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Der Reiseleiter


 

 
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 20.09.2021 11:45    Titel: Der Reiseleiter eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Neue Version »

Ohne ersichtlichen Grund hielt der Bus auf der Küstenstraße von Starigrad in Richtung Süden. Der Fahrer öffnete die Tür, wechselte einige Worte mit einem Uniformierten und verschwand kommentarlos hinter der Rückenlehne seines Sitzes. David blickte seinen kroatischen Freund Andrej fragend an.
»Minensucher«, erklärte der und gähnte. »Wird hoffentlich nicht lange dauern. Ist meistens Fehlalarm. Die Suchgeräte schlagen bei jedem Mist an.«
»Dann war das also auch Kriegsgebiet hier?« fragte David. Andrej nickte, ließ sich in den Sitz sinken und schob seinen Strohhut vor die Augen.

David hatte Andrej im Frühjahr kennengelernt. Der Kroate war sein Reiseleiter auf einer Wandertour gewesen und hatte ihm von Anfang an gefallen. Ein ungewöhnlicher Mensch, einer, der alle ernst nahm, einer, für den es keine dummen Fragen und schnelle Antworten gab. Obwohl er die vierzig schon überschritten hatte, wirkte er wie ein schlaksiger, großer Junge. Wenn er seinen breitkrempigen Strohhut abnahm, kam ein beinahe kahlgeschorener Schädel zum Vorschein. Stets blickte er sein Gegenüber mit neugierigem Wohlwollen an. Seine leise und monotone Stimme machte es dem Zuhörer nicht einfach; in den ersten Tagen hatte er Mühe, sich bei der Reisegruppe Gehör zu verschaffen.
Doch es gab auch den Skeptiker Andrej, den Zweifler, den Pessimisten. Kam das Gespräch auf die Politik, witterte er sogleich Betrug und Verschwörung. Eine Szene während eines Busstopps auf einem Rastplatz kam David in den Sinn. Eine riesige Reklametafel warb für ein nahegelegenes Paintball-Terrain. Behelmte, in schwarzen Uniformen steckende Männer beschossen sich aus martialischen Gewehren mit gelben Farbklecksen.
«Sie üben schon wieder. Für das nächste Mal«, hatte Andrej die Werbung kopfschüttelnd kommentiert und in seinen Augen blitzte der Zweifel auf, ganz kurz nur, als wolle er diesem Gefühl nicht zu viel Platz in seiner Seele einräumen.

Vor drei Wochen, Anfang September, kam überraschend Andrejs Angebot per Telefon: »Ich will ein paar neue Routen ausarbeiten. Hast du Lust, mich zu begleiten? Als mein Test-Wanderer, sozusagen.«
»Und du erzählst mir Geschichten aus deinem Leben«, hatte David erfreut geantwortet. »In meinem Leben passiert nichts. Mir gehen die Ideen aus. Nicht gut für einen Schriftsteller. Ich hocke immer öfter vor einem leeren Blatt Papier.« Dann hatte er den Flug nach Zagreb gebucht.

Und da saß er nun, am Rande dieses tückischen Ackers und blickte aus dem verschmierten Busfenster. Doch da nichts geschah, verlor er bald das Interesse und döste vor sich hin wie Andrej und die anderen Fahrgäste. Nach einer Stunde ging die Fahrt endlich weiter. Sie verließen die Küste in östlicher Richtung und erreichten einen größeren, an den Ufern eines Flusses gelegenen Ort.
»Obrovac, hier müssen wir umsteigen«, sagte Andrej. David kannte das Ziel der heutigen Wanderung nicht. Andrej hatte sich ausgeschwiegen. Mit einem zerbeulten Linienbus schraubten sie sich über eine kurvenreiche und staubige Piste in die umliegenden Berge hinauf. Je höher sie kamen, desto verlassener wirkte die Gegend; die dichte Bewaldung dünnte aus und wich einer von Gestrüpp überzogenen Wüste aus Karstgestein. Bis auf eine uralte, ganz in schwarz gekleidete Frau, die sie misstrauisch beäugte, waren sie die einzigen Fahrgäste.
»Hier steigen wir aus«, sagte Andrej mitten im Nirgendwo, ging zum Fahrer und bat ihn, zu halten. In der Mittagshitze folgten sie zwei bis drei Kilometer einem von Macchien überwucherten Pfad entlang eines niedrigen Gemäuers. Andrej ging wortlos voraus, so schnell, dass David Mühe hatte, Schritt zu halten und häufiger ins Stolpern geriet.
»Das ist eine ziemlich öde Gegend hier«, sagte David während einer Trinkpause und wischte sich den Schweiß aus der Stirn. »Als dein Test-Wanderer würde ich dir von dieser Tour abraten. Es sei denn, du bringst noch einen wirklichen Höhepunkt.«
»Kommt noch. Wir sind bald am Ziel«, erwiderte Andrej und marschierte weiter. Nach einer halben Stunde blieb er in Sichtweite eines Waldstücks abrupt stehen, atmete durch und setzte sich auf einen Stein.
»Da wären wir.«
David blickte sich um. Am Waldrand erkannte er die Ruine eines Hauses, dessen verkohlte Dachsparren kreuz und quer über die verfallenen Außenmauern ragten, die Türen und Fenster: schwarze Löcher.
»Du bist schon mal hier gewesen«, sagte David.
Andrej starrte auf seine Füße. »Ja. Vor mehr als fünfzehn Jahren. Während des Krieges.« Er wies mit der Hand in Richtung der Ruine. »In dem Haus dort habe ich erlebt, wie die Saat des Hasses, den sie in unsere jungen Herzen gepflanzt hatten, aufgegangen ist.« Nach einem Moment des Schweigens fuhr er fort. »August 1995. Operation Sturm. Der entscheidende Schlag der Kroaten im Jugoslawienkrieg. Innerhalb von vier Tagen haben wir ein Drittel des heutigen Kroatiens, das seit 1991 von den Serben besetzt war, zurückerobert. Und danach ...« Andrej hielt kurz inne. »…und danach haben wir Nägel mit Köpfen gemacht, wie ihr sagen würdet. Ein Großteil der serbischen Zivilbevölkerung, die hier vor dem Krieg die Mehrheit stellte, hat die Gegend Hals über Kopf verlassen. Vor allem die Jüngeren. Weil sie Angst vor ethnischen Säuberungen hatten. Doch viele der Älteren wollten oder konnten nicht mehr weg.« Aus Richtung des Waldes war das heisere Kläffen eines Hundes zu hören. »Meine Einheit sollte die Gegend nach versprengten serbischen Kämpfern durchkämmen. Als wir hier ankamen, befahl unser Kommandant Igor, das Haus zu durchsuchen. Wir schlichen uns von allen Seiten an, stürmten das Haus und trieben die einzigen beiden Bewohner, ein uraltes serbisches Ehepaar, vor die Tür. Der Opa setzte sich auf eine Holzbank, reckte uns die Faust entgegen und krächzte immer wieder verzweifelt: Ich gehe nie fort von hier! Niemals! Neben ihm stand seine Frau, das faltige Gesicht in den Händen vergraben und schluchzte leise. Igor blickte die beiden teilnahmslos an. Dann befahl er uns, im angrenzenden Wald nach weiteren Serben zu suchen. Er selbst blieb mit zwei anderen zurück. Kurze Zeit später hörte ich einen einzelnen Schuss aus der Richtung des Hauses, die Schreie einer Frau und einen weiteren Schuss. Ich ahnte, was geschehen war, wollte zurück rennen, doch drei meiner Kameraden versperrten mir den Weg. Wir haben hier einen Auftrag zu erfüllen. Igor macht ihnen bloß ein wenig Angst, sagte einer von ihnen grinsend. Als Igor wenig später wieder zu uns stieß, fragte ich ihn, was passiert sei. Er meinte nur, die beiden Alten seien abgehauen. Ich wusste, dass er log, habe aber geschwiegen. Bis heute.«
Andrej nahm einen langen Zug aus seiner Wasserflasche und blickte David an.
»Und? Ist das der Stoff für eine packende Geschichte? Für eine, die deine Leser fesseln wird? Wahrscheinlich müsstest du sie noch ein wenig ausschmücken.«
»Aber diese Dinge dürfen nicht vergessen werden!«
»Ich würde gerne vergessen. Ich höre die Schreie der Frau noch immer.«
»Und die Gerechtigkeit?«
»Die Gerechtigkeit? Nun ja - Igor ist gestorben, letztes Jahr, bei einem Autounfall. Ich habe zufällig davon erfahren. Und der, mit dessen Duldung das alles passierte, sitzt in Den Haag auf der Anklagebank. Wahrscheinlich werden sie ihn für lange Zeit wegsperren. Aber hier wird er immer noch verehrt. Als Held und Befreier.«
»Du hattest einen Befehl, Andrej, du hättest nichts verhindern können. Und vielleicht hat dieser Igor ja die Wahrheit gesagt.«
Andrej zuckte mit den Schultern, erhob sich und schulterte seinen Rucksack.
»Lass uns gehen.«
Da war er wieder: Der Zweifel in seinem Blick. Er würde ihn nicht mehr loswerden.

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Roman Ramon
Gänsefüßchen

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BeitragVerfasst am: 20.09.2021 14:15    Titel: Versuch eines produktiven Feedbacks Antworten mit Zitat

Ich habe den Text einfach angeklickt und durchgelesen. Ich finde er erfüllt genau das, was er meiner bescheidenen Auffassung nach zu sein versucht: eine kurze Anekdote, die einen Einblick gewährt in eine Gegend und deren Geschichte, deren Leute. Nicht wie ein Schnappschuß, sondern eher ein Foto eines gekonnten Fotografen, das aber auf privater Reise entstand. Fast schon ein Portrait, so sehr zieht die Person mit dem Strohhut und dem ironischen Lächeln den Blick auf sich.

Einzig das der eine der drei Kameraden grinst, als sie Andrej den Weg versperren, stieß mir auf.

Vielleicht würde er da nicht grinsen, eher entschlossen, zähnknirschend oder so was....keine Ahnung

Vielleicht kann auch das mit dem Auftrag weg, und nur die Erklärung das Igor ihnen ja nur Angst machen würde stehen bleiben..

Nur so als Anregung.

Sonst find ich alles sehr stimmig: Setting, Wortwahl, Textfluss
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FaithinClouds
Geschlecht:weiblichSchmierfink


Beiträge: 97
Wohnort: Südlich vom Norden


BeitragVerfasst am: 20.09.2021 17:42    Titel: Re: Der Reiseleiter Antworten mit Zitat

Zdravo! 😀

Ich fand die Geschichte kurz und einprägsam. Und seit ich das erste Sasa Stanisic-Buch gelesen habe interessiere ich mich nochmal mehr für das frühere Jugoslawien, weil es kaum vorstellbar ist (also für meine Generation), dass Krieg auf europäischem Boden kaum 20 Jahre her ist.

DLurie hat Folgendes geschrieben:
Ohne ersichtlichen Grund hielt der Bus auf der Küstenstraße von Starigrad in Richtung Süden. Der Fahrer öffnete die Tür, wechselte einige Worte mit einem Uniformierten und verschwand kommentarlos hinter der Rückenlehne seines Sitzes. David blickte seinen kroatischen Freund Andrej fragend an.
»Minensucher«, erklärte der und gähnte. »Wird hoffentlich nicht lange dauern. Ist meistens Fehlalarm. Die Suchgeräte schlagen bei jedem Mist an.«
»Dann war das also auch Kriegsgebiet hier?« fragte David. Andrej nickte, ließ sich in den Sitz sinken und schob seinen Strohhut vor die Augen.

David hatte Andrej im Frühjahr kennengelernt. Der Kroate war sein Reiseleiter auf einer Wandertour gewesen und hatte ihm von Anfang an gefallen. Ein ungewöhnlicher Mensch, einer, der alle ernst nahm, einer, für den es keine dummen Fragen und schnelle Antworten gab. Obwohl er die vierzig schon überschritten hatte, wirkte er wie ein schlaksiger, großer Junge. Wenn er seinen breitkrempigen Strohhut abnahm, kam ein beinahe kahlgeschorener Schädel zum Vorschein. Stets blickte er sein Gegenüber mit neugierigem Wohlwollen an. Seine leise und monotone Stimme machte es dem Zuhörer nicht einfach; in den ersten Tagen hatte er Mühe, sich bei der Reisegruppe Gehör zu verschaffen.
Doch es gab auch den Skeptiker Andrej, den Zweifler, den Pessimisten. Kam das Gespräch auf die Politik, witterte er sogleich Betrug und Verschwörung. Eine Szene während eines Busstopps auf einem Rastplatz kam David in den Sinn. Eine riesige Reklametafel warb für ein nahegelegenes Paintball-Terrain. Behelmte, in schwarzen Uniformen steckende Männer beschossen sich aus martialischen Gewehren mit gelben Farbklecksen. (martialische Gewehre klingt nicht gut, martialisch ist ja sowas wie: kriegerisch. Und die Assoziation ist bei Gewehr eh schon da)
«Sie üben schon wieder. Für das nächste Mal«, hatte Andrej die Werbung kopfschüttelnd kommentiert und in seinen Augen blitzte der Zweifel auf, ganz kurz nur, als wolle er diesem Gefühl nicht zu viel Platz in seiner Seele einräumen.

Vor drei Wochen, Anfang September, kam überraschend Andrejs Angebot per Telefon: »Ich will ein paar neue Routen ausarbeiten. Hast du Lust, mich zu begleiten? Als mein Test-Wanderer, sozusagen.«
»Und du erzählst mir Geschichten aus deinem Leben«, hatte David erfreut geantwortet. »In meinem Leben passiert nichts. Mir gehen die Ideen aus. Nicht gut für einen Schriftsteller. Ich hocke immer öfter vor einem leeren Blatt Papier.« Dann hatte er den Flug nach Zagreb gebucht.

Und da saß er nun, am Rande dieses tückischen Ackers und blickte aus dem verschmierten Busfenster. Doch da nichts geschah, verlor er bald das Interesse und döste vor sich hin wie Andrej und die anderen Fahrgäste. Nach einer Stunde ging die Fahrt endlich weiter. Sie verließen die Küste in östlicher Richtung und erreichten einen größeren, an den Ufern eines Flusses gelegenen Ort.
»Obrovac, hier müssen wir umsteigen«, sagte Andrej. David kannte das Ziel der heutigen Wanderung nicht. Andrej hatte sich ausgeschwiegen. Mit einem zerbeulten Linienbus schraubten sie sich über eine kurvenreiche und staubige Piste in die umliegenden Berge hinauf. Je höher sie kamen, desto verlassener wirkte die Gegend; die dichte Bewaldung dünnte aus und wich einer von Gestrüpp überzogenen Wüste aus Karstgestein. Bis auf eine uralte, ganz in schwarz gekleidete Frau, die sie misstrauisch beäugte, waren sie die einzigen Fahrgäste.
»Hier steigen wir aus«, sagte Andrej mitten im Nirgendwo, ging zum Fahrer und bat ihn, zu halten. In der Mittagshitze folgten sie zwei bis drei Kilometer einem von Macchien überwucherten Pfad entlang eines niedrigen Gemäuers. Andrej ging wortlos voraus, so schnell, dass David Mühe hatte, Schritt zu halten und häufiger ins Stolpern geriet.
»Das ist eine ziemlich öde Gegend hier«, sagte David während einer Trinkpause und wischte sich den Schweiß aus von der Stirn. »Als dein Test-Wanderer würde ich dir von dieser Tour abraten. Es sei denn, du bringst noch einen wirklichen Höhepunkt.«
»Kommt noch. Wir sind bald am Ziel«, erwiderte Andrej und marschierte weiter. Nach einer halben Stunde blieb er in Sichtweite eines Waldstücks abrupt stehen, atmete durch und setzte sich auf einen Stein.
»Da wären wir.«
David blickte sich um. Am Waldrand erkannte er die Ruine eines Hauses, dessen verkohlte Dachsparren kreuz und quer über die verfallenen Außenmauern ragten, die Türen und Fenster: schwarze Löcher.
»Du bist schon mal hier gewesen«, sagte David.
Andrej starrte auf seine Füße. »Ja. Vor mehr als fünfzehn Jahren. Während des Krieges.« Er wies mit der Hand in Richtung der Ruine. »In dem Haus dort habe ich erlebt, wie die Saat des Hasses, den sie in unsere jungen Herzen gepflanzt hatten, aufgegangen ist

(davor war meine Kritik eher schönheitschirurgisch minimalistisch, jetzt geht es ein bisschen mehr in die Substanz: Du schreibst manchmal zu pathetisch. Vielleicht ist das auch einfach was typisch Deutsches, wenn ich sowas ankreide, aber irgendwie passt der Satz, den Andrej jetzt sagt, nicht so in den Moment. Das klingt nicht wie ein Satz, den man im echten Leben einfach so sagen würde. In den nächsten Sätzen habe ich ein bisschen was rausgekürzt. Weil sich das zu sehr wie 'ne Geschichtsstunde liest).


Nach einem Moment des Schweigens fuhr er fort. »August 1995. Operation Sturm. Der entscheidende Schlag der Kroaten im Jugoslawienkrieg. Innerhalb von vier Tagen haben wir ein Drittel des heutigen Kroatiens, das seit 1991 von den Serben besetzt war, zurückerobert. Und danach ...« Andrej hielt kurz inne. »…und danach haben wir Nägel mit Köpfen gemacht, wie ihr sagen würdet. Ein Großteil der serbischen Zivilbevölkerung, die hier vor dem Krieg die Mehrheit stellte, hat die Gegend Hals über Kopf verlassen. Vor allem die Jüngeren. Weil sie Angst vor ethnischen Säuberungen hatten (das klingt auch zu bürokratisch, euphemistisch fast schon. Schreib doch, wovor sie wirklich Angst hatten: Folter, Vergewaltigung, Ermordung. Du kannst ja auch noch irgendwie etwas ergänzen, ein Gerücht vielleicht, das Andrej gehört hat. Wie manche von den Serben behandelt wurden)
Doch viele der Älteren wollten oder konnten nicht mehr weg.« Aus Richtung des Waldes war das heisere Kläffen eines Hundes zu hören. »Meine Einheit sollte die Gegend nach versprengten serbischen Kämpfern durchkämmen. Als wir hier ankamen, befahl unser Kommandant Igor, das Haus zu durchsuchen. Wir schlichen uns von allen Seiten an, stürmten das Haus und trieben die einzigen beiden Bewohner, ein uraltes serbisches Ehepaar, vor die Tür. Der Opa setzte sich auf eine Holzbank, reckte uns die Faust entgegen und krächzte immer wieder verzweifelt: Ich gehe nie fort von hier! Niemals! Neben ihm stand seine Frau, das faltige Gesicht in den Händen vergraben und schluchzte leise. Igor blickte die beiden teilnahmslos an. Dann befahl er uns, im angrenzenden Wald nach weiteren Serben zu suchen. Er selbst blieb mit zwei anderen zurück. Kurze Zeit später hörte ich einen einzelnen Schuss aus der Richtung des Hauses, die Schreie einer Frau und einen weiteren Schuss. Ich ahnte, was geschehen war, wollte zurück rennen, doch drei meiner Kameraden versperrten mir den Weg. Wir haben hier einen Auftrag zu erfüllen. Igor macht ihnen bloß ein wenig Angst, sagte einer von ihnen grinsend. Als Igor wenig später wieder zu uns stieß, fragte ich ihn, was passiert sei. Er meinte nur, die beiden Alten seien abgehauen. Ich wusste, dass er log, habe aber geschwiegen. Bis heute.«
Andrej nahm einen langen Zug aus seiner Wasserflasche und blickte David an. »Und? Ist das der Stoff für eine packende Geschichte? Für eine, die deine Leser fesseln wird? Wahrscheinlich müsstest du sie noch ein wenig ausschmücken.« (Hier hab ich einen Absatz weggemacht, weil bei dieser wörtlichen Rede sonst nicht so wirklich klar wäre, wer spricht)
»Aber diese Dinge dürfen nicht vergessen werden!«
»Ich würde gerne vergessen. Ich höre die Schreie der Frau noch immer
»Und die Gerechtigkeit?«
»Die Gerechtigkeit? Nun ja - Igor ist gestorben, letztes Jahr, bei einem Autounfall. Ich habe zufällig davon erfahren. Und der, mit dessen Duldung das alles passierte, der dafür verantwortlich ist, sitzt in Den Haag auf der Anklagebank. Wahrscheinlich werden sie ihn für lange Zeit wegsperren. Aber hier wird er immer noch verehrt. Als Held und Befreier.«
»Du hattest einen Befehl, Andrej, du hättest nichts verhindern können. Und vielleicht hat dieser Igor ja die Wahrheit gesagt.«
Andrej zuckte mit den Schultern, erhob sich und schulterte seinen Rucksack.
»Lass uns gehen.«
Da war er wieder: Der Zweifel in seinem Blick. Er würde ihn nicht mehr loswerden.


Das war auch schon meine Kritik. Ich finde das Thema gut und abseits dessen, was so häufig Gegenstand von Romanen und Kurzgeschichten ist. Wie immer: das, was ich geschrieben habe, war nur meine Meinung. Danke fürs Teilen deines Textes!

Hab eine schöne Woche!
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 21.09.2021 10:02    Titel: Re: Versuch eines produktiven Feedbacks pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Roman Ramon,

danke für deinen Kommentar!

Roman Ramon hat Folgendes geschrieben:

Einzig das der eine der drei Kameraden grinst, als sie Andrej den Weg versperren, stieß mir auf.
Vielleicht würde er da nicht grinsen, eher entschlossen, zähnknirschend oder so was....keine Ahnung
Das Grinsen war gedacht als Geste, die die Situation verharmlosen soll. Nach dem Motto: Reg dich mal nicht auf, ein bisschen Spaß muss sein...  Findest Du, das passt hier nicht?  


Sonst find ich alles sehr stimmig: Setting, Wortwahl, Textfluss
Danke!  


LG
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 21.09.2021 10:30    Titel: Re: Der Reiseleiter pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo FaithinClouds,

danke für deinen ausführlichen Kommentar!  
Sehr hilfreich, wie immer, und einiges wird sicher in eine Überarbeitung einfließen.


FaithinClouds hat Folgendes geschrieben:


DLurie hat Folgendes geschrieben:
Behelmte, in schwarzen Uniformen steckende Männer beschossen sich aus martialischen Gewehren mit gelben Farbklecksen. (martialische Gewehre klingt nicht gut, martialisch ist ja sowas wie: kriegerisch. Und die Assoziation ist bei Gewehr eh schon da)
Stimmt. Martialisch fliegt raus.  

«Sie üben schon wieder. Für das nächste Mal«, hatte Andrej die Werbung kopfschüttelnd kommentiert und in seinen Augen blitzte der Zweifel auf, ganz kurz nur, als wolle er diesem Gefühl nicht zu viel Platz in seiner Seele einräumen.
Stimmt. Das mit der Seele ist auch überflüssig. Wo sonst?

Andrej starrte auf seine Füße. »Ja. Vor mehr als fünfzehn Jahren. Während des Krieges.« Er wies mit der Hand in Richtung der Ruine. »In dem Haus dort habe ich erlebt, wie die Saat des Hasses, den sie in unsere jungen Herzen gepflanzt hatten, aufgegangen ist

(davor war meine Kritik eher schönheitschirurgisch minimalistisch, jetzt geht es ein bisschen mehr in die Substanz: Du schreibst manchmal zu pathetisch. Vielleicht ist das auch einfach was typisch Deutsches, wenn ich sowas ankreide, aber irgendwie passt der Satz, den Andrej jetzt sagt, nicht so in den Moment. Das klingt nicht wie ein Satz, den man im echten Leben einfach so sagen würde.

Da bin ich anderer Meinung. Ich finde, das Pathos passt hier ganz gut, und von der Aussage her ist es exakt das, was Andrej David in diesem Moment mitteilen möchte. Er hat sich diesen Satz sorgfältig zurecht gelegt, wenn du so willst.

In den nächsten Sätzen habe ich ein bisschen was rausgekürzt. Weil sich das zu sehr wie 'ne Geschichtsstunde liest).
Auch hier kann ich mich nicht anschließen. Die historischen Informationen die da stehen, haben für mich alle ihre Berechtigung.

Nach einem Moment des Schweigens fuhr er fort. »August 1995. Operation Sturm. Der entscheidende Schlag der Kroaten im Jugoslawienkrieg. Innerhalb von vier Tagen haben wir ein Drittel des heutigen Kroatiens, das seit 1991 von den Serben besetzt war, zurückerobert. Und danach ...« Andrej hielt kurz inne. »…und danach haben wir Nägel mit Köpfen gemacht, wie ihr sagen würdet. Ein Großteil der serbischen Zivilbevölkerung, die hier vor dem Krieg die Mehrheit stellte, hat die Gegend Hals über Kopf verlassen. Vor allem die Jüngeren. Weil sie Angst vor ethnischen Säuberungen hatten (das klingt auch zu bürokratisch, euphemistisch fast schon. Schreib doch, wovor sie wirklich Angst hatten: Folter, Vergewaltigung, Ermordung. Du kannst ja auch noch irgendwie etwas ergänzen, ein Gerücht vielleicht, das Andrej gehört hat. Wie manche von den Serben behandelt wurden)
Ich kriege direkt eine Gänsehaut wenn von ethnischen Säuberungen die Rede ist, keine Spur von Euphemismus. Ich denke quasi  automatisch an Folter, Vergewaltigung, Mord.

Ich ahnte, was geschehen war, wollte zurück rennen, doch
Stimmt, das mit dem Ahnen kann raus..

»Aber diese Dinge dürfen nicht vergessen werden!«
»Ich würde gerne vergessen. Ich höre die Schreie der Frau noch immer
S.o. zum Thema Pathos. Ich finde, das passt hier ganz gut.  Vielleicht auch deswegen, weil die reale Person, die Andreij inspiriert hat, tatsächlich zum Pathos neigte.   

»Und die Gerechtigkeit?«
»Die Gerechtigkeit? Nun ja - Igor ist gestorben, letztes Jahr, bei einem Autounfall. Ich habe zufällig davon erfahren. Und der, mit dessen Duldung das alles passierte, der dafür verantwortlich ist,
Stimmt, Duldung ist zu schwach.  Ich werde schreiben: der dafür die Verantwortung trug




Auch dir eine schöne Woche!

LG
DLurie
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Tribalis
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BeitragVerfasst am: 21.09.2021 12:23    Titel: Re: Der Reiseleiter Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

mir gefällt deine kleine Geschichte zu einem großen Thema und ich habe sie gerne gelesen.
Dir gelingt es, dass ich als Leserin das Gefühl habe, hinter den beiden zu sitzen/gehen und ihnen (von ihnen selbst unbemerkt) zuzuhören. Das finde ich schön.
An der ein oder anderen Stelle kommt mir der Dialog etwas zu konstruiert vor, ich "male" mal vorsichtig in den Text. Wie immer: Es ist nur meine Meinung.

Danke fürs Einstellen.

LG
Tribalis


DLurie hat Folgendes geschrieben:
Ohne ersichtlichen Grund hielt der Bus auf der Küstenstraße von Starigrad in Richtung Süden. Der Fahrer öffnete die Tür, wechselte einige Worte mit einem Uniformierten und verschwand kommentarlos hinter der Rückenlehne seines Sitzes. hier bin ich direkt grob gestolpert. Dadurch, dass ich noch nicht in Davids Perspektive angekommen war, konnte ich das "hinter der Rückenlehne" nicht verorten. Aus Davids Perspektive ist er ja eher "im" Sitz, nicht dahinter. Weißt du, was ich meine? David blickte seinen kroatischen Freund Andrej fragend an.
»Minensucher«, erklärte der und gähnte. »Wird hoffentlich nicht lange dauern. Ist meistens Fehlalarm. Die Suchgeräte schlagen bei jedem Mist an.«
»Dann war das also auch Kriegsgebiet hier?« fragte David. Andrej nickte, ließ sich in den Sitz sinken und schob seinen Strohhut vor über? die Augen.

David hatte Andrej im Frühjahr kennengelernt. Der Kroate war sein Reiseleiter auf einer Wandertour gewesen und hatte ihm von Anfang an gefallen. Ein ungewöhnlicher Mensch, einer, der alle ernst nahm, einer, für den es keine dummen Fragen und schnelle Antworten gab. Obwohl er die vierzig schon überschritten hatte, wirkte er wie ein schlaksiger, großer Junge. Wenn er seinen breitkrempigen Strohhut abnahm, kam ein beinahe kahlgeschorener Schädel zum Vorschein. Stets blickte er sein Gegenüber mit neugierigem Wohlwollen an. Seine leise und monotone Stimme machte es dem Zuhörer nicht einfach; in den ersten Tagen hatte er Mühe gehabt? ich bin nicht sicher, sich bei der Reisegruppe Gehör zu verschaffen.
Doch es gab auch den Skeptiker Andrej, den Zweifler, den Pessimisten. Kam das Gespräch auf die Politik, witterte er sogleich Betrug und Verschwörung. Eine Szene während eines Busstopps auf einem Rastplatz kam David in den Sinn. Eine riesige Reklametafel warb für ein nahegelegenes Paintball-Terrain. Behelmte, in schwarzen Uniformen steckende Männer beschossen sich aus martialischen Gewehren mit gelben Farbklecksen.
«Sie üben schon wieder. Für das nächste Mal«, hatte Andrej die Werbung kopfschüttelnd kommentiert und in seinen Augen blitzte der Zweifel auf, ganz kurz nur, als wolle er diesem Gefühl nicht zu viel Platz in seiner Seele einräumen.

Vor drei Wochen, Anfang September, kam überraschend Andrejs Angebot per Telefon: »Ich will ein paar neue Routen ausarbeiten. Hast du Lust, mich zu begleiten? Als mein Test-Wanderer, sozusagen.«
»Und du erzählst mir Geschichten aus deinem Leben«, hatte David erfreut geantwortet. »In meinem Leben passiert nichts. Mir gehen die Ideen aus. Nicht gut für einen Schriftsteller. Ich hocke immer öfter vor einem leeren Blatt Papier.« Hier vielleicht prägnanter: alle Sätze in der WR sagen im Grunde dasselbe Dann hatte er den Flug nach Zagreb gebucht. Dieser Absatz vielleicht in PQ?

Und da saß er nun, am Rande dieses tückischen Ackers und blickte aus dem verschmierten Busfenster. Doch da nichts geschah Geschah wirklich nichts? die Uniformierten, irgendwas? Nur leerer Acker? Dieser Blick nach draußen würde mich als Leserin an der Stelle interessieren Smile, verlor er bald das Interesse und döste vor sich hin wie Andrej und die anderen Fahrgäste. Nach einer Stunde ging die Fahrt endlich weiter. Sie verließen die Küste in östlicher Richtung und erreichten einen größeren, an den Ufern eines Flusses gelegenen Ort.
»Obrovac, hier müssen wir umsteigen«, sagte Andrej. David kannte das Ziel der heutigen Wanderung nicht. Andrej hatte sich ausgeschwiegen. Mit einem zerbeulten Linienbus schraubten sie sich über eine kurvenreiche und staubige Piste in die umliegenden Berge hinauf. Je höher sie kamen, desto verlassener wirkte die Gegend; die dichte Bewaldung dünnte aus und wich einer von Gestrüpp überzogenen Wüste aus Karstgestein. Bis auf eine uralte, ganz in schwarz gekleidete Frau, die sie misstrauisch beäugte, waren sie die einzigen Fahrgäste.
»Hier steigen wir aus«, sagte Andrej Andrej sagt immer nur an, wann sie umsteigen und aussteigen? mitten im Nirgendwo, ging zum Fahrer und bat ihn, zu halten. In der Mittagshitze folgten sie zwei bis drei Kilometer einem von Macchien überwucherten Pfad entlang eines niedrigen Gemäuers. Andrej ging wortlos voraus, so schnell, dass David Mühe hatte, Schritt zu halten und häufiger ins Stolpern geriet.
»Das ist eine ziemlich öde Gegend hier«, sagte David während einer Trinkpause und wischte sich den Schweiß aus der Stirn. »Als dein Test-Wanderer würde ich dir von dieser Tour abraten. Es sei denn, du bringst noch einen wirklichen Höhepunkt.«
»Kommt noch. Wir sind bald am Ziel«, erwiderte Andrej und marschierte weiter. Nach einer halben Stunde blieb er in Sichtweite eines Waldstücks abrupt stehen, atmete durch und setzte sich auf einen Stein.
»Da wären wir.«
David blickte sich um. Am Waldrand erkannte er die Ruine eines Hauses, dessen verkohlte Dachsparren kreuz und quer über die verfallenen Außenmauern ragten, die Türen und Fenster: schwarze Löcher.
»Du bist schon mal hier gewesen«, sagte David.
Andrej starrte auf seine Füße. »Ja. Vor mehr als fünfzehn Jahren. Während des Krieges.« Er wies mit der Hand in Richtung der Ruine. »In dem Haus dort habe ich erlebt, wie die Saat des Hasses, den sie in unsere jungen Herzen gepflanzt hatten, aufgegangen ist.« Nach einem Moment des Schweigens fuhr er fort. »August 1995. Operation Sturm. Der entscheidende Schlag der Kroaten im Jugoslawienkrieg. Innerhalb von vier Tagen haben wir ein Drittel des heutigen Kroatiens, das seit 1991 von den Serben besetzt war, zurückerobert. Und danach ...« Andrej hielt kurz inne. »…und danach haben wir Nägel mit Köpfen gemacht, wie ihr sagen würdet. Ein Großteil der serbischen Zivilbevölkerung, die hier vor dem Krieg die Mehrheit stellte, hat die Gegend Hals über Kopf verlassen. Vor allem die Jüngeren. Weil sie Angst vor ethnischen Säuberungen hatten. Doch viele der Älteren wollten oder konnten nicht mehr weg.« Aus Richtung des Waldes war das heisere Kläffen eines Hundes zu hören. »Meine Einheit sollte die Gegend nach versprengten serbischen Kämpfern durchkämmen. Als wir hier ankamen, befahl unser Kommandant Igor, das Haus zu durchsuchen. Wir schlichen uns von allen Seiten an, stürmten das Haus und trieben die einzigen beiden Bewohner, ein uraltes serbisches Ehepaar, vor die Tür. Der Opa setzte sich auf eine Holzbank, reckte uns die Faust entgegen und krächzte immer wieder verzweifelt: Ich gehe nie fort von hier! Niemals! Neben ihm stand seine Frau, das faltige Gesicht in den Händen vergraben und schluchzte leise. Igor blickte die beiden teilnahmslos an. Dann befahl er uns, im angrenzenden Wald nach weiteren Serben zu suchen. Er selbst blieb mit zwei anderen zurück. Kurze Zeit später hörte ich einen einzelnen Schuss aus der Richtung des Hauses, die Schreie einer Frau und einen weiteren Schuss. Ich ahnte, was geschehen war, wollte zurück rennen, doch drei meiner Kameraden versperrten mir den Weg. Wir haben hier einen Auftrag zu erfüllen. Igor macht ihnen bloß ein wenig Angst, sagte einer von ihnen grinsend. Als Igor wenig später wieder zu uns stieß, fragte ich ihn, was passiert sei. Er meinte nur, die beiden Alten seien abgehauen. Ich wusste, dass er log, habe aber geschwiegen. Bis heute.« Das ist sehr lange gesprochen, finde ich. Besonders dafür, dass Andrej bisher nur so kurze Ansagen gemacht hat. Kann natürlich aber auch beabsichtigt sein, dass es an dieser Stelle aus ihm herausbricht.
Andrej nahm einen langen Zug aus seiner Wasserflasche und blickte David an.
»Und? Ist das der Stoff für eine packende Geschichte? Für eine, die deine Leser fesseln wird? Wahrscheinlich müsstest du sie noch ein wenig ausschmücken.«
»Aber diese Dinge dürfen nicht vergessen werden!« Der Satz klang mir zu platt irgendwie.
»Ich würde gerne vergessen. Ich höre die Schreie der Frau noch immer.«
»Und die Gerechtigkeit?«
»Die Gerechtigkeit? Nun ja - Igor ist gestorben, letztes Jahr, bei einem Autounfall. Ich habe zufällig davon erfahren. Und der, mit dessen Duldung das alles passierte, sitzt in Den Haag auf der Anklagebank. Wahrscheinlich werden sie ihn für lange Zeit wegsperren. Aber hier wird er immer noch verehrt. Als Held und Befreier.«
»Du hattest einen Befehl, Andrej, du hättest nichts verhindern können. Und vielleicht hat dieser Igor ja die Wahrheit gesagt.«
Andrej zuckte mit den Schultern, erhob sich und schulterte seinen Rucksack.
»Lass uns gehen.«
Da war er wieder: Der Zweifel in seinem Andrejs? Blick. Er würde ihn nicht mehr loswerden. Ah, ich habe hochgescrollt, um zu prüfen, ob der Zweifel schon mal zur Sprache kam, ja, kam er Smile
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nicolailevin
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BeitragVerfasst am: 21.09.2021 13:19    Titel: Antworten mit Zitat

Hiho!

Eine sehr schöne Geschichte, finde ich. Andrejs Hintergrund für mich rundum gelungen und nachvollziehbar. (Meine Neigung zu dem Thema kennst du ja eh ... wink )

Gestolpert bin ich darüber, wie du die beiden zusammenführst. Andrej zitiert David nach Kroatien, unter dem Vorwand "Testwanderer", um ihn dann an diesen Ort zu führen. Und der schluckt das so und fährt.

Irgendwie sind da für mein Gefühl die Gewichte verschoben: Wenn Andrej von Anfang an geplant "beichten" will, fände ich es in seiner Position dreist, den netten Deutschen vom Frühling anzulügen und Gefahr zu laufen, dass der dann im entscheidenden Moment ganz falsch reagiert.

Ich biete mal aus meiner Sicht glaubwürdigere Varianten:

1. David und Andrej kennen sich über viele Jahre von Kroatientouren, und es ist ein Vertrauensverhältnis entstanden. Am Ende einer Tour bittet er David, noch zwei Tage zu bleiben, weil er ihm was zeigen will.

2. David und Andrej machen tatsächlich die angekündigte Testwandertour und sie stoßen dabei auf den Ort, ohne dass Andrej es geplant hat.

3. David will einen Kroatienwanderführer schreiben und engagiert seinerseits Andrej.

Nur so als Anregung.

VG
Nico.
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DLurie
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BeitragVerfasst am: 21.09.2021 22:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Nico, hallo Tribalis,

danke für euer Feedback!  Ich antworte mal mit einer überarbeiteten Version, die einige eurer Einwände berücksichtigt.  Sind nicht allzu viele Änderungen, eher minimal-invasiv, bis auf den Dialog am Ende, aber jetzt finde ich die Story ziemlich rund.



Ohne ersichtlichen Grund hielt der Bus auf der Küstenstraße von Starigrad in Richtung Süden. David sah, wie der Fahrer die Tür öffnete, einige Worte mit einem Uniformierten wechselte und dann wieder hinter der Rückenlehne seines Sitzes verschwand. Er blickte seinen kroatischen Freund Andrej, der neben ihm saß, fragend an.
»Minensucher«, erklärte der und gähnte. »Wird hoffentlich nicht lange dauern. Ist ohnehin meistens Fehlalarm. Die Suchgeräte schlagen bei jedem Mist an.«
»Dann war das also auch Kriegsgebiet hier?« fragte David. Andrej nickte, ließ sich in den Sitz sinken und schob seinen Strohhut vor das Gesicht.

Er hatte Andrej vor einigen Monaten kennengelernt. Im Frühjahr war der Kroate sein Reiseleiter auf einer Wandertour gewesen, sie hatten sich angefreundet und nach seiner Rückkehr nach Deutschland regelmäßigen Kontakt per Mail aufrechterhalten. Andrei war ein ungewöhnlicher Mensch, einer, der alle ernst nahm, einer, für den es keine dummen Fragen und schnelle Antworten gab. Obwohl er die vierzig schon überschritten hatte, wirkte er äußerlich wie ein schlaksiger, großer Junge, ein Eindruck, der in merkwürdigem Kontrast zu seinem nachdenklichen Naturell stand. Wenn er seinen breitkrempigen Strohhut abnahm, kam ein beinahe kahlgeschorener Schädel zum Vorschein. Stets blickte er sein Gegenüber mit neugierigem Wohlwollen an. Seine leise und monotone Stimme machte es dem Zuhörer nicht einfach; in den ersten Tagen hatte er Mühe gehabt, sich bei der Reisegruppe Gehör zu verschaffen.
Doch es gab auch den Skeptiker Andrej, den Zweifler, den Pessimisten. Kam das Gespräch auf die Politik, witterte er sogleich Betrug und Verschwörung. Eine Szene während eines Busstopps auf einem Rastplatz kam David in den Sinn. Eine riesige Reklametafel warb für ein nahegelegenes Paintball-Terrain. Behelmte, in schwarzen Uniformen steckende Männer beschossen sich aus Gewehren mit gelben Farbklecksen.
«Sie üben schon wieder. Für das nächste Mal«, hatte Andrej die Werbung kopfschüttelnd kommentiert und in seinen Augen blitzte der Zweifel auf, ganz kurz nur, als wolle er diesem Gefühl nicht zu viel Platz einräumen.

Vor drei Wochen, Anfang September, kam überraschend Andrejs Angebot per Telefon:
»Ich will ein paar neue Wanderrouten für die nächste Saison ausarbeiten. Hast du Lust, mich zu begleiten? Als mein Test-Wanderer, sozusagen.«
»Gerne! Und du erzählst mir Geschichten aus deinem Leben«, hatte David erfreut geantwortet. »In meinem Leben passiert nichts. Mir gehen die Ideen aus. Nicht gut für einen Schriftsteller.« Dann hatte er den Flug nach Zagreb gebucht.

Und da saß er nun, am Rande dieses tückischen Ackers und blickte aus dem verschmierten Busfenster. Schemenhaft erkannte er die Umrisse von einigen Uniformierten, die mit Detektoren den Boden absuchten. Bald verlor er das Interesse und döste vor sich hin wie Andrej und die anderen Fahrgäste. Nach einer Stunde ging die Fahrt endlich weiter. Sie verließen die Küste in östlicher Richtung und erreichten einen größeren, an den Ufern eines Flusses gelegenen Ort.
»Hier müssen wir umsteigen«, sagte Andrej. Im Unterschied zu den vorangegangenen Tagen kannte David das Ziel der heutigen Wanderung nicht. Andrej hatte sich ausgeschwiegen, wirkte überhaupt sehr verschlossen. Mit einem zerbeulten Linienbus schraubten sie sich über eine kurvenreiche und staubige Piste in die umliegenden Berge hinauf. Je höher sie kamen, desto verlassener wirkte die Gegend; die dichte Bewaldung dünnte aus und wich einer von Gestrüpp überzogenen Wüste aus Karstgestein. Bis auf eine uralte, ganz in schwarz gekleidete Frau, die sie misstrauisch beäugte, waren sie die einzigen Fahrgäste.
»Hier steigen wir aus«, sagte Andrej mitten im Nirgendwo, ging zum Fahrer und bat ihn, zu halten. In der Mittagshitze folgten sie zwei bis drei Kilometer einem von Macchien überwucherten Pfad entlang eines niedrigen Gemäuers. Andrej ging wortlos voraus, so schnell, dass David Mühe hatte, Schritt zu halten und häufiger ins Stolpern geriet.
»Das ist eine ziemlich öde Gegend hier«, sagte David während einer Trinkpause und wischte sich den Schweiß aus der Stirn. »Als dein Test-Wanderer würde ich dir von dieser Tour abraten. Es sei denn, du bringst noch einen wirklichen Höhepunkt.«
»Wir sind bald am Ziel«, erwiderte Andrej und marschierte weiter. Nach einer halben Stunde blieb er in Sichtweite eines Waldstücks abrupt stehen, atmete durch und setzte sich auf einen Stein.
»Da wären wir.«
David blickte sich um. Am Waldrand erkannte er die Ruine eines Hauses, dessen verkohlte Dachsparren kreuz und quer über die verfallenen Außenmauern ragten, die Türen und Fenster: schwarze Löcher.
»Du bist schon mal hier gewesen«, sagte David.
Andrej starrte auf seine Füße. »Ja. Vor mehr als fünfzehn Jahren. Während des Krieges.«
Er wies mit der Hand in Richtung der Ruine. »In dem Haus dort habe ich erlebt, wie die Saat des Hasses, den sie in unsere jungen Herzen gepflanzt hatten, aufgegangen ist.«
Nach einem Moment des Schweigens fuhr er fort. »August 1995. Operation Sturm. Der entscheidende Schlag der Kroaten im Jugoslawienkrieg. Innerhalb von vier Tagen haben wir ein Drittel des heutigen Kroatiens, das seit vier Jahren von den Serben besetzt war, zurückerobert. Und danach ...« Andrej hielt kurz inne. »…und danach haben wir Nägel mit Köpfen gemacht, wie ihr sagen würdet. Ein Großteil der serbischen Zivilbevölkerung hatte die Gegend Hals über Kopf verlassen. Vor allem die Jüngeren. Weil sie Angst vor ethnischen Säuberungen hatten. Doch viele der Älteren wollten oder konnten nicht mehr weg.« Aus Richtung des Waldes war das heisere Kläffen eines Hundes zu hören. »Meine Einheit sollte die Gegend nach versprengten serbischen Kämpfern durchkämmen. Als wir hier ankamen, befahl unser Kommandant Igor, das Haus zu durchsuchen. Wir schlichen uns von allen Seiten an, stürmten das Haus und trieben die einzigen beiden Bewohner, ein uraltes serbisches Ehepaar, vor die Tür. Der Opa setzte sich auf eine Holzbank, reckte uns die Faust entgegen und krächzte immer wieder verzweifelt: Ich gehe nie fort von hier! Niemals! Neben ihm stand seine Frau, das faltige Gesicht in den Händen vergraben und schluchzte leise. Igor blickte die beiden teilnahmslos an. Dann befahl er uns, im angrenzenden Wald nach weiteren Serben zu suchen. Er selbst blieb mit zwei anderen zurück. Kurze Zeit später hörte ich einen einzelnen Schuss aus der Richtung des Hauses, die Schreie einer Frau und einen weiteren Schuss. Ich wollte zurück rennen, doch drei meiner Kameraden versperrten mir den Weg. Wir haben hier einen Auftrag zu erfüllen. Igor macht ihnen bloß ein wenig Angst, sagte einer von ihnen grinsend. Als Igor wenig später wieder zu uns stieß, fragte ich ihn, was passiert sei. Er meinte nur, die beiden Alten seien abgehauen. Ich wusste, dass er log, habe aber geschwiegen. Bis heute.«
Andrej nahm einen langen Zug aus seiner Wasserflasche und blickte David an.
»Und? Ist das der Stoff für eine packende Geschichte? Für eine, die deine Leser fesseln wird? Es fehlt ein wenig der Held, nicht wahr?«
David wusste nicht, was er antworten sollte.
»Ich habe lange nachgedacht, ob ich sie dir erzählen soll, David. Eigentlich würde ich sie lieber vergessen. Aber das kann ich nicht. Mach damit, was du willst. Hier noch der Epilog, der Vollständigkeit halber: Igor ist letztes Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich habe zufällig davon erfahren. Und der, der die Verantwortung für alles trug, sitzt in Den Haag auf der Anklagebank. Wahrscheinlich werden sie ihn für lange Zeit wegsperren. Aber hier wird er immer noch verehrt. Als Held und Befreier.«
»Du hattest einen Befehl, Andrej, du hättest nichts verhindern können. Und vielleicht hat dieser Igor ja die Wahrheit gesagt.«
Andrej zuckte mit den Schultern, erhob sich und schulterte seinen Rucksack.
»Lass uns gehen.«
Da war er wieder: Der Zweifel in Andrejs Blick. Er würde ihn nicht mehr loswerden.
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Selanna
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BeitragVerfasst am: 13.10.2021 18:36    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,
ein paar Leseeindrücke von mir:
Zitat:
Ohne ersichtlichen Grund hielt der Bus auf der Küstenstraße von Starigrad in Richtung Süden.

Ist für mich nicht der idealste Eröffnungssatz, da er etwas sperrig klingt, da er so vollgepackt mit Infos ist. Aber falsch ist er natürlich auch nicht Wink Edit: Wir fuhren auf der Küstenstraße von Starigrad in Richtung Süden, als der Bus ohne ersichtlichen Grund anhielt?
Zitat:
David sah, wie der Fahrer die Tür öffnete, einige Worte mit einem Uniformierten wechselte

Der wechselte-Satz wäre mE gut für einen um-Satz geeignet (um einige Worte … zu wechseln)
Zitat:
»Dann war das also auch Kriegsgebiet hier?« Komma fragte David.

Zitat:
und schob seinen Strohhut vor das Gesicht.

Und schob sich den Strohhut vors Gesicht?
Zitat:
und nach seiner Rückkehr nach Deutschland regelmäßigen Kontakt per Mail aufrechterhalten.

Kann man das einfacher ausdrücken? Und ohne zweimal „nach“? Mir fällt aber grad auch nichts Besseres ein Embarassed
Zitat:
Andrei war ein ungewöhnlicher Mensch,

Andrej – Und: die Charakterisierung, die folgt, gefällt mir sehr! Ist Dir gut gelungen! Daumen hoch
Zitat:
kam ein beinahe kahlgeschorener Schädel zum Vorschein.

Wie sieht das aus? Beinahe kahlgeschoren: an manchen Stellen stehen noch Büschel? Oder ist der Kopf insgesamt ein Stoppelfeld? Dann wäre es ein "nicht frisch kahlgeschorener" Schädel. Oder Du lässt den Schädel schlicht und einfach kahlgeschoren sein, ohne „beinahe“?
Zitat:
[…] kam David in den Sinn. Eine riesige Reklametafel warb […]

Das würde ich näher zusammennehmen, vllt mit einem Doppelpunkt oder eine „ …, wo“- Konstruktion.
Zitat:
hatte Andrej die Werbung kopfschüttelnd kommentiert

Zitat:
[…] kam überraschend Andrejs Angebot per Telefon:

Oder, einfacher: bot Andrej am Telefon überraschend an?
Zitat:
Dann hatte er den Flug nach Zagreb gebucht.

„Dann“ hast Du, so mein Eindruck, schön ein paar Mal in diesem Text und hier ist es (mE) irgendwie banal. Fällt Dir was anderes ein? Wenigstens: Darauf / Sogleich? Oder: Keine halbe Stunde später / Nach zehn Minuten / Am selben Abend?
Zitat:
Und da saß er nun, am Rande dieses tückischen Ackers Komma

Zitat:
Schemenhaft erkannte er die Umrisse von einigen Uniformierten,

So, als Prinzessin der Pedanterie muss ich anmerken: Wenn man nur die Umrisse von Menschen erkennt, ist das per se schemenhaft. Du könntest das Wort also streichen oder die Umrisse: er erkannte gerade einmal die Umrisse von einigen Uniformierten / Schemenhaft erkannte er einige Uniformierte … Aber das nur als Erbse Wink
Zitat:
[…] kannte David das Ziel der heutigen Wanderung nicht. Andrej hatte sich ausgeschwiegen, wirkte überhaupt sehr verschlossen.

Das ist inhaltlich so nah beieinander, dass ich den ersten Punkt durch ein Komma ersetzen würde, das Komma dafür durch ein „und“.
Zitat:
Mit einem zerbeulten Linienbus schraubten sie sich

Ist das „zerbeult“ hier wichtig? Oder eher, dass es ein „anderer“ Bus als der vorhergehende ist? Das „andere“ fehlt mir hier eigtl. mehr. – Das „schraubte“ ist schön plastisch Smile
Zitat:
über eine kurvenreiche und staubige Piste in die umliegenden Berge hinauf.

Man fährt doch den einen Berg hinauf. Fährt man „umliegende“ Berge hinauf? Bin mir unsicher. Wenn ich es übertrage: ich fahre durch die umliegende Landschaft? Ich erkunde die umliegende Gegend? Ich spaziere durch die umliegenden Häuser? Mir gefällt es nicht so (außer bei „erkunde“, da passt es eher, aber das ist auch nicht zielgerichtet). Was meinst Du?
Zitat:
bat ihn, zu halten.

Oder: anzuhalten?
Zitat:
Schritt zu halten Komma und häufiger ins Stolpern geriet.

Zitat:
und setzte sich auf einen Stein. kein Absatz sinnvoll
»Da wären wir.«

Zitat:
die Türen und Fenster: schwarze Löcher.

Warum hier kein Prädikat, sondern ein Doppelpunkt? Reißt mich (imho) nur aus dem Lesefluss. Wie siehst Du das?
Zitat:
wie die Saat des Hasses, den sie […]

Als die Saat des Hasses, die sie … fände ich schöner.

Es ist wirklich eine runde Geschichte, gerade durch die Erwähnung des Zweifels am Schluss. Auch der Dialog wirkt sehr realistisch und drückt sehr viel aus, was Ungesagt und am liebsten Ungedacht bleibt. Dazu: Deine Landschaftsbeschreibungen sind wirklich top!
Vllt ist das ein oder andere dabei, das noch ein wenig hilfreich ist, würde mich freuen.
Liebe Grüße
Selanna


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DLurie
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BeitragVerfasst am: 13.10.2021 22:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Selanna,

danke für  dein Feedback!  Das ist aber das superfeine Schleifpapier, womit du  hier z.T. polierst!
Ich empfinde die Geschichte insgesamt als ziemlich rund im Sinne von präzise. Was ihr fehlt, um gut zu sein, sind einige ungewöhnliche Bilder/Metaphern.  Das ist wahrscheinlich  der Punkt, wo das Handwerk endet, und das Talent einspringen müsste. Embarassed

Zu deinen Anmerkungen im Detail:  

Selanna hat Folgendes geschrieben:
Hallo DLurie,
ein paar Leseeindrücke von mir:
Zitat:
Ohne ersichtlichen Grund hielt der Bus auf der Küstenstraße von Starigrad in Richtung Süden.

Ist für mich nicht der idealste Eröffnungssatz, da er etwas sperrig klingt, da er so vollgepackt mit Infos ist. Aber falsch ist er natürlich auch nicht Wink Edit: Wir fuhren auf der Küstenstraße von Starigrad in Richtung Süden, als der Bus ohne ersichtlichen Grund anhielt?
Da gefällt mir meine Version besser. Ich werde den Satz etwas kürzen: Ohne ersichtlichen Grund hielt der Bus auf der Küstenstraße kurz nach Starigrad.


Zitat:
David sah, wie der Fahrer die Tür öffnete, einige Worte mit einem Uniformierten wechselte

Der wechselte-Satz wäre mE gut für einen um-Satz geeignet (um einige Worte … zu wechseln)
Da finde ich meinen Satz besser..
 
Zitat:
»Dann war das also auch Kriegsgebiet hier?« Komma fragte David.

Zitat:
und schob seinen Strohhut vor das Gesicht.

Und schob sich den Strohhut vors Gesicht?
OK
Zitat:
und nach seiner Rückkehr nach Deutschland regelmäßigen Kontakt per Mail aufrechterhalten.

Kann man das einfacher ausdrücken? Und ohne zweimal „nach“? Mir fällt aber grad auch nichts Besseres ein Embarassed
Stört mich jetzt nicht so sehr.

Zitat:
kam ein beinahe kahlgeschorener Schädel zum Vorschein.

Wie sieht das aus? Beinahe kahlgeschoren: an manchen Stellen stehen noch Büschel? Oder ist der Kopf insgesamt ein Stoppelfeld? Dann wäre es ein "nicht frisch kahlgeschorener" Schädel. Oder Du lässt den Schädel schlicht und einfach kahlgeschoren sein, ohne „beinahe“?
Beinahe fliegt raus

Zitat:
[…] kam David in den Sinn. Eine riesige Reklametafel warb […]

Das würde ich näher zusammennehmen, vllt mit einem Doppelpunkt oder eine „ …, wo“- Konstruktion.
Zitat:
hatte Andrej die Werbung kopfschüttelnd kommentiert

Zitat:
[…] kam überraschend Andrejs Angebot per Telefon:

Oder, einfacher: bot Andrej am Telefon überraschend an?
Stört mich alles weniger

Zitat:
Dann hatte er den Flug nach Zagreb gebucht.

„Dann“ hast Du, so mein Eindruck, schön ein paar Mal in diesem Text und hier ist es (mE) irgendwie banal. Fällt Dir was anderes ein? Wenigstens: Darauf / Sogleich? Oder: Keine halbe Stunde später / Nach zehn Minuten / Am selben Abend?
Vielleicht: Noch am selben Abend

Zitat:
Und da saß er nun, am Rande dieses tückischen Ackers Komma

Danke
Zitat:
Schemenhaft erkannte er die Umrisse von einigen Uniformierten,

So, als Prinzessin der Pedanterie muss ich anmerken: Wenn man nur die Umrisse von Menschen erkennt, ist das per se schemenhaft. Du könntest das Wort also streichen oder die Umrisse: er erkannte gerade einmal die Umrisse von einigen Uniformierten / Schemenhaft erkannte er einige Uniformierte … Aber das nur als Erbse Wink
Schemenhaft fliegt raus.

Zitat:
[…] kannte David das Ziel der heutigen Wanderung nicht. Andrej hatte sich ausgeschwiegen, wirkte überhaupt sehr verschlossen.

Das ist inhaltlich so nah beieinander, dass ich den ersten Punkt durch ein Komma ersetzen würde, das Komma dafür durch ein „und“.
D'accord
Zitat:
Mit einem zerbeulten Linienbus schraubten sie sich

Ist das „zerbeult“ hier wichtig? Oder eher, dass es ein „anderer“ Bus als der vorhergehende ist? Das „andere“ fehlt mir hier eigtl. mehr. – Das „schraubte“ ist schön plastisch Smile
Das zerbeult passt m.E. ganz gut  

Zitat:
über eine kurvenreiche und staubige Piste in die umliegenden Berge hinauf.

Man fährt doch den einen Berg hinauf. Fährt man „umliegende“ Berge hinauf? Bin mir unsicher. Wenn ich es übertrage: ich fahre durch die umliegende Landschaft? Ich erkunde die umliegende Gegend? Ich spaziere durch die umliegenden Häuser? Mir gefällt es nicht so (außer bei „erkunde“, da passt es eher, aber das ist auch nicht zielgerichtet). Was meinst Du?
Ja: schraubte sich (...) die umliegenden Berge hinauf

Zitat:
bat ihn, zu halten.

Oder: anzuhalten?
OK

Zitat:
Schritt zu halten Komma und häufiger ins Stolpern geriet.

Danke


Zitat:
die Türen und Fenster: schwarze Löcher.

Warum hier kein Prädikat, sondern ein Doppelpunkt? Reißt mich (imho) nur aus dem Lesefluss. Wie siehst Du das?
Der Doppelpunkt reißt dich aus dem Lesefluss? Mich eigentlich nicht.

Zitat:
wie die Saat des Hasses, den sie […]

Als die Saat des Hasses, die sie … fände ich schöner.
Finde ich jetzt nicht.




LG
DLurie
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Selanna
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BeitragVerfasst am: 13.10.2021 23:30    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo DLurie,

na, für das gröbere Schleifpapier war der Text eben schon zu gut Wink

Zitat:
Ohne ersichtlichen Grund hielt der Bus auf der Küstenstraße kurz nach Starigrad.

Das ist gut Daumen hoch

Freut mich, dass das ein oder andere doch dabei war.

Wie immer: gerne gelesen, ein guter Text!
Liebe Grüße
Selanna


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