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Überbordende Beschreibungen: Ab wann sind sie zu viel?

 

 
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Kojote
Geschlecht:männlichACME Buchstabenfabrikant

Alter: 31
Beiträge: 1053
Wohnort: Wurde erfragt


BeitragVerfasst am: 12.09.2021 09:20    Titel: Überbordende Beschreibungen: Ab wann sind sie zu viel? eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

mehr als einmal schon wurde mir hier im Forum zu meinen Texten Kritik "gefeedbackt": Kürze an Beschreibungen und Hintergrundinformationen alles weg, was nicht relevant ist für die Handlung, oder was zwar zu Personenbeschreibungen gehört, jedoch das Ausmaß dessen, was der Leser über die Charaktere zu wissen hat, überschreitet.

Ich habe nun die Probe aufs Exempel gemacht und mir vor einiger Zeit "The Stand – das letzte Gefecht" von Stephen King gekauft. Die, wie es heißt, "vom Autor restaurierte Monumentalfassung". Vierstellige Seitenzahl. Momentan bin ich auf Seite Einhundertundschlagmichtot.

Und was fällt mir auf? Da wimmelt es nur so an Beschreibungen. Ganz egal, ob es sich um Haupt- oder Nebencharaktere handelt, wird erklärt, wie die Kindheit verlief, welche Ausbildungen und Karriereschritte getan wurden, wann man in Rente ging und wie die Rente ausfiel.

Zu einem gewissen Teil sind diese Informationen hilfreich, um den Charakter zu schildern. So wird über eine Person haargenau aufgeschlüsselt, Ausgaben in welcher fast astronomischen Höhe sie für eine illegale Koksparty machte. Über eine andere, wie sie eine Musikerkarriere startete und vom Plattenlabel übern Tisch gezogen wurde.

Die Frage ist, muss der Umfang derartiger Beschreibungen wirklich dermaßen exzessiv sein? Unter "exzessiv" verstehe ich ein Ausmaß, ab dem der Leser stark "wegleg-gefährdet" ist, weil er seitenlang liest, ohne dass das Gelesene von Relevanz erscheint. (Was bei mir der Fall ist.)

Überhaupt finde ich 80% dieser ausufernden Erklärungen, Beschreibungen und Hintergrundberichte absolut entbehrlich, beziehungsweise ist mir auf der kolportierten Seite Einhundertundschlagmichtot noch keine Stelle aufgefallen, wo auf diese Beschreibungen im Nachhinein eingegangen worden wäre, sprich: wo sie für die Geschichte relevant geworden wären.

Was sagt ihr dazu?
Fällt das unter "Wasser predigen und Wein trinken"?
Oder darf ein Stephen King so etwas, weil er so berühmt ist?


Über eure Meinungen freue ich mich sehr.

Liebe Grüße
der Kojote


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"To be, or not to be." (William Shakespeare)
"Doobedoobedoo." (Frank Sinatra)
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Thomas74
Geschlecht:männlichReißwolf

Alter: 47
Beiträge: 1335
Wohnort: Annaburg


BeitragVerfasst am: 12.09.2021 09:53    Titel: Antworten mit Zitat

Man könnte argumentieren, als "The Stand" das erste Mal erschien, war er noch nicht ganz so berühmt und es wurde deswegen fleißig gekürzt. Wink

Aber- meine Meinung-es gibt da kein Patentrezept, auch wenn hier einige etwas anderes predigen.
Manche mögen es, manche hassen es, wenn Bücher dermaßen opulent daher kommen.


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Optimismus ist, bei Gewitter in einer Kupferrüstung auf dem höchsten Berg zu stehen und "Scheiß Götter!!" zu rufen.
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Levo
Eselsohr


Beiträge: 397



BeitragVerfasst am: 12.09.2021 10:07    Titel: Antworten mit Zitat

Ich denke, bei Testlesern muss man einrechnen, dass sie schlaue Sprüche wie „show don’t tell“, „wenige Adjektive!“ und „ist diese Beschreibung wichtig für die Handlung?“ unterbringen zu müssen meinen. Mach ich ja auch, wenn ich testlese. Dafür sind Testleser u. a. da: den Autor auf solche Dinge aufmerksam zu machen, damit er darüber nachsinnen kann, ob er dem zustimmt, es ändern will oder nicht. Wenn ich testlese, schreibe ich häufiger mal: „Ist anderen vielleicht zu viel Beschreibung, aber mir gefällt’s.“

Mir fallen ebenfalls tausend verlegte Autoren ein, die genau das schreiben, was mir von Testlesern angekrittelt wird. Würde jemand bei Preston & Child an den Rand kritzeln: „Ist es wichtig, dass die Autos kreuz und quer parken? Kann man das weglassen?“
Ja, verdammt, man kann unendlich viel weglassen und bei einem Polizeibericht landen. Das ist aber nicht das, was ich lesen oder schreiben möchte.

Gute Testleser erkennen den Stil des Autors und arbeiten damit – anstatt gegenan. Für das Beispiel mit den Kingschen Abschweifungen (oder man denke an Moers’ Zamonienromane) würde das imA bedeuten: „Beschreibung OK, aber an dieser Stelle fing ich an, mich zu langweilen und zu überblättern“.
Es ist immer die persönliche Einschätzung eines Einzelnen.
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Wohlstandskrankheit
Geschlecht:weiblichEselsohr

Alter: 32
Beiträge: 454
Wohnort: Rinteln


BeitragVerfasst am: 12.09.2021 10:19    Titel: Antworten mit Zitat

Umso neuer das Buch, umso kürzer die Beschreibungen. Immerhin müssen Bücher jetzt mit Netflix, Youtube und anderen schnelllebigen Genüssen konkurrieren. Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird immer kleiner.
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Ribanna
Geschlecht:weiblichKlammeraffe

Alter: 58
Beiträge: 708
Wohnort: am schönen Rhein...


BeitragVerfasst am: 12.09.2021 10:19    Titel: Antworten mit Zitat

Ich liebe Beschreibungen. In Büchern, aber auch beim eigenen Schreiben.

 Ich finde wichtig, dass der Lesende sich das alles vorstellen
kann, dass ein Film vor ihm vorüber zieht. Dazu braucht es Beschreibungen.

Ist es wirklich wichtig, ob der Prota blond oder braun, dick oder dünn, mit lockigem Haar oder ohne ist?
Ja, für mich schon. Denn ich glaube, wir alle verbinden Menschen mit ihrem Aussehen, und ordnen sie so auch ein. (Wobei es natürlich nur die Klischees sind, die so bedient werden.)

Ist es wirklich wichtig, wie die Landschaft aussieht? Ja, für mich schon. Manche Geschichten würden im Teufelsmoor anders wirken als im Allgäu, das ist für mich so. (Auch hier geht es um Klischees, aber das hilft den Lesenden, die Geschichte präsenter zu machen.

Das Leben spielt nicht im leeren Raum, und ich möchte, das Raum und Personen lebendig erscheinen.


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Wenn Du einen Garten hast und eine Bibliothek wird es Dir an nichts fehlen.
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Gerling
Geschlecht:männlichExposéadler

Alter: 56
Beiträge: 2233
Wohnort: Braunschweig


BeitragVerfasst am: 12.09.2021 10:45    Titel: Antworten mit Zitat

Zwei Dinge habe ich in den letzten 2 Jahren gelernt (und, noch viel wichtiger: verstanden)
1: die meisten Leser wollen wissen, warum eine Figur das tut, was sie tut. Nur wenn das Handeln einer Figur für den Leser nachvollziehbar ist, wirkt sie glaubwürdig. Es gibt ja schließlich einen Grund dafür, warum sich verschiedene Personen beim Schreiben so sehr aufdrängen. Man sollte ihnen dann auch die nötige Tiefe geben.
2: Atmosphäre in einem Roman ist wichtig. Da muss ich an mir auch noch arbeiten. Es muss dem Geschichtenerzähler gelingen, die Leser in die Geschichte reinzuziehen. Der Leser muss erfahren, wo er gerade ist. Wie es dort riecht, aussieht, was auch immer. Natürlich kann man das übertreiben. Lässt man es jedoch ganz weg, oder untertreibt es, verliert die Geschichte an Sogkraft.


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Falsche Fährten - Bookspot Verlag (Juli 2015)
Sieben Gräber - Bookspot Verlag (März 2016)
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wohe
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 69
Beiträge: 292
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 12.09.2021 12:21    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Ich finde wichtig, dass der Lesende sich das alles vorstellen kann, dass ein Film vor ihm vorüber zieht. Dazu braucht es Beschreibungen.
Hm, das ist natürlich richtig. Schließlich geht es ja darum, Kopfkino zu initiieren - von Formulierungsenthusiasten, denen es um möglichst komplexe Wörteraneinanderreihungen geht, mal abgesehen.
Zitat:
Dazu braucht es Beschreibungen.
Auch richtig, aber es gibt Abstufungen und verschiedene Formen.
Zu den Abstufungen: "die Menge macht's". Um das o.a. Kopfkino zu erleben, muss der Leser den Kontext kennen (warum ist eine Situation so, wie sie ist) und eine Stimmung erleben (düstere vs. freundliche Umgebung etc).
Ich kenne einige SF-Autoren, die ungeheuer dicke Bücher schreiben und (werden die vllt. nach Wörtern bezahlt?), die zum größten Teil aus extrem detaillierten Beschreibungen bestehen (Baxter etc), während man bei Hemingway trotz knapper Beschreibungen genau weiß, wer was warum tut und fühlt.

Zu den Formen:
Zitat:
Manche Geschichten würden im Teufelsmoor anders wirken als im Allgäu
Klar doch. In diesem Beispiel kann sich die Beschreibung der Stimmung aus der des Ortes ergeben, das Düstere des Ortes zu verbalisieren und die eben solche Stimmung noch mal extra, wäre zuviel des Guten.
Die Beschreibung z.B. der Freude einer Person via banaler Verbalisierung ("sein Herz zersprang vor Freude" oder so) ist m.E ebenso megaout wie die bereits erwähnte Überadjektivierung ("sein Mund verzog sich in hämischem Hohn").
Ich selber versuche(!), Situationen und Aktionen aus Dialogen erkennbar zu machen und nur wenige textuelle Beschreibungen zu verwenden. Das ist aber eine persönliche Vorliebe --> beim Kontrolllesen auf einsetzende Langeweile als Indikator achten (wenn das denn objektiv überhaupt funktioniert).

MfG Wohe
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Maunzilla
Reißwolf


Beiträge: 1384



BeitragVerfasst am: 12.09.2021 16:29    Titel: Antworten mit Zitat

Wie bei allen Kunstwerken, ist auch bei Büchern die Rezeption individuell. Man kann also nicht sagen, daß dieser oder jener Erzählstil gut oder schlecht wäre, sondern nur statistisch belegen, was einer Mehrheit des heutigen Zielpublikums gefällt. Oder im Falle von Büchern, was sie kauft, denn ob den Lesern die Bücher gefallen haben, oder ob sie sie überhaupt bis zum Ende lasen, weiß keiner. (Ist für den Erfolg und Profit eigentlich auch irrelevant.)

Ist diese ungekürzte Fassung besser als die Erstausgabe? Kommt sie beim Publikum besser an? Wer kann das sagen? Natürlich muß man ein berühmter Autor sein, damit man solche revidierten Ausgaben überhaupt auf den Markt werfen kann, denn bei einem anderen Autor hätte der Verlag nur müde abgewinkt.

Ein weiterer Aspekt ist die sich ändernde Mode und die Alterung des Publikums.
Bei Filmen ist es sehr offensichtlich, daß die erzählerische und die visuelle Gestaltung sich in den letzten Jahrzehnten extrem verändert haben. Das liegt u.a. auch daran, daß Filme stets dieselbe Zielgruppe, aber stets  einen anderen Personenkreis ansprechen. Bei Literatur ist das unterschiedlich. Da bindet der Autor im Laufe der Zeit eine Leserschaft an sich, die mit ihm altert und deren Erwartungen sich nicht groß ändern, während eine neue Generation junger Leser mit einem anderen Geschmack heranwächst. Das führt (genauso wie in der Popmusik) zu dem Dilemma, daß man entweder die nachwachsende Jugend verliert, oder die gewachsene Fanbasis mit ihrem verfestigten Geschmack.

Und zu guter Letzt muß man auch konstatieren, daß ein guter Autor auch schlechte Bücher schreiben kann und daß ein erfolgreicher Autor nicht unbedingt ein guter sein muß.
So kennt vermutlich jeder die Tatsache, daß Kings erster Roman Carrie von mehr als dreißig Verlagen abgelehnt wurde. Lag das daran, daß das Buch insgesamt schlecht war? Oder war nur die eingereichte erste Fassung schlecht? Oder entsprach das Buch einfach nicht dem Zeitgeist oder den Erwartungen? Würde dasselbe Buch heute noch ein Erfolg werden, oder wäre es zwanzig Jahre vorher ebenfalls einer geworden?


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Pickman
Geschlecht:männlichReißwolf


Beiträge: 1278
Wohnort: München


BeitragVerfasst am: 12.09.2021 17:23    Titel: Re: Überbordende Beschreibungen: Ab wann sind sie zu viel? Antworten mit Zitat

Lieber Kojote,

endlich kommen wir mal zusammen! Genau das
Kojote hat Folgendes geschrieben:
Fällt das unter "Wasser predigen und Wein trinken"?

fiel mir nämlich auch ein, als ich den Anfang Deines Beitrags las.

Liebe Grüße

Pickman


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Tempus fugit.
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agto
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 62
Beiträge: 456
Wohnort: Utvik


BeitragVerfasst am: 12.09.2021 18:30    Titel: Re: Überbordende Beschreibungen: Ab wann sind sie zu viel? Antworten mit Zitat

Kojote hat Folgendes geschrieben:
Was sagt ihr dazu?
Fällt das unter "Wasser predigen und Wein trinken"?
Oder darf ein Stephen King so etwas, weil er so berühmt ist?



Wenn ich richtig erinnere, sagte (schrieb) er: der Verlag hat gekürzt, seine Leser wollen aber alles, damit sie besser und länger in der Geschichte/Welt verweilen können.
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