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Geschichte nach Motiven


 

 
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Calvin Hobbs
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 53
Beiträge: 380
Wohnort: Deutschland


BeitragVerfasst am: 10.10.2021 10:06    Titel: Geschichte nach Motiven eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Hallo smile
Anbei ein Teil eines Projekts, welches sich Namen und Motiven der nordischen Sagenwelt bedient. Es geht nicht um die korrekte historische oder mythologische Einordnung, sondern meine Frage ist: Funktioniert dieser Anfang als Grundlage für eine weiterführende Geschichte? Ist es lesbar, logisch und sind Motive und Charaktere erkennbar?
Jeglicher Input wird als hilfreich angesehen.
Viele Dank für eure Zeit smile

„Die Asen haben ihr Gebiet bis zur Hluti-Mündung am Meer ausgedehnt. Kaum eine Tagesreise entfernt, wurde mit dem Bau einer Fischersiedlung begonnen. Im Süden treffen unsere Jäger sie immer öfter an den Hallad-Bergen und im Westen, an der Lengefurt, entsteht ebenfalls ein Dorf. Zuerst hat man eine Verteidigungspalisade errichtet und das zeigt, sie wollen sich dort festsetzen. Das dürfen wir nicht dulden!“
Vymirs mächtige Faust donnerte auf den Eichentisch, ließ die Methumpen aufspringen und die Zuhörer zusammenzucken. In der folgenden Stille richteten sich die Augen des Dutzend Männer im Raum von ihm auf den König am Ende der Tafel.
Dort hatte Njörd Vilbrandsson beide Hände flach auf den Tisch gelegt und betrachtete stumm die dunklen Haare auf den starken Sehnen. Seine Lippen bewegten sich unmerklich, bevor er seinen dichten Vollbart strich und anhub:
„Auch, wenn das den wenigsten hier gefallen mag, sie tun nichts Unrechtes. Die vor Generationen geschlossenen Verträge gelten und die Grenzen sind nun mal Hluti, Hallad und die Furt am Lenge. Durch den Handel mit uns, aber auch durch unsere Anleitungen in Ackerbau und Viehzucht ist das Volk der Asen mittlerweile angewachsen. Es war abzusehen, dass sie nicht auf ewig in ihrer Grimwald-Siedlung hocken würden. Auch wir hier in Wanenheim haben von ihnen profitiert, als die Asen unsere Verfolger aus dem Süden bis auf den letzten Mann töteten. Diese Koexistenz hat über aberhunderte Monde für alle funktioniert.“
Freyr sprang auf. Wild wogte seine blonde Mähne, der untere Teil seines langen Bartes steckte im Gürtel, dass er sich nirgendwo verfangen konnte.
„Aber Vater! Bist Du so sehr überzeugt davon, dass die Asen keine Bedrohung für uns darstellen? Schon immer waren sie viel wilder, kämpferischer und aggressiver. Was ist, wenn sie sich gegen uns wenden sollten? Unser Land ist reich an Getreide, Eisen und Handwerkern. Du selbst bist der größte Schiffbauer unter uns. Sicherlich gibt es Neider unter ihnen und wir sollten uns schützen!“
Njörd nickte: „Aber eines hast Du vergessen! Auch unsere Frauen sind wesentlich schöner und ansehnlicher!“
Das dröhnende Lachen der Männer hallte durch den niedrigen, langgezogenen Raum. Bunte Schilde und schlanke Speere hingen an den Wänden. Sie vibrierten, als die Humpen beifällig auf die blankpolierte Tischplatte krachten. Als der König sich erhob, wurde es schlagartig still. Geisterhaft knisterten die Fackeln in ihren Haltern und der flackernde Schein ließ das Holz der Wände wie wabernde Lava erscheinen. Njörd hatte eine Entscheidung getroffen.
„Ich teile eure Bedenken und deshalb werden wir Folgendes tun: Die Palisaden unserer Siedlungen sind zu verstärken, die Schmiede sollen zusätzliche Kurzschwerter, Äxte und Schilde herstellen und Patrouillen, bestehend aus sechs Männern werden dreimal täglich die Routen kontrollieren. Dennoch dürfen sie auf keinen Fall provozierend oder herausfordernd bei Begegnungen mit Asen reagieren.“
Beifälliges Gemurmel durchzog den Saal. Dann aber erhob sich Vymir und fragte, den Anführer fest mit den Augen fixierend: „Bedeutet das, dass wir sie zunächst in Sicherheit wiegen, bevor wir losschlagen?“
„Losschlagen? Wozu?“ Das Gesicht Njörds zeigte offenes Unverständnis. „Es sind nur wenige Handwerker und Bauern unter ihnen, die viele kampferprobte Männer versorgen. Falls eine Unterwerfung gelänge, hätten wir diese Krieger als zusätzlich zu fütternde Mäuler am Hals. Ich halte es für unklug, außer Du wolltest unser Gebiet vergrößern. Doch, je mehr Land wir unser eigen nennen, desto weiter werden die Wege und umso dünner unser Einfluss. Auch kannst Du nicht wissen, ob wir tatsächlich so stark sind, wie wir hoffen. Es könnte schnell passieren, dass die Asen plötzlich unsere Herren sind. Sag Vymir, kannst Du die Zukunft vorhersehen?“ Der König hob die Augenbrauen.
Vymirs Kiefer mahlte, dann sagte er zähneknirschend: „Ich nicht! Aber meine Schwester Gullveig und sie hat ...“
Freyr fiel ihm ins Wort: „Es tut mir leid, aber Du wirst zugeben müssen, dass Gullveig aus gutem Grund nicht zu den Beraterinnen meines Vaters zählt. Zu oft lag sie mit ihren Weissagungen daneben.“
Der Angesprochene schluckte heftig, Schweiß trat auf seine, sich rote färbende Stirn und die pochende Schläfenader wurde sichtbar. Mit funkelnden Augen fauchte er: „Sie sagte voraus, dass Königin Freya mit einem Jungen schwanger sein würde und sie sah die Dürre der letzten beiden Jahre kommen. So weit ich weiß, gehen alle eure Weiber gern zu ihr. Besonders, wenn es mit dem Nachwuchs nicht klappt.“
Totenstille trat ein, selbst die Fackeln schienen zu schweigen.
Bevor einer der Männer Vymir an die Gurgel springen konnte, erhob sich der König, atmete tief und sprach mit drohendem Unterton: „Die Dinge sind, wie sie sind und ich, als euer gewähltes Oberhaupt trage die Verantwortung für alle von uns. Wenn Du versuchst, jemanden anzustacheln oder Unfrieden zu säen, fürchte ich, bist Du hier fehl am Platze!“
Vymir biss die Zähne zusammen, sein Blick überflog die Runde. Dann stieß seinen Stuhl beiseite und verließ mit festem Schritt und ohne sich nochmals umzusehen den Saal.
Hinter sich hörte er, wie die Männer laut die leeren Humpen auf den Tisch schlagend, ihrem Anführer zustimmten. Dieser setzte sich mit geneigtem Haupt, um gleich darauf, mit einem Wink seine Töchter mit vollen Metkrügen heranzuholen, damit sie die Trinkgefäße der Versammlung wieder füllten.
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Der Mond war schon auf dem Weg nach Westen und das Lärmen im Königssaal längst verklungen. Eine Handvoll Kerzen flackerten unruhig auf einem Ständer in der Mitte des Tisches in Gullveigs Stube. In einem kleinen gemauerten Kamin wehrte sich ein verlöschendes Flämmchen, unbeobachtet von ihr und den drei Männern.
Diese hatten zuvor an der Versammlung teilgenommen, aber bis auf Vymir geschwiegen, denn die Mehrheit der Krieger war königstreu und stellten, zumindest nicht offen, dessen Entscheidungen nie in Frage.
Vymir war schon öfter als heißblütig und rauflustig aufgefallen, er ging gern in Opposition zu seinem König. Doch als bestem Schmied ließ man ihm viel durchgehen. Im Laufe der Zeit hatten sich die Brüder Hreimur und Argils ihm zu erkenne gegeben. Auch sie mochten die, wie sie es nannten, lauwarme Politik ihres Oberhauptes nicht. Alle im Raum waren sich einig, dass man schon vor langer Zeit hätte klare Fronten schaffen müssen – die Asen und ihr Gebiet unter die Kontrolle des Volkes der Wanen zu zwingen.
„Natürlich sieht Njörd keine Veranlassung, endlich Nägel mit Köpfen zu machen. Warum auch? Trotz der Missernte haben wir genügend Vorräte für den kommenden Winter, unser Volk wächst und gedeiht.“ Gullveig lehnte sich zurück. Dabei klapperten die Ketten aus Muscheln und kleinen Knochen an ihren Handgelenken. Ihr kupferrotes Haar trug sie hochgebunden, im Feuerschein glänzte ihr schlanker weißer Hals. Darum eine Goldkette, an der ein handtellergroßes Amulett ihren tiefen Ausschnitt verdeckte. Sie wusste um die Blicke der Männer, genoss es, ließ aber keinen Zweifel daran, dass „der Richtige“ nicht unter ihnen war.
„Hast Du die Runen befragt? Warst Du in Zwiesprache mit den Waldgeistern?“ Argils‘ Stimme zitterte und seine Augen hatten Mühe, Gullveig ins Gesicht zu sehen, denn auch er begehrte sie. Eher von schmächtiger Statur, mit einem dünnen grauen Bart, war er mit knapp fünfzig Sommern, der Älteste in dieser Runde. Ein vermögender Bauer und Witwer, dessen erwachsene Tochter die Jüngsten des Volkes unterrichteten und dessen Sohn ein angesehener Metzger war.
„Ich brauche keine Stimme von außen, für das, was zu tun ist!“, versetzte sie ihm, was Argils sofort seinen Kopf einziehen ließ. Sein Blick ging seitwärts über die knorrigen Regale an den Wänden, auf denen sich Töpfchen und Fläschchen drängten und lange Girlanden aus getrockneten Pilzen und Kräutern den Raum mit einem übersinnlichen Duft erfüllten.
„Dann lass hören, schönste aller Hexen!“, forderte Hreimur sie lachend heraus und verschränkte die Arme vor der Brust. Er war blond und kräftig und als Jäger konnten ihm nur wenige das Wasser reichen. Kaum einer verstand es, so geschickt Fallen zu legen. Die Wahrsagerin lächelte nur, denn sie wusste, dass Hreimur jedem Rock hinterherjagte. Und das mit Erfolg, wie zehn Kinder von acht Frauen bestätigten.
„Die Asen sind gierig und wenn sie eines Tages kommen sollten, dann wird unser Gold einer der Gründe sein. Ich werde zu ihnen gehen ...“
„Auf keinen Fall!“, fielen ihr Vymir und Argils gleichzeitig ins Wort. Gullveigs Brauen rutschten zusammen, die schwarzumrahmten Augen wurden zu glühenden Kohlen, abwehrend riss sie beide Hände hoch.
„Hört einfach nur zu!“
„Es ist zu gefährlich!“ Vymir ließ sich nicht das Wort verbieten. Gleich gar nicht, wenn es um das Leben seiner Schwester ging. Sie war die einzige Familie, die er noch hatte.
Schweratmend starrten sich die Geschwister an, die Lippen blutleer zusammengepresst, die Hände zu Fäusten geballt. Argils hätte beschwören können, dass sich zwischen beiden eine greifbare Atmosphäre bildete, wie die ansteigende Schwüle kurz vor einem Gewitter.
Vymir ließ zuerst ab, warf sich zurück. Der Kiefer breit von den, vor Zorn zusammengebissenen Zähnen, wieder trat die Schläfenader hervor. Schnaufend zwang er sich sitzen zu bleiben, sein Brustkorb hob und senkte sich wie nach einem Lauf den steilen Kjelldberg hinauf.
Gullveigs Körper war wie ein Bogen gespannt, bereit aufzuspringen und jedem Widersprechenden anzufallen. Anscheinend den Atem anhaltend, starrte sie, mit hypnotisierenden smaragdgrünen Augen, den Bruder an, der sich unbehaglich unter diesem Blick wandte, als fürchte er eine Verzauberung.
Argils war weiter zusammengeschrumpft, er hatte Angst, zwischen die Fronten zu geraten. Schon berührten seine Schultern die Ohren, sein Rücken krümmte sich, am liebsten wäre er unter den Tisch gerutscht. Er riss sich zusammen und streckte zitternd den Arm aus und legte beruhigend seine Hand auf Gullveigs Unterarm.
Wie aus einer Trance erwachend, zuckte sie kurz, der Schleier in ihren Augen verschwand und alle atmeten wie auf Kommando erleichtert aus. Hreimur, äußerlich unbewegt, ließ die Arme sinken. Seine rechte Hand tastete unter dem Tisch vorsichtig nach dem Dolch im Stiefelschaft. Er wollte sich versichern, nicht unvorbereitet in einen Streit zu geraten.
„Bitte fahre fort“, flüsterte Argils, scheu den Blick senkend, aus Angst sie zu provozieren. Die Hexe schaute von einem Mann zum anderen und begann: „Die Asen werden begierig sein, von unserm Gold zu hören. Ich werde ihnen erzählen, dass ich wegen meiner Magie von unserem Volk verstoßen wurde und mich rächen will. Wenn sie dann hier einfallen, wird Njörd gezwungen sein, Farbe zu bekennen. Nicht wenige werden nach einem Überfall Vergeltung fordern und bald wird das Land der Asen unseres sein.“
Befriedigt blickte sie in die Runde, trank etwas von dem selbstgebrauten Tee aus einer bauchigen Tasse, die Asbjörn, ihr Nachbar und Töpfer, ihr zur letzten Sonnenwende geschenkt hatte.
Hreimur räusperte sich in seine Faust und schaute Gullveig mit schräggelegtem Kopf an. „Ich möchte nicht der Spielverderber sein, aber was passiert, wenn sie Dir nicht glauben? Sicherlich werden sie Dich irgendwo einsperren und wenn die Kunde Deines Scheiterns schneller als der Lauf unserer Krieger ist, wirst Du getötet.“
„Ich sehe da kein Problem!“, verkündete sie überzeugt und mit fester Stimme. „Sollte das passieren, werde ich euch eine Nachricht schicken. Ihr geht zu Njörd und erzählt ihm, man hätte mich beim Kräutersammeln im Wald entführt. Der König wird das glauben, schließlich rücken uns die Asen bereits jetzt schon gefährlich nahe. So fallt ihr in deren Gebiet ein und eilt zu meiner Befreiung. Und erlöst das Land von diesen Barbaren.“ Sie verschränkte die Arme vor dem wogenden Busen. „Oder habt ihr solche Angst um mich? Ich kann mich meiner Haut erwehren und ihr wisst, es muss etwas getan werden! Ihretwegen wuchsen viele unserer Vorfahren als Waisen auf. Die Asen waren damals zu zögerlich, als die Sarmaten uns verfolgt und von Süden her in dieses Land trieben.“
Auch, wenn nur selten und noch weniger offen darüber gesprochen wurde, glomm in vielen Wanen die Abneigung gegen die Asen. Der Legende nach, warteten die Asen, wie die letzte Konfrontation der Verfolgten ausgehen würde und ergriffen erst dann Partei, als die vom langen Marsch und unzähligen Scharmützeln erschöpften Sarmaten sowieso schon geschlagen waren.
Die Vermutungen über die Gründe des Zögerns wurden mit jeder Erzählung und jeder Generation zahlreicher, aber das Bild der bequemen Asen bestand fort.
„Ich habe kein gutes Gefühl bei dieser Geschichte“, versuchte Argils einzuwenden. Seine Augen folgten der Holzmaserung des Tisches, denn er wagte nicht, aufzusehen. Er zuckte zusammen, als sich Vymir erhob. „Lasst uns Fakten schaffen und den Asen zeigen, dass wir sie nicht brauchen!“
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Der Grimwald, der Asgard, die Hauptsiedlung der Asen umgab, war weitaus größer und dichter, als Gullveig angenommen hatte. Das Haar unter einem gestrickten Schal verborgen, den Körper in grobe Kittel gehüllt, mied sie tagelang die Hauptstraße, um nicht zu früh entdeckt zu werden. Sie war neugierig, wie die Asen lebten, denn so tief hatte sich seit langem kein Wane mehr in deren Gebiet vorgewagt.
Der Pfad zwischen den dicht stehenden Fichten war nur zu ahnen, anscheinend wurde er nur von Jägern und Beerensammlern genutzt. Das Moos dämpfte die Schritte, ab und zu knackte leise ein Ast. Es war still um diese Jahreszeit, denn die meisten Vögel waren nach dem Süden unterwegs, der kühle Herbst hatte sie bereits vertrieben. Irgendwo links gurgelte ein Bach, aber als Gullveig eine Anhöhe aus Unterholz emporstieg, wich dieses Geräusch in das Rauschen der Baumwipfel zurück. Deren Kronen ließen mehr und mehr Licht durch, es häuften sich Birken und Kastanienbäume. Kaum wärmende Sonnenstrahlen empfinden Gullveig auf der Spitze des Hügels, sie hatte den Waldrand erreicht. Hinter einem dicken Eichenstamm hockend hatte sie genügend Deckung, die Landschaft zu beobachten.
Vor ihr erstreckte sich ein weites Tal, in dessen Mitte eine unregelmäßig angelegte Stadt lag. Sie sah, dass die Palisade immer wieder um die neuesten Bauten erweitert worden war und nun in den wunderlichsten Bögen die Siedlung umkreiste. Aus den meisten Dächern stiegen dünne Rauchfäden auf, von links hörte Gullveig ein vielstimmiges Muhen, als ein kleiner Junge ein Dutzend Kühe aus ihrem Sichtfeld trieb. Weit rechts von ihr führte die Hauptstraße wie eine dicke, sandfarbene Ader in die Stadt hinein und lenkten den Blick der Hexe auf einen mehrstöckigen Bau, der trutzig aus der Mitte des Häusermeeres aufschaute. Im gleichen Moment wusste sie – dort lag ihr Ziel.
Eine schwere Hand auf ihrer Schulter ließ sie herumfahren. Abwehrbereit stieß sie ihre Handflächen in Richtung der Person, einen Zauberspruch auf den Lippen.
„Ich hatte Dich eher erwartet. Und näher an der Stadt.“ Die tiefe, beruhigende Stimme ließen den Schrecken und ihren Widerstand wie Eis in einem Kessel über dem Schmiedefeuer vergehen.
„Mortan!“ Sie sprang auf und fiel dem mit Tierfellen und einer Lederkappe bekleideten Hünen um den Hals. Ihre Lippen verschmolzen miteinander und kurz darauf ihre Körper.
Gullveig hatte nicht auf den Stand der schwachen Herbstsonne geachtet, bis Mortan sich erhob: „Wir müssen uns beeilen! Auch ich werde nach Sonnenuntergang nicht mehr eingelassen.“
Hastig rafften sie ihre Kleider zusammen, ordneten Waffen und Gepäck und eilten zum Haupttor der Stadt hinunter.
Sie waren nur noch Schemen, als die beiden dort atemlos eintrafen. Schon schlossen sich die hohen hölzernen Flügel, als Mortan seine breite Hand dagegen drückte und brummte: „Sehr lustig Heimdall! Du hast uns doch kommen sehen.“
Der Torhüter, einen Kopf kleiner als Mortan trug die nietenübersäte Lederrüstung, die seit Generationen immer vom Vater an den ältesten Sohn weitergegeben wurde. Quer über dem Rücken sein berühmtes Schwert Hofund. Seine Augen blitzten aus dem schlichten Helm hervor: „Auch Du kennst das Gesetz! Wer ist sie?“
Die Hand in einem schwarzen Stulpenhandschuh deutete auf Gullveig. „Meine Schwester aus dem Süden. Endlich hat sie sich überwunden, mich hier zu besuchen.“
Der Torwächter musterte sie im Schein der Lampe, die einer seiner Untergebenen hochhielt. Gullveig kniff geblendet die Augen zu, raffte ihren Schal vor der Brust zusammen. „Ich wünsche einen guten Abend, verehrter Heimdall. Auch bei uns in Skjöld kennt man Deinen Namen.“
„Dann seit Ihr ziemlich lange unterwegs gewesen ...“
„Und genau deshalb müssen wir jetzt heim“, drängte Mortan sie an den Wachen vorbei. „Wir sehen uns morgen“, verabschiedete er sich noch über die Schulter und zog Gullveig tiefer in die Stadt hinein.
Der Torhüter hob nur kurz die Hand, dann wandte er sich an seine Untergebenen und erteilte die Befehle für die Nacht.
„Tagsüber wären wir weniger aufgefallen“, sagte Mortan aufatmend außer Sichtweite der Torwache und lenkte beider Weg um den Marktplatz herum, durch schmale Gassen, an letzten Heimkehrern vorbei. Stimmengewirr, Rauch und Dunst drangen aus der offenen Tür einer Kneipe, über deren Eingang ein hölzernes Schild im Abendwind schwang. Ihre Schritte hallten auf dem Kopfsteinpflaster, von Lampen an Hausdurchgängen oder gelbem Licht, dass aus kleinen Fenstern fiel, karg beleuchtet.
Schließlich hielt Montar Gullveig zurück und klopfte sanft an eine dunkle Holztür, die sich im nächsten Augenblick öffnete und die Ankömmlinge hineinschlüpfen ließ. Offenbar hatte man sie erwartet.



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Thomas74
Geschlecht:männlichReißwolf

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Wohnort: Annaburg


BeitragVerfasst am: 10.10.2021 10:28    Titel: Antworten mit Zitat

Nach dem ersten Überfliegen sind mir zur Lesbarkeit zwei Sachen aufgefallen, die den Leser ausbremsen.
Erstens zu viele eingeführte Personen auf einen Haufen. Es fällt schwer, den Überblick über die vielen klangvollen Namen und ihre Bezüge zueinander zu behalten. Und zweitens die inflationären Adjektive, die dem Leser jedes Kopfkino vorwegnehmen.
Und auch redunante Dinge:
 
Zitat:
mächtige Faust donnerte

Ein dürres Ärmchen würde nicht donnern
Zitat:
beide Hände

Die meisten Menschen haben zwei Hände. Er kann auch DIE Hände auf den Tisch legen und jeder weiß, dass beide gemeint sind.
Zitat:
starken Sehnen.
dichten Vollbart

Möglich, wirkt hier auch überladen
Zitat:
Wild wogte seine blonde Mähne

Mähne suggeriert schon lang und dicht
Zitat:
der untere Teil seines langen Bartes steckte im Gürtel

Der obere wohl kaum, und wenn er bis zum Gürtel reicht, ist er zwangsläufig lang. Btw ist es praktisch unmöglich, den Bart so lang wachsen zu lassen. Das haben nicht mal die Jungs von ZZ Top geschafft.
Zitat:
dröhnende Lachen der Männer hallte

Leises Kichern würde nicht hallen, also muss es laut sein.


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Optimismus ist, bei Gewitter in einer Kupferrüstung auf dem höchsten Berg zu stehen und "Scheiß Götter!!" zu rufen.
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Calvin Hobbs
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 53
Beiträge: 380
Wohnort: Deutschland


BeitragVerfasst am: 12.10.2021 16:40    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Thomas74 hat Folgendes geschrieben:
Nach dem ersten Überfliegen sind mir zur Lesbarkeit zwei Sachen aufgefallen, die den Leser ausbremsen.
Erstens zu viele eingeführte Personen auf einen Haufen. Es fällt schwer, den Überblick über die vielen klangvollen Namen und ihre Bezüge zueinander zu behalten.


Im ersten Teil sind vier geographische Angaben genannt und drei Männernamen.
Im zweiten gar keine Landmarke und drei Männer- und ein Frauenname (einer wiederholt) und im letzten Teil zwei Angaben, ein Frauenname (wiederholt) und zwei Männernamen. Wenn das schon zu schwierig sein soll ...

Thomas74 hat Folgendes geschrieben:
der untere Teil seines langen Bartes steckte im Gürtel
Der obere wohl kaum, und wenn er bis zum Gürtel reicht, ist er zwangsläufig lang. Btw ist es praktisch unmöglich, den Bart so lang wachsen zu lassen. Das haben nicht mal die Jungs von ZZ Top geschafft.


->https://bartmentor.de/langster-bart-der-welt/#:~:text=Der%20Norweger%20Hans%20Nilson%20Langseth,Tod%20im%20Jahr%201967%20zu.

Ansonsten Danke für die Mühe.
MfG


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Mumienfreund
Eselsohr


Beiträge: 247



BeitragVerfasst am: 12.10.2021 23:35    Titel: Re: Geschichte nach Motiven Antworten mit Zitat

Calvin Hobbs hat Folgendes geschrieben:
Funktioniert dieser Anfang als Grundlage für eine weiterführende Geschichte? Ist es lesbar, logisch und sind Motive und Charaktere erkennbar?


„Die Asen haben ihr Gebiet bis zur Hluti-Mündung am Meer ausgedehnt. Kaum eine Tagesreise entfernt, wurde mit dem Bau einer Fischersiedlung begonnen. Im Süden treffen unsere Jäger sie immer öfter an den Hallad-Bergen und im Westen, an der Lengefurt, entsteht ebenfalls ein Dorf. Zuerst hat man eine Verteidigungspalisade errichtet und das zeigt, sie wollen sich dort festsetzen. Das dürfen wir nicht dulden!“


Ich weiß ja nicht, was in deiner Geschichte vorher kommt, aber hier hätte ich gerne vorher gewusst, wer hier spricht. Für mich liest sich das wie eine Aufzählung der wichtigsten Eckpunkte, was die Asen alles gemacht haben. Nicht sehr natürlich. Ich würde diese Beobachtungen vor der Versammlung von einem anderen Charakter beobachten lassen und später in diese Szene einsteigen, wenn alle schon wissen, was die Asen so getrieben haben.

Calvin Hobbs hat Folgendes geschrieben:

Vymirs mächtige Faust donnerte auf den Eichentisch, ließ die Methumpen aufspringen und die Zuhörer zusammenzucken. In der folgenden Stille richteten sich die Augen des Dutzend Männer im Raum von ihm auf den König am Ende der Tafel.
Dort hatte Njörd Vilbrandsson beide Hände flach auf den Tisch gelegt und betrachtete stumm die dunklen Haare auf den starken Sehnen. Seine Lippen bewegten sich unmerklich, bevor er seinen dichten Vollbart strich und anhub:
„Auch, wenn das den wenigsten hier gefallen mag, sie tun nichts Unrechtes. Die vor Generationen geschlossenen Verträge gelten und die Grenzen sind nun mal Hluti, Hallad und die Furt am Lenge. Durch den Handel mit uns, aber auch durch unsere Anleitungen in Ackerbau und Viehzucht ist das Volk der Asen mittlerweile angewachsen. Es war abzusehen, dass sie nicht auf ewig in ihrer Grimwald-Siedlung hocken würden. Auch wir hier in Wanenheim haben von ihnen profitiert, als die Asen unsere Verfolger aus dem Süden bis auf den letzten Mann töteten. Diese Koexistenz hat über aberhunderte Monde für alle funktioniert.“

Das sind sehr erklärende Sätze, die ich von einem auktorialen Erzähler erwarten würde, aber in einen Dialog verpackt, wirken sie sehr künstlich.

"bevor er seinen dichten Vollbart strich und anhub".
Hier hebt er seinen Vollbart. ... zu sprechen anhub.

Zu mehr habe ich jetzt kein Lust. Es ist schon logisch und lesbar, aber die Dialoge sind randvoll gepackt mit Informationen, die du natürlich zu den Lesern bringen willst, aber das ist mir alles viel zu geballt, und die Sätze viel zu lang. Ich würde es aufteilen. Einmal die Sachen feststellen lassen, die die Asen betreffen, und dann die Entschlüsse der Versammlung. Dann könnte man den Konflikt auch knackiger schreiben, da nicht mehr so viele Erklärbärpassagen nötig wären.
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Calvin Hobbs
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 53
Beiträge: 380
Wohnort: Deutschland


BeitragVerfasst am: 13.10.2021 16:07    Titel: Re: Geschichte nach Motiven pdf-Datei Antworten mit Zitat

Mumienfreund hat Folgendes geschrieben:

Ich weiß ja nicht, was in deiner Geschichte vorher kommt, aber hier hätte ich gerne vorher gewusst, wer hier spricht. Für mich liest sich das wie eine Aufzählung der wichtigsten Eckpunkte, was die Asen alles gemacht haben. Nicht sehr natürlich. Ich würde diese Beobachtungen vor der Versammlung von einem anderen Charakter beobachten lassen und später in diese Szene einsteigen, wenn alle schon wissen, was die Asen so getrieben haben.

Der Text ist jeweils ----- unterteilt und würde später an den jeweiligen Stellen in eine längere Geschichte eingefügt. Es handelt sich um einen von drei Handlungssträngen und soll die Vorgeschichte der späteren Ereignisse bilden.
Ich mag es, mit Dialog oder Action einzusteigen und was nützt es Dir, wenn Du weißt, dass Vymir spricht? Das würde noch mehr Erklärbär erfordern und das kann niemals der Beginn einer Geschichte sein.

Calvin Hobbs hat Folgendes geschrieben:

Vymirs mächtige Faust donnerte auf den Eichentisch, ließ die Methumpen aufspringen und die Zuhörer zusammenzucken. In der folgenden Stille richteten sich die Augen des Dutzend Männer im Raum von ihm auf den König am Ende der Tafel.
Dort hatte Njörd Vilbrandsson beide Hände flach auf den Tisch gelegt und betrachtete stumm die dunklen Haare auf den starken Sehnen. Seine Lippen bewegten sich unmerklich, bevor er seinen dichten Vollbart strich und anhub:
„Auch, wenn das den wenigsten hier gefallen mag, sie tun nichts Unrechtes. Die vor Generationen geschlossenen Verträge gelten und die Grenzen sind nun mal Hluti, Hallad und die Furt am Lenge. Durch den Handel mit uns, aber auch durch unsere Anleitungen in Ackerbau und Viehzucht ist das Volk der Asen mittlerweile angewachsen. Es war abzusehen, dass sie nicht auf ewig in ihrer Grimwald-Siedlung hocken würden. Auch wir hier in Wanenheim haben von ihnen profitiert, als die Asen unsere Verfolger aus dem Süden bis auf den letzten Mann töteten. Diese Koexistenz hat über aberhunderte Monde für alle funktioniert.“

Das sind sehr erklärende Sätze, die ich von einem auktorialen Erzähler erwarten würde, aber in einen Dialog verpackt, wirken sie sehr künstlich.

"bevor er seinen dichten Vollbart strich und anhub".
Hier hebt er seinen Vollbart. ... zu sprechen anhub. [/quote]

Er hebt seinen Vollbart? Haben wir zwei verschiedene Text gelesen?
Der auktoriale Erzähler wäre somit der Erklärbär.

Mumienfreund hat Folgendes geschrieben:

Zu mehr habe ich jetzt kein Lust. Es ist schon logisch und lesbar, aber die Dialoge sind randvoll gepackt mit Informationen, die du natürlich zu den Lesern bringen willst, aber das ist mir alles viel zu geballt, und die Sätze viel zu lang. Ich würde es aufteilen. Einmal die Sachen feststellen lassen, die die Asen betreffen, und dann die Entschlüsse der Versammlung. Dann könnte man den Konflikt auch knackiger schreiben, da nicht mehr so viele Erklärbärpassagen nötig wären.


Ja, das ist ein interessanter Ansatz.
Danke für Deine Mühe
MfG


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Levo
Eselsohr


Beiträge: 403



BeitragVerfasst am: 13.10.2021 16:40    Titel: Antworten mit Zitat

Tatsächlich könntest Du die Hintergrundinfo reduzieren und später einflechten, wo sie en detail relevant wird. Die Asen bedrohen die (nördliche? östliche? ...) Grenze, das würde mir schon reichen. Erst, wenn jemand dorthin aufbricht, würde ich konkreter.
Was die Personen angeht: Man muss halt wach lesen. Dann bekommt man die Figuren mit ihren Eigenheiten auch auseinandergehalten. Mir fiel angenehm auf, dass Du keine Vollbeschreibungen lieferst, sondern eher ein prägnantes Detail. Ob es immer einzigartig ist (blonde Mähne) ... hm...
Der Adjektivreichtum scheint Dein Stil zu sein, mich hat's jetzt nicht gestört. Du hast ja trotzdem starke Verb- und Substantivformen gewählt und nicht schwache Hilfskonstrukte, die auf das Adjektiv angewiesen sind. Lieber doppelt gemoppelt als schwächliche Sprache.
Was mich aber total störte: die willkürliche Kommasetzung. Uff. Hat mich mehr als einmal aus dem Lesefluss gerissen. Ein gutes RS-Programm könnte da schon ein wenig Abhilfe schaffen.
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Calvin Hobbs
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 53
Beiträge: 380
Wohnort: Deutschland


BeitragVerfasst am: 13.10.2021 18:20    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Levo hat Folgendes geschrieben:
Tatsächlich könntest Du die Hintergrundinfo reduzieren und später einflechten, wo sie en detail relevant wird. Die Asen bedrohen die (nördliche? östliche? ...) Grenze, das würde mir schon reichen. Erst, wenn jemand dorthin aufbricht, würde ich konkreter.
Was die Personen angeht: Man muss halt wach lesen. Dann bekommt man die Figuren mit ihren Eigenheiten auch auseinandergehalten. Mir fiel angenehm auf, dass Du keine Vollbeschreibungen lieferst, sondern eher ein prägnantes Detail. Ob es immer einzigartig ist (blonde Mähne) ... hm...
Der Adjektivreichtum scheint Dein Stil zu sein, mich hat's jetzt nicht gestört. Du hast ja trotzdem starke Verb- und Substantivformen gewählt und nicht schwache Hilfskonstrukte, die auf das Adjektiv angewiesen sind. Lieber doppelt gemoppelt als schwächliche Sprache.
Was mich aber total störte: die willkürliche Kommasetzung. Uff. Hat mich mehr als einmal aus dem Lesefluss gerissen. Ein gutes RS-Programm könnte da schon ein wenig Abhilfe schaffen.


Mein RS-Programm (Papyrus Autor) reicht völlig aus, weshalb ich mir recht sicher in den Kommas bin.
Eine Anzahl an Adjektiven habe ich schon nach dem ersten Posting entfernt, einige Formulierungen geändert und werde den Text unter dem Eindruck des bisherigen Feedbacks umstricken.
Danke für Deine Zeit.
MfG


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Mumienfreund
Eselsohr


Beiträge: 247



BeitragVerfasst am: 14.10.2021 12:19    Titel: Re: Geschichte nach Motiven Antworten mit Zitat

Calvin Hobbs hat Folgendes geschrieben:

Seine Lippen bewegten sich unmerklich, bevor er seinen dichten Vollbart strich und anhub:


Ist vielleicht eine Geschmacksfrage, aber ich vermisse hier, WOMIT er eigentlich anfängt, denn in diesem Sinn (etwas beginnen, anfangen) gebrauchst du das Wort. Er fängt zu sprechen an.
Fehlt das, wie bei diesem Satz, könnte man auf die Idee kommen, er könnte es in der anderen Form von anheben gebrauchen: Etwas anheben. Und zwar seinen Bart.     

„Auch, wenn das den wenigsten hier gefallen mag, sie tun nichts Unrechtes. Die vor Generationen geschlossenen Verträge gelten und die Grenzen sind nun mal Hluti, Hallad und die Furt am Lenge. Durch den Handel mit uns, aber auch durch unsere Anleitungen in Ackerbau und Viehzucht ist das Volk der Asen mittlerweile angewachsen. Es war abzusehen, dass sie nicht auf ewig in ihrer Grimwald-Siedlung hocken würden. Auch wir hier in Wanenheim haben von ihnen profitiert, als die Asen unsere Verfolger aus dem Süden bis auf den letzten Mann töteten. Diese Koexistenz hat über aberhunderte Monde für alle funktioniert.“


Auch wenn du versuchst die Sache zu kondensieren: Liste ich alles auf, stoße ich in diesen Sätzen auf diese Einzelinformationen:
   
Auch, wenn das den wenigsten hier gefallen mag, die Asen tun nichts Unrechtes.
Die vor Generationen geschlossenen Verträge gelten.
Die mit dem Asen vertraglich vereinbarten Gebietsgrenzen sind Hluti, Hallad und die Furt am Lenge.
Das Volk der Asen ist durch den Handel mit uns gewachsen
Durch unsere Anleitungen in Ackerbau und Viehzucht ist das Volk der Asen gewachsen.
Es war absehbar, dass die Asen nicht ewig in ihrer Siedlung hocken würden.
Die Siedlung der Asen heißt Grimwald.
Wir in Wanenheim haben profitiert, als die Asen unsere Verfolger töteten.
Die Verfolger kamen aus dem Süden.
DIe Verfolger wurden von den Asen bis auf den letzten Mann getötet.
Die Koexistenz hat lange Zeit für alle funktioniert.

Das ist verdammt viel. Außerdem fällt auf, dass die gewählte Sprache im erzählenden Teil teilweise klingt, als hielte der König gerade eine Ansprache in einem  BWL-Seminar. "Ackerbau und Viehzucht", "Verträge einhalten", "profitieren", "Koexistenz" usw.
Dann wiederum benutzt du umgangssprachliche Wörter wie "hocken", in einer Mischung mit altertümlicher Sprache: "Monde", "anhub". Spricht so ein König aus dieser Zeit?


Mumienfreund hat Folgendes geschrieben:

das ist mir alles viel zu geballt, und die Sätze viel zu lang.


Ich präzisiere: Die Sätze sind nicht zu lang. Es sind zu viele Details. Teilweise erklärst du sogar die Gründe, warum die Situation so ist, wie sie ist. Das sollte den Anwesenden aber eigentlich bekannt sein. So wirkt das auf mich, dass du deine Protagonisten in dieser Versammlung diese Worte für die Leser – im wahrsten Sinne des Wortes – "aufsagen" lässt.

Calvin Hobbs hat Folgendes geschrieben:

Mein RS-Programm (Papyrus Autor) reicht völlig aus, weshalb ich mir recht sicher in den Kommas bin.


Ich benutze auch Papyrus, aber die Kommavorschläge sind manchmal zum Haare raufen. Meines Wissen gibt es kein einziges Textverarbeitungsprogramm, das Zeichensetzung wirklich gut beherrscht.
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Calvin Hobbs
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BeitragVerfasst am: 16.10.2021 17:09    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Nächster Versuch smile

„Die Asen haben ihr Gebiet bis zur Hluti-Mündung am Meer ausgedehnt. Kaum einen Tag zu Pferd entfernt, wurde mit dem Bau einer Fischersiedlung begonnen. Im Süden treffen unsere Jäger sie immer öfter an den Hallad-Bergen und im Westen, an der Lengefurt, entsteht ebenfalls ein Dorf. Sie wollen sich dort festsetzen und das dürfen wir nicht dulden!“
Vymirs Faust donnerte auf den Eichentisch, ließ die Methumpen hüpfen und die Zuhörer zusammenzucken. In der folgenden Stille richteten sich die Augen des Dutzend Männer im Raum von ihm auf den König am Ende der Tafel.
Dort hatte Njörd die Hände flach auf den Tisch gelegt und betrachtete sie stumm. Seine Lippen bewegten sich unmerklich, bevor er seinen beeindruckenden Vollbart strich und zu sprechen anhub:
„Auch, wenn das den wenigsten hier gefallen mag, sie tun nichts Unrechtes. Die vor Generationen geschlossenen Verträge gelten und unser Zusammenleben ist seit Aberhunderte Monde friedlich.“
Freyr sprang auf. Wild wogten seine blonden Haare, der untere Teil seines langen Bartes steckte im Gürtel, damit er sich nirgendwo verfangen konnte.
„Aber Vater! Bist Du so sehr überzeugt davon, dass die Asen keine Bedrohung für uns darstellen? Schon immer traten sie viel wilder, kämpferischer und aggressiver als wir auf. Was ist, wenn sie sich gegen uns wenden sollten? Unser Land ist reich an Getreide, Eisen und wir sind die besseren Handwerker. Du selbst bist der größte Schiffbauer unter uns. Auch ich könnte mir vorstellen, dass es Neider unter ihnen gibt, denn mit unseren drei Goldbergwerken besitzen wir zwei mehr als sie. Was, wenn Vymir Recht haben sollte?“
Njörd nickte: „Und eines hast Du vergessen: Auch unsere Frauen sind wesentlich schöner!“
Das Lachen der Männer dröhnte durch den niedrigen, langgezogenen Raum. Bunte Schilde und schlanke Speere hingen an den Wänden. Sie vibrierten, als die Humpen beifällig auf die blankpolierte Tischplatte krachten. Der König erhob sich und es wurde schlagartig still. Geisterhaft knisterten die Fackeln in ihren Haltern und ihr Schein ließ das Holz der Wände wie wabernde Lava erscheinen. Njörd hatte eine Entscheidung getroffen.
„Obwohl ich glaube, dass Freyr übertreibt, sind eure Bedenken auch die meinen und deshalb werden wir Folgendes tun: Die Palisaden unserer Siedlungen sind zu verstärken, die Schmiede sollen zusätzliche Waffen herstellen und Patrouillen, bestehend aus sechs Männern, werden dreimal täglich die Routen kontrollieren. Dennoch dürfen sich bei ungewollten Begegnungen die Asen nicht herausgefordert fühlen.“
Beifälliges Gemurmel durchzog den Saal. Dann aber erhob sich Vymir und fragte, den Anführer fest mit den Augen fixierend: „Bedeutet das, dass wir sie zunächst in Sicherheit wiegen, bevor wir losschlagen?“
„Losschlagen? Wozu?“ Das Gesicht Njörds zeigte offenes Unverständnis. „Ich will keinen Krieg! Was, wenn wir die Asen unterschätzen? Es könnte schnell passieren, dass sie plötzlich unsere Herren sind. Sag Vymir, kannst Du die Zukunft vorhersehen?“ Der König hob die Augenbrauen.
Vymirs Kiefer mahlte, dann sagte er zähneknirschend: „Ich nicht! Aber meine Schwester Gullveig und sie hat ...“
Freyr fiel ihm ins Wort: „Es tut mir leid, aber Du wirst zugeben müssen, dass Gullveig aus gutem Grund nicht zu den Beraterinnen meines Vaters zählt. Zu oft lag sie mit ihren Weissagungen daneben.“
Der Angesprochene schluckte heftig. Schweiß trat auf seine sich rot färbende Stirn und die pochende Schläfenader wurde sichtbar. Mit funkelnden Augen fauchte er: „Sie sagte voraus, dass Königin Freya mit einem Jungen schwanger sein würde und sie sah die Dürre der letzten beiden Jahre kommen. Soweit ich weiß, gehen alle eure Weiber gern zu ihr. Besonders, wenn es mit dem Nachwuchs nicht klappt.“
Totenstille trat ein, selbst die Fackeln schienen zu schweigen.
Bevor einer der Männer Vymir an die Gurgel springen konnte, erhob sich der König, atmete tief und sprach mit drohendem Unterton: „Ich, als euer gewähltes Oberhaupt, trage die Verantwortung für alle von uns und habe gesprochen! Wenn Du versuchst, jemanden anzustacheln oder Unfrieden zu säen, fürchte ich, bist Du hier fehl am Platze!“
Vymir biss die Zähne zusammen, sein Blick überflog die Runde. Dann stieß er seinen Stuhl beiseite und verließ mit festem Schritt und ohne sich nochmals umzusehen den Saal.
Hinter sich hörte er, wie die Männer laut die leeren Humpen auf den Tisch schlagend ihrem Anführer zustimmten. Dieser setzte sich mit geneigtem Haupt, um gleich darauf mit einem Wink seine Töchter mit vollen Metkrügen heranzuholen, damit sie die Trinkgefäße der Versammlung wieder füllten.
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Der Mond war schon auf dem Weg nach Westen und das Lärmen im Königssaal längst verklungen. Eine Handvoll Kerzen flackerten auf einem Ständer in der Mitte des Tisches in Gullveigs Stube. In einem kleinen Kamin wehrte sich ein zittriges Flämmchen gegen das Verlöschen, unbeobachtet von ihr und den drei Männern im Raum.
Diese hatten zuvor an der Versammlung teilgenommen, aber bis auf Vymir geschwiegen, denn die Mehrheit der Krieger war königstreu und stellte, zumindest nicht offen, dessen Entscheidungen nie in Frage.
Vymir war schon öfter als heißblütig und rauflustig aufgefallen, er ging gern in Opposition zu seinem König. Doch als bestem Schmied ließ man ihm viel durchgehen. Im Laufe der Zeit hatten die Brüder Hreimur und Argils ihm, zaghaft zuerst, ihre Sympathie zu erkennen gegeben. Auch sie mochten die, wie sie es nannten, lauwarme Politik ihres Oberhauptes nicht. Alle im Raum waren sich einig, dass man schon vor langer Zeit hätte klare Fronten schaffen müssen – die Asen und ihr Gebiet unter die Kontrolle des Volkes der Wanen zu zwingen.
„Natürlich sieht Njörd keine Veranlassung, endlich Nägel mit Köpfen zu machen. Warum auch?“ Gullveig lehnte sich zurück. Dabei klapperten die Ketten aus Muscheln und kleinen Knochen an ihren Handgelenken. Ihr kupferrotes Haar trug sie hochgebunden, im Feuerschein glänzte ihr schlanker weißer Hals. Darum eine Goldkette, an der ein handtellergroßes Amulett ihren tiefen Ausschnitt verdeckte. Sie wusste um die Blicke der Männer, genoss es, ließ aber keinen Zweifel daran, dass „der Richtige“ nicht unter ihnen war.
„Hast Du die Runen befragt? Warst Du in Zwiesprache mit den Waldgeistern?“ Argils‘ Stimme zitterte bei diesen Worten und seine Augen hatten Mühe, Gullveig ins Gesicht zu sehen, denn auch er begehrte sie. Eher von schmächtiger Statur, mit einem dünnen grauen Bart, war er mit knapp fünfzig Sommern der Älteste in dieser Runde. Ein vermögender Bauer und Witwer, dessen erwachsene Kinder in der Gemeinschaft angesehen waren.
„Ich brauche keine Stimme von außen für das, was zu tun ist!“, versetzte sie ihm, was Argils sofort seinen Kopf einziehen ließ. Sein Blick ging seitwärts über die knorrigen Regale an den Wänden, auf denen sich Töpfchen und Fläschchen drängten und Girlanden aus getrockneten Pilzen und Kräutern den Raum mit einem übersinnlichen Duft erfüllten.
„Dann lass hören, schönste aller Hexen!“, forderte Hreimur sie stolz heraus und verschränkte die Arme vor der Brust. Er war blond und kräftig und als Jäger konnten ihm nur wenige das Wasser reichen. Kaum einer verstand es, so geschickt Fallen zu legen. Die Wahrsagerin lächelte nur, denn sie wusste, dass Hreimur jedem Rock hinterherjagte. Und das mit Erfolg, wie zehn Kinder von acht Frauen bestätigten.
„Die Asen sind gierig und wenn sie eines Tages kommen sollten, wird unser Gold einer der Gründe sein. Ich werde zu ihnen gehen ...“
„Auf keinen Fall!“, fielen ihr Vymir und Argils gleichzeitig ins Wort. Gullveigs Brauen rutschten zusammen, die schwarzumrahmten Augen wurden zu glühenden Kohlen, abwehrend riss sie beide Hände hoch.
„Hört einfach nur zu!“
„Es ist zu gefährlich!“ Vymir ließ sich nicht das Wort verbieten. Erst recht nicht, wenn es um das Leben seiner Schwester ging. Sie war die einzige Familie, die er noch hatte.
Schwer atmend starrten sich die Geschwister an, die Lippen zusammengepresst, die Hände zu Fäusten geballt. Argils hätte beschwören können, dass sich zwischen beiden eine greifbare Spannung aufbaute, wie die ansteigende Schwüle kurz vor einem Gewitter.
Vymir ließ zuerst ab, warf sich zurück. Der Kiefer breit von den vor Zorn zusammengebissenen Zähnen, wieder trat die Schläfenader hervor. Schnaufend zwang er sich sitzen zu bleiben, sein Brustkorb hob und senkte sich wie nach einem Lauf den steilen Kjelldberg hinauf.
Gullveigs Körper war wie ein Bogen gespannt, bereit aufzuspringen und jeden Widersprechenden anzufallen. Den Atem anhaltend, starrte sie, mit hypnotisierenden smaragdgrünen Augen, den Bruder an, der sich unbehaglich unter diesem Blick wandte, als fürchte er eine Verzauberung.
Argils war weiter zusammengeschrumpft, er hatte Angst, zwischen die Fronten zu geraten. Schon berührten seine Schultern die Ohren, sein Rücken krümmte sich, am liebsten wäre er unter den Tisch gerutscht. Er riss sich zusammen und streckte zitternd den Arm aus und legte die Hand beruhigend auf Gullveigs Unterarm.
Wie aus einer Trance erwachend, zuckte sie kurz, der Schleier in ihren Augen verschwand und alle atmeten wie auf Kommando erleichtert aus. Hreimur, äußerlich unbewegt, ließ die Arme sinken und tastete unter dem Tisch vorsichtig nach dem Dolch im Stiefelschaft. Er wollte sich versichern, nicht unvorbereitet in einen Streit zu geraten, denn er hielt nicht nur die Hexe für unberechenbar.
„Bitte fahre fort“, flüsterte Argils, scheu den Blick senkend, aus Angst sie zu provozieren. Gullveig schaute von einem Mann zum anderen und begann: „Die Asen werden begierig sein, von Gold der Wanen zu hören. Ich werde ihnen erzählen, dass ich wegen meiner Magie aus Wanenheim verstoßen wurde und mich rächen will. Wenn sie dann auf der Suche nach dem Gold hier einfallen, wird Njörd gezwungen sein, Farbe zu bekennen. Nicht wenige werden nach einem Überfall Vergeltung fordern und bald wird das Land der Asen unseres sein. Unser Volk benötigt nur eine kleine Ermunterung, die niemals von unserm König kommen wird.“
Befriedigt blickte sie in die Runde und nahm einen Schluck Tee.
Hreimur räusperte sich in seine Faust und schaute Gullveig mit schräggelegtem Kopf an. „Ich möchte nicht der Spielverderber sein, aber was passiert, wenn sie Dir nicht glauben? Sicherlich werden sie Dich zunächst irgendwo einsperren, aber wenn die Asen merken, dass Du ihnen Lügen erzählen willst? Wenn sie die Täuschung durchschauen? So schnell sind wir niemals in Grimwald!“
„Ich sehe da kein Problem!“, verkündete sie mit fester Stimme. „Dann machen wir es so: Ich werde euch eine Nachricht schicken, wenn ich angekommen bin. Ihr geht zu Njörd und erzählt ihm, man hätte mich beim Kräutersammeln im Wald entführt. Der König wird das glauben, schließlich rücken uns die Asen bereits jetzt schon gefährlich nahe. So fallt ihr zu meiner Befreiung in ihr Gebiet ein und erlöst dabei das Land von diesen Barbaren.“ Sie verschränkte die Arme vor dem üppigen Busen. „Oder habt ihr solche Angst um mich? Ich kann mich meiner Haut erwehren und ihr wisst, es muss etwas getan werden! Die Asen waren damals zu zögerlich, als die Sarmaten uns verfolgt und von Süden her in dieses Land trieben. Ihretwegen wuchsen viele unserer Vorfahren als Waisen auf.“
Auch wenn nur selten und kaum offen darüber gesprochen wurde, glomm in vielen Wanen die Abneigung gegen die Asen. Der Legende nach warteten diese, wie die letzte Konfrontation der Verfolgten ausgehen würde und ergriffen erst dann Partei, als die vom langen Marsch und unzähligen Scharmützeln erschöpften Sarmaten sowieso schon geschlagen waren. Die Vermutungen über die Gründe des Zögerns wurden mit jeder Erzählung und jeder Generation zahlreicher, aber das Bild der nur auf ihren Vorteil bedachten Asen bestand fort.
„Ich habe kein gutes Gefühl bei dieser Geschichte“, versuchte Argils einzuwenden. Seine Augen folgten der Holzmaserung des Tisches, denn er wagte nicht, aufzusehen. Er zuckte zusammen, als sich Vymir erhob. „Lasst uns Fakten schaffen und den Asen zeigen, wer hier das Sagen hat!“
Zur dunkelsten Stunde der Nacht verließ er kurz darauf das Haus. Der verschleierte Mond war im Begriff, hinter dem Horizont zu verschwinden und unter den Sohlen knirschte der Straßenkies, als sich eine hochgewachsene Gestalt Vymir in den Weg stellte. Der prallte zurück, fing sich aber schnell. „Es läuft alles, wie Du geplant hast“, stieß er zischend hervor. Der leichte Nachtwind bauschte den schwarzen Umhang der Erscheinung, die mit tiefer Stimme antwortete: „Du arbeitest hart daran, der Anführer unserer Krieger zu werden. Wenn ich König bin, sei Dir dieses Lohnes gewiss.“
Und im nächsten Augenblick stand Vymir allein in der Dunkelheit.
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Asgard, die Hauptsiedlung der Asen lag in einem sonnigen Tal mitten im Grimwald, weit entfernt von der Grenze zu den Wanen und war weitaus größer, als Gullveig angenommen hatte. Das Haar unter einem gestrickten Schal verborgen, den Körper in grobe Kittel gehüllt, mied sie tagelang die Hauptstraße, um nicht zu früh entdeckt zu werden. Sie war neugierig, wie die Asen lebten, denn so tief hatte sich seit langem kein Wane mehr in deren Gebiet vorgewagt.
Der Pfad zwischen den eng stehenden Fichten war nur zu ahnen, anscheinend wurde er nur von Jägern und Beerensammlern genutzt. Das Moos dämpfte die Schritte, ab und zu knackte leise ein Ast. Es war still um diese Jahreszeit, denn die meisten Vögel waren nach dem Süden unterwegs, der kühle Herbst hatte sie bereits vertrieben. Irgendwo gurgelte ein Bach, aber als Gullveig eine Anhöhe aus dem Unterholz emporstieg, wich dieses Geräusch in das Rauschen der Wipfel zurück. Deren Kronen ließen mehr und mehr Licht durch, es häuften sich Birken und Kastanienbäume. Kaum wärmende Sonnenstrahlen empfingen Gullveig auf der Spitze des Hügels, sie hatte den Waldrand erreicht. Hinter einem dicken Eichenstamm hockend hatte sie genügend Deckung, die Landschaft zu beobachten.
Vor ihr erstreckte sich ein weites Tal, in dessen Mitte eine unregelmäßig angelegte Stadt lag. Sie sah, dass die Palisade immer wieder um die neuesten Bauten erweitert worden waren. Aus vielen Dächern stiegen dünne Rauchfäden auf, von links hörte Gullveig ein vielstimmiges Muhen, als ein kleiner Junge ein Dutzend Kühe aus ihrem Sichtfeld trieb. Weit rechts von ihr führte die Hauptstraße wie eine sandfarbene Ader in die Stadt hinein und lenkten den Blick der Hexe auf einen mehrstöckigen Bau, der trutzig aus der Mitte des Häusermeeres aufschaute. Im gleichen Moment wusste sie – dort lag ihr Ziel.
Eine schwere Hand auf ihrer Schulter ließ sie herumfahren. Abwehrbereit stieß sie ihre Handflächen in Richtung der Gestalt, einen Zauberspruch auf den Lippen.
„Ich hatte Dich eher erwartet. Und näher an der Stadt.“ Die tiefe Stimme ließen den Schrecken und ihren Widerstand wie Eis in einem heißen Kessel über dem Schmiedefeuer vergehen.
„Mortan!“ Sie sprang auf und fiel dem mit Tierfellen und einer Lederkappe bekleideten Hünen um den Hals. Ihre Lippen verschmolzen miteinander und kurz darauf ihre Körper.
Gullveig hatte nicht auf den Stand der schwachen Herbstsonne geachtet, als Mortan sich erhob: „Wir müssen uns beeilen! Auch ich werde nach Sonnenuntergang nicht mehr eingelassen.“
Hastig rafften sie ihre Kleider zusammen, ordneten Waffen und Gepäck und eilten zum Haupttor der Stadt hinunter.
Beide waren nur noch Schemen, als sie dort atemlos eintrafen. Schon schlossen sich die hölzernen Flügel, als Mortan seine Hand dagegen drückte und brummte: „Sehr lustig, Heimdall! Du hast uns doch kommen sehen.“
Der Torhüter, einen Kopf kleiner als der Waldläufer trug die nietenübersäte Lederrüstung, die seit Generationen immer vom Vater an den ältesten Sohn weitergegeben wurde. Quer über dem Rücken sein berühmtes Schwert Hofund. Seine Augen blitzten aus dem Helm hervor: „Auch Du kennst das Gesetz! Wer ist sie?“
Die Hand in einem Stulpenhandschuh deutete auf Gullveig. „Meine Schwester aus dem Süden. Endlich hat sie sich überwunden, mich hier zu besuchen.“
Der Torwächter musterte sie im Schein der Lampe, die einer seiner Untergebenen hochhielt. Gullveig kniff geblendet die Augen zu, raffte ihren Schal vor der Brust zusammen. „Ich wünsche einen guten Abend, verehrter Heimdall. Auch bei uns in Skjöld kennt man Deinen Namen.“
„Dann seit Ihr ziemlich lange unterwegs gewesen ...“
„Und genau deshalb müssen wir jetzt heim“, drängte Mortan sie an den Wachen vorbei. „Wir sehen uns morgen“, verabschiedete er sich noch über die Schulter und zog Gullveig tiefer in die Stadt hinein.
Der Torhüter hob nur kurz die Hand, dann wandte er sich an seine Untergebenen und erteilte die Befehle für die Nacht.
„Tagsüber wären wir weniger aufgefallen“, sagte Mortan aufatmend außer Sichtweite der Torwache und lenkte beider Weg um den Marktplatz herum, durch schmale Gassen, an letzten Heimkehrern vorbei. Stimmengewirr, Rauch und Dunst drangen aus der offenen Tür einer Kneipe, über deren Eingang ein hölzernes Schild im Abendwind schwang. Ihre Schritte hallten auf dem Kopfsteinpflaster, von Lampen an Hausdurchgängen oder gelbem Licht, dass aus kleinen Fenstern fiel, karg beleuchtet.
Schließlich hielt Mortan Gullveig zurück und klopfte sanft an eine Holztür, die sich im nächsten Augenblick öffnete und die Ankömmlinge hineinschlüpfen ließ. Offenbar hatte man sie erwartet.
Schwielige Männerhände packten die Hexe an den Armen, jemand knebelte ihren Mund mit rauem Stoff und stieß sie auf einen Holzstuhl. Sofort legten sich Stricke um Hand- und Fußgelenke und fesselten sie. Ihr gedämpftes Schimpfen waren die einzigen Laute in diesem Moment, alles war in wenigen Augenblicken abgelaufen und hatten keine Möglichkeit der Gegenwehr zugelassen.
„Danke Mortan!“ Ein junger Mann trat lächelnd aus dem Schatten des Nebenraums. Der Waldläufer hob kaum merklich die Hand: „Aber ...“, versuchte er noch einzuwenden, doch mit einer Handbewegung verwies der Eingetretene alle hinaus. Auf der Schwelle wandte Mortan sich nochmals um, für einem Moment schien es, als sträube er sich.
„Deine Aufgabe ist erfüllt.“ Mit diesen Worten schlug die Tür zu und er fand sich in der Dunkelheit vor dem Haus wieder.
Drinnen kämpfte Gullveig gegen den Knebel und die Seile, aber das löste nur ein mitleidiges Lächeln ihres Gegenübers aus.
„Wehr Dich nicht, Weib! Es war doch Dein Wunsch, uns zu besuchen und vom Gold der Wanen zu berichten. Nicke einfach, wenn ich die Wahrheit spreche!“
Sein schmales Gesicht mit der vorspringenden Nase bewegte sich vor ihr und sie maßen sich von Angesicht zu Angesicht. Die Lichter, die diese Stube erleuchteten, gaben seine Augen einen bernsteinfarbenen Schein, seine Pupillen stachen wie Nadeln und ließen Gullveig blinzeln.
„Du darfst mich mit Loki ansprechen. Ich bin König Odins Stiefsohn und Dank meiner Voraussicht wissen wir Asen recht gut über Dein Volk und seine Absichten Bescheid. Deshalb drängt die Zeit. Du wirst mir berichten, was immer Du erzählen wolltest und kannst unversehrt nach Hause. Allerdings erst nachdem wir Wanenheim und euer Gold unter unsere Kontrolle gebracht haben.“
Die Hexe schüttelte den Kopf und schlug die Augen nieder. Der Knebel in ihrem Mund ließ Loki die abfälligen Worte nur ahnen.


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BeitragVerfasst am: 09.01.2022 18:06    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo smile Anbei eine neue Version des ersten Kapitels sowie das vierte Kapitel mit der Frage, was ich in irgendeiner Form verbessern könnte.
Danke smile
„Wir müssen jetzt handeln!“
Vymirs Faust donnerte auf den Eichentisch, ließ die Methumpen hüpfen und den Rat der Wanen zusammenzucken. Gleich mit seinem Zorn schienen die Fackeln an den Wänden aufzuflammen. In der folgenden Stille richteten sich die Augen des Dutzend angesehenen Männern des Stammes von ihm auf König Njörd am Ende der Tafel.
Dieser hatte die Hände flach auf den Tisch gelegt und betrachtete sie stumm. Seine Lippen bewegten sich unmerklich, bevor er seinen beeindruckenden Vollbart strich und zu sprechen anhub:
„Auch, wenn Dir, Vymir und einigen anderen hier es nicht gefallen mag, die Asen tun nichts Unrechtes. Sie dürfen auf ihrem Gebiet neue Siedlungen anlegen, wo sie wollen. Auch an unseren Grenzen. Die vor Generationen geschlossenen Verträge gelten und das Zusammenleben ist seit Aberhunderte Monde friedlich.“
Freyr sprang auf. Wild wogten seine blonden Haare, der untere Teil seines langen Bartes steckte im Gürtel, damit er sich nirgendwo verfangen konnte.
„Aber Vater! Was macht Dich so sicher, dass die Asen keine Bedrohung für uns darstellen? Schon immer traten sie viel wilder, kämpferischer und aggressiver als wir auf. Was ist, wenn sie sich gegen uns wenden sollten? Unser Land ist reich an Getreide, Eisen und wir sind die besseren Handwerker. Du selbst bist der größte Schiffbauer unter uns. Und von unseren Goldvorräten will ich gar nicht erst sprechen. Was, wenn Vymir Recht haben sollte?“
Njörd nickte: „Und eines hast Du vergessen: Auch unsere Frauen sind wesentlich schöner!“
Das Lachen der Männer dröhnte durch den niedrigen Ratssaal mitten in Wanenheim. Bunte Schilde und schlanke Speere hingen an den Wänden aus Holzbohlen. Sie vibrierten, als die Humpen beifällig auf die blankpolierte Tischplatte krachten. Der König erhob sich und es wurde schlagartig still. Geisterhaft knisterten die Fackeln in ihren Haltern und ihr roter Schein übergoss die hünenhafte Gestalt Njörds wie Lava. Er hatte eine Entscheidung getroffen.
„Dann lasst uns abstimmen: Die Palisaden unserer Siedlungen an der Grenze sind zu verstärken, die Schmiede sollen zusätzliche Waffen herstellen und mehr Männer beobachten unsere Nachbarn. Dennoch dürfen sich die Asen nicht herausgefordert fühlen. Wer ist dagegen?“
Beifälliges Gemurmel durchzog den Saal. Dann aber erhob sich Vymir und fixierte den Anführer fest mit den Augen: „Bedeutet das, dass wir sie zunächst in Sicherheit wiegen, bevor wir losschlagen? Die Asen sind gierig und planen bestimmt etwas!“
„Losschlagen? Das Gesicht Njörds zeigte offenes Unverständnis. „Ich will keinen Krieg!“, rief er und fügte hinzu: „Wenn Du doch so viel weißt – sag Vymir, kannst Du die Zukunft vorhersehen?“ Der König hob die Augenbrauen.
Vymirs Kiefer mahlte, dann sagte er zähneknirschend: „Ich nicht! Aber meine Schwester Gullveig und sie hat ...“
Njörd fiel ihm ins Wort: „Es tut mir leid, aber Du wirst zugeben müssen, dass Deine Schwester aus gutem Grund nicht zu meinen Beraterinnen zählt. Zu oft lag sie mit ihren Weissagungen daneben.“
Der Angesprochene schluckte heftig. Schweiß trat auf seine sich rot färbende Stirn und die pochende Schläfenader wurde sichtbar. Mit funkelnden Augen fauchte er: „Sie sagte voraus, dass Königin Freya mit einem Jungen schwanger sein würde und sie sah die Dürre der letzten beiden Jahre kommen.“ Mit ausgestrecktem Arm wies er in die Runde: „Soweit ich weiß, gehen alle eure Weiber gern zu ihr. Besonders, wenn es mit dem Nachwuchs nicht klappt.“
Totenstille trat ein, selbst die Fackeln schienen zu schweigen.
Bevor einer der Männer Vymir an die Gurgel springen konnte, räusperte sich der König vernehmlich, atmete tief und sprach mit drohendem Unterton: „Ich, als euer gewähltes Oberhaupt, trage die Verantwortung für alle Wanen und damit haben wir einen Beschluss! Vymir – wir kennen uns seit unserer Kindheit und so sehr ich Dich und Deinen Rat schätze, aber Zwietracht ist hier fehl am Platze!“
Dieser biss die Zähne zusammen, sein Blick überflog die Gesichter des Rates. Dann stieß er seinen Stuhl beiseite und verließ mit festem Schritt und ohne sich nochmals umzusehen den Saal.
Hinter sich hörte er, wie die Männer laut die leeren Humpen auf den Tisch schlagend ihrem Anführer zustimmten. Dieser setzte sich mit geneigtem Haupt, um gleich darauf mit einem Wink seine Töchter mit vollen Metkrügen heranzuholen, damit sie die Trinkgefäße der Versammlung wieder füllten.
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Die leise klirrende Kette war an einen Eisenring geschmiedet, der wiederum um Thors Handgelenk lag. Das andere Ende führte zu dem unterarmstarken Stiel des Kriegshammers, den der Odinssohn nachdenklich in seiner Hand wog.
„Was glaubst Du, will Njörd von uns? Es ist tapfer von ihm, nur mit einer Handvoll Krieger soweit vorzustoßen.“ Mit gesenktem Kopf betrachtete er die auf dem Hammerkopf eingravierten Runen. Kaum war er erwachsen geworden, hatte der Stärkste aller Asen sich „seinen“ Hammer untrennbar an die Hand schmieden lassen.
„Er trägt das Verhandlungsbanner, also wird er etwas anzubieten haben.“ Loki trank seinen Weinbecher aus, während der eisige Winterwind an den Bahnen ihres Feldherrenzeltes zerrte. Die Feuer der Fackeln wurde zerzaust, das unruhige Licht ließ kaum die Gemarkungen auf der großen Landkarte erkennen, die auf dem Tisch in der Mitte des Zeltes ausgebreitet war.
Überall standen zierliche Holzfigürchen, die Stellungen der Asen und Wanen darstellend. Nachdenklich strich Loki eine Ecke der Karte glatt, denn die Anordnung der kleinen schwarzen und hellbraunen Kunstwerke entsprach überhaupt nicht seinem Plan.
„Wir jedenfalls werden ihm nichts vorschlagen! Er hatte nur Glück.“
Das erste kriegerische Aufeinandertreffen hatte mit der Flucht der Asen geendet, denn die Wanen hatten die gestellten Fallen nachts umgangen, sich aufgeteilt und so den schwach aufgestellten Gegner zu dessen Überraschung von zwei Seiten geschlagen.
„Warum hast Du nicht die Hexe befragt? Ihre Fähigkeiten wären vielleicht hilfreich gewesen.“ Thor lachte freudlos und trat ebenfalls an den Tisch heran.
Loki knirschte mit den Zähnen. „Besser ich hätte mich allein um alle gekümmert. Hönir, als Anführer unserer Krieger durfte ich nicht übergehen. Ihn, den Schönling und seinen Kumpan Mimir, diesen bärtigen Trottel habe ich vertraut.“ Er schlug den dicken Pelzmantel auf, ließ ihn achtlos zu Boden gleiten und stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch. „Noch ist es nicht zu spät, denn Gullveig weigert sich standhaft, zu sterben.“
In diesem Moment wurde die Plane am Eingang zurückgeschlagen, Loki und Thor fuhren herum. Hönir, in geschmückter Lederrüstung, trat gebückt herein und schüttelte sich den Schneeflocken aus den langen Haaren. „Unserer Krieger haben wir bis kurz vor Asgard zurückgezogen. Ärgerlich, dass uns die Wanen so überrumpeln konnten. Ich war überzeugt, das Richtige getan zu haben.“ Ohne zu fragen, bediente er sich am Wein, dabei die ungleichen Brüder beobachtend.
„Die Familien, der unnötig getöteten Krieger werden ihren Verlust sicherlich nicht mit dem Wort -ärgerlich- abtun!“ Lokis Stimme war schneidend, seine Augen stechend. Am liebsten wäre er den Mann angesprungen, wusste aber im gleichen Moment, dass es im Grunde der eigene Fehler gewesen war, sich nicht durchgesetzt zu haben.
„Wie schnell können die Wanen nachsetzen?“, verlangte Thor zu wissen. Hönir schaute über die Karte und drehte dabei den leeren Becher in seiner Hand. „Ihre Hauptstreitmacht steht auf breiter Front am Rande des Grimwaldes.“ Flüchtig schob er eine Handvoll dunkler Figuren in das besagte Gebiet. „Wenn unsere Späher es melden, bleibt uns noch maximal ein Tag, bevor sie hier eintreffen. Und noch einen mindestens bis Asgard. Aber dazu wird es nicht kommen, da ich unsere Leute hier“, er zog einen weiten Halbkreis östlich um die Hauptsiedlung, „und hier südlich gestellt habe.“
„Warum dort?“, wollte Loki wissen und deutete auf die letzte Stellung. Hönir lachte: „Wenn wir sie geschlagen haben, bleibt ihnen nur die schmale Lengenfurth, wohin wir sie von Süden aus treiben werden.“
Vor dem Zelt hörte man zahlreiches Pferdeschnaufen, Männerstimmen wurden laut. Wieder flog der Eingang auf, Odin und Mimir kamen fröstelnd herein.
„Ich hatte gehofft, dass es hier wärmer sei“, polterte der König los, sein Begleiter nahm die dicke Pelzkappe ab und entblößte seinen spärlichen Haarwuchs. Die drei Anwesenden beugten das Knie, dann ging Hönir auf Mimir zu und schloss ihn in mit dem Wort „Bruder“ in die Arme.
„Wir beraten gerade, was Njörd dazu bewegt, allein und so weit in unser Land vorzudringen.“ Loki breitete die Hände über der Karte aus.
Mimirs tiefe Stimme ließ alle aufschauen. „Er zeigt seine Furchtlosigkeit und seinen Friedenswillen.“ Es war selten, dass der Mann sich offen zu Wort meldete, denn meist sprach oder flüsterte er nur mit Hönir.
„Das sehe ich ähnlich“, pflichtete Odin ihm bei. „Wir haben die Wanen unterschätzt, aber Njörd will uns nicht demütigen.“
„Und, wenn wir ihn einfach töten?“ Thor legte seinen Hammer über die Schulter.
„Sind wir Barbaren?“, schrie Odin ihn an und der Hüne schrumpfte unter seinen Augen. „Alles wird sich fügen, denn jeder fordert sein Schicksal selbst heraus. Die Wanen sind bereits in unserem Gebiet, soll ich sie mit dem Tod ihres Anführers nun bis nach Asgard locken?“
Der König schaute in die Runde, sein wütender Atem wurde sichtbar hervorgestoßen. Mimir räusperte sich: „Freyr hat noch nicht die Macht und das Ansehen, das von uns abzuwenden. Dazu würde sein Verhalten Verdacht erregen. Lasst den Dingen ihren Lauf, vielleicht haben wir bald mit Njörd und seinem Sohn einen viel wertvolleren Pfand.“
Zur gleichen Zeit, der Wolfsstunde, verschwand Asgard in dichtem Schneetreiben. Die Menschen hatten sich schon am Abend in ihren Häusern verbarrikadiert, einsam pfiff der Wind durch die Straßen und trieb dicke Flocken vor sich her.
Mortan machte dieses Wetter nichts aus, von seinem Leben im Wald war solche Unbilden gewohnt und er sah es als Zeichen an, in dessen Schutz seinen Plan in die Tat umsetzen zu können. Vorsichtig lauschend stapfte er an den Hauswänden entlang, seine Handlampe gab nur Licht für einen, manchmal zwei Schritte im Umkreis. Der Atem kam wie dicker Nebel stoßweise aus seinem Mund und trotz der Kälte rann Schweiß seinen Rücken hinunter. Seit Gullveig überwältigt worden war, schlief er kaum noch. Der Gedanke quälte ihn, sie Folter und Tod ausgeliefert zu haben. Wenn ihre, aus Überraschung und Furcht aufgerissenen Augen durch seine konfusen Träume geisterten und ihn nachts hochschreckten, fand er keinen Schlaf mehr. Zu spät hatte er erkannt, dass Loki in ihm nur ein Mittel zum Zweck gesehen hatte. Seine arglose Prahlerei während eines Saufgelages, des Öfteren eine Wanin zu besteigen, ließ Gullveig in Odins Keller schmachten und er ertrug den Gedanken nicht, sie dem Tod ausgeliefert zu haben.
Wie erwartet hatten sich die Gefängniswachen wegen des Wetters das flachen Gebäudes verzogen. Mortan legte zögernd sein Ohr an das eiskalte Holz, dahinter hörte gedämpftes Gemurmel. Noch ein paar Mal stieß er dichte Atemwolken aus, bevor er an die Tür hämmerte. Als jemand im Inneren den Schlüssel drehte, riss Mortan die Lampe nach oben und leuchtete der Wache ins Gesicht.
„Hey, was soll das? Wer bist Du?“, stieß diese hervor, dann krachte die Faust des Fallenstellers gegen seinen Kiefer und ließ ihn mit einem bluterstickten Gurgeln zu Boden gehen. Schnell drängte Mortan hinein, stieg über den Mann und erreichte mit wenigen Schritten die Wachstube.
„Was ist passiert?“ Mit halbvollem Mund sprang die zweite Wache auf, doch bevor er zu seinem Schwert greifen konnte, hatte Mortan ihn am Handgelenk gepackt und gegen die Wand geschleudert. Noch einmal wandte sich der Soldat um, ein schwungvoller Hieb riss seinen Kopf zur Seite und er sackte unter den Tisch.
Mit fliegenden Händen durchwühlte Mortan die Kleidung der Wache und schlug sich dann vor die Stirn - das Bund steckte von innen in der Eingangstür. Wieder über den leblosen Mann, packte er den großen Ring, an dem eine Handvoll verschiedener Schlüssel hing. Den schmalen Gang entlang rief er Gullveigs Namen. Männerstimmen wurden hinter den grob behauenen Holztüren laut, manche hämmerten, manche flüsterten. Nur am Ende des Ganges blieb es still, dorthin drängte Mortan, stopfte den Schlüssel in das handgroße Vorhängeschloss, es polterte zu Boden. Er hob eine Fackel aus ihrem Ständer, lodernd erhellte sie die schmale Zelle, in der in der Ecke ein Lumpenbündel kauerte.
„Ich bin’s Gullveig. Bitte verzeih mir, aber jetzt wird alles gut. Ich war so ein Idiot ...“ Er griff nach dem schlanken Körper und erschrak. Sie zitterte und tief in die Höhlen eingesunkene Augen starrten ihn wirr an. „Mortan ...“, flüsterte sie und drehte den Kopf weg.
„Komm!“ Er zerrte sie hoch, warf sie sich über die Schulter. „Ich bring uns weg von hier.“
Unter dem Türsturz ging er leicht in die Knie, damit seine Fracht sich nicht stößt, dann schritt er den Flur zum Ausgang hinunter. Die Wache lag noch immer röchelnd am Boden, Blut troff aus seinem Mund, das Gesicht schmerzverzerrt. Mortan stieg achtlos über ihn, hatte die Hand an der Tür, als Gullveig mit einem tierischen Laut aufstöhnte und erschlaffte. Der Waldläufer drehte sich irritiert um und sah, wie der Mann am Boden sein blutbesudeltes Kurzschwert sinken ließ. „Sie darf nicht hinaus!“, gurgelte er, dann traf ihn ein schwerer Tritt am Kopf und sein gequälter Atem verstummte.
Fassungslos nach Luft schnappend ließ Mortan den leblosen Körper von seiner Schulter gleiten. Die Wunde ging im unmöglichen Winkel durch Gullveig, sie blutete stark. Angestrengt presste er sein Ohr auf ihre Brust, hörte jedoch nur das eigene Rauschen. Sein Herz schlug zum Zerspringen, denn er erkannte, dass er diesen Fehler niemals wieder rückgängig machen konnte. Die Kehle trocken wie das Feld in der Sommerhitze, schluckte er mehrmals – vergeblich. Sollte er sie zurücklassen? Wohin aber mit ihr? Schon wurde ihm die Entscheidung abgenommen, denn die zweite Wache hatte sich aufgerappelt und taumelte aus der Wachstube.
„Hey, was soll das?“, brachte er mühsam hervor, fuchtelte mit seinem Schwert und drang mit wackeligen Beinen auf Mortan ein. Dieser sprang hoch und floh durch die aufgestoßene Tür ins nächtliche Schneegestöber.


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Skatha
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BeitragVerfasst am: 14.01.2022 11:00    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Calvin Hobbs,

ich habe die vorletzte Version mit Kapitel 1-3, und die aktuelle Version mit 1 und 4 gelesen. Beim ursprünglichen Einstieg habe ich besser verstanden, worum es ging. Zwar ist der neue Einstieg weniger langatmig, aber ein bisschen fehlt mir dann doch der Hintergrund, weshalb die Asen zum gegeben Zeitpunkt konkret so bedrohlich sind (die Jäger treffen sie, die Fischersiedlung udgl. hat es für mich anschaulicher gemacht, als nur 'Sie dürfen auf ihrem Gebiet neue Siedlungen anlegen, wo sie wollen').

Ein paar Kleinigkeiten und Überlegungen, hoffe, du kannst es zuordnen:

Zitat:
Wild wogten seine blonden Haare, der untere Teil seines langen Bartes steckte im Gürtel, damit er sich nirgendwo verfangen konnte.
„Aber Vater! Was macht Dich so sicher, dass die Asen keine Bedrohung für uns darstellen? Schon immer traten sie viel wilder, kämpferischer und aggressiver als wir auf.[/color] wenn wild als Bezeichnung für die Asen verwendet wird, würde ich es bei Freyr kurz davor weglassen
...
Bedeutet das, dass wir sie zunächst in Sicherheit wiegen, bevor wir losschlagen? Die Asen sind gierig und planen bestimmt etwas!“ nachdem Vymir schon aufsteht, als erhebe er sich kampfesbereit, und er ein Aufwiegler ist, würde ich ihn noch offensiver gegen den König sprechen lassen 'Wir wiegen sie zunächst in Sicherheit, bevor wir losschlagen? Ein hervorragender Plan. Die Asen..' oder so ähnlich
...
Freyr fiel ihm ins Wort: „Es tut mir leid, aber Du wirst zugeben müssen, dass Deine Schwester aus gutem Grund nicht zu meinen Beraterinnen zählt. Zu oft lag sie mit ihren Weissagungen daneben.“ würde sich der Sohn des Königs wirklich entschuldigen? ist fast zu nett
...
Diese hatten zuvor an der Versammlung teilgenommen, aber bis auf Vymir geschwiegen, denn die Mehrheit der Krieger war königstreu und stellten, zumindest nicht offen, dessen Entscheidungen nie in Frage. den Einschub würde ich evtl ans Satzende rücken, oder generell umformulieren. es liest sich schwer
...
der sich unbehaglich unter diesem Blick wandte, als fürchte er eine Verzauberung. der sich wand, oder?
...
Zur dunkelsten Stunde der Nacht verließ er kurz darauf das Haus. zwei Zeitangaben sind hier eine zu viel denk ich


ad moderne Formulierungen: manches klingt fast zu modern zB „Ich sehe da kein Problem!“ oder „Hey, was soll das?“ (ev schlicht ‚Was soll das?‘) oder „Ich war so ein Idiot“ (ev Narr?).

ad Höflichkeitsform Du: Mich irritiert das höfliche Du ein wenig; ich kann mich auch grad nicht erinnern, wann ich das in einem Roman das letzte Mal gesehen habe. Es ist eher wenig gebräuchlich oder? Ist jetzt tatsächlich eine ernstgemeinte (blöde) Frage von mir?^^
Abseits dessen: angesicht von Zeit und Ort wäre da die Anrede mit „Euch“ vielleicht nicht passender? zB wenn der Sohn den König anspricht. Oder „Wehrt Euch nicht, Weib“ oder „Ihr dürft mich mit Loki ansprechen.“

Etwas weniger Adjektive fände ich auch angenehmer.
Ansonsten vom Inhalt her konnte ich mir ein gutes Bild machen, von den Figuren und deren Motiven, das war für mich plausibel. Beim vierten bin ich leider etwas ausgestiegen, aber da hat glaube ich meine Aufmerksamkeit generell nachgelassen. Jemand anders hat hier vielleicht noch ein hilfreiches Feedback für dich.

LG Skatha


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Calvin Hobbs
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Alter: 53
Beiträge: 380
Wohnort: Deutschland


BeitragVerfasst am: 14.01.2022 17:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank smile Wieder Input aus einer anderen Sicht smile

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