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Den Eber traf es nicht, dafür den Löwen - eine Mordsgeschichte


 

 
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Federfuchser
Gänsefüßchen


Beiträge: 46



BeitragVerfasst am: 22.10.2021 19:24    Titel: Den Eber traf es nicht, dafür den Löwen - eine Mordsgeschichte eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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   Sein Vater war streng, die Mutter lieblos. Mann kann nun nicht sagen, dass die Eltern ihn vernachlässigten. Im Gegenteil. Sein Äußeres ließ nichts zu wünschen übrig. Alles tipptopp, immer after the latest fashion. Schon der Leute wegen. Der Vater verlangte von ihm, dass er auch im Winter kalt duschte. Und das, wo er sowieso schon ständig fror! Die Stiefel mussten jeden Abend frisch gewichst und auf Hochglanz gewienert vor der Tür seines Zimmers stehen. Und er verlangte von ihm, dass er morgens um vier mit ihm auf die Jagd ging. Dabei hätte er sich doch so gerne noch einmal auf die andere Seite gedreht und weiter geträumt.  
  Auch bestimmte Bücher durfte er nicht lesen. Zum Beispiel Schriften, die sich kritisch mit der katholischen Religion auseinandersetzten. Dafür jede Menge Theodor Storm, Hermann Löns und andere Feld- Wald- und Wiesendichter. Einmal brachte ihm der Vater Hemingways "Über den grünen Hügeln Afrikas" mit und ließ sich tagelang beim Abendbrot von ihm den Inhalt berichten. Der Vater fand Hemingway gut, weil in seinen Romanen ständig gejagt und geschossen wurde. Doch da gab es nichts zu berichten. Endloses Geschwafel über Literatur, zwischendurch ging´s auf die Pirsch!
  Sogar der Mutter wurde es zu viel. „Nun lass den Jungen doch mal in Ruhe essen!“, schimpfte sie.
   Ach ja, der Vater. Er war Forstrat und Jagdaufseher im Staatsforst Siebenwalde, besaß eine Jagd und liebte kostbare Gewehre. Morgens um vier zog er los, und dann hörte man es ab und zu im Wald knallen. Wenn er wieder zurück war, schimpfte er: „Die Wölfe versauen mir noch die Strecke!“ Überhaupt die Wölfe! Waren wohl nur auf der Welt, um dem Herrn Jägermeister die Beute wegzufressen! Die Wände des geräumigen Wohnzimmers im Forsthaus waren überladen mit 'Schalen' und 'Stangen'. Wehe, wenn jemand aus Versehen 'Geweih' sagte. Der bekam aber was zu hören!
   Die Mutter war zehn Jahre jünger als ihr Mann und konnte als verblichene Schönheit gelten. Sie war hochgewachsen, blond und herrisch. Ihren Mann nannte sie seiner wüsten Haarpracht wegen „mein Löwe“, ihren Sohn „Kindchen“. Sie hasste das große kalte Forsthaus, das schlecht zu beheizen war, und in dem sie ständig kalte Füße bekam, den tiefen dunklen Wald, der sie depressiv machte, den schieläugigen Gärtner, der ihr Angst einflößte. Im Haus lief sie im knallroten Hosenanzug und mit knallgelben Plastik-Clogs herum, weil sie kein Grün mehr sehen konnte. Wenn es sich machen ließ, bestieg sie den Geländewagen und fuhr in die nächste Kreisstadt.   
  Gelegentlich brachte sie ihrem Sohn Süßigkeiten mit, besonders, wenn er krank war. Er lag dann im Bett, die Packung Schaumküsse neben sich auf dem Nachttischchen, und überlegte, wann ihn die Mutter das letzte Mal herzlich in die Arme genommen hatte. Nebenan stritten sich die Eltern. Da zog er sich die Decke über den Kopf und begann zu weinen.
   Mit neun Jahren erwachte in ihm das Interesse an den Dingen der Natur. Er riss Fliegen den Kopf ab und beobachtete gespannt, was geschah. Nun begriff er, was Kopflosigkeit bedeutet. An einer Kuhwiese pinkelte er an den Elektrodraht. Der Schlag war so heftig, dass er einen Moment die Besinnung verlor und umfiel.
   Als er elf war, machte er Bekanntschaft mit seinem erwachenden Geschlecht. Eines Tages erwischte ihn die Mutter, wie er Hand an sich legte. Wütend zog sie einen Hausschuh aus und drosch auf ihn ein. Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, war nicht nur seine Kleidung, sondern auch sein Sexualleben in Unordnung geraten.
   Es war keinesfalls so, dass sie ihren Frust immer an ihrem Sohn ausließ. Aber es kam schon vor.
   Der Vater schlug nicht, seine Methoden waren feiner, grausamer. Als gelernter Jäger schoss er. Aber er schoss erst, wenn das Wild stand. Der Sohn stand vor ihm, die Wangen schamgerötet. Der Vater zielte gut, und er traf genau ins Herz. Blattschuss. Er nahm ihn ins Gebet und erklärte, von diesem Laster werde man auf die Dauer wahnsinnig. Der Vater wusste, dass das, was er da erzählte, völliger Schwachsinn war. Trotzdem zeigte er seinem Sohn zum Beweis Fotos von Alkoholkranken im letzten Stadium. Der Sohn wandte den Blick und begann zu zittern. Jetzt lag über dem Schuldkomplex auch noch eine Angstpsychose.
   Um dem seelischen Druck, der mittlerweile auf ihm lastete, zu entgehen, unternahm er stundenlange Radtouren. In seiner Unerfahrenheit übersah er, dass körperliche Anstrengung die Funktion der innersekretorischen Drüsen und somit auch die Libido steigert. Also nahm der Druck nicht ab, sondern zu. Immer öfter wurde er jetzt nachts von Kastrationsträumen heimgesucht.
   
                                                                 2
   Seine Mutter hätte gerne ein Mädchen gehabt, der Forstrat  gerne einen Sohn. Deshalb nannten sie ihn David Marie.
 In der Vorschule überraschte David Marie die Erzieherinnen damit, dass er das kleine Einmaleins bis zur Zehn aufsagen konnte. Die anderen Kinder standen mit offenen Mündern um ihn herum und staunten. Sogar den hartgesottensten Kitarockern verschlug´s für einen Moment das Plappermäulchen. Im ersten Grundschuljahr gelang es ihm, die geschätzt fünfundzwanzig Strophen von 'Von Drauß´, vom Walde komm ich her!' fehlerfrei aufzusagen.
  In der neunten Gymnasialklasse setzte er den Mathelehrer beim Problem der Primzahlzwillinge matt. Der Physiklehrerin wies er nach, dass ihre Berechnungen der Lichtgeschwindigkeit fehlerhaft waren. Doch bald hatten nicht nur die Primzahlen, sondern auch er ein Problem: Er galt als hoch begabter Sonderling und wurde gemieden. Als besonders anstößig galt unter den Mitschülern seine kriecherische Art. Während andere die Beine ausstreckten, wenn sich ein Pädagoge näherte, stand er auf und verbeugte sich, besonders tief bei Lehrern, die als streng galten.
   Solch ein Verhalten musste zu Konflikten führen. Da war ein Schüler, Wujek mit Namen, der es auf ihn abgesehen hatte. Er war ein übler, finsterer Geselle, der wegen Disziplinlosigkeit von einer Schule zur anderen weitergereicht wurde. Dieser Wujek verfolgte ihn auf Schritt und Tritt und nannte ihn einen Waldschrat. Einmal, auf dem Weg zur Bushaltestelle, griff er ihn an und boxte ihn nieder. Mit blutendem Herzen fuhr David Marie nach Hause und heulte sich bei seinem Hund aus. Dieses Tier war das einzige Lebewesen weit und breit – vielleicht außer der Katze – das ihn verstand, denn es war selbst häufig getreten worden.
   Bei einer Übung am Reck bekam David Marie einen Samenerguss. Er sah an sich herunter und entdeckte den Fleck in seiner Sporthose. Beschämt schlich er aus der Halle. Doch das Gefühl war ihm nicht unangenehm. Was ihn besonders freute: Er musste nicht Hand an sich legen. Also war es kein Laster, und er würde davon auch nicht wahnsinnig. Am Ast einer dicken Buche hinter dem Forsthaus übte er Klimmzüge. Aber es reichte nicht, so entschieden er sich auch hochzog – die Erlösung wollte nicht kommen. Da sprang er ab, umarmte die Buche und drückte seinen Unterleib mehrmals kräftig gegen den Stamm.

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   Der Forstrat  ließ sich jeden Abend von seinen Lernfortschritten unterrichten. Diese Gespräche nahmen oft die Form von Verhören an. Besonders hartnäckig fiel die Fragerei aus, wenn es um weltanschauliche Dinge ging, zum Beispiel im Politikunterricht. David Marie wand sich wie ein Aal. Politik interessierte ihn nicht. Den Vater auch nicht. Aber er hatte erkannt, dass er seinen Sohn damit in die Enge treiben konnte.
   Eines Tages bemerkte die Putzhilfe, dass es in David Maries Zimmer eigenartig roch. Sie blickte unters Bett und entdeckte dort einige prall gefüllte Plastiktüten. Die herbeigerufene Mutter öffnete eine dieser Tüten und blickte hinein. Verschimmelte Wurstbrote.
   Die Eltern merkten jetzt, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmte. Aber anstatt die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, zogen sie die falschen. Wieder stellte ihn der Vater zur Rede. Der Sohn schwieg. Was hätte er such sagen sollen? Dass er kurz davor war, in einen Hungerstreik zu treten? Er wusste ja selbst nicht, wie es um ihn stand.
   Mittlerweile war er fünfzehn und in der elften Klasse. In einem Mathematik-Wettbewerb gewann er den ersten Preis. Sein Bild und die Fotos anderer Preisträger erschienen in der Zeitung.
   Es sah sein Bild und war erschüttert.
   Widerlich mädchenhafte Locken, schwammiges Gesicht, verpickelte Stirn, fliehendes Kinn: Das Gesicht eines Weichlings. Jetzt, wo er zum ersten Mal bewusst sein Gesicht neben den Gesichtern anderer junger Leute sah, kam er zu dem Schluss: „Ich sehe scheiße aus. Wie ein Waldschrat.“ Das war natürlich dummes Zeug. Natürlich gab es hübschere junge Männer. Aber was ihn in seinen Augen hässlich machte, waren nicht die Locken, die verpickelte Stirn, noch das fehlende Kinn, sondern sein angeschlagenes Selbstwertgefühl.
   
   Im Deutschunterricht erwähnte der Lehrer Boccaccios Decamerone als gelungenes Beispiel italienischer Novellenliteratur. Das könne man sehen, dass in jeder guten Erzählung ein Falke stecken müsse. Der Lehrer war ein Freigeist und benutzte in seinem Unterricht gerne pikante Beispiele aus der Weltliteratur. David Maries Interesse war geweckt. In einem Antiquariat besorgte er sich das Buch und stellte es auf sein Bücherbrett. Als er zwei Tage später hineinschauen wollte, war das Buch verschwunden. Er suchte hier und da und fand es nicht. Wenig später sprach ihn sein Vater darauf an. Solche Schundliteratur dulde er in seinem Hause nicht, brüllte er. David Marie schwieg und zog seine Konsequenzen. Er beschloss, den Vater aus der Liste der Personen, die ihm etwas bedeuteten, zu streichen.
   Die Mutter war wieder einmal in die Kreisstadt zum 'Shoppen' gefahren.

                                                                  4
   Auf der Universität machte er die Bekanntschaft eines Studenten, der ihn zu einem Umtrunk auf seine Bude einlud. David Marie sah sich um und entdeckte ein Regal mit Gewaltvideos, das er interessiert betrachtete. Der Student – er hieß Lars-Uwe – fühlte sich ermuntert, eines dieser Videos einzulegen. Es zeigte, wie Frauen geschlagen wurden. David Marie ergriff eine seltsame Erregung. Im Verlaufe weiterer Episoden merkte er, wie sein Glied steif wurde. Dass diese Szenen alle gespielt waren, entging ihm. Der Student, ein harmlos wirkendes Jüngelchen, wurde zutraulich und fragte ihn, ob er schon Erfahrungen mit Frauen habe, ober ob er noch 'Jungfrau' sei.
   Sofort ließ David Maries Erregung nach. Der Bekannte hatte einen wunden Punkt getroffen. Während die meisten anderen jungen Männer in seinem Alter schon in festen Beziehungen lebten – einige hatten bereits Kinder – hatte er noch nie einen Frauenmund geküsst, geschweige denn einen Frauenleib umarmt. Er war sich immer nur selbst zur Genüge gewesen. Diese Erkenntnis und die Erfahrung mit den Gewaltszenen jetzt trafen ihn wie ein Keulenschlag. Er musste sich eingestehen, dass er abartig veranlagt und ein Sadist war. Den Schuldkomplex hatte er mittlerweile als unsinnig erkannt und abgelegt, und jetzt tat sich schon wieder eine Baustelle auf. Der Schlag war so hart, dass er einige Zeit auf sexuelle Aktivitäten verzichtete. Er fühlte sich innerlich hohl und ausgebrannt.
   Allmählich erwachten die Lebensgeister wieder, und er entschloss sich, seiner Veranlagung die Stirn zu bieten. Er wollte jetzt wissen, ob er noch ein normaler Mann war. Tagelang schlich er nach Einbruch der Dunkelheit durch das Rotlichtviertel der Universitätsstadt.
  Die Prostituierten arbeiteten in mehreren engen Gassen vor der Alten Stadtmauer. Von einer nicht mehr ganz jungen Frau ließ er sich überreden, einzutreten. Diese Begegnung wäre ein vollständiges Fiasko gewesen, wenn diese Frau nicht Mutter eines schwulen Sohns gewesen wäre. Sie zeigte Verständnis und tröstete ihn. Er sei nicht der einzige, dem so etwas widerfahre. Leistungsdruck und Stress seinen beim Sex kontraproduktiv. Und es müsse doch nicht immer gleich Sex sein. Manche Männer kämen nur, um mit ihr zu reden und sich ein paar Streicheleinheiten abzuholen. Er solle den Kopf nicht hängen lassen. Sie erkannte nicht, dass seine Probleme ganz woanders lagen. „Du bist doch so ein hübscher Junge“, schloss sie, „und wirst bestimmt jemanden finden, der dich zum Mann macht.“
   Doch David Marie ließ sich durch die gut gemeinten Worte dieser erfahrenen Frau nicht täuschen. Sofort meldete sich sein Bedürfnis nach Selbstverteidigung. Vielleicht lag´s ja an dem ganzen Plüsch und Plunder dieses Bordells, entschuldigte er sich, an diesem widerlich süßen Geruch nach billigem Parfüm. Schon als er die Stufen zum Zimmer der Frau hochgestiegen war, hatte ihn ein leichter Ekel ergriffen. Er beschloss, aufs Ganze zu gehen.
  In den nächsten Wochen und Monaten suchte er eifrig die Bekanntschaft von Studentinnen zu erringen.
  An Männer dachte er überhaupt nicht.
  Liebeshungrige Studentinnen gab es genug, es musste nur der Richtige sein, dem sie sich hingaben. Aber aus irgend einem Grund war er nie der Richtige. Immer wieder zerschlugen sich die Bekanntschaften. Wie gerne hätte er solch ein lebenslustiges Mädel zur Freundin gehabt. Einmal schien sich eine tragfähige Beziehung anzubahnen, und schon schmiedete David Marie Zukunftspläne. Er fantasierte von Kindern, Familie, einer gemeinsamen Wohnung mit einen zwei Meter langen Esstisch aus schwerer Eiche und mit acht Stühlen. Die junge Frau, ganz in Schwarz – sie liebte schwarze Kleidung und 'schwarze' Bücher – wurde still. Am Grunde ihrer Augen blitzte es böse. Mit allem hatte sie gerechnet, nur nicht mit einem zwei Meter langen Esstisch und acht Stühlen. David Marie hielt ihre plötzliche Wortkargheit für Nachdenklichkeit. Sie trennten sich im Streit. Am nächsten Tag schickte ihm die Angebetete eine bitterböse Mail und kündigte ihm die Freundschaft. Er lag tagelang wie gelähmt im Bett und betrank sich. An den Besuch von Vorlesungen war nicht zu denken. Allmählich kam er zu der Überzeugung: Ich bin ein Ausgestoßener, ein Überflüssiger, den keiner liebt.

                                                              5
   In den Semesterferien fuhr er nach Hause. Die Universitätsstadt wirkte verwaist und leer, und er hatte niemanden, der ihn hätte zurückhalten können. Außerdem sehnte er sich nach seinem Hund.
  Die Mutter war in der letzten Zeit stark gealtert, nur am Vater schien die Zeit vorbeizugehen. Er war wie immer groß, grob und unrasiert – ein wahrer Löwe. Seit einigen Tagen roch er schon morgens nach Alkohol, denn er fühlte sich einsam. Seine Frau weilte bei ihrem todkranken Vater im Rheinland.
   Als hätte er mit seinem Sohn nie Probleme gehabt, plauderte der Forstrat abends am Kamin über Pirsch und Politik. Nach etlichen Whiskys wurde er leutselig. „Ach, du  mein Sohn David Marie!“ rief er, „wie schön, einen Sohn zu haben, auch wenn es ein verlorener Sohn ist!.“ Wieder brüllte er, aber diesmal nicht im Zorn, sondern in guter Laune.
   Der „verlorene“ Sohn hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Er saß wie auf heißen Kohlen. Er fürchtete, dass ihn der Vater als nächstes zur Jagd einladen werde, denn die Jagdsaison wurde morgen früh angeblasen. Und eine Einladung des Vaters kam nach wie vor einen Befehl gleich. Noch bevor David Marie Müdigkeit angeben und sich verabschieden konnte, lud ihn der Forstrat zu morgen früh um vier auf die Jagd ein.

   Zum Revier des Vaters war es eine gute dreiviertel Stunde strammen Fußwegs den verschlungenen Waldweg hoch. Über dem schwarzen Forsten stand majestätisch die aufgehende Sonne. Die Moospolster am Bach waren mit Millionen funkelnder Tautropfen übersät. In der Ferne hämmerte ein Specht.
   Der Hochsitz lag am Ende einer Schneise, die als Futterplatz diente. Für David Marie war es der Gipfel an Perversität, dass der Vater dem Wild erst Futter auslegen ließ und es dann beim Äsen abknallte. Schon dafür hasste er ihn. Sie bestiegen den Hochsitz; der Forstrat stellte Fernglas und Flachmann hin. Er war ein einsamer Jäger und verabscheute Jagdgesellschaften, die das Wild nur vertreiben statt es zum Stehen zu bringen.
  Eine ganze Weile saßen sie schweigend. David Marie fröstelte. Nach einiger Zeit zeigte sich auf der Schneise ein kapitaler Eber und näherte sich dem Leckstein. Wegen der Afrikanischen Schweinepest waren die Jäger gehalten, den Bestand an Schwarzwild erheblich zu dezimieren. Der Forstrat nickte, legte den Finger an den Mund und überreichte seinem Sohn das doppelläufige Jagdgewehr. „Schieß du“, flüsterte er, „aber triff!“
   In den Augen des Forstrats blitzte es böse. Er hatte mehrfach versucht, seinem Sohn das Schießen beizubringen. Es waren fast die einzigen gemeinsamen Aktivitäten gewesen. Hinter dem Forsthaus stellte er Blechdosen auf. Doch David Marie traf nie. Der starke Rückstoß und der scharfe Knall bewirkten, dass er die Jagdwaffe jedesmal verriss. Außerdem fiel es ihm schwer, nur ein Auge zuzudrücken. Bald gab es der Forstrat auf und brüllte: „Versager!“
   David Marie nahm jetzt das schwere Gewehr, entsicherte es und legte an. Wieder fürchtete er sich vor dem Knall und dem Rückstoß. Der Eber stand jetzt so, dass ein Blattschuss möglich gewesen wäre. „Nun schieß doch endlich“, zischte der Vater. David Marie nahm den Druckpunkt, doch er zögerte. Er kam sich vor wie ein Heckenschütze, der aus dem Hinterhalt auf einen wehrlosen Menschen schießt. Dieser Mensch hat nicht die geringste Chance, sich zu wehren, ebenso der Eber.
   Der Forstrat sah das Zögern seines Sohnes und lachte hämisch. „Versager!“
  David Marie drehte sich blitzschnell um. Der Schuss krachte, der Eber stob davon. Die Kugel durchschlug den Körper des Forstrats und blieb in einem Brett hinter ihm stecken. Der Knall prallte von den Bäumen ab und kam abgeschwächt, aber vervielfältigt zurück. David Marie betrachtete eine Weile die zerfetzte Brust des Vaters, in der ein gefühlloses Herz aufgehört hatte zu schlagen. Dann klemmte er dem Toten das Gewehr zwischen die Knie und verließ den Hochsitz.
  Obwohl im bewusst war, was er grade getan hatte, fühlte er sich erleichtert. Endlich konnte der Löwe nicht mehr brüllen.
                                                                           *
Nachbemerkung. Die Geschichte beruht auf einer waren Begebenheit, allerdings ist sie schon lange her. Eines Tages stand in der Zeitung, der Forstrat N. N. sei im Wald bei R., meinem damaligen Wohnort, auf einem Hochsitz erschossen aufgefunden worden, das Gewehr zwischen den Knien. Die Polizei ging von Selbstmord aus, als Motiv nahm man die Ankündigung seiner Frau an, sich von ihm zu trennen. Ein Obdachloser, der im Wald beim Pilzesammeln gesehen worden war, schied als Tatverdächtiger bald aus. Auch alle anderen infrage kommenden Personen konnten  gerichtsfeste Alibis vorweisen.
   An den Sohn dachte aus verständlichen Gründen niemand.
   Der Fall wurde bald als Cold Case zu den Akten genommen.
   Ich hatte den Forstrat ein- oder zweimal gesehen und erinnerte mich noch an eine schlecht rasierte hagere Gestalt mit Gutsherrenallüren. Den Sohn kannte ich nicht, dafür nur zu gut einen anderen jungen Mann aus der Nachbarschaft. Die Erinnerung daran bewog mich nun, den Cold Case wieder aufzuwärmen. Das Ergebnis lege ich hier in Form eines Berichts vor.

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Nina
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Beiträge: 5103



BeitragVerfasst am: 23.10.2021 12:48    Titel: Antworten mit Zitat

lieber federfuchser,

ich finde, du hast eine sehr ansprechende art zu schreiben. obwohl ich solche langen texte nicht gut am rechner lesen kann, und obwohl ich krimis nicht sonderlich mag, habe ich deine geschichte in einem rutsch gelesen.
an ein paar wenigen stellen hast du kleine rechtschreibfehler, "Mann kann nun nicht sagen ..." (gleich am Anfang) (anstelle von: Man ... oder war das Absicht?)
Ansonsten sind mir noch ein paar Stellen, auch sehr wenige, vielleicht zwei oder drei aufgefallen, an denen du etwas formulierst, was nicht extra ausformuliert hätte werden müssen (für meinen geschmack), sondern sich aus der handlung (für mich) erschließt. (könnte man streichen, muss aber nicht).
die geschichte liest sich sehr fließend, hast du sie in einem durchlauf geschrieben? (plus überarbeitung natürlich).
fazit: gefällt mir sehr. bei deinem fazit habe ich gedacht: das ist ausgedacht, aber ich kann mich natürlich irren. wie dem auch sei - ein ansprechender stil. danke fürs posten.

liebe grüße
nina


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Federfuchser
Gänsefüßchen


Beiträge: 46



BeitragVerfasst am: 23.10.2021 19:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe Nina,
vielen Dank für dein freundliches Feedback. Dass du solche langen Texte nicht gut am Rechner lesen kannst liegt viell. am kleinen Schriftbild. ABER im Menu rechts oben gibt es eine Vergrößerungsfunktion . . . Welche Stellen, bitte, sollte ich dE streichen? Würde ich gerne wissen, denn beim Texten ist es wie beim Malen: Wenn man zu viel Farbe aufträgt, wirkt es schnell kitschig. Also, heraus damit, was stört dich?
  Ja, die Geschichte ist in einem Rutsch geschrieben. Auf einmal war sie da, und ich musste sie nur noch in die Tastatur hämmern. Ihr liegt tatsächlich eine wahre Begebenheit zugrunde, der erschossene Förster, angeblich soll es der Sohn gewesen sein. Auch vieles andere ist nicht erfunden, einiges ist autobiografisch, manches, wie die verschimmelten Brote, die schwarze Frau, das Mathe-Ass sind dem Leben entnommen. . . Der Rest ist Fantasie, die nach Einstein ja bekanntlich über aller Wissenschaft steht.
Ich freue mich, dir ein paar heitere Minuten bereitet zu haben.
Liebe Grüße!

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