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Verbrecher wider Willen


 
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Kojote
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BeitragVerfasst am: 12.04.2022 13:08    Titel: Antworten mit Zitat

Ich erwische mich jedesmal, wie ich hier auf "Antworten" klicke, obwohl ich zugesagt hatte, nicht mehr zu reagieren, wenn sich jemand (mit Verlaub!) so beratungsresistent verhält.

Ich versuche mal, meinen ersten Eindruck zu diesem 21. Kapitel in Emojis zusammenzufassen:

 Kopf an die Wand Kopf an die Wand Kopf an die Wand Kopf an die Wand Kopf an die Wand

Werter pentz
-- du bist von einem professionellen Schriftsteller, der Geld für seine Texte verlangen darf, ungefähr soweit entfernt wie ein Oktopus vom Gipfel des K2.

Allein wenn ich mir nur eine deiner zahlreichen Baustellen anschaue, hier den Satzbau:

pentz hat Folgendes geschrieben:
Lange Zeit öffnete er nicht mehr die Augen und stand nur einfach da.


Lange Zeit habe ich überlegt den Satzbau, ob er korrekt sei.

pentz hat Folgendes geschrieben:
Wieder Weckerklingeln weckte ihn auf.


Wieder merke ich etwas stimmt mit Satzbau nicht.

pentz hat Folgendes geschrieben:
Wie sollte er durch das Hemd des Bruders die Spritze jagen?


Wie sollte ich es gelingen lassen dich zu überzeugen vom falschen Satzbau?

pentz hat Folgendes geschrieben:
Er hatte keinen Appetit, nicht lief ihm das Wasser im Munde zusammen,


Und ich? Nicht habe ich Eindruck du hättest deine Texte auch nur ein einziges Mal probegelesen, bevor du allen Ernstes beginnst, sie für Geld verkaufen zu wollen.

Sorry, Pentz. Es nervt einfach nur noch.


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"To be, or not to be." (William Shakespeare)
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pentz
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BeitragVerfasst am: 12.04.2022 14:07    Titel: Antworten mit Zitat

ich habe gerade gedacht, als ich vom gartenumstechen zurückgekommen bin, jetzt hat sich Kojote und evtl. et al. wieder voller gier auf meinen neuen text geworfen und das aas herausgepickt und siehe da, es stimmt.

kojote, warum reiz ich Dich so? schau her, mach auch mal selber einen verbesserten vorschlag für den satzbau, den Du bekrittelst, weil ich nicht verstehe, was an diesen nicht okay sein könnte, echt und ehrlich. (denkst, so ein pflaumenkuchen aber auch, aber es ist so)

ansonsten, zu Deinem letzten Satz: Du siehst, was Du bist!

grüß mir den Kuckuck (orginalzitat von Dir "zum Kuckuck" - ob der auch nach der menschlichen harmonielehre klopft wie die lerche?)
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Kojote
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BeitragVerfasst am: 12.04.2022 14:16    Titel: Antworten mit Zitat

pentz hat Folgendes geschrieben:
kojote, warum reiz ich Dich so?


Ich habe dir um 13.51 Uhr eine PN zukommen lassen, die du leider noch nicht abgerufen hast.


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Kojote
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BeitragVerfasst am: 13.04.2022 13:48    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo pentz,

ich schlage vor, dass du, wenn du mir schon Fragen stellst, auch die Antworten zur Kenntnis nimmst. Meine PN von gestern 14.41 Uhr ist leider noch immer nicht abgerufen, obwohl du seitdem mehrmals online warst.

Ein objektiver und seriöser Diskurs ist so nicht möglich.

Grüße
Kojote


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pentz
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BeitragVerfasst am: 18.04.2022 12:47    Titel: 21. Rastlos... Antworten mit Zitat

Nach dem Krankenschwester-Mord war Ernst in die Krankenhaus-Suite seines Bruders gestürzt, in der Hoffnung, seinen Bruder dort anzutreffen, die dieser manchmal unter der Woche nutzte, wenn er nicht nach Hause fahren wollte. Vergebens.
Ernst war sehr erregt und ging mit einem schlechten Gefühl nach Hause. Was hatte er nur getan? Er musste sich sogar etliche mal umdrehen, weil er vermutete, man verfolge ihn. Ja, mittlerweile würde man ihn bestimmt schon auf seiner Fährte sein. Auf jeden Fall war das eine Frage der Zeit. Denn er hatte etwas Schreckliches getan, einen Mord begangen!
Dieses Bewußtsein wurde immer realer, eindringlicher, akkuter, schmerzhafter...
Ernst verschloß die Tür hinter sich und lehnte sich von innen dagegen und hielt die Augen geschlossen. Sein Herz raste. Er hob die Hände an sein Gesicht und atmete den säuerlichen Duft der Haut ein, wahrscheinlich Restbestand vom Gift. Er wünschte, dieser würde ihn auch töten.
Lange Zeit öffnete er nicht mehr die Augen und stand nur einfach da. Dunkel war es im Raum, aber das Fenster hatte keine Vorhänge, also mußte es Nacht sein und da es ständig offenstand, herrschte einen kühler Durchzug, den Ernst aber kaum wahrnahm, da er selbst im kältesten Winter alles, was ging, offenhielt. Nur der Vollmond schien direkt herein und beleuchtete mit seinem bleichen Schein den Raum morbid und gespensterhaft. Schreckliche Bilder von der sich verkrampfenden Krankenschwester auf dem Bett suchten ihn heim - seltsam, er hatte ihr doch beim qualvollen Sich-Verkrampfen und Sterben den Rücken zugekehrt gehabt – er hielt es nicht mehr aus, zählte bis zehn, was ihm schwer fiel, öffnete schließlich die Augen, ging schweißgebadet am ganzen Körper zitternd ins Bad und hielt den Kopf unter das kalte Wasser des Wasserhahns.
Endlich allein.
Er blickte auf zu dem großen Konterfei über dem Badspiegel: eines seiner politischen Vorbilder, Helmut Kohl. Mit ihm allein zu sein, beruhigte ihn ungemein. Nur einen Moment, dann spürte er wieder Unruhe aufkommen, wendete sich um, verschloß die Badtür, so daß er Gottlob sicher sein konnte, daß hier herein keiner treten könnte. Auch nicht die diesesmal so kalten Strahlen des Mondes schienen hierherein, da es kein Fenster, nur einen Ventilator für frische Luft gab. Bestimmt hatte das seine ungute Bedeutung und letztlich Auswirkung, daß dieser Erdtrabant in seinem jetzigen Zyklus so klar am Firmament prangte, nicht umgeben von verwischenden Wolken.
Ungute Gedanken, die ihn überforderten, quälten ihn unbewußt und er sank auf den Boden und vergrub sein Gesicht in den Händen. Ihm war übel, speiübel.
Was hatte er nur getan?
Bilder der Sterbenden jagten ihn, von der Gestorbenen, der geliebten Krankenschwester und in seiner Panik kramte er aus dem Badeschränkchen Beruhigungstabletten und schluckte gleich drei Stück. Dann ließ er sich an einer Wand zum Kachelboden hinunter und saß Füße von sich gestreckt, Rücken an der Mauer, eine Zeitlang da. Die Müdigkeit schloß immer wieder seine Lider und er wusste, würde er sich nicht ins Bett werfen, würde er hier in dem unbequemen Raum einschlafen. Das zöge nur mehr vermeidbare körperliche Qualen nach sich. Gewaltsam richtete er sich auf, öffnete die Badtür mit einem Schwung, so dass sie gegen die Wand knallte und ließ sich wie ein nasser Sack auf seine Coach fallen, auf der er sofort einschlief.

Weckerschrillen schreckte ihn auf.
Er wachte auf, nass geschwitzt, zerknittertes Bettkissen unter seinem Kopf. Sein Blick fiel aus dem Fenster direkt auf den Vollmond. Darin verlor er sich. Bis er sich so kalt, einsam und verloren wie dieser fühlte. Das war stets der Moment, dass er Panik verspürte und irgendetwas tun musste, sich bewegen, hin- und hergehen, so sinnlos leer und verloren wie eben der Mond auf seiner Bahn.  
Das Klingeln verstummte.
Er blickte auf die Pappmachee-Büste der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Er hatte sie selbst geformt aus Tapetenkleister und Papierschnipseln. Für andere hatte sie wenig Ähnlichkeit mit dieser lebenden Person, aber er sah und spürte stets, wie sie ihn versteckt anlächelte. Nun aber half ihn ihr verhaltenes Lächeln auch nicht, ihre Wirkung ging an ihm vorbei, er fühlte sich o müde, daß ihm die Augenlider wieder zufielen.

Wieder Weckerklingeln.
Am heutigen Tag konnte er wenigstens wieder aufstehen. Sofort warf er sich nüchtern, verschlafen und ungewaschen auf die Knie vor dem Kreuz des kleinen Andachtsaltars, das er ebenerdig vorne hinter der Tür und unter der Garderobe aufgebaut hatte. Auf einem kleinen Schuhkarton mit Kreuz standen rechts und links kleine Kerzchen, wie man sie auf Grabstätten zu stellen pflegte. Diese zündete er an.
Das Beten tat gut, fühlte er sich doch so hilflos, schwach und schwermütig, daß er sich nicht vorstellen konnte, wie er den ganzen Tag über funktionieren sollte. Schon der gestrige Abend hatte ihm so viel Kraft gekostet, daß es aussichtslos schien, bis zum Ende der Woche durchzustehen. Dabei warteten noch so viele Aufgaben!
Wie sollte er da auch die kommende Woche, den nächsten Monat, die restlichen Jahre seines Lebens überstehen? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass ihn darauf nur sein Bruder eine Antwort geben konnte. Mehr wusste er einfach nicht.
Das Kreuz vom Palmsonntag her hatte noch verdorrte Palmwedeln und er beendete sein Gebet auf lateinisch: „In nomini patris, et filii, et spritus sancti. Amen!“
Tatsächlich ging er aus dem Gebet gestärkt hervor.
Ihm war klargeworden, er müsse sich zuerst einmal nach dem Wochenende am Montag bei seinem Arbeitgeber krank melden. Er würde unmöglich seine Wohnung verlassen können, es ertragen, unter Fremden sich aufzuhalten und zu funktionieren. Bei seinen Eltern zu sein würde ja noch gehen.
Er hatte so vieles zu bedenken. Ihm war noch so wirr im Kopf. Vor allem plagte ihn die Frage, ob er richtig getan hatte, Hilde für seinen Bruder zu töten, die, wie sich während ihrer Agonie während des gleichzeitigen Ablaufs des Videofilms herausgestellt hatte, jahrelang seine Mätresse gewesen war? So unschuldig kam da sein Bruder nicht davon, fand er immer mehr. Was, wenn er sich zum Ochsen-Metzger, zum Haß-Werkzeug, Vergeltungs-Instrument seines Bruders gemacht hatte?
Mittlerweile – und das war höchst bedenklich - dachte Ernst gar nicht mehr an sein Lebenswerk, aber das war ihm auch nicht bewußt, daß er den roten Faden verloren hatte. Eigentlich müßte er sich jetzt für seinen Weg nach Berlin, für seine politische Karriere einsetzen, fitmachen und vorbereiten. Aber ihm erschien, sowie er im entferntester hinterster Gehirnregion daran dachte, angesichts der unbeantworteten Frage, ob er recht getan hatte, einen Menschen zu töten, dieses Ansinnen mittlerweile unwichtig.
Die Mord-Angelegenheit hatte sich total in den Vordergrund gedrängt.
Was war passiert, was war passiert, was?
Er musste seinen Bruder zur Rede stellen.
Nur wo? Wie? Einen geeigneten Ort finden.

Morgen war Feiertag, dann würde er ihn wiedersehen.
Seine Phantasie spulte einen Film durch seinen Kopf, immer wieder, völlig außer Kontrolle. Dabei fühlte er sich derartig mißerabel, dass nichteingestandene Tötungsabsichten seinen jüngeren Bruder gegenüber auftauchten.
In der Kirche. Beim Gottesdienst. Während sie beide, was sie jedes Mal taten, zur Kommunion gingen, Bruder voran, er hinterher; dann, während jener sich niederkniete, er hinter ihm stehend, tat so, als stolperte er und fiel auf ihn, wobei er ihm die Spritze in den Rücken schlug oder wohin sonst?
Die ganze Symbolik gefiel ihm: tot während er das Lamm Gottes zu sich nahm, dieser Judas.
Aber von zu viel Zufälligkeiten war der Erfolg abhängig.
Wie sollte er durch das Hemd des Bruders die Spritze jagen? Ging das überhaupt?
Dafür hatte er zu wenig Informationen, Erfahrungen. Nein, er musste sich ihn wohl oder übel richtig vornehmen, ihm das Hemd vom Leib reißen oder befehlen, es herunterzutun, aufzutun und dann würde er ihm die Spritze reinjagen, aber ohne von Augenzeugen beobachtet zu werden. Wie konnte er das bewerkstelligen?
Ihm kam eine Idee. An diesem Feiertag war gleichzeitig doch Herbstmarkt.
Auf diesem präsentierte sich sein Bruder all zu gerne, das hieß, er liebte es, durch die dichtbevölkerte Menschenansammlungen und den Markt zu gehen, wo von fern und nah die Besucher herangekommen sein würden und den ein oder anderen Bekannten zu begrüßen, dieser Leuteschmeichler.
Er liebte es, beliebt zu sein, sein Bruder, ja das war schon immer so bei ihm.
Und wenn es etwas dunkler werden würde auf diesem Kunstgewerbemarkt - das war Ernst Chance - oder auch so, wenn sein Bruder in irgend ein Haus hineinging, denn Kunstgewerbler stellten ihre Sachen gerne in ihren Häusern oder vermeintliche Künstler in ihren Ateliers aus und nicht nur in den außen an den Häuserwänden aufgestellten Buden, dann konnte er zuschlagen. So ein Kunstatelier war oft genug nur ein ausgebauter Wein-, Kartoffel-, Hopfen- oder was auch immer für Keller, die in den alten, rustikalen Häusern ebenerdig hinein- und hinunterführten. Man gelangte dort durch verwinkelte Wege hinunter, vielleicht konnte er ihn da in eine Nische drängen und ihn stellen, packen, töten...
Mal überlegen, er würde bestimmt etwas finden, ein Haus ergeben, wo so ein Kellergang war, er kannte schließlich alle Häuser in ihrer Heimatstadt... Und so ließ er sich die bekannten Gebäude, die die Kulisse seiner Kindheit dargestellt hatten, Revue passieren.
Das konnte heiter werden. Er war so gespannt, was sein Bruder zur Rechtfertigung, seiner Verteidigung, zu seinem Anlaß zu sagen hatte. Er konnte sich kaum einen Entschuldigungsgrund vorstellen. Gleichzeitig blinkte eine Vorstellung kurzzeitig auf, daß er noch einen Mord vollführen würde, müßte., allerdings einen, der ihm sehr schwer fiel, nämlich an seinem Bruder.
War er denn Kain? Fast noch schlimmer als Judas Ischariot zu sein. Oder die Schlange im Paradies?
Plötzlich überkamen ihn Magenkrämpfe und er krümmte sich wie Hilde vor ein paar Tagen auf ihrem Bett sich gekrümmt hatte, nachdem er ihr die Spritze feig und hinterrücks in den Körper gestoßen hatte. Wie Brutus dem Cäsar, Haken dem Siegfried, Perseus der Medusa, Paris dem Achilles...
Woher rührten diese Krämpfe?
Ach, ganz banal, er kapierte mit einem Mal, daß es nur aufs lange Schlafen, Nachdenken und Tagträumen rückzuführen war, das ihm das Essen vergessen gemacht hatte. Also, was wunderte er sich: es befand sich seit drei Tagen kein Krümel in seinem Magen. Es wurde höchste Zeit, wenigstens wieder zu essen.
Er öffnete den Kühlschrank.
Er hatte keinen Appetit; egal, auf welches Essenstück er schaute, er blieb ungerührt, obwohl er doch immer Hunger hatte und immer bei solchem Anblick das Wasser im Mund zusammenlief. Zudem verspürte er auch keinen Hunger, was er hätte tun sollen, weil er so lange schon nichts mehr hinunterbekommen hat, daß er sich gar nicht mehr an das letzte Essen erinnern konnte.
Doch seine Vernunft befahl ihm, etwas zu sich zu nehmen. Das war das einzige, dass ihm zum Essen bewegte. Er nahm sich ein Käsestück und steckte es sich unter Zwang, ja fast Eckel und Widerwillen in den Mund und es schmeckte tatsächlich kein bißchen, nicht einmal nach Käse. Ist ihm der Geschmacksinn vollends vergangen?
Er schaute auf das Foto, das auf dem Hängeschrank über den Kühlschrank geklebt war, das eines ehemaligen Verteidigungsministers, der startbereit auf seinem Rennrad saß und siegesgewiß in dir Kamera lächelte. Er war einst sein großes Vorbild gewesen. Nur hatte er dann mit seinem Fahrrad einen Unfall gebaut, wohl weil er, als es steil bergabging, die Geschwindigkeit und die Straßenlage falsch eingeschätzt hatte und sich – wer wußte es genau, die Presse ließ es nicht verlauten – schwer oder leicht am Kopf verletzte. Danach war es aus mit seiner Politikerkarriere.
Das sollte Ernst gerade jetzt ins Bewußtsein kommen, nicht dessen imperiale Lächeln, sondern sein Scheitern. Stand er auch kurz davor einen Fehler zu machen, den seine Karriere verpfuschte? Sein Leben. Das jetzige und ein zukünftiges Glorreiches?
Ernst nahm das Giftgläschen aus seiner Tasche, hielt es gegen das Licht und ein Strich in der Flasche mit durchsichtiger Flüssigkeit zeigte an, daß noch genügend in ihm war. Auch ein paar Spritzen fand er verpackt in seiner Tasche. Er war gut gerüstet.
Aber eine Stimme sagte ihm, warum gibst du dich noch mit diesem Teufelszeug ab? Eine andere Stimme schwieg dazu, weil sie keine Antwort wußte.
Ernst spürte, sobald er mit seinem Bruder gesprochen hatte, wußte er Antwort, den Zweck oder Nichtzweck des Giftes und der Spritzen. Er stand so unter berstendem Druck, daß es schier nicht mehr auszuhalten war.


P.S.: Will mich nicht resistent gegen Kritik zeigen. Hier meine "verbesserte" Version des letzten Kapitels.
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pentz
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BeitragVerfasst am: 20.04.2022 20:49    Titel: 22. Der Schwache ist immer der Böse... Antworten mit Zitat

Der Polizistenneffe war gerade beim Hauptkommissar, von sich aus, um sich über den Stand der Dinge zu informieren. Nach seiner Fehlleistung mit der Pistole hatte er einiges wiedergutzumachen, bildete er sich ein. Jedenfalls ein bißchen nachfragen, zu schauen, ob er doch vielleicht das ein oder andere zur Lösung des Falles beitragen konnte, konnte nicht schaden. Oder doch? Aber frag das einmal einen übereifrigen Staatsbeamten!
Plötzlich schellte das Telefon. Während des Gesprächs widerholte der Hauptkommissar, ganz unprofessionell, das Wort „Krankenschwester“. Da der Tonfall Bedauern ausdrückte, wurde sein Gegenüber sofort hellhörig und aufgeweckt wie er war, hörte er vermeintlich schlechte Nachrichten heraus. Der Kriminaler legte gerade auf, als er sich erlaubte zu fragen: „Die Krankenschwester, die die mitentführt worden ist?“
„Ja!“, nickte der Kriminaler und entschuldigend muss wohl seine Betroffenheit angeführt werden, das er Geheimes ausgeplaudert hatte. Jeder ist ein Mensch.
"Ist ihr etwas geschehen?“
Der Polizist, wieder nicht ganz Profi, nickte wage.
„Tot?“
Immerhin reagierte jetzt der diensthabende Beamte mit keinem Wimpernzucken und starrte nur steif aus dem Fenster. Das war auch schon beredt genug. Zudem hatte er nicht widersprochen, was obendrein schon einiges sagte, nämlich in der Regel Ja.
Die Krankenschwester war inzwischen in ihrem Zimmer entdeckt und tot aufgefunden worden, aber die gerichtsmedizinische Obduktion dauerte an.
Des Kriminaler linkes Knie, besonders wetterfühlig und sensibel, juckte wie der heurige Wein und er schloß daraus, dass an den Todesumständen der Frau irgendetwas nicht stimmen müßte, sprich kein natürlicher Exitus vorlag.
Der Polizistenneffe wusste über Arzt und Krankenschwester Bescheid, die Zettel hier und da, die brodelnde Gerüchteküche zudem hatte ihn über die Hetze in Kenntnis gesetzt. Ob sein Onkel bei deren Tod etwas nachgeholfen hat? - das war zwar nur so ein Gedanke, aber doch ein hartnäckiger, fast plausibel erscheinender. Mal private Nachforschungen anstellen, konnte nicht schaden. Es blieb zudem ja alles in der Familie.

Über diesen Polizistenneffe erfuhr der Arzt den bedauerlichen Tod.
Während er sich über die Nachricht erleichtert fühlen, endlich wieder tief durchatmen konnte, dachte er liebevoll an seinen Bruder: auf diesen kann man sich wenigstens verlassen, auf diesen Idioten. Wobei er „Idiot“ ganz positiv meinte. Andernfalls hätte er ja „Blödmann“ gedacht. Aber „Idiot“ konnte jemand sein, der durchaus intelligent war, nur nicht recht in seine Umwelt passte.
Gleichzeitig ahnte er schon, was auf sie, die ganze Familie Unangenehmes und Widerwärtiges zukommen würde. Aber Hauptsache war nun einmal, diese Furie aus der Welt geschafft zu haben, voila!
Nur der Polizistenneffe ahnte das Allerschlimmste. Und sein Verdacht auf den Mörder der Krankenschwester, von einem natürlichen Tod ging er nicht aus, fiel auf den Onkel, zumal dieser am Telefon nicht gerade überrascht, geschweige denn geschockt oder berührt gewesen zu sein schien. Ein Schweigen war entstanden, kurz, aber zu lang - bevor es wieder zur Tagesordnung überging.
Seinem Neffen dann direkt gegenüber zu stehen, war etwas anderes. Man musste ihn unter die Fittiche nehmen.
"Sie ist tot aufgefunden worden!"
Er schaute ihn tief in die Augen: "Hast Du etwas damit zu tun?"
Aus diesem Verhalten, seinen Onkel so eine unverhohlen direkte Frage zu stellen, die zudem auf einen unschmeichelhaften Verdacht beruhte, kann nur geschlossen werden, dass sich der Polizist neu erfinden wollte, sein Image neu gestalten und seinen Leumund wieder aufbessern wollte. In der Tat, nach dem schmählichen anfänglichen Leugnen bezüglich des Pistolenklaus ritt er jetzt auf einem Wahrheitstsunami, der ihm hieß, ohne Rücksicht auf Verluste, komme, was da wolle, alle gegebenen Umstände zum Tod der Krankenschwester aufzudecken - ganz der Rolle des aufrichtigen Staatsdiener gemäß. Fast vergaß er dabei die Familie.
Der Tod der Krankenschwester – ein Zufall?
Gerade jetzt?
Nein!
Zum einen, die Krankenschwester hatte gegen seinen Neffen gehetzt, dass sich die Balken bogen, und zum anderen wusste so ein Arzt beste Mittel hinsichtlich Exitus und Tod, nicht wahr!? Steckte dieser Onkel dahinter, dann Gnade ihm Gott. Von ihm konnte er keine Hilfe, keine Deckung, keinerlei Unterstützung erwarten: dass dies ihm nur klar war, musste klipp und klar mitgeteilt werden.
Aber der Arzt spielte gekonnt den Beleidigten: „Was? Das ist doch nicht Dein Ernst?!" Cool hatte er den durchdringenden Blick des Ordnungshüters pariert, als solchen er ihn nun wahrnahm und nicht als Verwandten, was für jenen zu viel des Guten war und er packte seinen Onkel jetzt sogar am Kraken.
Dieser schlagfertig: „Komm mir so nicht. Ich weiß einiges von Dir zu berichten, Du hast auch Dreck am Stecken, mein Lieber! Also tu die Hände weg von mir!“
„Das ist Schnee vom vergangenen Jahr. dass ich in meiner Jugend einmal einen anderen zusammengeschlagen habe – das sind Jugendsünden.“ Glücklicherweise konnte damals die Familie diesen Ausrutscher wieder durch eine saftige finanzielle Widergutmachung ausbügeln und damit das Verbreiten in der Öffentlichkeit verhindern.
„Ja, jähzornig bist Du noch heute, wie man sieht!“
Jetzt packte er ihn gar an der Kehle und würgte ihn, während seine Zähne aufeinander schlugen, mit so zusammengepressten Lippen, dass die Bewegungen kaum zu sehen waren, als er mit diesen seine Wut herausstieß: „Damit komm mir nicht! Was war, war!“
Röchelnd entgegnete der Arzt: „Offenbar nicht! Du bist es heute noch: Noch immer derselbe Extremist. Überziehst alles, machst zu viel, dabei geht das Porzellan zu Bruch, so sieht's aus!"
Bingo.
Einen Druck mehr verstärkte jener seine Händeklammer.
„Was, was redest Du hier? So ein Geschwätz!“
Er war nahe dran - die Hand holte bereits aus, als ihm der Arzt dazwischenfuhr: „So! Geschwätz nennst Du das: Dann will ich Dir mal etwas sagen. Ohne Waffe-Entwendung wäre die Entführung schnell beendet gewesen, spätesten mit dem Auftauchen der Polizei und Discounter-Chef im Ganovenhaus. Nein, mit der Pistole konnten sie die Polizisten ausschalten. Zweitens: Ohne Knarre hätten sie sich nicht getraut, den Restaurant-Besitzer vom Strandcafé kurzerhand krankenhausreif zu schlagen. Weißt Du, dass dieser wahrscheinlich querschnittsgelähmt sein wird?“
Der Onkel lockerte seinen Griff. Das war zu viel. Natürlich, das war saudumm gewesen mit der Pistole, aber er hatte alles gestanden, nur zu spät offensichtlich, wie sich jetzt herausstellte. Die Suppe war ganz gehörig versalzen worden, verflixt.
Ohne weitere Worte räumte er das Feld.

Der Kriminaler stieß bei seiner Recherche auf Ernst. Zeugen hatten behauptet, sie hätten ihn bei der Krankenschwester gesehen, so dass man ihn zuhause aufsuchte, ihn in einem dahindämmernden Zustand vorfand und zum Verhör ins Polizeirevier mitnahm.
Ernst hatte struppige Haare, wirkte unausgeschlafen und verwirrt.
Da muss ich langsam und vorsichtig vorgehen, dachte der Kriminaler.
Diese Strategie war sehr klug, denn dadurch nur würde er Ernst aus der Reserve locken können. Ernst wusste sehr wohl über seine ungehörige Tat. Er war sich sehr wohl bewußt, wieviel auf dem Spiel stand. Nur nicht genau inwiefern, aber es war Schlimmes geschehen und – jedenfalls war er zudem pass verwirrt.
Bevor jedoch der Kriminaler mit seiner wohlüberlegten raffinierten Vorgehensweise beginnen konnte, wurde er leider durch eine Frage Ernst aus dem Konzept gebracht: „Darf ich bitte meinen Bruder sprechen?“
„Warum wollen Sie ihren Bruder sprechen?“
Was sollte jener auf diese Frage des Kriminaler antworten: „Da geht nur meinem Bruder und mir etwas an!“ Das ging nicht. Lieber reagierte er gar nicht. Schließlich wollte er nicht selbst seiner Absicht im Wege stehen, seinen Bruder hinsichtlich des Mordes, des Grundes zum Mord, befragen zu können, was eine zuvörderst familiäre Angelegenheit war, fand erst. Niemand durfte ihm diese Möglichkeit verwehren.
Ernst Antwort war nicht gerade klug gewesen, denn dies weckte das Mißtrauen des Kriminaler um so mehr, welches in die Richtung des Verdachtes ausschlug, zwischen Krankenschwesters Tod, dem Bruder und dem Mediziner bestünde ein Zusammenhang.
„Im welchen Verhältnis zur Krankenschwester standen Sie?“
„Wir haben uns nach dem Unfall öfter besucht!“
„So? Nur besucht?“
Weil aber Ernst gegenüber dieser doch starke Gefühle hegte, die er kaum unter Kontrolle bekam, da er mit dieser Art von Emotionen in seinem Leben bislang kaum in Berührung gekommen war, verspürte er den Drang, Luft abzulassen und sagte schließlich: „Sie wollte mich verführen.“
„Zum Sex?“
„Ja!“
Mehr war aber nicht herauszubekommen. Das lag wohl auch daran, dass Ernst aus den Worten des Kriminaler einen negativen Klang zu vernehmen meinte. „Zum Sex!“ Er empfand ja deren Verhalten auch in dieser Richtung sehr, sehr negativ. Ernst verzog dazu automatisch angewidert den Mund.
„Und das war ihnen zuwider?“
„Ja!“ und Ernst bewegte den Kopf zur Seite, eine Geste, die seinen Abscheu vor dieser Sache untermalte.
Der Kriminaler fühlte sich auf der richtigen Fährte.
„Und sie wollten, konnten nicht?“
Bingo! Ernst Gesicht verzog sich noch mehr, zu einer derart verzerrten Gestik, als müsse er sich sogleich erbrechen und übergeben.
"Kann man sagen, sie wollte sie vergewaltigen?"
"Ja!" Es erfolgte spontan.
„Haben Sie sie deswegen umgebracht?“
Ernst kapierte, dass er zu weit gegangen war.
"Nein, eigentlich vergewaltigen kann man auch nicht sagen. Halt verführen!"
"Hm!"
"Und das ist ihr nicht gelungen!"
„Weil Sie sie getötet haben!"
Er brachte es nur mit Mühe heraus, dass seine Stimme leise und ruhig blieb: „Herr Kommissar, ich muss doch sehr bitten!“, und energisch verschränkte Ernst die Hände vor der Brust und lehnte sich in Abwehrhaltung zurück.
Der Kriminaler sah, er war zu weit gegangen, viel zu weit. Die Fragerichtung mit der Unterstellung war saublöd und falsch gewesen, denn dafür gab es nicht den geringsten Anhaltspunkt.
Nur, warum bereitete ihm nur sein Knie ständig Schmerzen?

Nun, da Ernst zugegeben hatte, dass er bei der Krankenschwester gewesen und in fast intimsten Kontakt mit ihr verkehrt war, deckten sich Spuren damit, die gefunden wurden, die aber nicht als Indiz für einen Mord gelten konnten. Da keine Spuren eines Gewaltaktes und Fremdverschuldens zu finden waren, schien sich die Tode auch nicht gegen einen vermeintlichen Mörder gewehrt zu haben.
Auf dieser spurenerkenntlichen Ebene war also die Todesursache nicht aufzuklären.
Die medizinische Ebene offenbarte nur einen Tod durch Atemnot, denn die Krankenschwester war erstickt; was auch nicht unbedingt auf einen Mord hinwies. Vielleicht hatte einfach ihr Herz versagt, befand sie sich doch nach der Entführung in einem extrem gestressten Zustand, da man ihr, wie der Hauptkommissar erfahren hatte, sehr übel mitgespielt, ja, vergewaltigt hatte.
Posttraumatische Störung mit Todesfolgen!?
Da da das alles nicht oder noch nicht klar war, durfte auch Ernst wieder unbehelligt nach Hause.

Bei diesem reifte allmählich die Erkenntnis, dass, kämen die wahren Umstände des gewaltsamen Todes heraus, was nur eine Frage der Zeit war, würde auch sein Bruder schwer belastet werden.
Er und sein Bruder.
Hm, sagte er sich, vorgeben, er habe sich nur so heimlich bei seinem Bruder informiert über die Möglichkeit, jemanden auf diese Weise zu töten, kurzum, damit belastete er sich und nahm die Schuld allein auf sich, so dass sein Bruder aus dem Schneider wäre. Herauskäme, dass er als der Alleinverursacher, als der Mörder ohne Helfer dastünde.
Nun, entscheidend war, dass dann der Ruf der Familie geschützt war und dieser war sakrosankt, war das Wichtigste in seinem Leben und auf dieser Welt – von dieser war auch seine politische Karriere abhängig.
Einfach alles hing für ihn davon ab.
Jedenfalls konnte er seine politische Karriere vergessen.
So oder so.
Aber immerhin konnte er sich noch zum Helden machen. Das Opfer der Familie konnte er werden. Märtyrer wie die Kirchenheiligen, sozusagen.
Diese Vorstellung von der Übernahme der Alleinschuld begann ihm immer mehr zu schmecken.
Ihm würde nur blühen, wegen Gemeingefährlichkeit in die Psychiatrie eingeliefert zu werden.
Aber die Familie würde gerettet werden.
Denn, was bedeutete er schon ohne dieser?
Ein kleiner Systemfehler, mehr nicht. Die Biologie spielt halt manchmal verrückt, dachten bestimmt viele, und er sei die Ausnahme von der Regel. Manchmal ist das halt so!
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pentz
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BeitragVerfasst am: 25.04.2022 13:55    Titel: 23. Gelegenheit macht Mörder... Antworten mit Zitat

Der Polizistenneffe traf Ernst nicht mehr in seinem Appartement an. Er musste leider zum Dienst, so dass er ihm nicht gleich hinterherfahren konnte, um ihn in seinem Elternhaus anzutreffen. Aber morgen war der Kunstgewerbemarkt im Ort, wo er ihn schon finden würde, zwar schwierig, ihn dann im Trubel zu entdecken, aber, was denke ich, dachte er, spätestens spätnachmittag löste sich dieser auf, wenn die Leute wieder nach Hause fahren würden.
Ernst war in seinem Elternhaus zu Besuch, sein Bruder in seinem Familienhaus, welches nicht das des vom Griechen gemietete war und all den Unbill verursacht und losgetreten hatte. Er war ein liebe- und treusorgender Familienvater, der sich um seine Familie kümmerte an Wochenenden, an Fest- und Feiertagen und Ereignissen wie diesen heute. Nach dem Pflichtgang durch den Markt mit seiner Familie beabsichtigte er allein loszuziehen. Darauf freute er sich schon, würde er doch den ein oder anderen Bekannten treffen, mal beim Stammtisch des Gasthaus Krone vorbeischauen und bei der ein oder anderen Tante einen Blick reinwerfen. Die Aussicht auf ein, zwei oder drei heißen Glühwein wärmte ihn jetzt schon, zumal der Haussegen ziemlich schief hing. Die Gemahlin war noch immer stinksauer und sprach kein Wort mehr mit ihm, wenn es nicht nötig war.
Auch Ernst war natürlich auf dem Markt unterwegs in der Hoffnung, auf seinen Bruder zu stoßen. Ihn dann begleiten, wie es sich gehört zwischen Brüdern, eine Gelegenheit abwarten, wo er ihn befragen konnte, was so erbärmlich heiß auf seiner Seele brannte: warum die Krankenschwester eigentlich hatte sterben müssen? Ob das notwendig gewesen wäre?
War es notwendig gewesen?
Warum hatte aber hattest Du mit der Krankenschwester ein Verhältnis gehabt? musste sie deswegen sterben, weil dies mit der Entführung ans Tageslicht gekommen war?
Warum hast Du in einem Porno in solch herausragender Rolle mitgespielt und und und...
Tatsächlich traf er seinen Bruder, mit dem er dann zum Familiengrab auf dem Friedhof ging. Einige der umliegenden Nachbarn waren namensgleich. Mit gesenkten Oberkörper verbeugte man sich beim Beten. Jeder jeweils murmelte das Gebet laut vernehmlich herunter, synchron. Ebenso machten sie zeitgleich ein Kreuz über der Brust und sie wandten sich ab.
Erst außerhalb des Friedhofs schien Ernst pietätvollerweise der Ort und der Zeitpunkt gekommen, seinen Bruder zur Rede zu stellen.
„Weißt Du schon, die Krankenschwester...“
„Ja!“, sagte der Bruder, rückte seine Sonnenbrille etwas zurecht und wendete den Kopf zur Sonne. Trotz tiefstem, kühlem Herbst schien die Sonne blank vom stahlblauem Himmel. „Ach, wie schön es doch ist zu leben." Atmende Menschen stießen weiße Fahnen aus, die von weitem sicht- und erkennbar waren. Gut für Spione, die hinter nahen modrig-stinkenden, laubgelb-braun-roten Kastanienbäumen lauerten und die beiden beobachteten, aber nicht hören konnten, was sie redeten. Das war aber nicht entscheidend.
„Brüderchen!“, sagte der Arzt. „Ich kann mir vorstellen, wie Du Dich fühlst. Aber ich sag Dir eins: es hat sein müssen. Glaub mir!“ Er fühlte sich also so gut und so sicher, dass er fand, sich nicht noch einmal zu wiederholen und die ganze Argumente erneut aufzuzählen. Aber er blieb stehen, legte die Arme auf Ernst Schultern: „Aber ich danke Dir dafür, was Du getan hast. Ich danke Dir sehr!“
Ernst war natürlich geschmeichelt, so ein unverhohlenes Lob von seinem Bruder zu bekommen.
Nach einer Weile des Weitergehens jedoch war es ihm doch nicht genug. Mochte auch alles zum Wohle der Familie geschehen und so unhinterfragbar sein, so waren doch da seine Gefühle, die im Innern rumorten wie ein kurz vorm Ausbruch stehender Vulkan.
„Nun aber...“, setzte er an, aber sein Bruder stieß einen Laut aus, der ihm gebot zu schweigen. Dabei blieben sie stehen und jener begann zu sagen: „Hör mal Ernst. Ich erzähl Dir jetzt mal einen Witz.“ Und das machte er auch. Daraufhin musste Ernst so stark schlucken, dass ihm für lange Zeit, für etliche Minuten, die Stimme versagte und außerstande war, noch etwas zu sagen.
„Kommt ein Patient zum Arzt und fragt: Was ist nun das Ergebnis Ihrer Untersuchung von letzter Woche? Der Arzt sagt: zunächst die schlechte Nachricht. Sie sind unheilbar krank und leben nur noch wenige Wochen. Der Patient, ganz aufgeregt, fragt: und die gute Nachricht? Der Arzt zeigt aus dem offenen Zimmer: sehen Sie die Arzthelferin dort? Ja, sagt der Patient. Die gute Nachricht ist, dass ich die gestern gefickt habe.“

Ernst war perplex und musste erst einmal diesen Witz verdauen. Dann wurde er wieder sehr schnell schlecht drauf, richtig niedergeschlagen. Was sollte er machen, wenn ihm diese Fragen quälten, worauf sein Bruder keine Antworten liefern wollte oder konnte?
Sie erreichten nun die Bude der freiwilligen Orts-Feuerwehr. Beide wurden freudig empfangen. Jeder bestellte einen Glühwein, auch Ernst, weil es so erwartet wurde von lauter guten Bekannten.
Ernst ließ es sich zwar nicht nehmen, die Zeche zu bezahlen und sich auch einen Becher voll dampfenden Rotweins mit Nelken und Zimt zu reichen, kehrte dann aber dem Stand den Rücken zu, wartete, bis sein Bruder seinen ausgeleert und ausgetrunken hatte und drückte ihm dann aufdrängelnd  seinen regelrecht in die Hände, ein bißchen mit der Rechtfertigung seines Asketentums, denn so puritanisch hätte er auch nicht sein müssen: „Du weißt doch, Alkohol und Medikamente!“
Das Wort „Gift“ vermieden beide wohlwissend. Der Bruder nickte wissend und ließ sich den zweiten Becher nicht entgehen.
Ein anderer Kumpel schenkte schon ein: „Das geht auf Kosten des Hauses!“, wobei er dazu feist lachte. Das Haus war nur ein Brettergestell, wennzwar robust, aber liebevoll geschmückt. Unweit davon war inmitten eines großen Platzes ein großes Feuer, ein Holzfeuer mit einem Eisenofen inmitten desselben, auf das dann die Brüder zugingen.
„War das Deine Freundin? Äh, ich meine, habt ihr miteinander geschlafen.“
Sein Bruder war bester Laune, schaute ihn nicht einmal an, als er sagte: „Was denkst Du? Händchengehalten?“
Sie trafen Bekannte. Diese hatten einige Flaschen Wein in der Hand, die sie großzügig in weiße Plastikbecher füllten und verteilten. Davon bekamen auch die Brüder etwas ab. Das Feuer züngelte, war aber beileibe nicht warm genug.
Danach lösten sich die Brüder wieder und gingen ziellos weiter.
„In dem Film, den ich gesehen habe, diesem Video, spielst Du auch mit und die Frau, die Frau, war das die Hilde?“
Sein Bruder wandte sich ihm abrupt zu: „Ernst, laß Dir eins gesagt sein. Es musste sein, diese Frau war gefährlich, sie war ein Erpresserin, eine wie die Ganoven, die uns entführt haben.“
„Was, steckte sie mit diesen unter einer Decke?“
Der Bruder, noch mehr genervt: „Das zwar nicht. Sie hat ihr eignes Ding gedreht, nämlich nach der Entführung.“
„Als die Ganoven schon tot waren?“
„Genau.“
„Hat sie Geld von Dir erpressen wollen?“
„Das nicht, aber meine Ehe zerstören wollen!“ Das stimmte haargenau. Und für Ernst war das ja auch bislang ein nicht hinterfragbares Argument gewesen, diese Person unschädlich zu machen. Aber wie passte dies mit dem Porno zusammen, wo er und sie zusammen...?
Gezwungen wird sie ihm wohl nicht haben, mit ihr zu bumsen. Das kann keine Erpressung erzwingen. Es scheint ihm doch so, als ob sein Bruder dies freiwillig getan hätte. Aber dies passte nicht zum Bild von seinem Bruder: der und ein schamloser Sexaktivist, oder Pornoschauspieler, oder wie immer man solche Personen titulieren musste? - nein! Irgendetwas stimmte da nicht. Logisch war nur, dass er gerne mit der Krankenschwester diese Schweinereien gemacht hat und dann, dann hieß dies, dass er seine Ehefrau betrogen hat, da mit den Ruf der Familie gefährdet hat und all das...
Und dafür nun hatte er das Leben eines Menschen ausgelöscht, der ihm sympathisch und gut gegen ihn gewesen war, auch wenn es eine Frau war. Von denen hatte er bis zu dieser Krankenschwester keine gute Meinung gehabt. (Freilich, so wie er erzogen war und daran war seine Erziehung schuldig, aber das hatte er noch nicht verstanden und reflektiert.)
Allmählich wird es Ernst wieder schummlig zumute, einerseits das Unrecht, diese Person auf diese Art und Weise bestraft zu haben, allein hat sie letztlich nicht die Familie bekämpft und in Gefahr gebracht, da ist der Bruder schon ein stückweit mit schuld. Andererseits seine warmherzigen Gefühle zu dieser, wenn er an sie dachte. Das brachte Ernst furchtbar durcheinander.
Jetzt kamen sie zum Seniorenheim der Stadt, einem Haus, in dem in einem kleinen Saal, im Speisesaal ältere Damen und Herren versammelt waren und darauf warteten, von Bekannten und Verwandten besucht zu werden. Die Tante begrüßte erst ihre Neffen freudig, als sie sich nach einigen intensiven Outungen als solche zu erkennen gaben und geben mussten. Sie war ja schon über 90, also was wunder.
Auch hier gab es wieder Alkohol zu trinken.
Ein dichtes Gedränge am Tag der offenen Tür dieses Hauses ging durch diesen Saal und in die umliegenden Zimmer, dazwischen eine misstrauisch um sich blickende Gestalt.
Nach einiger Zeit Herumsitzen und Trinken, die Tante war auch nicht mehr ganz bei Trost und nicht gerade die eloquenteste, charmanteste und schlagfertigste Gastgebern so gesehen, gingen die Brüder wieder und weiter den Kirchberg hinauf, der danach wieder nach unten und ans andere Ende der kleinen Stadt führen würde.
Diesen Weg drängte es Ernst zu gehen, zwar planlos, aber dieser Berg hatte irgendetwas Verlockendes. Mal sehen, was und wofür?
Oben angekommen verschnauften sie sich und blickten auf die rot-grün-umbrabraunen Dächer der fränkischen Kleinstadt herab, die sich vor ihnen ausbreiteten. In diesem Anblick vertieft begann Ernst plötzlich wieder die wohltuende Körperwärme der Krankenschwester zu empfinden. Freilich fühlte es sich nur in seiner Erinnerung so wohl an. Aber dafür eindeutig, was es ehemals nicht und nur mit zwiespältigen Gefühlen einhergegangen war. Nun aber übermannte ihn die Sehnsucht.
Er schaute seinen Bruder haßerfüllt von der Seite an, weil ihm so schmerzhaft bewußt wurde, was ihm dieser genommen und weggenommen hatte.
Der Kirchenbereich war mit einer knapp über einen Meter hohen Mauer umgeben. Es könnte klappen, dachte er, als er seinen Bruder so dicht davorstehen sah, wenn er ihn von hinten mit Anlauf, starkem Druck, vielleicht an den Beinen hoch gehievt darüber hinweg stoßen würde. Er würde darüber hinweg geschleudert werden, ja.
Danach würde es wie ein simpler Unfall aussehen.
Sofern niemand Zeuge war.
Ein Windstoß fegte jetzt über die Anhöhe hinweg, so dass Ernst Haare wie vom Blitz getroffen aufgewühlt zu Berge standen. Sein Körper wankte leicht; vielleicht wegen der möglichen Aussicht, die sich ihm hier bieten würde. In der hereinbrechenden Dämmerung war aber der Versuch, sich richtig umzuschauen und die Möglichkeiten abzuklopfen, sehr unsicher.
Etwas weiter weg schienen noch andere Leute in diesem Kirchhofbereich sich aufzuhalten, aber viele schienen es nicht zu sein.
Eine günstige Gelegenheit, Mann!
Ist es dort ein Funkeln zweier beobachtender Augen?
Aber das könnten auch Katzen sein.
Die Straßenlaterne an einer Ecke dort verbreitete einen derart trüben Lichtschein, dass selbst dieses Funkeln Einbildung sein könnte. Es war einfach zu wenig hell, um abzusehen, wer alles von wo hierher schauen konnte, entschied Ernst.
Dann blickte er in die Tiefe des Berges hinunter.
Die Aussicht war reizvoll. Es würde wie ein simpler Unfall aussehen. Ein zufälliger, glatter Genickbruch, nicht ausgeschlossen aus dieser Höhe. Aber leider nicht zwingend. Genauso gut hätte der Unglückrabe auch mit ein paar bösen Prellungen davonkommen können.
Nein, das war zu unsicher.
Dann lieber die Giftspritze, die in seiner Jackentasche ruhte mitsamt dem Giftfläschchen. Zu dieser Tat brauchte er allerdings eine gewisse Vorbereitungszeit, auch einen abgeschotteten Raum. Vielleicht ein verschließbares Klo. Ein solches bot sich leider momentan nicht, soweit er sehen konnte.
Also weitergehen.
Wo war hier ein Plastikklo zum Beispiel?
Man hatte aber einen Art Bauwagen in funktionierende Toiletten umgebaut nahe einer weiteren Feuerstelle, die man mit dicken, breiten Holzscheiten und abgrenzenden, großen Gesteinsbrocken errichtet hatte. Das Feuer loderte verheißungsvoll, da die ersten Holzscheite bereits auseinanderbrachen; Funken sprühten und große, züngelnde Flammen schossen empor; bläuliche und bernsteinfarbige Enden der Flammen loderten in den Augen von Leuten, die in einem großen Gedränge herumstanden.
Natürlich wurde der Bruder wieder einmal mit einem großen Hallo dort hingelockt. Ernst dachte, dass sich da im dichten Gedränge vielleicht die Möglichkeit ergab, seinem Bruder einen Spritze zu setzen.
Schnell sagte er zu seinem Bruder: „Du, ich muss mal!“, wobei jener dies nur mit einer jovialen Geste der Zustimmung beantwortete und sich nicht davon abhalten ließ, in sein Glück zu stolpern oder Pech, was sich noch herausstellen sollte.
Allerdings würde dies von einem düster dreinblickenden Fremden mitverfolgt werden, der so fremd nicht war. Sehr bekannt sogar. Wenngleich er so tat, als sei er fremd und nichtexistent.
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pentz
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BeitragVerfasst am: 29.04.2022 13:49    Titel: 24. Schrecken ohne Ende... Antworten mit Zitat

Hin- und hergeschwenkt werden Becher voll Bier mit schwungvollen Armen. Ernst tritt hinzu und aus einem Becher Bier kommt ihm einen Gischt entgegengezischt. Er weicht davor zurück, stößt hinter sich gegen jemanden und spritzt sich die Spritze in seinen dicken, wollenen Wärmeschutz. Glück gehabt, dass nicht in seinen eigenen Körper gestochen!
Man beschwichtigte Ernst wegen des kleinen Malheurs, das da nur zu sein schien Flicken am Anorak und er tat auch so, als sei es nicht weiter erwähnenswert, musste natürlich zurück aufs Klo, um sich zu waschen und die unberechenbare Flüssigkeit aus dem Stoff zu bürsten. Noch einmal eine Dosis Gift aufzuziehen, kam hier nicht in Frage. Er musste auf eine bessere Gelegenheit warten.

Danach gingen die Brüder zu den wahren Künstlern, die Ateliers gemietet hatten. Eigentlich waren diese Räume nur ehemalige Hopfen-, Getreide oder Obstkeller mit meist einer durch einen mittelalterlichen Eisenriegel verschlossenen höchstens zwei Quadratmeter großen Tür vor einer Luke zur Straße, in der hinein eine Stiege oder Rutsche ein paar Meter hinunterführte, auf der einst die Lebensmittel hinuntergerollt, gestoßen und geschubst wurden, als es noch eine florierende Landwirtschaftskultur gegeben hatte. Die dunklen Katakomben waren von Steinmetzen, Holzplastik-Modellatoren oder sonstigen nicht genau zu definierenden Künstlern besetzt.
Die Brüder gingen über den Haupteingang des kleinen Familienhauses via zwei Treppen nach oben in einen Flur hinein, von dem aus es über schmale, sehr eng gewundene Stufen in einen düsteren Keller hinunterging. Ein beklemmendes Gefühl entstand durch die niedrig herabhängenden Decken, dies so alt waren wie die Zeiten, als Menschen nicht größer als 160 Zentimeter maßen. In den düsteren Ecken standen zwar brennende Kerzen, Laternen oder Lampions, um den Raum etwas zu erhellen, aber dennoch war es überall duster und dunkel, zudem wegen mangelnder Zugig- und Luftigkeit bedrückend  dumpf gleich Lochgefängnissen und Folterkammern. Die Wände und Böden waren bestellt mit undefinierbaren Plastikfiguren, Wesen und Gebilden wie Gnomen, Wurzelzwergen, Hexen, Riesen, Krüppeln, buckligen Alten und verformten Behinderten, Einäugigen und Zyklopen, Golems, Wolperdinger, was aus auch immer Erdenklich- und Formbarem. Ein Künstler bearbeitete gerade einen klobigen Holzklotz auf einen dicken, breiten Holzpodest, so dass es krachte, sprühte und die Späne durch den Raum segelten. Drumherum standen Väter und Mütter mit ihren Kindern und staunten sich Bauklötze aus den Augen.
Der Arzt war wohl schon so angeheitert, dass er gleichfalls fasziniert von dem Budenzauber in Bann geschlagen war. Ernst stattdessen sah bedrohliche Schatten an den Wänden flimmern, die die kleinen, schwachen Flammen der Lampions und Kerzen warfen, aber eine umso größere, stärkere Wirkung auf sein Gemüt aussendeten. Ein Gefühl der Angst schnürte ihm die Kehle zu vor diesen Monstern, urigen Wesen und Gespenstern mit verkrümmten Händen, Nasen und Beinen, die ein Schauspiel vollführten, die Ernst einen Schauder über den Rücken sendeten.
Um sich loszueisen und keine Widerrede zuzulassen, entschuldigte er sich schnell von seinem Bruder und rannte die Treppe zurück in die Parterrewohnung hinauf, in der er richtig einen frei zugänglichen Kloraum benutzen konnte.
Im diesem erholte er sich nach wenigen Sekunden wieder, fühlte sich bald wieder so gestärkt, dass er meinte, dass er es noch einmal versuchen könne, den Urheber seiner Qual, seiner vergeblichen schmerzhaften Sehnsucht nach Hilde, auszuschalten. So zapfte er die letzten Gifttropfen aus dem Glasbehälter, machte den Wassertropfentest, verbarg die Kanüle unter seinem offenen Winteranorak und ging wieder nach unten, wo sein Bruder nicht mehr dort stand.
Ernst blickte sich panisch um, um ihn sonstwo hier unten zu entdecken – vergebens. Dann sprang er hektisch wieder die Treppe nach oben, aus der Tür und ins Freie der engen Kopfsteinpflaster-Gasse. Dort sah er seinen Bruder, der sich mit einem Bekannten unterhielt.
„Suchst Du mich?“
„Ja!“
„Sorry, ich habe es nicht länger im dunklen Keller ausgehalten. Ich musste die Flucht ergreifen, wie ich mich gefürchtet habe.“ Die umstehende Mischpoke lachte darüber, weil sie meinten, dies sei ein Scherz extra für die Kleinen.
Der Arzt ergriff in diesem Tumult des Lachens die Gelegenheit, seinen Bruder schnell ins Ohr zu flüstern: „Das hat mich an meine Gefangenschaft erinnert. Du weißt schon, dies mit der Halskrause und so.“
Ernst nickte verständnisvoll dazu.
Er fühlte so starkes Mitleid mit seinem Bruder, dass es ihm unmöglich war, ihn jetzt zu attackieren. Er freute sich stattdessen richtiggehend mit ihm, dass er so beliebt war bei anderen Menschen. Nur am Rande zählte das Kalkül, dass es ohnehin schwierig werden würde, ihn in dieser Gesellschaft klammheimlich und unbemerkt mit der Spritze zu attackieren. Nein, sein Mitgefühl hatte überhand und er lachte mit allen feist zu dem kleinen Späßchen, das sich sein Bruder geleistet hatte.
Dabei steckte er sich die Spritze in die untere, linke, innere Jackentasche, wobei sie etwas über die Schließlasche hinausreichte. Gefährlich, aber nicht zu ändern unter diesen Umständen. Hauptsache aber, dass sie verdeckt war und nach außen nicht erkenntlich.

Dann kamen sie an einen Stand vorbei, der des örtlichen Nähclubs, wo ihre Cousine Präsidentin ist.
„Kommt doch mal beide her!“, winkt sie ihnen zu.
Neben der Cousine sitzen reihum ein Dutzend Hausfrauen mit umgebundenen Küchenschürzen, wozu, wissen nur sie selbst. Schließlich repräsentieren sie keine Küchenutensilien oder dergleichen.
Sowie die beiden herangetreten sind, kommt schon die Cousine mit einem Meterband vor sich hin gestreckt auf Ernst zu und legte sie ihm um die Taille: „Ernst, Du kriegst von mir eine tolle Hose genäht!“ Mit Ernst konnte man so etwas machen, ihn einfach so ungefragt eine Hose verpassen, mit ihm konnte man immer Spaß machen und so wusste man nicht zu sagen, ob sie dies ernst meinte oder aus Gaudi tat.
„Leg mal Deine Jacke ab und probier mal diese Hose an!“
Ernst legte seine Jacke ab, legte sie sorgfältig in zwei Doppelhälften übereinander, wie man solch ein Kleidungsstück über einen Arm hängen würde beim Promenieren oder in der Oper.
„Halt mal!“, sagte er zu seinem Bruder. Dieser nahm sie entgegen.
Nun lachten alle Umsitzenden freudig und erwartungsfroh, besonders die auf den Stühlen sitzenden Frauen giggelten wie die aufgescheuchten Hühner. Ernst bekam die breite Hose überreicht, die er sich hinter einem Paravent der Bude anzog. Als er zurückkam, legte die Cousine mit Nadeln und Maßband einen Schnitt an die weite Hose.
„So, damit die Hosen passt. Ich bin jetzt fertig, Ernst.“
Ernst, überrascht von allem, stand einfach untätig herum und wusste nicht, was tun.
„Jetzt, Ernst, jetzt kannst Du Dich wieder umziehen.“ Und alle Anwesenden lachten wieder, ein bißchen hämisch, schien es, ob Ernst Tollpatschigkeit und Nicht-wissen-was-tun-sollen.
„In ein paar Tagen komm ich zu Euch nach Haus mit der neuen Hose. Wirst sehen, dies wird eine Überraschung werden.“ Und die Damen klatschten sogar über diese frohe Botschaft. „Ernst, da wirst Du Augen machen!“
Ernst, wie immer lieb, nett und gefügig, sagte: „Ja, Cousine, ich freu mich schon!“, und wandte sich seinem Bruder zu, der ihm wieder seine Kleidungssachen reichen wollte. Da das Lachen aber etliche Leute angezogen hatte, gab es plötzlich ein Gedränge, so dass sich der Bruder gegen Ernst stemmen musste, sich fast festhalten, um nicht umgestoßen zu werden. Unglücklicherweise fand  dabei die Spritze ihren Weg in Ernsts Hand hinein, welche dabei abbrach und zu Boden fiel.
Der Tumult war so stark und laut, dass der Arzt nichts merkte, sein Bruder fast auch nichts spürte, nur einen kleinen Stichschmerz. Dann konnten sich beide abseits der Nähbude in Sicherheit bringen und Ernst sich Pullover und Winterjacke anziehen.
Dann gingen sie weiter.
Einem jedoch war voriger Vorfall nicht entgangen und dieser hob nun den auf dem Boden liegenden Gegenstand auf, inspizierte diesen von links nach rechts, oben nach unten, konnte sich natürlich keinen Reim darauf bilden, roch daran, was ihm auch nicht weiterbrachte, da er keine Fachmann war, um den leicht ätzenden Geruch zuzuordnen und so steckte er ihn sich in die Seitentasche und folgte wieder den Brüdern.  
Ernst fühlte sich schlecht, schlechter und immer schlechter, verkrampfte sich immer wieder, wand sich vor Schmerzen und lag plötzlich auf dem Boden. Sein Bruder beugte sich über ihn, um ihn dem Puls, der rasend hämmerte, abzutasten. Er ahnte, was sich da tat, konnte aber jetzt in dieser Situation auf offener Straße kaum etwas machen.
Hinter ihm erschien plötzlich das vor Wut funkelte Gesicht des Polizistenneffe.
„Was hast Du gemacht?“
„Ruf jemand schnell den Notdienst, los!“, rief der Arzt voll der Panik. Der Polizist durchbohrt mit seinem argwöhnischen Blick Arzt und Patienten.
Was geht hier vor?
Ist es schon zu spät?
Es schien schon zu spät zu sein.
Ernst krümmte sich vor Schmerzen auf dem Boden.
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Kojote
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BeitragVerfasst am: 29.04.2022 14:18    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Hin- und hergeschwenkt werden Becher voll Bier mit schwungvollen Armen.


Glückwunsch, so schnell hast du mich als Leser noch nie vergrault.

1. Der auffälligste Fehler und mit gewisser Belustigung zu lesen: In dieser Formulierung bedeutet dein erster Satz ja, dass die „Becher“ mit Bier und schwungvollen Armen gefüllt sind. (Bild, geh aus meinem Kopf …)
2. Bier wird in Krügen oder Humpen serviert. Nicht Bechern.
3. Die Wortfolge ist widernatürlich, und zwar sowas von.
4. Wozu der Passiv? Genau so gut könntest du schreiben: Ich betrete den Raum und meinem Chef wird von mir ein guter Tag gewünscht.

Die obligatorische Frage, was dieses „Binge Writing“ eigentlich soll, erspare ich mir diesmal, die letzten zehn Male habe ich von dir auch schon keine Antwort bekommen.

Eine Frage, die sich hingegen sehr dringlich stellt ist, warum du das hier unter „Trash“ postest.
Liegt es daran, dass dir bewusst ist, dass im Werkstatt- oder gar Feedback-Bereich andere Maßstäbe zur Anwendung kommen? Tun sie eigentlich gar nicht, denn auch im Trash-Bereich gibt es qualitative Hürden. Trash sollte unterhaltsam sein. Trash sollte ein gewisses Niveau haben. Beides vermisse ich. Das Etikett „Trash“ ist kein Freibrief, das Forum mit – entschuldige – halbgaren Texten vollzuschütten.

Deine Denkweise, Schweigen als Applaus zu interpretieren, ist den Foristi hier schon längst bekannt. Nun, nobody is perfect. Aber nobody sollte sich bewusst sein, dass er not perfect ist.

Und da du ja immer nach konstruktiver Kritik begehrst, gebe ich dir hier einen wirklich gut gemeinten Ratschlag an die Hand:

Gehe auf Start.
Gehe nicht ins Gefängnis.
Ziehe keine 200M ein.

Soll heißen: Mach dich frei von dem Gedanken, deine Texte seien marktreif. Du hast viel zu lernen. Nein, das ist nicht als Geringschätzung gemeint und du darfst auch gern wieder Wortspiele mit meinem Nicknamen anstellen – wie du beliebst. Hier im Forum gibt es Myriaden an Impulsen und Ratschlägen, wie man das Handwerk des Schreibens erlernt.

Sieh dich dort um, verinnerliche die Regeln, übe viel, mehr, und noch mehr. Und wenn eine Reaktion nicht himmelhoch jauchzend ausfällt, dann versuche nicht, nur noch extra mehr hinterherzuschieben. Nimm Kritik endlich einmal an und reagiere nicht beleidigt.

Hoffe, dir geholfen zu haben.

LG
Kojote


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"Doobedoobedoo." (Frank Sinatra)
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HansGlogger
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BeitragVerfasst am: 30.04.2022 11:08    Titel: Antworten mit Zitat

Werter Kojote

hättest Du weiter gelesen, wären Dir Sätze wie

Zitat:
Ernst tritt hinzu und aus einem Becher Bier kommt ihm einen Gischt entgegengezischt. Er weicht davor zurück, stößt hinter sich gegen jemanden und spritzt sich die Spritze in seinen dicken, wollenen Wärmeschutz. Glück gehabt, dass nicht in seinen eigenen Körper gestochen!



nicht entgangen geworden.

Inzwischen halte ich es für möglich, dass diese Texte Kunstprojekte sind, so etwas in Richtung Dadaismus.
Die Welt ist absurd und taumelt dem Untergang entgegen. Warum das Orchester sein, das auf der Titanic noch exakt nach Noten spielt?
Warum beim Schreiben sich noch an Regeln halten, die von arbeitslosen Germanist*Innen in VHS-Kursen "creative writing" frustrierten Hausmänner*Innen beigebracht werden?

Nicht meine Haltung, aber vielleicht die hinter den Texten in diesem Projekt.

Wie dem auch sei. Mache die Probe aufs Exempel: Versuche so einen Text zu verfassen, dass er echt klingt, nicht wie eine Parodie auf sie. Ich weiß, dass ich das nicht könnte.
Allein schon "der Polizistenneffe" in den vorherigen Folgen. So etwas muss einem erst mal einfallen. Jeder konventionelle Autor hätte geschrieben:
Ottokar, der Neffe des Polizisten,...
und fortan Ottokar verwendet.

Damit will ich nicht sagen, dass ich je eine Folge der Texte zu Ende gelesen hätte. Dieser Dadaismus ist, wenn es denn einer ist, nicht mein Genre, nicht meine Welt, nicht meine Haltung.
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pentz
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BeitragVerfasst am: 30.04.2022 11:36    Titel: Jetzt wollen Zwerge Riesen werden... Antworten mit Zitat

hallo Literaturgoggel,

das ist etwas dran, was Du sagst, wenngleich ich mir nicht sicher bin, was Du damit meinst. aber Du mußt aufpassen, daß Dich nicht der Drachen verschlingt, den Du bekämpfst: "...hättest Du weiter gelesen, hättest Du Sätze wie ... nicht entgangen geworden."
Nächstes Beispiel: "Warum (nicht) das Orchester..." Hier muß ein "nicht" rein.
So, ich lese lieber mal nicht weiter, sonst mache ich mir die Hände schmutzig.

Mit Verlaub, wer andere für blöd hält und sich blöder stellt, ist saupeinlich. Wer zudem Feindbilder braucht, kann einem nur leid tun. Auch Germanisten und Menschen, die schreiben wollen, sind ernstzunehmen oder bist Du der Literaturgott persönlich?
Und dann am Schluß: ich will damit nicht sagen, daß... - nö, nö, Du hast überhaupt nichts von dem gelesen, damit Du umso besser kritisieren kannst, wobei Du Dich dabei selbst aufspießt.


Aber nichtsdestotrotz, Deine Einwände sind ernstzunehmen: dies mit "Ottokar" und Otto oder so ist gut, nur ist "Ottokar" norddt, zumindest mitnichten oberdeutsch. Könntest Du mir einen besseren Vorschlag machen, der auch ins katholische Milieu, in dem der Roman spielt, passt? Aber einen, der meinen Ansprüchen entspricht: daß jedes Wort polyvalent sein muß.

Nix für ungut und halt Dich am besten von schlechter Literatur fern, denn sie könnte bei Dir abfärben - lach.
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HansGlogger
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BeitragVerfasst am: 30.04.2022 17:27    Titel: Antworten mit Zitat

werter Pentz
ich lese Deine Texte als gelungenen Dada.
Ich nehme Dir nicht ab, dass Du nicht weißt, was Dadaismus ist (oder hättest nachschauen können) und deshalb meine Antwort so gut wie in allen Punkten falsch verstanden hast.

Um mich vor der Allgemeinheit vom Vorwurf der literarischen Überheblichkeit zu entlasten, zitierte ich aus Wikipedia

Zitat:
Dadaismus oder auch Dada war eine künstlerische und literarische Bewegung, die 1916 von [...] in Zürich begründet wurde und sich durch Ablehnung „konventioneller“ Kunst und Kunstformen [ ... ] und bürgerlicher Ideale auszeichnet.

Dadaismus ist nicht meine Richtung, was ist deutlich in meinem Beitrag sage und das ist auch der Grund, warum ich Deine Texte nicht zu Ende lese.

Und deshalb ist der Satz

Zitat:
Warum beim Schreiben sich noch an Regeln halten, die von arbeitslosen Germanist*Innen in VHS-Kursen "creative writing" frustrierten Hausmänner*Innen beigebracht werden?


nicht meine Haltung. Ich gebe sie wieder und unterstelle sie praktizierenden Dadaisten.

Zitat:
Mit Verlaub, wer andere für blöd hält und sich blöder stellt, ist saupeinlich.


Genau
Gruß und Schluß
Hans
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pentz
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BeitragVerfasst am: 30.04.2022 20:10    Titel: flieg vogel, flieg... Antworten mit Zitat

ansonsten sehe ich jemand, der sich zu weit aus dem fenster gelehnt hat und nun im freien fall sich befindet, aber nichtsdestotrotz mit den händen fuchtelt wie ein vogel mit seinen federn, obwohl er sehr wohl weiß, er kann so nicht fliegen...


(ich gestehe ja, daß ich mich oft mal "blöd" verhalte, indem ich so schwache rechtschreibfehler mache, aber lieber späne als nicht gehobelt)
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pentz
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BeitragVerfasst am: 02.05.2022 15:16    Titel: 24. Schrecken ohne Ende... Antworten mit Zitat

ist die Kritikhaftigkeit dieser Leser hier, aber ich habe es mal versucht zu verbessern.


Hin- und hergeschwenkt werden Becher, Humpen und Krüge voll Bier. Ernst tritt hinzu und aus einem Gefäß Bier kommt ihm zischend ein Schwall entgegenschwappt. Er weicht davor zurück, stößt hinter sich gegen jemanden und jagt sich die Spritze in seinen dicken, wollenen Wärmeschutz. Glück gehabt, dass deren Spitze nicht bis in seinen eigenen Körper hinein durchgedrungen ist.
Da er jedoch trotzdem etwas Flüssigkeit abbekommen hat, tröstet man Ernst allenthalten wegen dieses kleinen Malheurs. Da jedoch die Spritze im Anorakpolster steckte und nicht mehr herauszuziehen war in dieser seiner jetzigen Lage, stehend, meldete er an, er müsse unbedingt jetzt aufs Klo. Dort würde er sich waschen und die unberechenbare, leicht beizend riechende Flüssigkeit aus dem Stoff bürsten. Noch einmal eine Dosis Gift aufzuziehen, kam aber nicht in Frage. Er musste auf eine bessere Gelegenheit warten.

Danach gingen die Brüder zu den wahren Künstlern, die Ateliers gemietet hatten. Eigentlich waren diese Räume nur ehemalige Hopfen-, Getreide oder Obstkeller mit meist einer durch einen mittelalterlichen Eisenriegel verschlossenen höchstens zwei Quadratmeter großen Tür vor einer Luke zur Straße, in der hinein eine Stiege oder Rutsche ein paar Meter hinunterführte, auf der einst die Lebensmittel hinuntergerollt, gestoßen und geschubst wurden, als es noch eine florierende Landwirtschaftskultur gegeben hatte. Die dunklen Katakomben waren von Steinmetzen, Holzplastik-Modellatoren oder sonstigen nicht genau zu definierenden Künstlern besetzt.
Die Brüder gingen über den Haupteingang des kleinen Familienhauses via zwei Treppen nach oben in einen Flur hinein, von dem aus es über schmale, sehr eng gewundene Stufen in einen düsteren Keller hinunterging. Ein beklemmendes Gefühl entstand durch die niedrig herabhängenden Decken, dies so alt waren wie die Zeiten, als Menschen nicht größer als 160 Zentimeter maßen. In den düsteren Ecken standen zwar brennende Kerzen, Laternen oder Lampions, um den Raum etwas zu erhellen, aber dennoch war es überall duster und dunkel, zudem wegen mangelnder Zugig- und Luftigkeit bedrückend  dumpf gleich Lochgefängnissen und Folterkammern. Die Wände und Böden waren bestellt mit undefinierbaren Plastikfiguren, Wesen und Gebilden wie Gnomen, Wurzelzwergen, Hexen, Riesen, Krüppeln, buckligen Alten und verformten Behinderten, Einäugigen und Zyklopen, Golems, Wolperdinger, was aus auch immer Erdenklich- und Formbarem. Ein Künstler bearbeitete gerade einen klobigen Holzklotz auf einen dicken, breiten Holzpodest, so dass es krachte, sprühte und die Späne durch den Raum segelten. Drumherum standen Väter und Mütter mit ihren Kindern und staunten sich Bauklötze aus den Augen.
Der Arzt war wohl schon so angeheitert, dass er gleichfalls fasziniert von dem Budenzauber in Bann geschlagen war. Ernst stattdessen sah bedrohliche Schatten an den Wänden flimmern, die die kleinen, schwachen Flammen der Lampions und Kerzen warfen, aber eine umso größere, stärkere Wirkung auf sein Gemüt aussendeten. Ein Gefühl der Angst schnürte ihm die Kehle zu vor diesen Monstern, urigen Wesen und Gespenstern mit verkrümmten Händen, Nasen und Beinen, die ein Schauspiel vollführten, die Ernst einen Schauder über den Rücken sendeten.
Um sich loszueisen und keine Widerrede zuzulassen, entschuldigte er sich schnell von seinem Bruder und rannte die Treppe zurück in die Parterrewohnung hinauf, in der er richtig einen frei zugänglichen Kloraum benutzen konnte.
Im diesem erholte er sich nach wenigen Sekunden wieder, fühlte sich bald wieder so gestärkt, dass er meinte, dass er es noch einmal versuchen könne, den Urheber seiner Qual, seiner vergeblichen schmerzhaften Sehnsucht nach Hilde, auszuschalten. So zapfte er die letzten Gifttropfen aus dem Glasbehälter, machte den Wassertropfentest, verbarg die Kanüle unter seinem offenen Winteranorak und ging wieder nach unten, wo sein Bruder nicht mehr dort stand.
Ernst blickte sich panisch um, um ihn sonstwo hier unten zu entdecken – vergebens. Dann sprang er hektisch wieder die Treppe nach oben, aus der Tür und ins Freie der engen Kopfsteinpflaster-Gasse. Dort sah er seinen Bruder, der sich mit einem Bekannten unterhielt.
„Suchst Du mich?“
„Ja!“
„Sorry, ich habe es nicht länger im dunklen Keller ausgehalten. Ich musste die Flucht ergreifen, wie ich mich gefürchtet habe.“ Die umstehende Mischpoke lachte darüber, weil sie meinten, dies sei ein Scherz extra für die Kleinen.
Der Arzt ergriff in diesem Tumult des Lachens die Gelegenheit, seinen Bruder schnell ins Ohr zu flüstern: „Das hat mich an meine Gefangenschaft erinnert. Du weißt schon, dies mit der Halskrause und so.“
Ernst nickte verständnisvoll dazu.
Er fühlte so starkes Mitleid mit seinem Bruder, dass es ihm unmöglich war, ihn jetzt zu attackieren. Er freute sich stattdessen richtiggehend mit ihm, dass er so beliebt war bei anderen Menschen. Nur am Rande zählte das Kalkül, dass es ohnehin schwierig werden würde, ihn in dieser Gesellschaft klammheimlich und unbemerkt mit der Spritze zu attackieren. Nein, sein Mitgefühl hatte überhand und er lachte mit allen feist zu dem kleinen Späßchen, das sich sein Bruder geleistet hatte.
Dabei steckte er sich die Spritze in die untere, linke, innere Jackentasche, wobei sie etwas über die Schließlasche hinausreichte. Gefährlich, aber nicht zu ändern unter diesen Umständen. Hauptsache aber, dass sie verdeckt war und nach außen nicht erkenntlich.

Dann kamen sie an einen Stand vorbei, der des örtlichen Nähclubs, wo ihre Cousine Präsidentin ist.
„Kommt doch mal beide her!“, winkt sie ihnen zu.
Neben der Cousine sitzen reihum ein Dutzend Hausfrauen mit umgebundenen Küchenschürzen, wozu, wissen nur sie selbst. Schließlich repräsentieren sie keine Küchenutensilien oder dergleichen.
Sowie die beiden herangetreten sind, kommt schon die Cousine mit einem Meterband vor sich hin gestreckt auf Ernst zu und legte sie ihm um die Taille: „Ernst, Du kriegst von mir eine tolle Hose genäht!“ Mit Ernst konnte man so etwas machen, ihn einfach so ungefragt eine Hose verpassen, mit ihm konnte man immer Spaß machen und so wusste man nicht zu sagen, ob sie dies ernst meinte oder aus Gaudi tat.
„Leg mal Deine Jacke ab und probier mal diese Hose an!“
Ernst legte seine Jacke ab, legte sie sorgfältig in zwei Doppelhälften übereinander, wie man solch ein Kleidungsstück über einen Arm hängen würde beim Promenieren oder in der Oper.
„Halt mal!“, sagte er zu seinem Bruder. Dieser nahm sie entgegen.
Nun lachten alle Umsitzenden freudig und erwartungsfroh, besonders die auf den Stühlen sitzenden Frauen giggelten wie die aufgescheuchten Hühner. Ernst bekam die breite Hose überreicht, die er sich hinter einem Paravent der Bude anzog. Als er zurückkam, legte die Cousine mit Nadeln und Maßband einen Schnitt an die weite Hose.
„So, damit die Hosen passt. Ich bin jetzt fertig, Ernst.“
Ernst, überrascht von allem, stand einfach untätig herum und wusste nicht, was tun.
„Jetzt, Ernst, jetzt kannst Du Dich wieder umziehen.“ Und alle Anwesenden lachten wieder, ein bißchen hämisch, schien es, ob Ernst Tollpatschigkeit und Nicht-wissen-was-tun-sollen.
„In ein paar Tagen komm ich zu Euch nach Haus mit der neuen Hose. Wirst sehen, dies wird eine Überraschung werden.“ Und die Damen klatschten sogar über diese frohe Botschaft. „Ernst, da wirst Du Augen machen!“
Ernst, wie immer lieb, nett und gefügig, sagte: „Ja, Cousine, ich freu mich schon!“, und wandte sich seinem Bruder zu, der ihm wieder seine Kleidungssachen reichen wollte. Da das Lachen aber etliche Leute angezogen hatte, gab es plötzlich ein Gedränge, so dass sich der Bruder gegen Ernst stemmen musste, sich fast festhalten, um nicht umgestoßen zu werden. Unglücklicherweise fand  dabei die Spritze ihren Weg in Ernsts Hand hinein, welche dabei abbrach und zu Boden fiel.
Der Tumult war so stark und laut, dass der Arzt nichts merkte, sein Bruder fast auch nichts spürte, nur einen kleinen Stichschmerz. Dann konnten sich beide abseits der Nähbude in Sicherheit bringen und Ernst sich Pullover und Winterjacke anziehen.
Dann gingen sie weiter.
Einem jedoch war voriger Vorfall nicht entgangen und dieser hob nun den auf dem Boden liegenden Gegenstand auf, inspizierte diesen von links nach rechts, oben nach unten, konnte sich natürlich keinen Reim darauf bilden, roch daran, was ihm auch nicht weiterbrachte, da er keine Fachmann war, um den leicht ätzenden Geruch zuzuordnen und so steckte er ihn sich in die Seitentasche und folgte wieder den Brüdern.  
Ernst fühlte sich schlecht, schlechter und immer schlechter, verkrampfte sich immer wieder, wand sich vor Schmerzen und lag plötzlich auf dem Boden. Sein Bruder beugte sich über ihn, um ihn dem Puls, der rasend hämmerte, abzutasten. Er ahnte, was sich da tat, konnte aber jetzt in dieser Situation auf offener Straße kaum etwas machen.
Hinter ihm erschien plötzlich das vor Wut funkelte Gesicht des Polizistenneffe.
„Was hast Du gemacht?“
„Ruf jemand schnell den Notdienst, los!“, rief der Arzt voll der Panik. Der Polizist durchbohrt mit seinem argwöhnischen Blick Arzt und Patienten.
Was geht hier vor?
Ist es schon zu spät?
Es schien schon zu spät zu sein.
Sein Onkel, Ernst krümmte sich vor Schmerzen auf dem Boden.
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pentz
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BeitragVerfasst am: 04.05.2022 20:39    Titel: 25. Einigkeit vertuscht... Antworten mit Zitat

Der Arzt beugt sich über Ernst und sagt: „Jemand muss die Sanis holen, rasch!“
„Ich erledige dies schon! Ich hol sie!“, sagt der Polizist. Aber die nächste Bemerkung hindert Otto, sofort loszustoben. „Mensch, es ist nicht gut, wenn er hier inmitten der vielen Leute herumliegt. Es geht auch vom Boden her kalt hoch. Bei mir ist's warm. Deswegen bring ihn zuerst in meine Wohnung. Schaffst Du das allein?“ „Ich bitte Dich!“ Das Haus steht ja nur zehn Meter vom Unglücksort entfernt, in einem kleinen Altstadtgässchen, die hier vom Marktplatz sternförmig aus weggehen und damit überreicht Otto seinem Onkel noch schnell den Schlüssel für sein Haus, bevor er sozusagen lossprintet, um medizinische Hilfe zu holen.
Aber die dichteste Leuteansammlung hier verhindert zu schnelle Bewegungen.
Dies muß auch der Arzt erfahren, der sich Ernst schon mit einer geübten, schnellen Bewegung über die Schultern geworfen hat.
Übrigens hat die Menschenmenge hier gar nicht das Zum-Boden-Fallen Ernst mitgekriegt, kaum einem ist es also aufgefallen, was den Umstand hervorruft, daß sich der Arzt jetzt mit seiner „Beute übern Rücken“ wie durch ein schier undurchdringliches Dickicht seinen Weg bahnen muß, bekleidet mit lauten Rufen.
„Vorsicht, Verletzter!“
Trotz dieser eindeutigen Umstandsbeschreibung, wohl weil es die meisten nicht hören können in diesem Lärm und Trara, denken sie bei diesem Anblick eines Quasimodo mit Huckepack an „Alkoholleiche“. So lachen sich etliche einen, machen die blödesten Bemerkungen, am harmlosesten noch: „Vorsicht, Quasimodo kommt mit seiner Geliebten“. Am harmlosesten sind noch solch blöde Bemerkungen wie: „Hat einer etwas zu tief in die Flasche geguckt.“ „Schnapsleiche, was? Ab in die Ausnüchterungszelle!“ Einer erkühnt sich sogar, Ernst einen Klapps auf den Hintern zu versetzen. Sein Bruder zischt ihn im Nachhinein aber ungehalten an.
Ansonsten kann er nur mit der Schulter zucken, denken, sich nicht aufregen, wäre eh sinnlos. Der ganze Platz hier ist voll von lustigen Menschen, so daß er etwas zu tun gehabt hätte, auf jede blöde Bemerkung einzugehen und er sagt am besten nur immer Ja und Amen, während er unaufhörlich eindringlich ruft: „Zur Seite, Leute. Weg, weg hier, ich muss durch.“
So bringt er Ernst in Sicherheit, in Ottos Wohnung, wo er ihn sanft auf die Wohnzimmer-Coach legt und  die Jalousien öffnet, die ihn den Blick auf die Straße eröffnen. Er will auf der Hut sein, um die Sanitäter schnell hereinzulassen.
Wer aber klingelt, ist zunächst nur Otto.
„Die Sanitäter kommen gleich!“
„Hast Sie informiert?“
„Ja, ich war bei ihnen, sie sind gerade in einer Notlage, sie kommen sofort herüber, kann sich nur um Sekunden handeln. - Kannst Du ihn inzwischen etwas versorgen?“
„Worauf Du Gift nehmen kannst!“, sagt der Arzt fachgewiß und beugt sich über seinen Bruder, um ihn mittels einer Mund-Zu-Mund-Beatmung Sauerstoff in den Brustkorb zu pumpen.
Ernst Leben kommt tatsächlich ein stückweit zurück und seine Augen öffnen sich; er sieht seinen Bruder ganz nah vor sich: ist es wahr, sein Bruder küsst ihn wirklich? Ja, so kommt es ihm vor; ja, er hat seinen Bruder immer auch geliebt.
Er sieht sich selbst, wie er freudig die Rolle des große Aufpassers vom dem ach so kleinen Neuankömmling übernommen hatte; wie er den kleinen Bruder die Hände über die Schultern gelegt und ihn umarmend hierhin und dorthin geführt und dirigiert hatte; wie er ihn sich auf den Schoß gesetzt und stundenlang Hoppe-Hoppe-Reiter gespielt hatte.
Wie er seinen Bruder doch liebt! Er hatte ihn doch immer schon geliebt, so sehr, dass er ihn nicht mal strafen, will heißen in seine Schranken weisen konnte! Was übrigens zur Folge hatte, daß dieser auf ihn herumgetreten ist. Aber spielt das eine Rolle, wenn es sich um wirkliche Bruderliebe handelt?
Innig, hingebungsvoll und inbrünstig lässt er sich den Kuss auf seine Lippen gefallen, spürt elektrische Schauer von dort aus bis tief in seine innersten Fasern wetterleuchteten und versucht den Kuß, die Zuneigung und Hinwendung zu erwidern, wenn er nicht zu wenig Kräfte hätte, die er spürt, wie sie immer mehr nachlassen.
Zwischendrein kommen aber jetzt unscharf hässliche Szenen mit seinem älteren Bruder auf und verschwinden wieder, da sie von dunklen Donnern aktueller Schmerzensstöße übertüncht werden.
Trotzdem, jetzt zu sterben, als er sich seiner warmen Zuneigung zu dem immer noch Küssenden bewusst wird, denkt er, nun, wo er sich seines Bruders so nahe fühlt, dass darf nicht sein, das ist eine Ungerechtigkeit, dies ist das traurige Ende...

Der Sanitäter kann nur den Exitus von Ernst feststellen. Als er gegangen war, zeigte der Polizistenneffe die abgebrochene Spritze, die er auf dem Boden neben Ernst gefunden hatte.
„Woher hast Du die?“, fragt der Arzt.
Was hatte er mit der Spritze vorgehabt? Warum trägt er diesen draußen mit herum, hatte er sich selbst töten wollen, dann kann man das schließlich besser im stillen Kämmerlein. Aber er hatte die Spritze ja aufgezogen dort draußen.
„Wollte er jemanden anderen als sich selbst töten?“
Onkel und Polizistenneffe schauten sich verwundert und fragend an.
„Ernst wollte doch nicht etwa mich, seinen eigenen Bruder, töten?“
Doch Ottos Verdacht ging jedoch in erstere Richtung. „Ernst wollte sich umbringen, äh, hat sich damit getötet.“ Das war einfach zu widersinnig in den Augen des Arztes. Da sein Neffe aber bei seiner Theorie blieb, schaute der andere sich verlegen um, gleichsam um sich in der Realität zu orientierten. Was er sah, verschlug ihm die Worte.
An den vier Deckenecken sind mittelalterliche Schilder platziert, vor denen je zwei sich kreuzende Schwerter aufgehängt sind. Ebenfalls erhöht an den Wänden hängen Schrotflinten, längliche und kleine, handliche, Gewehre, Revolver, die man nur noch mit Schrot hatte stopfen müssen, um zu schießen. Auch einige Dolche hängen dort. Zudem Orden. Es war fast so etwas wie eine mittelalterliche Kemenate, in denen die wichtigen Gegenstände eines kriegerischen Gesellen wie Devotionalien an den Wänden hingen.
Der Inhaber jedenfalls war ein Waffennarr.
So hatte er seinen Neffen noch nicht kennengelernt. In den Augen eines Normalen war zwar Sammeln nichts außergewöhnliches im Sinne von Abartigkeit, aber Waffennarren hatte doch einen ominösen Geruch an sich.
Gleichviel, dachte der Arzt, jetzt ging es um Ernst und die Suizid-Theorie, recht besehen, passte ihm ganz gut in den Kram. Nichtsdestotrotz durfte man es sich auch nicht zu einfach machen. Er äußerte von daher Zweifel: „Es fällt mir zwar schwer zu glauben, dass Ernst sich, na, entleibt hat. Aber gut. Nehmen wir mal an, es war so. Dann stellt sich die Frage: Warum hat er das getan?“
In den Schildern waren Wappen eingraviert, jeweils unterschiedliche. Woher nur hatte sein Onkel diese Dinger? Von ausgestorbenen Geschlechtern, adligen Häusern, ritterlichen Festungen? Wie kam er dazu?
Komisch, komisch!
Sein Bruder wollte ihn töten, Mann!
Was sollte er glauben? Egal momentan. Einfach den Dummen mimen vorerst. Mein-Hase-ich-weiß-von-Nichts-Spielen ist meist nicht das Dümmste.
Der andere, im Besitz der geheimen Information, dass Ernst höchstwahrscheinlich die Krankenschwester auch mit so einem Gift getötet haben dürfte, laut des Kriminaler nämlich, protzte damit zu sagen: „Er ist wohl nicht über seine Tat hinweggekommen?“
„Welche Tat?“
Hätte er jetzt besser vielleicht nicht erwähnen sollen. Kann er ihm diese Wahrheit eröffnen? Als Beamter, so gesehen, nicht. Schadete es, wenn sein Onkel es, bevor es amtlich war, erfahren würde? Wahrscheinlich nicht.
„Ich sag's Dir im Vertrauen. Ernst hat damit die Krankenschwester getötet.“
„Was?“, wieder sehr entsetzt. „Aber warum?“
„Warum? Warum? Mein Gott, Du kennst doch Ernst. Vielleicht hat er eine Affäre gehabt, oder sich eingebildet, zu haben mir ihr.“
„Mit diesem Luder von Krankenschwester?“
„Ja, irgendetwas war nicht, wie es sein sollte. Vielleicht ist ihm diese Hure zu nahe getreten, ohne dass sie es gemerkt hat. Die Hemmschwellen bei Menschen sind manchmal unterschiedlich. In diesen Fall können Sie mir nicht unterschiedlicher sein, oder?“
Der Arzt fühlte sich Otto in diesem Punkt sehr nahe. Er war ihm jetzt Kumpel, Blutsbruder und Verwandter in Personalunion.
„Das sprichst Du etwas Wahres!“
Der Mantel der Brüderlichkeit wurde um sich gelegt; sie steckten mit ihrer Vermutung jetzt fürwahr unter einer Decke; damit konnten letztlich beide gut leben – also, warum nicht?
Der eine wusste nur zu genau, worauf es hinauslief, wenn der andere, der Arzt, hinter allem steckte und Ernst nicht allein gehandelt hatte. Aber ja, es musste so gewesen sein, dass Ernst mit der Krankenschwester herumgevögelt hatte, was zwar sicherlich nicht in dessen ehrwürdiges Bild passte, das man von ihm hatte, aber nichtsdestotrotz, trotz dem er ein „Idiot“ war, musste es sich so verhalten haben. Ja, er war von dieser Hure von Krankenschwester verführt, verrückt und haltlos gemacht worden, dass sich sämtliche Schutzschilder von Seriosität in Luft aufgelöst hatten.
Vor diesem Scherbenhaufen familiärer Ehrlosigkeit standen beide und schüttelten darob vor Rat- und Fassungslosigkeit die Köpfe.
Mensch, die Krankenschwester hatte diesen unschuldigen, integren, unbedarften Kerl völlig umgedreht, jawohl!
So nur war Ernst Bild wieder harmonisch und als Mitglied der ehrenwerten Familie erkennbar, der die beiden ja auch angehörten.
„Und erfahren werden wir es nicht mehr.“
„Sieht ganz so aus!“
Der Arzt roch an der Spritze, nannte irgend einen lateinischen Ausdruck, welcher für den Polizisten wie Honolulu klang. Danach beugte sich der Fachmann zum Toten hinab, kramte in seinen Taschen herum und stellte fest: „Nichts darin, eine Abschiedsnachricht hat er nicht hinterlassen.“ Damit richtete er sich zufrieden auf.
„Vielleicht finden wir, falls vorhanden, sein Tagebuch.“
Der Arzt war nahe dran, spontan auszustoßen: „Gott bewahre!“, fing sich aber und sagte nüchtern: „Wird sich zeigen!“
„Ja, wir werden sehen.“
„Genau!“
Dabei hoffte er auf Erfolglosigkeit. Lieber Gott, laß ihn keine Tagebuch geführt haben, dieser tauben Nuss, dachte er inbrünstig. 'Käme die Wahrheit ans Tageslicht, dass das Gift in der Spritze auf meinem Mist gewachsen ist, dann Gnade mir Gott.'
Täuschte ihm aber sein Wissen nicht, würde das nahezu unmöglich sein.
„Aber Gift muss im Spiel gewesen sein! Das steht fest!“
„Woher er das wohl hat?“
Und der gewiefte Polizist drückte diese Vermutung aus, immer voreilig wie diensteifrig und wahrheitsliebend wie er nun einmal zurzeit war: „Hilde!“
Im ersten Moment realisierte er gar nicht, wer unter diesem Namen steckte, so distanziert zu ihr waren seine Gefühle mittlerweile. Otto meinte die Krankenschwester, hm. Hilde, dieser Name, als wäre ihm dieser bereits aus dem Gedächtnis entschwunden. Dabei war sie ein gutes Jahr lang seine Sexgespielin gewesen. Und das erst vor ein paar Wochen noch.
„Nun, Krankenschwester pflegen oft ihren eigenen Giftschrank zu haben und deponieren dort schon mal das ein oder andere Präparat, so gesehen.“
Hauptsache, die beiden haben nichts Schriftliches, keine privaten Notizen, Tagebücher und Aufzeichnungen, aber auch keine Sprachnachrichten hinterlassen, weder von Ernst noch von dieser Hexe, dann würde alles gut.
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BeitragVerfasst am: 09.05.2022 19:43    Titel: 26. Die Knieschmerzen des Ermittlers... Antworten mit Zitat

Dann wurde die Kripo gerufen und der ermittelnde Kriminaler tauchte auf.
Er musterte die Anwesenden und dem Arzt schwante einiges. Noch mehr jedoch ahnte Otto. Er müsse einmal austreten, entschuldigte sich, trat aus dem Raum, aber anstatt die Toilette suchte er das Weite. Keine gute Lösung. Letztlich musste er wieder hierher zurückkommen, schließlich war dies seine Wohnung.

Bislang hatten alle Involvierten die Rechnung ohne diesen Kriminaler gemacht, der nicht locker gelassen hatte, sich fortgesetzt den Kopf zerbrach und alle Rädchen des Staatsapparates in Bewegung gesetzt hatte. Nein, zu viele Ungereimtheiten bissen sich hier in den Schwanz, als dass er hätte Ruhe geben können.
Zunächst, Ernst und die Krankenschwester haben beim Sterben die selben Symptome gezeigt, was zumindest hieß, dass dahinter kein Zufall steckten konnte. Es musste zwischen den beiden Todesursachen einen Zusammenhang bestehen – nur welcher?
Hatte Arzt oder Polizist beide umgebracht? Oder jeder von denen jeweils eine Person?
Nein! Das war zu verzwickt. Wenn, dann hatten entweder beide zusammen oder einer von ihnen die Toten auf dem Gewissen.
„Ernst sei schon immer ein sensibles Bürschchen gewesen“, behaupteten zum Beispiel beide unisono und mit gleichem Wortlaut? Das sollte nahelegen, daß dieser ausgerastet wäre und etwas Unbesonnenes getan hätte. Danach hätte er sich wohl umgebracht aus Reue über seine begangene Tat an der Krankenschwester.
Ja, möglich erschien es, dass Ernst zuerst die Krankenschwester ermordet hat, bevor er sich selbst getötet hat. Eben, diese Annahme legten Polizist und Mediziner mit ihrer Behauptung der allgemeinen seelischen Befindlichkeit von Ernst nahe. Aber das beide dies sagten, war verdächtig und roch nach Abgesprochenen! Zudem wäre dies für diese beiden die Absolution, sie hätten sich allzu elegant aus der Affäre gezogen, schien dem Kriminaler.
Woher aber hatte Ernst die Mittel? Braucht es da nicht fachmännische Beratung, Hilfe und Unterstützung? Und wer könnte diese besser leisten und herbeischaffen als ein Arzt?
Hinzu kam, der Arzt hatte auch am meisten Interesse daran, dass diese Hilde von der Bildfläche verschwand. Schließlich war selbst dem ermittelnden Polizisten zu Ohren gekommen, dass Arzt und diese Frau ein Verhältnis miteinander hatten, beide überkreuz lagen und letztere ersteren erpresste, zumindest gehörig unter Druck setzte.
Allmählich hatte es der Ermittler satt, von diesen vielen Möglichkeiten erschlagen zu werden. Es musste endlich eine Linie in diesen Wirrwarr gebracht werden, zum Donnerwetter!
Obgleich er bald mit härteren Bandaschen operierte, stieß er bloß auf Granit, eisigem Schweigen und irreführenden Vermutungen derselben, selbst er diese zum zweiten- und drittenmal interviewte, denn die mauerten schlimmer als die Maurer. Aber alles konnte nur Einbildung sein, dieses Mauern, diese Abschottung – nur sein Knie schmerzte so sehr wie nur und damit war klar, man verheimlichte ihn etwas, nur was, war nicht klar. Trotzdem er nahe dran war, das Gefühl hatte, nur über eine unsichtbare Linie greifen zu müssen und die Lösung zum Greifen nahe schien, kam er nicht weiter und war wie verhext in den Bann geschlagen.
Würde die Wahrheit im Grab von Ernst verborgen bleiben? Und in der Urne der Krankenschwester?
Ja, ja, die Wahrheit blieb meisten auf der Strecke – so war das nun mal.
Aber verflixt und zugenäht!
Gab es da nicht den Staatstrojaner? Oder den Staatswurm? Oder sonstige Spy-Software?
Genaueres wusste der Kriminaler nicht, ein Grund mehr, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen und anzuwenden. Zumindest mußte er doch einmal versuchen, in Erfahrung zu bringen, welche Perspektiven sich da eröffnen könnten, Telefonanrufe, Internetverbindungen vom Polizistenneffen, vom Arzt, von den Entführern...
Er wählte eine Nummer.

Nach etlichen Tagen kam der Bericht.
„Da schau her!“, stieß der Kriminaler bei Lektüre aus. Am Tag der Entführung hatte der Polizistenneffe mit den Gängstern via Internet kommuniziert. Wenn das nicht den Faß den Boden ausschlug!?
„Saubande, verflixte!“
Zu welcher Zeit?
Genau zu dem Zeitpunkt, als die Entführer auf Arzt und Krankenschwester im Cabrio gestoßen sind, nämlich um 18Uhr30, zur Abenddämmerung, an besagtem Freitag.
Was hatte Otto mit ihnen ausgeheckt? Hatte er die beiden via Internet zu Arzt und Krankenschwester geleitet? Es sah fast so aus. Zufälle ausgeschloßen!
„Schaut Euch mal die beiden an? Was treiben die da? Nehmt Videoaufnahmen dabei auf. Und schaut Euch mal die Hosen des Arztes genauer an? Sind die nicht auffällig? Auffällig ausbeult? Richtig, das ist Geld. Und nun wisst Ihr, was Sache ist. Da könnt Ihr noch mehr rausholen! Das steckt mehr drin! Ab der Fisch und erpresst schön mal saftig!“
War es so?
Könnte sein, dass der Polizist selbst die Drogenabhängigen erpresste? Er hat die Süchtlinge beim Dealen ertappt und eine Hand wäscht die andere: „Erledigt ihr einmal etwas für mich, dann drücke ich ein Auge zu? Und das Schönste ist, ich verschone Euch nicht nur, sondern bei dieser Sache schaut noch einiges für Euch beide heraus und, ich verspreche Euch, nicht zu wenig. Ganz und gar nicht zu wenig.“
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pentz
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BeitragVerfasst am: 13.05.2022 23:19    Titel: 26. Das vermaledeite Knie... Antworten mit Zitat

Keine Verbesserungsvorschläge - hippeje - ich bin auf dem richtigen Weg.



Dann wurde die Kripo gerufen und der ermittelnde Kriminaler tauchte auf.
Er musterte die Anwesenden und dem Arzt schwante einiges. Noch mehr jedoch ahnte Otto. Er müsse einmal austreten, entschuldigte sich, trat aus dem Raum, aber anstatt die Toilette suchte er das Weite. Keine gute Lösung. Letztlich musste er wieder hierher zurückkommen, schließlich war dies seine Wohnung.

Bislang hatten alle Involvierten die Rechnung ohne diesen Kriminaler gemacht, der nicht locker gelassen hatte, sich fortgesetzt den Kopf zerbrach und alle bisher zur Verfügung stehenden ermittlungstechnischen Rädchen in Bewegung gesetzt hatte. Doch zu viele Ungereimtheiten bissen sich hier in den Schwanz, als dass er hätte Ruhe geben und die Dinge ad acta legen können. Natürlich hätte er einfach auch die simpelste, unaufgeregteste und am wenigsten umständliche Variante des Tatverlaufs wählen können und Deckel zu.
Nein, das war nun des Kriminaler Art, der, wie wir wissen, sehr ehrgeizig und von sich stark eingenommen war.
'Da bleib bis zum Ball bis zur bitteren Neige!', sagte er sich.
Zunächst, Ernst und die Krankenschwester haben beim Sterben die selben Symptome gezeigt, was zumindest hieß, dass dahinter kein Zufall steckten konnte. Es musste zwischen den beiden Todesursachen einen Zusammenhang bestehen – nur welcher?
Hatte Arzt oder Polizist beide umgebracht? Oder jeder von denen jeweils eine Person?
Nein! Das war zu verzwickt. Wenn, dann hatten entweder beide zusammen oder einer von ihnen die Toten auf dem Gewissen.
„Ernst sei schon immer ein sensibles Bürschchen gewesen“, behaupteten doch beide unisono im sage und schreibe gleichen Wortlaut. Das sollte nahelegen, wenngleich nicht explizit so formuliert, daß dieser ausgerastet wäre und etwas Unbesonnenes getan hätte. Danach hätte er sich wohl umgebracht aus Reue über seine begangene Tat an der Krankenschwester.
Ach, das wäre doch so schön, nicht wahr. Auch für den Ermittler. Hieße es doch endlich Ende der Fahnenstange.
Naja, man mußte zugeben, möglich erschien es schon, dass Ernst zuerst die Krankenschwester ermordet, bevor er sich selbst getötet hat. Eben, diese Annahme legten Polizist und Mediziner mit ihrer indirekten Behauptung des schlechten Seelenzustandes von Ernst nahe. Dabei hatten sie nur zu recht. Ernst Auftreten, seine Befindlichkeit und sein berufliches Engagement bedurfte immerhin Psychopharmaka, insbesondere sogar Neuroleptika. Der Arzt hatte darauf mit einem Nebensatz noch hingewiesen, wobei er seinen Bruder wohl nicht diskreditieren wollte.
Aber bei gleichem Wortlaut beider roch das zu sehr nach Abgesprochenen. Denn bei allem, welch eine glatte Absolution doch, hätten sie sich allzu elegant aus der Affäre gezogen. Zu einfach, Zu geschmeidig. Nein, nein, das vermaledeite Knie schon wieder...
Woher aber hatte Ernst die Mittel? Braucht es hierzu nicht fachmännische Beratung, Hilfe und Unterstützung? So einfach ist doch auch kein Selbstmord zu bewerkstelligen, nicht? Und wer könnte die dazu benötigten Substanzen besser leisten und herbeischaffen als ein Mediziner?
Hinzu kam, der Arzt hatte auch am meisten Interesse daran, dass diese Hilde von der Bildfläche verschwand. Schließlich war dem ermittelnden Polizisten zu Ohren gekommen, dass Arzt und diese Frau ein Verhältnis miteinander hatten, beide überkreuz lagen und letztere ersteren erpresste, zumindest gehörig unter Druck setzte.
Allmählich hatte es der Ermittler satt, von diesen vielen Möglichkeiten erschlagen zu werden. Es musste endlich eine Linie in diesen Wirrwarr gebracht werden, zum Donnerwetter!
Obgleich er bald mit härteren Bandaschen operierte, stieß er bloß auf Granit, eisigem Schweigen und irreführenden Vermutungen derselben, selbst er diese zum zweiten- und drittenmal interviewte, denn die mauerten schlimmer als die Maurer. Aber alles konnte nur Einbildung sein, dieses Mauern, diese Abschottung – nur seine Kniegelenke schmerzten so sehr wie nur und damit war klar, man verheimlichte ihn etwas, nur was, war nicht klar. Trotzdem er nahe dran war, das Gefühl hatte, nur über eine unsichtbare Linie greifen zu müssen und die Lösung zum Greifen nahe schien, kam er nicht weiter und war wie verhext in den Bann geschlagen.
Würde die Wahrheit im Grab von Ernst verborgen bleiben? Und in der Urne der Krankenschwester?
Ja, ja, die Wahrheit blieb meisten auf der Strecke – so war das nun mal.
Aber verflixt und zugenäht!
Gab es da nicht den Staatstrojaner? Oder den Staatswurm? Oder sonstige Spy-Software?
Genaueres wusste der Kriminaler nicht, ein Grund mehr, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen und anzuwenden. Zumindest mußte er doch einmal versuchen, in Erfahrung zu bringen, welche Perspektiven sich da eröffnen könnten, Telefonanrufe, Internetverbindungen vom Polizistenneffen, vom Arzt, von den Entführern...
Er wählte eine Nummer.

Nach etlichen Tagen kam der Bericht.
„Da schau her!“, stieß der Kriminaler bei Lektüre aus. Am Tag der Entführung hatte der Polizistenneffe mit den Gängstern via Internet kommuniziert. Wenn das nicht den Faß den Boden ausschlug!?
„Saubande, verflixte!“
Zu welcher Zeit?
Genau zu dem Zeitpunkt, als die Entführer auf Arzt und Krankenschwester im Cabrio gestoßen sind, nämlich um 18Uhr30, zur Abenddämmerung, an besagtem Freitag.
Was hatte Otto mit ihnen ausgeheckt? Hatte er die beiden via Internet zu Arzt und Krankenschwester geleitet? Es sah fast so aus. Zufälle ausgeschloßen!
„Schaut Euch mal die beiden an? Was treiben die da? Nehmt Videoaufnahmen dabei auf. Und schaut Euch mal die Hosen des Arztes genauer an? Sind die nicht auffällig? Auffällig ausbeult? Richtig, das ist Geld. Und nun wisst Ihr, was Sache ist. Da könnt Ihr noch mehr rausholen! Das steckt mehr drin! Ab der Fisch und erpresst schön mal saftig!“
War es so?
Könnte sein, dass der Polizist selbst die Drogenabhängigen erpresste? Er hat die Süchtlinge beim Dealen ertappt und eine Hand wäscht die andere: „Erledigt ihr einmal etwas für mich, dann drücke ich ein Auge zu? Und das Schönste ist, ich verschone Euch nicht nur, sondern bei dieser Sache schaut noch einiges für Euch beide heraus und, ich verspreche Euch, nicht zu wenig. Ganz und gar nicht zu wenig.“
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Kojote
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BeitragVerfasst am: 13.05.2022 23:38    Titel: Re: 26. Das vermaledeite Knie... Antworten mit Zitat

pentz hat Folgendes geschrieben:
Keine Verbesserungsvorschläge - hippeje - ich bin auf dem richtigen Weg.


Ich kann leider nur für mich sprechen.

Und da muss ich sagen:

Ich kann einen Text nicht kommentieren, den ich nicht gelesen habe.

Und warum habe ich den Text nicht gelesen?

Es gibt zwei Gründe, Texte im DSFo zu lesen.
Erstens, er ist unterhaltsam und man erfreut sich daran.
Zweitens, man erklärt sich bereit, dem Autor mit Kritiken weiterzuhelfen.

Leider trifft Punkt eins nicht zu. Und Punkt zwei fällt auch flach. Ich habe hier schon genügend "Verbesserungsvorschläge" gemacht, noch und nöcher. Alle wurden von dir in den Wind geschlagen, was ich ehrlich gesagt – egal, wer der Kritiker ist – als ungehörig empfinde.

Eine politische Partei, die keine Verbesserungsvorschläge erntet, die weder positiv noch negativ kritisiert wird, ist in aller Regel eine Partei, die vom Stimmenanteil her unter 0,5% liegt.

Siehst du den Konnex?

Es ist keine Schande, Anfänger in der Schriftstellerei zu sein.
Der Meinung zu sein, man sei ein toller Schriftsteller, und keine Widerrede in seine Filterblase eindringen zu lassen, ist schon eher eine Schande.

Wenn es dir gelingt, den Mantel der Eitelkeiten abzulegen und dich für ernsthafte Arbeit zu öffnen, bin ich in Zukunft gern bereit, dir weiterzuhelfen.


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pentz
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BeitragVerfasst am: 15.05.2022 19:54    Titel: 27. In der Wirtschaft fallen die Würfel Antworten mit Zitat

Der Arzt überredete den Kriminalisten, die ganze Sache im Wirtshaus weiter zu besprechen.
Dort gesellten sie sich nicht zum vollbesetzten Stammtisch des „Hotel Goldener Stern“, sondern ließen sich auf Bitten hin vom Wirt in einer Nische Plätze zuweisen, abseits von den anderen Gästen über einem großen Kruzifix und der Foto-Galerie der Örtlichen Freiwilligen Feuerwehr war es das ideale lauschige Plätzchen zum heimlichen Reden.
Otto löste sich vom großen Stammtisch und stahl sich klammheimlich zu ihnen hin, nicht ohne eine Räuspern loslassen zu müssen. Und sofort wie aus der Pistole geschoßen kam aus seinem Munde sein reumütiger Bericht.
Diese Kleinkriminellen habe er einst in einem wackligen Auto an einem Parkplatz gepastet, dabei in ihrem Auto Drogen entdeckt, aber gnädigst von einer Anzeige abgesehen. Der Streifgenkollege war gerade anderweitig beschäftigt, so daß er sich einbildete, diese Situation böte ihm eine einmalige Chance zu kungeln in einer Art und Weise, wie er es oft in seinem deprimierenden monotonen Alltagsdienst als Polizist erträumt hatte. Abhängige, hier in Gestalt von Drogenabhängigen, die doch  nicht viel Mist brachten, wenn man sie anzeigte, stattdessen einmal anderweitig nutzbar zu machen, als Männer für die Drecksarbeit im Hintergrund anzuheuern, zu überreden, nun gut, er gebe und sehe es mittlerweile auch so, halt zu erpressen.
Dann schwieg Otto.
Der Kommissar: „Ist das alles?“
Otto schwieg weiter. Der Kommissar nickte vorwurfsvoll, schien es Otto und noch mehr, sehr weise, wie, man kenne ja seine Pappenheimer oder so und dann drückte er auf den Ein-Taste-eines mitgebrachten Abspielgerät, das Otto einerseits Respekt, andererseits höllische Angst machte.
Aus diesem musste er zu allem Übel und schlimmster Befürchtung seine Stimme herausschallen hören.
„Okay, ich lotse Euch nun. Ich gebe Anweisungen, wohin ihr zu gehen habt... Wenn ihr dort am hintersten Ende des Parkplatz einen Mercedes stehen seht, dann seid ihr genau richtig. Ich vermute, ihr erkennt dort einen Cabrio-Mercedes. Gut! Auf den geht ihr zu. Vergisst dabei nicht Euren Camcorder vom Eurem Handy in Bereitschaft zu halten, denn ihr müsst in dieses Auto hineinfilmen. Aber möglichst diskret, nicht sich erwischen lassen, also Vorsicht!“
Otto hat jetzt seinen Blick wie ein Specht nach unten auf die Tischplatte gesenkt und schweigt. Der Arzt stiert von schräg gegenüber seinen Verwandten völlig fassungslos an. Nur gut, daß der Kriminaler zwischen beiden sitzt, wer weiß, zu was sich diese Blutsbrüder hier noch hätten hinreißen lassen?
Der Kommissar spricht danach weiter: „Sie haben also die Entführung angestoßen und honoriert.“
Otto protestiert: „Nicht direkt!“
„Ja, aber sie haben die Ganoven auf ihren Onkel angesetzt.“
Der Arzt spitzte wieder die Ohren und dachte, was steckte nur dahinter und was wollte der Neffe nur von ihm, dass er solches Geschmeiß hatte auf ihn loslassen müssen?
„Ich wollte doch nur meinen Onkel ein bißchen einen Schrecken einjagen. Sie sollten ihn nur filmen bei seiner ehebrecherischen Tat, aber nicht gleich entführen.“
Der Arzt war baff. Warum wollte sein Neffe ihn entlarven, bloßstellen? Dazu hatte er nicht das geringste Recht, nicht mal ein moralisches. Was steckte wirklich dahinter? Das war bestimmt keine Frage der Ehre, eher des Neides, der Mißgunst, Eifersucht etwa. Der Neffe selbst war ledig. Missgönnte er seinem Onkel, dass er sowohl eine glückliche Ehe als auch eine heiße Geliebte besaß?
Mit dem würde er aber noch ernstes Wörtchen reden müssen, aber erst nach diesem Dreiergespräch hier.
In der Folgezeit sieht man gar noch Augen des Arztes sich wie bei einem Nierenkranken weiten, so daß man befürchten muß, die Kulleraugen springen ihm gleich aus der Höhlung.
Der Kommissar ergreift erneut das Wort.
„Ich setze nun mit eigenen Worten fort, was dann geschah. Etwas, was ich leider hier nicht wiedergeben kann und nicht auf diesem Handyanruf zu hören ist. Aber es deutlich auf der Videoaufnahme zu sehen und zu hören, das dürfen sie mir glauben. Denn der Videoclip auf der Internetseite sind nicht die ganzen Aufnahmen der Kleinkriminelle. Bei der Videokamera-Auswertung sind wir auf weitere Aufnahmen gestoßen, nämlich: plötzlich öffnet sich das Cabriodach, die beiden, sie, der Arzt und die mittlerweile verstorbene Krankenschwester sind in einer eindeutigen sexuellen Handlung zu sehen, aber nur einige Sekunden lang, dann merken sie, dass sie gefilmt werden. Aber die Aufnahmen sind gemacht.
Danach entdecken die Ganoven das Schwarzgeld des Arztes, glauben, das Spiel weiterspielen zu müssen, allerdings unter anderen Regeln nun. Die Gier nach Geld! Diese treibt sich an, im Alleingang und ohne Anweisungen ihres Polizisten, von ihnen, Herr Kollege Verkehrspolizist, eine Entführung und Erpressung zu starten.“
Ein Schweigen entsteht.
Schließlich unterbricht der Kommissar dieses nach einer Weile: „Tja, warum haben sie den Entführern nicht ihr Handwerk gelegt, da sie ja wussten, um wen es sich dabei handelte?“
„Dumm von mir, ich weiß, sehr dumm, aber ich habe mich nicht abgesichert gehabt und es versäumt, mir die Adresse dieser Saubande geben lassen, so dass ich nicht wusste, wo sie wohnten. So waren mir die Hände gebunden und ich konnte nichts unternehmen, um meinen Onkel und die unbedarfte Krankenschwester herauszuhauen. Zwar habe ich mich am Sonntag an den Entführungsort und Caprio herangepirscht...“
„Mit einer Pistole...“
„Ja, ja, mit meiner Dienst-Pistole, natürlich, und als ich mich auf die Lauer legte, in der Hoffnung, die Halunken zu erwischen, da haben sie mir diese wie einem Schulbuben aus den Händen gerissen. Kein Ruhmesblatt, ich weiß, ich weiß.“
Der Kommissar nimmt diese Worte auf wie einen Ball, den er aber dem Übergeber wütig zurückwirft: „Kein Ruhmesblatt, das ist ja wohl ein Witz. Das ist der Umschwung gewesen, vom Spaß zum Verbrechen, damit die ultimativ gefährlichste Situation eingetreten, die man sich nur vorstellen kann in so einem Fall!“ Sie Idiot hätte er beinahe noch hinzugefügt.
„Klar, dadurch hat sich die ganze Sache saumäßig verschlimmert, um nicht zu sagen, erst richtig gefährlich gemacht. Pistole in Händen von Entführern, das ist der worst case, ich weiß, ich weiß, verdammt!“
„Ich halte fest. Der Plan, mit einer Spielerei mit einem Camcorder, von ihnen angezettelt, Herr Verkehrspolizist, mit ihrem Onkel einen schlechten Witz und Scherz zu machen, ist aus dem Ruder gelaufen. Aus der kleinen Abreibung und Heimlichtuerei, diesem beim Fremdgehen zu filmen, ist leider etwas sehr, sehr Anderes, ein Kriminalfall und Verbrecher Kaliber größten Ausmaßes geworden.“
Otto nickt schuldbewußt.
Dann senkt sich wieder Schweigen auf alle drei nieder.
Nunmehr wird alles verständlich, was mit dieser Entführung zusammenhängt: als der saubere Neffe die Ganoven nur so zum Spaß auf den Arzt und die Krankenschwester losgelassen hat, um sie zu erschrecken oder was, machen sich die Zwei selbstständig, als sie zufällig die 1000 Euro in der Hosentasche des Arztes entdeckten. Die Zitrone könnte man noch mehr auspressen, dachten sie, da steckt mehr drinnen, als es anfangs den Anschein gehabt hat und schwuppdiwupp stecken alle in einen gefährlichen Entführungsfall mit allen bekannten Folgen.
Der Verkehrspolizist sagt jetzt ruhig, leise und reumütig: „Ich bin bereit, dafür auch die Strafe zu empfangen.“
Der Kommissar registriert dies zwar mit Genugtuung, ist aber nicht ganz zufrieden und schweigt, während er schwer ins Grübeln kommt.
Denn da blieb der Arzt.
Der war mittlerweile der Hauptschuldige für ihn. Irgendwie sagte sich der Kriminalist, dass er beim Tod der Krankenschwester und der des Bruders seine Hand im Spiel gehabt haben musste. So überlegte und rätselte der Kriminaler hin und her. Da kam ihn der pfiffige Arzt bei einer Entscheidung dazwischen, der zurecht eine Chance zu ergreifen witterte.
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