15 Jahre Schriftstellerforum!
 
Suchen
Suchabfrage:
erweiterte Suche

Login

Jetzt erhältlich! Eine Anthologie von und mit unseren Usern. Jetzt bestellen! Die erste, offizielle DSFo-Anthologie! Lyrikwerkstatt Das DSFo.de DSFopedia


Der Schnee im Tal der Beine macht


 

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Prosa -> Feedback
 Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
Janus
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 22
Beiträge: 39
Wohnort: Düsseldorf


BeitragVerfasst am: 14.07.2021 10:39    Titel: Der Schnee im Tal der Beine macht eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Sehr geehrte Damen und Herren,
hier ein Auszug einer Kurzgeschichte, viel eher der Beginn einer langen Reise. Eine Geschichte über das Verhältnis von Lebenserfahrung zu Lebenshunger und die Angst, sein Nest zu verlassen.
Ich freue mich über Feedback.

"Dieser vereiste Fluss dort, schau. Der Mensch ist wie er. Unbeweglich und starr an der Oberfläche, die Persönlichkeit des Menschen, die man meint, ihm zuschreiben zu können. Doch unter dieser kalten Maske bewegt es sich. Da fließt ein Strom und bringt stetigen Wandel. Wir beide sind schon nicht mehr dieselben, die wir vor fünf Minuten waren. Doch oft merkt man es selbst gar nicht, wie man sich verändert. Man merkt es eben erst, wenn die Hülle bricht, schmilzt und schließlich seine Geheimnisse im Frühling offenbart.“

Friedhelm und Louis standen auf der alten, steinernen Brücke, die zwei Dörfer in einem weiten Tal miteinander verband. Louis horchte in die Stille, während er Friedhelms Worte auf sich wirken ließ. Eine dicke Schneedecke hatte das Tal und die kargen Berge ringsherum in tiefes Schweigen gehüllt und ganz so, als wäre es dem Schnee immer noch zu laut, fielen viele dicke Flocken vom Himmel und zwangen selbst die Luft, ihren Atem anzuhalten. Es war ein kalter Winter über das Tal hereingebrochen. Er zerrte an den dicken Mänteln, an den Schals und an den Mützen der wenigen Leute, die sich hinaustrauten, oder keine andere Wahl hatten. Friedhelm hielt seinen Gehstock fest umklammert. Er war früh alt geworden.

„Ich werde dieses Tal nicht mehr verlassen Junge. Ich habe genug gesehen. Du aber folge dem Fluss, der das Tal verlässt und gebe dich dem Wandel hin. Jetzt bist du noch schmal und schwach. Bald aber, wenn du das Tal verlassen hast, wirst du dich verändern. Wie Nebenflüsse werden dich Erfahrungen nähren, sodass du wächst und an Tiefe gewinnst. Andere werden versuchen dich auszubeuten. Deshalb sage ich dir mein Junge; lass dich nicht beirren und folge deinem Lauf, dann wirst du auch irgendwann ankommen.“

Bei dem Gedanken das Tal zu verlassen, lief Louis ein Schauer über den Rücken. Vielleicht war es auch die Kälte. Oder beides.
„Was ist, wenn ich nicht hinausfinde? Das Tal ist so groß.“ sagte er.
„Jetzt denkst du, das Tal wäre deine Welt und alles weitere sei fremd und unerreichbar. Glaube mir Junge, ich weiß was du meinst.“
„Ich will ja hinaus. Doch ich weiß nicht wie weit mich meine Füße tragen. Ich will nicht den Ausgang finden nur um meine Kraft zu verlieren. Ich will nicht versagen.“
„Ob du versagst oder nicht, das hängt von niemandem sonst ab außer von dir. Denkst du, den Fluss kümmert es, ob ein paar Felsen in seinem Lauf liegen?“

Louis dachte nach. Er dachte an den vergangenen Sommer in seinem Tal. Als die Wiesen noch satt und grün waren, der Fluss voller Forellen war und in den Nadelwäldern Abenteuer warteten. Er erinnerte sich an seine Freunde aus dem Nachbardorf und wie sie auf der Brücke, auf der Friedhelm und er jetzt froren, Eroberung gespielt hatten. Er dachte an seine Mutter, die ihn abends, wenn er zu spät nach Hause gekommen war, verständnisvoll anlächelte. „Beim nächsten Mal kochst du selbst.“ hatte sie oft gesagt, nur um dann doch immer eine Mahlzeit vorbereitet zu haben.  In diesen Erinnerungen versunken, breitete sich ein warmes Gefühl in seinem Bauch aus. Louis war gut aufgehoben in seinem Tal.

„Ich wünschte nur, ich wüsste, wo ich hinwill.“
„Das herauszufinden ist der größte Genuss an der Reise, die vor dir liegt, mein Junge.“
„Was, wenn ich es nicht herausfinde?“
„Du wirst es zwangsläufig tun. Das Leben ist zwar kein Spaziergang, doch es lohnt sich so weit zu laufen, wie man kann.“
„Bist du so weit gelaufen, wie du kannst?“
„Ich hätte weiterlaufen können.“
„Wieso hast du es nicht getan?“
Friedhelm zeigte mit seinem Gehstock auf eine entfernte kleine Hütte, dessen Dach sich unter dem Gewicht des Schnees zu biegen schien.
„Mein Junge, es wird auch bei dir ein Tag kommen, da wirst du dich entscheiden müssen. Willst du immer weiter, oder willst du ruhen? Ich war müde und habe mich dafür entschieden zu ruhen.“
„Hat es mit deiner Frau zu tun?“ fragte Louis.
„Sicher, als ich meine Mathilde kennengelernt habe, fühlte ich, dass ich angekommen war.“
„Das muss schön gewesen sein.“
„Das war es, mein Junge.“
„Ich möchte das auch erleben.“
„Dann geh. Geh und raste, wenn du müde bist. Laufe wenn du Kraft gesammelt hast und vergiss nicht, dass es sich lohnt für eine schöne Aussicht stehen zu bleiben.“

Eine Weile stand das ungleiche Paar noch auf der Brücke und genoss die Aussicht über die weite, schneebedeckte Ebene. Das Tal war wie leergefegt. Keine Maus, kein Reh und keine Gänse waren zu sehen. Nicht auf der Ebene und auch nicht an den Hängen der Berge. Der graue Himmel wirkte wie eine Kuppel und das Tal wie ein eigenes, abgeschiedenes Land, in dem nur Friedhelm, Louis und der gefrorene Fluss ihr Dasein verbrachten.

12Wie es weitergeht »


Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Elisa
Leseratte


Beiträge: 103



BeitragVerfasst am: 15.07.2021 12:05    Titel: Antworten mit Zitat

Gern gelesen, gefällt mir! Daumen hoch²
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Fistandantilus
Geschlecht:männlichLeseratte

Alter: 41
Beiträge: 146
Wohnort: Augsburg


BeitragVerfasst am: 15.07.2021 12:19    Titel: Antworten mit Zitat

Das ist ein Text, wie ich ihn mag: wunderbare Atmosphäre, tolle Sprache, treffende Dialoge und der Hang zum Philosophischen, der aber nicht überbordend oder gekünstelt wirkt. Rundum gelungen!
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Fistandantilus
Geschlecht:männlichLeseratte

Alter: 41
Beiträge: 146
Wohnort: Augsburg


BeitragVerfasst am: 15.07.2021 12:27    Titel: Antworten mit Zitat

Oh, eines noch, in Deinem Titel fehlt ein Komma: "Der Schnee im Tal, der Beine macht".
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Tribalis
Geschlecht:weiblichLeseratte


Beiträge: 124



BeitragVerfasst am: 15.07.2021 12:53    Titel: Antworten mit Zitat

Fistandantilus hat Folgendes geschrieben:
Oh, eines noch, in Deinem Titel fehlt ein Komma: "Der Schnee im Tal, der Beine macht".


Danke für die Auflösung Laughing . Ich habe lange auf die Überschrift geschaut und gedacht, da ist einfach Text abgeschnitten - der Schnee im Tal der Beine Smile .
Jetzt verstehe ich aber.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Janus
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 22
Beiträge: 39
Wohnort: Düsseldorf


BeitragVerfasst am: 15.07.2021 13:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Vielen Dank für das Lob! Ich schreibe viele bedrückende Geschichten, da war es mir ein Anliegen auch mal etwas "Leben bejahendes" zu schreiben. Die Geschichte ist nicht zu Ende, doch es freut mich, dass sie gefallen findet!
Danke auch für den Hinweis zum Titel, das wird korrigiert.

Beste Grüße!
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Janus
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 22
Beiträge: 39
Wohnort: Düsseldorf


BeitragVerfasst am: 27.07.2021 19:09    Titel: Der Schnee im Tal, der Beine macht pdf-Datei Antworten mit Zitat

Anbei die vollständige Kurzgeschichte. Ich habe das Gefühl, dass sie noch nicht richtig rund ist. Ich bedanke mich bei jedem der mir da weiterhelfen kann/möchte!
Viel Spaß beim lesen.


„Dieser vereiste Fluss dort, schau. Der Mensch ist wie er. Unbeweglich und starr an der Oberfläche, die Persönlichkeit des Menschen, die man meint, ihm zuschreiben zu können. Doch unter dieser kalten Maske bewegt es sich. Da fließt ein Strom und bringt stetigen Wandel. Wir beide sind schon nicht mehr dieselben, die wir vor fünf Minuten waren. Doch oft merkt man es selbst gar nicht, wie man sich verändert. Man merkt es eben erst, wenn die Hülle bricht, schmilzt und schließlich seine Geheimnisse im Frühling offenbart.“
Friedhelm und Louis standen auf der alten, steinernen Brücke, die zwei Dörfer in einem weiten Tal miteinander verband. Louis horchte in die Stille, während er Friedhelms Worte auf sich wirken ließ. Eine dicke Schneedecke hatte das Tal und die kargen Berge ringsherum in tiefes Schweigen gehüllt und ganz so, als wäre es dem Schnee immer noch zu laut, fielen viele dicke Flocken vom Himmel und zwangen selbst die Luft, ihren Atem anzuhalten. Es war ein kalter Winter über das Tal hereingebrochen. Er zerrte an den dicken Mänteln, an den Schals und an den Mützen der wenigen Leute, die sich hinaustrauten, oder keine andere Wahl hatten. Friedhelm hielt seinen Gehstock fest umklammert. Er war früh alt geworden.
„Ich werde dieses Tal nicht mehr verlassen Junge. Ich habe genug gesehen. Du aber folge dem Fluss, der das Tal verlässt und gebe dich dem Wandel hin. Jetzt bist du noch schmal und schwach. Bald aber, wenn du das Tal verlassen hast, wirst du dich verändern. Wie Nebenflüsse werden dich Erfahrungen nähren, sodass du wächst und an Tiefe gewinnst. Andere werden versuchen dich auszubeuten. Deshalb sage ich dir mein Junge; lass dich nicht beirren und folge deinem Lauf, dann wirst du auch irgendwann ankommen.“
Bei dem Gedanken das Tal zu verlassen, lief Louis ein Schauer über den Rücken. Vielleicht war es auch die Kälte. Oder beides.
„Was ist, wenn ich nicht hinausfinde? Das Tal ist so groß.“ sagte er.
„Jetzt denkst du, das Tal wäre deine Welt und alles weitere sei fremd und unerreichbar. Glaube mir Junge, ich weiß was du meinst.“
„Ich will ja hinaus. Doch ich weiß nicht wie weit mich meine Füße tragen. Ich will nicht den Ausgang finden und dann keine Kraft mehr haben. Ich will nicht versagen.“
„Ob du versagst oder nicht, das hängt von niemandem sonst ab außer von dir. Denkst du, den Fluss kümmert es, ob ein paar Felsen in seinem Lauf liegen?“
Louis dachte nach. Er dachte an den vergangenen Sommer in seinem Tal. Als die Wiesen noch satt und grün waren, der Fluss voller Forellen war und in den Nadelwäldern Abenteuer warteten. Er erinnerte sich an seine Freunde aus dem Nachbardorf und wie sie auf der Brücke, auf der Friedhelm und er jetzt froren, Eroberung gespielt hatten. Er dachte an seine Mutter, die ihn abends, wenn er zu spät nach Hause gekommen war, verständnisvoll anlächelte. „Beim nächsten Mal kochst du selbst.“ hatte sie oft gesagt, nur um dann doch immer eine Mahlzeit vorbereitet zu haben.  In diesen Erinnerungen versunken, breitete sich ein warmes Gefühl in seinem Bauch aus. Louis war gut aufgehoben in seinem Tal.
„Ich wünschte nur, ich wüsste, wo ich hinwill.“
„Das herauszufinden ist der größte Genuss an der Reise, die vor dir liegt, mein Junge.“
„Was, wenn ich es nicht herausfinde?“
„Du wirst es zwangsläufig tun. Das Leben ist zwar kein Spaziergang, doch es lohnt sich so weit zu laufen, wie man kann.“
„Bist du so weit gelaufen, wie du kannst?“
„Ich hätte weiterlaufen können.“
„Wieso hast du es nicht getan?“
Friedhelm zeigte mit seinem Gehstock auf eine entfernte kleine Hütte, dessen Dach sich unter dem Gewicht des Schnees zu biegen schien.
„Mein Junge, es wird auch bei dir ein Tag kommen, da wirst du dich entscheiden müssen. Willst du immer weiter, oder willst du ruhen? Ich war müde und habe mich dafür entschieden zu ruhen.“
„Hat es mit deiner Frau zu tun?“ fragte Louis.
„Sicher, als ich meine Mathilde kennengelernt habe, fühlte ich, dass ich angekommen war.“
„Das muss schön gewesen sein.“
„Das war es, mein Junge.“
„Ich möchte das auch erleben.“
„Dann geh. Geh und raste, wenn du müde bist. Laufe wenn du Kraft gesammelt hast und vergiss nicht, dass es sich lohnt für eine schöne Aussicht stehen zu bleiben.“
Eine Weile stand das ungleiche Paar noch auf der Brücke und genoss die Aussicht über die weite, schneebedeckte Ebene. Das Tal war wie leergefegt. Keine Maus, kein Reh und keine Gänse waren zu sehen. Nicht auf der Ebene und auch nicht an den Hängen der Berge. Der graue Himmel wirkte wie eine Kuppel und das Tal wie ein eigenes, abgeschiedenes Land, in dem nur Friedhelm, Louis und der gefrorene Fluss ihr Dasein verbrachten.

Louis verließ Friedhelm und verließ sein Tal. Er stapfte über die verschneiten Wege seiner Heimat, die ihm so vertraut waren und sang alte Lieder, die seine Mutter früher an seinem Bett gesungen hatte. Es waren traurige Lieder. Lieder, die Abschied nahmen von allem, was bekannt war. Melodien, die sich forttrugen, weg von Freunden und Geborgenheit, von Kindheit und Familie. Louis erreichte sein Heimatdorf. Nur mit einem leichten Rucksack bepackt, einem festen Paar Schuhe, das einst seinem Vater gehört hatte und einer zerfledderten Mütze ging er mit festem Schritt, doch Schwermut im Herzen an den steinernen Häusern, schwarz und braun bedacht, vorbei. Er grüßte zum letzten Mal seine Nachbarn und Freunde. Manche nickten ihm zu, viele weinten und einige wandten sich ab und zogen die Schultern an. Louis jedoch verlangsamte nicht seinen Gang. Er hatte Angst, dass wenn er einmal anhielt, nicht wieder losgehen würde. Zu stark waren seine Gedanken noch in den Apfelbaumhainen und Berghängen verfangen. Das Ende des Dorfes war erreicht. Louis Mutter stand am Ausgang. Ihre langen Haare wehten offen im Wind. Graue Augen blickten Louis entgegen.
„Ich wusste, dass du mich eines Tages verlassen würdest.“ sagte sie.
„Ich habe mit Friedhelm gesprochen Mamá.“
„Er findet immer die richtigen Worte.“ Eine einsame Träne rann Louis Mutter warm über die braungebrannte Wange.
„Was denn Mamá?“
Claudia nahm ihren Sohn in die Arme.
„Du bist ein ganz wunderbarer Junge Louis. Ich liebe dich mein Sohn. Ich vertraue dir. Du bist zu einem schönen jungen Mann herangewachsen und in dir steckt so viel Neugier. Du magst als einfacher Bauer erzogen worden sein, doch in dir steckt die Seele eines großen Entdeckers. Ich werde für immer in meinem schönen Tal bleiben, doch du bist ein Kind der Wege, des Flusses und der Reise. Geh, mein Sohn, geh und suche. Geh und finde.“
Sie umarmten sich innig in dem Wissen, dass es die letzte Umarmung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn sein würde. Für einen Moment war die winterliche Kälte, das Schneetreiben und der eisige Wind vergessen. Louis spürte noch einmal die Wärme einer liebenden Mutter. Er sog sie ein, verinnerlichte diese Liebe und ließ sich in die Umarmung der starken Frau sinken, die er sein Leben lang Mamá genannt hatte. Für sie war er ein letztes Mal stehen geblieben. Sie lösten sich aus der Umarmung, ein letzter Blick und Louis ließ sein altes Leben hinter sich. Er folgte dem Flusslauf noch eine Weile. Mit jedem Schritt klarte der Himmel etwas weiter auf. Er verließ den Fluss und begann mit dem Anstieg zum Pass, der ihm die Welt eröffnen würde. In Louis Kopf entsprang eine neue Melodie. Sie war ihm unbekannt und fremd. In ihm erklang ein zarter Chor des Aufbruchs, eine Ballade der Entdecker, die ihn beschwingte. Wie ein kräftiger Ostwind, der in die Segel eines jungen Schiffes blies, trieb ihn diese Melodie nach vorn. Immer weiter nach vorn. Kraftvoll und mit einem leichter werdenden Herzen lief Louis seinem Leben voraus. Auf den letzten Metern, bevor er den Kamm erreichte und er einen Ausblick über das vor ihm liegende Land gewinnen würde, kam ihm ein Ratschlag seines alten Freundes in den Sinn. Sie hatten sich oft auf der steinernen Brücke unterhalten.
„Achte immer auf die Details mein Junge. Es sind nicht nur die Bäume, die uns die Luft zum Leben schenken, sondern auch die kleinen Bienen, die sie bestäuben. Du kannst durch die ganze Welt reisen und doch immer nur an einem Ort sein. Öffne dich und schau genau hin. Das ist es was dich reich, was dich glücklich machen wird. Der Zauber des Lebens steckt im Staub, der, von der Sonne beschienen, ganze Galaxien eröffnen kann.“ Louis erreichte den Kamm und wie es hinaufgeht, geht es auch wieder bergab. Immer entgegen der Zukunft, die sich weit und scheinbar endlos vor Louis entfaltete.

Nach einigen Tagen der Wanderung erreichte Louis eine kleine Stadt. Sie lag in einer Landschaft von Kastanienwäldern und Kuhweiden, Weinbergen und Kirchtürmen. Im Sommer war es sicherlich schön dort. Louis jedoch war völlig durchnässt von einem starken, winterlichen Platzregen, der wütend auf den Asphalt der Straßen trommelte und an manchen Orten große Verwüstung anrichtete. Es regnete schon, seitdem Louis das Gebirge hinter sich gelassen hatte. Auf seinem Weg fort von den Bergen hatte er gesehen, wie aus zahmen Bächen wilde Flüsse geworden waren, die alles mit sich rissen. Bevor Louis die Stadt erreicht hatte, hatte er einen Bauern gesehen, dessen Pferdestall von den erbarmungslosen Fluten mitgerissen zu werden drohte. Ein dickes Seil war um seine Hüfte gespannt, befestigt an einem Traktor. Dieser Mann watete in das dröhnende Wasser und befreite seine Pferde eins nach dem anderen aus ihren Boxen. Sofort wurden sie von der Strömung erfasst. Chancenlos trieben sie davon. Nur eines gelangte durch Glück mit dem Bauern zurück ans Ufer. Louis rannte zu dem Mann. Er wirkte eigentlich wie jemand, den nichts mehr beeindrucken könne. Eine kräftige Statur und Narben auf seinem entblößten Oberkörper. Kurzgeschorene Haare und ein mächtiger, schwarzer Vollbart. Doch aus den tiefliegenden blauen Augen strömten die Tränen, als der Bauer sah wie der Stall und sein Heim vom Wasser fortgespült wurde. Verzweifelt vergrub er sein Gesicht in seinen knorrigen Händen, schluchzte leise und fiel am Ufer auf die Knie. Louis legte eine Hand auf die Schulter des traurigen Bauern.
„Sie haben ein Wunder vollbracht.“ sagte er, „Ohne sie wären die Pferde ertrunken. Sie haben sie gerettet.“
Der Bauer schaute auf.
„Ich hätte es mir niemals verziehen, wenn ich nichts getan hätte.“
„Sie haben eine große Gefahr auf sich genommen. Sie leben noch und ihre Pferde auch. Das ist was zählt.“
Louis nahm seine Hand von der Schulter des Mannes, als dieser sich aufrichtete. Er war zwei Köpfe größer als Louis.
„Ich bin ruiniert Junge. Ein Pferd habe ich noch. Ein ganzes Leben Arbeit und ein Pferd habe ich noch. Das ist was im Endeffekt zählt Junge.“
„Sie haben noch ihr Leben.“ sagte Louis.
„Ich habe eben keins mehr! Mein Leben steckte in meinem Hof. Kinder habe ich nicht. Eine Frau schon lange nicht mehr. Meine Pferde und ich, wir waren eine Familie! Nun sind sie weg. Fortgespült von einem wütenden Fluss!“
Der Bauer und Louis banden das Pferd an einem Baum fest. In sicherer Entfernung des reißenden Stroms. Sie setzten sich Schutz suchend in eine kleine Werkstatt. Dem letzten Besitz des Bauern.
„Das Leben spielte mir schon immer übel mit, Junge. Erst verliere ich meine Frau an die Krankheit und jetzt verliere ich meine Pferde an den Fluss. Wo soll ich nur hin? Was soll ich nur tun?“
Louis fühlte Mitleid mit dem Bauern, der offensichtlich großes Leid mit sich trug.
„Wie ist ihr Name?“ fragte Louis.
„Ich bin Gennaro. Wie heißt du Junge?“
„Louis.“
„Ein edler Name. Wo kommst du her?“
„Ich komme von den Bergen.“
„Du scheinst mir ein wenig zu zart für die Berge zu sein, Junge.“
„Das sagte Friedhelm auch gerne.“
„Ich nehme an Friedhelm ist dein Vater.“
„Nein, ich kenne meinen Vater nicht. Friedhelm ist ein Freund.“ Louis fing an ein wenig zu frieren. In den Bergen war es zwar kälter gewesen, doch dort hatte er wenigstens ein wärmendes Heim gehabt.
„Was tust du hier? Wieso bist du so weit weg von den Bergen?“ fragte Gennaro.
„Ich folge dem Fluss. Mein Tal wurde zu klein.“
„Ihr Jungen! Stets auf der Suche und niemals zufrieden!“
„Was ist mit Ihnen? Sie waren doch auch mal jung.“
„Jung war ich. Jung! Aber zufrieden war ich auch immer!“
„Ich weiß nicht, ob es so etwas wie Zufriedenheit wirklich gibt. Die Angst steht ihr doch im Weg.“
„Wovor hast du denn Angst Junge?“
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich immer weitermuss.“
„Und wohin?“ Gennaro erwartete neugierig die Antwort.
Louis überlegte. Er mochte das Wasser. Seine Vielseitigkeit.
„Ans Meer.“
„Ans Meer! Das Meer ist doch überall! Und überall treiben die Leute willenlos in ihm herum! Ich weiß das. Selbst meine Pferde wussten das! Ihr Jungen, ihr habt sie doch nicht mehr alle.“
Gennaro stand auf. Sichtlich aufgeregt öffnete er einen kleinen Schrank unter einer alten Werkbank. Er holte eine Flasche Grappa und zwei kurze Gläser hervor.
„Hier Junge. Ich sehe doch wie kalt dir ist. Leider kann ich dir keine heiße Dusche anbieten, aber der Schnaps wird dich schon wärmen.“
In seinem Leben hatte Louis erst einmal getrunken. Nachts mit seinen Freunden auf der Brücke hatten sie sich eine Flasche Rotwein geteilt. Louis fror mittlerweile sehr.
„Danke Gennaro. Darf ich dich eigentlich beim Namen nennen?“
„Wozu sind sie sonst da?“ Gennaro lachte und schenkte beiden ein Glas ein.
„Was ist so falsch am Meer?“ fragte Louis.
„Das Meer, das Meer. Es ist unberechenbar. Sieh doch nur was ein kleiner Fluss anrichten kann, wenn er wütend wird! Was glaubst du wozu das Meer fähig ist? Ganze Länder kann es unter sich begraben!“
Louis beschloss nicht weiter auf den alten Mann einzugehen. Gemeinsam, doch jeder für sich tranken sie ihren Schnaps und leerten mit den Stunden allmählich die Flasche. Tatsächlich wärmte er die beiden in der alten Werkstatt auf.
Nach einer langen Weile einvernehmlichen Schweigens stand Gennaro auf und schaute aus einem verschmutzten, kleinen Fenster nach draußen.
„Ich fass es nicht!“ rief er.
Gennaro stürzte aus der Werkstatt, schrie und pfiff glücklich und rief nach Louis.
„Komm Junge! Komm! Das musst du dir ansehen!“
Louis stand auf, wankte kurz und stolperte aus dem Schuppen. Als er nach draußen trat, schien ihm die Sonne ins Gesicht.
„Sie sind wieder da! Alle sind wieder da!“ Gennaro hüpfte und tollte über die Wiese vor der Werkstatt, als wäre er wieder ein Kind. Um ihn herum standen friedlich grasend und triefend nass seine Pferde. Er streichelte ihnen über die Nüstern, schlug ihnen auf die Flanken und kraulte ihre Ohren. Aus dem betrunkenen Bauern war wieder ein lebhafter Mann geworden.
Louis stand etwas außerhalb und stützte sich am Baum ab, an dem sie das Pferd angebunden hatten. Er lächelte zufrieden und betrachtete den eben noch reißenden Fluss, der jetzt in aller Ruhe in Richtung Kleinstadt fließ.
„Wo die Angst den Weg versperrt, räumt ihn die Hoffnung wieder frei.“ dachte er und machte sich auf den Weg zum Meer.

« Was vorher geschah12

Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Fistandantilus
Geschlecht:männlichLeseratte

Alter: 41
Beiträge: 146
Wohnort: Augsburg


BeitragVerfasst am: 28.07.2021 17:48    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Janus,

ich finde, Dir ist eine ganz wunderbare Geschichte gelungen, eine Parabel über Leben, Jugend und Alter. Dir fehlen einige Kommas im Text, damit wollte ich mich jetzt nicht aufhalten. Einen grundsätzlichen Hinweis zur Interpunktion habe ich aber für Dich.

Du schreibst (beispielhaft; diese Stellen kommen immer wieder vor): „Sie haben noch ihr Leben.“ sagte Louis.
Richtig wird es geschrieben: »Sie haben noch Ihr Leben«, sagte Louis.
Es kommt in so einem Fall also immer ein Komma hinein, der Punkt wird weggelassen. Bei anderen Satzzeichen sähe es so aus:
»Sie haben noch Ihr Leben!«, sagte Loius.
»Haben Sie noch Ihr Leben?«, fragte Louis.
Ohne Inquit: »Sie haben noch Ihr Leben.«

Zu Deiner Eingangsfrage: Ich habe auch das Gefühl, dass es noch nicht rund ist. Aber nicht der vorliegende Text, sondern das Ende (das in dieser Szene gelungen ist). Ich hätte einfach noch mehr erwartet, weitere Stationen auf seinem Weg, bis er dann schließlich das Meer erreicht (oder auch nicht). Ich glaube, Du verschenkst Potenzial, wenn Du es an der Stelle enden lässt.

Beste Grüße
Michi
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Janus
Geschlecht:männlichGänsefüßchen

Alter: 22
Beiträge: 39
Wohnort: Düsseldorf


BeitragVerfasst am: 29.07.2021 10:26    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Michi,

vielen Dank für deine Hinweise bezüglich der Interpunktion! Ich war mir selbst nicht sicher, ob das so richtig ist und bin froh, dass ich jetzt weiß, wie es geht.
Ich bedanke mich auch für deine netten Worte.
Die Geschichte hat mehr Potenzial. Das habe ich auch schon gedacht. Vielleicht schreibe ich sie bei Gelegenheit weiter!

Beste Grüße
Janus
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Prosa -> Feedback Alle Zeiten sind GMT - 11 Stunden
Seite 1 von 1



 
 Foren-Übersicht Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst Deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht teilnehmen.
In diesem Forum darfst Du keine Ereignisse posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen

Thema Autor Forum Antworten Verfasst am
Keine neuen Beiträge Wortschatz der Protagonisten ArthurGoethe Genre, Stil, Technik, Sprache ... 10 02.09.2021 17:08 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Liebe Grüße aus der Toskana Tinkerbell263 Roter Teppich & Check-In 3 02.09.2021 09:16 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Biographie auch in der Ich-Perspektiv... PaulaSam Genre, Stil, Technik, Sprache ... 21 01.09.2021 11:56 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Interner Bericht des Verfassungsschut... pentz Werkstatt 19 31.08.2021 21:19 Letzten Beitrag anzeigen
Keine neuen Beiträge Die Kapelle der Guten Hoffnung Demien Einstand 0 30.08.2021 13:59 Letzten Beitrag anzeigen


Impressum Datenschutz Marketing AGBs Links
Du hast noch keinen Account? Klicke hier um Dich jetzt kostenlos zu registrieren!