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Die natürlichste Sache der Welt


 

 
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Hera Klit
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Alter: 62
Beiträge: 164
Wohnort: Odenwald


BeitragVerfasst am: 23.01.2022 19:06    Titel: Die natürlichste Sache der Welt eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Die natürlichste Sache der Welt


Ein Stück in 7 Szenen


Personen:

Bente Fink:        Bauernsohn aus dem hessischen Ried.
Mutter Erna Fink:    Bentes Mutter. Bäurin
Vater Herbert Fink:    Bentes Vater. Bauer
Erich Zöllner:        Trikotagen- und Miederwarenhändler aus Offenbach
Frau Zöllner:        Erichs Frau. Sie steht im Laden, wenn ihr Mann auf Tour ist.
Konrad Kreimer:    Landmaschinenhändler im hessischen Ried.
Cindy:            Modedesignstudentin und WG-Mitbewohnerin von Bente in FfM.

 

Erste Szene:

 

1973. Mutter, Erich Zöllner, der weitläufig mit den Finks verwandt ist und Bente in dem Esszimmer der Finks. Zöllner sitzt auf einem Stuhl am Tisch und hat viele seiner Trikotagen und Miederwaren auf dem Tisch und der Eckbank ausgebreitet. Bente betrachtet interessiert eine Miederware, er hält die Packung in der Hand.

 

Zöllner:
Ich kann Dir sagen Erna, es ist heutzutage nicht mehr leicht, übers Land zu fahren und Trikotagen und Miederwaren an die Frau zu bringen. Alle bestellen per Katalog. Ich habe nur noch gute, langjährige Kundinnen wie dich, die mir die Treue halten. Zum Glück hab‘ ich noch den Laden in Offenbach.

Mutter:
Ich weiß doch Erich, Du hast Qualitätswaren und da bin ich ja auch noch nie mit reingefallen. Manche Stücke trage ich seit fast zehn Jahren, an denen ist nichts verschlissen, obwohl ich sie oft und gründlich wasche.

Zöllner:
Dafür garantiere ich mit meinem guten Namen Erna. Ich vertreibe keine billige Katalogware. Aber die moderne Frau von heute schert sich darum nicht, sie bestellt einfach. Mir ist ja auch der persönliche Kontakt wichtig. Da kann ich die Vorzüge meiner Waren noch mal richtig ausgiebig erläutern und demonstrieren.

Mutter:
Und man kann gleich anprobieren und zurückgeben, wenn es sein muss.

Zöllner:
Du sagst es. Denke mal allein an den Paketaufwand des Hin- und Herschickens, den die treiben. Das zahlt doch letztlich die Kundin. Und außerdem ist das Gift für die Umwelt.

Mutter:
Das stimmt, das ist unverantwortlich, aber die Zeit hält man nicht an, ein Trend setzt sich eben durch.

Zöllner:
Wenn ich so noch bis zur Rente komme, das ist ja nicht mehr so lange, dann ist mir der Rest egal. Meine Kinder haben studiert und machen ihre Karrieren, da ist keins an dem Laden interessiert.

Mutter:
Eigentlich schade. Du, ich muss mal raus, mein Mann braucht grad mal Hilfe.

Mutter ab. Bente hat noch die verpackte Miederware in der Hand und beschaut sie interessiert.

Zöllner:
Na, mein Jüngelchen, da ist wohl dein Interesse geweckt. Das ist ein besonders schönes Teil im modernen amerikanischen Stil. Die habe ich vor Kurzem noch nur unter dem Ladentisch verkauft. Aber die Zeit ist ja auch auf dem Land nicht stehen geblieben. Setzt dich mal hier auf, Onkel Zöllners Schoß, wir packen das Teil mal zusammen aus, damit du dir das ganz genau ansehen kannst.

Bente leistet der Anweisung Zöllners folge und setzt sich auf dessen Schoß. Zöllner packt die Ware aus und hält sie Bente an.

Zöllner:
Ich denke mal, du bräuchtest noch mindestens zwei Nummern kleiner. Aber ich stelle mir vor, die würde dir prima stehen. Passt gut zu deinen blonden Haaren und deinen himmelblauen Augen.

Die Mutter kommt unvermittelt herein. Zöllner schubst den Jungen vom Schoß. Die Mutter schaut etwas konsterniert.

Zöllner:
Ich glaube, dein Junge wäre ein guter Trikotagenhändler. Er zeigt Interesse an der Ware. So einen Jungen hätte ich gebraucht, dann ginge mein Geschäft in die nächste Generation. Erna, ich habe mir grad überlegt, Dir noch mal zwanzig Prozent nachzulassen.

Mutter:
Oh, das ist aber wirklich ein toller Kaufanreiz, da such‘ ich mir mal was raus, was ich brauchen kann. Es ist ja auch schön, die neuesten Schnitte zu tragen.

 

Zweite Szene:
1977. Der Vater, Konrad Kreimer und Bente in der Werkstatt des Landmaschinenschlossers. Es ist laut und alles ist ölig und verschmutzt.

 

Kreimer:
Nein, ehrlich Herbert, ich habe alles versucht mit deinem Buben, aber es wird nix.

Vater:
Willst du es dir nicht doch noch mal überlegen Konrad, denk an unsere langjährige Freundschaft.

Kreimer:
Wenn ich daran nicht denken würde Herbert, hätte ich den Jungen nach der ersten Woche heimgeschickt. Nur dir zuliebe habe ich mir das noch länger angetan.

Vater:
Der Junge ist doch nicht auf den Kopf gefallen, das seh ich doch auch an seinen Leistungen in der Berufsschule. Sein Klassenlehrer ist mit ihm zufrieden.

Kreimer:

Das mag ja sein. Aber die Praxis ist zu hart für ihn. Landmaschinenschlosser sind harte, raue Burschen, die Muskeln brauchen, um störrische Schrauben aufzudrehen und denen es nichts ausmacht, wenn ihnen Motoröl ins Genick läuft. Dein Junge ist zu fein, zu schwach und pingelig für den Job. Ich dachte es mir ja gleich. Man sieht ja, wen man vor sich hat. Wenn dem mal Öl über die Hand läuft, dann geht er zum Waschraum und schruppt sich die Hand gleich mit Seife.

Vater:
Eine gewisse Reinlichkeit kann und darf ja kein Ausschlusskriterium sein.

Kreimer:
Denk mal an die Zeit die damit verplempert wird. Die Kunden warten auf ihre Maschinen, die müssen fertig werden, die Feldarbeit steht an. Das muss ich dir als Bauer und Kunde doch nicht sagen. Wie oft hast du letztens angerufen und gefragt, ob dein Traktor endlich fertig ist.

Vater:
Ja, freilich, wenn es pressiert.

Kreimer:
Ein Problem ist auch, dass dein Junge ständig im Waschraum steht und sich die Haare nachfrisiert. Meine Gesellen rufen ihn schon Fräulein Fink. Und er ruft sie, wenn er wieder mal eine Schraube nicht aufbekommt, weil er einfach zu schwach und zierlich gebaut ist. Und einen zweiten Waschraum baue ich jetzt auch nicht extra.

Vater:
Warum einen zweiten Waschraum?

Kreimer:
Weil mancher Geselle nach deinem Bente anfängt zu schauen. Das lässt sich nicht von der Hand weisen. Das sind Anziehungskräfte spürbar geworden. Ich meine, da wird jeden Abend gemeinsam geduscht. Da kann ich keine Vorfälle brauchen.

Vater:
Was denn jetzt für Vorfälle? Ich war früher auch Fußballer und da haben wir alle zusammen geduscht, des war das Natürlichste der Welt. Da gabs keinerlei Vorfälle. Nicht mal geschaut hat da einer. Und Schwule gabs ja damals praktisch nicht mehr. Nach dem Krieg.

Kreimer:
Ich war dabei, erinnerst du dich, ich war Mittelstürmer. Aber hier haben wir einen ganz anderen Fall vorliegen. Einen Fall von Widernatürlichkeit.


Vater:
Jetzt kann ich nicht mehr folgen, entschuldige bitte meine bäurische Schwerfälligkeit.

Kreimer:
Da wölbt sich manches, wo sich bei einem Buben sonst nichts wölbt. Und das erregt eben dann die Aufmerksamkeit eines ansonsten Normalen. Ich kanns einem gesunden Gesellen nicht verdenken, wenn er darauf anschlägt. Aber einen zweiten Waschraum kann ich deswegen jetzt nicht errichten lassen.

Vater:
Davon hat mir Bente freilich nichts erzählt. Ich verstehe, das ist alles ganz unmöglich für dich Konrad. Wer bin ich, das von dir zu verlangen. Freundschaft hin, Freundschaft her. Hättest du mir doch früher was gesagt, ich hätte das doch sofort eingesehen, dass das nicht geht.

Kreimer:
Ich sage es dir jetzt und bitte dich um dein Verständnis. Wir haben schon gemeinsam die Schulbank gedrückt, ok das verbindet natürlich. Ich bitte dich trotzdem mir zu verzeihen, wenn ich jetzt sage, es geht nicht weiter.

Vater:
Ich muss ja zugeben, dem Jungen Druck gemacht zu haben, der wollte die Lehre bei dir ja gar nicht machen. Ich könnte aber einen Landmaschinenschlosser auf meinem Hof gut brauchen. Der Junge wollte eine Lehre im Trikotagen- und Miederwarengeschäft unseres Verwandten in Offenbach machen.

Kreimer:
Du, ich glaube, da wäre er gut aufgehoben, das passt besser zu ihm.

Vater:
Ja, danke Konrad für den Tipp und entschuldige die Umstände, die wir dir gemacht haben.

Kreimer:
Ehrensache Herbert. Wenn du einen neuen Schlepper bestellst, komme ich dir entgegen. Dein Alter macht es ja sicher nicht mehr lange. Du kannst da voll auf unsere Freundschaft bauen, das ist die natürlichste Sache der Welt.

Vater:
Danke Konrad. Und noch mal Entschuldigung für die Umstände. Den Traktor bestelle ich bald.

 

Vater und Bente ab.


Dritte Szene:

 

1979. Im Trikotagen- und Miederwarenladen in Offenbach. Erich Zöllner und Bente, der nun schon neunzehn ist, fast schon zu alt, um eine neue Lehre zu beginnen.
Bente steht auf einer verschiebbaren Regalleiter, um an Waren heranzukommen, die ganz oben in Schubladen verstaut sind. Zöllner schiebt die Leiter unten hin und her.

 

Zöllner:
Ja, Jüngelchen, da muss es doch sein. Da habe ich es doch verstaut. Schau nur mal genau nach in der Schublade.

Bente:
Ja, Herr Zöllner, ich gebe mir alle Mühe, um ihren Wünschen gerecht zu werden.

Zöllner:
Das weiß ich doch mein Bürschjen. Das lieb ich doch an dir. Warte, ich stütz mal das Popöchen, dass du mir da nicht runter segelst.

Zöllner legt die Hand unterstützend an Bentes Hintern.

Zöllner:
Owowow, das ist griechische Straffheit, meine Herrn, sauber. Unübertroffene Jugend.

Bente:
Ich fühle mich jetzt gleich viel sicherer, dank ihrer starken Hand, Herr Zöllner.

Zöllner:
Ich hab‘ noch keinen von der Leiter stürzen lassen, mein Lieber, das kannst du mir glauben. Du kannst vollstes Vertrauen in Onkel Zöllner haben.

Bente:
Das habe ich ganz gewiss. Ah da ist die gesuchte Corsage, glaube ich.
Er holt das Teil aus der Schublade und hält es Zöllner hin.

Zöllner:
Jawoll Ja, das ist das gute Stück. Jetzt steige herab Hermes, jetzt heißt es anprobieren.
Das sollte dir passen bei deinem Figürchen. Ich muss die Ware mal angezogen sehen, um mich von ihren Vorzügen zu überzeugen, bevor ich Neue bestelle. Meine Frau passt da ja nun wirklich nicht hinein. Da freit man als junger Held eine Elfe und dann hat man eine Matrone im Haus. Aber gut, das ist ein anderes Thema. Das trifft ja die meisten.

 

Bente steigt herab und verschwindet in einer Umkleidekabine und schließt den Vorhang. Zöllner geht hin und schiebt den Vorhang etwas weg, um zu spähen. Das Publikum kann nicht in die Kabine sehen (leider).

 

Zöllner:
Zieh ruhig alles aus, wir sind ja hier unter uns, das bleibt doch quasi in der Familie, sag ich mal, gell?

Bente:
Natürlich Herr Zöllner, es ist ja jetzt eine Pflicht auf der Arbeit, das muss gemacht werden, das ist ja nicht privat. Sie wissen doch, wie gerne ich solche Sachen trage.

Zöllner:
Der Ernst der Arbeit bleibt gewahrt und doch ist es schön.
Mein Gott ist das herrlich. Da wird jünglingshafte Straffheit dank des erlesenen femininen Stoffes in nymphenmäßige Zartheit transformiert. Eine Metamorphose kosmischen Ausmaßes. Wer soll da ruhig bleiben? So ein Mann müsste ein Stein sein, mit der Libido eines Bettelmönches. Da wird selbst der Nichtgrieche zum Sokrates.

 

Zöllner schlägt den Vorhang auf und verschwindet in der Kabine.
Man hört Geräusche, die Kennern der Liebe bekannt vorkommen müssen.

 

Frau Zöllner kommt aus der hinteren Tür. Sie läuft sichtlich, suchen durch den ganzen Laden, bis sie Geräusche aus der Kabine vernimmt. Sie geht schnurstracks zur Kabine und reißt den Vorhang auf. Ihr entfährt ein spitzer Aufschrei.

 

Frau Zöllner:
Herrgott Erich, wie kannst du nur? Du hast mir hoch und heilig versprochen, die Finger von den Lehrbuben zu lassen. Das ist jetzt aber wirklich zu viel.


Frau Zöllner läuft entsetzt und sichtlich tief frustriert aus dem Laden durch die hintere Tür.

 

Vierte Szene:
1989. Vater und Mutter im Esszimmer

 

Mutter:
Warum lässt das Kind nichts mehr von sich hören?

Vater:
Wenn Geld benötigt wird, wird das Telefon klingeln, darauf kannst du dich verlassen.

Mutter:
Er bekommt doch jetzt BAföG und bescheiden war er doch immer.

Vater:
Er wird sich noch schämen, wie die Sache mit Zöllner gelaufen ist. Was ist nur falsch mit dem Jungen, woher kommt so eine Falschheit und Unnatur?

Mutter:
Wir hatten uns doch ein Mädchen gewünscht, als wir ihn zeugen wollten, vielleicht liegt darin schon die Wurzel des Übels. Vielleicht haben wir damit die Gene durcheinandergebracht, irgendwie.

Vater:
Ich hab nie gehört, dass so was gehen soll.

Mutter:
Ich hatte doch all die rosa Babysachen und die Kleidchen schon vorher aus lauter Vorfreude gekauft, die mussten doch dann aufgetragen werden. Wir mussten doch jede Mark umdrehen damals. Vielleicht hat das irgendwie eingewirkt?

Vater:
Auch hier kannst du beruhigt sein Frau, das kann ich mir nicht vorstellen, dass das so eine umpolende Wirkung haben könnte.

Mutter:
Und gestillt habe ich den Kleinen doch auch nicht, weil meine Brust so geschmerzt hat. Ich hätte mich zwingen müssen. So bekam er die Kuhmilch mit dem Östrogen drin.

Vater:
Papalapapp Frau, so was geht doch gar nicht, du bist schuldlos und fertig, da lasse ich nicht mit mir diskutieren.

Mutter:
Magst du mal recht haben Mann, aber irgendwoher muss es doch kommen.

Vater:
Da hat man dann so einen Jungen bei der Feldarbeit dabei, und man nimmt sich vor, ihn zum Mann zu machen. Vielleicht war man da nicht immer konsequent genug?

Mutter:
Du hast den Jungen immer hart, aber gerecht behandelt. Du warst nicht zu weich mit ihm, das kann ich bezeugen.

Vater:
In der ersten Zeit gewiss, aber dann hat man da gewisse Anzeichen gesehen, die einem womöglich unbewusste Signale gesendet haben, nicht zu hart durchzugreifen.

Mutter:
Anzeichen? Signale?

Vater:
Du wirst auch gesehen haben, dass da plötzlich ein Hemd sich etwas wie eine Bluse wölbte oder eine Hose hinten rum gar zu sehr spannte, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Mutter:
Da schien mir nichts so, dass man gleich Alarm hätte schlagen müssen.

Vater:
Es war schon zu sehr merklich, um nicht von einem gesunden Mann nicht gesehen zu werden. Freilich ist man Vater und man versucht da nicht Hand anzulegen.

Mutter:
Was heißt da jetzt versucht?

Vater:
Es mag da Situationen gegeben haben. In der Erinnerung verschwimmen die ja immer mehr und mehr und verblassen. Dann fragt man sich schon, war das jetzt wirklich oder nicht? Jedenfalls könnte es ja theoretisch gewesen sein. Angenommen, man war auf dem Heuschober zu zweit alleine und das Licht fiel so durch eine Lücke im First so direkt auf einen Hosenboden, dass man dann mal eine Hand nicht ganz kontrollieren konnte. Dass so eine Hand also praktisch richtiggehend ein Eigenleben entwickelt hat. Man wollte es natürlich nicht. Und zu mehr kam es dann doch bestimmt nicht, jedenfalls lässt sich da nichts mehr hervorgraben aus der Erinnerung. Ich könnte fast beschwören, sonst sauber geblieben zu sein. Aber gewiss ist es nicht.

Mutter:
Grundgütiger.

 

Fünfte Szene:

1985. Das WG-Zimmer von Bente, die nun Modedesignstudentin ist. Ihre Mitbewohnerin Cindy, die ebenfalls Modedesign studiert, sitzt auf einem roten Plüschsofa. Bente näht mit der Nähmaschine. Überall sind Dessous aufgehängt und verstreut, die Bente entworfen und genäht hat.

 

Cindy:

Also ich finde die Sachen, die du machst, wirklich total krass und abgefahren. Ich kann mir wunderbar vorstellen, dass die einschlagen wie eine Bombe. Stell dir mal vor, du hast dein eigenes Label. Paris steht dir offen und du angelst dir einen Scheich.

Bente:
So weit sind wir nun wirklich nicht. Momentan sind das alles Ladenhüter. Keiner konnte sich für mein Zeug erwärmen. Den einen ist es zu schräg, den anderen zu heiß und den Dritten zu nuttig und was weiß ich was noch alles. Es ist zum Verzweifeln.

Cindy:
Du darfst jetzt nicht aufgeben. Du musst auch dran glauben.

Bente:
Du hast gut reden. Deine Eltern haben einen Laden in Frankfurt, wo du jederzeit einsteigen kannst. Solche Chancen hab‘ ich nicht.

Cindy:
Bist du verrückt? Meine Eltern sind die Letzten, bei denen ich landen will. Da würde ich mir schön ins Knie schießen. Ne lass mal. Auch ich muss mein Glück auf dem freien Markt suchen. Aber ich habe nicht dein Talent, ich werde wohl als kleine Angestellte enden.

Bente:
Jetzt glaubst du nicht dran. Merkst du‘s?

Cindy:
An dich zu glauben fällt mir leichter.

Bente:
Das Studium ist bald fertig und noch immer kein machbarer Plan in Sicht. Es wird langsam eng. Ich werde Geld verdienen müssen, das BAföG läuft aus. Notfalls auf dem Strich.

Cindy:
Na, na, na, das wird bestimmt nicht nötig sein.

Bente:
Weiß man‘s? Jedenfalls hab ich Zöllner angerufen, ob der nicht vielleicht seine Verbindungen für mich spielen lassen kann.


Cindy:
Meinst du jetzt den Zöllner mit den Trikotagen und den Miederwaren‘?

Bente:
Ja, den Zöllner meine ich.

Cindy:
Ha, ich glaubs nicht, was versprichst du dir denn davon?

Bente:
Du, ich weiß es auch nicht, das war wohl eine Verzweiflungstat.

 

Es klingelt an der Wohnungstür.

 

Bente:
Das wird er schon sein, er kommt wie immer zu früh. Lässt du uns bitte allein.

Cindy:
Jawohl, mein Schatz. Mach‘ aber keine Dummheiten.

 

Cindy ab. Bente öffnet Zöllner die Tür. Mann begrüßt sich mit Küsschen. Zöllner läuft etwas durch das Zimmer und nimmt dann auf dem Sofa Platz. Man nimmt ein Glas Rotwein.

Zöllner:
Ich muss sagen, ich hätte dich fast nicht erkannt, du bist ja jetzt schon extrem weiblich im Gesicht, das Haar, das Make-up und auch figürlich. Donnerwetter. Ich hätte geschworen, eine Frau macht mir die Tür auf.

Bente:
Man entwickelt sich halt immer weiter, das ist nicht aufzuhalten, selbst wenn man es wollte. Ein Onewaytrain, never to return.

Zöllner:
Ja, das sehe ich. Du weißt, Jungs können mir nicht feminin genug sein, darauf fahr‘ ich total ab. Einfach zu wissen, da ist noch ein Geheimnis versteckt, da werd‘ ich verrückt. Tut mir übrigens immer noch leid, dass du die Lehre bei mir abbrechen musstest. Meine Frau konnte sich einfach nicht mehr beruhigen.

Bente:
Ist ja auch durchaus verständlich, das war ja keine Kleinigkeit mit uns. Das stimmt, das war eine tiefschürfende Sache. Deine Frau musste damals ja einiges schlucken.


Zöllner:
Du doch auch.

 

Beide lachen.


Zöllner:
Aber jetzt mal im Ernst. Ich sehe, du machst da interessante, moderne, aufreizende Sachen, so was müsste doch in dieser verrückten Zeit reißenden Absatz finden.

Bente:
Leider leider nicht. Ich bekomme nichts los. Keiner interessiert sich dafür.


Zöllner:
Kaum zu glauben. Ehrlich? Ich habe gehofft, du hast eine Idee.

Zöllner:
Ich eine Idee?

Bente:
Ja, du bist doch in der Modebranche.

Zöllner:
Das ist ein großes Wort. Ich habe einen Trikotagen- und Miederwarenladen in Offenbach. Das ist keine Haute Couture, das ist Massenware. Konservative noch dazu.

Bente:
Ich dachte, vielleicht kennst du jemanden, der jemanden kennt.

Bente setzt sich neben Zöllner aufs Sofa. Man sitzt sehr nahe beieinander.

Zöllner:
Zieh doch mal irgend so ein Teil für mich an, dann kann ich die Wirkung deiner Sachen viel besser beurteilen. Ich sage immer, wenn sich was regt, dann geht was. (lacht)

 

Bente steht auf, greift sich eins ihrer gewagtesten Teile und geht ins Nebenzimmer, um sich umzuziehen. Die Tür bleibt einen Spalt offen.

 

Zöllner:

Früher warst du nicht so zugeknöpft.

 

Bente:
Ich will einfach nur, dass du die Wirkung meiner Sachen spürst und nicht durch zu viel Nacktheit abgelenkt bist.

Zöllner:
Gut, ich bleibe erst mal brav und sehe mir die Sachen unbefangen an.

 

Bente kommt aus dem Nebenzimmer in einem herrlich sexy Body mit Strapsen und Nylons. Sie ist ein echter Traum in dem Ding.

 

Zöllner:
Mannomann, das haut einem das Blech weg. Das Teil hat eine enorme Wirkung. Eine Transe mit der Strahlkraft eines Girlymodels, da bin ich zu Hause, das ist mein Revier.

Bente:
Aber aber Herr Oberförster, wollen doch brav bleiben? Es ist jetzt keine Hasenjagd, sondern Modenschau.

Zöllner:
Also ich kauf dir den Fummel ab, wenn du ihn für mich dabei an behältst.

 

Bente dimmt das Licht etwas und setzt sich rittlings über die Beine von Zöller. Der beginnt seine Hände wandern zu lassen und kommt bald zwischen Bentes Beinen an. Zöllner stutzt, schiebt die verdatterte Bente zur Seite und springt vom Sofa auf.

 

Zöllner:

Was hast du getan, bist du verrückt geworden. Ne, das ist es nun wirklich nicht für mich, auf Frauen kann ich schon lange nicht mehr, egal wie sie aussehen.

 

Zöllner verlässt, ohne sich zu verabschieden die Wohnung, er knallt die Tür sogar etwas dabei. Bente steht verdattert da. Cindy stürmt herein, weil sie glaubt, es geht etwas Unrechtmäßiges vor und sie muss ihrer Freundin helfen.

 

Cindy:
Ich sagte doch, mach‘ keine Dummheiten.

Bente:
Es ist, wie Roma Haag in ihrer Biografie schrieb. Nach der OP behandeln einen die Männer nicht mehr so zuvorkommend.

 

Ich habe mich bei einem Rebirthing Kurs angemeldet, ich will rausbekommen, wer ich in einem früheren Leben war. Ich will wissen, was der wahre Grund meines Soseins ist.

Cindy:
Ich dachte immer, das ist nur Hokuspokus.

 

Sechste Szene:

Bente und Cindy im WG-Zimmer. Bente verkleidet als Gamaschen Charlie, genannt Gamasche, ein Chicagoer Gangster mit Hut, Anzug und Gamaschen. Bart und Koteletten sind aufgemalt. Sie steht in einem Scheinwerferkegel mit Kalaschnikow in der Hand und Cindy, verkleidet als Zwanzigerjahrerevuegirl, rekelt sich ihr zu Füßen und streicht mit ihren behandschuhten Händen lüstern über die Schenkel Bentes.

 

Gamasche:
Wenn einer sein Schutzgeld nicht zahlt, dann leg ich ihn um und seine ganze Familie dazu. Im Kugelhagel meiner Kalaschnikow mähe ich sie dahin. Mitleid kenne ich keins. Geld ist mein Gott.

Revuegirl:
O du starker, erbarmungsloser Held, du Mann aller Männer.

Gamasche:
Ich muss schrecklich sein, weil nur der Schrecken eine Wirkung hat. Sogar Al Capone ruft mich an, wenn er Hilfe braucht, weil sie nicht spuren.
Manchmal ist er nicht hart genug, da muss ich aushelfen.
Und die Weiber lass‘ ich anschaffen für mich und erst reite ich sie zu bis aufs Blut. Spurt eine nicht zerschneid‘ ich ihr die Visage.
Gnade kanns nicht geben. Gnade ist rufschädigend, das kann einen Mann vernichten.

Revuegirl:
Du musst tun, was ein Mann tun muss.

Gamasche:
Sagt ein Wirt: „Gib‘ mir Zeit, ich zahle am Mittwoch.“ Dann sag‘ ich nichts und ziehe den Abzug durch. Man darf nicht mit sich handeln lassen. Konsequenz ist die Seele des Geschäfts. Der ganze Laden muss ein Schutthaufen sein, aus Glassplittern, Kleinholz und Leichen. Alle sollen sehen was geschieht, wenn einer auf Gamasche Milde hofft.

Revuegirl:
Ich bin so feucht, nimm mich.

 

Gamasche, schubst sie mit dem Fuß weg.

 

Gamasche:
Gib mir keine Befehle, ich sage, wo es lang geht verdammte Hure, ich knall dich ab.

Revuegirl
Ja, drück ab Gamasche.

Gamasche:
Ich sagte, befiehl mir nichts Schlampe. Das hat dein Leben gerettet.

Revuegirl:
Ohhhhhh

Gamasche:
Ich habe meine Alten umgelegt, weil sie einen rechtschaffenen Menschen aus mir machen wollten und meinen Lehrherren habe ich erdrosselt für einen Zwanziger. Es gab kein zurück. Es gibt nie ein zurück. Gewalt führt zu mehr Gewalt und Mord führt zu Massenmord. Das hat alles seine Richtigkeit, das ist die natürlichste Sache der Welt.


Siebte Szene:

Der Vater und Kreimer in einem Frankfurter Laufhaus. Kreimer hat eingeladen, wegen des guten Deals mit dem Traktor. Wie üblich sind echte Männer nach einem guten Geschäft aufgeladen und in Feierlaune. Das Testosteron schlägt Purzelbäume. Beide landen an der Tür von Bente und flirten mit ihr, beide erkenne sie nicht und es gelingt ihr gerade noch, ihren Vater weiterzuschicken und Kreimer einzulassen. Der Vater geht zunächst weiter, dreht sich dann aber um und bleibt vor der Tür stehen.

 

Bente und Kreimer allein im Zimmer.

Kreimer:
Na Kindchen, du gefällst mir schon ganz prima. Gerade das bisschen Burschikose spricht mich irgendwie an, da werde ich zum Stier, da will ich drauf.

Bente:
Das ist schön, mein Schatz. Lass mich dich aber erst mal etwas sauber machen.

Kreimer:
Na, ich bin natürlich frisch geduscht, aber ich weiß ja das das hier so üblich ist. Dann hol das Prachtstück mal raus, da weißt du auch gleich, was dich erwartet. Ich sag mal, das wird nicht einfach für dich.

 

Bente holt ihn raus und wäscht ihn am Waschbecken.

 

Bente:
Donnerwetter, so einen Großen hatte ich ja noch nie.

Kreimer:
Das höre ich oft. Aber keine Angst, ich habe einen Waffenschein (lacht laut).

Bente:
Da werde ich etwas mehr Creme benötigen.

Kreimer:
Ganz gewiss, zumal ich nicht die normale Tür zu nehmen beabsichtige. Es steht mir nicht der Sinn nach Hausmannskost.

Bente:
Das kostet aber das Doppelte.

Kreimer:
Das ist ok, es trifft ja keinen armen Mann Schätzchen, mach dir mal keine Sorgen.
Ich zahl das Dreifache, da sind eventuelle Arztkosten schon mit drin (lacht äußerst chauvinistisch).

 

Bente scheint das aber gut zu finden, denn richtige Männer müssen so sein.

Es kommt hinter einem Vorhang, zu einem den Geräuschen nach zu urteilen, recht martialischen Geschlechtsakt. Das Stöhnen Bentes verrät Höchstleistung mit enormen Nehmerqualitäten. Danach zieht sich Kreimer seine Hose an und öffnet die Tür, um zu gehen. Draußen steht Bentes Vater direkt vor der Tür und starrt jetzt herein.

Kreimer:
Herbert schon fertig? Also die hier kann ich dir empfehlen, die kann was wegstecken. Aber hallo!


Bente und ihr Vater sehen sich an. Bentes Blick ist gelassen, der Blick ihres Vaters ist voller Verzweiflung.



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gez.: Hera Klit
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