerter Gestalten.
    Überhaupt der Hunger, dieser treue Gefährte, der wie die Angst den Gefangenen nie verlässt. Auch Jahre später noch wird Abdelkarim das bohrende Gefühl im Magen haben, kurz vor dem Verhungern zu stehen und im Kopf einen einzigen Gedanken: An die nächste übelriechende Mahlzeit. Aber er hat auch gelernt, dass der Mensch als Organismus zum Überleben nicht viel benötigt – wenn er nicht arbeitet und den ganzen Tag nutzlos herumliegt –: Eineinhalb Liter Wasser und ein halbes Pfund Schwarzbrot pro Tag.
   Wenn die Wächter ermüdet oder gelangweilt in eine andere Richtung blickten, steckten die Männer die Köpfe zusammen und tuschelten. Die abnehmende Zahl der Gefängnisinsassen konnte zweierlei bedeuten: Entweder, es stand ein neuer Gefangenentransport bevor, oder die militärische Lage im Lande hatte sich grundlegend geändert. Da niemand Nachrichten empfangen durfte, blühten die wildesten Spekulationen, an denen sich Abdelkarim nicht beteiligte. Noch immer hoffte er auf seine baldige Entlassung, denn was hatte er schon getan? Allah, wo immer auch du dich gerade aufhältst, du kannst doch diese wilde Ungerechtigkeit nicht dulden!, flehte er. Und: Wo blieb die Familie? Sein Vater hatte einen guten Posten bei der syrischen Zentralbank gehabt und Geld, auch jetzt noch. Doch nichts rührte sich. Fragen konnte er niemanden; den Letzten, der zur Lagerleitung gegangen war und die Entlassungsfrage stellte, hatten sie brutal niedergeknüppelt.
   Eine Weile noch hoffte er auf ein Ereignis, das die stumpfsinnige Eintönigkeit des Lagerlebens unterbrechen könnte, aber die Zeit verging, ohne dass etwas Hoffnungsvolles geschah. Sogar die Feuergarben, die der Soldat auf dem Turm gelegentlich auf streunende Hunde und leichenfleddernde Schmutzgeier abschoss, erregten keine Aufmerksamkeit mehr. Kaum waren die Schüsse verhallt – schon war wieder diese furchtbare Ruhe da, diese Grabesstille, nur unterbrochen von den Geräuschen der Tortur und dem Säuseln des Windes, der unablässig vom Qualamum-Gebirge in Richtung Meer wehte. Wie kann es sein, dass man die Schritte von fünftausend Menschen nicht hört? Sogar fünftausend Ameisen machen ein Geräusch.
   Dieses Wüstengefängnis war nicht nur eine Fabrik des Todes, es war auch ein Universum des Schweigens.
                                                                                    *
   „Verzage nicht, Bruder, wir alle hier sind Verteidiger des Islam. Wer mit Gott ist, mit dem ist Gott! Es ist eine Prüfung, die ER uns auferlegt. Groß ist ER und erhaben!“
   Die Stimme spricht leise, fast unhörbar.
   Abdelkarim öffnet die Augen. Der Mann neben ihm, hohlwangig und dünn – er könnte sein Zwillingsbruder sein, Hunger und Angst haben sie beide fast gleich gemacht. Es braucht eine Weile, bis er begriffen hat, was der Mann meint.
   „Wie heißt du, Bruder? Ich bin Tarek.“
   „Yassim.“
   „Yassim, was hast du verbrochen, dass ER dich so prüft?“, fragt Abdelkarim, ohne die Lippen zu bewegen. Die Wächter achten scharf darauf, dass niemand redet. Doch mit unbewegten Lippen zu reden lernt man schnell, will man nicht an Einsamkeit zugrunde gehen.
   Der Gefangene benötigt eine Weile, um zu einer Antwort zu gelangen. Endlich sagt er: „Es steht geschrieben, diejenigen, welche die Verpflichtung  gegen Gott und seine Gesandten eingegangen haben und brechen und zerreißen, was nach Gottes Gebot zusammengehalten werden soll, und auf der Erde Unheil anrichten, die haben den Fluch Gottes und die schlimme Behausung, die Hölle, zu erwarten.“
    „Was willst du damit sagen? Ich verstehe nicht.“
    „Ich bin Rechtsanwalt und habe Angeklagte gegen die Regierung vertreten.“
   „Das kann doch kein Grund für eine derartige Prüfung sein.“
   „Doch, denn nach Gottes Gebot ist auch ein grausamer König Sein Gesandter, und ich habe mich gegen seine heilige Ordnung vergangen, indem ich diese Leute verteidigte. Ich bin ein Muharib, obwohl ich weder Waffen, Stöcke oder Steine bei mir trage. Sie stechen mir nicht die Augen aus, noch hacken sie mir wechselseitig Hand und Fuß ab, wie es in der fünften Sure steht, doch auch so ist Seine Strafe gewaltig. Gott ist nicht nur groß, er ist auch grausam, aber er straft seine Kinder nie grundlos.“
    Abdelkarim denkt eine Weile nach. Was der Mann da sagt, ist doch Wahnsinn. Sie haben ihm den Verstand zerschlagen. „Ja, wir sind alle Verteidiger des Islam. Doch manchmal denke ich, wir verteidigen den falschen Gott.“
   „Wie meinst du das, Bruder Tarek?“
  „Schau dir dieses Gefängnis an. Kann Allah so etwas wirklich wollen, auch wenn du ein Muharib, ein Gottesverräter bist? Besteht nicht das Wesen Gottes in der Barmherzigkeit? Bei den Christen gibt es dergleichen Strafen nicht. Ihr Gott ist menschenfreundlicher. Er straft sie nicht für ihren Sünden, er nimmt sie ihnen ab.“   
   Ein Wächter nähert sich, eine Peitsche mit Riemen aus alten Autoreifen in der Hand. Breitbeinig bleibt er vor den beiden stehen und mustert sie. Der Peitschenstiel klopft spielerisch an seinen Oberschenkel. Im Blick des Soldaten liegt weder Hass noch Mitgefühl. Es ist der Blick eines Knaben, der gerade dabei ist, einen Käfer bei lebendigem Leibe zu sezieren. Augenblicklich wird das Herz der beiden Gefangenen von Angst und Entsetzen starr. Doch der Mann dreht sich um und geht weiter.
   „Du redest von christlicher Zivilisation, anscheinend ohne sie zu kennen“, fährt Yassim mit unbewegten Lippen fort. Der Wärter hat sich weiter weg an die Mauer gelehnt, zündet sich eine Zigarette an und blickt gelangweilt ins Weite. „Also höre! Mein Bruder Ali ist durch eine russische Kugel, die sich in seiner Wirbelsäule festgesetzt hat, halbseitig gelähmt, ich bin fast blind durch die Folter auf dem Deutschen Stuhl, auf unseren Handschellen steht Made in Spain, die Experten, die unsere Folterer ausbilden, kommen aus Großbritannien und Russland, und die USA schicken regelmäßig Gefangene hier her, um Geständnisse aus ihnen herauspressen zu lassen. Und das nennst du christlich?“
   Abdelkarim hört nicht mehr zu und verkriecht sich wieder in sei doppelwandiges Schneckenhaus. Die eine Wand aus Hass, Ekel und Abscheu steht schon lange. Die andere Wand ist mit der Zeit gewachsen aus einem Meer heimlich vergossener Tränen und Abgründen aus Angst, Schmerz und Verzweiflung. Nun, in der wunderbaren Realitätsferne der inneren Kammer, kann er sich ganz seinen Erinnerungen hingeben . . .

    Der Garten der Großelten . . . die Blumen, die wohlriechenden Hyazinthen, der weiße Jasmin . . . der Duft der Pfirsichblüten . . . das Geplätscher des Brunnens . . .das Zwitschern der Vögel.
    Verse aus einer anderen, heiteren Welt werden lebendig:

         Wenn du nach Speise fragst, so sind es Früchte jeglicher Art und Fleisch, von jedem Vogel,
        den man sich wünscht.
        Wenn du nach Trunk fragst, es ist Tasnim, Ingwer und Kafur.
        Wenn du nach den Bechern fragst, sie sind kristallklar, aber aus Gold und Silber.
        Wenn du nach den Kleidern fragst, sie sind aus Gold und Seide.
        Wenn du nach den Betten fragst, so sind ihre Laken aus feinster Seide, ausgelegt auf höchster
        Stufe . . .
   Welch seltsames Land, wo Himmel und Hölle keine fünfzig Kilometer auseinander liegen!

   Doch das Vogelgezwitscher ist jetzt ganz real. Ein leises, knirschendes Fiepen, wie er es vom Zeisig der Großmutter kennt.
   Adamyan blickt sich um. Der Wind ist stärker geworden und bewegt eine dieser Lampen, die den Platz nachts mit brutaler Helligkeit überschütten.  
   Allmählich versank er in eine dumpfe Lethargie. Allah und die Welt waren vergessen.
   Doch anscheinend hatten Allah und die Welt auch ihn vergessen.

F.f

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BeitragVerfasst am: 31.05.2022 17:53    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

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   Polizeistation Kobaniye
   Kommissar Kemal Erdogan empfing seinen „Besucher“ mit ausgesuchter Höflichkeit, ganz im Gegensatz zu dem arroganten Gehabe des spitzohrigen Unterbeamten. Er rückte ihm sogar einen Stuhl zurecht und bezeichnete ihn als seinen Gast.
   Erdogan war ein großer, aufgeblähter Mann mit schwarzen Tränensäcken und entzündeten Augen. Der Raum war sauber, roch aber stark nach kaltem Zigarettenrauch. Auf dem Schreibtisch, hinter dem sich der Komiser jetzt halbherzig erhob, türmten sich Aktenstapel. Doch Makarios ließ sich nicht täuschen. Dazu kannte er den hiesigen Amtsschimmel zu gut. Was nach Arbeit aussehen sollte war in Wirklichkeit eine Barriere gegen zudringliche Blicke beim Büroschlaf.
   „Sie wissen, wer ich bin?“
   Der Komiser sah ihn an.
   „Natürlich! Ein jesidischer Kurde und ehrenhaftes Oberhaupt einer der angesehensten Familien von Yoghmulug. Ihr verdienstvoller Einsatz für die Belange Ihres Dorfes ist mir sehr wohl bekannt!“ Er schob Makarios sein Zigarettenetui hin. „Bitte, bedienen Sie sich!“
   Es ist das alte Lied, dachte Makarios, die Meute beißt, die Herren lächeln. So fängt es immer an . . . In vierzehn Tage sitzt in meinem Haus eine türkische Familie.
   „Warum haben Sie mich dann verhaften lassen? Der fehlende Ausweis kann doch kein Grund sein. Ein nicht mitgeführter Ausweis ist höchstens eine Ordnungswidrigkeit, kein Verbrechen.“
   Der Komiser blätterte nachdenklich in einem Aktenstapel, als Beweis dafür, dass er bei der Flut der Eingänge nicht jede Kleinigkeit im Kopf haben kann. Endlich erinnerte er sich.
   „Ach ja, gewiss, gewiss! Der fehlende Personalausweis! Natürlich ist dies keine Verhaftung . . . Da hat Herr Gülbüc im Diensteifer etwas übertrieben. Sehen Sie, Herr Makarios, wir sind von Feinden umgeben, da ist Wachsamkeit höchstes Gebot. Es handelt sich auch nicht um eine selbstherrliche Verfügung meinerseits – obwohl ich dazu durchaus das Recht hätte – noch nicht einmal um einen Befehl des Emniyet Müdürü, sondern um einen Erlass des Innenministeriums, wonach die Personalien sämtlicher jesidischer Kurden überprüft werden müssen.“  
   Wieder kramte er in einem Aktenstapel herum. Endlich fand er das Blatt, nach dem er suchte und zog es heraus.
   „Wenn Sie es wünschen lese ich Ihnen den Erlass vor!“
   Makarios winkte ab. Klar, der Kararname lag sichtbar vor ihm auf dem Tisch. Aber damit hörte es schon auf. Sein Türkisch war nicht gut genug, um jene Spitzfindigkeiten herauszuhören, auf die es ankam – wenn der Komiser sie ihm überhaupt vorlas. Auch so verstand er nicht alles, was der Mann da schwadronierte, und der weigerte sich beharrlich, ihm mit ein paar kurdischen Brocken unter die Arme zu greifen.
   „Bitte sagen Sie mir, worum es geht. Sie wissen, ich bin weder Mitglied einer bewaffneten Organisation noch parteipolitisch aktiv. Allerdings, meine Teilnahme an der Demonstration gegen die Neuwahl der HDP vor einem halben Jahr gebot mir die Liebe zu meinem Volke. Und das Demonstrationsrecht ist durch die Verfassung des türkischen Staates gewährleistet.“
   Erdogan paffte einen Rauchkringel und lächelte nachsichtig. „Natürlich, natürlich . . . Sie überschätzen diese Sache! Auch andere Nationalitäten müssen ihre Papiere vorweisen! In der übrigen Welt ist es nicht anders als bei uns. Also besteht kein Grund zur Aufregung. Und, denken Sie daran, die Terroristen vom Islamischen Staat sind auf dem Vormarsch!“
   „Ach, jetzt verstehe ich! Sie halten mich für ein Risiko! Worin soll das denn bestehen, Efendi?“
   Der Polizeibeamte schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Aber nein, aber nein! Wie kommen Sie denn darauf? Ihre Landsleute haben zwischen 2013 und 2019 maßgeblich zum Kampf gegen den Islamischen Staat beigetragen, dafür werden wir ihnen ewig dankbar sein.“ Er ließ zwei Rauchkringel aufsteigen. „Es ist nur so . . .“
   Je mehr der Komiser versuchte abzuwiegeln, desto mehr wuchs das Misstrauen seines „Gastes“. Er glaubte ihm kein Wort. Etwas ist im Busch, dachte Makarios, um das dieser Vertreter der Staatsmacht weitschweifig herumredet.
   „Ich will ganz ehrlich sein.“ Ein rot umrandeter Augenaufschlag. „Seine Exzellenz, der Minister des Inneren, ist um die Sicherheit der jesidischen Kurden besorgt und will sich einen Überblick verschaffen. Vielleicht ist es Ihnen nicht bewusst, Efendi, dass die islamistischen Terroristen gerade dabei sind, die jesidische Bevölkerung aus den von ihnen besetzten Gebiete zu vertreiben.“
   Also stimmt es doch, was man erzählt . . . In jesidischen Dörfern werden Moscheen gebaut . . . Im einst jesidischen Dorf Shadere leben noch 45 Personen jesidischen Glaubens – vor der türkischen Besatzung waren es 450 . . . In die Häuser der Vertriebenen ziehen syrische Milizionäre ein oder radikale türkische Muslime. Sie unternehmen regelmäßig Raubzüge gegen die einheimische kurdisch-jesidische Bevölkerung . . . Es ist eine Lüge, dass es nur die Islamisten vom IS sind . . .
   Makarios blickte den Beamten aus brauen Augen an. „Was hat das mit mir zu tun?“
  „Sie sind ein türkischer Kurde jesidischer Herkunft . . .“
   „Der zum Islam konvertiert ist und somit unter dem Schutz des türkischen Gesetztes steht.“
   „Gut, sehr gut! Allah freut sich über jeden, der in Sein Haus eintritt.“
   „Sie vergessen, Efendi, dass die Jesiden keine Nation, sondern eine Glaubensgemeinschaft sind und keine territorialen Ansprüche stellen.“
   „Ich weiß, ich weiß . . .“ Der Komiser angelte nach dem überfüllten Aschenbecher und drückte sorgfältig den Zigarettenstummel aus. Plötzlich stieß er hervor: „Sie leben mit einer jesidischen Frau zusammen.“
   Makarios brauste auf. „Azra ist nicht meine Frau! Sie ist eine entfernte Verwandte, die ich für viel Geld aus den Händen des IS gerettet habe, um sie vor dem sicheren Tod zu retten . . . und . . . und um ihr ein menschenwürdiges Dasein zu gewähren! Ich habe sie in mein Haus aufgenommen, um sie vor weiteren Angriffen und Nachstellungen zu schützen. Das ist doch das Mindeste, was ein Familienoberhaupt für seine Angehörigen tun kann.“
   Diese Erklärung war so einleuchtend, dass dem Komiser darauf nichts passendes einfiel. Deshalb rettete er sich in eine weitere Floskel. „Der IS ist auch unser Feind, nicht nur Ihrer“, brummte er.
   „Diese Tatsache ist nicht neu und seit langem bekannt! Nur habe ich allmählich den Eindruck, dass die jesidischen Kurden weniger Rechte haben als sie türkischen!“
   Auf einmal ging Makarios ein Licht auf. Sie wollen mich tatsächlich von Haus und Hof vertreiben . . . Die Vorladung ist eine verkappte Warnung . . . Ein würgendes Gefühl stieg ihm den Hals hoch. Ich sitze in der Falle!
   Erdogan zog eine Glocke. Der Polizist mit den spitzen Ohren erschien und salutierte. Erdogan winkte ihn heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Mann salutierte wieder und verschwand. Makarios sah ihm nach.
    „Wird ein Unterschied zwischen jesidischstämmigen und türkischstämmigen Kurden gemacht?“, fragte er.
   Ein rot umrandeter Blick traf ihn. „Ich verstehe nicht, was Sie meinen.“
   „Ich meine, gibt es unterschiedliche . . . äh . . . Vorschriften hinsichtlich der Behandlung muslimischer und andersgläubiger Kurden?“
   „Nein!“
   Erdogan schien entsetzt. „Vor dem Gesetz ist jeder Bürger im Geltungsbereich des türkischen Hükümet gleich.“ Das sei, fuhr er fort, eine der wichtigsten Errungenschaften der Revolution von 1908. Dass sich einige liebgewonnene Gewohnheiten aus der Zeit davor erhalten hätten, etwa die Bevorzugung des türkischen Staatsvolkes im öffentlichen und militärischen Sektor, das seien Erscheinungen, die man von Amts wegen nicht abschaffen könne. Völker veränderten sich eben nicht so schnell wie Verfassungen, außerdem sei die allgemeine Lage heute eine andere als damals. Der Krieg schaffe eben in allen Bereichen Unordnung. Und die Kurdenfrage sei auch immer noch nicht gelöst.
   Makarios verfolgte ein Fraßspur auf dem Dielenboden und hörte kaum zu. Worte, nichts als Worte. . . Auch diese Erklärungen waren nicht dazu angetan, seine misstrauische Unruhe zu zerstreuen. Und außerdem nicht neu.
   Der Komiser war kein Unmensch. Er führte nur behördliche Anordnungen aus, nicht mehr, nicht weniger. Auch er hatte Frau und Kinder und musste darauf achten, dass ihn die Kriegswalze nicht zerdrückte. Als er Makarios zusammengesunken auf seinen Stuhl sah, wurde er zutraulich.
   „Efendi, wie geht es eigentlich Ihrer Frau?“ Er grinste. „Ist schon wieder Nachwuchs unterwegs?“
   Makarios raffte sich zu einer Antwort auf, obwohl verlogener small talk das letzte war, wonach ihm jetzt der Sinn stand.
   „Danke, Efendi, danke, dass Sie die Güte haben, sich meiner Frau zu erinnern. Nein, Nachwuchs ist nicht unterwegs. Meine Frau kann keine Kinder mehr bekommen. Eine missglückte Operation . . . Mein Bruder Anwar ist vor zwei Wochen unter den Knüppeln syrischer Milizen kinderlos gestorben, damit ist mein Sohn Gabriel der letzte männliche Nachkomme unserer Familie. Wenn es nur mich anginge . . .“ Makarios seufzte schwer. „Ich möchte nicht, dass die beiden in einen Konflikt hineingezogen werden, an dem sie völlig unschuldig sind. Menschen, die niemandem etwas getan haben, Menschen, die einfach nur leben wollen, Menschen, die ständig in der Gefahr sind, entführt und umgebracht zu werden, nur weil sie eine andere Religion haben. Es ist auch so schon schwer genug."
   Der Komiser begann, seinen Schreibtisch aufzuräumen. „Das ist gut, sehr gut sogar!“ Anscheinend hatte er die letzten Sätze nicht mitbekommen oder einfach überhört. „Überlegen Sie genau, wie Sie dies verhindern können.“
   Da ist er, der wahre Grund für diese Unterredung . . . Die unverhohlene Aufforderung zum Exil . . .
   Makarios stand auf. „Kann ich jetzt gehen?“
  „Ja natürlich! Herr Gülbüc wird Sie zurückbringen.“
   Erdogan trat näher an seinen „Gast“ heran, jedoch ohne ihm die Hand zu reichen. „Herr Makarios, gestatten Sie eine persönliche Frage.“
   „Ja bitte!“
   „Sie sind jetzt Muslim, Ihre Frau ist . . . äh . . . Jesidin . . . Das kann doch auf die Dauer keinen Bestand haben!“
   „Unsinn!“ Makarios drehte sich abrupt um.
   Es war sowieso alles sinnlos. Wäre vergebliche Mühe gewesen, diesem engstirnigen Beamten zu erklären, dass es nicht die Religion war, sondern der Gleichklang ihrer Seelen, auf die es ihm und seiner Frau ankam.
   Er gab sich keinen Illusionen hin. Sie waren bereits so gut wie vertrieben.   

F.f

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BeitragVerfasst am: 06.06.2022 10:28    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

  
   Eines Nachts schreckte Abdelkarim aus unruhigem Halbschlaf hoch. Deutlich hat eine Tür geknallt. Und hatte da nicht auch ein Hund gejault? Der Knall war nicht metallisch scharf gewesen wie bei der Zellentür, wenn die Wächter sie wütend ins Schloss dröhnten, sondern gedämpft-hölzern: Es war der dumpfe Schlag einer Brettertür, die der Wind zuschlägt. Und wenn eine Tür zuschlägt, muss sie vorher offen gewesen sein.
   Er denkt nach . . .
   Die einzige Brettertür im gesamten Lagerkomplex ist die, durch die sie die Leichen der Erschlagenen und Krepierten in das Massengrab draußen vor der Lagermauer zerren.       
    Draußen vor der Lagermauer . . . Nach draußen!
   Abdelkarim war jetzt hellwach.
    Sofort wusste er, dass Allah ihm ein Zeichen gegeben hatte. Nur auf das Gejaule des Hundes konnte er sich keinen Reim machen. Wahrscheinlich war es einer dieser verwilderten und verlausten  Kreaturen, die nachts um das Lager schlichen und auch vor Leichen nicht halt machten. Doch eines war sicher: Allah hatte ihm aufgetragen, einen Fluchtplan auszuarbeiten; der Weg in die Freiheit sollte durch diese hölzerne Tür führen. Doch warum hatte Allah die Tür wieder zugeschlagen, wo sie doch in die Freiheit führen sollte? Und wie sollte diese Plan aussehen? Die Tür in der Mauer wurde streng bewacht, die Zellentür nachts verriegelt. Die über das ganze Lager verstreuten Wachen schossen nach Einbruch der Dunkelheit auf alles, was sich bewegte. Diese Flucht würde ein Wagnis sein, ein so großes Wagnis, dass er die Ausarbeitung eines Plans immer weiter vor sich herschob.
   Dann, eines Morgens, nach durchwachter Nacht, wurde ihm klar, warum die Tür zugefallen war. Noch ist die Zeit nicht gekommen, ich soll auf eine günstige Gelegenheit warten.
   In der folgenden Nacht schlief er zum ersten Mal seit langem sechs Stunden hintereinander.
*
    Er musste einige Zeit gedöst haben, denn als er von dem Stiefeltritt aufschreckte, stand die Sonne wie eine Blutorange über der Lagermauer. Für einen Moment schien es ihm, als habe sie sich in dem unter Hochspannung stehenden Natodraht aus Andalusien, der die Mauer auch ohne Schießbefehl zu einer unüberwindlichen Barriere macht, blutig verfangen.
   „He, du, aufstehen, der Gefängnischef will dich sprechen!“, röhrte der Wärter.
   Der Gefangene stand sofort. Ein Zögern oder eine Frage hätte sofort eine Prügelorgie nach sich gezogen. Der Wärter gab ihm mit dem Peitschenstiel einen Stoß in den Rücken.
    Abdelkarim drehte sich so heftig um, dass der Mann verdutzt stehen blieb. Noch erschrockener war der Gefangene selbst, denn er rechnete damit, dass sich jetzt eine Meute von Wärtern auf ihn stürzen und niederknüppeln würde. Doch nichts dergleichen geschah. Die anderen Wärter taten, als hätten sie nichts gesehen, und der Mann knurrte nur: „Geh weiter, du Arschloch!“
    Abdelkarim ging langsam weiter, strich sich die Haare aus der Stirn und befeuchtete die vom Atmen mit offenem Mund ausgetrocknete Zunge. Allah hat mich also doch nicht vergessen und  wird mir neue Kraft verleihen, dachte er.
   Plötzlich hüpfte sein Herz vor Freude. Die Tür! Vielleicht stand ja sogar die Entlassung in Aussicht! Er hatte von einem gehört, der entlassen worden war, weil er jemandem von der Gefängnisleitung seinen Frisiersalon abgetreten hatte.
   Doch der schöne Traum war, kaum angeträumt schon ausgeträumt. Die Tür ist ja krachend zugefallen . . . Andererseits, irgendetwas Besonderes ist geschehen, sonst hätten sie mich eben niedergeknüppelt.
   Das Lager schien bis auf das Wachpersonal wie ausgestorben, obwohl sich Hunderte von Gefangenen in schweren Gedanken von einer Seite auf die andere warfen.
   Sie bogen in eine Gasse zwischen den Baracken ein, an deren Ende das massive Verwaltungsgebäude stand.

   Der Gefängnis-Oberling, ein in Russland für Spezialeinsätze ausgebildeter Geheimdienstoffizier im Hauptmannsrang, saß hinter einem Tisch und blätterte in irgendwelchen Akten. Der Mann neben ihm, die Ellenbogen auf die Tischkante gestützt, kaute an einer kalten Zigarette. Über den beiden wälzte ein Deckenventilator die Hitze des Tages um. An der rückwärtigen Wand standen zwei Soldaten mit Karabinern im Anschlag.
    Der Wärter stieß den Gefangenen in den Raum, und der grelle Strahl einer Verhörlampe traf auf dessen Gesicht. Das Licht blendete stark. Abdelkarim nahm die Gestalten hinter dem Tisch nur schemenhaft wahr. Er sah lediglich Silhouetten: Einen großen kantigen Kopf mit Wolfsohren und einen Vollmond mit Walrossbart.
   Der Qayik blätterte weiter, der Gefangene wartete geduldig. Er war jetzt von einer großen inneren Ruhe erfüllt. Er war sich sicher: Diese Akte enthielt nichts Neues über ihn, denn alles, was ihn irgendwie beunruhigen könnte, hatten sie ihm schon x-mal vorgebrüllt, und Neues konnte ja schwerlich hinzu gekommen sein. Wenn überhaupt sein Name auf der Akte stand. Diese Aktenblätterei war ein Bluff,  ein Verwirrspiel. Der Gefangene sollte verunsichert werden. Wir wissen alles über dich, sogar Dinge, die du selbst nicht weißt, Freundchen, die dir aber zum Verhängnis werden können . . . Denn wer ist schon völlig unschuldig, besonders in einem Land, wo die Ohren des Geheimdienstes auf den Bäumen wachsen und jeder Maulwurf eine Spion sein kann? Ein unbedachtes Wort, eine zu hartnäckige Frage, ein Händeschütteln mit dem falschen Mann – und schon haben sie dich.
         
  Der Gefängnisleiter hob den Kopf und richtete seine Wolfsohren auf den Gefangenen.
   „Wie heißt du?“, fragt er mit butterweicher Stimme, einer Stimme, die überhaupt nicht zu seinem grobkantigen Schädel passt.
   „Abdelkarim, Tarek, Sidi.“
   „Du bist ein Haddsch?“
   „Ja Sidi.“
  Der Qayik betrachtet aufmerksam das Gesicht des Mannes, der sich schon seit drei Monaten in seiner Gewalt befindet. Ein normales durchschnittliches Intellektuellen-Gesicht. Hohe, gerade Stirn, wachsame, tiefbekümmerte Augen mit dem Ausdruck stoischer Schicksalsergebenheit. Doch da ist auch ein deutlicher Zug wehrhafter Kampfbereitschaft, der dem Qayik Unbehagen bereitet, denn sie zeigt ihm seine Grenzen auf. Ein Haddsch, denkt er, mit der Kraft des Glaubens. Nach Aktenlage ein Fundamentalist. Er ist kurz davor, den Gefangenen Abdelkarim, Tarek, wieder zurück in das elende Zellendasein zu stoßen. Schließlich besinnt er sich; es ist nicht seine Aufgabe, den Glauben zu bekämpfen, sondern die Rebellen. Und er hat versprochen, sein Los zu mildern. Und Zusagen muss man halten, sogar wenn sie auf Bestechung oder Erpressung beruhen.  
   „Was hast du gearbeitet?“, fragt er nach einer Weile.
   „Zuletzt als Doktorand am –“
   „Soso.“
   Der Gefangene senkt den Blick und sieht die roten Flecken auf dem Boden, Blut, frisches Blut, erst vor wenigen Minuten auf die Steinfliesen getropft. Er lässt sich Gefangene vorführen, die gerade gefoltert wurden . . .
   Der Qayik sieht den Blick und lächelt. „Es gibt immer wieder Gefangene, die von ihren Familien im Sticht gelassen werden“, sagt er mit seiner widerlich weichen Stimme, „aber du gehörst zu deinem Glück nicht dazu.“
   Glück! Welch ein Wort in der Hölle!
   Der Walrossbärtige öffnet eine Mappe, greift hinein und zieht ein Bündel Geldscheine hervor. „Dollar“, sagt er und schnalzt mit de Zunge, „nicht allzu viele, aber für einen Monat wird es reichen.“ Er verschließt die Mappe wieder und steckt sie weg.
   Der Lagerchef schlägt die Akte zu. „Kannst du kochen?“, fragt er von unten herauf.
   „Ich denke schon, Sidi! Allerdings, ich müsste mich erst –“
    „Verdammter Hund“, brüllt das Wolfsohr mit hoher, sich überschlagender Stimme, „halte hier keine Ansprachen! Antworte mit ja oder nein! Hast du verstanden?“
   „Ja, Sidi.“  
   „Also, kannst du nun kochen oder nicht?“
   „Ich denke, schon, Sidi.“
   „Was denkst du schon? Kerl, drück dich gefälligst klar aus!“
   „ja, ich kann kochen, Sidi.“
   Der Qayik sieht seinen Nebenmann, offenbar seine 'rechte Hand', auffordernd an.
  „Du wirst in der Küche arbeiten und bekommst eine andere Zelle“, sagt das Walross. „Aber solltest du dir jetzt besondere Freiheiten herausnehmen, wanderst du in den Bunker!“
   In Abdelkarim steigt ein ungeheurer Gedanke auf: Dies hier ist nicht ein Ableger der Hölle, es i s t die Hölle, es gibt keine andere, und dieser Mann da ist Azra-il, der Todesengel, der den Verworfenen die Seele aus dem Leib reißt . . . Und der andere ist Gavril, der Verkünder, von Allah gesandt, den Sieben Gerechten die Botschaft des Heils zu überbringen. Es sind Höllenengel! Und ich bin einer der Gerechten! Einer von denen, die auch im Elend fest an Allah glauben, gepriesen sei Sein Name!
   „He, du Arschloch, warum sagst du nichts?“, schnauzt der wolfsohrige Höllenengel.
   „Ich . . . ich bedanke mich, Sidi, und wünsche dir und deinen Kindern langes Leben!“

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BeitragVerfasst am: 27.06.2022 20:17    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Schattenengel

                                                                               1

  Die Frau stand einen Augenblick neben dem Eingang der großen Höhle. Etwa dreißig Menschen waren versammelt; sie saßen an kleinen Tischen, auf denen blakende Öllämpchen brannten, und schwiegen sich an. Was sollten sie auch sagen? Alles, was gesagt werden durfte, war in den letzten Wochen und Monaten schon längst gesagt. In diesem verwirrenden Geflecht aus Gängen und Höhlen, in dieser ewig flackernden Halbfinsternis, in der schon ein kollernder Stein als akustisches Ereignis gefeiert wurde, versiegte allmählich das Bedürfnis, sich auch über die belanglosesten Dinge zu unterhalten.
  Jetzt löste sich die Frau aus der dem Schatten der Nische, steuerte auf einen der Tische zu und setzte sich. Doch weder sie noch die beiden anderen Frauen am Tisch bemühten sich, ein Gespräch in Gang zu bringen.
   Sarah Ewigleben trug ein weites seidenweiches Gewand und an den bloßen Füßen Sandaletten, immerhin recht überraschend für eine Frau in dieser Gesellschaft. Ihr Alter war in der schummrigen Dunkelheit schwer zu schätzen – auch wenn ihr streng nach hinten gekämmtes Haar tief schwarz glänzte. Sie saß schweigend und gelassen da und ließ den Blick frei durch die Höhle schweifen. Auf ihrem schmalen Gesicht mit der feingeschnittenen Nase lag der Ausdruck tiefen Erstaunens, so, als könne sie immer noch nicht begreifen, wie sie in diese Höhle geraten war.
    Ihre Schweigsamkeit hatte einen nüchternen Grund: Sie und ihr Freund, beide aus Berlin, waren erst vor kurzem zu dieser Gruppe gestoßen, und sie konnte noch kein Wort Arabisch. Die beiden Frauen am Tisch hinwiederum verstanden kein Deutsch und hätten eher dem Teufel den Schwanz geleckt als ein Wort in dem ihnen verhassten Englisch anzuhören.   
   Frau Ewigleben fröstelte und zog ihre Abaya enger. Durch die weite Höhle wehte ein kühles Lüftchen. Trotzdem – nichts um alles in der Welt hätte sie wieder in ein warmes Wohnzimmer locken können.  
   Sie stand  auf, denn gerade erschien ihr Freund in einer der Seitenhöhlen. Er war noch ziemlich jung, ein robuster Kerl mit einem bulligen, verwilderten Bartgesicht. Die schwarzen Augenbrauen, die im stumpfen Winkel zueinander standen, verliehen seinem Gesicht eine gewisse grüblerische Schwermut. Seine Haltung war leicht gebückt, sein Gesicht grau und eingefallen.
    Sie ging auf ihn zu.
    „Was wollten sie wissen?“
   „Alles, bis ins Kleinste.“
   „War es schlimm?“
   Er sah sie an, und in seinen Pupillen brannten zwei Flammen: Eine fanatische, und ein wirkliche, nämlich die Spiegelung eines der Öllämpchen.
   „Nicht sehr, verglichen mit damals. Sie verlangen, dass ich einen Eid ablege.“
   „Und, willst du?“
   „Wie kann ich denn? Ich sagte ihnen, allein die Tatsache, dass ich Muslim bin, verpflichtet mich doch, die Regeln einzuhalten, wozu also schwören?“

                                                                                *
   Am andern Tag, wieder allein.
   Ein Geräusch.
   Frau Ewigleben lässt die Feile sinken.
   Sie blickt zum Eingang der Höhle, die der Kommandant ihr als persönliche „Wohnung“ zugewiesen hat. Im Höhleneingang steht ein großer, schwerer Mann, so dick wie ein Fass. Er starrt sie aus leicht schielenden Augen an.
   Trotz ihrer prekären Situation lacht sie hell auf.  
   Der Mann sieht auch zu komisch aus. Die goldverschnürte Fantasieuniform ist zu eng für den gewaltigen Leib und gibt den Blick auf eine nicht mehr ganz saubere Kurta frei. An seiner rechten Hüfte baumelt in Cowboy-Manier ein Revolver. Sein unbedeckter, völlig kahler Schädel lässt sofort Zweifel an der Echtheit des Schnurrbarts aufkommen, den er in daliesker Weise hochgezwirbelt hat; die schäbige Feldmarschall-Mütze russischer Machart mit rotem Band und üppigem Goldgeschnörkel hält er in der Hand. An den Füßen trägt er klobige Stiefel russischer Bauart.
    „Was wollen Sie denn hier?“, fragt sie, nicht sicher, ob sie der Mann überhaupt versteht. „Das nächste Mal klopfen Sie gefälligst an, bevor Sie die Tür öffnen!“
    Die Tür! Ein roh zusammengenageltes, halb-durchsichtiges Kartoffelkeller-Holzgatter ohne Verriegelungsmöglichkeit.
   Doch, der Mann versteht. Er grinst schief, tritt tänzelnd einen Schritt zurück und klopft an. Entweder versteht er doch Deutsch, oder das Wort 'Klopfen' ist wegen seines lautmalerischen Gehalts auch für einen Nachfahren Dschingis-Khans ohne Deutschkenntnisse zu verstehen.
   Er schließt das Gatter und kommt näher. Neugierig betrachtet er die Frau, die gerade dabei war, sich die Fingernägel zu feilen. Vor ihr auf dem Tisch ein Fläschchen Nagellack, diverse andere Toilettenartikel, eine Schale mit Obst sowie ein Koran. Auf einem halbhohen Felsvorsprung, den man zu einer Art steinernem Abstelltisch ausgehauen hat, eine angeschlagene Waschschüssel, an der eine größere Spiegelscherbe lehnt. Auf dieses kümmerliche Interieur sickert das matte Licht einer nackten Birne, die von der Decke herabhängt.
   Sie legt die Feile beiseite und blickt den Hünen unsicher an.
   „Sie wünschen?“ knurrt sie unfreundlich.
  Der Mann zieht seinen Revolverholster ab und wirft ihn auf die Pritsche. Dann nestelt er an seiner Hose herum und macht Anstalten, sich neben die Frau zu setzten. Die springt entsetzt auf und flieht an die Wand neben dem steinernen Tisch. Verzweifelt versucht sie, eine Kette aus ihrer Bluse zu ziehen, doch es ist bereits zu spät. Mit überraschender Geschwindigkeit holt sie der Dicke ein und nimmt sie gefangen, indem er sich, die Hände rechts und links von ihrem Kopf an der Wand, vor sie hinstellt. Jetzt sieht sie, wie groß und kräftig er ist, sie geht ihm kaum bis zum offenen Hemdkragen. Langsam nähert sich sein fleischiger Mund ihren Lippen, er keucht; seine Schweinsäuglein blitzen lüstern. Schon kitzeln die Haare seines Dalibartes ihr Gesicht.
   Frau Ewigleben ist einen Moment unschlüssig, wie sie reagieren soll. Gegen den fetten Riesen hat sie keine Chance. Schreien? Wer würde sie hören? Und wenn doch, wer würde ihr helfen? Ihm kräftig ein Knie in den Unterleib rammen? So, wie er gepolstert ist, wahrscheinlich völlig wirkungslos. Ihr Talisman an ihrem Hals, ihre „Lebensversicherung“ – im Moment unerreichbar. Sie blickt sich hilfesuchend um und sieht die Spiegelscherbe neben der Waschschüssel. Blitzschnell greift sie zu und zieht ihm die Scherbe über Wange und Kinn.
  Der Hüne greift sich aufheulend an den Kopf. Über Kinn und  Wange zieht sich ein roter Strich, der jetzt stark zu bluten anfängt. Auch die Hand der Frau blutet. Rasend vor Wut stürzt der Mann zur Pritsche, ergreift seinen Revolver, entsichert und richtet ihn gegen die Frau –  
    „Allahu akbar!“
   Die Stimme des Kommandanten, vom Höhleneingang her.
   Der Dicke  dreht sich auf dem Absatz um.
   Rawshad-Khans blickt trifft ihn wie ein Säbelhieb.
   Der Dicke sichert die Waffe, steckt sie ein. Dann poltert er los, wobei er mit einem kariertes Tuch Hals und Wange betupft.
    Je länger er redet, desto mehr verfinstert sich die Miene des Kommandanten. Auf einmal unterbricht er ihn, und ein Feuerwerk fremdländischer Laute bricht los. Der Dicke sieht ihn an; in seinem Blick liegt Respekt, wenn nicht sogar Angst.
  Auf einen Wink des Kommandanten hin watschelt er knurrend aus den Raum.  
 
   „Legen Sie die Scherbe weg und wischen Sie das Blut ab“, sagt Rawshad-Khan in verständlichem,  doch etwas hartem Deutsch, „ich lasse einen Sanitäter kommen.“ Er ruft etwas in den Gang hinein. „Erlauben Sie, dass ich eintrete?“
   Sie blickt ihn ungläubig an. „Das hört sich ja an, als könnte ich Ihnen etwas verbieten?“
    Der Kommandant lässt ein raues Lachen hören. „Sie verkennen mich, gnädige Frau! Ein Mann Allahs weiß sich zu benehmen, auch wenn eure Medien ihn einen Terroristen und Mörder nennen! Im übrigen: Die Achtung den Frauen gegenüber gebietet schon der Prophet.“
    „So? Bisher hatte ich aber nicht den Eindruck!“
    Der Kommandant setzt sich auf den einzigen Stuhl, streckt das steife Bein aus; den Stock behält er in der Hand. Ein Sanitäter mit Verbandszeug erscheint. „Zeigen Sie ihm Ihre Hand“, befiehlt er, „damit der Mann Sie untersuchen und verbinden kann.“  
   Die kleine Prozedur ist schnell erledigt.
  „Wer war dieser Tarzan?“
   „Wen meinen Sie?“
  „Na, diesen Mann da eben!“
   „Ach so!“ In Rawshad-Khans gesundem Auge wetterleuchtet es. „Der Tarzan ist mein wenig glorreicher Stellvertreter, mein Maween. Ab und zu verspürt er das Bedürfnis, sich ein wenig zu amüsieren. Dabei ist er gar nicht in der Lage. Ein Querschläger hat ihn seiner Männlichkeit beraubt. Trotzdem – oder gerade deshalb, versucht er es immer wieder. Ich bin leider auf ihn angewiesen und muss mich erkenntlich zeigen – leider.“ Rawshad-Khan schweigt nachdenklich. Dann fährt er fort: „Aber alles hat seine Grenzen, nur Allahs Güte ist grenzenlos. Ich werde ihm befehlen, Sie in Ruhe zu lassen. Sollte er Sie dann doch noch belästigen, werden ich ihn . . . ähem . . . Sie sehen, gnädige Frau, ich meine es gut mit Ihnen.“
   Frau Ewigleben fährt auf. „Gnädige Frau . . . gnädige Frau. . . Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“
   „Keineswegs! Diese Anrede geht auf die Frauenverehrung alt-arabischer Dichter zurück. Suleiman, der Kalif von Cordoba, bekennt:

   Was schadet es, wenn ich ihr Sklave in der Liebe bin,
während sie doch meine Untertanin ist?
Tadelt nicht einen König, der sich in der Liebe demütigt!
 Demütigung vor der Liebe ist ein zweites Königtum!“

   „Klingt gut, ist für mich aber wenig überzeugend, verglichen mit der Wirklichkeit.“
   „Welche Wirklichkeit meinen Sie? Die des Propheten oder die verstockter Schriftgelehrter? Ich kämpfe für einen unverfälschten Islam, nicht den, der in Jahrhunderten engstirniger Auslegung sein wahres Gesicht verloren hat.“
    Sie hakt sofort nach.
   „Dann hören Sie endlich auf, meinen Bekannten zu verhören!“
   Der Kommandant schüttelt den Kopf. „Wir verhören Ihren Bekannten nicht, wir befragen ihn. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Sollten wir allerdings feststellen, dass er nicht die Wahrheit sagt, dann kann aus der Befragung schnell ein Verhör werden. Mit allen unangenehmen Konsequenzen.“
   Frau Ewigleben hat inzwischen auf der Pritsche, dem Kommandanten gegenüber, Platz genommen. Ihr Blick bohrt sich in sein Gesicht. „Macht Ihnen das Menschenquälen eigentlich Spaß?“
   Die Hand des kleinen Mannes umklammert den Knauf des Stockes fester.
   „Was reden Sie da! Ich quäle niemanden! Wenn jemand eine Befragung nicht besteht – ich sage besteht, nicht übersteht, und er muss eliminiert werden, wird ihm mit einem sicheren Hieb der Kopf abgeschlagen. Was ist daran grausam? Was soll das ständige Misstrauen gegen unsere Art zu richten? Wie widerlich ist doch dagegen die Art einiger westlicher Staaten, den Verurteilten jahrelang auf seine Hinrichtung warten zu lassen und dann, wenn es endlich soweit ist, versagt die Technik!
   Ständig kommen Leute her und wollen sich dem Schwert des Islam anschließen, nicht wenige aus Deutschland übrigens. Woher weiß ich, ob diese Leute wirklich von der Sache überzeugt sind und nicht nur auf falsche Abenteuer und sinnloses Töten aus? Woher weiß ich, dass es nicht verkappte Agenten des CIA oder des Mossad sind? Oder Verräter aus den eigenen Reihen? Nicht wenige meiner Glaubensbrüder halten mich für einen Murtad, einen Abtrünnigen, einen Ketzer, den sie am liebsten in der Hölle sehen würden. Dabei steht der Ketzer genau so nah bei Gott wie der Rechtgläubige, nur auf der anderen Seite.“  
   Der Kommandant schüttelte betrübt den Kopf. „Sehen Sie, gnädige Frau, woher soll ich wissen, wer Sie wirklich sind?. Sie nennen sich Sarah Ewigleben. Mag sein, mag nicht sein. Auch der wirkliche Name Ihres . . . äh, Bekannten . . . Ich kann nicht glauben, dass der, den er angibt, stimmt. Grotian, hmm. Sie wissen wahrscheinlich, dass es ein kurdischer Name ist, und die Kurden stehen erfahrungsgemäß dem Regime loyal gegenüber. Doch die Erklärung für seinen Seitenwechsel klingt glaubhaft. Doch was heißt das schon, bei einem Mann, der keinen Yamiin auf seine ehrlichen Absichten ablegen will. Wir werden ihn einer Prüfung unterziehen. Wenn er besteht, vertrauen wir ihm, wenn nicht –“
   Plötzlich unterbricht der Kommandant seinen Monolog und schnarrt: „Warum sind Sie beide hier?“
   Die Frage kommt so überraschend, dass sie unbedacht erwidert: „Das geht Sie nichts an!“
   Der Kleine stößt heftig mit dem Stock auf den Boden, es hört sich an wie der Schlag eines hölzernen Gongs. „Doch, es geht mich etwas an! Das Letzte, was ich gebrauchen kann, sind Abenteurer und Schießwütige!“
   Rhawshad-Khan erhebt sich ächzend, und zum ersten Mal in diesem Gespräch kommt etwas  Leben in sein Gesicht. „Lassen Sie sich etwas einfallen, damit ich es glauben kann! Alhamdulilla!“
    In der Tür dreht er sich noch einmal um. „Ach, übrigens, wenn Sie Schmerzen haben gibt Ihnen der Sanitäter Opium.“
   Frau Ewigleben blickt ihn überrascht an. „Ich denke, der Koran verbietet Opium?“
   „Den Gläubigen, nicht den Ungläubigen!“

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wunderkerze
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