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Pilzbuletten – oder: Eine etwas andere Art zu töten


 

 
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Federfuchser
Wortedrechsler


Beiträge: 55



BeitragVerfasst am: 10.01.2022 19:51    Titel: Pilzbuletten – oder: Eine etwas andere Art zu töten eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Glauben Sie mir, Herr Kommissar, das alles wäre nicht passiert, wenn ich weniger auf meinen Mann und mehr auf mein Bauchgefühl gehört hätte. Hätte, hätte, Pilzbulette – hat aber nicht sollen sein, und hinterher ist man immer schlauer.
  Es fing damit an, dass wir eine Radtour durchs Weserbergland planten. Heimfried meinte, mein alter Drahtesel – eine Hinterlassenschaft meiner Mutter, an der ich sehr hänge – sei nicht mehr mittelgebirgstauglich. Bei dem ständigen Auf und Ab in dieser Gegend, vor allem beim Ab, müsse man sich auf die Bremsen verlassen können, und überhaupt, mit solch einem Fahrrad machte ich mich doch lächerlich.
  Gut, ich gebe gerne zu, sehr up to date ist der alte Drahtesel tatsächlich nicht. Außer der Rücktrittbremse besitzt er noch eine dieser altertümlichen Vorderradbremsen; man zieht einen Hebel an, ein Gummistempel drückt auf den Mantel des Vorderrades – ziemlich steinzeitlich, diese Bremstechnik, und eine Gangschaltung hat er auch nicht.
  Na ja, Hand aufs Herz, zum Brötchen holen reicht es, aber für eine ausgedehnte Radtour, und dann noch im Bergland? Da musste ich meinem Mann Recht geben. Trotzdem, als der Verkäufer seinen Sermon abließ, überkam mich das dringende Gefühl, dass das neue Fahrrad nicht die rechte Wahl war, und dass irgend etwas schief laufen würde. Ich täuschte mich nicht, es lief etwas schief. Nun, wir kauften das teure Tourenrad – eine Beschreibung erübrigt sich.
  Das Unglück geschah hinter einer abschüssigen Kurve. Das Reh wechselte hart vor mir die Straßenseite, ich trat und zog reflexartig alle drei Bremsen, das Rad stand – ich erinnere mich noch an eine große Kraft, die mich aus dem Sattel katapultierte, an eine schwarz-glänzende Fläche, die in rasender Eile auf mich zukam; ein gewaltiger Schlag ins Gesicht – dann war Funkstille.
  Als ich die Augen wieder aufschlug und den weißen Knubbel sah, der mal meine Nase gewesen war, dachte ich: Scheiße, scheiße, scheiße. Ein bebrillter Glatzkopf in einem grünen Kittel beugte sich über mich und sprach seltsame Worte, nämlich: „Frau Wolters, Ihre Nase bekommen wir wieder hin, aber auf Ihrer Stirn werden Narben zurückbleiben.“
 Heimfried saß daneben und vernahm die Botschaft schweigend und mit unbewegtem Gesicht, offensichtlich bemüht, sich nichts anmerken zu lassen.
  Wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich heute weiß, wäre mir nie in den Sinn gekommen, in seiner starren Miene die stumme Erschütterung über den tragischen Unfall zu sehen. Nein, es war keine Erschütterung und kein Entsetzen, was in seinen Augen wetterleuchtete, es waren die ersten Überlegungen, wie er mich wieder loswerden könnte.

                                                                                     *
  Und ich sollte mich nicht täuschen.
Zunächst fing alles ganz harmlos an, wie häufig in solchen Fällen; der Gedanke, dass Heimfried eine perfide Strategie ausbrütete, lag mir so fern wie nur irgendetwas.
  Es war während der Hitzewelle mit dieser widerlichen Wespenplage.
  Trotzdem bestand Heimfried an einem brüllend heißen Sonntagmorgen darauf, das Frühstück draußen auf der Terrasse einzunehmen. Also deckte ich draußen; Butter, Wurst, Marmelade, alles mit Insektenschutzkuppeln versehen.
  Wir setzten uns zu Tisch, er legte die Butter frei – und schon waren die ersten Wespen da. Ich habe nie begriffen, wie ihr Nachrichtensystem funktioniert, auf jeden Fall effektiver als unseres auf dem Lande, Funklöcher scheinen diese Biester nicht zu kennen. Heimfried nahm eine Gabel – und titsch! eine Wespe steckte in der Butter, und titsch! noch eine und titsch! eine weitere.
  Es war ekelhaft. Die Tiere versuchten verzweifelt frei zu kommen, sie krümmten und bogen sich, ich sah, wie sie in ihrer Not den Stachel ausfuhren und ins Leere stachen.
  Ich war so perplex, dass ich zunächst kein Wort hervorbrachte. Als ich mich wieder gefasst hatte (da sah die Butter bereits aus wie ein hellgelber Igel), sagte ich: „Lass das, Heimfried, das ist ja ekelhaft!“ Er daraufhin: „Wieso ekelhaft? Mir macht´s Spaß.“
  Wie schon gesagt, noch dachte ich an nichts Böses. Heimfried ist dreizehn Jahre älter als ich, und trotzdem wirkt er manchmal wie ein großer Junge, der noch nicht richtig erwachsen ist: Immer den Schalk im Nacken, immer einen halbgaren Spruch auf den Lippen, immer einem Schabernack auf den Fersen, (und das, wo er einen dicken Posten bei einer Großbank bekleidet, irgendwie bizarr, diese Vorstellung).
  Als ich ihn einmal darauf ansprach, lachte er und sagte, ein Mann, der sich nicht manchmal wie ein Lausejunge benimmt, sei kein rechter Kerl (auch einer seiner Sprüche). Dieser Unernst war übrigens ein Grund, warum ich ihn überhaupt in mein Herz hineinließ, vielleicht sogar d e r Grund – obwohl ich wusste, dass ich mit ihm wegen des Altersunterschieds auf Risiko ging. Der Mann meiner Freundin Moni ist zehn Jahre älter als sie, mittlerweile dreiundneunzig und seit sechs Jahren ein Pflegefall, und Moni, der ich nichts Böses nachsagen will und die immer noch fast so fit wie ein Turnschuh ist, wartet und wartet und wartet …
  Der Altersunterschied war mir damals, als Heimfried um meine Hand anhielt, ehrlich gesagt völlig schnuppe. Ich habe lange genug unter einem erwachsenen Voll-Mann gelitten, der keine halbgaren Sprüche von sich gab, dafür aber umso mehr vollmundige Ermahnungen, nämlich unter meinem Herrn Vater, der manchmal wirkte, als sei er nie jung gewesen. So gesehen war Heimfried ein erfrischender Gegenentwurf, trotz des Altersunterschiedes.

  Als Heimfried am nächsten Morgen damit anfing, Wespen in der Marmelade zu versenken, machte ich gute Miene zu bösem Spiel, ergriff einen Löffel und schlug mutig zwei Wespen in die Butter.
  Er blickte mich verblüfft an, seine Augen waren zwei schmale Schlitze, dann grunzte er etwas, das ich nicht verstand, und hörte mit dem Wespenversenken auf. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass ich ihm ohne großes Getöse den Wind aus den Segeln nehmen würde.
  Am nächsten Morgen, die Hitze war geradezu mörderisch, interessierten ihn die Wespen nicht mehr. Schon dachte ich erleichtert, na siehst du wohl, Gisela, das war die richtige Reaktion, jetzt ist´s ausgestanden – war´s aber nicht, denn anderntags holte Heimfried zum nächsten Streich aus, und der war nun überhaupt nicht mehr lustig, sondern eine ausgewachsene Flegelei. Er krümmte nämlich den Zeigefinger und schnippte mir, als ich gerade ein Mettbrötchen in den Mund schieben wollte, eine Wespe genau mitten ins Gesicht.
  Ich knallte wütend das Mettbrötchen auf den Teller, sprang auf und schrie: „Heimfried, bist du wahnsinnig geworden? Was soll das?“ Er darauf: „Reg dich nicht auf, war nicht so gemeint!“ Ich: „Wie war es dann gemeint?“ Er blickte betreten vor sich hin und schwieg.
  Der Appetit war mir gründlich vergangen; ich ließ ihn einfach sitzen und ging in die Küche. Während ich das Geschirr vom Vortag abwusch, setzte sich in meinem heißen Kopf ein Gedanke fest, der umso schwärzer wurde, je mehr ich versuchte, ihn abzuschütteln: Sollte tatsächlich –
  Nein, das durfte, das konnte nicht wahr sein! Es wäre zu grausam und würde überhaupt nicht zu dem Mann passen, mit dem ich gefühlt eine kleine Ewigkeit friedlich verheiratet war und den ich halbwegs zu kennen meinte!
  Und doch –
  Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Heimfrieds seltsames Verhalten datierte seit dem Tag, an dem ich aus dem Krankenhaus zurück war – nein früher, als der Arzt seinen Spruch fällte! Seitdem hatte er mich nicht mehr richtig angesehen, und wenn, dann nur mit zusammengekniffenen Augen, wie vorhin. Und auch die langstielige rote Rose, die er mir sonst immer zum Wochenende überreichte, war ausgeblieben. Ich hatte ihn nicht darauf angesprochen, warum auch, mein Gott, nach so vielen Ehejahren verläuft so manches im Sande, wie man so sagt, und auf eine fadenscheinige Ausrede war ich nicht erpicht. Zu seinen Gunsten und meiner Beruhigung nahm ich Arbeitsüberlastung an und schwieg.
  Doch jetzt ahnte ich die Wahrheit! Meine Stirn!
  Meine Stirn war immer noch die reinste Kraterlandschaft, die ich auch nicht vollständig wegschminken konnte, und dieser Anblick war ihm anscheinend unerträglich.
  Ich fühlte, wie mir die Knie weich wurden und musste mich setzen.
Verzeihen Sie, wenn ich meinen Bericht hier unterbreche, aber ich muss ein paar Kleinigkeiten mitteilen, die zum Verständnis des absurden Theaters, das jetzt begann, unbedingt nötig sind.
  Ich bin Heimfrieds zweite Frau. Von der ersten hatte er sich nach seinem Karrieresprung getrennt, als er in den Vorstand der Bank aufrückte. Er gab mir gegenüber offen zu, sie sei ihm nicht mehr repräsentativ genug gewesen, er brauchte eine Begleiterin an seiner Seite, die mit den anderen Damen des Vorstandes konkurrieren könne, schließlich stehe er ab jetzt nicht nur unter der Beobachtung der Finanzwelt, sondern auch der Regenbogenpresse: Kurz – Heimfried nahm mich, die zweifache Weinkönigin mit der blendenden Erscheinung und der makellosen Haut, und die zu seinem piekfeinen Posten passte; ich bekam einen gut aussehenden, erfolgreichen Mann, der sich diametral von meinem Vater unterschied. Wo war das Problem?

                                                                                      *
  Können Sie sich jetzt vorstellen, warum ich so verwirrt war, als mir Heimfried unter heiterem Himmel die Wespe ins Gesicht schnippte? Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Dass es nicht aus Versehen geschah, hatte er ja selbst zugegeben. Und darauf können Sie Gift nehmen, Heimfried hat noch nie etwas aus Versehen getan, zumindest nicht, solange ich mit ihm zusammen war.
  Jetzt endlich dämmerte mir, wie es gemeint war: Er verabscheute mein Gesicht! Jetzt ahnte ich, was mir all die Jahre verborgen geblieben war: Mein Mann hatte keine Frau geheiratet, sondern ein Gesicht, das perfekte, makellose, heitere, sorgenfreie Gesicht einer schönen Frau, mit dem er 'repräsentieren' konnte. Diese manchmal übertriebene Fürsorge, die er mir in all den Jahren angedeihen ließ, dieses mein Täubchen hier, mein Turtelchen da, diese Überversorgung mit Geld und Personal, das alles diente nur zu dem einzigen Zweck, mein Gesicht möglichst lange und auf natürlichem Wege faltenfrei zu halten, ohne aufwändige Hilfsmittel, die hatte er kategorisch abgelehnt, erlaubt war höchstens ein leichtes Peeling.
  Plötzlich verstand ich auch seinen Ausspruch, den er einmal machte, als er mich in meinem Bodoir beim Schminken besuchte (was allerdings nur gelegentlich vorkam): „Übertreib es nicht, mein Täubchen, ich habe das Original geheiratet, nicht die Kopie.“
  Allerdings muss ich zugeben, damals waren die Narben noch deutlicher zu erkennen als jetzt; von den seelischen Verwerfungen, die diese Tatsache bei mir anrichtete, rede ich nicht: Nur so viel: Der makellose Spiegel war für immer zerbrochen.
  Der Doktor hatte gesagt, bei entsprechender Pflege sehen Sie nach einem halben Jahr so gut wie nichts mehr. Der Idiot! So gut wie nichts! Ja, aus zehn Meter Entfernung, aber nicht vor dem Toilettenspiegel, und schon gar nicht beim abendlichen Tete à Tete! Ich sagte Heimfried, wenn er in ein halbwegs narbenfreies Gesicht sehen wolle, müsse ich mich stark schminken oder die Haare über die Stirn frisieren, aber er polterte nur: „Hab ich ein Bild mit Vorhang gekauft?“, stand auf und ging weg.

Forts. folgt

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Es ist nicht schlimm, alt zu werden, man muss nur jung dabei bleiben.
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Alexandra
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BeitragVerfasst am: 11.01.2022 19:53    Titel: Antworten mit Zitat

Hej Federfuchser,

ich habe mich sehr amüsiert bei deiner Geschichte und warte nun ungeduldig auf die Fortsetzung.

Korrekturen habe ich keine. Ich war so in die Geschichte vertieft, dass ich auf nichts achtete.

Mir gefällt die Leichtigkeit, der stille Humor und dachte spontan an "Pilzbuletten mit Kugelfischsoße".

LG, Alexandra
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percaperca
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BeitragVerfasst am: 13.01.2022 13:06    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Federfuchser,

die Frau eines Bankvorstandsmitgliedes, die am Morgen danach das benutzte Geschirr des Vortages von Hand abspülen muss? Fast wäre man versucht, die Geschichte historisch zu lesen - als Zeit jene annehmend, in der Thomas Mann noch nicht nicht im Exil war. Aber das von Dir ins Spiel gebrachte Touren-Fahrrad mit seinen drei(?) giftigen Bremsen scheint eins der heutigen Zeit zu sein.

Tatsächlich eine Frau aus der heutigen Oberschicht, die keine Spülmaschine besitzt? Die noch von Hand an den eingetrockneten Töpfen des Vortages(!) herumkratzt und mit dem Küchentuch abtrocknet?

Sorry, aber das ist ein Spürchen zu dick. Ein heutiger Bankaufsichtsrat weiß, was sich gehört, kauft seinem Gespons nicht nur einen leistungsfähigen Geschirrspüler, sondern (statt eines "teuren Torurenrades") gleich ein E-Bike. Von dem kann sie genauso herunterfallen wie von jedem anderen Radl, hat aber jedenfalls dabei die für die geschilderten Verletzungen notwendige Geschwindigkeit.

Wenn Du die Geschichte fortsetzen möchtest, solltest Du besser auf das Ambiente achten, in dem sich derartige Emporkömmlinge bewegen. Auch wenn beide keine Sympathieträger sind, solltest Du sie nicht wie Einwohner von "Rumpel an der Knatter" darstellen. Sie wohnen und bewegen sich, echt oder unecht, nicht im Gewühl der Straße, sondern im "gehobenen Milieu". Das kann noch viel betrüblicher Sein als ein Dasein mitten auf der Straße - aber es sollte entsprechend dargestellt werden. Sonst bleibt das G'schichterl ein bisschen dünn.

lg

percaperca
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Alexandra
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BeitragVerfasst am: 13.01.2022 14:08    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Tatsächlich eine Frau aus der heutigen Oberschicht, die keine Spülmaschine besitzt? Die noch von Hand an den eingetrockneten Töpfen des Vortages(!) herumkratzt und mit dem Küchentuch abtrocknet?

Sorry, aber das ist ein Spürchen zu dick. Ein heutiger Bankaufsichtsrat weiß, was sich gehört, kauft seinem Gespons nicht nur einen leistungsfähigen Geschirrspüler, sondern (statt eines "teuren Torurenrades") gleich ein E-Bike. Von dem kann sie genauso herunterfallen wie von jedem anderen Radl, hat aber jedenfalls dabei die für die geschilderten Verletzungen notwendige Geschwindigkeit.

Hej,

der Ehemann will seine Frau schlank und makellos wie ein Bild haben. Unwahrscheinlich, dass er ihr ein E-Bike kauft. Das Tourenrad trägt eine völlig andere Botschaft nach draußen als ein E-Bike.

Es gibt Geschirr, das in einem Geschirrspüler nichts zu suchen hat. Das vorsichtig von Hand gespült werden muss. Und manchmal kann man beim Töpfe auskratzen eine Menge Aggression abarbeiten. Ich kenne keinen Geschirrspüler, der Eingebranntes/Eingetrocknetes aus den Töpfen bekommt. Selbst in Großküchen werden Töpfe vorgereinigt bevor sie in die Industrie-Spülmaschinen wandern, sofern sie reinpassen.

Alexandra
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percaperca
Schneckenpost


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BeitragVerfasst am: 14.01.2022 00:08    Titel: Antworten mit Zitat

Eingebrannte Töpfe?

Davon steht in dem Text nichts. Ich las vielmehr:
Zitat:
Während ich das Geschirr vom Vortag abwusch, setzte sich in meinem heißen Kopf ein Gedanke fest

Und dass man als Aufsichtsrat einer Bank noch so jung ist, dass man das Gewicht seiner Gattin via "Tourenfahrrad" kontrollieren müsste, ist auch nicht recht schlüssig - im Text heißt es doch:
Zitat:
nach so vielen Ehejahren verläuft so manches im Sande

Natürlich muss man nicht auf jede Kritik hören - wir sind ja nicht mehr in der Schule. Aber anhören sollte man sie sich schon. Immerhin hat der Kritiker den Text sorgfältig gelesen und sich dazu aufgeschwungen, etwas anzumerken. Davon lebt ein Forum wie dieses.

lg

percaperca
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wunderkerze
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BeitragVerfasst am: 16.01.2022 13:23    Titel: Antworten mit Zitat

Ich will weder durch Lob ruiniert noch durch Kritik gerettet werden. Allerdings: nicht mit Erfindungen, sondern mit Verbesserungen macht man Vermögen.
(Henry Ford)
Also verbessere ich ohne mir einen Zacken aus der Krone zu brechen. Dass die Puztfrau nicht da ist, liegt vl. am Sonntag. Aber dass die Dame ihre zarten Fingerchen mit Spülicht benetzt ist relativ unwahrscheinlich. Also wird sie eine Spülmaschine benutzen. Da sieht man mal wieder, wie das Milieu den Autor prägt, obwohl er nicht in "Rumpel an der Knatter" wohnt. Vielen Dank für den Hinweis.
Aber, verdammt nochmal, müssen denn alle Leute gleich ein E-Bike benutzen? Sie nennen such grün, fahren mit dem Auto ans Meer und steigen vom Verbrenner auf den E-Motor um. Meine beiden sind vl. keine Sympathieträger, aber dafür umweltbewusst.
Vielen Dank percaperca und Alexandra, dass ihr euch mit meiner Geschichte befasst habt. Über weitere sachdienliche Hinweise würde ich mich freuen.

Weiter geht´s.



   Am anderen Morgen, einem Montag, wachte ich durch ein eigenartiges Geräusch auf, das sich wie Wasser anhörte, das an eine Wand spritzt. Ich schlug die Augen auf und erblickte Heimfried – er hatte die Badezimmertür aufgelassen (damals vermutete ich noch aus Nachlässigkeit) – wie er ins Waschbecken pinkelte. Im Spiegel konnte ich sein Gesicht sehen. Es sah über die Maßen einfältig aus. Ich kann ja verstehen, dass das Abschlagen der letzten Tropfen für einen Mann eine ernsthafte Angelegenheit ist, die keinen Raum für tiefschürfende Gedanken lässt, aber dass man dabei wie ein Idiot aussehen muss war mir neu. In diesem Moment kam mir der ganze Kerl gewöhnlich, ja widerwärtig vor. Unsere Augen trafen sich; ich drehte mich um und tat so, als habe ich nichts gesehen.
   Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich haben nichts gegen Urin, auch nicht gegen Männerurin. Im Urin steckt Heilkraft; als kein Mittel mehr half, erlöste mich meine Mutter – ich war damals sechs oder sieben – mit Eigenurin von der Mundfäule. Und es gibt genug Putzmittel von durchschlagender Wirkung.
   Als Heimfried aus dem Badezimmer raus war, stand ich auf, nahm eine Flasche Scheuersand, wienerte sein Waschbecken (jeder hat ein eigenes) gründlich ab und spülte reichlich nach. Ich dachte: Besser, er pinkelt ins Waschbecken als stehend ins Klo, denn da spritzt es noch mehr.
   Am nächsten Morgen war ich schon wach, als Heimfried aufstand, ins Badezimmer ging und die Tür hinter sich schloss. Ich hörte die Klospülung, dann die Dusche.
   Erleichtert atmete ich auf. Es war wohl gestern nur ein einmaliger Ausrutscher gewesen, dachte ich, eine gedankenlose Bequemlichkeit, man weiß ja, dass Männer manchmal mit allem Möglichen denken, nur nicht mit dem Verstand.
   Freudig deckte ich den Frühstückstisch.
   Das Frühstück verlief stumm, Heimfried hinter seiner Zeitung, ich hinter der Kaffeekanne, also wie meistens in letzter Zeit. Irritierend war allerdings, dass er mehrmals die Zeitung sinken ließ und mir in einer provozierend schadenfrohen Weise auf die Stirn starrte, auf diese arme Stirn, die jetzt, schauen Sie, Herr Kommissar, immer noch nicht vollständig verheilt ist.
   Heimfried verließ das Haus, ich ging nach oben, denn die Putzfrau musste jeden Moment kommen und ich wollte kein Risiko eingehen. Als ich mich dem Becken näherte, sah ich die Bescherung: Heimfried hatte nicht nur ins Becken, sondern auch an die Wand dahinter gepinkelt, Wand und Armaturen waren tropfnass, und das Badezimmer roch stark nach Morgenurin. Mein erster Gedanke: Dies ist kein hirnloser Streich, das ist eine scharf kalkulierte Provokation! Mein zweiter: Noch eine Kleinigkeit, und ich packe!  
   Als er am Abend nach Hause kam, wollte ich ihn zur Rede stellen, aber er war schon zu.
   „Was willst du“, brüllte er mich an, „ich bin bekennender Stehpinkler!“ Verdutzt fragte ich: „Seit wann?“ Er: „Seit vorgestern Morgen!“  
   „Willst du die Scheidung?“, fragte ich, um Fassung bemüht.
   Er, triefend von Hohn: „Das könnte dir so passen! Auch noch mit meinem Geld abhauen!“
   Das war natürlich blanker Unsinn, bei einer Scheidung würde ich den kürzeren ziehen. Außerdem habe ich sein Geld gar nicht nötig, ich besitze selbst mehr als genug.
   Er knallte die Tür zu und stiefelte in sein Arbeitszimmer hoch.

                                                                                     *
   Nein! Ich schwöre! Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch in keinster Weise daran, ihn umzubringen – zumindest geplant hatte ich noch nichts. Noch waren die seelischen Verletzungen nicht stark genug, um einen Mord zu begehen. Auch sein Ausspruch: Statt des Waschbeckens solltest du mal dein Gesicht gründlich abscheuern! änderte daran nichts. Es stürzte mich nur noch tiefer in Verzweiflung.
   Doch am Freitagmorgen dieser furchtbaren Woche – und, Sie werden lachen, Herr Kommissar, es war ausgerechnet der dreizehnte – da tat er etwas, was das Fass zum Überlaufen brachte: Er pinkelte an den Spiegel über meinem Waschbecken!
   Schon als ich die Badezimmertür öffnete, sah ich die Schlieren. Die Botschaft war eindeutig: Er hatte nicht den Spiegel, sondern mein Gesicht gemeint! Und als nächstes –
   Spätestens jetzt war mir klar, dass er mit den Sticheleien nicht aufhören würde, entweder wollte er mich ins Irrenhaus bringen oder sonstwie fertig machen. Mir wurde siedendheiß bewusst: Diese Verbindung war ohne Zukunft; mehr noch, sie würde immer mehr zur Qual werden.

   In den nächsten Wochen und Monaten lernte ich zwei Charakterzüge an mir kennen, von denen ich bisher keine Ahnung hatte: Den unbedingten Willen, ein Vorhaben auch auszuführen, egal wie hoch die Widerstände sind, und eine geradezu erschreckende Kaltblütigkeit, gepaart mit absoluter Ehrlichkeit. Ich nahm mir vor, Heimfried von meinem Vorhaben in Kenntnis zu setzen, schließlich sollte er gewarnt sein, das erforderte schon der Anstand zwischen Eheleuten. Andererseits durfte die Warnung nicht allzu deutlich ausfallen; wichtig für meinen Plan war, dass er zwar meine Entrüstung ernst nahm, sich aber weiterhin in Sicherheit wiegte.
   Als er an dem Abend nach Hause kam, ging ich wie eine Furie auf ihn los (ich erlaubte ihm noch nicht einmal abzulegen). „Das hast du nicht umsonst gemacht, du Schwein!“, schrie ich ihn wütend an (es gelang mir sogar, vor Wut zu zittern), „willst du mich ins Irrenhaus bringen? Eher bringe ich dich um! Darauf kannst du Gift nehmen!“
   Er, in Hut und Mantel: „Gisela, nun halt mal die Beine still! Wie willst du das denn anstellen? Etwa mit Rattengift im Kaffee? Dass ich nicht lache! (er lachte wirklich) Und wie willst du verhindern, dass ich nicht schnurstracks zum Arzt renne? Da müsstest du mich schon festbinden, und das möchte ich sehen!“
   Besser konnte es nicht laufen! Ich hatte ihn gewarnt, aber er nahm die Warnung nicht ernst. Ich tat so, als wäre ich vor Wut sprachlos, drehte mich um, knallte die Tür zu und lief auf mein Zimmer.

  Am anderen Morgen stand ich erst auf, als er schon aus dem Haus war, und machte mir einen starken Kaffee. In der Nacht hatte ich mir noch einmal alles durch den Kopf gehen lassen; nicht, dass ich in meinem Entschluss schwankend geworden wäre – dafür waren die Verletzungen zu groß – aber die einzelnen Schritte mussten sorgfältig erwogen und geplant werden. Zu diesem Plan gehörte zunächst, dass ich ihm vorgaukelte, ich habe mich wieder beruhigt und habe vor, die Beleidigung wenn nicht zu vergessen, so doch zu verdauen, und wolle nun wieder zur Tagesordnung zurückkehren.
   Als er am Abend zurückkam, empfing ich ihn, sorgfältig geschminkt und als wäre nichts gewesen. Er sah mich kurz an, in seinem Blick lag ein Mix aus Erstaunen und Enttäuschung, dann ging er nach oben.
Ein weiterer Teil meines Plans sah vor, meine Rolle als fürsorgende Hausfrau wieder aufleben zu lassen. In der letzten Zeit hatte Heimfried immer häufiger aushäusig gegessen (nur zu verständlich bei der gegenwärtigen Schieflage des Haussegens), und ich war froh gewesen, das Ekel nicht auch noch bekochen zu müssen.
   Doch nun sah die Sache anders aus. Ich fragte ihn, ob er nicht mal wieder am heimischen Herd speisen wolle, die ewige Kantinenkost sei doch auf die Dauer gesundheitsschädlich. Außerdem könne es so nicht weitergehen, schließlich habe uns ein grausames Schicksal mit glühenden Ketten aneinandergeschmiedet, und irgendwie müsse man ja einen modus vivendi finden. Ich jedenfalls sei dazu bereit. Wenn wir schon getrennt in punkto Bett seien, müsse das ja nicht unbedingt auch bei Tisch zutreffen.
    Er blickte mich erstaunt an und grunzte: „Ich wusste gar nicht, dass du unter die Dichter und Denker gegangen bist!“, aber meinen Vorschlag, zum Abend Frikadellen zu essen, nahm er an. Er hatte sich wieder gefangen; ich vermute, weniger aus innerer Überzeugung, sondern vielmehr weil er beruflich unter Druck stand.
   Ich will jetzt keine Küchendünste heraufbeschwören und kürze ab. Etwas sechs Wochen später – es hatte sich feucht-warmes Spätsommerwetter eingestellt – fragte ich ihn morgens beim Kaffee, ob er mit Buletten an gebratenen Pilzen, Salzkartoffeln und Gemüse auf den Abend einverstanden sei. Er nickte.
   Als er weggefahren war, fuhr ich zu der Stelle, an der ich am Vortage fündig geworden war.
(Ende folgt)


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wohe
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BeitragVerfasst am: 17.01.2022 12:55    Titel: Antworten mit Zitat

Das Spülmaschinenproblem: geschenkt. Vllt nicht ganz schlüssig (da haben sich meine Vorkommentatorinnen ja drüber ausgelassen), aber eine Marginalie im Verhältnis zum ansonsten sehr gelungenen Text.
Amüsant geschrieben und spannend.
Wobei: entweder ist das verletzende Verhalten des Mannes nicht ausgeprägt genug für Mordabsichten oder dies ist gewollt und deutet auf Probleme bei der Frau hin.
Schaun wir mal. Jedenfalls gern gelesen.

MfG Wohe
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wunderkerze
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BeitragVerfasst am: 22.01.2022 13:41    Titel: Antworten mit Zitat

High Federfuchser!
Wann kommt denn das Ende?


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Federfuchser
Wortedrechsler


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BeitragVerfasst am: 23.01.2022 12:42    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Heimfried kam gegen acht. Er setzte sich zu Tisch und aß mit guten Hunger. Ich sagte, ich habe schon gegessen, acht Uhr sei mir einfach zu spät. Ich beobachtete ihn, wie er Senf auf die Buletten klatschte, gebratene Pilze drauflegte und eine nach der anderen hinter seinem Raubtiergebiss verschwinden ließ.
   Ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht. Warum auch? Erstens war er gewarnt, und – hatte er irgendwelche Bedenken geäußert? Nein, hatte er nicht. Und, Hand aufs Herz, sollte er wirklich angenommen haben, ich hätte ihm verziehen, das wäre doch schon wieder eine verdammte Beleidigung gewesen; damit hätte er doch nur gezeigt, für wie dämlich er mich hielt!
   Etwa zwei Tage später setzte die erhoffte Wirkung ein. Ich weiß nicht, Herr Kommissar, ob Sie die Symptomatik einer Knollenblätterpilzvergiftung kennen – ja? Dann kann ich mich kurz fassen. Beim ersten Anfall ging er von einer harmlosen Magenverstimmung aus. Natürlich ahnte er nicht im Entferntesten, was da auf ihn zukam. Woher auch. Ich riet ihm, ein paar Magenbitter zu trinken, die würden seinen Magen gehörig aufräumen. Das war übrigens das einzige Mal, dass ich nicht aufrichtig zu ihm war.
  Und so war´s dann auch. Tags darauf fühlte er sich wieder beschwerdefrei – was er nicht ahnte:  Seine Leber war gerade dabei, sich in eine formlose Masse zu verwandeln, denn, wie Sie sicherlich wissen, Alkohol verstärkt die Wirkung des Amanitins, und er hatte kräftig zugelangt. Nach zwei Tagen setzte der Rückfall ein; ich bot ihm an, mit ihm zum Arzt zu fahren. Als ich ihn ins Auto bugsierte, war er bereits so schwach, dass er sich nur mit Mühe auf dem Sitz halten konnte. Ich band ihn fest und verklebte ihm den Mund. Um seine Qualen abzukürzen, stellte ich den Motor an und ließ die Scheiben herunter. Als ich am anderen Morgen nach ihm sah, atmete er nicht mehr.
    So, jetzt könnte ich eigentlich ein Käffchen gebrauchen, aber bitte mit Zucker. Lässt sich das machen?

                                                                                 2
   Der junge Kommissar betrachtete die Frau, wie sie den Zucker einstreute und sorgfältig umrührte. „Befindet sich Ihr Mann immer noch in der Garage?“, fragte er.
   Sie sah ihn belustigt an. „Ts, ts, ts ... Was ist bloß mit euch Männern los?“, höhnte sie. „Nur weil ich blond bin, weil meine Haare die Stirn verdecken und weil ich für mein Alter noch vergleichsweise gut aussehe, haltet ihr mich gleich für geistesgestört!“ Sie lachte ungut. „Pah! Ich bin doch nicht so blöd und liefere der Polizei das Hauptbelastungsmaterial auch noch auf dem Silbertablett frei Haus!“
   „Wo ist er dann?“
   Ein krachender Donner verhinderte zunächst die Antwort. „Ich weiß es nicht“, sagte sie, als es wieder ruhig war.
   Der Kommissar beugte sich vor. „Wieso wissen Sie das nicht? Sie haben die Leiche doch weggeschafft, oder sehe ich das falsch?“
   „Das sehen Sie goldrichtig, junger Mann! Trotzdem weiß ich es nicht!“
   Die Faust des Kommissars knallte auf den Tisch, sodass die Tasse einen kleinen Hüpfer machte. „Frau ... äh –“
   „Wolters, Gisela.“
   „Frau Wolters“, rief er überlaut, „jetzt ist Schluss mit lustig! Sie haben mir gerade ein Gewaltverbrechen geschildert, einen Mord, an dem Sie nach ihren Worten maßgeblich beteiligt waren, wenn nicht sogar als Täterin! Also ist dies ab jetzt eine Mordermittlung! Wenn Sie nicht aussagen, werde ich für Sie Erzwingungshaft beantragen!“ Sehr überzeugend wirkte diese Tirade nicht, das Äh vorhin hatte ihr die Kraft genommen.
   „Das können Sie gar nicht, denn ein Beschuldigter muss nicht gegen sich selbst aussagen, Sie Schlaumeier. Aber wenn Sie jetzt schön brav zuhören, erklär ich´s Ihnen.“
   Der Kommissar machte ein Geräusch wie ein platzender Fahrradschlauch. „Ich höre! Aber bitte ohne Umschweife!“
   „Als ich sicher war, dass sich Heimfried nicht mehr bewegte, fuhr ich mit ihm zur Aussichtsplattform über dem Höllentor – Sie wissen?"
   „Sie meinen die Stelle, wo der Ellerbach im Untergrund verschwindet?“
   „Genau die meine ich.“
   „Weiter!"
   „Wegen des Gewitters war niemand da. Ich fuhr ganz nah an die Brüstung heran, schob Heimfried aus dem Auto und kippte ihn unter der Brüstung hindurch den Steilhang hinunter. Der Bach hatte sich bereits in ein schäumendes Inferno verwandelt, und nach wenigen Sekunden war der Gute im Schwundloch verschwunden.“
   Frau Wolters schwieg. Draußen tobte das Gewitter, dicke Regentropfen klatschten gegen die Fensterscheiben.
    Kommissar sagte: „War das nicht ziemlich riskant? Wenn Sie auf der Fahrt jemand beobachtet hätte! Wenn es weniger geregnet hätte! Wenn –“
   „Hätte, hätte, Pilzbulette! Hat aber nicht!“, unterbrach ihn die Frau, „ich hab Augen im Kopf, und die Wetterapps sind erstaunlich zuverlässig. Ich nehme mal an, Heimfried befindet sich mittlerweile irgendwo in einer Karsthöhle weit weg von hier, wo niemand mehr an ihn herankommt. Es sei den, Sie sprengen das halbe Karstgebirge in die Luft.“
   Der Kommissar starrte die Frau eine Weile ungläubig an, dann kam Bewegung in ihn. Er stand hastig auf und sagte mit lächerlich ernstem Gesicht: „Frau Wolters, ich nehme Sie vorläufig fest wegen des Verdachts, Ihren Mann Heinrich –“
   Frau Wolters lachte schallend. „Mein lieber junger Mann“, keuchte sie, „reden Sie keinen Unsinn! Sie haben nicht das geringste Beweismaterial gegen mich in der Hand! Heimfried hat auch seinen Darminhalt mit den Pilzresten in die Unterwelt mitgenommen, und Sie glauben doch nicht wirklich, dass Ihre Spürnasen in meiner Küche noch den kleinsten Pilzrest finden. Haben Sie was schriftlich, ein Tondokument? Ein Indiz? Haben Sie nicht! Also lassen Sie den Quatsch und setzen Sie sich wieder!“
   „Ja aber –“ Der Kommissar bekam rote Ohren. „Wenn Sie sich so sicher fühlen, warum haben Sie mir das dann überhaupt erzählt?“, fragte er tonlos und setzte sich.
   Frau Wolters blickte ihn fast liebevoll an. „Weil ich die Reaktion eines Insiders benötigte. Wissen Sie, ich bin Hobby-Schriftstellerin und wusste nicht so recht, ob diese Geschichte glaubhaft ist. Das Urteil von Freunden und Verwandten – na ja, Schwamm drüber. Jetzt weiß ich: Sie ist es, und ich kann sie in ein Literaturforum einstellen, ohne mich zu blamieren. Vielleicht ein bisserl zu lang, aber kürzen kann ich immer noch. Also: Ich habe Ihnen einfach eine Geschichte erzählt, und nichts weiter! Sollte ich Ihre kostbare Zeit vergeudet haben, bitte ich höflich um Entschuldigung, aber mehr als zwanzig Minuten waren es nicht. Ich hab auf die Uhr geschaut. Vielleicht steht hier ja irgendwo eine Kaffeekasse.“
   Frau Wolters stand auf. „Bemühen Sie sich nicht, ich finde alleine hinaus.“ In der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Ach übrigens – wo kann ich hier eine Vermisstenanzeige aufgeben?“
   Der Kommissar zog ein kariertes Taschentuch hervor und wischte sich die Stirn. „Bei mir. Wer wird denn vermisst?“
   „Mein Mann, Heimfried Wolters. Seit drei Tagen.“

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Rübenach
Geschlecht:männlichExposéadler


Beiträge: 2898



BeitragVerfasst am: 23.01.2022 14:02    Titel: Antworten mit Zitat

Riskante Strategie deiner Protagonistin.

https://de.wikipedia.org/wiki/Todesfall_Rudolf_Rupp


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Erich Maria Remarque.
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Baku Nin
Erklärbär


Beiträge: 4



BeitragVerfasst am: 23.01.2022 14:56    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Federfuchser,

Deine Geschichte nimmt zwei überraschende Wendungen am Schluss, erst die mit der Schriftstellerin, dann die mit der Vermisstenanzeige. Das hat mir gut gefallen.

Als Leser fand ich den ersten Teil flüssig geschrieben und spannend. Er machte Lust auf den zweiten Teil. Beim zweiten Teil bin ich aber in der Mitte ausgestiegen. Die Eskalierung mit dem Urinieren erschien mir unglaubwürdig. Es ging zu schnell und fühlte sich nicht konsistent an mit dem Verhalten und den Gefühlen der beiden. Ich habe dann den Rest des zweiten Teils übersprungen und bin direkt ans Ende. Das hat die Geschichte dann auf überraschende Art abgeschlossen.

Naja, wie das halt so ist, das ist jetzt nur ein Einzeleindruck...
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percaperca
Schneckenpost


Beiträge: 13
Wohnort: Weilheim


BeitragVerfasst am: 26.01.2022 10:55    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Federfuchser,

dass sich die Gattin eines Bankenaufsichtsrates (die, so lässt es die Geschichte vermuten, nicht berufstätig sein muss und oberndein eine Zugehfrau hat) gleich zu einem Mord herbeifindet, wenn sie die gezielt ekelhaften Bedürfnisabschlags-Methodik ihres Ernährers stoppen möchte, nimmt Wunder.

Eine Frau, die bei der Vernehmung durch die Polizei vorgibt, schlauer zu sein als diese erlaubt, kann doch nicht so dumm sein, ihren Alten auf dermaßen umständliche Weise selbst zu entsorgen. Warum kommt sie nicht auf die naheliegende Idee, die Fäkalausflüge ihres Gatten fotografisch zu dokumentieren und ihm zu drohen, damit erst zum Bankdirektor und dann an die Öffentlichkeit zu gehen?   

Der Bänkling würde garantiert sofort zum hush puppy; wo nicht, kann man ja mit Geschichten von häuslichen Gewalt- und Vergewaltingsszenarien nachhelfen und zumindest auf eine Kostengünstige Scheidung hinarbeiten.

Weiblich initiierte Lustmorde haben (abgesehen vielleicht von Ilse Koch) bei uns in Europa eher keine Entsprechung; 93 Prozent aller Gefängnisinsassen sind männlich; bei den Gewaltverbrechen ist der Prozentsatz noch höher.

Dass ein Frau irgendwann anfängt, sich vor ihrem Ehemann zu ekeln, kommt so regelmäßig vor, dass man's gar nicht besonders erwähnen müsste - zum Mord reicht's aber nur in ganz, ganz seltenen Fällen. Wenn man einen solchen seltenen Fall literarisch aufbereiten möchte, sollte man dem Leser erklären, warum die Frau so außergewöhnlich handelte. Sonst hängt's, so wie hier, zu sehr in der Luft.

Und noch was: Der Leiche kommt man in diesem Fall ohne weiteres dadurch auf die Spur, dass man bei Niedrigwasser eine Videosonde durch den Kanal treiben lässt. Die findet alles - auch einen vergifteten Bänkling!

lg

perca
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Federfuchser
Wortedrechsler


Beiträge: 55



BeitragVerfasst am: 26.01.2022 13:31    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo und Dank an alle, die sich mit meiner Geschichte befasst haben.

Zitat: ... gleich zu einem Mord herbeifindet, wenn sie die gezielt ekelhaften Bedürfnisabschlags-Methodik ihres Ernährers stoppen möchte, nimmt Wunder.

Wo steht, dass sie ihn wirklich getötet hat? Sie meldet ihn als vermisst, das kann heißen er ist nicht nachhause gekommen, warum auch immer, sie hat ihn tatsächlich entsorgt, oder was im Sinne der Gesch. wahrscheinlicher ist, es handelt sich um eine weitere Finte der Frau.

Zitat: Warum kommt sie nicht auf die naheliegende Idee, die Fäkalausflüge ihres Gatten fotografisch zu dokumentieren und ihm zu drohen, damit erst zum Bankdirektor und dann an die Öffentlichkeit zu gehen?

Ha, da kann ich nur lachen! Ein Banker, der möglicherweise in der Lage ist, Milliarden zu versenken und dann noch ohne rot zu werden Millionen als Abfindung kassiert, der wird sich doch wegen solch einer Lappalie doch nicht aus dem Sessel hebeln lassen!

Zitat: Die Eskalierung mit dem Urinieren erschien mir unglaubwürdig.

Dieser Vorwurf trifft nicht den Autor, sondern die Erzählerin! Der Komm. jedenfalls hat keine Einwände. Und, warum sollte der Mann es nicht tun? Gut, du nennst es unglaubwürdig, aber ist es deshalb schon unmöglich?

Zitat: Der Leiche kommt man in diesem Fall ohne weiteres dadurch auf die Spur, dass man bei Niedrigwasser eine Videosonde durch den Kanal treiben lässt. Die findet alles - auch einen vergifteten Bänkling!

Die Leiche verschwindet nicht in einem Kanal, sondern in einem unterirdischen Karstbach wie z. B. der Paderborner Hochfläche, einer mehrere hundert Quadtatkilomeret großen Karstgebiet. Der Untergrund ist zerklüftet wie ein Schweizer Käse. Und sollte man die Leiche auch finden, spielt es für die Gesch. keine Rolle.

Diese Erzählung ist ein reines Fantasiegebilde und durch die dichterische Freiheit gedeckt. Man glaubt es oder man glaubt es nicht. Alles ist möglich, nichts ist bewiesen. Die Fantasie springt Purzelbäume. Darauf kam´s mir an. Allerdings: Die Deutungshoheit haben die Lesenden.


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percaperca
Schneckenpost


Beiträge: 13
Wohnort: Weilheim


BeitragVerfasst am: 26.01.2022 14:11    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Federfuchser (oder "Wunderkerze"),

auch bei ausgeprägten Fantasy-Kriminalstückerln sollte man die Logik nicht außer Acht lassen und hier bedenken, welche Stellung ein Aufsichtsrat im Betrieb bzw. in einer Gemeinde hat und was ein Bankunternehmen wohl mit ihm anfängt, wenn die gedemütigte Ehefrau (heutzutage!) der Lokalpresse enthüllt, wie sich der Aufsichtsrat daheim aufführt - das überlebt dessen Karriere nicht. Den nehmen sie nicht mal mehr am Schalter.

Es genügte also vollkommen, das heimische Nähkästchen öffentlich auszukippen, statt mit Buhei einen Mord zu begehen. So klug ist Deine Täterin aber nicht - sie droht nicht mit dem Nähkästchen, sondern schleppt lieber einen Leichnam durch die Prärie.

Dass sie ihren Ehemann nur vemisst gemeldet hätte, muss in einer anderen Geschichte stehen. In der hier gesteht sie dem "jungen Kommissar" ja nicht nur den Mord, sondern erzählt auch, wohin sie den Leichnam geschafft hat. Vielleicht solltest Du Deine Geschichte noch mal durchlesen?

Wie immer du einen unterirdischen Flussverlauf auch nennen willst - mit der modernen Videotechnik kann man ihn ohne weiteres erkunden. Das beliebig lange Kabel ist nur einen halben Zentimeter stark und die Kamera so klein wie ein Datenstick. Der kann sogar schwimmen und kommt mit der Strömung mindestens so weit wie der tote Aufsichtsrat, glaub mir!

Natürlich musst Du Deine Geschichte nicht abändern. Aber vielleicht achtest Du bei der nächsten besser auf die Logik, das Ambiente der oberen Zehntausend und die Errungenschaften der modernen Technik?

Dann wird's schon noch!

lg

perca
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Federfuchser
Wortedrechsler


Beiträge: 55



BeitragVerfasst am: 26.01.2022 18:00    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier steht nicht die Logik des Verf., sondern die seiner Protagonstin zu Debatte. An der Reaktion des Kommissars erkennt sie, dass er ihr die Geschichte abnimmt (obwohl Freunde und bekannte offenbar Bedenken geäußert haben). Daraufhin stellt sie die Gesch. ein, die jetzt bei einer Leserschaft, die anscheinend mehr Grips im Kopf hat als der Komm., durchfällt. Pech für die Frau, nicht für den Verf. Wenn du genau hinliest wirst du auch feststellen, warum der Verf. (nicht die Frau) die Vermisstenanzeige ins Spiel bringt.
LG

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Rübenach
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Beiträge: 2898



BeitragVerfasst am: 26.01.2022 19:06    Titel: Antworten mit Zitat

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Wenn du genau hinliest wirst du auch feststellen, warum der Verf. (nicht die Frau) die Vermisstenanzeige ins Spiel bringt.
LG


Realy? Der Erzähler (normalerweise nicht identisch mit dem Verfasser) bringt doch nicht die Vermisstenanzeige ins Spiel, sondern die Protagonistin.
Federfuchser hat Folgendes geschrieben:

Frau Wolters stand auf. „Bemühen Sie sich nicht, ich finde alleine hinaus.“ In der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Ach übrigens – wo kann ich hier eine Vermisstenanzeige aufgeben?“
Der Kommissar zog ein kariertes Taschentuch hervor und wischte sich die Stirn. „Bei mir. Wer wird denn vermisst?“
„Mein Mann, Heimfried Wolters. Seit drei Tagen.“


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