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Schreibübung - Über die Angst


 

 
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Lila X
Geschlecht:weiblichWortedrechsler

Alter: 52
Beiträge: 98
Wohnort: bei Stuttgart


BeitragVerfasst am: 11.03.2022 19:59    Titel: Schreibübung - Über die Angst eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Es gibt sie in so vielen Formen und wenn sie dich findet, ist ihre Gegenwart meist offensichtlich, nicht zu leugnen.
Die Angst kann alles mit uns machen - antreiben, blockieren, vor sich herjagen, auf uns warten, zaghaft um uns herumschleichen, aus der Ferne winken, kurz aufblitzen und wieder verschwinden, im Hintergrund stetig drohen.

Das Gefühl pulsiert in meiner Brust und vibriert bis in die Fingerspitzen. Es will meinen Geist verwirren, doch trotz der Duseligkeit lässt es mich kreativ werden. Ich überlege, wie ich entkommen kann.
Mein Bett erscheint mir attraktiv. Ich lege mich auf die weiche Matratze, die so heimelig nach Geborgenheit riecht, ziehe die Knie an meine Brust und die Decke über meinen Kopf. Ich ertrage die muffig werdende Luft und die Wärme, die sich immer weiter aufbaut. Doch schnell stelle ich fest, ich bin nicht allein. Die Angst ist bei mir, betrachtet mich interessiert und sickert über meine Haut in mein Inneres, belagert mich und raubt mir die Freiheit meiner Gedanken. Sie legt sich wie eine zweite Decke über mich, doch diesmal enger und immer enger, zieht sich zusammen wie eine abgeflammte Plastikhülle, raubt mir die Beweglichkeit und lässt mich qualvoll ersticken.
Kurz bevor sie mich handlungsunfähig macht, werfe ich die Decke von mir und stürze aus dem Bett. In der Hektik falle ich fast auf die Nase, kann mich gerade noch an der Wand neben dem Bett abfangen und stürze zur Tür. Ich muss hier raus.
Mein Weg führt mich nach unten in die Küche. Suchend lasse ich den Blick über Schränke und Regale wandern. Apfelmus, gemischt mit etwas Joghurt, ein Geschmack von Kindheit und seine tröstliche Süße versprechen einen Ausweg. Überhaupt, ich glaube ich habe die Angst oben zurück gelassen. Erleichtert nehme mir eine Schale aus dem Regal und fülle sie aus Kühl- und Vorratsschrank. Anschließend noch eine dicke Schicht braunen Zucker darüber.
Erleichtert lasse ich mich nebenan aufs Sofa sinken, tauche den Löffel in die blassen Schichten und balanciere den Berg zum geöffneten Mund. Zuckrige Cremigkeit breitet sich auf der Zunge aus und gleitet von dort in Brust und Bauch. Das Atmen wird leichter. Konzentriert leere ich die Schüssel, spüre dem Geschmack hinterher.
Dann ist die Schüssel leer. Und die Angst kriecht auf mich zu. Irgendwie muss sie sich aus dem Deckenknäuel im Obergeschoss befreit und wie eine zähe Lache im Haus ausgebreitet haben, durch den Flur, in zähen Tropfen die Treppe hinunter. Sich selbst vermehrend, je länger sie mich sucht. Und jetzt flutet sie in Zeitlupe auf mich zu. Es wird nur noch Sekunden dauern, bis sie meine Füße erreicht und damit einen Pfad auf und über mich, klebrig und erstickend wie ein Ölteppich.
Entnervt, aber entschlossen, mich nicht darunter begraben zu lassen, hebe ich meine Beine an und lege sie auf den Tisch. Und während die Angst unter das Sofa dringt und den letzten Zentimeter des Bodens erobert, nehme ich mir den Roman von dem kleinen Tisch, stopfe mir ein Kissen hinter den Kopf und lehne mich zurück. Ich öffne das Buch. Meine Augen finden die Worte, saugen sie auf, verschlingen sie. Sie füllen meinen Kopf, werden zu Bildern, Tönen, Gerüchen und erfüllen mich schließlich ganz.

Die Welt um mich herum versinkt - und mit ihr die Angst.



_________________
Lila X
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HansGlogger
Geschlecht:männlichLeseratte

Alter: 63
Beiträge: 168
Wohnort: Bayern


BeitragVerfasst am: 13.03.2022 15:55    Titel: Antworten mit Zitat

Der Text ist flüssig geschrieben, ich musste mich an keiner Stelle zu Weiterlesen überwinden.
Der Ich-Erzähler, oder eher die Ich-Erzählerin, schildert, wie eine Angst-Attacke durch Flucht in einen Roman überwunden wird.

Die Funktion des ersten Absatzes ist mir dabei nicht ganz klar. Wer spricht hier? Der Ich-Erzähler, der beschreibt, wir er die Angst empfindet, oder der "allwissende" Autor (auktoriale Erzählsituation). Ich vermute Ersteres. Durch Umstellen einiger Sätze (z.B.: "Das Gefühl pulsiert in meiner Brust ..." an den Anfang) könnte hier eine Klärung erreicht werden.

Im Falle des "allwissende" Autors, würde ich einen kurzen Blick auf das recht komplexe Thema Angst in Psychologie und Philosophie werfen.

Zitat:
https://de.wikipedia.org/wiki/Angst


Zitat:
https://de.wikipedia.org/wiki/Angst_(Philosophie)


Im zweiten Absatz (Das Gefühl pulsiert in meiner Brust ...) spricht klar der Ich-Erzähler. Das Bild von der Angst als Begleiter, der dem Erzähler unter die Decke folgt und sich später als klebrige Lache ausbreitet, entspricht nur zum Teil meinen Erfahrungen.
Als ich noch Angst hatte, fühlte ich deutlich, dass sie von innen kam und einen äußeren Anlass brauchte, um zu wachsen, den sie dann suchte und fand.
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Miss Purple
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 107
Wohnort: In den öden Weiten des Rübenanbaus


BeitragVerfasst am: 15.03.2022 12:10    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo @LilaX, der Text ist nachvollziehbar und gut geschildert. Was mir persönlich fehlt, dass auch sprachlich die Dynamik der Angst spürbar wird: das zunächst anschleichende, hinterlistige Lauern, das hinterherhetzende, in Panik versetzende ...
Ich kann es weniger gut erklären, als "machen", daher habe ich, was ich meine, in Deinem Text mal umgesetzt, nur hier und da Veränderungen vorgenommen. Ich hoffe, es bringt Dir was und Du empfindest es nicht als übergriffig. Aber statt Satz für Satz "auseinanderzunehmen" belasse ich den Text lieber "am Stück", um den Fluss des Lesens nicht dauernd durch Einschübe zu unterbrechen. Nimm einfach, was Dir gefällt, an - ist nur ein Vorschlag ...


Angst


Sie erscheint dir in vielfältiger Form, wenn sie dich findet, ist ihre Gegenwart offensichtlich und nicht zu leugnen. Sie kann alles mit dir machen, dich antreiben, blockieren, vor sich herjagen, auf dich warten, um dich herumschleichen, aus der Ferne winken, kurz aufblitzen und wieder verschwinden, stetig im Hintergrund lauern.
Das Gefühl der Angst pulsiert in meiner Brust, vibriert bis in meine Fingerspitzen. Es verwirrt meinen Geist, doch lähmt es ihn nicht, es lässt es mich sogar kreativ werden: Ich überlege tausend Wege, wie ich entkommen kann. Lege ich mich auf die weiche Matratze meines Bettes, die so heimelig nach Geborgenheit riecht, ziehe ich die Knie an meine Brust und die Decke über meinen Kopf. Ich ertrage die muffig werdende Luft und die Wärme, die sich immer weiter aufbaut. Trotzdem muss ich schnell feststellen, dass ich nicht allein bin. Die Angst ist immer bei mir, betrachtet mich interessiert, kriecht über meine Haut in mein Inneres, belagert mich und raubt mir die Freiheit meiner Gedanken. Wie eine zweite Decke legt sie sich über mich, enger und enger, zieht sich zusammen wie eine Plastikhülle, die mir die Beweglichkeit nimmt. Ich habe Angst, qualvoll zu ersticken.
Kurz bevor sie mich handlungsunfähig macht, muss ich die schützende Decke von mir werfen, stürze so hektisch aus dem Bett, wobei ich fast auf die Nase falle, doch kann ich mich gerade noch an der Wand neben dem Bett abfangen und stürze zur Tür. Ich muss hier raus!
Eilig haste ich nach unten in die Küche, lasse dort den Blick über Schränke und Regale wandern, bis ich finde, wonach ich suche: Apfelmus, gemischt mit etwas Joghurt … oder ein anderer Geschmack von Kindheit und Süße, die mir tröstende Ablenkung verspricht und Hoffnung, die Angst oben zurück gelassen zu haben. Eine dicke Schicht braunen Zuckers streue ich auf meine Mahlzeit.
Erleichtert lasse ich mich damit nebenan aufs Sofa sinken, tauche tief den Löffel ein in blasse Schichten, balanciere Berge zum geöffneten Mund. Zuckrige Cremigkeit breitet sich auf meiner Zunge aus, wohliges Gefühl gleitet von der Brust in meinen Bauch. Das Atmen wird leichter. Konzentriert leere ich die Schüssel, spüre dem Geschmack nach.
Dann ist die Schüssel leer. Und die Angst kriecht wieder auf mich zu, wie ein gefährliches Tier, das sich langsam anschleicht. Angst breitet sich aus wie eine zähe Lache im Haus, dringt durch den Flur, tropft wie zäher Schleim die Treppe hinunter. In Zeitlupe flutet sie auf mich zu. Es wird nur noch Sekunden dauern, bis sie meine Füße erreicht hat und einen Pfad findet auf mir und über mich, klebrig und erstickend wie ein Ölteppich.
Entschlossen, mich nicht darunter begraben zu lassen, hebe ich zitternd meine Beine und lege sie auf den Tisch. Während die Angst unter das Sofa kriecht und jeden Zentimeter des Bodens erobert, greife ich hastig zum Roman vom Tisch, stopfe mir ein Kissen hinter den Kopf, öffne fahrig die Seiten des Buches. Meine Augen suchen flirrend unruhig Worte, die aufgesaugt, verschlungen werden können. Bald erfüllen sie meinen Kopf, werden zu Bildern, Tönen, Gerüchen ... und nehmen mich schließlich ganz und gar in ihren Bann.
Die Welt um mich herum versinkt - und mit ihr die Angst.
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Lila X
Geschlecht:weiblichWortedrechsler

Alter: 52
Beiträge: 98
Wohnort: bei Stuttgart


BeitragVerfasst am: 16.03.2022 18:48    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo ihr beiden,
.
@Hans: Ich stimme dir zu, dass Angst oft etwas ist, das eher von innen heraus entsteht. Aber mir ging es weniger darum darzustellen, wie sich Angst anfühlt, sondern eher darum, dass ich mich von ihr lähmen lassen kann oder ihr aktiv entgegen wirken kann. So erlebe ich die Angst, die ich bspw. zur Zeit erlebe. Würde ich mich den Themen ergeben und meine Angst hinnehmen, würde sie mich lähmen. Stattdessen gehe ich Auslösern aus dem Weg, sehe ich oft nicht hin oder lenke mich ab, alles damit die Angst kein überwältigendes Gefühl wird, das mir die Handlungsfreiheit nimmt. Es ist also eher ein Ansatz, wie ich persönlich gerade mit ihr umgehe. Aber das kann man ohne Kontext natürlich nicht wissen. Der erste Teil passt nicht wirklich dazu. Da habe ich mich eher damit auseinandergesetzt, wie Angst sein kann. Es war für mich eine Annäherung ans Thema. Aber ihr habt völlig recht, dass ich mit ein paar Umstellungen eine sinnvolle Verbindung hätte herstellen können.

@Miss Purple: Nette Umschreibung. Ich finde es nicht übergriffig. Es legt einen anderen Schwerpunkt, denke ich. In deinem Text hat man Angst. Ich renne vor dieser Angst in meinem Text eher davon, will nicht, dass sie mich erreicht und schaffe es auch, dass sie mich nicht überwältigt. Wobei dafür deine Geschichte besser zu meinem Titel passt - fällt mir auf, wenn ich es so lese.

In jedem Fall, danke für eure Rückmeldungen und Sichtweisen. Fand ich sehr interessant Embarassed Very Happy


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Lila X
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